Ihr Lieben,

vielleicht wird es Euch freuen zu hören, dass ich mein Bedürfnis nach Symmetrie hinten an gestellt habe, zu Gunsten eines neuen Updates. Dieses Kapitel Sechs wird riesig, ich hatte Euch ja Antworten auf alle Eure Fragen versprochen und will dem auch nachkommen. Andererseits ist ein vierzig Seiten langes Kapitel vielleicht auch nur eine bedingt gute Idee, und so teile ich es und präsentiere Euch hiermit den ersten Teil. Es geht mit besonderer Widmung an Slytherene und Chromoxid, die besten Fangirls, die ein Tränkemeister sich wünschen kann.

Soundtrack: Mein Tränkemeister erscheint immer mit großem Orchester. Es bietet sich also etwas von Beethoven an, die fünfte Sinfonie zum Beispiel („Schicksalssinfonie", oder die Dritte von Brahms.

Disclaimer: siehe Kapitel Eins.

Eine Tasse Tee für jeden, und los geht es.

Sechs: Der Vorhang hebt sich (TEIL EINS)

„Muss das sein?" fragt Severus ungehalten. „Ich empfinde diese Geräuschkulisse als äußerst störend."

„Und das aus dem Mund eines Lehrers, der jeden Tag den Lärmpegel von ein paar hundert Schülern erträgt" sagt Remus. Seine Stimme ist sanft, und er sieht Severus nicht an. Er sieht hinunter auf das eingewickelte kleine Menschenbündel, das er in den Armen wiegt. Ein kleines Fäustchen greift hinauf in seine silbrigen Haare, und Remus lächelt, sagt „Autsch" und entwindet die Strähne der kleinen Babyfaust.

„Meine Schüler sind leise, wenn ich es ihnen sage" sagt Severus. „Und sie haben, zum Glück und größtenteils, zumindest gelernt, sich verständlich zu artikulieren."

„Er artikuliert sehr verständlich" sagt Remus und bietet der kleinen Babyfaust einen Finger statt der Haare. „Und er mag dich. Er hat sogar einen Namen für dich. Du bist Dah."

„Wie bitte?" sagt Severus irritiert.

Dah" sagt Remus. „Dein Name. Ich bin Dada, Emilia ist Mah, und der große Bär ist Guuh, oder so ähnlich. Ich finde das bemerkenswert für einen Zwerg, der noch nicht mal sechs Monate alt ist."

„Grundgütiger Merlin" sagt Severus und schiebt seinen Stuhl zurück. „Ich verbringe zu viel Zeit in diesem Haus."

Er spürt Remus' Erheiterung, richtet die Schultern gerade und bringt ein paar Schritte Entfernung zwischen sich und das Familienidyll. Die geübten, fließenden Bewegungen sind ihm so zur zweiten Natur geworden, dass er sich manchmal mit ihnen ertappt, auch wenn er gar kein Publikum hat. Er zirkelt sich hinüber zum Regal, wo ein Bücherstapel mit den Rücken nach hinten liegt. Severus dreht den Stapel, um die Titel entziffern zu können.

„Bwwwa" sagt Jerome. „Guuuh. Uuh-uuh-nnnnn."

„Schön leise" sagt Remus sanft. „Es ist spät, und wir müssen noch ein bisschen arbeiten. Damit Padfoot wieder zu uns kommt, weißt du. Padfoot mit den großen Pfoten…"

„Paaah" sagt Jerome.

„Genau" sagt Remus. „Padfoot."

„Es ist nach elf" sagt Severus, dem Remus' zärtliche Stimme ein klebriges Gefühl von Scham verursacht, als würde er ihn bei einer sehr privaten Intimität überraschen. „Warum schläft das Kind nicht?"

„Frag ihn" sagt Remus. „Ich weiß es nicht. Er ist ein schlechter Schläfer."

„Und warum ist es nicht bei seiner Mutter?"

„Emilia schläft" sagt Remus. „Es hat doch keinen Zweck, dass wir beide wach sind, und sie ist müde genug."

Severus erlaubt sich ein gerade hörbares Seufzen und zieht ein schmales Bändchen zwischen zwei schweren Folianten heraus.

„Die Grey-Abhandlung habe ich hier" sagt er. „Aber das Kompendium, Band A bis E, fehlt immer noch. Kannst du nicht Ordnung halten? Ich möchte endlich fertig werden."

„Liegt es nicht auf dem Stapel?" sagt Remus und bettet das Kind an seiner Schulter. Der kleine Jerome wackelt mit den winzigen Fingerchen und findet schließlich einen, der ihm schmeckt. Über die Schulter seines Vaters sieht er Severus aufmerksam an, Daumen im Mund.

„Wie du meiner vorigen Bemerkung zweifellos entnehmen kannst, tut es das nicht, nein" sagt Severus und entfernt das klebrige, unbehagliche Gefühl mit einer großzügigen Dosis Säure.

„Merkwürdig" sagt Remus, erhebt sich und kommt zu Severus hinüber, das Baby auf dem Arm. „Ich dachte, hier… ist es das nicht?"

„Das ist F bis J" sagt Severus. „Das wird uns nicht helfen, wenn wir Ekhept-Ankh nachschlagen wollen."

„Hm" sagt Remus. „Richtig. Warte mal. Könnte sein, dass es noch in der Küche liegt."

„Bist du sicher, dass eine Küche der richtige Aufbewahrungsort für die Teile einer alten, und wie ich betonen möchte, wertvollen Enzyklopädie ist?"

Remus grinst, unbeeindruckt. Severus fragt sich, wann der dünne, ängstliche Mann eigentlich aufgehört hat, sich vor ihm zu fürchten.

„Immerhin hab' ich's weder angezündet noch gesprengt" sagt Remus. „Sei dankbar für die kleinen Dinge, Severus. Auch einen Tee, übrigens? Wenn ich schon in die Küche gehe?"

„Ja" sagt Severus und spart sich mit dem Bitte auch gleich eine Bemerkung über das bittere, schwarze Zeug, das in billiger Keramik kommt und in diesem Haus für Tee gehalten wird.

„Halt mal" sagt Remus. „Ich bin gleich zurück."

„Wie bitte?" sagt Severus, für eine Sekunde aus der Fassung gebracht, und dann findet er ein Baby auf seinem Arm und den dazugehörigen Vater zur Tür hinaus, und Severus hält das Baby fest, weil er nichts fallen lässt, nicht einmal Babys, und starrt darauf hinunter, während heißes, unbeholfenes Entsetzen sich in seinem Inneren ballt.

„Dah" sagt Jerome und wackelt mit den Ärmchen. „Daaaah!"

Severus diagnostiziert eine Fehlfunktion seines Flüssigkeitshaushaltes. Sein Mund ist ganz trocken, während seine Wangen brennen und seine Hände sich feucht und schwitzig anfühlen. Sein Blick schießt durch den Raum, um eine Ablagemöglichkeit für das Baby zu finden.

Da. Das Sofa unter dem Fenster. Er hat sich immer gefragt, welcher dekadente Black ein Sofa in eine Bibliothek gestellt hat, aber nun kommt es zupass.

„Daaah!" sagt Jerome und lacht, und dann schießt sein winziges Fäustchen mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Präzision nach oben und ergreift Severus' Nase. Severus gibt ein ersticktes Geräusch von sich und schüttelt hektisch den Kopf, um sich zu befreien, und Jerome quietscht begeistert.

Severus packt das Baby und hält es auf Armlänge von sich weg.

„Du kleiner Racker" sagt er und bemüht sich um eine perfekte Angstlehrer-Attitüde. „Ein Jammer, dass du noch nicht alt genug bist, um Manieren zu lernen."

Jerome wackelt begeistert mit den kurzen Beinchen und sagt „Daah, daah".

Severus betrachtet das Baby aus sicherem Armlängenabstand. Er findet es erstaunlich, dass der Winzling sich so beharrlich weigert, die üblichen Angstreaktionen zu zeigen.

„Ganz die Mama" sagt er düster. „Warte, bis du in meiner Klasse sitzt. Ich werde dich das Fürchten lehren, kleiner Gryffindor."

„Dah" sagt Jerome. „Bah. Grrrrrng."

„Genau" sagt Severus. „Und jetzt ab aufs Sofa, kleiner Plagegeist."

Am ausgestreckten Arm trägt er Jerome hinüber zum Sofa und legt ihn in die tiefe, ausgesessene Kuhle.

„So" sagt er erleichtert, macht einen Schritt zurück und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Daah" sagt Jerome, und dann streckt er die winzigen Arme und Beine in die Luft wie ein Käfer, verzieht das Gesicht und öffnet den Mund.

„Oh, nein" sagt Severus, und dann füllt ohrenbetäubendes Geschrei die Stille zwischen den Regalen.

„Oh" sagt Severus, macht einen Schritt zurück und wieder nach vorne, entfaltet die Arme, streckt sie nach dem Kind aus, ertappt sich dabei und faltet sie wieder vor der Brust.

„Ruhe" sagt er strafend.

„Ääääääää" schreit Jerome, während ihm dicke Tränen über die rosigen Babybäckchen laufen.

„Kein Widerspruch" donnert Severus, als gelte es, einen Pausenhof voll randalierender Schüler in den Griff zu bekommen. „Verhalte dich ruhig, oder ich werde…"

Er weiß nicht genau, was er wird, und es ist auch nicht relevant, denn dieses winzige Bündel ist problemlos in der Lage, die geübte Stimme des Gryffindorbändigers zu übertönen. Severus verstummt, beinahe schockiert. Mundtot gemacht von einem Bündel, kaum größer als eine ausgewachsene Mandragora.

„Äääääääää!" schreit Jerome, der schon ganz rot im Gesicht ist.

„Nicht zu fassen" sagt Severus. „Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast! Warte nur, dir zeige ich, zu schreien und mir Kopfschmerz zu machen!" Beinahe ohne sein Zutun schnellen seine Hände nach vorne, pflücken das Baby vom Sofa und legen es gegen seine Schulter, wie er es bei Remus beobachtet hat.

Das Baby hickst, steckt den Daumen in den Mund und betrachtet Severus mit großen, vorwurfsvollen Kirschenaugen.

„Na also" sagt Severus. „Warum nicht gleich so." Er tätschelt den Rücken des Babys, er ist nicht sicher, ob man das mit Babys so macht, aber Jerome scheint es zu gefallen.

„Guuh" sagt er, und dann legt er den Kopf nach vorne gegen Severus' Schulter und schließt die Augen.

„Hier liegt einer Verwechslung vor" teilt Severus ihm mit, aber er tut es leise. „Ich bin nicht dein Bär."

Jerome antwortet nicht, er hat die Augen geschlossen und den Daumen im winzigen Mündchen. Seine feinen, hellen Locken sind feucht an den Schläfen, und er riecht süß nach Milch und etwas, das Ringelblumenextrakte enthält.

„Sabber auf meine Robe, und ich ziehe dir Hauspunkte ab, ehe du überhaupt eingeschult bist" murmelt Severus und wiegt das kleine Bündel, das in seinen Armen tief und regelmäßig atmet.

Dann kommt Remus mit dem Tee und dem Kompendium, und Severus möchte im Boden versinken, weil er keine Zeugen brauchen kann, wenn er ein Baby im himmelblauen Strampelanzug an seiner Schulter schaukelt, es zerstört seine ganze Attitüde, und wie soll jemals wieder jemand Respekt vor ihm haben, der gesehen hat, wie er ein Baby schaukelt, aber dann sieht er Remus' Lächeln und seinen staunenden Blick.

„Er schläft" sagt Remus. „Wie hast du denn das gemacht."

„Meine natürliche Autorität" sagt Severus.

„Soll ich ihn wieder nehmen?" fragt Remus.

„Nein, falls die Möglichkeit besteht, dass der Transfer ihn aufweckt."

„Die Möglichkeit besteht" sagt Remus.

„Dann bleibt er, wo er ist" sagt Severus. „Ich hatte genug Geschrei und Daah, daah für heute."

„Gut" sagt Remus und lächelt immer noch. „Wie du möchtest. Was war es noch, das du nachschlagen wolltest?"

„Ekhept-Ankh" sagt Severus.

„Also" sagt Remus und lädt das schwere Kompendium auf dem Tisch ab.

Für eine Weile ist es wohltuend still. Remus blättert in dem Kompendium, macht sich Notizen und vergleicht sie mit der Abschrift aus dem Einstein-Protokoll. Severus wandert zwischen den Regalen hin und her, trinkt einhändig Tee aus einer unsäglichen schwarzen Tasse mit der weißen Aufschrift „Black is beautiful" und weiß nicht recht, wie er seine Arbeit wieder aufnehmen soll, ohne Jerome zu wecken, dessen kleines, rosiges Gesichtchen friedlich an die teure, schurwollene Robe geschmiegt ist. Es fühlt sich warm an, ein Baby auf dem Arm zu haben. Warm, nicht nur von außen.

Severus streckt den Rücken und entfernt sorgfältig jeden Anflug eines Lächelns von seinem Gesicht. Drüben, auf einem zweiten Tisch, glitzert und blinkt die Spiegelvorrichtung. Severus geht hinüber und überprüft die Einstellungen. Sie haben sechs Wochen gebraucht, um eine Apparatur zu bauen, die in der Lage ist, die Keilschrift mit dem richtigen Neigungs- und Verzerrungsgrad zu spiegeln. Versuch und Irrtum, Versuch und Irrtum, bis zur Erschöpfung (Remus', nicht seiner eigenen. Er erinnert sich gut an diesen einen Abend, an dem sie diesen viel versprechenden Aufbau hatten, behelfsmäßig fixiert, und Remus alles zu Boden riss, weil er ausgerechnet über diesem Tisch ohnmächtig werden musste; es hat sie um eine Woche zurück geworfen, mindestens). Jetzt steht die Apparatur, ordnungsgemäß und professionell befestigt, glitzert im flackernden Gaslicht mit ihren vielen Spiegeln und kupfernen Verstrebungen und hat ihnen ermöglicht, eine übersetzbare Abschrift der Protokolle anzufertigen.

Dass es eine viel einfachere und elegantere Lösung gegeben hätte, haben sie erst erfahren, als sie schließlich in der Lage waren, die Protokolle zu entziffern, denn auch über die Dechiffriermaschine sind Protokolle angelegt worden. Ironie des Schicksals. Aber die Maschine, die sie haben, tut ihren Zweck, aufwendig und unelegant, aber zuverlässig.

Und je mehr der Protokolle sie entziffern, desto stärker zieht Severus die Qualität der ganzen Idee in Zweifel. Vor allem, als die Protokolle Aufschluss darüber geben, warum das Projekt still gelegt wurde.

„Es war eine brillante Idee, sich der Multiversumstheorie der Muggel mittels Temporalmagie zu nähern" hat er Remus gesagt. „Aber sie waren nie in der Lage, den Vorgang zu kontrollieren. Nicht nach jahrelanger Forschung und ausgestattet mit Mitteln und Möglichkeiten, welche die unseren bei Weitem übersteigen, nebenbei bemerkt. Es ist unwahrscheinlich, dass wir einen Erfolg erzielen, wo sie gescheitert sind."

„Vielleicht haben sie es nur nicht dringend genug gewollt" hat Remus mit dieser stählernen Sanftheit geantwortet, die er immer an sich hat, wenn es um Sirius und das Projekt geht.

„Sie waren nicht in der Lage, das Ziel der Reise präzise anzusteuern" hat Severus aufgezählt. „Sie waren nicht in der Lage, den temporalen Fluss zu lenken. Und sie waren nicht einmal in der Lage, die Versuchspersonen unversehrt zurück zu holen."

„Dann werden wir die ersten sein, denen das gelingt" hat Remus gesagt, ganz sanfter Stahl.

Severus schüttelt den Kopf. Das Baby an seiner Schulter hickst im Schlaf und macht kleine saugende Geräusche mit seinem Daumen.

„Stimmt etwas nicht?" fragt Remus hinter ihm und betrachtet besorgt die Dechiffriervorrichtung.

„Die Maschine arbeitet innerhalb der gegebenen Parameter" sagt Severus und stellt vorsichtig die scheußliche Tasse ab. „Aber ob dein so heiß ersehnter Freund das auch tun wird, so wir seiner jemals habhaft werden, halte ich immer noch für mehr als zweifelhaft."

„Ich weiß" sagt Remus. „Ich habe die Berichte auch gelesen."

„Gelesen, aber vielleicht nicht in ausreichendem Maße verinnerlicht" sagt Severus. „Oder woran liegt es, dass dich der Fall McDougherty so gar nicht zum Nachdenken bringt?"

„Wer sagt, dass er mich nicht zum Nachdenken bringt" sagt Remus. „Ich habe nachgedacht. Und ich will es trotzdem tun."

„Auf die Gefahr hin, dass du einen zum Leben erweckst, der sein letztes Restchen Verstand hinter dem Vorhang gelassen hat."

„Er ist nicht tot" sagt Remus, ohne zu zögern. „Und die Antwort ist ja."

Severus lässt eine wohl dosierte Anzahl von Sekunden verstreichen.

„Auf die Gefahr hin, dass es ihm dort, wo er jetzt ist, besser ergeht als an jedem Ort, den du ihm bieten kannst. Auf die Gefahr hin, dass er es dir nicht dankt."

„Was sollte so erstrebenswert daran sein, zwischen einer indefiniten Anzahl von Parallelwelten hin und her geworfen zu werden wie ein Quaffel im Endspiel?"

„Möglicherweise die Tatsache, dass man sich darüber nicht bewusst ist. Die Meinungen, ob man Wissen und Erinnerungen von einer Dimension in die andere transferieren kann, sind geteilt."

„Du meinst, er sollte vielleicht lieber in einem ewigen Stadium von was verbleiben? Bewusstlosigkeit? Schlaf?"

„Vielleicht" sagt Severus.

„Es gibt ein Wort für Schlaf, der nicht mehr aufhört" sagt Remus. „Das Wort heißt Tod."

„Nicht korrekt" sagt Severus. „Tod ist definiert als das Erlöschen jeglicher messbarer Gehirnaktivität. Ein Zustand, der mit dem Schlaf keinesfalls vergleichbar ist."

„Es ist vergleichbar, auf einer philosophischen Ebene. Wenn er leidet, will ich ihm helfen. Und wenn er schläft, will ich ihn wecken."

„Auf die Gefahr hin…"

„Ja. Auf jede Gefahr hin."

„Ich schätze es nicht, wenn man mir ins Wort fällt" sagt Severus nicht ohne Schärfe.

„Tut mir leid" sagt Remus. „Aber wir haben das schon so oft durchgekaut."

„Ich dachte, ein moralisch so heikles Projekt könnte von der neutralen Außensicht eines Dritten nur profitieren" sagt Severus. „Korrigiere mich, wenn ich mich irre. Ich weiß meine Zeit auch anderweitig zu füllen."

Jerome an seiner Schulter verzieht im Schlaf das Gesicht, und Severus tätschelt ihm beruhigend den Rücken, ehe er sich bremsen kann.

„Erstaunlich, wie dieser zerrüttete Mensch es schafft, andere in seinen Bann zu schlagen" sagt er zu niemandem im Besonderen. „Als verfügte er über eine Art von … Seelenfängermagie."

„So ist das mit den Sternen" sagt Remus und schickt ein Lächeln ins Leere. „Sogar die Muggel glauben, dass sie einen Einfluss auf ihr Schicksal haben."

„Esoterischer Aberglaube" spuckt Severus, der dringend etwas spucken oder fauchen muss, um sich selbst wieder ähnlich zu sehen. Die Linderung tritt augenblicklich ein, auch wenn Remus wenig beeindruckt scheint.

„Vielleicht" sagt er und kehrt an den Tisch mit den Papieren zurück. Severus hört ihn rascheln, während er, dessen Arme allmählich ermüden, vorsichtig versucht, das Baby umzubetten, ohne es zu wecken.

„Es ist nur noch eine Seite" sagt Remus und richtet sich von den Papieren auf. „Eine Seite Transkription und Übersetzung. Dann sind wir fertig."

„Kein Grund zu feiern, wenn man bedenkt, dass wir damit gerade erst die Problemstellung erfasst haben" sagt Severus. „Und noch meilenweit von einem Lösungsansatz entfernt sind."

„Immer eins nach dem anderen" sagt Remus. „Soll ich dir das Baby abnehmen, sag mal?"

„Ich bitte darum" sagt Severus. „Er ist schwerer, als er aussieht, auf die Dauer."

Der Babytransfer ist gerade erfolgreich abgeschlossen, als die Tür knarrt und leise Schritte sich nähern.

„He" sagt Emilia und lächelt müde. „Hallo, Severus."

„Guten Abend, Emilia" sagt Severus und streicht rasch seine Robe glatt, in der noch Reste von Ringelblumenduft hängen. Emilia trägt einen gestreiften Pyjama, ihr lockiges Haar steht ihr um den Kopf wie eine flauschige Wolke, und ihre Augen sind klein.

„Kommst du nicht schlafen?" fragt sie Remus. „Es ist schon nach elf."

„Tatsächlich war ich gerade im Begriff, zu gehen" sagt Severus und versteckt seine Hände in den Ärmeln seiner Robe. Er findet, dass Emilia im Pyjama ihm erspart bleiben sollte. Er will nicht wissen, dass sie in lila gestreiftem Flanell schläft. Es geht ihn nichts an, und sie hätte sich wenigstens einen Morgenmantel überwerfen können.

„Oh" sagt Remus. „Wirklich? Ich dachte, wir könnten noch die letzte Seite in Angriff nehmen."

„Fühl dich frei" sagt Severus. „Vielleicht benötigst du ja morgen für deinen Unterricht weniger geistige Frische als ich für meinen."

Er beobachtet, wie Emilia nah an Remus heran tritt und erst das Baby auf die Locken, dann ihren Mann auf die Wange küsst.

„Seit wann schläft er?" fragt sie, und ihre Stimme ist ganz weich.

„Zehn Minuten vielleicht" sagt Remus und sieht hinüber zu Severus, der ihm in aller Eile einen ausreichend finsteren Blick hinüber schießt, um ihn zum Schweigen zu veranlassen.

Lila Streifen und hellblaue Strampelanzüge. Niemand muss so intim werden.

Eine plötzliche Sehnsucht überkommt ihn nach der kühlen, schlichten Stille seiner eigenen Räume. Genug menschliche Interaktion für heute.

„Falls die letzte Seite Überraschungen birgt, schick mir eine Eule" sagt Severus. „Gute Nacht."

Er spürt Emilias erstaunten Blick im Rücken, als er mit rauschenden Roben die Bibliothek verlässt. Es macht keinen Unterschied, was sie denkt.

Trotzdem wäre ihm lieber, es wäre nichts Unfreundliches.

Er reist ungern per Floo, aber noch weniger Lust hat er auf einen nächtlichen Marsch von der Grenze der Appariersperre über die Ländereien von Hogwarts bis hin zum Schloss. Also lässt er sich von Kamin zu Kamin katapultieren. Den Weg von der großen Halle hinunter in seine Räume legt er raschen Schrittes zurück. Die Vertrautheit jeder Biegung, jeder Unebenheit im Steinboden widert ihn an. Irgendwann, denkt er, wird man ihn begraben zwischen diesen Mauern, die schon so vollgesogen sind mit seinem Leben.

Seine Räume sind kühl und friedlich, und er atmet auf, als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Manchmal kann er beinahe vergessen, dass auch diese Mauern Teil seines Grabes sind. Er macht Licht und geht hinüber ins Badezimmer, um sich Wasser über die Hände laufen zu lassen. Er liebt es, sich die Hände zu waschen, es vermittelt ihm ein Gefühl von Klarheit und Sauberkeit.

Severus fragt sich, ob er besser mit himmelblauen Strampelanzügen und anderer Leute Schlafgarderobe zurecht käme, wenn es seine eigene Familie wäre, aber der Gedanke ist so fremd, dass er zu keinem Ergebnis kommt. Er hat früh genug gelernt, dass es Faktoren gibt, die verlässlich sind: Arkane Definitionen, Tränkerezepturen, Intelligenz, Wissensvorsprung, und welche, die es nicht sind: Menschen, Gefühle. Er hat nicht so lange und hart an seiner emotionalen Unabhängigkeit gearbeitet, um sich nun von himmelblauen Strampelanzügen und lila Streifen den Abend verderben zu lassen. Er nimmt sich ein frisches, flauschiges weißes Handtuch und trocknet sich die Hände ab, während er hinüber ins Wohnzimmer geht und mit einem Wink das Licht dimmt.

Es fällt ihm nicht schwer, seine Abendroutine abzuspulen: dunkelgraue, weiche Schlafroben, eine Tasse Tee vor dem Feuer, ein wenig Musik aus der umfangreichen Musikalienbibliothek. Brahms, ein großes, fließendes Orchester, das ihm die Härte aus dem Inneren spült, und dann kann er doch nicht an der Schublade mit dem Dormiens vorbei gehen, ohne sich eine Dosis des kühlen, nachtblauen Tranks über die Zunge fließen zu lassen. Er weiß, dass sein Konsum längst bedenkliche Dimensionen angenommen hat, Dormiens ist nicht für den Dauergebrauch bestimmt, aber wie soll er denn schlafen ohne die Hilfe der dunklen Tinktur, wie soll er die Angst im Nacken loswerden und die Stimmen von dreihundert Teenagern aus dem Kopf kriegen, die sich in seine Hirnwindungen einnisten wie ein Hornissenschwarm. Er ist ein Mann, der sich an zu vielen Schauplätzen zerteilt und sich verflüchtigt wie Aureumdestillat, und ein Fehler kann ihn den Kopf kosten. Wie soll man da noch schlafen. Er lässt sich in die frischen, kühlen Kissen sinken. Das Dormiens entspannt ihm die Muskeln und zerstreut seine Gedanken.

Wie soll man da noch…

oooOOOooo

Manchmal denkt Severus, es hätte vielleicht ein freundlicher, heiterer Mensch aus ihm werden können, hätte er in einer anderen Umgebung aufwachsen dürfen. Es hat sich nichts verändert seit damals, nur der Verfall ist weiter fortgeschritten. Feuchtigkeit und Fäulnis ziehen vom River Madlock hinauf, ballen sich in den Straßen und vermischen sich mit dem Gestank verrottenden Abfalls und aufgegebener Kloaken. Jeder Atemzug beschmutzt und macht krank, selbst wenn der hohe, dünne Schornstein der Spinnerei längst aufgehört hat, giftige Russpartikel über die herunter gekommene Siedlung zu schleudern.

Das Haus am Ende der Straße ist baufällig. Ein schiefer Bretterzaun soll Passanten vor herab stürzenden Ziegeln oder Mauerteilen schützen, doch Passanten gibt es kaum, niemand verirrt sich in diesen seelenverlassenen Sumpf.

Severus öffnet die Tür im Bretterzaun und die Haustür mit einem Wink seines Stabes, während er sich mit der anderen Hand ein Taschentuch vor Mund und Nase presst, es ist mit Orange und Kardamom parfümiert und nimmt dem Ekel die Spitze.

Im Wohn-Schlaf-Raum des winzigen Arbeiterhäuschens wirken Lufterfrischungs- und Reinigungszauber, und so kann Severus das Tuch vom Gesicht nehmen, als die Tür sich hinter ihm schließt.

Sie knarrt immer noch, drei kurze, hölzerne Belastungstöne und ein lang gezogenes Tackern, bis sie endlich ins klapprige Schloss fällt. Severus schließt die Finger um das parfümierte Tuch. Wie jedes Mal, wenn diese Tür sein Ohr beleidigt, kommt dieser Augenblick, in dem er alleine ist mit den Geistern. Sie sickern aus den Mauern, erheben sich aus dem feuchten Holzboden und bröckeln mit dem klumpigen Putz von der Decke, und es ist kein Trost, dass außer ihm niemand sie sehen kann.

Der Geist von Eileen Snape, geborene Prince, ein klagendes Seufzen und das Ringen von schönen, weißen, schlanken Händen, die zärtlich ein Foto umrahmen, es zeigt einen hübschen Jungen mit dunklen Locken und großen, dunklen Augen. Er lacht und winkt, er hat immer gelacht, Fidelis Snape, so ein kluger, hübscher Junge und immer so fröhlich, nicht wie du, Severus, mit deiner komischen Art, doch sein fröhliches Lachen hat ihm nicht geholfen, die Schwindsucht hat ihn geholt mit acht Jahren und hat dich hier gelassen, Severus, mit deiner komischen Art, von wem du die nur hast.

Der Geist von Tobias Snape, bitterscharfer Atem, die Augen rot unterlaufen in einem Gesicht, das schwarz ist vom Kohlenstaub, Kohle schaufeln in der Spinnerei, das ist ein guter Job, kann eine Familie durchbringen, oder, und das ganz ohne Hokuspokus, und ein paar Gläser Bier sind auch noch drin, nicht wahr, Kleiner, den ganzen Tag hart gearbeitet, da kann niemand einem ein Glas Bier verwehren, am Abend, und sieh mich an, wenn ich mit dir spreche, und hast du wieder gezaubert?

Der Geist des kleinen Severus Snape, mit seinem Bettzeug auf der Ofenbank, weil das Geld fehlt, um das obere Stockwerk zu heizen. Seine Augen gehen Hilfe suchend zur Mutter, doch die starrt hinunter auf ihre Hände und hat dieses leere Gesicht, Severus weiß, er ist auf sich gestellt, und nein, Papa, ich hab nicht gezaubert, ich will doch ein guter Muggel sein, ich weiß nicht, warum der Topf geschmolzen ist, und dann duckt sich der kleine Geist unter der Hand des großen Geistes und entkommt ihm durch eine Luke hinunter in den Keller. Es gibt dort einen Verschlag, der klein genug ist, dass der große Geist ihm nicht folgen kann, dort ist er in Sicherheit, und es ist auch nicht mehr so dunkel dort, seit die Mutter ihm gezeigt hat, wie er ein Licht aus dem Nichts erschaffen kann.

Und noch ein Geist geht um in dem alten, feuchten Gemäuer seit einiger Zeit: der Geist eines schüchternen, pummeligen Jungen mit großen Schneidezähnen und einer ängstlichen Freundlichkeit, die das Leben ihm ausgetrieben hat, und dieser Geist ist gefangen im Körper des herunter gekommenen Mittvierzigers, wie Severus' Geister in seinem Kopf gefangen sind.

„Severus" sagt Peter und zieht in ängstlicher Erwartung des raubvogelhaften Niederstoßens den Kopf zwischen die Schultern. „Ich hatte dich nicht mehr erwartet… um diese Uhrzeit…"

„Korrigiere mich, falls ich mich irre" sagt Severus, und sein beißender Tonfall vertreibt die Geister, „aber ich befinde mich in der Annahme, dies sei mein Haus, und ich könnte darin kommen und gehen, wie es mir beliebt?"

„Natürlich" murmelt Peter und duckt sich tiefer, „natürlich."

„Ich wünsche Tee" sagt Severus, entledigt sich mit Schwung seines Mantels und hängt ihn an einen rostigen Garderobenhaken hinter der Tür. Er wird das teure Stück ohnehin, wie alles eine Roben und sich selbst, mit Reinigungszaubern belegen, sobald er zurück in Hogwarts ist, und wenn er Glück hat, werden sie auch gegen die Geister helfen.

„Ja" sagt Peter, tritt von einem Fuß auf den anderen und knetet seine Finger. Die silberne Hand schimmert wie ein seltsames Artefakt im flackernden Gaslicht. „Sofort. Natürlich. Allerdings… du weißt… du kannst mich auch mit wichtigeren Aufgaben betrauen als nur Teekochen und Ordnung halten."

„Kann ich das?" sagt Severus. Peter einzuschüchtern verschafft ihm kaum anhaltende Befriedigung. Es ist zu leicht, immer schon zu leicht gewesen. „Ich wüsste nicht, mit welchen."

Peter räuspert sich, sein unruhiger Blick geht durch den Raum, als suche er nach einen Fluchtweg.

„Tee!" faucht Severus ihn an, und Peter macht einen Satz und verschwindet eilig in dem schmalen Küchenverschlag unter der Treppe.

Während in der Küche hektisches Töpfegeklapper einsetzt, tritt Severus an seinen Arbeitstisch und geht die Papiere durch, die dort liegen.

Seit Peter ihm als Assistent zugeteilt wurde, hat er sich gefragt, womit in Merlins Namen er sich eine solche Ehre verdient hat, er, der unbequeme Überläufer, dem in eigenen Reihen das Misstrauen entgegen schlägt. Seine Arbeit für die Todesserbewegung ist weit davon entfernt, ihr zum Durchbruch zu verhelfen, und überdies ist dieser Assistent zu nichts zu gebrauchen: psychisch deformiert durch zwölf Jahre in der Ratte und zu ängstlich, um alleine auch nur einen Schritt zu tun.

Jeden anderen mit so wenig Potential hätte Voldemort längst abgestoßen. Nur an Peter scheint er zu hängen, er scheint ihm zu vertrauen wie wenigen anderen innerhalb der Bewegung.

Und dieser Gedanke hat Severus schließlich auf die Spur gebracht.

Seitdem ist er sicher, dass Peter nicht hier ist, um ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Sein Auftrag lautet anders, und er erfüllt ihn, indem er an Türen lauscht, in dunklen Winkeln stöbert und die Papiere durchblättert, die Severus auf dem Tisch liegen lässt.

Absichtlich liegen lässt, denn Ratten fängt man mit einem Köder.

„Peter" sagt Severus laut. In der Küche fällt etwas Blechernes klappernd zu Boden, dann erscheint die blasse Gestalt des Gerufenen in dem engen Türrahmen.

„Ich sehe, du hast dich mit meinen Angelegenheiten vertraut gemacht" sagt Severus sehr sanft.

„Ich habe nur… ein wenig… den Tisch abgewischt" stottert Peter, während feine Schweißperlen auf seiner Stirn sichtbar werden.

„Tatsächlich" sagt Severus. „Und welchen Eindruck hattest du vom… Zustand meines Tisches?"

„Nur den besten" sagt Peter lahm.

„Ich kann mich glücklich schätzen, in diesem Haus jemanden zu haben, der sich so innig mit meinen Angelegenheiten identifiziert" sagt Severus sanft, und Peter zittert und schluckt krampfhaft.

Severus muss nicht einmal die Legilimantik bemühen, um zu wissen, was geschlagen hat.

oooOOOooo

Spiegel sind eine verhasste Unvermeidlichkeit in Severus Snapes Leben. Sie sind ein Kontrollorgan, und Kontrolle ist das, was Severus nötiger braucht als alles andere. Vor dem Spiegel im Schlafzimmer kann er seine Wandlungen vollführen, seine äußere Erscheinung perfektionieren, der perfekte Ordensmann, der perfekte Todesser, der perfekte Angstlehrer.

(„Und was unterrichten Sie?" ist er gefragt worden.

„Ich lehre meine Schüler das Fürchten" hat er geantwortet.)

Früher, zu Beginn seiner Lehrtätigkeit, hat er vor diesem Spiegel seine Auftritte geübt, er, der unerfahrene, verängstigte, hässliche Junglehrer, für den es die schlichte Hölle ist, einen Raum voller Augen auf sich zu spüren.

Hässlich kommt von Hass.

Er kann kein Lieblingslehrer sein, er muss nur in den Spiegel sehen, sein Gesicht betrachten, die karrikatureske Verspottung seines ästhetischen Empfindens, die Maske, die er abzureißen nicht in der Lage ist, weil sie die unterste ist in einer Schicht aus Masken und er sie tragen wird, bis er dahinter erstickt, unerkannt, unentdeckt in einer Welt, die Menschen nach ihrem Äußeren beurteilt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, Wissen in die unwilligen Schwachköpfe zu trichtern, die täglich seinen Klassenraum bevölkern. Freundlichkeit ist die eine. Angst ist die andere.

Er ist nicht zum Pädagogen berufen, aber noch viel weniger zum Mittelmaß.

Lehrer, die glauben, Schüler wären dem Grunde nach freundliche Wesen (Remus Lupin zum Beispiel, Lieblingslehrer, wenn diese Schule jemals einen hatte), irren sich. Der Schüler ist der natürliche Feind des Lehrers. Schüler sind Raubtiere. Sie jagen im Rudel, sie haben untrügliche Antennen für die Schwächen des Lehrers, und sie zeigen keine Gnade. Sie sind Experten. Sie tun den ganzen Tag nichts anderes, als ihre Lehrer nach Schwächen abzusuchen. Hyänen, und sie finden immer die verletzte Antilope. Man muss sie auf Abstand halten, unter Kontrolle.

Perfektion, Kontrolle, Angst.

Die einzige Waffe eines Lehrers ist die Sprache. Schüler, die von Severus Snape gedemütigt worden sind, machen den Mund in seiner Gegenwart nur noch auf, wenn sie gefragt werden. Die Jahre des Unterrichtens haben ihm ein subtiles Instrumentarium an die Hand gegeben. Er muss seinen Schülern nicht mehr brutal das Genick brechen. Meist genügt es, wenn er sie seinen mörderischen Zugriff ahnen lässt.

Er hat immer Verteidigung unterrichten wollen, vor allem am Anfang. Er hat von dem Schulterschluss mit Boggarts geträumt, mit Mumien, Ghulen, Riesenspinnen, Vampiren, Schattenkriechern, mit allem, was seinen eigenen Umriss vergrößert. Er hat nie erleben wollen, wie die subtile, sinnliche Kunst des Tränkebrauens von schwitzigen, klebrigen Schülerhänden beschmutzt und entstellt wird, wie seine große, vielleicht einzige Leidenschaft von unkundigen Stümperhänden über den Marktplatz getrieben wird wie eine billige Dorfhure. Keiner von ihnen ist in der Lage, die Magie zu erkennen, die in der Vereinigung von Stofflichem und Arkanem liegt. Aber er ist einer der wenigen im Königreich, denen der Titel „Meister der Tränke" verliehen ist, er hat studiert in Bologna und Florenz an der Academia Arcana, er versteht sich nicht nur auf sein Handwerk, er ist längst dort, wo Handwerk endet und Kunst beginnt, und das qualifiziert ihn in Dumbledores Augen zum Tränkelehrer, nicht zum Lehrer für Verteidigung.

Es qualifiziert ihn, wie Shakespeare zum Niederschreiben von Einkaufszetteln. Es gibt Augenblicke in Severus' Leben, in denen er Dumbledore mehr hasst, als er jemals einen anderen Menschen gehasst hat. Mehr als Potter, mehr als Voldemort, mehr als seinen Vater.

Und dennoch hat er gelernt im Umgang mit den Raubtieren, die täglich seinen Klassenraum bevölkern, harte Lektionen, aber er hat sie verschlungen, eine nach der anderen.

Perfektion. Kontrolle. Angst.

Er könnte nicht überleben in dem, was er tut, hätte er diese Lektionen nicht gelernt.

Severus streift sich die weiße, seidig glatte Maske übers Gesicht. Das Dunkle Mal an seinem Arm schüttet ihm Feuer bis über die Hand, aber er braucht diesen Augenblick vor dem Spiegel, um die Rolle zu wechseln, falsch, die Identität zu wechseln.

Severus Snape ist viele.

Manchmal fragt er sich, ob man sich in sich selbst verlaufen kann.

oooOOOooo

Der Dunkle Lord mit seinem gespenstischen Äußeren bereitet ihm zuweilen beinahe körperlich spürbares Unbehagen. Er fragt sich, warum jemand, der die Macht hat, so lange zu überleben, sich selbst neu zu erschaffen aus einem silbernen Kessel, wie so jemand sich mit diesem absurden Äußeren zufrieden gibt, bleich und konturlos wie eine riesige Made, wo er doch als Schmetterling aus seinem Kokon hätte schlüpfen können. Manchmal denkt Severus, dass eine Absicht dahinter steckt: den Betrachter nie vergessen lassen, dass er, der Dunkle Lord, anders als menschlich ist, mehr als menschlich.

Viele der anderen Todesser praktizieren dem Dunklen Lord gegenüber eine geradezu religiöse Verehrung. Bellatrix Lestrange zuvorderst, aus deren Augen der Wahnsinn nicht mehr weicht, seit Voldemort sich intensiv mit ihr befasst hat, letztes Jahr, nach ihrem Versagen im Ministerium. Severus ist immer noch nicht ganz sicher, über welche Kräfte Voldemort nun wirklich verfügt, und ob das, was er betreibt, nun Legilimantik ist oder charismatische Überzeugungskraft, aber ihm ist sehr bewusst, dass sein Überleben und seine Unversehrtheit an seine Fähigkeiten als Okklument gebunden sind.

„Berichte" sagt Voldemort mit seiner zischenden, tonlosen Stimme, die klingt, als zerbräche man Reisig. Es ist dunkel in dem unterirdischen Gewölbe, irgendwo in den Katakomben Londons, wenige Stablichter lassen die Masken der anderen Todesser wie körperlose Geistergesichter in der Dunkelheit schweben.

„Der Orden verliert an Schlagkraft" sagt Severus. Er steht gerade, die Hände in den Robenärmeln versteckt, Stimme kühl, Blick streng, es ist weniger Unterschied zwischen Voldemort und einer siebten Klasse als man glaubt, der gleiche Kampf, das gleiche Kräftemessen. „Blacks Tod hat auf breiter Front demoralisiert. Nymphadora Tonks hat die Ordensarbeit weitgehend aufgegeben. Lupin hat vollständig den Bezug zur Realität verloren und arbeitet an einem irrsinnigen Wiedererweckungs-Projekt…"

Bellatrix unterbricht ihn mit schrillem Lachen, das zwischen den feuchten Steinwänden hin und her geistert, und er wirft ihr einen scharfen Blick zu, den sie spürt, obwohl die Dunkelheit das Meiste davon schluckt.

„Emilia Lupin kümmert sich überwiegend um ihren Mann und das Baby, also wären da noch Weasleys, Shacklebolts und ein paar andere, darunter Veteranen wie Alastor Moody, der sich vom ersten Krieg noch nicht erholt hat. Ein merkwürdiger Haufen abgewrackter Gestalten, wenn man das so sagen darf, die ihre Zeit hauptsächlich mit Beratungen und Protokollen verschwenden."

„Dumbledore?" fragt Voldemort, und Severus spürt, wie die weißroten Augen in dem Madengesicht versuchen, ihm ein Loch in die Maske zu brennen.

„Dumbledore" sagt er und lässt den brennenden Blick an seiner kühlen Oberfläche kondensieren, „wird alt."

„Trotzdem ist er nicht zu unterschätzen" wirft Rockwood ein.

„Ich denke nicht, dass jemand in diesem Kreis daran erinnert werden muss" sagt Severus.

„Potter?" sagt Voldemort, und Severus erlaubt sich ein dünnes, sardonisches Lächeln.

„Potter ist ein selbstmitleidiger, griesgrämiger Teenager, zu dem die Welt ach so böse und ungerecht gewesen ist" sagt er. „Momentan verschwendet er einen Großteil seiner Energie darauf, Dumbledore mit wüsten Verschwörungstheorien beschäftigt zu halten."

„Wir sollten zuschlagen" sagt Rockwood. „Jetzt, wo sie schwach sind. Snape kann uns ins Hauptquartier bringen. Wir sollten es nehmen und sie einer nach dem anderen fertig machen."

„Genau" stimmt Goyle zu. „Es wird Zeit, dass der Giftmischer uns das Hauptquartier verrät! Warum sollten wir es länger dulden, dass er diese Information für sich behält?"

Severus spürt die offene Feindseligkeit, die von Goyle zu ihm hinüber schwappt. Goyle hat die freundliche Maske aufgegeben, seit Severus ihm gesagt hat, dass sein Sohn ein Idiot ist und immer einer bleiben wird. Er sieht Goyle nicht an, sondern unverwandt in die weißroten Augen, die ihn betasten und nach einer Lücke in der Maske suchen.

„Wenn es gewünscht ist" sagt er.

„Es ist nicht gewünscht" sagt Voldemort, ein trockenes Rascheln, das kaum einen Widerhall an den steinernen Wänden erzeugt. „Den Orden auszulöschen, bringt zu viele Menschen gegen uns auf. Diese verdammten Lehrer sind zu populär, und wir haben noch nicht die Stärke, uns gegen diese Front zu stellen. Nicht, bevor wir die schottischen und südirischen Werwölfe auf unserer Seite haben. Greyback?"

„Mit den südirischen können wir nicht rechnen" sagt der struppige Werwolf mit einem verächtlichen Knurren. „Sie sagen, sie haben sich lange genug von den Engländern unterdrücken lassen, es wäre genug irisches Blut auf englischen Boden geflossen, bla-bla-bla. Wir sollten sie vergessen. Die nordirischen sind verfügbar und hungrig. Man kann sie mit der Unabhängigkeit vom Empire ködern. Außerdem sind die nordirischen Rudel ohnehin mächtiger."

„Gut" sagt Voldemort. „Bring mir die nordirischen und die schottischen. Mit den südirischen darfst du abrechnen, wenn die Zeit gekommen ist."

Ein wölfisches Grinsen überzieht Greybacks bärtiges Gesicht, und er macht einen Schritt rückwärts und deutet eine Unterwerfungsgeste an. Severus bekämpft ein unangenehmes Gefühl von Beklemmung. Er kennt dieses Aufblitzen des Wolfes, nicht nur von Greyback, auch von Lupin. Die beiden Männer sind sich beunruhigend ähnlich.

„Und du" windet Voldemorts Stimme sich in Severus' empfindliches Gehör wie eine Schlange, die durch altes Laub kriecht. „Sage mir, treuer Gefolgsmann, wie du mit deinem neuen Assistenten zufrieden bist? Versieht er seine Aufgaben mit Sorgfalt?"

„Er erledigt kleinere Botengänge für mich und hält das Haus in Ordnung" sagt Severus. „Nichts, was ich nicht auch an jeden beliebigen Hauselfen delegieren könnte."

„Er wurde dir überstellt, um dir die schwere Aufgabe zu erleichtern, die du zum Wohle unserer Bewegung übernommen hast" sagt Voldemort, und eine kaum merkliche Bewegung geht durch die versammelten Todesser. Es ist Unwillen in Voldemorts Stimme, etwas, das um jeden Preis zu vermeiden ist, denn man weiß nie, wo sein Zorn sich entlädt.

Jeder vermeidet es, Voldemorts Unwillen zu erregen, bis auf Severus Snape.

„Ich hatte nicht um einen Assistenten gebeten" sagt Severus. „Ich arbeite gerne alleine. Überdies gebietet die Vorsicht, ihn nicht mit kritischen oder relevanten Aufgaben zu betreuen. Seine Loyalität ist… ein wenig schwankend, möchte ich fast sagen."

„Er ist mein ergebenster Diener" sagt Voldemort. „Er hat mir vierzehn Jahre lang die Treue gehalten. Er hat sein Fleisch gegeben, um mir neue Form zu verleihen."

Möglicherweise war das der Fehler, denkt Severus und unterdrückt ein winziges Zucken seiner Mundwinkel. Was Pettigrew mit Kesseln zu Stande brachte, war früher schon nichts als Gepansche.

„Ich denke, Gebieter, Ihr teilt meine Einschätzung" sagt er laut. „Oder wie kommt es, dass ich ihn nicht hier unter uns sehe?"

„Begehe nicht den Fehler, mein Urteil in Frage zu stellen" zischt Voldemort.

„Ich stelle nicht in Frage" sagt Snape, während um ihn herum erschreckte Todesser versuchen, mit den Schatten zu verschmelzen. „Ich beobachte. Und bei Pettigrew beobachte ich einen ungesunden Hang zur Nostalgie. Gelegentlich höre ich ihn von den guten alten Zeiten winseln, als sie noch seine Freunde waren, die Toten und der Werwolf. Fast scheint es, als würde er seine damaligen Entscheidungen bedauern. Er ist labil, und deshalb ist ihm nicht zu trauen."

„Umso besser, dass er sich im Schutz und unter den Fittichen einer so starken und loyalen Persönlichkeit befindet, nicht wahr" sagt Voldemort, und sein Atem raschelt durch die lippenlose Öffnung, die sein Mund ist.

„Ich verstehe" sagt Severus und versteht, dass er keine Zeit mehr verlieren darf.

Noch am selben Abend sucht sich eine Eule ihren Weg über das Dächermeer von London. Die Nachricht, die sie überliefert, ist kurz.

Morgen, 23. Juni, 22.00: Spinner's End, letztes Haus, linke Straßenseite, Manchester. Sei pünktlich. SS.

oooOOOooo

Severus passt Remus draußen auf der Straße ab. Remus ist pünktlich wie immer und zeigt mildes Erstaunen, als aus den Schatten zwischen Bretterzaun und Schutthaufen der Rabenkönig erscheint.

„Warum sind wir hier?" fragt er. „Was ist das für eine Gegend?"

„Wir haben hier etwas zu erledigen" sagt Severus, der einen merkwürdigen Trost aus der Rabenmaske zieht. Sie macht es ihm leichter, sich diesem Ort zu nähern, als wäre sie ein Schutz, den die Geister nicht durchdringen können.

„Aha?" sagt Remus.

„Komm" sagt Severus und stößt die Tür im Bretterzaun mit dem Stab auf. „Du hast hier jemanden zu treffen."

Dunkel und schief wie ein alter Ghul kauert sich das Haus in den Schatten zusammen und zwinkert tückisch mit einem erleuchteten Fenster. Vom Fluss weht Fäulnis zu ihnen hinauf. Severus umrundet die zerbrochenen Steinplatten, wo in den Spalten schenkelhohe Sträucher wachsen, macht einen Schritt über die wackelige Stufe am Eingang und klopft mit harter Faust gegen die Tür.

„Severus" sagt Remus. „Was soll das Versteckspiel? Wer wohnt hier? Wen müssen wir treffen?"

„Ich komme schon" sagt eine dünne Stimme von drinnen, und die morschen Dielenbretter knarren.

Remus' lautlose Lippen formen einen Namen. Sein Gesicht ist plötzlich geisterhaft weiß.

Dann öffnet sich die Tür, und Peters geduckte Gestalt erscheint im Türrahmen.

Für eine Sekunde starrt er Remus an, und Remus starrt ihn an, dann, mit einer plötzlichen Bewegung, will Peter die Tür zuschlagen, doch Severus ist schneller. Mit schlangenschneller, befehlender Geste richtet er den Stab auf die Tür, und sie fliegt auf. Peter wird zurück geschleudert und landet auf dem Boden.

„Hallo, Peter" sagt Severus. „Ich habe einen alten Freund zum Tee mitgebracht." Mit einem großen Schritt ist er über der Schwelle, seine wallende Robe fegt wie ein schwarzer Schatten über Peter hinweg, der sich verzweifelt bemüht auf die Füße zu kommen. Hinter sich hört er, wie Remus die Tür schließt.

„Peter" sagt Remus. „Was für eine Überraschung." Seine Stimme klingt mühsam beherrscht, aber Severus kann nicht unterscheiden, ob es nun Wut oder Trauer ist, das er da unterdrückt, jedenfalls kann niemand, nicht einmal Remus, etwas auf Dauer unter Kontrolle behalten, das unter solchem Druck steht.

Peter, der vom Sturz benommen wirkt, kommt auf alle Viere und kriecht rückwärts.

„Geh in die Ratte, und es wird mir ein Vergnügen sein, dich zu braten" sagt Remus mit einem dunklen Grollen, das Severus schaudern lässt. „Und glaub mir, ich brauche nicht einmal einen Stab dazu." Remus öffnet die Hand und lässt Flammen aus seiner Handfläche aufspringen. Peter keucht und zieht sich am Tisch in die Höhe.

„Remus" sagt er. „Ich… ich… ich kann das erklären…"

„Erklären?" sagt Remus und löscht die Flamme auf seiner Hand mit einem Schlenkern der Finger. „Du meinst, es gäbe noch etwas, das sich zu hören lohnt? Das du noch nicht damals, in der Heulenden Hütte, erklärt hättest? Vielleicht möchtest du ein paar Worte darüber verlieren, unter welchen Umständen du dir zwischenzeitlich diese silberne Hand erworben hast?"

„Ich konnte nicht anders" sagt Peter und schluchzt es fast. „Ich hatte nichts anderes mehr. Wohin hätte ich denn gehen sollen. Ich musste es zu Ende bringen."

„Ja" sagt Remus. „Das ist zumindest konsequent."

Er nähert sich Peter, schleichend beinahe, sein Gesicht ist unendlich bekümmert, aber da ist ein goldenes Leuchten in seinen Augen, trotz der magischen Brillengläser, das in dieser Nacht mit der schmalen Mondsichel dort keinen Platz haben sollte. Severus macht einen Schritt rückwärts und verschmilzt mit den Schatten unter der Treppe.

„Es tut mir leid" sagt Peter und klammert sich zitternd an den Tisch. „Kannst du mir das glauben? Es tut mir leid. Alles tut mir leid. Ich war nie stark genug."

„Ich weiß" sagt Remus, der um den Tisch zirkelt, Hände in den Manteltaschen vergraben, die schmalen Schultern nach vorne geneigt, als würde eine schwere Last auf ihnen ruhen. „Wir beide nicht. Du und ich, wir waren immer die Schwachen. Wir haben immer andere gebraucht, die uns sagen, wer wir sind, was wir wert sind. Es ist heute noch so. Aber zumindest habe ich immer gewusst, wo meine Loyalitäten liegen."

„Ja" sagt Peter und schließt die Augen. Sein Gesicht ist kalkweiß.

„Du weißt, dass Sirius dir vertraut hat" sagt Remus. „Bis zum Schluss. Dir. Nicht mir. Er hat vielleicht manchmal seine grausamen Scherze mit dir getrieben, aber mich hat er fallen lassen. Nicht dich."

„Ja" sagt Peter wieder, tonlos.

„James genauso" sagt Remus. „Lilly genauso. Sie haben dir vertraut, und mich aus dem Pack gestoßen. Kannst du mir erklären, warum du zur anderen Seite übergelaufen bist, nicht ich?"

Peter schüttelt den Kopf.

„Ich mir auch nicht" sagt Remus, nimmt die Brille ab und streicht sich über die Augen wie einer, der sehr müde ist.

„Severus" sagt Peter, kaum gehen ihm die Worte über die zitternden Lippen. „Du wirst nicht zulassen, dass er mir etwas tut, oder? Du wirst es nicht zulassen."

„Sag mir, welches Interesse ich daran haben sollte, einen Wurm wie dich zu schützen" sagt Severus aus den Schatten und macht sich keine Mühe, die Verächtlichkeit in seiner Stimme zu maskieren.

„Der Dunkle Lord wird nicht sehr erfreut sein, zu erfahren, dass… dass ich…"

„Dass du einen kleinen, hässlichen Unfall hattest?" vollendet Severus den Satz und leistet sich ein kleines, kalt amüsiertes Lachen. „Oh, ich denke nicht, dass er sich übermäßig grämen würde. Du hast deine Schuldigkeit getan, Wurmschwanz, und überdies sind dem Dunklen Lord Gerüchte zu Ohren gekommen… bezüglich deiner schwankenden Loyalitäten…"

„Das hast du nicht" keucht Peter. „Das hast du ihm nicht gesagt! Meine Loyalität war nie schwankend!"

„Habe ich nicht?" sagt Severus samtig. „Du bist allein, Wurmschwanz. Allein mit einem Werwolf."

Remus legt seinen unverstellten Wolfsblick auf Peter. Peter keucht auf und macht eine Fluchtbewegung zur Tür, die ihm von Remus abgeschnitten wird. Der Werwolf bewegt sich mit einer Grazie und Geschwindigkeit, die Severus zusammenzucken lässt, er ist froh, dass keiner der beiden Anwesenden seinen Schreck gesehen hat, hier in den Schatten.

„Ich bin noch nicht fertig mit dir" sagt Remus, und seine Augen leuchten in einem kalten Gelb, das nichts mit der trüben Gasbeleuchtung zu tun hat.

„Was willst du?" sagt Peter und weicht geduckt zurück. „Ich gebe es dir. Ich bin einflussreich. Ich habe vermögende Freunde…"

„Du willst mich doch nicht etwa kaufen" sagt Remus, der ihm nachgeht, schleichend. „Wie verzweifelt musst du sein."

„Sehr" sagt Peter zitternd.

„Das glaube ich dir" sagt Remus. „Aber es ist zu spät für Reue. James und Lilly sind tot. Sirius ist... weg. Nur ich bin noch hier, und werde einen zweiten Krieg erleben müssen, dank dir."

„Was willst du?" sagt Peter und versucht immer wieder, den Tisch zwischen sich und den Werwolf zu bringen, aber Remus ist schneller, und so entsteht ein merkwürdiger Tanz. „Willst du mich töten?"

„Ich weiß es nicht" sagt Remus. „Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll. Ich wünschte, man hätte mich auf dieses Treffen vorbereitet."

„Fürs erste würde ein Schuldeingeständnis dazu beitragen, eine verworrene Lage zu klären" sagt Severus. „Und möglicherweise die Temperamente in diesem Raum besänftigen, nicht wahr, Remus?"

„Ja" sagt Remus, beinahe fragend, und Severus spürt die Verwirrung des anderen.

„Schuldeingeständnis" flüstert Peter, dessen Augen immer noch den Weg zur Tür suchen. „Was für ein…?"

„Du meinst, welches von den zahlreichen, die auf deinen Schultern lasten?" schneidet Severus ihm das Wort ab. „Nun, da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass du versucht hast, mich im Auftrag des Dunklen Lords zu bespitzeln. Ein kläglicher Versuch, nebenbei bemerkt. Und das, nachdem ich dir in meinem Haus Unterschlupf gewährt habe, um der alten Zeiten Willen."

„Ich habe nicht…" beginnt Peter, aber dann lässt Severus ein leises, tödliches Lachen in die Stille tropfen, und Peter verstummt.

„Als nächstes" sagt Severus, „steht der Mord an einem Dutzend Muggel auf deiner Liste. Oktober 1988, falls du dich erinnerst. Sirius Black ist für diese Tat nach Azkaban gegangen. Man mag persönlich von ihm halten, was man will, aber er war unschuldig. Gibst du es zu?"

„Ich konnte nicht anders" wimmert Peter. „Er wollte mich töten! Ich habe es in seinen Augen gesehen…"

„Gibst du es zu?" faucht Severus, und Peter schluchzt „Ja" und bricht über dem Tisch zusammen.

„Tötet mich nicht" wimmert er. „Tötet mich nicht…"

„Und was für ein erbärmliches Leben, um das du dir solche Sorgen machst" sagt Remus leise. „Mit der täglichen Gewissheit, dass du Menschen umgebracht hast, die dir vertraut haben, die ihr Leben in deine Hand gegeben haben, und das ihres Kindes. Und zwölf andere, die nicht weniger schwer wiegen, nur weil wir nicht einmal ihre Namen kennen. Und wer weiß, wie viele du noch umbringen wirst, allein dadurch, dass du Voldemort zur Rückkehr verholfen hast."

„Ich habe an ihn geglaubt" stöhnt Peter und krümmt sich über der Tischplatte, dass einzelne Pergamentstreifen zu Boden fallen wie schmutziger Schnee. „Ich habe geglaubt, was er gesagt hat, damals."

„Dass die Muggel uns den Lebensraum wegnehmen?" sagt Remus, und es klingt traurig. „Dass die Zauberer die Herrenrasse sind und wir unseren Fortbestand sichern müssen? Oder, ihr euren Fortbestand, denn für Werwölfe, Squibs und andere Abnorme hatte man hübsche kleine Lager vorgesehen, wenn ich mich recht erinnere."

„Ich war immer gegen die Lager" flüstert Peter.

„Das tröstet mich nicht" sagt Remus.

„Ich notiere" sagt Severus. „Umfassendes Schuldeingeständnis von Peter Pettigrew vor Zeugen, für den Vorfall von Godric's Hollow 1988 allein verantwortlich zu sein. Demnach ist die Unschuld von Sirius Black anzunehmen. Ist das korrekt?"

„Ja" flüstert Peter.

„Lauter!" zischt Severus.

„Ja!" schluchzt Peter.

„Danke schön" sagt Severus samtig, tastet hinter sich im Regal unter der Treppe und legt sehr unauffällig einen kleinen Schalter um. Eine kleine blaue Leuchtdiode verlischt.

„Und nun, Remus" sagt er, „verfahre doch bitte mit unserem Gast, wie du es für richtig hältst."

„Ich weiß nicht, was richtig ist" sagt Remus ratlos. „Da gibt es eine Stimme in meinem Kopf, die sagt Mach ihn fertig, den Schweinehund! Und eine andere, die sagt Mein Vater würde nicht wollen, dass ihr zu Mördern werdet, wegen ihm."

„Der junge Potter hätte damals vielleicht auch anders entschieden, wäre ihm ein Blick in die Zukunft möglich gewesen" sagt Severus.

„Was meinst du damit?" sagt Remus. „Meinst du, ich soll…"

„Ich meine gar nichts" sagt Severus und ist überrascht, wie ehrlich und unverstellt die Worte über seine Zunge gehen. „Ich habe keine Veranlassung, etwas zu meinen. Ich bin noch der, der wegen ihm am wenigsten gelitten hat."

„Oh, Merlin, Remus" schluchzt Peter. „Ich will es wieder gut machen. Es tut mir leid. Ich wollte nie… Ich hatte doch nur…"

„Und wie?" sagt Remus, nicht mehr, und Peter sinkt zu Boden, als hätte ihn die letzte Kraft verlassen.

„Es tut mir leid" wimmert er.

„Das sagtest du bereits" sagt Remus. „Das hilft uns nicht, und es erkauft dir nicht deine Freiheit, denn diesmal werden wir dich nicht entkommen lassen." Er dreht seine Brille zwischen den Fingern, als sähe er sie zum ersten Mal, dann wirft er sie auf den Tisch, eine achtlose, beinahe untypische Geste.

„Sprich nur für dich selbst" sagt Severus unangenehm berührt, und Remus sagt „Was?" und wirft ihm einen verwirrten Blick zu, und in dieser Sekunde ist Peter in der Ratte und schnell wie ein Schatten durch den Raum, auf dem Weg zur Hintertür in der Küche. Remus reißt eine Handvoll Feuer aus dem Nichts und schleudert es hinter dem kleinen, wieselflinken Wesen her, doch er verfehlt ihn. Wie Sternschnuppen fallen Funken auf den Tisch und bemächtigen sich der Pergamente, während der Rest des Feuerballs auf dem Boden eine feurige Spur hinterlässt, bevor er verlischt.

Petrificus!" befiehlt Severus und setzt dem Flüchtling nach, doch auch dieser Zauber verfehlt sein Haken schlagendes Ziel. Mit einigen langen Schritten stürmt Severus zur Küchentür und duckt sich gerade noch rechtzeitig unter einer Serie von Magischen Geschossen, die ihn um Haaresbreite verfehlen und in die gegenüber liegende Wand einschlagen. Peter hat offenbar die Ratte schon wieder aufgegeben und stellt sich auf einen Kampf ein.

Dann hört er Remus stöhnen und wirft einen Blick über die Schulter.

Remus ist auf allen Vieren und hat den Kopf in den Nacken geworfen, seine Zähne glitzern im flackernden Feuerschein. Für einen Augenblick glaubt Severus, der andere sei getroffen, dann sieht er mit wachsendem Entsetzen, wie Remus' Körper sich krümmt, wie silbriges Fell seine weiße Haut überschwemmt, und dann ist da plötzlich der Wolf und duckt sich aus der Kleidung, die nutzlos um ihn hängt, und ist mit wenigen langbeinigen Sätzen an Serverus vorbei, der sich einen Augenblick der Schreckensstarre erlaubt.

Ein Knall erschüttert das Haus. Severus wirft einen Blick durch die Küchentür. Dort, wo die Hintertür war, ist nun ein Loch in der Wand, durch das Peter flieht, den Wolf auf den Fersen. Severus sieht die buschige Rute wie eine Fahne im nächtlichen Hinterhof, dann einen Schrei und blechernes Scheppern, als Peter gegen die Mülltonnen stürzt, vom Wolf zu Boden gerissen.

Severus erwacht aus seiner Starre, als ein unangenehmer, heißer Windhauch ihm von hinten unter die Haare kriecht. Die Papiere auf dem Tisch brennen lichterloh, und auch aus dem rissigen Holz der Tischplatte erblühen die ersten Flammen.

Dieses Haus enthält einen einzigen Gegenstand, den Severus nicht mit Freuden brennen sehen würde. Severus rafft seinen Umgang um sich, stürzt zurück in seine dunkle Nische unter der Treppe und befreit den kleinen Muggelkasten aus seinem Versteck zwischen zwei Regalbrettern. Er verstaut ihn sicher in der Innentasche seiner Robe, greift seinen Stab fester und rückt durch die Küche bis unter die ehemalige Hintertür nach, ohne einen Blick zurück zu werfen.

Der Kampf ist vorbei, ehe er überhaupt angefangen hat. Peter liegt bäuchlings zwischen den Resten der explodierten Tür und dem verrotteten Inhalt der umgestürzten Mülltonnen. Über ihm steht der Wolf, sein silbriger Pelz schimmert wie Schnee in der großstadthellen Sommernacht. Er scheint es nicht eilig zu haben, der Wolf, er beschnuppert seine Beute gründlich, und die Beute wimmert. Zu Severus' Erstaunen ist der Wolf ganz ruhig; keine Spur von Tötungslust oder Blutrausch. Er beschnuppert Peters Halsbeuge, und dann öffnet er das Maul und versenkt seine Zähne in Peters weißer Haut, beinahe zärtlich bricht er die Oberfläche auf und lässt dunkles Blut fließen, es färbt seine glitzernden Fänge und tropft auf den sandigen Boden, nicht viel, nur ein dünnes Rinnsal, eine gekrümmte Straße, die Peters Hals entlang läuft und im Nichts endet. Peter schreit, schrill und in Todesangst, doch der Wolf lässt von ihm ab, steigt von ihm und tritt einen Schritt zurück, wie um sein Werk zu begutachten.

Severus begreift, dass dieser Biss nicht töten sollte. Der Wolf hat Peter zu Seinesgleichen gemacht.

Ein paar Schritte neben ihm setzt der Wolf sich auf seine Hinterläufe, schüttelt den Kopf und fährt sich mit der Pfote über die Schnauze.

Severus sieht zwischen dem Wolf und Peter hin und her, und Peter kommt zum Sitzen, greift sich mit der einen Hand an die Wunde und hält sich die zweite vors Gesicht, namenloses Entsetzen im Blick, und die helle Großstadtnacht übergießt seine silberne Hand mit einem fast unwirklichen Schimmer.

Es geht dann schneller, als Severus erwartet hätte. Peter schreit, aber nicht lange, bevor etwas, das Severus für einen allergischen Schock hält, ihm das Bewusstsein raubt.

Peter stirbt, ohne es zu merken, auf einem schmutzigen Hinterhof, inmitten von Unrat, irgendwo in Manchester.

Severus atmet tief durch. Erst, als der kühlende Duft von Zitrus und Kardamom ihm wohltuend den Kopf klärt, wird ihm bewusst, dass er sich sein weißes Tuch gegen die Atemöffnung in der Rabenmaske presst, er weiß nicht, wie lange schon. Er lässt es sinken und sieht nach dem Wolf.

Der Wolf ist verschwunden. Remus ist auf der steinernen Stufe zur ehemaligen Hintertür in sich zusammengesunken, die dünnen Beine eng an den Körper gezogen. Aus dem Haus dringt flackernder Feuerschein und übergießt seine weiße Haut mit einem goldenen Schimmer. Remus zittert und betastet vorsichtig seine Lippen, die aussehen, als seien sie verbrannt.

Erst, als er sich in Bewegung setzt, bemerkt Severus, wie weich sich seine Knie anfühlen, als könnten sie sich jeden Augenblick nach hinten biegen und ihn in den Schmutz des Hinterhofes befördern. Dankbar um das trügerische Licht, das seine unsicheren Schritte verbirgt, wirbelt er sich den Umhang von den Schultern und lässt ihn auf Remus hinunter fallen wie eine dunkle Wolke. Remus lächelt verloren und zieht das edle Kaschmir eng um sich. Seine Augen liegen auf der kleinen, gekrümmten Gestalt zwischen den Mülltonnen.

Eine Weile schweigen beide. Dann ruft Severus, dessen Beine ihm wieder gehorchen, sich zur Ordnung und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Du hast mein Haus angezündet" sagt er, aber die letzte Schärfe will ihm nicht gelingen.

„Oh" sagt Remus. „Tatsächlich? Das tut mir leid."

„Erst eine Bibliothek, dann das Ministerium, jetzt mein Haus. Du ziehst eine Spur der Verwüstung hinter dir her, mein Freund."

Remus' Lächeln wird ein wenig echter.

„Soll ich's löschen?" bietet er an.

„Diese Bruchbude?" sagt Severus. „Ich fahre besser, wenn ich es abbrennen lasse und die Versicherungssumme kassiere."

„Oh" sagt Remus wieder. „Okay. Aber meine Brille ist noch da drin. Und meine Sachen."

Accio Brille" sagt Severus und hat gleich darauf die heiße, etwas verbogene Sehhilfe in der Hand. Eilig bringt er ein Stück Ärmelstoff zwischen seine Haut und das heiße Metall und schwenkt die Brille, um den Kühlvorgang zu beschleunigen.

„Ich hoffe, du wirst diese delikate Auswahl an Lumpen nicht vermissen, die deine Kleidung darstellt" sagt er. „Sie brannten schon, als ich den Raum verließ."

„So lange ich deinen Umhang leihen darf" sagt Remus, und Severus sagt „Aber natürlich" und gestattet sich das Seufzen eines ausgebeuteten Gutmenschen.

„Danke" sagt Remus und kommt in die Höhe. Den Umhang eng um sich geschlungen, geht er barfuß hinüber zu Peter und kniet sich neben ihn, um sein Gesicht zu betrachten.

„Merkwürdig" sagt er leise und schüttelt den Kopf. „Ich habe nie wirklich begriffen, dass dieser Peter der gleiche sein soll wie… mein Peter. Der, mit dem ich zur Schule gegangen bin. Der das Bett neben mir hatte. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich ihm mit Arithmantik und Astronomie geholfen habe. Hunderte, vermutlich. Remus und Peter, das war immer die zweite Hälfte von Sirius und James."

„Sei so freundlich und erspare uns beiden die Peinlichkeit einer Grabrede" sagt Severus.

„Es ist keine" sagt Remus und richtet sich auf. „Ich habe meinen Peter damals schon betrauert. Diesem hier habe ich nichts zu sagen. Vielleicht ist es gut, dass sie so wenig miteinander zu tun haben."

Ein bedenkliches Krachen und Ächzen wie von Dachbalken verschluckt seine letzten Silben. Severus wirft einen Blick über die Schulter. Flackernder Lichtschein dringt aus den Fenstern im oberen Stockwerk.

„Ich empfehle Rückzug" sagt er. „Dieses Haus war schon einsturzgefährdet, ehe du es angezündet hast."

„Was ist mit den anderen in der Straße?" fragt Remus, doch Severus packt ihn schon am edlen Kaschmirärmel und zieht ihn in Richtung Hoftor. Es ist genug, hier geboren zu sein. Er will sich definitiv hier nicht begraben lassen.

„Alle unbewohnt" sagt Severus. „Aufgegeben. Es gibt eine Abrissplanung, schon seit langem, und kein Muggel wird sich je erklären können, wie die so lange in der Schublade vergessen werden konnte."

„Aha" sagt Remus und lächelt schmal.

Das schmale, rostige Hoftor klemmt, und Severus hilft mit einem Zauber nach.

„Warte" sagt Remus.

„Ungern" sagt Severus, doch Remus geht zurück zu Peters gekrümmter Gestalt, dreht ihn auf den Rücken und schließt ihm mit beinahe zärtlicher Geste die Augen.

„Jetzt können wir gehen" sagt er.

„Da bin ich aber froh" sagt Severus, und es klingt ihm viel zu ehrlich, wahrscheinlich liegt es an dem dicken Klumpen, der in seiner Kehle sitzt und seinen üblichen Zynismus filtert.

Er macht ein paar rasche Schritte hinaus auf den steinigen Pfad, der hinunter zum Ufer des River Madlock führt. Die Luft ist kühler hier draußen, hinter den Häusern, und aufgeladen mit der dumpfen, fauligen Feuchtigkeit des Wassers. Remus ist an seiner Seite, seine Augen reflektieren golden den Feuerschein, seine nackten Füße machen kein Geräusch auf dem unebenen Untergrund.

Lumos" sagt Severus und hält seinen leuchtenden Stab vor sich. Es gibt hier unten diese Stelle, wo der Weg ungesichert an der Flussböschung entlang führt, und er möchte keinesfalls heute noch ein anderes Bad nehmen als ein heißes, parfümiertes, in seinen ruhigen, friedlichen Räumen. Und dann kommt ein trockenes Krachen und Bersten von altem Holz zu ihnen, und plötzlich wird es ganz hell auf dem nächtlichen Uferweg, als Spinner's End Nummer 16 in einer gewaltigen Feuerlohe langsam in sich zusammen stürzt.

Severus ist stehen geblieben und hat sich umgedreht, und plötzlich hält er es nicht mehr aus hinter seiner Maske und reißt sie sich vom Gesicht und holt Luft, tief und zitternd, als sei es sein erster Atemzug, und etwas wie ein unterdrücktes Stöhnen kommt aus seinem Mund, ehe er es verhindern kann. Der Wind streichelt sein Gesicht, gleichzeitig heiß vom Feuer und kalt von der Nacht, und wenn er die Augen schließt, kann er die tanzenden Flammen durch die geschlossenen Augenlider sehen. Und dann spürt er eine Hand auf seinem Arm, fest und beständig, sie gibt ihm die Kraft, einen Schritt zu machen und sie abzuschütteln, nicht sonderlich unsanft, und weiter zu atmen und ein seltsames, irrationales Gelächter zu bekämpfen, das unpassender Weise aus seinem Inneren heraus will. Er kann nicht verhindern, dass es ihm die Mundwinkel verzieht, aber glücklicherweise erkennt niemand ein Lächeln in Severus Snapes Gesicht, und so kann er es dort lassen.

„Es war klug von dir, ihn gestehen zu lassen" sagt Remus, seine Stimme ist kaum lauter als das Rauschen von Flammen und Wasser, das sie in ganz eigenem Rhythmus umspielt. „Dieses Geständnis ist besser verwertbar als das aus der Heulenden Hütte. Wenn wir jemals eine gerichtliche Instanz finden, die unabhängig urteilt und außerdem Szenen aus dem Denkarium als Beweise akzeptiert."

„Denkarium, oder Muggeltechnologie" sagt Severus, fasst in seine Innentasche und präsentiert das kleine Muggelkästchen auf der flachen Hand.

„Emilias Digitalkamera" sagt Remus überrascht.

„Mit der sich auch kleine Videoaufnahmen erstellen lassen" sagt Severus und genießt den kühlen Triumph, den er immer verspürt, wenn ein Plan funktioniert hat. „Denkariumsbeweise werden immer gerne angezweifelt. Besser, man hat eine Rückversicherung."

„Wusste sie, was du damit vor hast?" fragt Remus.

„Nein" sagt Severus. „Ich sagte, zu Dokumentationszwecken. Sie hielt es nicht für nötig, zu insistieren."

„Du bist wirklich ein Fuchs" sagt Remus.

„Ich muss doch sehr bitten" sagt Severus. „Keine caniden Vergleiche."

„Entschuldigung" sagt Remus. „Ich wünschte trotzdem, du hättest mich vorgewarnt."

„Ich wollte dir keine Zeit geben, Skrupel zu entwickeln" sagt Severus. „Ich musste ihn loswerden, und du tendierst zum Stillstand, wenn du zu lange über etwas nachdenkst."

„Warte mal" sagt Remus und macht einen Schritt, um Severus ansehen zu können. Der Feuerschein lockt ihm goldene Funken aus den Augen. Instinktiv umfasst Severus seinen Stab im Robenärmel und prüft Remus' Gesicht auf Anzeichen des Wolfes, doch da ist nur Remus, ziemlich aus der Fassung gebracht.

„Du denkst also, meine ersten spontanen Reaktionen wären die eines Killers?" fragt Remus.

„Nicht notwendiger Weise" sagt Severus. „Aber sind wir nicht alle in Extremsituationen zu Unvorstellbarem fähig?"

„Red dich nicht raus" sagt Remus.

„Du hättest es damals schon getan, in der Heulenden Hütte" sagt Severus. „Zusammen mit Sirius, wenn der junge Potter nicht dazwischen gegangen wäre. Du schienst keine Skrupel zu verspüren, damals. Sirius steht derzeit nicht zur Disposition, also erschien die logische Konsequenz, dir eine zweite Chance einzuräumen."

„Warum hast du's nicht selbst getan?"

„Warum sollte ich, wenn du es für mich tun kannst?"

Remus macht einen Schritt zurück, wirft die Hände in die Luft und gibt etwas von sich, das zwischen einem Schnauben und einem hilflosen Lachen liegt.

„Ich war allerdings überrascht zu sehen, dass du die Aufgabe an den Wolf delegiert hast" sagt Severus, der den anderen nicht aus den Augen lässt. „Wenn ich recht informiert bin, liegt der letzte Vollmond zwölf Tage zurück."

„Ich weiß" sagt Remus. „Aber wir wollten es. Beide."

„Ich hoffe, du entwickelst keine Gewohnheit daraus" sagt Severus, und Remus lächelt ein wenig schmerzlich.

„Kaum" sagt er. „Ich konnte einen Zauber zu Hilfe nehmen, aber es ist trotzdem keine Animagie. Es ist viel zu gefährlich, um sich einen Spaß draus zu machen."

„Die Stimme der Vernunft" sagt Severus. „Musik in meinen Ohren."

„Und Polizeisirenen, in meinen" sagt Remus und legt lauschend den Kopf schief. „Vielleicht ist es Zeit zu gehen, was meinst du?"

„Kannst du apparieren?"

„Muss ich?" sagt Remus. „Ich fühle mich noch ein bisschen… wölfisch."

Severus schnaubt.

„Dann halte still, und mach dich leicht" sagt er. „Ich bin es nicht gewohnt, andere zu apparieren."

Remus kommt neben ihn und legt die Hand auf seinen Arm. Severus sammelt sich.

Destination. Determination. Del…

„Warte" sagt Remus.

„Was?" sagt Severus ungeduldig.

„Warum machst du das alles?" sagt Remus und taucht Severus in diesen goldenen Blick, der ihn schaudern lässt.

„Spezifiziere" sagt Severus.

„Für Sirius" sagt Remus. „Du engagierst dich weit mehr, als ich erwartet hätte. Oder, als ich gewagt hatte zu hoffen. Warum tust du das?"

„Wer sagt, dass ich es für Sirius tue" sagt Severus und legt genug Verächtlichkeit in seine Stimme, um sich wieder wohl zu fühlen.

„Tust du nicht?" sagt Remus erstaunt. „Ich dachte, das wäre nahe liegend."

„Mittelbar" sagt Severus und wendet sein Gesicht zum dunklen Fluss.

„Emilia" sagt Remus nach einer Weile, und die Hand auf Severus' Arm ist plötzlich tonnenschwer. „Du tust es für sie. Damit sie sich besser fühlt, weil ich mich besser fühle."

„Scharfsinnig" sagt Severus und kann nur hoffen, dass Remus das winzige Zittern in seiner Stimme nicht bemerkt, aber natürlich bemerkt er es und seufzt und lächelt ein bisschen.

„Du denkst, ich beute sie aus" sagt er leise.

„Entspricht das nicht den Tatsachen?" sagt Severus.

„Ich weiß es nicht" sagt Remus, aber er klingt, als wüsste er es sehr wohl.

„Ich habe nicht das geringste Interesse daran, deine Ehe zu diskutieren" sagt Severus. „Ich würde jetzt gerne apparieren, ehe man mich wegen Brandstiftung oder einer anderen Lächerlichkeit festnimmt."

„Ja" sagt Remus. „Danke, Severus."

Destination, Determination, Deliberation, und Spinner's End versinkt in den Schatten der Vergangenheit.