Ihr Lieben,

mit ein paar Tagen kalkulierter Verspätung habe ich jetzt Kapitel Fünf für Euch, das Euch hoffentlich gefällt und für die Wartezeit entschädigt.

Auf Kapitel sechs werden wir alle ein bisschen länger warten müssen, zwei Wochen, schätze ich, denn es ist zwar bereits geplant, aber noch nicht geschrieben. Für die Zwischenzeit empfehle ich Euch mein Weblog unter http Doppelpunkt Doppelslash Textehexe Punkt Livejournal Punkt com, oder folgt dem Homepage-Link in meinem Profil. Dort veröffentliche ich immer mal Texte, die ich hier nicht poste, und berichte über den Fortgang der Schreiberei.

Des Weiteren will ich Euch noch auf ein Projekt aufmerksam machen, das ich im Laufe der nächsten Woche starten will, und das sich hier als „New Story" darstellen wird, obwohl es, wenn es so läuft, wie ich es mir wünsche, ein Gemeinschaftsprojekt werden kann, von allen, die Lust haben, sich daran zu beteiligen. Seid gespannt, ich bin's auch.

Slytherene und Chromoxid, seid bedankt für rosa und lila Gekritzel.

Disclaimer: Auch diesmal wieder, siehe Kapitel eins.

Soundtrack: wäre weniger umfangreich, wenn Sirius nicht immer im Auto singen müsste :o) Diesmal singt er: „Hurts so good" von John Mellencamp, und „Bring me some water" von Melissa Etheridge. „Karka with a K" ist natürlich von den Hooters, und des Weiteren lege ich Euch mal wieder „The Wall" von Pink Floyd ans Herz. Beinahe erschreckend, auf wie viele von Rowlings Figuren diese Musik passt, weil sie alle hinter ihren ganz persönlichen Mauern sitzen.

Fünf: Mit der Lücke leben

I've got wild, staring eyes / and I've got a strong urge to fly / but I've got nowhere to fly to. (Pink Floyd, The Wall)

Padfoot ist auf der Flucht. Hinter ihm sind Bäume und dorniges Gebüsch, und vor ihm ein grasiger Abhang, der hinauf führt zu einer Straße. Große, schwarze Autos parken dort und schneiden mit grellen Scheinwerfern große Scheiben aus der Dunkelheit. Padfoot hört Männerstimmen rufen, und dünne Lichtstrahlen aus Taschenlampen geistern durch die Dunkelheit, die ihn noch schützt. Dann kommen die ersten Männer durch das hohe Gras zu ihm hinunter.

Padfoot weicht zurück, aber es ist mühsam. Die Luft um ihn ist dick wie Brei und lässt ihn kaum atmen. Das Gebüsch hinter ihm bildet eine Barriere, die sich nur viel zu langsam und widerwillig öffnet. Zweige greifen mit winzigen, eisenharten Fingern nach seinem Fell, legen sich schwer auf seinen Kopf und drücken ihn nach unten, und die Männer mit den Taschenlampen kommen immer näher. Padfoot macht sich ganz flach und weicht zurück, Bauch über dem Boden, ein verzweifeltes Winseln in der Kehle, das ihn verraten wird, das er aber trotzdem nicht in den Griff bekommt. Dann schließt sich das Gebüsch um ihn und verbirgt ihn vor den Augen der Männer mit den Taschenlampen, aber es ist nichts gewonnen, denn die Zweige drücken ihn nieder und ersticken ihn, langsam und qualvoll. Padfoot reißt das Maul auf und japst, aber es will keine Luft in seine Lungen. Klebrige Wärme sickert ihm durchs Fell. Die Bäume mit ihren hohen Stämmen rund um ihn beugen sich zu ihm, und dann sind es nicht Bäume, sondern Beine, und dann ist es er selbst, seine Zweibeinform, die sich zu ihm hinunter beugt und dutzendfach von allen Seiten auf ihn eindringt, und er weiß plötzlich, dass er ersticken wird, weil sie es sind, die ihm die Luft zum Atmen nehmen. Er macht einen letzten verzweifelten Versuch, aus dem Wald von Beinen zu fliehen, nach oben zu kommen, wo es Luft gibt, und dann kann er sich plötzlich aus dem Hund befreien und sich auf seine zwei Beine stellen, und die anderen sind verschwunden.

Einer ist geblieben, kaum sichtbar unter den Bäumen, er steht reglos, und Schattenroben umspülen seine Gestalt. Er streckt eine geisterhafte weiße Hand nach ihm aus, und Sirius weiß, er sollte zu ihm hinüber gehen, in die kühlenden Schatten, aber der Schattenmann hat etwas an sich, das ihn abstößt wie der Gegenpol eines Magneten. Sirius, der nicht sprechen kann, schüttelt stumm und wild den Kopf.

Dann schlägt der Schattenmann in einer fließenden Bewegung seine Kapuze zurück und lässt ihn sein Gesicht sehen, und es ist nicht das hässliche, asketische mit den Kohlestückchenaugen, sondern sein eigenes, mit stumpfem Blick und bläulicher Haut, tot, und Sirius kann endlich schreien.

oooOOOooo

Sirius trifft Remus auf dem Flur, als er auf dem Weg zur Küche ist, um ein Glas Wasser zu trinken und einen Blick in den Kühlschrank zu werfen. Remus hat kein Licht gemacht. Der fast volle Mond scheint durchs Fenster und legt einen silbernen Schimmer auf seine Haare, und wäre das nicht, hätte Sirius ihn vielleicht übersehen, so lautlos geht er in den Schatten entlang. Er ist vor Jeromes Tür und dreht sich zu ihm, als der Dielenboden unter Sirius' nackten Füßen leise knarzt, und seine Augen reflektieren das Mondlicht und wandeln es in eine goldene Flamme.

„Du bist das" sagt er. „Ich dachte, ich hätte Jerôme gehört."

„Ja" sagt Sirius, die Stimme heiser von Absinth und schweren Träumen. „Ich war's. Tut mir leid. Ich habe dich aufgeweckt, so ein Mist."

„Es war ohnehin nicht viel mit Schlafen, seit es aufgehört hat zu regnen" sagt Remus. „Zu hell, und zu nah dran. Das macht uns immer unruhig."

„Ja" sagt Sirius und schluckt an dem Unbehagen, das ihn immer überkommt, wenn Remus in die Wir-Form fällt. Es passiert ihm oft, kurz bevor der Mond voll ist, und Sirius fragt sich, ob er es überhaupt bemerkt, und wann er damit angefangen hat, denn der alte Remus hat das nicht getan.

„Hast du wieder geträumt?" fragt Remus, und Sirius nickt.

„Sie kommen so oft" sagt Remus. „Du weißt, ich bin kein Freund von esoterischen Grenzwissenschaften, aber vielleicht sollten wir uns trotzdem mal näher damit befassen."

„Nein" sagt Sirius. „Ich will nicht drüber reden."

„Gut" sagt Remus und ist so gleichmäßig freundlich, wie eigentlich kein Mensch es sein kann, den man aus dem Bett geholt hat, morgens um halb fünf. „Machst du mir dann einen Tee?"

„Willst du nicht wieder schlafen gehen?"

„Zu hell" wiederholt Remus und macht eine vage Geste zum Fenster. „Frag mich heute Mittag wieder."

„Moonylogik" sagt Sirius. „Der Mond ist zu hell zum Schlafen, aber die Sonne ist es nicht."

„Tja" sagt Remus und zaubert sich ein Lächeln aufs Gesicht. „Aber wie ich bereits sagte, eine Tasse Tee…"

„Junkie" sagt Sirius. „Kein Wort mehr aus deinem Mund über mein Hundekeks-Problem, verstanden?"

Sie gehen in die Küche, und Sirius macht Tee. Remus hat manchmal Probleme mit dem hochfrequenten Piepton, den der Strom in der Deckenlampe erzeugt, und so begnügt Sirius sich mit einem Stablicht. Er ist immer noch kein besonders guter Teekoch, aber Remus hat seine Brille im Schlafzimmer gelassen und will sie nun nicht holen, um Emilias Schlaf nicht zu stören, und Wolfsaugen eignen sich nicht zur Verrichtung von Tätigkeiten wie Teekochen. Sirius ist es recht, es gibt kaum einen Ort, an dem er sich so aufgehoben fühlt wie unter diesem goldenen Blick. Er bringt Wasser mit einem Incendio zum Kochen und gießt es über Teebeutel in die blau gepunktete Tasse, die Remus hartnäckig vor dem Mülleimer bewahrt, obwohl sie mit einem Netz von Sprüngen überzogen ist und nur noch mit zauberischer Unterstützung zusammenhält.

„Sind das zwei Teebeutel?" sagt Remus, der neben ihm an der Arbeitsplatte lehnt, und schnuppert.

„Ja" sagt Sirius. „Verschwender, ich. Asche auf mein Haupt."

„Du wirst uns noch in den Ruin treiben" bestätigt Remus, ohne eine Miene zu verziehen.

„Milch? Zucker?" sagt Sirius. „Nur um den Ruin zu beschleunigen."

„Beides, bitte" sagt Remus. „Nobel geht die Welt zugrunde."

Sirius denkt ein bisschen nach, während er die Milch aus dem Kühlschrank holt und eine kleine helle Wolke in der gesprungenen Tasse produziert. Er ist nie ein Mann für die Details gewesen, nicht wie Remus, der sich an Telefonnummern, Kleingedrucktes und Geburtstage erinnert, aber seit er das große Ganze aus den Augen verloren hat, entwickeln Details eine ungekannte Anziehungskraft, als könnte er an ihnen wie an einem Angelhaken das große Ganze aus der trüben Brühe fischen, die seine Vergangenheit ist.

„Seit wann tust du Milch in den Tee?" fragt er. „Das hast du früher nicht getan, oder? Zucker. Aber keine Milch."

Remus, der ihm schräg gegenüber sitzt und Zucker in den Tee rührt. Es ist die blau gepunktete Tasse mit dem Sprung, und er sieht nur ein klein wenig kurzsichtig aus mit seinen Wolfsaugen. Der Tee in seiner Tasse ist von dunklem Gold, und der Blechlöffel klirrt leise am Tassenrand. Und wieder ist es diese Küche, von der er immer noch nicht weiß, in welches Haus sie gehört, düster und mit geschwärzter Decke wie eine Höhle.

„…genießbar zu machen" sagt Remus. „Kein Wunder, dass die Deutschen ein Volk von Kaffeetrinkern sind. Pads? Alles in Ordnung?"

„Ja" sagt Sirius und klammert sich an den Rand der Arbeitsplatte. „Ich bin hier. Ich bin hier. Alles in Ordnung."

Remus, der die Hand auf Sirius' Arm hat, sieht nicht überzeugt aus, aber er nickt.

„Na gut" sagt er. „Kommst du mit rüber, oder muss ich meinen Tee im Stehen trinken?"

Sirius nimmt die Milchpackung mit ins Wohnzimmer und trinkt durstig, während Remus sich im Sessel nieder lässt, Hände um die Tasse gefaltet, so gut man sieben Finger noch falten kann, sein Daumen streicht über die Stelle am Tassenrand, wo der größte Sprung sich öffnet wie ein Flussdelta, das ein Stück der Keramik schon abgetragen hat.

„Erzähl mir, wie du deine Finger verloren hast" sagt Sirius und wischt sich Milch aus dem Mundwinkel.

„Du kennst die Geschichte" sagt Remus milde reserviert. Sirius weiß, dass er nicht gerne darüber spricht.

„Ja" sagt Sirius und stellt die Milch weg. „Aber ich erinnere mich nicht daran. An die Geschichte, aber nicht an den Vorfall."

„Es ist passiert, während du Woanders warst" sagt Remus. „Du kannst dich nicht erinnern."

„Es war im Krieg" sagt Sirius. „Während der Erstürmung von Voldemorts letztem Stützpunkt. Du hast einen Fluch blockiert, und dann…?"

„… ist eine arkane Entladung auf mich zurück geschlagen. Wie über einen Blitzableiter. Ich hätte nicht stablos wirken dürfen, die Luft war zu voll von arkanen Energien. Ich konnte den Rückschlag nicht kontrollieren. Das war meine Erkenntnis, als ich am Abend wieder zu mir kam."

„Merkwürdig" sagt Sirius, geht vor Remus in die Hocke und betrachtet die versehrte Hand. „Du hast keine Narben, außer den alten. Man sollte meinen, du müsstest Verbrennungen haben, von einer solchen Entladung. Aber es sieht aus, als seien sie mit dem Messer abgeschnitten."

„Sie wurden in St. Mungo's amputiert" sagt Remus, dem das Gespräch offensichtlich unangenehm ist. „Oder das, was von ihnen übrig war."

„Warum hast du versucht, mit links zu blockieren?" sagt Sirius. „Du bist Rechtshänder."

„Warum fühle ich mich plötzlich, als würde ich verhört?" fragt Remus mit mehr als mildem Unwillen.

„Entschuldige" sagt Sirius erschrocken. „Ich will dich nicht verhören. Ich will es nur verstehen. Die Einzelheiten. Das Ganze."

„Warum ist es denn so wichtig?" fragt Remus, und seinem Unwillen ist die Spitze genommen.

„Ich weiß es nicht" sagt Sirius. „Ich habe das Gefühl, es hätte mit mir zu tun. Als wäre es wichtig, auf eine Art. Wahrscheinlich, weil du mir wichtig bist, und die verlorenen Finger sind ein Teil von dir."

„Ein verlorener" betont Remus.

„Auch ein verlorener Teil ist ein Teil" sagt Sirius. Remus seufzt.

„In der rechten Hand hatte ich meinen Stab" sagt er. „Und ich weiß nicht, warum ich die linke hoch gerissen habe. Ich will mich aber im Nachhinein nicht beklagen. Ich kann von Glück reden, dass mir der Daumen geblieben ist."

Einem Impuls folgend, kniet Sirius sich hin und küsst Remus' Hand, dort, wo die Finger fehlen. Remus atmet tief und zitternd, und seine Hände schließen sich so fest um die Tasse, dass Sirius meint, die beschädigter Keramik knirschen zu hören.

„Mach das nicht" sagt Remus. „Es ist in Ordnung, wirklich. Es ist verschmerzt."

„Kann man das jemals?" sagt Sirius. „Etwas verschmerzen, das fehlt?"

„Ja" sagt Remus. „Wenn das Wesentliche da ist."

„Ja" sagt Sirius und bleibt sitzen, wo er ist, zu Remus' Füßen. Er lehnt die Wange gegen Remus' Knie und schließt die Augen, und binnen kurzem findet sich eine Hand, die durch sein Haar geht und ihn mit warmem Wohlbefinden überschüttet, und es ist nicht wichtig, wie viele Finger sie hat.

„Ich habe eine Frau getroffen" sagt er, während Remus Tee trinkt und kleine Kreise in sein Haar malt. „Einen Engel. Ich habe einen Engel getroffen."

„Aha?" sagt Remus.

„Ja" sagt Sirius. „Sie hatte einen Platten, und ich habe ihr den Reifen gewechselt."

„Klingt nach einem ziemlich irdischen Engel" sagt Remus, und Sirius hört ihn lächeln.

„Ich hatte Glück" sagt Sirius. „Der Ersatzreifen war auch platt, und ich konnte sie nach Hause bringen."

„Zu einer süßen kleinen Schäfchenwolke, zweifelsohne."

„Zumindest sind wir ein ganzes Stück geflogen" sagt Sirius. „Und mach dich nicht lustig. Es ist mir völlig ernst."

„Ich mache mich nicht lustig" sagt Remus. „Es ist nur nicht das erste Mal, dass du eine Frau triffst. Du triffst Frauen… sagen wir… regelmäßig."

„Diese ist anders" sagt Sirius. „Sie ist genau das, was mir gefehlt hat."

„Und was ist sie?"

Sirius denkt nach. „Sie ist…" sagt er, merkt aber schnell, dass er den Finger nicht darauf legen kann. „Ich weiß nicht" sagt er. „Sie ist… ganz wunderbar. Sie hat so einen… einen… stillen Zauber. Man könnte Gedichte über sie schreiben. Und sie war mir so… nah. Wir haben an diesem Auto herum geschraubt, und dann habe ich sie nach Hause gebracht, und es war nicht länger als eine Stunde, aber sie hat sich zu keinem Zeitpunkt fremd angefühlt. Sie war so vertraut. Als würde ich sie schon lange kennen. Dabei sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Das muss doch etwas zu bedeuten haben, oder nicht?"

„Ich weiß es nicht" sagt Remus. „Vielleicht. Es hat sich ähnlich angefühlt, als ich Emilia zum ersten Mal begegnet bin."

„Siehst du" sagt Sirius und rückt seinen Kopf zurecht.

„Vielleicht gehst du erst noch ein paar Mal mit ihr aus, bevor du Heiratspläne schmiedest" sagt Remus.

„Da gibt es noch dieses kleine Problem" sagt Sirius seufzend. „Sie sagt, sie kann nicht."

„Wieso nicht? Ist sie gebunden?"

„Ich weiß es nicht. Vielleicht. Umstände, sagt sie, aber sie wollte es nicht erklären."

„Sehr mysteriös" sagt Remus.

„Ja" sagt Sirius. „Mmh. Oh. Könntest du… bisschen tiefer. Ja, genau. Oh." Er neigt den Kopf, damit Remus besser an die empfindliche Stelle im Nacken kommt, wo der Kopf langsam in den Hals übergeht. Entspannung tröpfelt durch ihn und macht ihn schwer. Er hat kaum geschlafen in dieser Nacht und weiß nicht, ob er noch einmal in sein Bett zurück kehren will, auf die Gefahr hin, dort dem Schattenmann zu begegnen, aber er könnte unter Remus' goldenem Blick und unter seinen Händen einschlafen, und der Schattenmann bliebe fern.

„Und?" sagt Remus. „Planst du etwas?"

„Hm?" sagt Sirius.

„Um deinen Engel wieder zu sehen" sagt Remus und zupft sachte an Sirius' Haaren.

„Natürlich" sagt Sirius. „Von ein paar Umständen lasse ich mich doch nicht aufhalten."

„Das dachte ich mir" sagt Remus.

„Ich werde sie besuchen fahren" sagt Sirius. „Ich kann kaum etwas anderes tun. Schließlich weiß ich nichts über sie. Nur ihren Namen, und wo sie wohnt. Ihren Vornamen. Den Nachnamen hab' ich vergessen. Irgend etwas französisches. Hätte dir gefallen. Melodie… Melodie… irgendwie."

„Das ist ihr Name?" sagt Remus.

„Irgendwie? Nein, natürlich nicht."

„Melodie" sagt Remus. „Das ist ihr Name?"

„Ja" sagt Sirius. „Deshalb musst du aber nicht gleich aufhören zu kraulen."

„Ist sie Französin?"

„Nicht jeder ist so fixiert auf Französinnen wie du, weißt du?"

„Ich bin nicht fixiert auf Französinnen. Ich habe eine Deutsche geheiratet, falls ich dich erinnern darf."

„Warum interessiert es dich dann?"

„Entschuldige, Padfoot. Ich dachte lediglich, du würdest gerne ein bisschen über sie reden."

Sirius schaut zu ihm hinauf, und Remus lächelt, aber es ist ein pflichtschuldiges Lächeln und maskiert schlecht die plötzliche Anspannung.

„Was ist los?" sagt Sirius und kommt auf die Knie. Remus zieht seine Hand zurück und schließt sie um die Tasse.

„Was soll los sein?" sagt Remus.

„Komm schon" sagt Sirius. „Das ist dämlich. Das haben wir nicht nötig. Sag einfach, was du denkst."

Remus weicht seinem Blick aus und macht sich klein in seinem Sessel.

„Ich denke nur, dass es nicht gut für dich wäre, wenn du aus dem Gleichgewicht gebracht würdest" sagt er und schaut in seine Tasse. „Durch unglückliches Verliebtsein in eine Frau, über die du nichts weißt, außer der Tatsache, dass sie dich nicht wieder sehen will."

„Kann. Nicht wieder sehen kann. Das ist ein Unterschied."

„Oder nur eine höfliche Verpackung des gleichen Inhaltes."

„Nein" sagt Sirius voll Überzeugung. „Sie will. Ich muss nur noch herausfinden, warum sie glaubt, nicht zu können."

„Im Ergebnis macht es keinen Unterschied, ob sie nicht will oder nicht kann" sagt Remus. „Ich mache mir Sorgen, dass sie dich unglücklich macht."

„Wer sagt denn, dass ich im Augenblick glücklich bin" sagt Sirius, und Remus seufzt.

„Ich weiß, dass du es nicht leicht hast" sagt er. „Aber wir tun, was wir können, um dir zu helfen… um dich wieder ganz auf die Beine zu bringen. Und emotionale Irritation ist ganz bestimmt nicht förderlich."

„Vielleicht brauche ich niemanden, der mir hilft" sagt Sirius. „Vielleicht brauche ich mal jemanden, der mich für voll nimmt."

„Das war unfair" sagt Remus.

„Ja" sagt Sirius.

Sie schweigen. Remus beschäftigt sich mit seiner Tasse und trinkt in kleinen Schlucken. Er hat die Beine an den Körper gezogen, und so bleibt Sirius nur der alte, fadenscheinige Sessel für seinen Kopf. Er spürt Remus' Sorge und weiß, dass sie aufrichtig ist, aber er ist viel zu vertraut mit ihm, als dass ihm entginge, wenn Remus einen Teil der Wahrheit für sich behält. Etwas Hartes sitzt hinter der Sorge, etwas Ungeduldiges und sehr Verborgenes. Sirius sieht zu Remus hinauf, der immer noch seine Tasse betrachtet.

„Weißt du, was ich glaube?" sagt er. „Du bist eifersüchtig. Du hast nie auch nur eine Bemerkung gemacht über die Frauen, die ich so kennen lerne. Nur bei Melodie hast du plötzlich diese Besorgnis. Weil du siehst, dass es mir ernst ist, und du willst mich nicht teilen."

„Das ist Quatsch" sagt Remus.

„Ja" sagt Sirius. „Finde ich auch. Du bist verheiratet, Merlins Bart. Ich tue nichts anderes den ganzen Tag, als dich zu teilen. Mit Emilia. Mit Jerry. Mit deinen Zeitungen und Büchern, die du um dich stapelst wie Mauern. Warum kannst du das nicht auch? Darf ich mir nicht jemanden wünschen, den ich nicht teilen muss?"

„Ich glaube, du bist im Augenblick viel zu wütend, um klar zu sehen" sagt Remus. „Es tut mir leid. Es war nicht meine Absicht, dich wütend zu machen."

„Und hör auf, mir auszuweichen!" faucht Sirius. „Macht mich wahnsinnig, diese Art!"

„Das tut mir leid" sagt Remus, und Sirius sagt „Oh, Merlin" und drückt das Gesicht gegen den Sessel, weil er Remus wirklich nicht anschreien will, aber so kurz davor ist, und weil er einfach nicht damit umgehen kann, wenn Remus ihn gegen eine weiche Wand aus Watte laufen lässt, anstatt ihm die Stirn zu bieten.

„Ich bin nicht eifersüchtig" sagt Remus nach einer geraumen Weile. „Ich habe dich immer teilen müssen. So lange wir einander hatten. Ich bin es gewohnt, dich zu teilen. Und ich will nichts lieber, als dich glücklich zu sehen."

„Dann mach mir keinen Stress, indem du dich komisch benimmst" sagt Sirius.

„Ich versuche, dich vor Schaden zu bewahren" sagt Remus. „Ich habe eine Verantwortung für dich übernommen."

„Ach, komm" sagt Sirius. „Ich bin's, Sirius. Nicht Jerome. Ich bin kein dreijähriges Kind mehr, weißt du."

„Es gibt viele verschiedene Arten von Verantwortung, nicht nur gegenüber Kindern" sagt Remus, und Sirius sagt „Ist gut, Professor", und Remus seufzt.

Sirius wünscht sich, er könnte diese Wut ablegen und Remus zu sich vordringen lassen, aber er weiß, noch ein Seufzen, und er wird diese gesprungene Tasse nehmen, die etwas bedeutet, an das er sich nicht erinnert, und sie gegen die Wand werfen, nur um Remus schreien zu hören, alles ist besser als diese wortlose Verzweiflung, die aus ihm kommt wie ein bitterer Strom.

Sirius überlegt, ob es helfen würde, in den Hund zu gehen, oder ob er dann nur gehen und ein Sofakissen zerbeißen würde. Er hat einmal ein spinatgrünes Sofa zerlegt, er weiß nicht mehr, wo und warum, aber der Geschmack von Schaumstoff war nicht sein Ding.

Dann bewegt Remus sich in seinem Sessel und rutscht zu ihm hinunter auf den Boden, er streckt die Beine aus und schaut auf seine Zehen in den dicken braunen Wollsocken, nur um nicht Sirius ansehen zu müssen, aber er lässt es zu, dass seine Schulter die von Sirius berührt, und Sirius hat längst gelernt, dass die zufälligen Berührungen bei Remus selten zufällig sind.

„Ich weiß, es ist schwer zu verstehen" sagt Remus schließlich. „Vor allem, weil du nicht dabei warst, oder dabei, aber nicht anwesend. Es ist… ich war derjenige, der dich nicht gehen lassen wollte. Ich konnte nicht tun, was die anderen taten: akzeptieren, dass du nicht zurückkommen würdest… von dort… wo du warst. Die anderen sagten, ich müsste mich abfinden, aber ich konnte es nicht. Nicht, nachdem der erste Schock vergangen war und mir klar wurde, was passiert war… und dass du nicht tot warst. Nicht erklärter Maßen tot. Ich wusste, ich kann dich zurückholen, auch wenn die Chancen schlecht standen. Und ich hab's getan."

„Ähm" sagt Sirius und bemüht sich um ein Grinsen. „Okay. Danke, dann."

„Idiot" sagt Remus. „Darum geht es doch nicht. Ich will, dass du verstehst, woher dieses Gefühl der Verantwortung kommt."

„Das heißt, wenn mein Gehirn sich weiter zersetzt und ich zu einem nassen, alten, sabbernden Sack werde, wirst du dich schuldig fühlen."

„Auf deine idiotische Art hast du's ganz gut auf den Punkt gebracht."

„Das ist aber nichts neues, weißt du. Du fühlst dich auch verantwortlich, wenn Emilia draußen im Garten die Radieschen eingehen. Du fühlst dich immer verantwortlich. Für alles."

„Das stimmt nicht."

„Stimmt doch."

„Nicht!"

„Doch!"

„Und ich dachte, ich könnte ein ernstes Gespräch mit dir führen."

Sirius macht einen langen Hals und küsst Remus' unrasierte Wange.

„Keine Sorge" sagt er. „Ich werde nicht zu einem nassen, sabbernden Sack, nur weil ich eine Frau getroffen habe, die mir wirklich gefällt."

„Dein letztes Wort?"

„Ja."

„Du willst nicht noch einmal darüber nachdenken? Du weißt, ich will wirklich nur das Beste für dich."

„Ja, ich weiß, aber nein, ich denke nicht noch mal drüber nach. Und du solltest das auch nicht mehr tun. Du machst dir schon wieder viel zu viele Gedanken."

Remus seufzt und schlingt die Arme um sich. Sirius findet, dass er sich durchaus ein bisschen mehr für ihn freuen könnte, aber dann denkt er an Emilia und bekommt das Gefühl, dass seine anfängliche Freude für Remus auch eher vom Pflichtgefühl diktiert gewesen ist, und er sagt nichts. Stattdessen steht er auf, geht in den Flur und holt die Leine.

„Gassi?" sagt er und probiert seinen besten Hundeblick. Remus stöhnt.

„Es ist fünf, höchstens" sagt er.

„Komm schon" sagt Sirius. „Sonne scheint, und alles."

„Sonne ist noch nicht mal aufgegangen" sagt Remus.

„Umso besser" sagt Sirius. „Komm schon. Wir sehen zu, wie sie aufgeht. Und erschrecken ein paar Rehe. Komm schon, komm schon, komm schon. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass du jetzt noch mal einschläfst?"

„Nahe null" sagt Remus und kommt umständlich vom Boden in die Höhe.

„Siehst du" sagt Sirius. „Nur eine halbe Stunde."

„Aber wenn ich jetzt im Schlafzimmer herum krame, wecke ich Emilia" sagt Remus und zeigt auf seine alten, gestreiften Pyjamahosen.

„Die Rehe werden sich nicht dran stören" versichert Sirius ihm.

„Also dann" sagt Remus. „Eine halbe Stunde."

Sirius klemmt sich die Leine zwischen die Zähne und geht in den Hund.

oooOOOooo

Sirius ist fasziniert von Emilias Computer, dessen Funktionsweise er schnell begriffen hat. Er kann damit nicht nur nächtelang alte Versionen von Baldur's Gate und Dungeons And Dragons laufen lassen, um mit einem Aufgebot virtueller Helden den Schattenmann fern zu halten, sondern auch auf die nahezu unendlichen Möglichkeiten des Internet zugreifen (und dort, wie Remus bemerkt, einen Haufen Geld für sinnloses Zeug ausgeben, das kein Mensch braucht, aber Sirius findet den Cowboyhut immer noch unverzichtbar und überdies unschlagbar cool).

Sirius hat auch schnell gelernt, wie man gezielt Informationen recherchiert. Er gibt „Koma" in die Suchmaschine ein und klickt sich durch die Links. Am Anfang steht ein ziemlich allgemeiner auf einem großen Lexikon-Portal, der ihm nichts sagt, was er nicht schon aus Remus' Erzählungen weiß, aber von dort geht es auf medizinische Seiten. Er nimmt den Kampf mit dem sperrigen Medizinerlatein auf, liest über Stammhirn und Großhirnrinde, Schädel-Hirn-Trauma und klinische Gesichtspunkte bezüglich der Reizreaktion. Er nimmt alles in sich auf, was er sich über die technische Seite dieses Systemversagens namens Koma erschließen kann, er denkt sich, er muss nur an die Sache heran gehen, als gelte es zu klären, warum ein Auto nicht anspringt, aber dann ist es doch nicht ganz so. Er gerät auf die Webseiten von Betroffenen: Angehörige, die ihr Schicksal dokumentieren, Interessensverbände und Zusammenschlüsse, und hier herrscht kein Medizinerlatein.

Sirius fragt sich, ob das tatsächlich sein Leben gewesen sein soll, ob das tatsächlich ein Leben gewesen sein soll: reglos im Bett, in leicht gekrümmter Haltung, die Augen wahrnehmungs- und verständnislos umher irrend, leeres, völlig empfindungsfreies Gesicht, das Gesicht eines Toten, stellt er sich vor, denn selbst im Schlaf ist ein Gesicht nicht frei von Empfindung. Er fragt sich, ob er auch beatmet gewesen ist, intubiert, oder wie sich in der Zaubermedizin die lebenserhaltenden Maßnahmen darstellen, er kann sich nicht vorstellen, dass Schläuche in seinen Körper hinein geführt haben sollen, dass er neben blinkenden Maschinen gelegen haben soll. Er fragt sich, ob Remus an seinem Bett gesessen ist, seine Hand gehalten hat und ihm Geschichten erzählt hat: aus Büchern, die er gerade liest, oder von Baby-Jerome, oder von Harry, der während dieser Zeit seinen Schulabschluss gemacht hat und wahrscheinlich das eine oder andere Mal verliebt gewesen ist. Sirius fragt sich, wie viel vom Leben eines Menschen man eigentlich noch verpassen kann.

Er liest von Heilungschancen, und dass ein komatöser Zustand nach spätestens zwölf Monaten als chronisch gilt. Er fragt sich, wie er es geschafft haben soll, nach zweieinhalb Jahren wieder daraus aufzuwachen. Er findet ein weiteres wundersames Erwachen nach über zwei Jahren erwähnt. Er liest von sechs Jahren Rehabilitation, von Rollstuhl und Sprachübungen, von bleibender geistiger Behinderung. Es ist wohl nicht so, als würde man einfach eines Tages ausgeschlafen die Augen aufmachen. Er fragt sich, wie er das geschafft haben soll.

Er liest von ethischer Medizin und umstrittener Sterbehilfe. Er fragt sich, ob Remus jemals darüber nachgedacht hat, ihm den Stecker zu ziehen. Nach zwölf oder vierundzwanzig Monaten der künstlichen Beatmung und Ernährung, des Handhaltens und des Geschichtenerzählens mit einem Gegenüber, das nicht einmal blinzeln kann. Ob er es jemals satt gehabt hat, sich zu zerreißen zwischen Familie, Krankenhaus und Schule -

- ein heller, hoher Raum, Staubkörnchen, die in der Luft tanzen. Von draußen, durch die gekippten Fenster, der vertraute Geruch der Stadt: Abgase und Menschen und Feuchtigkeit von der Themse und etwas Würziges aus dem Pub am Ende der Straße, das ihm Lust macht auf Schnitzelbrötchen oder Hundekekse.

Der Gedanke an Hundekekse bringt ihn von seiner Decke neben dem Pult in die Höhe. Die Sonne ist warm auf seinem Fell, als er gemächlich zu Moony hinüber wandert, der zwischen den Tischreihen auf und ab geht und mit seiner melodischen Stimme etwas erklärt. Bei Harry hält er kurz inne, aber Harry hat nur Kaugummi in den Hosentaschen und ein kurzes Kraulen mit warmen, etwas klebrigen Händen, und er will sich auch nicht wirklich ablenken lassen von dem, was er da mit Kugelschreiber auf ein knittriges Stück Papier notiert. Padfoot schnauft und wandert weiter. Er trifft Moony auf halbem Weg und stößt ihn mit der Nase an. Moony unterbricht seine Rede und lächelt auf Padfoot hinunter, und Padfoot nimmt das Lächeln und den Hundekeks, den Moony in der Jackentasche hat, und erschleicht sich noch ein kurzes Ohrenkraulen, bevor er zufrieden und schläfrig auf seine Matte zurück kehrt.

Zittrig steht Sirius vom Computer auf, zündet sich eine Zigarette an, macht sie wieder aus und verwedelt den Rauch, fragt sich, ob es in der Küche noch Hundekekse gibt, beschließt, nachzusehen, geht in den Hund und kommt gleich wieder heraus, weil es doch noch etwas gibt, das er Remus fragen will.

Er findet Remus am Küchentisch. Er sieht ein bisschen müde aus und blättert durch die Zeitung, während Jerome in seinem Kinder-Hochstuhl sitzt und Kartoffelstückchen mit Soße isst.

„He" sagt er, immer noch zittrig, und versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er schon wieder geglitten ist.

„He" sagt Remus und blättert um.

„Willst du ein Auto?" sagt Jerome und reckt die soßenverschmierte Faust in die Höhe, in der ein kleines Spielzeugauto steckt.

„Nein" sagt Sirius. „Danke, Jerry. Ich will nur einen Keks."

Er findet eine neue Packung Hundekekse im Vorratsschrank und reißt sie auf.

„Ich will auch einen Keks" verlangt Jerome.

„Die sind nichts für dich" sagt Sirius. „Das sind Hundekekse. Aber du kannst einen Schoko-Keks haben."

„Du kannst erst mal deine Kartoffeln essen" sagt Remus. „Danach verhandeln wir über einen Keks."

Sirius setzt sich mit seiner Tüte an den Tisch und beißt mühsam ein Stück aus dem ersten, harten Keks. Er hat sich schon auf die Suche gemacht nach einer weicheren Sorte, aber die schmecken alle nicht.

„Du weißt, dass die da Schlachtabfälle drin verarbeiten" sagt Remus, der sich zügig durch den Sportteil blättert.

„Ja" sagt Sirius, „aber die sind ja nicht giftig, oder?"

„Nein. Nur nicht zum menschlichen Verzehr bestimmt."

„Soll ich in den Hund gehen?"

„Nein" sagt Remus seufzend. „Ich schätze, es kommt aufs Gleiche raus."

„Eben" sagt Sirius kauend, und, nach einer Weile: „Sag mal", ehe Remus sich zu sehr ins Feuilleton vertieft hat.

„Hm" sagt Remus.

„Hast du eigentlich mal drüber nachgedacht, die Maschinen auszuschalten, an denen ich gelegen bin?"

„Was für Maschinen?" sagt Remus und sieht verwirrt von seinem Feuilleton auf.

„Die lebenserhaltenden Maschinen, während meines Komas" erklärt Sirius. „Die schreiben im Internet, dass es so gut wie unmöglich ist, wieder aufzuwachen, wenn man länger als ein Jahr drin liegt."

„Da waren keine Maschinen" sagt Remus. „Apparatemedizin ist Muggelsache. Die arkan ausgebildeten Heiler haben Zauber für diese Dinge."

„Dann eben Zauber" sagt Sirius, der insgeheim erleichtert ist, nicht an Schläuchen gehangen zu haben. „Hast du dir jemals überlegt, dass sie mit Zaubern aufhören sollen, weil das sowieso nichts mehr wird?"

„Hätten sie damit aufgehört, wärst du gestorben" sagt Remus.

„Ja, genau" sagt Sirius.

„Wer ist gestorben?" fragt Jerome und fährt mit dem Auto ein Kartoffelstückchen auf dem Tisch platt.

„Niemand" sagt Remus. „Bist du fertig mit Essen?"

„Nein" sagt Jerome und schiebt sich schnell den Löffel in den Mund.

Sirius wartet, bis Remus mit einem Fingerzeig und einem schwachen magischen Aufblitzen die Kartoffel-Soßen-Schmiererei auf der Tischplatte beseitigt hat.

„Also?" sagt er. „Hast du drüber nachgedacht?"

„Nein" sagt Remus.

„Ich könnte es verstehen" sagt Sirius. „Du bist der Zahlenmensch. Du hast eine echte Vorstellung davon, wie klein die Chance war."

„Ich habe dir schon heute morgen gesagt, dass ich dich nicht aufgeben konnte."

„Niemals? Nicht mit einem Gedanken?"

„Nein. Nicht, nachdem ich begriffen hatte, dass ich dich von dort zurückholen konnte, wo du warst."

„Aber es muss furchtbar anstrengend gewesen sein" sagt Sirius. „Die Leute schreiben es, im Internet. Und frustrierend, weil man sich kümmert und kümmert und keine Antwort kriegt, und gar nicht mal weiß, ob der andere es überhaupt spürt."

„Niemand sagt, dass es nicht anstrengend war" sagt Remus. Er sieht Sirius nicht an, seine versehrte Hand glättet einen Knick in der Zeitung. „Und entbehrungsreich. Aber es war meine Entscheidung. Niemand hat mich gezwungen, und ich habe dich immer sehr deutlich gespürt, auch wenn ich nicht wusste, wie es umgekehrt war. Ich hatte immer meine Verbindung zu dir."

„Ja" sagt Sirius und lutscht an seinem Stück Keks. „Ich kann es mir nur nicht vorstellen. Das alles. Dass ich da so… liege… Ich habe das Gefühl, es ist mehr passiert in diesen zweieinhalb Jahren. Ich kann nicht glauben, dass ich diese ganze Zeit im Bett verbracht haben soll."

„Du drehst dich im Kreis" sagt Remus. „Hör auf, darüber nachzudenken."

„Gibt es Bilder davon?" fragt Sirius. „Ich würde mir gerne etwas ansehen. Eine Krankenakte?"

„Ich nehme an, in St. Mungo's haben sie so etwas archiviert" sagt Remus. „Aber es wird schwierig sein, daran zu kommen. Ich weiß nicht, ob sie bereit sind, es aus der Hand zu geben und bis nach Deutschland zu verschicken."

„Warum habe ich das Gefühl, dass du mich von einer Spur abdrängen willst?" fragt Sirius.

„Weil sie ins Nichts führt, deine Spur" sagt Remus. „Du kannst dich an diese Zeit nicht erinnern, ob du dir nun Schädelröntgenbilder ansiehst oder nicht."

„Ich dachte, Apparatemedizin wäre Muggelsache" sagt Sirius, und Remus stöhnt und legt die Stirn in die Hand.

„Alles, was ich mir wünsche, ist mal eine Weile nicht darin herum zu rühren" sagt er. „Ein bisschen einfaches Leben. Genießen, was wir haben. Was wir erreicht haben. Ich brauche eine Verschnaufpause, versteh das doch."

„Ich versteh' das" sagt Sirius, der glaubt, dass Remus zumindest damit restlos aufrichtig gewesen ist. „Aber ich kann es nicht beeinflussen. Es ist doch offensichtlich, dass etwas mit mir nicht stimmt. Und ich habe Angst, dass es schlimmer wird."

„Ja" sagt Remus, „ich auch."

„Und was tun wir?" sagt Sirius.

„Ich weiß es nicht" sagt Remus. „Gib mir ein bisschen Zeit. Ich muss mich informieren."

„Okay" sagt Sirius, wenig beruhigt, aber gewillt, sich beruhigen zu lassen, mit dem schlichten Gemüt von Padfoot, der an nichts Böses glauben kann, so lange Moony da ist und aufpasst.

oooOOOooo

„He, Jerry" sagt er ein paar Tage später zu Jerome. „Hast du Lust, einen Ausflug zu machen? Wir fahren jemanden besuchen."

„Mit dem Auto?" fragt Jerome.

„Ja" sagt Sirius. „Wenn du willst, kannst du das Dreirad mitnehmen."

„Okay" sagt Jerome und schiebt es schon mal zur Tür.

Sirius ist ein bisschen nervös. Er hat geraume Zeit vor dem Spiegel verbracht, um sich in eine perfekte Version von Paddy, dem Spielplatz-Herzensbrecher zu verwandeln, und obwohl ihm das durchaus gelungen ist, kann er nicht sicher sein, dass die geheimnisvolle Frau ihm nicht wieder einen Korb geben wird. Einen Korb von der Größe, dass Padfoot bequem ein Schläfchen drin machen könnte. Er kann nichts tun als versuchen, es ihr so schwer wie möglich zu machen.

„Wir fahren den Papa besuchen" singt Jerome in seinem Kindersitz, während Sirius den Landrover vorsichtig rückwärts aus der steilen Einfahrt manövriert. „Den Papa, den Papa!"

„Nein" sagt Sirius und verdrängt rasch den Gedanken an Remus, der ihm ein unbehagliches Gefühl macht. „Heute nicht. Wir fahren ein Mädchen besuchen. Ich glaube, sie hat Pferde."

„Pferde?" echot Jerome. „Darf ich die mal anfassen?"

„Bestimmt" sagt Sirius. „Aber vorher fragen, denk dran. Manche Pferde beißen."

„Wenn die beißen, kommt Schnuffel und beißt die auch" sagt Jerome sehr zufrieden, und für einen Augenblick beneidet Sirius den Dreijährigen um die einfachen Strukturen seines Lebens.

Sirius fährt auf die Autobahn und orientiert sich nach Süden. Das gleichmäßige Abspulen der Kilometer unter den Rädern macht ihn ruhig. Autofahren ist ein guter Ersatz, wenn er das Motorrad nicht nehmen kann, und der Motor des Landrovers schnurrt mit zuverlässigem Gleichmaß. Der letzte Ölwechsel hat ihm gut getan, und mit dem Auspuff ist auch wieder alles in Ordnung. Jerome in seinem Kindersitz erklärt seiner Stoffmaus, was es mit Pferden auf sich hat, und Sirius denkt darüber nach, sich einmal am Herrichten eines alten Autos zu versuchen. Ein alter Mercedes vielleicht oder ein Käfer, etwas mit einfacher Technik und guter Verfügbarkeit der Ersatzteile, und später einen hübschen kleinen Sportwagen, einen Alfa Spider oder wieder etwas Britisches: einen Aston Martin vielleicht? Er fragt sich, was Remus, der schon bei einem Cowboyhut die Augen verdreht, zu einem solchen Familienzuwachs sagen würde.

Er ist so versunken in seine Überlegungen, dass er beinahe die Ausfahrt verpasst. Er zieht ein bisschen plötzlich rüber, lässt sich anhupen, blinkt verspätet und bremst, dass das Zeug auf der Rückbank in den Fußraum rutscht.

Von oben, und bei Nacht, hat es hier tatsächlich anders ausgesehen. Sirius liest Schilder, meint sich an einen Ortsnamen zu erinnern, fährt, bis die Straße in einen Feldweg übergeht, wendet mühsam und besticht Jerome mit Keksen, damit der nicht den Spaß am Ausflug verliert.

Er fühlt sich ein bisschen zittrig und flatterig, als er nach mehreren Fehlversuchen endlich das richtige Dorf trifft. Er hat schließlich die Silhouette einer bewaldeten Hügelkette wieder erkannt und ein paar helle Felsen, die wie Zähne aus dem dunkelgrünen Pelz ragen, und ein schmales Sträßchen hat ihm den Gefallen getan, in diese Richtung zu führen. Auch das Radio zeigt sich kooperativ und spielt ein paar Sachen, an die er sich erinnert, und er kann eine Runde „Oh, baby, make it hurt so good" mitsingen, um die seltsame Anspannung los zu werden, die garantiert daher kommt, dass er eine Zigarette haben will, denn warum sollte er wegen einer Frau nervös sein. Es ist schließlich eine der großen universellen Konstanten, dass die weiblichen Himmelskörper sich um Sirius drehen, nicht um die Sonne.

Dann biegt er zwischen den beiden Scheunen in den staubigen Feldweg ein und schaukelt den Landrover vorsichtig hinauf zum Wohnhaus. Jetzt, bei Tag, kann er mehr von der Umgebung erkennen. Das Wohnhaus ist ganz offensichtlich ein altes Bauernhaus mit Fensterläden und weinbelaubter Fassade. Eine grün gestrichene Holzbank steht neben der Tür, und eine dünne, dreifarbige Katze hält dort in der Sonne ein Schläfchen. Auf der linken Seite schließt sich eine dunkle, schiefe Scheune an, in deren geöffnetem Tor ein Traktor steht, ein älteres Modell, wie überhaupt hier alles ein wenig improvisiert zu sein scheint. Rechts im Hof parkt der Pickup, dahinter erstreckt sich ein flaches Gebäude mit Fensteröffnungen, durch die ein paar Pferde ihre großen Köpfe strecken. Ein paar Schafe stehen in einem Stück Wiese, das mit Elektrozaun abgegrenzt wurde, und kauen geruhsam. Irgendwo bellt wieder der Hund. Es ist nicht erkennbar, ob Sirius es hier mit Zauberern oder Muggeln oder beidem zu tun haben wird.

Er stellt den Motor ab und steigt aus. Sand und Steinchen knirschen unter seinen Stiefelsohlen, als er den Landrover umrundet, um Jerome aus seinem Kindersitz zu holen.

„Sind wir da?" sagt Jerome und fängt schon an, am Gurt zu nesteln.

„Ja" sagt Sirius, schnallt Jerome ab und hebt ihn raus. Jerome drückt seine Maus an sich und sieht sich um. Sirius taucht noch mal in den Fußraum und rettet seinen Cowboyhut, der bei dem heftigen Bremsmanöver vorhin den schweren Autoatlas drauf gekriegt hat. Er drückt die Dellen raus, staubt ihn ein bisschen ab und setzt ihn auf. Man kann schließlich nie cool genug sein.

„Ich will zu den Pferden" sagt Jerome und marschiert los.

„Ja" sagt Sirius und wirft eilig die Autotür zu. „Warte! Gleich. Wir müssen erst hallo sagen."

Ein bisschen widerstrebend lässt Jerome sich einfangen und zur Haustür ziehen.

„Okay" sagt Sirius, atmet tief durch und streicht sich das Hemd glatt. „Okay" sagt er, fährt den Finger zur Klingel aus und schiebt sich stattdessen den Hut tiefer in die Stirn. „Okay" sagt er, „also", atmet tief durch und klingelt.

Das Hundegebell steigert sich zu beinahe hysterischem Diskant. Sirius verzieht das Gesicht und fasst Jeromes Hand fester. Nichts Schlimmeres als ein kleiner Hund, der sich selbst zu wichtig nimmt. Dann entsteht Bewegung hinter der Milchglasscheibe, die als Fensterchen in die Tür eingelassen ist, und dann geht die Tür auf.

„Hallo" sagt eine lockige Latzhosenträgerin, die ein bisschen gekrümmt steht, weil sie einen übereifrigen Zwergschnauzer am Halsband fest hält. Sirius spürt, wie Jerome Halt an seinem Bein sucht.

„Hi" sagt Sirius und zaubert sein bestes Lächeln heraus, es gelingt ihm mit kaum mehr als einer winzigen Spur von Nervosität. „Ich suche Melodie."

„Die ist draußen, mit einem von den Pferden" sagt die Latzhosenträgerin, und, hinunter zu dem randalierenden Schnauzer: „Platz, jetzt! Platz!" Sirius zuckt, nur ein bisschen, und die Latzhosenträgerin lächelt ein wenig hilflos.

„Er ist schrecklich schlecht erzogen" sagt sie.

Sirius geht in die Knie, damit der Schnauzer ihm gut in die Augen blicken kann, und fixiert den anderen Hund. Der Schnauzer winselt und legt sich flach auf den Boden.

„Hoppla" sagt die Latzhosenträgerin verblüfft.

„Ich hab ein bisschen Erfahrung mit Hunden" sagt Sirius grinsend und kommt wieder in die Höhe. „Langjähriger Hundebesitzer."

„Tatsächlich?" sagt die Latzhosenträgerin interessiert. „Und welche Rasse?"

„Das lässt sich nicht so genau fest stellen" sagt Sirius. „Groß, und schwarz. Ein Neufundländer ist wahrscheinlich mit drin. Ein toller Kerl, jedenfalls."

Er gibt der Latzhosenträgerin, die auf eine ökologisch wertvolle Art ganz hübsch ist, einen langen Blick, und sie lächelt und wird ein bisschen rot.

„Melodie ist trotzdem nicht zu Hause" sagt Sirius.

„Ja" sagt die Latzhosenträgerin. „Äh. Stimmt. Aber wenn du möchtest, komm doch rein. Du kannst auf sie warten. Sie ist schon eine Weile unterwegs, sie wird bestimmt bald zurück sein."

„Okay" sagt Sirius.

„Ich will zu den Pferden" sagt Jerome.

„Dein Sohn?" fragt die Latzhosenträgerin und schaut zwischen Sirius und Jerome mit seinen honigblonden Locken hin und her.

„Geliehen" sagt Sirius. „Der Sohn meines Freundes. Er heißt Jerome, und ich bin Sirius. Tut mir leid. Ich hätte mich längst vorstellen sollen."

„Macht nichts" sagt die Latzhosenträgerin. „Ich bin Karla."

„Karla, with a K" intoniert Sirius, und sie lacht.

„Ja" sagt sie. „Genau."

„Paddy!" sagt Jerome und zerrt an Sirius' Jeans. „Ich will! Zu den Pferden!"

„Ist ja schon gut" sagt Sirius. „Dürfen wir einen Blick in den Stall werfen?"

„Aber klar" sagt Karla. „Ich bin dann in der Küche. Ich lass' die Tür offen."

Sirius geht also mit Jerome die Pferde besuchen, den friedlichen Schnauzer im Schlepptau. Es sind vier, darunter ein erkennbar altes. Jerome, der gleichermaßen fasziniert und verängstigt von den großen Tieren ist, will auf den Arm, und Sirius hält ihn, bis ihm die Arme lahm werden.

„Na, komm" sagt er schließlich. „Lass uns das Dreirad mit rein nehmen, und vielleicht hat die nette Karla ja ein Glas Saft für dich."

Die Aussicht auf Dreirad und Saft veranlasst Jerome, sich von den Pferden los zu reißen und Sirius hinüber ins Haus zu folgen.

Die Haustür öffnet sich in eine lange Diele, die vor allem durch ein hohes Aufkommen an Gummistiefeln und Öko-Sandalen geprägt ist. Rechts steht eine Tür offen, und der Schnauzer nimmt zielstrebig diese Richtung. Sirius folgt und steht alsbald in einer großen Wohnküche. Ein gewaltiger Kachelofen nimmt die Länge der linken Wand ein. Zwei weitere Katzen liegen zusammen gerollt auf der Ofenbank. Ein großer Tisch in der Mitte des Raumes bietet Platz für mindestens zehn Leute, und Karla steht neben einem uralten Monstrum von Elektroherd an der Spüle und wäscht Kartoffeln. Ein barfüßiger Junge, etwa in Jeromes Alter, sitzt auf dem Boden und baut am Schienennetz einer Holzeisenbahn.

„Na, Jerome?" sagt Karla. „Alles klar bei den Pferden?"

Jerome nickt und beäugt interessiert das Bauvorhaben des anderen Jungen.

„Das ist Erik" sagt Karla. „Silvias Sohn. Wir betreuen ihn hier, während sie arbeiten geht."

„Aha" sagt Sirius. „Wie viele seid ihr hier eigentlich, sag mal?"

„Sieben" sagt Karla. „Leider zu wenige, um einen Hof dieser Größe wirklich nachhaltig zu bewirtschaften. Aber wir tun eben, was möglich ist."

„Ihr seid eine Wohngemeinschaft" vermutet Sirius, während Jerome langsam zu dem anderen Jungen hinüber wandert.

„Nicht ganz" sagt Karla und schüttelt sich glitzernde Wassertropfen von den Fingern. „Wir sind eine Kommune, das heißt, wir lassen uns enger aufeinander ein als in einer üblichen WG."

„Kommune" sagt Sirius. „Cool. So richtig mit Demonstrationen und freier Liebe und so?"

„Du hast bisher nicht viel Berührung mit der alternativen Szene gehabt, nehme ich an" sagt Karla.

„Ich esse gelegentlich Müsli" bietet Sirius an.

Karla lacht. „Setz dich doch" sagt sie und deutet auf den Tisch. „Du kannst mir beim Kartoffelschälen helfen."

Eine halbe Stunde später hat Sirius so einiges verstanden. Zuerst, dass Küchenzauber zum Zweck des Kartoffelschälens und Gemüseputzens wahrscheinlich die größte Errungenschaft der Zauberzivilisation sind. Aber auch, wie man in diesem Haus lebt, und warum nicht anders. Der Gedanke, dem etablierten System den Rücken zu kehren und sich ein neues, besseres Leben nach den eigenen Idealen aufzubauen, imponiert ihm, auch wenn er es sich anstrengend vorstellt, wenn sieben Menschen jede Entscheidung gemeinsam und im Konsens treffen. Er hat auch verstanden, dass dies ein tolerantes Haus ist, in dem die unterschiedlichsten Menschen ein Auskommen miteinander gefunden haben. Die kleine Landwirtschaft liefert hauptsächlich Getreide, das zu Brot weiter verarbeitet und auf Wochenmärkten verkauft wird. Karlas Zuständigkeit sind die Bienenstöcke am Waldrand, und Sirius denkt wahrscheinlich zum ersten Mal darüber nach, dass Honig nicht in Gläsern wächst. Er versteht dann auch ziemlich schnell, dass man (bei aller Toleranz)in einem Haus, dessen Bewohner es ablehnen, Tiere zu essen, keine Witze über Vegetarier macht („Vegetarier der fünften Stufe: essen nichts, was einen Schatten wirft") und dass die freie Liebe nicht zwingend zu den konstituierenden Elementen einer Kommune gehört (wenngleich ein Blick auf die beiden Mitbewohner Oli und Hartmut eher auf einen Mangel an interessanten Möglichkeiten schließen lässt). Es ist ein bisschen mühsam, Karlas hohes weltanschauliches Mitteilungsbedürfnis in die Richtung zu lenken, die ihn eigentlich interessiert, aber schließlich gelingt es ihm doch, ihr ein paar Details über Melodie zu entlocken.

Sie verdient ihr Geld, indem sie verhaltensgestörten und traumatisierten Pferden das Vertrauen in die Menschen zurückgibt. Das sei auch gleichzeitig eine Therapie für die Pferdebesitzer, sagt Karla und berichtet von den merkwürdigen Typen, die ihre Pferde in Melodies Obhut geben. Sirius hört nur mit halber Aufmerksamkeit zu, er schnitzt an einer Kartoffel und überlegt, wie er die mitteilsame Karla endlich zum Punkt bringen kann.

„Sag mal" sagt er schließlich und betrachtet die Kartoffel in seinen Händen, die ein bisschen aussieht wie ein knubbeliger Gartengnom. „Melodie. Hat sie einen Freund?"

„Nein" sagt Karla erstaunt, und Sirius atmet hörbar auf.

„Gut" sagt er. „Das ist ziemlich gut."

„Sie steckt gefühlsmäßig noch in einer alten Beziehung" sagt Karla. „Etwas, das auseinander ging, bevor sie in die Kommune kam. Ein Landsmann von dir. Sie hat nie gesagt, woran es gescheitert ist, aber ich glaube nicht, dass sie wirklich frei ist für eine neue Beziehung."

„So was kann sich ganz schnell ändern" sagt Sirius und schnitzt dem Gnom eine Rüsselnase ins Gesicht.

„Möglich" sagt Karla, stützt das Kinn auf die Hand und betrachtet Sirius nachdenklich.

„Woher kennst du sie eigentlich?" fragt sie. „Ich dachte, du wärst ein Freund, aber du weißt so wenig über sie."

„Ich hab' sie heimgebracht, kürzlich" sagt Sirius. „Ihr Auto hatte einen Platten. Ich weiß praktisch nichts über sie."

„Oh" sagt Karla. „Du bist das also."

„Hat sie von mir gesprochen?" fragt Sirius und versucht, etwas in seinem Inneren zu halten, das explodiert wie Sprudelwasser auf Brausepulver.

„Mehr als einmal" sagt Karla. „Ich würde sagen, du hast einen bleibenden Eindruck hinterlassen."

„Cool" sagt Sirius und fühlt sich total uncool, weil er dieses Grinsen nicht vom Gesicht kriegt. Er dreht den Kartoffelgnom zwischen den Fingern. Wenn man ihn auf den Kopf stellt, hat er eine Kerbe im Schädel, als wäre ihm ein Dachziegel auf den Kopf gefallen, und einen Rüssel an ziemlich intimer Stelle. Er sieht aus, als könnte er eine Menge Spaß haben, obwohl er ein bisschen bematscht in der Birne ist.

„Lass krachen, Kumpel" sagt Sirius zu dem Kartoffelgnom und wirft ihn in den Topf zu den anderen Kartoffeln.

Es wird dann noch ziemlich spannend, oder zermürbend, aus Sirius' Sicht. Er fragt sich, warum Melodie ausgerechnet die letzte in dieser kommunistischen Wohngemeinschaft sein muss, die in diese Küche rein kommt. Jerome und Erik haben die Spielmöglichkeiten der Holzeisenbahn längst erschöpft und liefern sich mit Dreirad und Rutscheauto Verfolgungsjagden durchs Erdgeschoss. Jerome wird langsam müde, der Lärmpegel steigt, und Sirius kann nur hoffen, dass er nicht Jerome einpacken und nach Hause fahren muss, ehe Melodie von ihrem Ausritt zurückkommt. Um sich die Zeit zu vertreiben, flirtet er ein bisschen mit Leila, die nicht nur heißt, sondern auch aussieht wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht und Mitbetreiberin eines Ökoladens im nächst größeren Dorf ist. Jedes Mal, wenn die Haustür ihr vernehmliches Quietschen von sich gibt, macht Sirius' Herz einen Satz und treibt ihm das Blut in die Ohren, aber dann ist es nach Leila doch nur Theo, ein ebenholzschwarzer Hüne aus Ghana, der Sirius' Gedanken wieder in Richtung der freien Liebe abschweifen lässt, und danach Silvia, die energische Mutter Eriks, der ein leicht medizinischer Geruch anhaftet, den wahrscheinlich nur Sirius mit seiner feinen Nase wahr nimmt, und die ihm sympathischer sein könnte, wenn sie nicht so unbefangen über Kastrationen, Wurmkuren und Zahnoperationen plaudern würde. Sirius hat etwas gegen Tierärzte im Allgemeinen.

Und dann quietscht die Haustür erneut, und ein heißer Schauer läuft durch Sirius, und er muss hart an sich arbeiten, um die Form zu behalten, um nicht in den Hund zu gehen und unter dem Tisch hindurch der Gestalt entgegen zu springen, die unter der Tür erscheint, zu jaulen vor grenzenloser Begeisterung und ihr die dicken Pfoten auf die Schultern zu pflanzen, als hätte er nie eine Erziehung genossen.

„Hallo zusammen" sagt Melodie mit müdem Lächeln und lässt eine zerbeulte Strickjacke auf die Ofenbank fallen. „Mann, war das ein Tag." Sie schaut gar nicht richtig hin, wer da alles am Tisch sitzt, sondern tritt sich die schlammverkrusteten Schuhe von den Füßen und wandert hinüber zum Kühlschrank.

Durch das heiße Rauschen, das ihm in den Ohren klingt, verfolgt Sirius die Begrüßungen der Mitbewohner und bekämpft einen Schub von Panik, weil ihm seine coole Fassade so gründlich verloren gegangen ist. Er sieht zu, wie Melodie sich aus einer Packung Orangensaft ein Glas einschenkt, ihre Hände bewegen sich wie zwei kleine Tänzerinnen, und dann dreht sie sich endlich um, führt das Glas zum Mund und lässt es dann dort in der Luft hängen.

„Hi" sagt Sirius, der hinten auf der Eckbank zwischen Karla und Oli sitzt, und versucht ein Grinsen.

„Sirius" sagt sie, und ihre Hand zittert plötzlich, dass der Orangensaft über den Rand des Glases schwappt. „Was machst du denn hier?"

„Ich war gerade in der Gegend" sagt Sirius. „Dachte, ich sehe mal rein."

„Ich habe deine Maschine gar nicht stehen sehen" sagt Melodie, und Sirius verfolgt, wie ihre Wangen sich röten.

„Ich bin mit dem Auto hier" sagt Sirius. „Der Landrover. Ich habe so einen Zwerg dabei, und sein Vater will nicht, dass ich ihn auf der Lady mitnehme."

„Ach so" sagt Melodie und nimmt endlich einen Schluck von ihrem Orangensaft.

Die Situation ist ein wenig merkwürdig. Sirius, der grundsätzlich nichts gegen Publikum einzuwenden hat, wünscht sich die Küche leer und die sechs sehr interessierten Kommunarden, deren Aufmerksamkeit zwischen ihm und ihr hin und her geht wie bei einem Tennismatch, dahin, wo der Pfeffer wächst. Er kann jetzt keine Ablenkung gebrauchen, er muss all seine Aufmerksamkeit darauf verwenden, das verwirrende Knäuel an unterschiedlichen Gefühlen zu sortieren, das Melodie ihm zuspielt: Freude und Trauer und Liebe und Verwirrung mit einem Anflug von Zorn oder Bitterkeit, die er nicht einordnen kann. Und seine Zeit läuft.

„Lasst mich mal raus" sagt er zu Oli und Karla und steht von der Eckbank auf, und dann bewegen sie sich nicht schnell genug für seinen Geschmack, und er klettert einfach über Karla drüber und kommt mit einer ulkigen und ziemlich uneleganten Verrenkung hinter dem Tisch hervor.

„Komm" sagt er zu Melodie und nimmt ihr das Saftglas aus der Hand.

„Was?" sagt sie. „Wohin?"

„Egal" sagt er. „Raus."

Er stellt das Glas ab und leckt sich verschütteten Saft von den Fingern, und sie sieht ihn an, ein wenig Sturmgrau im hellen Blau ihrer Augen, und nickt.

Er lässt es gerade noch zu, dass sie sich ein paar Sandalen an die strumpfsockigen Füße zieht, dann drängt er sie ins Freie. Die Sonne ist ums Haus gewandert, es riecht nach Wald und frisch gemähtem Gras. Sirius atmet auf.

„Und jetzt?" sagt sie und streicht sich eine Strähne ihres dicken, rötlichen Haares aus der Stirn.

„Ich weiß nicht" sagt er, sieht sie an und fühlt sich weit und leicht, als befänden sich in seinem Brustkorb nichts als Schmetterlinge. „Keine Ahnung" sagt er und lacht, weil das leichte, flatterige Gefühl irgendwo hin muss, und ihr Gesicht wird weich und sie lächelt.

„Wir sollten jedenfalls keine Zeit verlieren" sagt er. „Ich habe schätzungsweise zehn Minuten, bis Jerry da drin hinfällt und heult, und dann muss ich ihn ins Auto packen und heimfahren. Du warst einfach zu lange reiten."

„Ich habe mindestens eine halbe Stunde an einem Bach verbracht" sagt Melodie. „Ich wollte drüber, mein Pferd nicht. So was kann dauern."

„Siehst du" sagt er. „Mit dem Auto wär' das nicht passiert", und sie lacht und nimmt ihn am Ärmel.

„Komm mit" sagt sie.

Sie führt ihn ums Haus herum und an einen Koppelzaun, hinter dem Pferde stehen und das sommergelbe Gras abrupfen, zwei dunkelbraune, deren Schweife entspannt die Fliegen vertreiben, und ein Fuchs, auf dessen kupfernem Fell noch die verschwitzte Sattellage zu erkennen ist.

„Das ist er" sagt Melodie und zeigt auf den Fuchs. „Der Wasserscheue. Athos. Er hat einfach vor allem Angst."

„Hmmm" sagt Sirius.

„Du könntest wenigstens hinsehen, wenn ich dir etwas zeige" sagt Melodie.

„Ich seh' lieber dich an" sagt Sirius. „Wir haben noch schätzungsweise acht Minuten, die will ich nicht mit Pferden verschwenden."

„Interessier dich doch mal für etwas, das keinen Motor hat, zur Abwechslung" sagt sie.

„Oh" sagt er und rückt näher, „aber das tu ich doch."

„Hast du schon mal auf einem Pferd gesessen?" fragt sie.

„Als ich ein Kind war" sagt er. „Ich hatte ein Pony. Irgendetwas ist damit passiert, ich weiß nicht mehr genau, aber es ist ja vielleicht auch nicht so wichtig."

„Ich würde gerne mit dir reiten gehen" sagt sie. „Ich hätte ein ganz liebes, braves Pferd für dich."

„Okay" sagt er. „Wenn du den Umweg über die Pferde für nötig hältst", und sie lacht und schlägt ihm leicht gegen die Brust mit ihren Tänzerinnenhänden, und er fängt sie ein und hält sie fest, und ein Feuer rauscht durch seinen Körper.

„Aber es geht ja nicht" sagt sie und sieht ihn an, mit großen Augen, in denen sich der Sturm zusammen ballt. „Es geht ja nicht."

„Und so lange du mir nicht sagst, warum nicht, halte ich mich nicht dran" sagt er.

„Ich kann es dir nicht sagen" sagt sie.

„Dann halte ich mich nicht dran" sagt er.

„Solltest du aber" sagt sie. „Glaub mir. Es wäre besser für dich… und für mich… und für alle Beteiligten."

„Du hörst dich an wie Moony" sagt er. „Mein Freund. Aber weißt du, auf ihn höre ich auch nicht."

„Ja" sagt sie und sieht zu ihm hinauf, und ihr kleiner, herzförmiger Mund lächelt.

„Es ist schon beinahe zu spät" sagt sie. „Du solltest nicht hier sein. Wir hätten uns nie begegnen sollen."

„Ich tu immer mal Sachen, die ich nicht tun sollte" sagt er und wünscht sich, das Lächeln würde ihre Augen erreichen. „War bei mir schon immer so."

Sie nickt, und ihre Hände bewegen sich unter seinen, er spürt, wie ihm die Berührung durch den dünnen Stoff seines Hemdes direkt auf die Haut dringt.

„Weißt du was" sagt er, „ich gebe Jerry zu Hause ab, und dann komme ich mit der Lady zurück, und wir fliegen irgendwohin, wo niemand uns sagt, was wir tun sollen."

„Schöne Vorstellung" sagt sie, und ihr kleines Lächeln lässt etwas in ihm schmelzen. Er könnte weich sein mit ihr, er könnte sich Zeit lassen, er könnte vielleicht sogar den ganzen Weg mit ihr gehen und sich unterwegs selbst begegnen, wenn sie nicht „Nein" sagen würde, und „Es geht nicht."

„Okay" sagt er und spürt, dass er unglücklich sein wird, sobald er mit Jerry wieder im Auto sitzt, nur gerade im Augenblick kann er nicht unglücklich sein, weil da noch ihre Hände sind auf seiner Brust, und ihre Augen, die grau sind wie aufgewühltes Meer. „Dann haben wir jetzt noch ungefähr sieben Minuten."

„Wofür?" sagt sie.

„Um zu fliegen" sagt er, legt die Hände auf ihre Wangen und küsst sie.

Ihre Lippen sind warm und ein bisschen salzig und sehr weich, und er küsst sie vorsichtig, fast keusch, mit geschlossenen Augen und geschlossenen Lippen, und dann ist da ihr Atem auf seinem Gesicht und ihre Tänzerinnenhände, die unter seine Haare schlüpfen und zart über seinen Nacken streichen, und ein kleiner Laut geht ihm zwischen den Lippen hindurch, etwas, das ein bisschen nach Padfoot klingt, und dann öffnet sie die Lippen und lässt ihn ein, und es ist, als käme er nach Hause.

„Wow" sagt er, als der Kuss schließlich endet, er könnte nicht sagen, wie viele der kostbaren Minuten er gedauert hat, oder vielleicht doch eine ganze Ewigkeit, und dann bemerkt er, dass er auch nichts anderes sagen kann, sein Gehirn ist leer, weil ein großes Glücksgefühl ihm das Denken unmöglich macht. „Oh. Wow."

Melodie lacht, und ihr Lachen ist wie ein Glockenspiel.

„Ja" sagt sie. „Finde ich auch."

„Noch mal?" sagt er, und sie nickt.

Sirius nutzt seine Zeit. Es gibt da ihren Geschmack, den er in sich aufnehmen muss, warm und von einer hellen Würze, die ihm eine prickelnde Goldspur bis tief in den Bauch zieht, und ihren Geruch, von dem er sich einen Vorrat anlegen muss, ein bisschen nach Pferd, ein bisschen nach Schweiß und überwältigend nach Warm und Gut und Mehr und Tiefer, es gibt die goldenen Härchen, die auf ihren Armen schimmern und deren Muster er sich merken muss, und die Schwielen auf den Innenseiten ihrer Hände, die von der Arbeit mit den Pferden her rühren, und ihren süßen herzförmigen Mund, den zu küssen er nicht aufhören kann, und ihr rötliches Haar, das oben von der Sonne gebleicht ist und sich sachte im Wind bewegt. Und da gibt es Schultern, die kräftig sind von der Pferdearbeit und Arme, die ihn vielleicht halten könnten, wenn es ihn aus der Wirklichkeit reißt, und es gibt zauberhafte Rundungen, in denen er die Nase vergraben möchte, sie ist nicht zierlich, Melodie, ihre Zerbrechlichkeit liegt in der Seele.

„Fliegen" sagt er. „Bitte. Einmal nur", und sie sieht ihn an und seufzt und schüttelt ein bisschen den Kopf, und dann ist die Zeit ohnehin abgelaufen, denn vom Haus kommt Karlas Stimme, die nach ihnen ruft.

„Was jetzt?" sagt er, als sie Hand in Hand zum Haus zurückgehen.

„Ich weiß nicht" sagt sie. „Vielleicht versuchen wir einfach, weiter zu machen, als wäre nichts gewesen."

„Das kannst du vergessen" sagt er.

„Ja" sagt sie. „Ich hatte befürchtet, dass du das sagen würdest."

„Sag mir, warum" sagt er. „Vielleicht kann ich es ja verstehen. Ist es ein anderer Mann?"

„Nein" sagt sie. „Glaub mir. Kein anderer Mann. Und ich kann es dir nicht erklären. Ich muss… jemanden schützen."

„Macht dir das eigentlich Spaß?" sagt er mit einem Anflug von etwas, das bittere Wut und Trauer werden könnte, ließe er es wachsen. „Diese Geheimniskrämerei?"

„Nein" sagt sie, und er findet seine Trauer in ihr gespiegelt. „Ich sehe nur keinen anderen Weg."

Vor dem Haus treffen sie Karla, die Jerome an der Hand hat. Jeromes Gesichtchen ist rot und tränenüberströmt, und er heult „Paddy!", macht sich von Karlas Hand los und stürzt sich auf Sirius, dessen Beine er umklammert, als risse ihn sonst ein böser Wind fort.

„Er hat Angst bekommen, als du plötzlich weg warst" sagt Karla, während Sirius Jerome von seiner Hose löst, auf den Arm nimmt und ein plötzliches schlechtes Gewissen bekämpft. Jerome presst sein heißes kleines Gesicht gegen seine Wange und klammert sich mit Armen und Beinen fest wie ein kleines Äffchen, und Sirius wiegt ihn vorsichtig und denkt, wie sehr er dieses Kind liebt, dieses kleine Moonykind, das ihn manchmal so sehr an seinen Vater erinnert und manchmal so überhaupt nicht.

„Na dann, Mädels" sagt er. „Ich glaube, wir machen den Abflug. Der junge Mann hier muss nach Hause."

„Schade" sagt Karla. „Du hättest gerne zum Essen bleiben können."

„Ein andermal" sagt Sirius.

„Ja" sagt Karla und lächelt. „Das wäre nett. Es kommen ganz kreative Sachen dabei raus, wenn man dich Kartoffeln schälen lässt."

„Warte, bis du mich mit Reis gesehen hast" sagt Sirius, und Karla lacht und geht, um das Dreirad zu holen, das im Haus stehen geblieben ist.

Sirius setzt Jerome in seinen Kindersitz auf der Rückbank und schnallt ihn an. Melodie lehnt neben ihm am Auto, er spürt ihren Blick, der sich auf ihn legt und ihm Wärme zwischen den Schulterblättern verteilt.

„Du willst also wiederkommen" sagt sie.

„Ja" sagt Sirius und lässt den Gurt einrasten.

„Du solltest nicht" sagt sie. „Es ist gefährlich."

„Versuch, mich davon abzuhalten" sagt er.

„Das tu ich" sagt sie, „aber es gelingt mir nicht."

„Weil du nicht wirklich dahinter stehst" sagt er. „Ich merke doch, dass du mich wieder sehen willst. Ich bin doch nicht dämlich."

„Und ich kann doch nichts dafür, dass ich es will" sagt Melode leise.

Sirius taucht aus dem Auto auf und sieht sie an, und dann zieht sich etwas über ihre Augen wie eine flüchtige Wolke über den Mond, und sie tritt auf ihn zu und lehnt ihn gegen das Auto, und zieht sein Gesicht zu ihrem hinunter und küsst ihn, bis alles aus ihm fließt, was nicht sie ist, ihr Geschmack und Geruch und Atem und ihre Finger und ihre Haare, die der Wind mit seinen mischt, und das Leben ist still und golden.

„Niemals" verspricht er ihr flüsternd. „Niemals, niemals werd' ich dich aufgeben. Ich habe dich gerade gefunden. Ich gebe dich nicht mehr her."

„Dann weiß ich nicht, wie es gehen soll" flüstert sie, und ein Hauch von Lächeln hängt noch in ihren Mundwinkeln. „Dann weiß ich's nicht."

„Es ist mir egal, wie" sagt er. „Es muss etwas zu bedeuten haben. Es fühlt sich nicht an, als würde ich dich kaum kennen. Es fühlt sich an, als würde ich – mich erinnern, verstehst du? An dich. Was natürlich Quatsch ist, denn wie sollte ich dich jemals vergessen haben, aber es muss etwas zu bedeuten haben, dieses Gefühl."

Sie sieht ihn an, beinahe erschrocken.

„Hättest du mir mehr gegeben als sieben Minuten, wäre ich nicht so ran gegangen" sagt er.

„Gib mir ein bisschen Zeit" sagt sie. „Ein paar Tage. Ich muss versuchen, eine Lösung zu finden."

„Okay" sagt er. „Freitag? Hast du Floo?"

„Nein" sagt sie, „aber Telefon. Ruf mich an, wenn du möchtest."

Im Handschuhfach findet Sirius einen Kugelschreiber, aber kein Papier, und so schreibt er sich ihre Telefonnummer auf den Arm, er hat es nicht mit Zahlen, aber diese, das ist ihm klar, darf er um keinen Preis vergessen. Dann ist Klara mit dem Dreirad zurück, und Jerome will etwas zu trinken und einen Keks und noch mal zu den Pferden und doch lieber heim zu Mama und weint, weil ihm seine Maus runter gefallen ist, und Sirius verschränkt seinen Blick mit dem Melodies, bis er den Motor angelassen hat und im Rückwärtsgang beinahe den Traktor gerammt hätte, und dann zwingt er sich, den Landrover vom Hof zu steuern. Dann kommt dieser Augenblick, in dem er eine Kurve nimmt und Melodie aus dem Rückspiegel verschwindet, und Sirius muss das Radio aufdrehen und „Bring me some water" laut mitsingen, um den dicken Klumpen in seinem Inneren zu halten, von dem er nicht sicher ist, ob er sich in Lachen oder Weinen auflösen würde, wenn er ihn ließe.

oooOOOooo

Er hat ganz vergessen, dass der Mond so nah ist. Es fällt ihm erst ein, als Remus ihn bei den Schultern nimmt, an seinen Haaren und seinem Hals schnuppert und ihn dann mit einem langen, wortlosen gelben Blick belegt, der Sirius unwillkürlich den Kopf einziehen lässt. Dann geht Remus Jerome begrüßen, und Sirius trollt sich in die Küche, um beim Tischdecken zu helfen. Der Wolfszyklus ist gleichmäßiger geworden, seit Remus dem Wolf Raum lässt, es fehlt die unterdrückte Wut und Aggression in den Tagen vor der Wandlung, aber man kann auch nicht mehr sicher sein vor dem Wolf, dessen Sinne die von Remus fast magisch schärfen. Der Wolf hat ihn kurz- und hellsichtig zugleich gemacht, und Sirius fragt sich, wie er jemals ein Geheimnis bewahren soll.

Und ob er es will, fragt er sich, während er Teller und Löffel auf dem Küchentisch verteilt. Vor Remus ein Geheimnis zu haben fühlt sich unnatürlich an, selbst etwas unausgesprochen zu lassen, das er ohnehin gewittert hat, kostet Anstrengung. Und so sitzt er ihm gegenüber und rührt in seiner Kartoffelsuppe, die sicher wunderbar ist, und hört zu, wie Emilia und Remus sich über Antiquariat und Berufsschule austauschen, und dass die Veranda einsturzgefährdet ist und es auf den Dachboden geregnet hat, und er spürt ihre Verbundenheit, die sich weit über Worte hinaus erstreckt, und fragt sich, warum man ihm das nicht auch gönnen will, und der Gedanke ist der bitterste von allen.

Nach dem Essen sucht Remus das Telefon und zieht sich in Emilias Arbeitszimmer zurück. Sein Gesicht ist rätselhaft, und eine Anspannung liegt zwischen seinen Schultern, dass Sirius' inneres Vierbein winselnd den Schwanz einzieht.

Sirius ringt mit sich, bis die Teller in der Geschirrspülmaschine stehen, dann hat er beschlossen, dass ihm niemand die Benutzung des Badezimmers verwehren kann, das gegenüber von Emilias Arbeitszimmer liegt, und dass es auch kein Verbrechen ist, auf Socken zu gehen und keinen Lärm zu machen. Sein inneres Vierbein jault und legt sich flach auf den Boden, aber Sirius setzt sich darüber hinweg.

„Lupin" hört er Remus' Stimme aus dem Arbeitszimmer, dann eine Pause, dann, auf deutsch: „Ja. Ich denke, Sie wissen, warum ich anrufe." Lange Pause, und Sirius steht und wagt kaum zu atmen und fühlt sich schäbig, dann: „Doch. Genau das hätte man von Ihnen erwartet." Lange Pause, unterbrochen von „Ja" „Hm" und „Ich verstehe", dazu Remus' leichte Schritte, und Sirius hört das Dielenbrett unter dem Fenster knarren.

„Now listen" sagt Remus schließlich. „Hören Sie mir zu. Ich kann Sie wirklich verstehen sehr gut, und ich habe ein gutes Vorstellung, wie es dazu gekommen ist, aber ich, ob ich verstehe oder nicht, es ändert nicht die Situation. Sie wissen, dass wir ein Rückfall nicht riskieren dürfen. Sie haben Professor Snape gehört zu diese Thema."

Snape. Der Name kitzelt etwas in Sirius' Erinnerung, aber es ist so fern, dass er es nicht zu fassen bekommt. Einer aus dem Krankenhaus, wahrscheinlich, aber er hat kein Gesicht zu dem Namen, und dann schiebt er den Gedanken weg, bevor er sich daran fest beißt, denn Remus spricht weiter.

„Ja" sagt er, „Ja" und „Ja, aber das ändert nichts. Hören Sie auf, zu verteidigen. And please, stop yelling at me!" Sein Schritt wird energischer, dann bleibt er stehen und sagt: „Yes. Me, too. That's why I'm involved that deeply." Pause, dann: „But this is my decision. Mine, not yours. Sorry. I can't… Yes. Because it was me who braught him back. Me who paid for it, not you!", und Sirius erschrickt über die Härte, die in seiner Stimme mitschwingt, und außerdem ist Moony nie einer gewesen, der zwischen den Sprachen springt. Sirius will dringend wissen, was es ist, das ihn so aus der Fassung bringt.

„Nennen Sie das Egoismus, wenn Sie wünschen" sagt er. „Makes no difference. I'm following… ich folge die Anweisung von Professor Snape. Ich nehme kein Risiko. Keine Auslöser. Wenn ich wollte Auslöser für ihm, ich hätte nicht weggehen müssen aus England."

Kurze Pause, dann: „Yes, but that's what you are", und dann hört Sirius, dessen Verwirrung über das verkraftbare Maß hinaus gestiegen ist, wie Remus versucht, einzulenken.

„Wir haben vielleicht bald ein Verbesserung" sagt er. „Hoffentlich. Wir müssen nur alle bei unsere Vernunft bleiben. Er ist noch nicht stabil." Pause dann: „Ich weiß es nicht. Wir müssen Geduld haben." Pause, dann, mit einer plötzlichen Wut, die Sirius an die gegenüber liegende Wand zurückweichen lässt: „I don't know. I have been waiting for twelve years, and for two and a half afterwards, so maybe I'm not so very sensitive for your bit of suffering!" Kurze Pause, dann, kalt: „Nehmen Sie Kontakt mit Professor Snape, wenn es ist Ihr Wunsch. Aber ich werde nicht zulassen, dass Sie Schaden anrichten. Nein, ich denke nicht. Eine Statement, nicht mehr. Ja. Nein, mehr nicht. Noch einen schönen Abend. Good bye."

Sirius weicht in das dunkle Badezimmer zurück, bevor er auf dem Gang ertappt wird. Sein Gesicht glüht, und sein Herzschlag hinterlässt ein schmerzhaftes Echo in seinen Ohren. Er weiß nicht, was er da gehört hat, ob er es hat hören wollen, wie er es einordnen soll, und er fragt sich, wem er noch trauen soll, wenn nicht Moony, in einer Welt, die ihn verwirrt, umgeben von Menschen, die sich rätselhaft verhalten.

Er hört eine Tür klappen und Remus' leichten Schritt. Er wartet, bis die Schritte verklungen sind, dann huscht er quer über den Gang in Emilias Arbeitszimmer. Nun hat er schon begonnen zu schnüffeln, nun muss er es zum Abschluss bringen, denn eines muss er noch wissen.

Er hat Glück. Remus hat das Telefon liegen lassen. Sirius streicht sich Haare aus der Stirn und sieht sich nervös um. Sein Herz klopft so laut, er würde Remus nicht hören, wenn er direkt hinter ihm stünde.

Sirius nimmt das Telefon und drückt die Wahlwiederholung.

Es dauert nur zwei Freizeichen, dann ein Knacken, ein Atmen und eine sanfte Stimme, der man die Tränen anhört:

„Melodie Blanche?"

Kälte fällt über Sirius.

Staub, der in langen Sonnenstrahlen tanzt. Remus, ein viel jüngerer, dunkelblonder, der zwischen Fenster und Sofa hin und her geht, so weit die spiralförmige Telefonschnur es zulässt, und telefoniert. Von draußen kommt Straßenlärm.

Ja" sagt Remus. „Das würde ich gerne."

Ein Dielenbrett knarrt unter Sirius' Füßen, und Remus dreht sich zu ihm und nickt ihm zu, blass.

Wer is'n das?" fragt Sirius und wirft seine Tasche aufs Sofa, auf dem einzelne Blätter einer Zeitung ausgebreitet liegen. Remus hebt abwehrend die Hand und dreht sich weg.

Dienstag, halb fünf" sagt er ins Telefon. „Das kann ich einrichten. Ja. Moment bitte, ich notiere mir das." Er kritzelt etwas auf einen Zettel, das Telefon in die Halsbeuge geklemmt.

Nein" sagt er dann. „Wie gesagt. Keine Haustiere."

Wo, keine Haustiere?" fragt Sirius. „Wie, keine Haustiere?", aber er spricht gegen Remus' schmalen Rücken, der sich von seinem Gesprächspartner verabschiedet und auflegt.

Hallo, Sirius" sagt Remus mit diesem Mangel an Begeisterung, der ihn begleitet, seit Sirius aus Frankreich zurück ist, oder seit Sophie Remus verlassen hat, Sirius hat noch nicht heraus gefunden, wie alles zusammen hängt, aber irgendwann hat er begonnen, sich in Remus' Gegenwart merkwürdig zu fühlen.

Wo gibt's keine Haustiere?" wiederholt Sirius seine Frage.

An sehr vielen Orten in dieser Stadt" sagt Remus, steckt den Zettel in seine Hosentasche und greift nach seiner Jacke, die ordentlich über einem Stuhl hängt.

Sei kein Idiot" sagt Sirius. „Sag schon."

Sirius" sagt Remus. „Wie sieht's aus? Hättest du gerne ein vollständiges Protokoll all meiner Telefonate? Mit Uhrzeit, Gesprächspartner und Inhalt? Ich könnte auch eines anfertigen, wann ich wohin flooe, und appariere, und wenn wir schon dabei sind, wann ich wohin die U-Bahn nehme. Würde dich das zufrieden stellen?"

Geh mir nicht auf die Nerven" sagt Sirius. „Ich habe nur mal eine Frage gestellt."

Ich muss noch mal in die Uni" sagt Remus. „Warte nicht auf mich."

An ihm vorbei verlässt er den Raum, und Sirius hört die Wohnungstür quietschen und fragt sich, ob Remus tatsächlich noch in der Uni zu tun hat, er geht sonst nie zur Uni am Samstag abend, und er verspürt maßlose Wut auf Remus, der mit seinem merkwürdigen Verhalten daran schuld ist, dass Sirius hier im Wohnzimmer steht und sich solche Fragen stellt.

Dann raschelt die Zeitung in einem Luftzug, der durchs Fenster dringt, und Sirius geht hinüber und sieht, dass es die Seite mit den Kleinanzeigen ist, und unter „Mietangebote" findet er Markierungen und Notizen in Remus' platzsparender Schrift.

Sirius starrt auf die Zeitung. Remus hat ihm nicht gesagt, dass er ausziehen will.

Sirius schluckt an einem bitteren Geschmack, der ihm die Innenseiten seines Mundes zusammen zieht, dann geht er zum Kamin und floot den Orden.

Alles, was dir merkwürdig erscheint" hat Dumbledore ihm eingeschärft. Und: „Einer hier muss es sein."

Einer muss es sein.

Sirius schluckt und versucht, das hilflose Wimmern zu unterdrücken, das aus ihm fließt wie Wasser aus einem gesprungenen Glas. Er weiß nicht, wie er auf den Boden kommt, aber zu liegen und seine Knie zu umklammern spendet keinen Trost.

Sirius geht in den Hund. Tief, bis an die Grenze, von wo aus er nicht mehr zurück finden wird. Tief genug, um nicht mehr darüber nachdenken zu können, warum er sich nicht zu Moony flüchtet, warum er nicht die Nase in Moonys Händen vergräbt und nicht an seiner Seite läuft, bis er sich wieder zurecht findet.

Mit eingeklemmtem Schwanz verkriecht Padfoot sich unter Emilias Schreibtisch.

Auch Padfoot ist einsam, aber zumindest weiß er nicht, warum.

oooOOOooo

Sirius verliert kein Wort über das Telefonat. Zum Teil ist es Scham, die ihn nicht eingestehen lässt, dass er Remus belauscht hat, aber zum anderen will er die Wahrheit nicht hören, wie immer sie aussehen mag, er will sich nicht mit dem befassen, was da zwischen ihm und Remus steht, weil da nichts stehen darf, und schon gar nicht jetzt, am Tag vor dem Mond. Ohnehin wird der Wolf ihn spüren lassen, wie es sich verhält. Remus kann lächeln und glatte Sachen sagen. Der Wolf nicht. Der Gedanke macht Sirius mehr Angst, als er je vor einem Mond empfunden hat.

Remus hat Schmerzen, aber er hält sich gerade, so lange Jerome in der Nähe ist, mit der Selbstbeherrschung, die er sich während vieler Jahre der Wolfsunterdrückung angeeignet hat. Nun nimmt er sie, um seinen Sohn zu schützen, der unaufhörlich seine Nähe sucht: falls er den Wolf spürt, ist es Faszination, nicht Furcht.

„Papa?" sagt er und legt seine Händchen auf Remus' Gesicht, der sich auf dem Sofa zusammen gerollt hat und versucht, sich im Halbdunkel Linderung zu verschaffen. „Gehst du heute wieder den Mond besuchen?"

„Ja" sagt Remus, seine Stimme ist schon heiser, sie wird ihn bald verlassen.

„Und Paddy?" fragt Jerome. „Geht Paddy auch den Mond besuchen?"

„Ja" sagt Remus.

„Freut der Mond sich?" fragt Jerome, und Remus ringt sich ein Lächeln ab.

„Vielleicht" sagt er. „Er ist ja ziemlich alleine, da oben am Himmel."

„Aber Papa" sagt Jerome. „Er hat doch die Sterne. Die Sterne sind seine Freunde."

„Das könnte sein" sagt Remus und rückt ein wenig zur Seite, als Jerome zu ihm aufs Sofa klettert.

„Wenn ich groß bin" sagt Jerome und wippt auf dem Sofa, „wenn ich sooo groß bin, kann ich auch den Mond besuchen gehen."

„Oh nein" sagt Remus. „Lieber nicht."

„Aber ich will!" sagt Jerome.

„Wir besprechen das, wenn du sooo groß bist" sagt Remus. „Und jetzt hör auf zu hopsen, ja? Hopsen macht mir Kopfweh."

„Okay" sagt Jerome, der ungewöhnlich friedfertig ist, wenn der Wolf kommt. „Willst du ein Auto?"

„Nein, danke" sagt Remus.

„He, Jerry" sagt Sirius von der Tür. „Schnuffel braucht jemanden zum Stöckchenwerfen. Willst du das machen?"

„Jaaa!" jubelt Jerome und klettert in Windeseile vom Sofa.

„Ihr bleibt im Garten, hörst du?" sagt Remus, der sich eine Hand über die Augen gelegt hat. „Ihr geht nicht rauf in den Wald."

„Versprochen" sagt Sirius, der weiß, wie ungern der Wolf ein Rudelmitglied aus seiner Nähe entlässt, es ist schwierig genug für ihn, dass Emilia arbeiten muss und erst heute Nachmittag zurückkommt.

Er zügelt also Jerome Entdeckerdrang mit der Sorgfalt eines Hütehundes, macht ihm später Mittagessen und überredet ihn zu einem Mittagsschläfchen. Remus geht er ein wenig aus dem Weg, unauffällig, wie er hofft. Es ist ohnehin kaum möglich, sich um Remus zu kümmern, der sich im Laufe des Tages immer tiefer in die dunklen, stillen Winkel des Hauses zurück zieht, und gleichzeitig Jerome beschäftigt zu halten, den es magnetisch zum Vater zieht.

Dann ist Emilia zu Hause und übernimmt Jerome, und Sirius überwindet sein Unbehagen und geht nach Remus sehen.

Er hat sich im abgedunkelten Schlafzimmer eingerichtet, zusammengerollt am Fußende des Bettes. Er trägt die weiche braune Robe, die ihn schon durch ungezählte Verwandlungen begleitet hat, weil der Wolf sie leicht abstreifen kann. Sirius schiebt sich zur Tür rein, und dann nimmt ihn der goldene Blick in Empfang und ist so weich und warm, dass sich ein Klumpen in Sirius' Innerem löst, der nach Tränen schmeckt.

„He" sagt er und wagt ein zittriges Grinsen. „Alles klar bei dir?"

Remus nickt kaum merklich, die Stimme hat ihn schon verlassen, seine Augen leuchten im Dämmerlicht. Er öffnet und schließt die Finger, und Sirius braucht keine weitere Aufforderung, er ist im Hund, noch ehe er das Bett erreicht hat, er springt darauf und jault und wedelt mit eingeklemmtem Schwanz und presst sich gegen den anderen Körper, der noch menschlich ist, obwohl schon eine wölfische Seele darin wohnt, und füllt sich mit dem Geruch nach Wald und Wolf, bis sich seine Welt beinahe anfühlt, als wäre sie in Ordnung.

Dann senkt sich die Sonne, und es wird Zeit. Vieles ist schwieriger geworden, seit Sirius nicht mehr in der Lage ist, zu apparieren. Zwar ist der Waldrand kaum mehr als einen Steinwurf entfernt, aber Remus besteht darauf, für die Wandlung an einen Ort gebracht zu werden, der so weit wie möglich von allen menschlichen Siedlungen entfernt ist.

„Ich kann in den Keller gehen, wenn es zu viele Umstände macht" sagt er gelegentlich. „Dieses Haus hat schließlich nicht umsonst einen", und Sirius sagt ihm immer wieder, dass es keine Umstände gibt, die einen Kellermond zuließen.

Und so muss er, der nicht mehr apparieren kann, und gelte es sein Leben, auch diesmal wieder auf den Landrover zurück greifen, dessen Rückbank er flach umgeklappt hat, damit der Wolf es nicht so eng hat. Trotzdem ist es ein Kunststück, den Wolf, der immer noch in zweibeiniger Hülle steckt, ins Auto zu locken. Seine Schlafzimmerhöhle hat er einigermaßen bereitwillig verlassen, schließlich hat Remus die Kontrolle noch nicht vollständig an den Wolf übergeben, aber die gähnende Kofferraumklappe und der Gestank nach Benzin und Öl sind zu viel für den Wolf. Sirius sieht, wie Remus gegen die Instinkte kämpft, die den Wolf zurück weichen lassen. Er kann kaum mehr aufrecht stehen, es ist höchste Zeit, aber er kommt nicht vom Fleck, er rutscht aus Sirius' stützender Umarmung und setzt sich auf die Stufe vor der Haustür, den starren Blick auf das Auto gerichtet. Remus und der Wolf können sich nicht einigen, der Konflikt nagelt ihn auf der Stufe fest, und die Sonne sinkt und verflicht ihre langen Strahlen mit den dunklen Baumwipfeln. Dann macht der Wolf einen neuen Versuch, die zweibeinige Form aufzugeben. Remus sinkt in sich zusammen und stöhnt, während der Schmerz in Wellen über ihn wäscht, und Sirius nimmt ihn und hebt ihn von den Stufen ins Auto, so lange er sich nicht wehren kann. Er schließt die Kofferraumklappe, springt hinters Steuer und lässt den Motor an. Hinter ihm kommt Remus auf die Knie, knurrend und im sichtbaren Kampf mit den Instinkten, die ihn überschwemmen und seinen Verstand schon beinahe ausgelöscht haben.

Sirius steuert den Landrover aus der steilen Einfahrt und auf die schmale Teerstraße, die sich in Mäandern durch den Wald zieht, hinauf auf die Ebene, die vor vielen Millionen Jahren einmal der Meeresgrund gewesen ist. Es ist still hier oben, als Sirius das Auto am Waldrand auf einem schmalen Wiesenstreifen parkt. Der Himmel ist hoch und rosa an den Rändern, und reifes Getreide wiegt sich im kühlen Abendwind. Die Straße führt zwischen Wiesen und Feldern gerade auf den Horizont zu. Sirius steigt aus. Der Wald rauscht und duftet in seinem Rücken. Er wirft einen Blick durch die Scheibe in den hinteren Teil des Autos, und dann ist die Sonne verschwunden, und Remus ist auf allen Vieren. Sirius sieht durch die Scheibe, wie er den Kopf nach hinten wirft, seine Zähne glitzern zwischen den geöffneten Lippen, und ein krampfartiges Zittern schüttelt ihn, es nimmt sich aus wie ein Liebesakt, oder vielleicht wie eine Geburt: gewaltig und urtümlich und im Ablauf nicht mehr zu stoppen, und dann wäscht die Wolfsgestalt über ihn wie eine Welle.

Der Wolf duckt sich aus der Robe und weicht zurück, das Hinterteil gesenkt, Schwanz zwischen den Hinterläufen. Sein gelber Blick geistert durch den Innenraum des Landrovers, und Sirius wird klar, dass er sich ein bisschen zu lange hat faszinieren lassen, denn jetzt hat er einen im Auto eingesperrten Werwolf und keine Hilfe mehr von Remus. Sirius springt zum Kofferraum und reißt die Klappe auf, und dann ist er Auge in Auge mit dem Wolf, der sich in die Ecke hinter dem Beifahrersitz presst, seine Ohren sind im dichten, silbrigen Fell verschwunden und er zeigt knurrend die messerscharfen Zähne.

Sirius fragt sich, wie es wohl wäre, sich beißen zu lassen. Er fragt sich das nicht zum ersten Mal. Es würde einen letzten Graben zwischen ihm und Remus schließen. Die Transformation in all ihren Stadien ist ihm vertraut, aber der Gedanke, sie selbst zu erleben, übt eine merkwürdige, fast erotische Faszination auf ihn aus. Einmal so stark sein, so unabhängig, so ungezähmt. Sirius glaubt, dass es seine Hundeseele ist, die sich nach dem Wilden sehnt.

Sirius hält dem Wolf die Hand hin. Das Knurren ändert die Tonlage, und nur Millimeter vor seinen Fingern schnappen die gefährlichen Kiefer zu: eine Drohgebärde, kein wirklicher Angriff.

Sirius' Herz schlägt ihm bis zum Hals. Nicht auszudenken, was mit Remus geschähe, würde er erfahren, dass er einem Wolfshund zur Existenz verholfen hat. Sirius weicht zurück, der kühle Wind aus dem Wald streicht ihm unangenehm über den schweißnassen Rücken. Ein paar Schritte vor ihm bewegt sich der Wolf an den Rand der Ladeklappe und wittert. Unentschlossen sieht er nach unten und hebt die verstümmelte Pfote über den Rand, als wollte er springen, legt dann wieder mit gekrümmtem Rücken den Rückwärtsgang ein bis in die Ecke hinter dem Beifahrersitz und verfällt dann in eine hilflose Pendelbewegung: immer vor bis an den Rand und dann wieder zurück in dem engen Auto, doch der letzte Impuls, um zu springen, fehlt.

Sirius besinnt sich und geht in den Hund. Es gehört nicht zum Plan, ein offenes Auto unbeaufsichtigt herum stehen zu lassen, er kann nur hoffen, dass es in den nächsten Stunden niemandem auffallen wird.

Padfoot hebt den Kopf und bellt, und der Wolf folgt der Aufforderung und springt über die Ladekante ins hohe Gras. Es raschelt kaum, als er zu Padfoot aufschließt, ein langbeiniger, silbriger Schatten, den es in die kühle Dunkelheit unter den Bäumen zieht. Padfoot winselt und wedelt und macht sich klein, und dann besteht der Wolf doch darauf, dass Padfoot sich auf den Rücken wirft, und Padfoot tut es. Die schmale Wolfsgestalt ragt über ihm auf, und Padfoot jault vor Furcht und Begeisterung, als ihm der strenge Wolfsgeruch in die empfindliche Nase dringt. Es ist eine beinahe zärtliche Unterwerfung. Padfoot wird lange und gründlich beschnuppert, als wollte der Wolf sicher gehen, dass dem Gefährten nichts fehlt, dann kommt die einfingrige Wolfspfote und legt sich auf seine Schulter, und eine kühle Wolfsnase schubst ihn seitlich am Maul.

- Steh auf, sagt der Wolf. Lauf mit mir.

Padfoot kommt auf die Füße, schüttelt altes Gras aus dem Fell und findet seinen Platz hinten an Moonys Flanke, und sie laufen.

Es ist immer eine Gratwanderung, wie tief Sirius sich zum Mond in den Hund fallen lässt. Mond ist großartig, wild und wunderbar, aber Mond ist auch harte Arbeit, denn nur im Zusammenspiel von Instinkt und Intelligenz lässt der Wolf sich unbemerkt lenken. Viel Lenkung braucht es nicht hier oben, wo die Wälder sich uferlos erstrecken, aber dennoch darf er sich nicht zu weit vom Ausgangspunkt entfernen, damit die Sonne ihn nicht irgendwo in der Wildnis überrascht.

Der Wolf ist unruhig in dieser Nacht. Er winselt und umkreist den Gefährten und schubst ihn mit der Nase an, und wildes Knurren kommt aus seiner Kehle, sobald Padfoot sich auch nur einen Schritt von seinem Platz entfernt. So folgt Padfoot dem Wolf wie ein großer Schatten und lässt den Kaninchenbau, den er so gerne ausgegraben hätte, ohnehin hat der Wolf größere Beute gewittert und will jagen.

Es gibt ein junges Reh in dieser Nacht, das der Wolf mit nachlässigem Killerinstinkt zur Strecke bringt. Sirius, der weiter nach vorne kommt, je steiler die wölfische Erregungskurve verläuft, ist nicht sonderlich begeistert von der mitternächtlichen Mahlzeit in all ihren blutigen Details. Remus wird sich zwei Tage lang übergeben, und überdies steht zu befürchten, dass die Überreste der Mahlzeit die Aufmerksamkeit der ansässigen Jäger oder Förster erregen, und dann fehlt nicht viel zur Wolfshysterie. Jetzt allerdings ist der Wolf im Fressrausch, und Sirius weiß, dass er sich nicht nähern darf, will er sich nicht einen schmerzhaften Verweis und möglicherweise doch noch eine lykantrophe Infektion einhandeln.

Schließlich gibt der Wolf die Beute frei und legt sich abseits, satt und ruhig, um sich die Pfoten zu lecken. Sein Gesicht ist blutverschmiert bis hinauf zu den goldenen Augen. Padfoot beschnuppert die Beute, mehr aus Höflichkeit denn aus Fresslust; Sirius ist zu weit vorne, als dass Padfoot Spaß an rohem Kitzfleisch hätte. Der Wolf hat Knochen, Fell und Eingeweide unberührt gelassen, das ist gut für Remus, den Sirius nicht noch einmal Knochenreste erbrechen sehen will. Er hat ohnehin einen robusten Magen, Moony, zum Glück.

Der Mond geht seinen Weg über den weiten, schwarzen Himmel, und irgendwann wird der Wolf unsicher und drängt sich winselnd gegen den Gefährten. Zeit für den Rückweg. Die Nervosität geht in Müdigkeit über, der Wolf trottet mit gesenktem Kopf, angeschoben von Padfoots auffordernden Kopfstößen (ein Verhalten, für das er sich eine ruppige Abmahnung einfangen würde, wagte er es zu Beginn der Nacht), und jetzt erweist es sich als günstig, dass sie sich im Kreis bewegt haben, denn das Auto ist beinahe in Sicht, als der Wolf sich auf einem dunklen Bett von Tannennadeln ablegt und nicht mehr weiter mag. Ein Zittern läuft über das silbrige Fell, und winselnd vergräbt er die Schnauze zwischen den Pfoten. Sein Atem geht schnell und flach. Padfoot sieht nach oben. Der Himmel zwischen den Baumwipfeln ist grau. Vorsichtig nähert Padfoot sich dem Wolf und legt sich neben ihm ab, so nah, dass er spüren kann, wie die Flanken des Wolfes sich heben und senken. Mit feuchter Zunge spendet er ein wenig Trost. Der Wolf hält still und winselt, den Kopf auf den Pfoten, Verwirrung in den gelben Augen.

Aus dem Wolf geht schneller als in den Wolf. Irgendwo hinter den Bäumen blickt die Sonne über den Horizont. Ein krampfartiges Zittern überfällt den Wolf, Krallen kratzen über den weichen Waldboden, ein letztes, tiefes Knurren, und der Wolf zieht sich zurück wie eine Welle, die ins Meer zurück gerufen wird und einen Schiffbrüchigen am Strand zurücklässt, hilflos und zitternd und erschöpft.

Sirius hat seine Wandlung gleichzeitig vollzogen und empfängt Remus in seinen Armen. Zu viele einsame Kellernächte oder die Orientierungslosigkeit direkt nach dem Übergang haben Remus anlehnungsbedürftig gemacht: er vergräbt den Kopf an Sirius' Schulter und klammert sich an ihn, schlingt sich um ihn mit Armen und Beinen und aller Kraft, die in dem schmalen, über die Grenzen des Natürlichen hinaus beanspruchten Körper noch zu finden ist. Es wird noch dauern, bis er seine Sprache zurück hat, aber Sirius spricht auf ihn ein, mit leichter, leiser Stimme, und Remus hält sich an ihm fest, als würde er befürchten, erneut davon gespült zu werden. Sirius lässt ihn ankern und geht mit flachen, warmen Händen über Remus' Körper, der ihm so schutzlos vorkommt ohne sein Fell, und er spürt Remus' kühle Haut unter den Fingern und beißt sich hart auf die Unterlippe, weil dieser Körper sich anfühlt wie der eines Geliebten. Aber dann sind es vielleicht nur die Reste des Mondes, die sich wie kühle, helle Tränen in der sachten Mulde an Remus' Kehle sammeln und ihm die Brust hinunter rinnen, und Sirius fängt sie mit den Lippen auf und mischt seinen Atem mit den Resten des Mondes auf Remus' Brust, er weiß, solche Zärtlichkeiten darf er nicht mehr geben bis zum nächsten Mond, und er ist nie einer, der eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lässt. Und so küsst er ihm das Zittern von der Haut und streichelt die Krämpfe aus den Muskeln und verteilt Ruhe und Zuversicht mit seinen Händen, und Remus legt sich dicht an ihn, schläfrig jetzt, und lockert allmählich seinen verzweifelten Griff.

Um sie erwacht der Wald. Vogelgezwitscher tröpfelt aus den Baumwipfeln zu ihnen hinunter, und aus dem feuchten Waldboden kriecht der Nebel. Das erste Licht des Tages ist rosa und lässt Tautropfen am hohen Waldgras glitzern. Sirius weiß, dass es Zeit wird.

„Mmh" macht Remus unwillig, als Sirius sich vorsichtig von ihm löst und auf die Knie kommt.

„Wir müssen los" sagt Sirius und hilft ihm zum Sitzen. „So wie wir aussehen, möchte ich nicht von einem Förster hier erwischt werden."

Remus sieht ihn an, wirre Haarsträhnen im Gesicht, in denen Blätter und Tannennadeln hängen. Sein Gesicht trägt noch die blutigen Spuren des Rehkitzes. Schräg über seiner Brust läuft ein breiter roter Striemen, auf dem Blut getrocknet ist. Für einen Augenblick denkt Sirius, dass er ihn nie so schön gesehen hat.

Es sind nur ein paar Schritte bis zum Auto, aber für jemanden, der die Fortbewegung auf zwei Beinen neu erlernen muss, sind sie eine Herausforderung. Sirius stützt und hält, und die letzten Schritte trägt er. Das Auto steht noch, wie sie es verlassen haben, mit geöffneter Ladeklappe am Waldrand, und es ist nichts Schlimmeres damit, als dass ein Ameisenvölkchen damit begonnen hat, eine Straße quer durch den Kofferraum anzulegen. Sirius spricht einen Reinigungszauber, der die Ameisen davon fegt, und dann spricht er noch einen zweiten, viel zärtlicher, weil er Emilia den Schrecken angesichts eines blutverschmierten Remus ersparen will. Er steckt Remus in die geflickte braune Robe, wickelt ihn, der wieder begonnen hat zu zittern, in eine Decke, und hilft ihm in den hinteren Teil des Landrovers, wo er sich stöhnend zusammen rollt.

Auch Sirius spürt, wie die Müdigkeit sich mit bleiernen Gewichten an ihn hängt, als er das Auto vorsichtig die gewundene Straße durch den Wald hinunter ins Tal steuert. Er ist froh, als er Remus schließlich aus dem Auto und auf den Stufen vor der Haustür hat, und dann geht die Tür auf und Emilia erscheint, im Morgenmantel und mit dem Gesicht einer durchwachten Nacht.

„Da seid ihr ja" sagt sie. „Alles in Ordnung?"

„Ja" sagt Sirius. „Müde, aber wohlauf."

„Gut" sagt sie und lächelt. „Kommt rein. Ich hab' einen Apfelstrudel gebacken, heute Nacht, und Kaffee gibt's auch schon."

Sie greift nach Remus' freier Seite und hilft ihm über die Schwelle, und dann stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst Sirius auf die Wange.

„Danke" sagt sie.

„Nichts zu danken" sagt er, schlingt seinen freien Arm um sie und zieht sie an sich. Sie riecht nach Apfelstrudel und Zahnpasta, ihre Löckchen kitzeln ihn in der Nase, und er lehnt sich ein wenig gegen sie, wie Remus sich gegen ihn lehnt, und Emilia legt ihre Arme um beide und hält sie beide fest, und die Sonne schickt die ersten warmen Strahlen über die dunklen Baumwipfel.