Geneigte Leserschaft;
(Falls sich jemand wundern sollte: dieses Kapitel ist heute Nachmittag schon mal on gegangen; aber da scheint es einen Upload-Fehler gegeben zu haben. Dieses ist der inhaltlich unveränderte zweite Versuch.)
Gerüchte über mein vorzeitiges Ableben sind wesentlich übertrieben. Ich lebe, und gelegentlich schreibe ich Fanfiction. Mein neues, eigenes Projekt frisst mit ein paar anderen (und den normalen Kleinkatastrophen wie einem scharlachkranken Kind) einen Gutteil meiner Zeit, aber ich tue, was ich kann, um Flashblack nicht einschlafen zu lassen. Gebt mir vier oder fünf Wochen, vielleicht sechs, für den nächsten Teil, und bleibt mir gewogen.
Ich hoffe, ich bin anlässlich des letzten Kapitels niemandem eine Antwort schuldig geblieben, falls doch entschuldige ich mich in aller Moonyform und gelobe Besserung.
Und nun geht es auf in den zweiten Teil des riesigen sechsten Kapitels.
Besonders innige Grüße an Chromoxid und Slytherene, die mir etwas zum Nachdenken gegeben haben. Ich liebe euch, Mädels. Ihr seid toll.
Einen Schluck Fortis-Stärkungstrank für alle, und auf geht es.
Soundtrack: Franz Schubert, Sinfonie Nr. 8, „Unvollendete".
Disclaimer: Siehe Kapitel Eins.
Kapitel Sechs, zweiter Teil: Dornröschen
„Bume" sagt Jerome und strahlt über das ganze kleine, pausbäckige Gesicht. „Buuuume!"
Severus sieht hinunter auf die schlaffen, dunkelgrünen Stengel, die sich in Jeromes Faust befinden und ihm so euphorisch entgegen gereckt werden.
„Kreideschlingkraut" sagt er. „Nicht mehr ganz frisch, würde ich sagen."
„War ein Sonderposten bei Koch & Kunst" sagt Emilia lächelnd. „Ich dachte, Sie könnten es gebrauchen, und Sie trocknen es sowieso, nicht wahr?"
„Ja" sagt er. „Natürlich nur, falls Ihr Sohn es mir aushändigt."
„Gib Severus die Blumen, ja?" sagt Emilia, und Severus nimmt die warmen, klebrigen Stengel aus der kleinen Kinderfaust.
„Danke sehr" sagt er, und Jerome sagt „Dedu!" und strahlt.
„Kommen Sie herein" sagt Severus und öffnet seine Tür ein Stück weiter. „Sie wissen allerdings, dass mein Quartier kein tauglicher Aufenthaltsort für Kinder ist. Wollten Sie nicht einen Babysitter beschaffen?"
„Habe ich auch" sagt Emilia. „Hermione wartet auf der Treppe. Sie nimmt ihn mit rauf, für eine Stunde, aber er wollte Ihnen die Blumen unbedingt selber geben."
„Und Sie halten das für eine vernünftige Entscheidung?" sagt Severus und wirft einen Blick aus der Tür, wo die Sechstklässlerin auf der Treppe sitzt und sichtbar zusammen zuckt, als sie ihres Lehrers gewahr wird. „Ist sie denn ausreichend instruiert?"
„Sie soll ihn nur ein bisschen beschäftigen" sagt Emilia. „Ich bin sicher, sie macht das gut."
„Sie wird ihn in ihren Gemeinschaftsraum mitnehmen, wo er sich im Zentrum einer Traube von Gryffindor-Mädchen in verschiedenen Stadien der Verzückung wieder finden wird" sagt Severus düster. „Sie werden ihn mit Süßigkeiten voll stopfen und seinen Intellekt mit albernen Wortschöpfungen beleidigen."
„Damit ist zu rechnen" sagt Emilia lachend. „Keine Sorge. Beim nächsten Mal gebe ich ihn gerne bei ein paar Slytherin-Mädchen in Obhut. Ich wette, die können das auch."
„Vielleicht bringen Sie ihn besser mit herein" sagt Severus. „Ich könnte einige Schutzzauber wirken."
„Das kann ich Hermione nicht antun" sagt Emilia und lächelt erstaunt. „Sie hat sich schon so gefreut. Und sein kleiner Gryffindor-Fanclub erst."
„Sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt" sagt Severus.
„Sie meinen, wenn er nach Gryffindor sortiert wird und unter Ihren Schikanen zu leiden hat" sagt Emilia.
„Ich schikaniere alle meine Schüler gleichmäßig" sagt Severus. „Nur ist die Leidensfähigkeit der Slytherins ausgeprägter, und sie beklagen sich weniger."
„Ach, so ist das" sagt Emilia und lacht. „Na, komm, Jerome. Lassen wir deinen Fanclub nicht warten. Sag Wiedersehen zu Severus."
„Dedu!" sagt Jerome und streckt das Fäustchen nach den samtschwarzen Robenfalten aus.
Während Emilia den widerstrebenden Einjährigen an Hermione übergibt, spült Severus die weichen Stiele des Schlingkrautes mit Wasser ab und ordnet sie zu einem Bündel, das er, sauber verschnürt, in der Vorratskammer zum Trocknen aufhängt.
Draußen herrscht unfreundliches Wetter: Sturm und ein kalter Regen, der die hohen Schneemützen von den Dächern des Schlosses fegt und Schneewehen in Schlammlandschaften verwandelt. Es ist später Nachmittag, schon beinahe dunkel draußen. Severus entscheidet sich für Jasmintee und Schubert.
Dann kommt Emilia zurück und schließt die Tür hinter sich. Die ersten Takte der Musik umspülen sie sachte, als sie vor den Kamin tritt und sich die Hände wärmt. Sie wiegt sich leise in den Hüften und summt das Leitmotiv, und Severus nimmt Tassen und Kanne aus dem Schrank und lässt sich nicht anmerken, dass er gesehen hat, wie viel Kraft ihre unbekümmerte Attitüde sie kostet.
„Sie mögen Schubert?" fragt er. „Wie erfreulich."
„Ja" sagt sie. „Und ich staune immer wieder, wie viele deutsche Komponisten Sie in Ihrer Musikaliensammlung haben. Oder suchen Sie die nur mir zuliebe raus?"
„Es sind einige" sagt er und misst sorgfältig die Teeblätter ab. „Die deutsche Klassik und Romantik ist geprägt von einer Eleganz in der Melodieführung, die ich in der britischen Musik jener Epoche vermisse. Die Briten neigen zum Pomp, wenn Sie mich fragen."
„Aha" sagt sie. „Ich mochte Mozart, früher, als Mädchen."
„Seinem Spätwerk bin ich durchaus nicht abgeneigt" sagt Severus.
„Ich weiß" sagt Emilia, und ein Lächeln verliert sich in ihren Mundwinkeln. „Das Requiem."
„Zum Beispiel" sagt Severus.
Das Wasser kocht, und er übergießt die Teeblätter, rührt sie mit einem langstieligen Löffel um und sieht dann zu, wie sie in langsamer Kreiselbewegung zu Boden sinken und das Wasser golden färben.
„Ich muss Sie nicht auffordern, sich zu setzen" sagt er. „Sie sind vertraut genug mit meinen Räumlichkeiten."
„Ja" sagt sie. „Danke."
Sie bewegt sich vom Kamin an der mit Regalen bedeckten Wand entlang und lässt die Fingerspitzen über die Bücherrücken gleiten. Sie hat die Angewohnheit, sich bei jedem Besuch in seinen Räumlichkeiten umzusehen, als wäre sie zum ersten Mal hier. Sie betrachtet den alten marmornen Mörser und das Set aus verbeulten kupfernen Töpfen, die alle ineinander passen und einen Sonderplatz in seinem Regal einnehmen, weil sie ihn durch die gesamte Ausbildung begleitet haben. Dann wandert sie zum Sofa, setzt sich, streift die Schuhe ab und steckt die Füße unter die sahnefarbene Wolldecke, wie sie es so oft tut, und er ist erstaunt wie immer, dass ihre gelöste Vertrautheit ihn so gar nicht stört.
Mit einem Zauber filtert er die Teeblätter aus der Kanne, gießt ein und reicht ihr die Tasse. Sie beobachtet seine Hände, wie sie es oft tut, auf eine Art, die ihm schmeichelt. Trotzdem sieht sie verloren aus. Sie nimmt einen Schluck und stellt die Tasse neben sich auf dem Tischchen ab.
„Möchten Sie darüber sprechen?" fragt er und gießt sich selbst von dem Tee ein, der einen schweren, blumigen Duft verströmt.
„Worüber?" sagt sie erstaunt.
„Über das, was Sie bedrückt" sagt er. „Wahlweise über klassische Musik. Ich stehe für beides zur Verfügung."
„Woher wissen Sie davon?" fragt sie. „Sie haben mir doch nicht etwa in den Kopf geschaut? Da ist nicht aufgeräumt."
„Ihre Annahme, Sie wären nur mittels Legilimantik durchschaubar, ist falsch" sagt er. „Jedem guten Beobachter kann auffallen, dass etwas Sie beschäftigt."
„Oh" sagt sie. „Hm."
Er lässt sich mit seiner Tasse im Sessel ihr gegenüber nieder und faltet seine Roben um sich. Sie nimmt eines der dicken Kissen aus der Sofaecke und umarmt es.
„Da gibt es tatsächlich etwas" sagt sie.
Er hebt die Tasse zum Mund und beobachtet, wie ihre Augen an seinen Händen hängen. Über den Rand des zarten chinesischen Porzellans hinweg sieht er sie an, und sie senkt den Blick. Eine kleine Röte schleicht sich in ihre Wangen. Er findet es erstaunlich, dass er immer noch in der Lage ist, sie auf diese Art zu beeinflussen, nach über zwei Jahren an der Seite von Remus Lupin.
Manchmal fragt er sich, ob es mit ihr auch einen anderen Weg hätte geben können, und wann er welche Aktion hätte unternehmen müssen, um ihn zu beschreiten, und ob seine Beine ihn getragen hätten auf diesem Weg.
Er schiebt die Gedanken beiseite, denn sie hat begonnen, ihr Kinn im Kissen zu vergraben und in den flauschigen Bezug zu seufzen.
„Es hängt mit dem Ritual zusammen" sagt sie nach einer Weile, und er muss nicht nachfragen, mit welchem.
„Wir kriegen das mit dem Energiebedarf nicht in den Griff" fährt sie fort. „Wir wissen nicht, aus welcher Quelle wir so viel arkane Energie produzieren sollen."
„Die Projektgruppe verfügte über einen arkanen Verstärker" sagt Severus. „Die Protokolle enthalten einige Zeichnungen. Er war direkt mit dem Tor gekoppelt und in der Lage, Energie präzise zu bündeln. Auf diese Weise haben sie das Energieproblem nicht gelöst, aber umgangen."
„Nur dass uns diese Möglichkeit nicht zur Verfügung steht" sagt Emilia. „Wir können das Ding nicht nachbauen. Wir haben zu wenig Informationen. Remus ist bis nach Moskau appariert, mit Sondergenehmigung für ein russisches Archiv, aber er hat nichts gefunden. Der dort beschriebene Fall war nicht vergleichbar."
„Er sagte mir, er würde versuchen, im Ministerium etwas über den Verbleib des Verstärkers in Erfahrung zu bringen" sagt Severus.
„Aussichtslos" sagt Emilia. „Wir glauben mittlerweile, sie haben ihn damals zerstört."
„Was veranlasst Sie zu dieser Annahme?"
Emilia lächelt müde.
„Wir waren dort" sagt sie leise. „Im Torraum. Es ist gruselig, wissen Sie?"
„Ich habe den Raum selbst nie gesehen" sagt Severus.
„Sie flüstern" sagt Emilia und schaudert. „Da hängt dieser Vorhang, wie Spinnweben, und bewegt sich, und dahinter flüstern sie. Nur dass es kein Dahinter gibt. Es ist ganz furchtbar."
„Die Mysterienabteilung ist ein unsicherer Ort" sagt Severus. „Sie hätten sich nicht in diese Gefahr begeben dürfen. Denken Sie an Ihr Kind."
„Ich habe an meinen Mann gedacht" sagt Emilia kaum hörbar. „Um nichts in der Welt hätte ich ihn alleine in diesen Raum gehen lassen."
Severus wartet, bis die Worte sich im klagenden Klarinettenmotiv der Musik aufgelöst haben. Er hat nicht mehr oft an den Abend nach der Trauerfeier gedacht, als sie auf diesem Sofa saß und sich von Sirius verabschiedete, aber jetzt fällt es ihm wieder ein, und er sieht sich neben ihr sitzen und ihr Taschentücher reichen, angefüllt mit Angst und dem irrsinnigen Bedürfnis, sie in seine Arme zu nehmen, seine Roben um sie zu schlingen, sie so tief in sich zu versenken, dass niemand jemals wieder in der Lage wäre, ihr Schmerz zu bereiten.
Er fragt sich, warum alle so gierig auf Freundschaft und Liebe sind, wenn es doch bedeutet, dass man den Schmerz des anderen mit trägt.
„Und was haben Sie dort vorgefunden?" fragt er schließlich, er will den sicheren Grund des Faktischen nicht verlassen und will auch nicht, dass Emilia es tut.
„Spuren auf dem Boden" sagt sie, und er hört, wie sie versucht, ihre Fassung zu bewahren. „Einen gemauerten Steinkreis, etwa einen Schritt im Durchmesser, der auf Bodenhöhe offenbar abgeschliffen wurde. Und Beschädigungen des Bodens im Umkreis. Sie haben es abgebaut, damals, oder zerstört. Das blöde Tor ist jedenfalls nur ein Teil der ganzen Einrichtung, und wir kriegen den anderen Teil nicht mehr hin. Remus hat nächtelang gerechnet, aber es führt zu nichts."
„Ist das seine Einschätzung, oder Ihre?"
„Meine. Er wird noch jahrelang weiter rechnen und sich kaputt machen, ehe er sich eingesteht, dass es zu nichts führt."
„Und gedenken Sie, etwas dagegen zu unternehmen?"
Emilia seufzt ins Kissen, ihr Blick geht ins Leere.
„Er hat wieder angefangen, in Sirius' Zimmer zu sitzen" sagt sie, und das mit der Fassung will nicht so recht funktionieren. „In der Ecke zwischen Bett und Schrank. Ich hab' ihn kürzlich dort gefunden. Er hatte Sirius' schwarzen Pullover an und sein Foto auf den Knien. Das von der Beerdigung. Er war in letzter Zeit immer mal verschwunden, für eine Stunde, nachmittags oder nachts, und ich glaube, er ist immer dort gewesen."
„Aus psychologischer Sicht wäre vorstellbar, dass er sein Scheitern begreift und endlich versucht, sich zu verabschieden" sagt Severus. „Es wäre ihm zu wünschen. Und Ihnen."
„Es fühlt sich nicht an wie Abschied" sagt Emilia und umklammert das Kissen. „Es fühlt sich an, als wollte er ihn mit Gewalt zurück zwingen, immer dann, wenn seine Wissenschaft ihm nicht weiter hilft."
„Er beutet Sie aus" sagt Severus. „Wie lange wollen Sie das noch hinnehmen?"
Das Schweigen zieht sich, und Severus ist dankbar um jeden Melodiefaden, den Franz Schubert durch die Stille spinnt, damit sie nicht gar so schwer auf ihm lastet, während er seine plötzlich schweißnassen, zitternden Hände in den Robenärmeln versteckt und versucht, zu verkraften, dass er etwas gesagt hat, ohne nachzudenken.
„Waren Sie mal verliebt?" fragt Emilia.
„Was?" sagt Severus erschreckt.
„Ich meine, so richtig" sagt Emilia. „Mit diesem Gefühl, nur vollständig zu sein, wenn der andere da ist."
Severus atmet aus und versucht verzweifelt, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten, aber er spürt, wie sie das Entsetzen aus seinen Augen liest, ganz ohne Legilimantik. Er ist es nicht gewohnt, durchschaubar zu sein. Es ist ein fürchterliches Gefühl, es rauscht ihm heiß und scharf die Wirbelsäule hinunter und ballt sich irgendwo tief in seinem Inneren.
„Ich würde das wirklich gerne wissen" sagt sie und lächelt ein bisschen. „Ich verrate es auch niemandem."
„Sie meinen… jenseits einer… gewissen… grundlegenden… Faszination" sagt er, um seine Stimme zu testen. Sie klingt, wie er sich fühlt. Fürchterlich. Kein Samt, keine Seide, kein dunkelfarbiges Vibrato. Alter Holzschaber an rostiger Kesselwand, höchstens.
„Ja" sagt sie. „Jenseits."
„Warum wollen Sie das wissen?" fragt er, ein schwacher Versuch, die Kontrolle wieder zu erlangen.
„Damit ich weiß, ob Sie wissen, wovon ich spreche" sagt sie sanft.
„Sie ziehen also die Möglichkeit in Betracht, ich hätte vierundvierzig Jahre auf diesem Planeten verbracht, ohne mich emotional zu involvieren" sagt er und weiß nicht, ob er erleichtert oder entsetzt sein soll angesichts dieser Vorstellung.
„Oh, nein" sagt sie. „Ich habe gesehen, wie Sie hassen können, und das ist beeindruckend. Aber ich habe das andere nicht gesehen. Oder vielleicht doch… ich bin nicht sicher."
Sie sieht ihn über das Kissen hinweg an, und er befreit sich aus seiner krampfhaften Selbstumklammerung und nimmt einen Schluck von seinem Tee, nur um ihrem Blick ausweichen zu können. Das hauchdünne Porzellan scheppert unter seinen Händen.
Sie lässt Gnade walten.
„Wie war das früher?" fragt sie. „Als Sie jung waren? Gab es eine Studienfreundin?"
Severus atmet den süßen, würzigen Duft, der aus seiner Tasse steigt. Das fürchterliche Gefühl liegt schwer und warm in seinem Bauch.
„Es gab tatsächlich eine" sagt er. „In Bologna, an der Universität. Sie war eine brillante Tränkeköchin."
„Und was ist aus ihr geworden?"
„Ihr ist zwischenzeitlich der Titel einer Tränkemeisterin verliehen worden. Sie betreibt ein sehr florierendes Geschäft in Rom, so weit ich weiß."
„Schön" sagt Emilia. „Ich meinte aber: Was ist aus ihr und Ihnen geworden?"
Severus schweigt und stellt die Tasse zurück auf den Tisch. Seine Hände sind wieder ruhig.
„Es hat sich heraus gestellt, dass ich… Schwierigkeiten habe… jemanden in meinen persönlichen Bereich einzulassen" sagt er schließlich, und sie nickt.
„Wie schade" sagt sie.
„Vielleicht" sagt er.
„Und Sie haben gar keinen Kontakt mehr zu ihr?"
„Nein" sagt er. „Ich lese gelegentlich ihren Namen in der Potions Tribune, und sie meinen, vermutlich."
„Wie war ihr Name?" fragt sie.
„Salvatora" sagt er, und es geht ihm vertraut und weich über die Lippen, als hätte es all die Jahre versteckt in seinem Mund gelegen und nur darauf gewartet, wieder ausgesprochen zu werden.
„Eine Italienerin" sagt Emilia und lächelt ein bisschen. „Französinnen, Italienerinnen… Deutsche… was ist eigentlich falsch an den britischen Frauen?"
„Die Zauberwelt ist klein" sagt Severus. „Ihnen mit Ihrer Muggelsicht mag das weniger auffallen, aber Internationalität ist geradezu unvermeidbar, um Fortschritt zu erzeugen."
„Ja" sagt sie und seufzt unvermutet. „Meine Muggelsicht."
Sie legt den Kopf nach hinten und betrachtet die hohe Decke, wo immerbrennende Kerzen in einem schmiedeeisernen Kronleuchter ihr stilles Licht verbreiten. Er stellt fest, dass er unerwartet etwas angerührt hat, das jetzt nach oben kommt und wahrscheinlich ursächlich mit der Kissenseufzerei zusammen hängt. Er wartet. Die Musik fließt sanft um ihn herum.
Manchmal, wenn er sich in ein Musikstück sinken lässt, sieht er Ströme von Farben vor seinem inneren Auge. Schubert ist golden.
„Es gibt einen Weg" sagt Emilia ein langes goldenes Fließen später. „Das Ritual zu vollenden. Ich habe einen gefunden."
„Tatsächlich?" sagt Severus, und, nach einer weiteren langen Pause: „Möchten Sie mir mehr darüber mitteilen, oder soll ich mich in Ihrem nach eigenen Worten unaufgeräumten Geist danach umsehen?"
Da ist es wieder, das müde Lächeln, aber es ist besser als keines, und Severus fragt sich, was geschähe, wenn die Welt erführe, dass er eine Frau zum Lächeln bringen kann.
„Ich konnte es nicht mehr mit ansehen" sagt sie. „Die nächtelange Rechnerei. Die Quälerei. Ich habe versucht, einen anderen Weg zu gehen. Sie kennen mich. Ich bin keine Wissenschaftlerin, aber manchmal habe ich Einfälle, die gar nicht so doof sind. In diesem Fall, eine zweite Meinung einzuholen, von jemandem, der sich mit Ritualen auskennt."
„Es gibt drei oder vier erwiesene Experten auf diesem Gebiet in England" wirft Severus ein.
„Es gibt einen fünften" sagt Emilia. „Wenn auch vielleicht nicht erwiesen. Kennen Sie den kleinen Laden, im Hinterhof von Hexenwerk?"
„Sagen Sie nicht, dass Sie Ihre Zutaten bei Hexenwerk besorgen" sagt Severus. „Sie strecken den Safran mit gefärbten Gartengnom-Haaren. Und Schlimmerem, vermutlich."
„Hat sich wahrscheinlich sowieso bald erledigt, das mit den Zutaten" sagt Emilia. „Aber es geht um den Laden im Hinterhof. Traumfang. Der Besitzer ist ein Typ namens Jones. Er sieht aus wie ein amerikanischer Ureinwohner."
„Dieser – Schamane, wie er sich selbst bezeichnet – der in die Entwicklung des Werwolfszaubers involviert war?"
„Der ihn erfunden hat. Ja. Genau der. Ich dachte, er kennt sich vielleicht aus mit Ritualen, und Reisen… Traumreisen, oder ähnliches. Ich dachte, es ist vielleicht ein benachbartes Wissensgebiet."
„So benachbart wie Rumänien und Portugal" sagt Severus. „Aber fahren Sie fort."
„Ich hatte ein langes Gespräch mit ihm, und fürchterlich viel Baldrian- und Hopfentee. Er schien der Ansicht zu sein, ich hätte es mit den Nerven. Zur eigentlichen Tormagie konnte er nicht viel beitragen, aber zur Energiefrage."
Sie lässt den Kopf zur Seite sinken und sieht Severus an. Ein goldenes Leuchten geistert über den Rand ihrer Brillengläser.
„Es gibt einen Ort, an dem genug arkane Energie gespeichert ist, um ein solches Ritual zumindest einmal durchzuführen" sagt sie. „Das menschliche Gehirn."
„Möglich" sagt Severus. „Wenngleich die Wirkweise der arkanen Ströme im Gehirn noch nicht erschlossen ist. Aber wie sollte man an diesen Energievorrat heran kommen?"
„Er kennt einen Zauber, mit dem man das gesamte arkane Potential auf einmal frei setzen kann."
„Und danach?"
„Squib" sagt Emilia. „Muggel. Nennen Sie's, wie Sie wollen."
„Er kann das nicht tun" sagt Severus. „Ich habe den Wolfsbann noch nie einem Muggel verabreicht. Ich bin mir über die Wirkweise nicht sicher. Außerdem benötigt er seine magischen Fähigkeiten, um seine Umgebung vor sich zu schützen, falls er einmal nicht über Wolfsbann verfügen sollte, aus welchen Gründen auch immer. Ganz davon zu schweigen, dass er ein brillanter Zauberer ist, der seine Fähigkeiten nicht an ein solches Himmelfahrtskommando verschwenden sollte."
„Es geht nicht darum, dass er es tut" sagt Emilia. „Er weiß gar nichts davon."
Severus benötigt einen langen, stillen Augenblick, bis er bemerkt, dass er in seinem Sessel nach vorne gekommen ist, die Hände um die Armlehnen geschlossen, als wären sie sein einziger Halt. Er lehnt sich zurück, ordnet seine langen Beine, streicht seine Robe glatt, faltet die Hände.
„Das kann nicht Ihr Ernst sein" sagt er schließlich.
Sie seufzt. „Ich weiß es nicht" sagt sie. „Was ist mein Ernst? Ich denke, ich käme ganz gut klar als Muggel. Ich kenne mich aus in der Muggelwelt. Und ich war sowieso immer eher die Hexe für den Hausgebrauch."
„Keine Selbstabwertung, bitte" sagt er. „Es gibt andere Wege als nur den wissenschaftlichen, um sich hervor zu tun."
„Sie verstehen, was ich meine" sagt Emilia. „Remus braucht seine Magie. Er kann nicht ohne. Er würde vor einer Dose gebackener Bohnen verhungern ohne Magie."
„Es ist sein Projekt" sagt Severus. „Nicht Ihres. Welche Opfer wollen Sie denn noch bringen?"
„Lässt sich das denn unterscheiden?" sagt sie. „Meines und seines?"
„Sie sind ein Ehepaar, keine symbiotische Lebensform."
„Ja. Und ich hätte gerne den Remus zurück, den ich geheiratet habe. Es ist so lange her…" Sie dreht den Kopf weg, aber Severus sieht, wie es in ihren Augen glänzt.
„Ich habe schon beinahe vergessen, wie er gewesen ist" sagt sie. „Vorher. Er gibt sich alle Mühe, aber es hängt über ihm, wie eine Wolke. Die ganze Zeit."
„Glauben Sie nicht, dass mit Vollzug des Rituals auf einmal alles eitel Sonnenschein wäre" sagt Severus. „Möglicherweise setzen Sie mit dem Ritual eine Entwicklung in Gang, die Sie nicht absehen können. Sirius Black war schon vor dem Zwischenfall mental nicht stabil."
„Wie denn auch, nach zwölf Jahren Azkaban" sagt Emilia.
„Der Grund sei dahingestellt" sagt Severus. „Fakt ist, dass Sie sich vermutlich mit einem hochgradig verwirrten Menschen belasten, wenn Sie ihn zurückholen. Ich habe versucht, Ihrem Mann die Augen zu öffnen. Der Sirius Black, den er kannte… den er so sehr… an dem er so hängt… ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verloren und nicht wiederherzustellen. Aber er will es nicht hören, Ihr Mann. Er will sich lieber in Erinnerungen ergehen und sich selbst betrügen."
„Remus hat mir gesagt, dass Sie so denken" sagt Emilia.
„Und ich denke noch anderes" sagt Severus. „Ich denke darüber nach, was das Beste für Sie sein könnte. Wenn die Lage so ist, wie Sie beschreiben, können Sie über Erfolg oder Misserfolg des Projektes entscheiden, und diese Frage müssen Sie klären, ehe Sie darüber nachdenken, ob Sie als Muggel zurecht kämen. Wollen Sie Sirius Black tatsächlich zurück haben?"
„Aber natürlich" sagt Emilia. „Was für eine Frage."
„Eine berechtigte" sagt Severus. „Wenn Sie ihn zurückholen, werden Sie Ihren Mann mit ihm teilen. Auf unbegrenzte Zeit."
„Und wenn nicht?" flüstert Emilia.
„Wenn nicht, gibt es zwei Möglichkeiten. Eins: Ihr Mann erholt sich, mit der Zeit, und ähnelt irgendwann wieder seinem alten Selbst. Zwei: Er tut es nicht."
„Und dann?" flüstert Emilia.
„Malen Sie sich das selber aus" sagt Severus und unterdrückt ein Seufzen. Er weiß, in welche Richtung Emilias Herz geht, und dass sie ihre Entscheidung bereits getroffen hat. Er glaubt nicht, dass sie sich Gutes damit tut. Er würde sie gerne in seinen weichen, dunklen Roben verstecken und sie vor sich selbst beschützen und ihrer übergroßen Hilfsbereitschaft, aber er kann nichts tun als einen unpopulären Standpunkt vertreten, der seinen Ruf als egozentrischem, hartherzigem Sonderling zementiert, und den ohnehin niemand beachten wird. Die kleine Welt um ihn herum scheint beschlossen zu haben, sich ohne Sirius Black nicht weiter drehen zu wollen, und er aus seinen himmelsfernen Kerkern wird den Lauf der Sterne nicht beeinflussen können.
„Er wird nie in vollem Maße erfassen können, was Sie für ihn tun" sagt er, gerade laut genug über dem Perlen der Musik. Sie neigt sich dem Ende, die Unvollendete, zögernd, als ahnte die Melodie, dass ihr Lebensfaden mittendurch geschnitten ist, dass es keinen weiteren Satz geben wird.
„Ich weiß" sagt Emilia. „Ich habe nicht vor, damit hausieren zu gehen. Weder bei Sirius, noch bei Remus. Ich tue das nicht, damit jemand mir dankbar ist. Ich tue es, weil ich denke, dass jemand es tun muss."
„Dann ist das Ihre Entscheidung" sagt er.
„Ja" sagt sie. „Ich glaube schon."
„Sie ist irreversibel, wenn ich das recht verstanden habe."
„Ich weiß" sagt sie.
„Also gut" sagt er. „Dann werden wir uns darauf einstellen."
„Wir?" sagt sie, und er erlaubt sich ein flüchtiges Lächeln.
„Ich werde eines dieser neumodischen Mobiltelefone benötigen, wenn wir nicht mehr per Floo kommunizieren können" sagt er und fühlt sich merkwürdig warm, als sie sein Lächeln erwidert.
„Was würde ich nur ohne Sie machen" sagt sie.
„Einen Haufen Dummheiten, wie sich herausstellt, mit oder ohne mich" sagt er. „Lassen Sie mich wenigstens Sorge tragen, dass Ihnen kein weiterer Schaden geschieht während dieses Rituals. Es besteht womöglich die Gefahr eines arkanen Schocks."
„Ja" sagt sie. „Danke."
„Noch Tee?" sagt er. Sie lächelt und nickt, und er fragt sich, wann zuletzt er sich so hinter die Maske hat schauen lassen, und ob da eigentlich zuerst die Maske war oder zuerst die Angst vor solchen Blicken, und ob es einen Unterschied macht.
Das konzertante Fließen um ihn verlangsamt sich. Still und leise versickert das letzte goldene Tröpfeln in Stille.
„Rufen Sie Salvatoria an, mit Ihrem neuen Handy" sagt Emilia. „Oder eulen Sie ihr. Ich bin sicher, sie würde sich freuen."
„Ich ziehe es in Erwägung" sagt er. „Sobald ich Kapazitäten frei habe."
Sie sehen sich an, und das Lächeln erreicht ihre Augen, und die Nähe ist erschreckend, unerträglich wunderbar.
oooOOOooo
„Es ist soweit" sagt Emilia und stößt einen tiefen Atemzug aus.
„Die Bedingungen sind alles andere als optimal" sagt Severus und sieht sich um.
Der Torraum ist nicht eingestürzt, auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner lässt es sich bringen. Der Boden ist bedeckt von Schutt. Das hohe Gewölbe hat ein Loch im Zenit, und zum ersten Mal seit dem Bau des Ministeriums dringt Licht durch die zerstörten oberen Stockwerke bis hier hinunter, in den Bauch der Mysterienabteilung. Regenwasser findet seinen Weg durch die Ruine über ihren Köpfen und tropft wie ein glitzernder Faden den weiten Weg bis zu ihnen hinunter, wo es zwischen den Schuttbergen dunkle Pfützen bildet. Severus kann die Reste der arkanen Entladungen spüren, die durch das geschwächte Gemäuer geistern. Reste von Voldemorts zerstörter Existenz mögen hier in den Schatten lauern, zusammen mit den Echos von Potters und Longbottoms Heldentaten (und ohne sein Zutun zupft eine tief empfundene Verächtlichkeit an Severus' Mundwinkeln, unerträglich, diese Verehrung, die den beiden Jungs zuteil wird nach einem einzigen Akt der großmäuligen Gryffindordummheit, während einer wie er, ohne den der Krieg niemals gewonnen worden wäre, nicht einmal eine Einladung zur Siegesfeier erhält).
„Die Zeiten sind, wie sie sind, und bewegte Wendungen nimmt der Fluss" sagt Indiana Jones in seinem eigentümlichen Singsang, der Severus so unglaublich auf die Nerven geht.
„Egal" sagt Remus, steigt über einen Schutthaufen und sieht sich prüfend um. „Ich werde nicht warten, bis sie die Hütte wieder aufgebaut haben. Wenn sie das jemals tun."
„Es liegt eine hohe Durchseuchung mit arkanen Echos vor" sagt Severus. „Ein blutmagisches Ritual durchzuführen, könnte einen Kaskadeneffekt in Gang setzen, der uns unter den Resten dieser Hütte begräbt, zusammen mit allem, was wir aus dem Tor holen oder nicht."
„Dann werden wir ein bisschen Sorgfalt in einen Schutzkreis investieren" sagt Remus.
„Warum halten wir uns nicht einfach die Hände über den Kopf" sagt Severus.
„Tu das, wenn du dich dann besser fühlst" sagt Remus.
„Ihr streitet ja schon, ehe wir überhaupt angefangen haben" sagt Emilia. „So war das aber nicht geplant."
„Meine Todessehnsucht hält sich sehr in Grenzen" sagt Severus. „Nachdem ich es wider Erwarten geschafft habe, den Verfolgungen durch beide Seiten in diesem Krieg zu entgehen."
Emilia lächelt, und er spürt ihre Hand auf seinem Arm.
„Hier" sagt Remus und zeigt vor sich auf den Boden. „An dieser Stelle hat das Steuermodul gestanden. Hier schlagen wir den Blutkreis." Er dreht sich einmal um sich selbst, und mit gewaltigem Rumpeln werden Steine und Bauschutt zur Seite gedrückt, bis er in der Mitte eines freien, etwa fünf Schritte durchmessenden Kreises steht.
„Könntest du dich herab lassen, deinen Stab zu benutzen" faucht Severus. „Das letzte, was diese Struktur braucht, sind ungelenkte arkane Energien."
„Entschuldigung" sagt Remus beinahe sanft und zieht den Stab aus dem Ärmel.
„Was jetzt?" fragt Emilia und sieht zu Indiana Jones hinüber. Severus hört die Ängstlichkeit in ihrer Stimme, obwohl sie das Kinn nach oben reckt und versucht, entschlossen zu wirken.
„Zuerst ziehen wir den Blutkreis, der den verlorenen Geist lenken soll" sagt Jones. „Dann rufen wir ihn."
„Klingt einfach" sagt Emilia und versucht ein Lächeln.
Severus weiß, dass es alles andere als einfach wird, und er weiß, dass Emilia es weiß. Er nimmt die Tasche von der Schulter, in der sorgfältig in Holzwolle verpackt sein Beitrag zum Ritual auf den Einsatz wartet. Er hofft, dass allen Beteiligten klar ist, wie viel mehr als zumutbar er schon für dieses Projekt geleistet hat, und dass er nur hier ist, um als Unterstützung in Notfällen zu dienen, und um Emilias Wohlergehen sicher zu stellen. Obwohl das Projekt ihn jetzt seit mehr als zwei Jahren begleitet, vermisst er Sirius Black immer noch nicht sonderlich.
Er fragt sich, ob er nicht schon mal anfangen kann, Remus' nicht völlig unangenehme Gesellschaft zu vermissen, die der andere ihm sicher nicht mehr zu Teil werden lässt, wenn er seinen rüpelhaften Wachhund erst wieder zur Seite hat.
Er sieht zu, wie Jones und Remus sich in die Arbeit versenken. Remus hat das miniaturisierte kupferne Dreibein dabei, er bringt es auf die richtige Größe und richtet es zum Tor hin aus. Ein Radicesco wird es an Ort und Stelle halten, auch wenn arkane Schockwellen das zierliche Gestell schütteln sollten. Auf dem Dreibein ist die Halterung für die Zauberstäbe angebracht, und Remus spannt erst seinen eigenen, dann den von Emilia ein und zieht die Schrauben an. In der Zwischenzeit holt Jones aus einem grobfaserigen Sack eine Sammlung von Gegenständen, die Severus auf den ersten Blick in den Bereich der Scharlatanerie verweist: rund gewaschene Kieselsteine, auf denen mit weißer Farbe Symbole angebracht sind, die keiner wissenschaftlichen Runenschrift entsprechen, Federn und Knochen von Merlin weiß welchen Vögeln, eine flache, weite Holzschale und ein kleiner, schmutziger Webteppich, auf dem er sein Sammelsurium liebevoll arrangiert. Dazu kommt das unsägliche Katerfoto des Verlorenen, die Schlüssel seines Motorrades (oder Severus', wie er gedanklich notiert), sein Zauberstab und ein Feuerzeug mit Wolfsgravur. Schließlich holt Jones eine kleine Räucherschale aus dem Sack, in dem er sein Zubehör transportiert hat, verstreut Räucherwerk darin, schiebt Kohlen darunter und zündet sie mit dem Wolfsfeuerzeug an, während er ganz vertieft vor sich hin summt.
„Das ist nicht Bestandteil des Rituals, wie ich es verstehe" sagt Severus. „Vielleicht sind wir in der Lage, uns an die arkan erforderlichen Abläufe zu halten."
„Dann du verstehst nichts, Kräutermann" sagt das gebückte Männlein in aller Ruhe und bläst gegen die Kohlen. „Du weißt nicht, wie man die Geister ruft."
Severus atmet ein, sieht, wie Emilia grinst, und atmet wieder aus.
„Bereit?" sagt Remus, und das Grinsen verschwindet von Emilias Gesicht.
„Ja" sagt sie.
Remus streckt die Hand nach ihr aus, und sie atmet tief und strafft die Schultern.
„Ja" sagt sie. „Okay. Alles klar."
„Ich bin hier" sagt Severus und bemüht sich nicht, leise zu sein, die feinen Ohren des Wolfes würden ohnehin jedes Flüstern auffangen. „Ich achte darauf, dass Ihnen nichts geschieht."
„Ja" sagt sie zum dritten Mal und scheitert kläglich an einem Lächeln. Er legt ihr die Hand auf die Schulter und schiebt sie voran. Sie macht ein paar unsichere Schritte über den Schutt und lässt sich von Remus in Empfang nehmen, während Severus' Hände sich merkwürdig leer anfühlen. Er umfasst seine Notfall-Tränketasche fester und schließt auf, sorgfältig darauf bedacht, außerhalb dessen zu bleiben, was später der Bannkreis werden wird.
Remus und Emilia halten sich in den Armen, während Jones Rauchschwaden in alle Himmelsrichtungen wedelt und dabei aussieht wie eine arthritische Krähe, die nicht vom Boden hoch kommt.
„Du musst das nicht tun" sagt Remus leise. „Bist du sicher…?"
„Du meinst, habe ich meine Meinung geändert, seit du mich zuletzt gefragt hast, was vor etwa fünf Minuten war?" sagt Emilia. „Ja, ich bin sicher."
„Ich dachte nur" sagt Remus.
„Niemand sagt, dass ich nicht Angst haben darf" sagt Emilia, und Remus küsst sie und hält sie fest, während Jones seine Rauchverwedelung abschließt (Zimt, Sandelholz, Drachenharz) und dann aus den Tiefen seines folkloristischen Umhanges einen Gegenstand produziert, der sich als Klappmesser herausstellt.
„Die Großen Geister sind dem Wolfsmann gewogen" sagt er. „Der Große Stern ist greifbar. Weißer Wolf Der Mit Dem Präriewind Singt sagt, warten wir nicht länger."
Remus nickt und entlässt Emilia aus seinen Armen. Sie steht einzeln und kaut auf ihrer Unterlippe, während Remus seinen linken Robenärmel bis zum Ellenbogen aufrollt. Jones hat währenddessen die hölzerne Schale vom Teppich genommen und dreht sich mit erhobener Schale langsam um sich selbst, während er einen unverständlichen und sicher nicht wissenschaftssprachlichen Singsang von sich gibt. Severus spürt, wie die Luft sich mit arkanen Energien auflädt. Sie kribbeln im Vorbeistreichen auf seiner Haut wie ein unsichtbarer Wind und hinterlassen eine unangenehme, knisternde Spannung zwischen seinen Haaren. Severus widersteht dem Drang, sich zu schütteln, um die Spannung los zu werden. Er versteckt die Hände in den Robenärmeln und beobachtet, wie Emilia die Hände vor den Mund schlägt, als Jones das Messer an Remus' Arm ansetzt und einen langen Schnitt öffnet. Remus wird blass und schwankt ein bisschen, gibt aber keinen Ton von sich. Dunkel glitzernd rinnt das Blut ihm den Arm hinunter und tropft von seinen Fingerspitzen in die Schale, während Jones singt.
Schließlich hat sich eine dunkle Pfütze in der Schale gesammelt. Remus spricht einen Heilzauber, der die Wunde notdürftig verschließt, und wischt sich mit einem Tuch den Arm und die verstümmelte Hand ab. Der süß-metallische Geruch des Blutes kriecht in Severus' Nase, und für einen Augenblick schließt er die Augen und arbeitet gegen Bilder, Menschen auf Trümmern, unter Trümmern, kreisende Drachen und der irrsinnige Schmerz eines schlecht abgewehrten Crucio.
Er atmet tief und verdrängt die Schmerzechos, die durch seinen Körper geistern, es ist vorbei, und überdies wird seine Aufmerksamkeit hier gebraucht. Er wird später genug Zeit haben, um Triumph zu empfinden oder Bitternis oder beides.
Remus einstweilen taucht Sirius' Zauberstab in die Holzschale, spricht einen Scriptuaris und zeichnet mit der blutigen Stabspitze die alte Rune für Tod und Leben in die Luft. Sie schwebt dort wie im luftleeren Raum, eine verschlungene Perlenkette aus dunklen Tropfen, steigt höher und dreht sich sachte um sich selbst, ehe sie mit einem arkanen Aufblitzen zerplatzt. Die Blutstropfen klatschen auf den staubigen Boden und bilden einen Kreis, der Remus, Emilia und Jones einschließt. Severus spürt das überlastete Ächzen, das durch die arkane Struktur geht. Die Chance auf eine Kaskade hat sich soeben verdoppelt. Ein Schutzfeld wäre angezeigt, lässt sich aber in der erforderlichen Größe schwer realisieren, ohne noch mehr arkane Ströme aufzuwirbeln. Die zweitbeste Lösung muss genügen.
„Expecto patronum" flüstert Severus und beobachtet den silbrigen Nebel, der aus seiner Stabspitze schießt und sich zu der riesigen, anmutigen Schlange fügt, die ihn begleitet, seit er Hauslehrer von Slytherin ist. Auf einen Wink hin bewegt sie ihren riesigen, schwerelosen Leib und umschlingt die Ritualstätte. Viel Unterschied wird es nicht machen, aber vielleicht verschafft ihnen die Schlange im Falle eines Kollaps die Sekunde, die eine Apparition benötigt.
Remus ist auf den Knien und überprüft den Blutkreis, der keine Lücke haben darf, während Jones wieder die vier Winde räuchert, oder was immer das sein soll. Als der Blutkreis die nötige Perfektion erreicht hat, erhebt sich Remus und wendet sich Emilia zu.
„Willst du wirklich?" fragt er.
„Ja" sagt sie.
„Weiße Frau soll sich setzen" sagt Jones und deutet in die Mitte des Kreises. Emilia gehorcht. Sie ist sehr blass.
„Tief atmet weiße Frau den Hauch der Götter" sagt Jones und wedelt mit Räucherwerk. Emilia atmet und hustet, und diesmal ist es mehr als Sandelholz und Drachenharz.
„Filtratis" murmelt Severus eilig und bewegt den Zauberstab vor seiner Nase. Der Geruch nach Traumholz und Nachtweide verschwindet und lässt eine scharfkantige Wut zurück auf diesen Scharlatan, der ihm nicht gesagt hat, dass er mit psychotrophen Substanzen arbeiten wird. Wortlos presst Severus die Lippen zusammen und tastet in seiner Tasche nach dem Omnineutralens, den er gestern abend noch angesetzt hat. Lückenlose Vorbereitung, und mit allem rechnen, und wieder einmal hat es sich bewährt.
Emilias Kopf sinkt zur Seite. Remus taumelt und geht in die Knie.
„Ist das Teil des Plans?" faucht Severus.
„Lass" murmelt Remus. „Severus… nicht."
Jones legt eine Hand auf Emilias Stirn.
„Verbinde, verbinde und teile" singt er. „Fließe, fließe…"
Der Torbogen ist während der Schuttlegung des Ministeriums unversehrt geblieben. Still und kalt steht er auf seinem steinernen Podest, ein hohes, strenges Rund, in dem der zerfetzte Vorhang sich sachte bewegt.
Und dann hört Severus die Stimmen. Sie flüstern, ein Geräusch wie Wind, der durch die alten Fensterläden von Spinner's End streicht, und ein Hauch von Feuchtigkeit und Fäulnis lässt Severus schaudern. Niemand bemerkt es, sie sind mit der Beschwörung beschäftigt. Jones hat die eine Hand auf Emilias Stirn und die andere auf ihrem Zauberstab, der auf dem kupfernen Dreibein festgeschraubt ist.
„Fließe" singt er, „fließe, fließe…", eine hypnotische Folge von Tönen, zu simpel, um eine Melodie zu sein, und dann gibt es ein goldenes Aufleuchten und das Knacken von überhitztem Metall, und Emilia sinkt zur Seite in sich zusammen.
„Emilia" murmelt Remus, der seine Brille verloren hat und sich mit beiden Händen über die Augen reibt.
„Ich kümmere mich" sagt Severus. Mit raschen Schritten umrundet er den Kreis, fasst hinein und befördert Emilia mit einem Mobilicorpus zu sich nach draußen, ohne die Blutspur zu verwischen. Ein Griff in ihre Halsbeuge: Puls ist spürbar. Sie gibt ein leises Wimmern von sich, ihre Augenlider flattern. Er lässt sie sanft zu Boden gleiten und greift den Omnineutralens aus seiner Tasche.
„Trinken" sagt er und schubst über die Kreisline hinweg Remus an, der sich noch bemüht, wieder auf die Beine zu kommen. Remus nimmt die Flasche und betrachtet sie.
„Nun mach schon" sagt Severus. „Es klärt den Kopf."
Remus nickt, entkorkt die Flasche und stürzt den wässerigen Inhalt hinunter, ohne noch Fragen zu stellen.
Emilia stöhnt und bewegt sich.
„Ruhig" befiehlt Severus und überlegt für eine Sekunde, ob er nicht einen der Steine in ein Kissen transfigurieren sollte, aber dann scheut er die arkane Erschütterung und lässt es bleiben. Ohne hinzusehen, tastet er die Phiole mit dem Fortis aus ihrer holzwollenen Umhüllung und zieht den Korken mit den Zähnen, während die freie Hand Emilias Kopf vor dem steinigen Untergrund schützt. Er spuckt den Korken zur Seite und setzt die Phiole an Emilias Lippen.
„Trinken" sagt er, und sie öffnet ihre Lippen und tut, wie ihr geheißen.
Binnen Sekunden treibt der Fortis ihr die Farbe zurück ins Gesicht, und sie reißt die Augen auf.
„Wie fühlen Sie sich?" sagt Severus.
„Hat es funktioniert?" fragt Emilia.
„Anscheinend" sagt Severus. „Beantworten Sie meine Frage."
„Merkwürdig" sagt sie. „Bisschen benommen. Aber sonst nicht anders als vorher. Was haben Sie mir da gegeben? Einen Fortis?"
„Korrekt" sagt Severus.
„Ach nö" sagt Emilia. „Mit dem fühle ich mich immer wie nach zehn Tassen Kaffee."
„Im Vergleich zu zehn Tassen Kaffee enthält ein Fortis lediglich einen Bruchteil der Schadstoffe" sagt Severus. „Die anregende Wirkung ist übrigens beabsichtigt, wie Sie vielleicht wissen. Und jetzt zaubern Sie etwas."
„Aber mein Stab ist in dem Ding" sagt Emilia und zeigt mit dem Kinn hinüber, wo Remus und Jones sich über das Dreibein beugen.
„Nehmen Sie meinen" sagt Severus.
Emilia nimmt den schlanken Stab aus Vogelaugenahorn, hält ihn vor sich und sagt „Lumos".
Nichts passiert.
„Es hat funktioniert" sagt sie.
„Offensichtlich" sagt Severus.
„Merkwürdig" sagt Emilia. „Ich spüre keinen Unterschied. Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen, der Stab ist kaputt."
„Was hatten Sie erwartet?" sagt Severus. „Den Verlust eines Ihrer Sinne bemerken Sie erst, wenn er angesprochen wird. In einer schallfreien Umgebung fühlt sich Taubsein nicht anders an als hörend sein."
„Klingt einleuchtend" sagt Emilia. „Ich dachte nur… irgendwie… egal. Oh, Merlin."
Sie kommt zum Sitzen und schlingt die Arme um sich.
„Vielleicht hätte ich's doch nicht tun sollen" flüstert sie. „Ich fühle mich so… wehrlos."
„Sie werden sich anpassen" sagt Severus. „Überdies ist es für Zweifel zu spät."
Emilia nickt und seufzt. Ihr Gesicht zwischen den wirren Kringellocken ist schneeweiß. Severus sieht zu ihr hinunter, er hat eine Vorstellung davon, was ein guter Freund nun tun müsste, und Emilia ist ihm Freundin genug, um das Unbehagen und das merkwürdige Herzklopfen (als hätte er sich selbst den Fortis verabreicht) zu ignorieren. Trotzdem muss er sich einen Ruck geben, ehe er die Arme öffnet. Mit einem Seufzen lehnt sie sich hinein und drückt ihr Gesicht an seine Schulter. Er spürt ihren warmen Atem durch seine Roben und denkt, dass sich vielleicht alles ändern wird, wenn der rüpelhafte Wachhund wieder da ist und seinen Herrn für sich beansprucht, dass Emilia sich vielleicht dann für andere Optionen öffnen wird, und er weiß nicht, ob er diese Entwicklung fürchten oder erhoffen soll.
Im Augenblick benötigt jedenfalls das Ritual seine ungeteilte Aufmerksamkeit, und er unterbindet irreführende Gedanken. Remus ist von den Nebenwirkungen der indianischen Räucherkammer kuriert und untersucht das kupferne Dreibein, von dem spürbare Hitze ausgeht.
„Es hat sich aufgeladen" sagt er. „Wir sollten jetzt das Tor öffnen, ehe uns die Ladung wieder verloren geht."
Severus beobachtet den anderen, der nun seine Brille vom Boden sammelt und ein gefaltetes Pergament aus der Tasche zieht. Er sieht nüchtern aus und konzentriert, nicht anders, als er vor seiner ersten Unterrichtsstunde in Hogwarts ausgesehen hat oder vor einem wichtigen Ordenstreffen. Er zeigt keine Anzeichen, dass dieser Augenblick für ihn ein besonderer ist. Severus empfindet diese Disziplin als durchaus anerkennenswert.
Indiana Jones, der offenbar der Meinung ist, seinen Beitrag geleistet zu haben, verlässt den Blutkreis mit einem vorsichtigen Schritt über die Linie und lässt sich zwischen den Schutthaufen nieder, wo er ein monotones Summen anstimmt und sich sachte hin- und her wiegt. Remus sieht zu Severus. Severus nickt.
Remus räuspert sich und klemmt sich die Haare hinters Ohr, bevor er das Pergament entfaltet und glatt streicht. Severus hat im Vorfeld flüchtig über den Beschwörungstext hinweg gelesen; er ist viel zu lang und trägt somit ein unerfreuliches Fehlschlagsrisiko, aber Remus hat die verschachtelten Formeln um die Wissenslücken herum entwickeln müssen, die ihnen über Tor und Tormagie bis zum Schluss geblieben sind.
Remus hat Sirius' Zauberstab in der Hand und beginnt die Beschwörung. Er spricht mit geschlossenen Augen und führt den Stab mit der präzisen, Platz sparenden Art, die ihm eigen ist. Er sieht klein und verloren aus auf dem Grund des gewaltigen Gewölbes, das hoch um ihn aufstrebt. Er steht im kühlen Lichtkegel, der durch die Öffnung in der Decke bis hier hinunter in die Tiefe fällt. Sein silbriges Haar leuchtet, und Staub tanzt um ihn und glitzert im Licht. Im Geiste spricht Severus die Beschwörung mit: die arkane Definition der eigenen Realität, die Orientierung hin zum Knotenpunkt, wo alle Realitäten sich hinter dem Tor treffen (eine Art Vorplatz oder Wartezimmer, das, wie zu hoffen ist, nicht nur ihren selbst gebastelten Theorien existiert), dann der Ruf oder das, was ihn ziehen soll, den Vermissten.
Emilia hat das Gesicht aus Severus' Robe gehoben. Am Rande seiner Aufmerksamkeit bemerkt er, dass feuchte Spuren auf ihren Wangen glitzern. Dann fasst sie seine Hand, und Remus lässt die Beschwörung frei.
Eine gewaltige arkane Entladung schießt aus seinem Stab und gleichzeitig aus den Stäben, die auf dem Dreibein befestigt sind. Der zerfetzte graue Vorhang vor dem Tor wird zur Seite gerissen. Blau glühende Energieblitze schießen von beiden Seiten den Torbogen hinauf und vereinen sich im Scheitel der Struktur. Ein Funkenregen geht nieder, und dann, mit einem Grollen, das sich zu einem ohrenbetäubenden Paukenschlag steigert, springt der arkane Spiegel auf und füllt den Torbogen wie ein Vorhang aus Wasser.
Es ist still. Sogar Jones hat aufgehört zu summen. Remus keucht unterdrückt und hält den Stab mit beiden Händen umklammert. Severus löst sich von Emilia und kommt auf die Beine. Es bleiben etwa drei Minuten, bis die Energie aufgebraucht ist. Er sieht, wie Remus' Lippen einen Namen formen. Immer wieder. Nichts passiert.
Mit gerafften Roben steigt Severus über die Blutlinie ins Kreisinnere.
„Kommt er?" fragt er. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit."
„Ich spüre ihn" flüstert Remus, weiß vor Anstrengung. „Ich habe eine… Verbindung… aber… es ist wie Tauziehen."
Die Oberfläche des arkanen Spiegels hat sich beruhigt, aber ein seltsames unruhiges Flimmern ist zurück geblieben. Severus wirft einen prüfenden Blick darauf. Er hatte eine glatte, spiegelnde Oberfläche erwartet. Er fragt sich, ob Energieschwankungen der Grund sein können, dann erkennt er, dass es kein Flimmern ist. Es sind Bilder, die in rascher Folge auf dem arkanen Spiegel auftauchen und wieder verschwinden, schneller oft, als das menschliche Auge folgen kann, sie überlagern sich, verdrängen sich, werden an der Oberfläche vorbei gezogen wie der Blick aus einem Zugfenster: eine gekrümmte Gestalt auf einem Zeitungslager, Straßen, ein Hydrant, das Innere eines Autos, ein langer, grauer Gang, Remus im Regen, lächelnd, eine Frau auf einem Pferd, die Peitschende Weide, die Dächer von Hogwarts, flüchtige Gesichter in einem prunkvoll verzierten Spiegel, der Blick von oben auf eine Stadt, Arme, Hände, Pfoten, Licht und Blick und Geste und hell und dunkel, Auge Wolke Haus Gras Himmel.
„Er ist ganz nah" sagt Severus.
„Ja" sagt Remus, und seine Stimme ist flach und spröde vor lauter Anstrengung. „Aber er hat Angst. Er zieht. Zieht mich. Ich habe Bilder… in meinem Kopf… er ist stärker…"
„Wir bekommen ein Problem mit der Energieversorgung" sagt Severus.
„Ich gehe" sagt Remus zwischen zwei harschen Atemzügen. „ Hinein. Ich hole ihn."
„Unsinn" faucht Severus. „Du bist der Toröffner. Wenn du hinein gehst, wird der Spiegel hinter dir kollabieren, und ich kann von vorne anfangen!"
Remus steht und starrt Severus an, der sich vorsorglich zwischen ihn und das Tor gebracht hat. Auf seiner Stirn bilden sich feine Schweißperlen.
„Vielleicht" flüstert Emilia und macht eine halbherzige Geste zum Tor, „sollte ich…?"
„Und wie wollen Sie das bewerkstelligen, als Muggel?" faucht Severus.
Emilia schweigt und sieht ihn an.
„Grundgütiger Merlin" sagt Severus. „Wie ich euch alle hasse!"
Und macht einen Schritt durch das Tor.
oooOOOooo
Es ist wie Apparieren, nur langsamer. Ein Gefühl zu fallen, die schrittweise Auflösung von Substanz, ein Verströmen im Nichts, und eine heiße Welle von Panik. Verzweifelt klammert Severus sich an seinen gedanklichen roten Faden: die Auflösung ist notwendig, die Körperinformationen werden im arkanen Speicher der Tores aufbewahrt (falls ein solcher Speicher noch existiert und funktioniert, und er unterdrückt ein hysterisches Lachen bei dem Gedanken, es könnte ihm beim Rematerialisieren versehentlich etwas von Blacks aristokratischer Schönheit übertragen werden – oder umgekehrt – falls er jemals wieder auf der anderen Seite materialisieren sollte…)
Als er an sich hinunter sieht und wieder etwas wie einen Körper wahrnimmt, sieht er seine Füße nicht. Grauer Nebel strudelt um ihn und wallt zu dicken Schwaden auf. Im Nebel ist Bewegung, ein fahles Spiel von Farben geistert um ihn, und er sieht, dass es Bilder sind – oder Dimensionen – oder Möglichkeiten – eine unendliche Anzahl paralleler Universen –
- vielleicht eines, in dem man ihn zur Siegesfeier eingeladen hat, in dem er sich nicht, nachdem schon alles vorbei war, ein Duell mit Mad-Eye Moody liefern musste, weil der Holzkopf nicht eins und eins zusammenzählen kann…
- eines, in dem er nie der anderen Seite angehört hat…
- eines, in dem ihm genau dieser Duft von Erfolg und Charme anhaftet, der selbst aus einem Verlierer wie Black einen gefragten Partygast macht…
- oder eines, in dem Emilia keine Schwäche für stille Arithmantiker hat?
Plötzlich sind Leute um ihn. Es ist laut, Musik spielt, vor ihm ist ein rotes Sofa, in seiner Hand ein Glas Sekt und an seinem Arm eine Blondine mit eckiger Brille, die ihn anlacht.
„Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, Herr Tränkemeister" sagt sie. „Da kommen wir aber von weit her mit unseren Gedanken, was?"
„Verzeihung" sagt er automatisch, während eine Flut von Informationen sein Gehirn überschwemmt (sie heißt Livia, er ist seit geraumer Zeit mit ihr liiert, und dies ist die Willkommensparty für Sirius Black, der ein halbes Jahr in Frankreich gewesen ist, was für ein erholsames, friedliches halbes Jahr, und dies ist die Wohnung, die er mit Remus teilt, Severus war schon hier zum Tee auf dem roten Sofa, und da ist James Potter, er hat rote Wangen und ein Stück Salamipizza und sagt „Küssen! Merlins Bart. Ich meine, was kommt als nächstes?", und Peter neben ihm lächelt und sagt „Hoffentlich etwas, wofür sie sich einen privateren Ort aussuchen als die Küchentür", und Severus weiß, er könnte rüber gehen und sich ein Stück Pizza nehmen und mit Kingsley plaudern oder mit Lilly, und niemand würde ihn schief ansehen, einfach bleiben und das Tor vergessen, einmal in seinem Leben den einfachen Weg gehen.)
„Entschuldige mich für einen Augenblick" sagt er, löst seinen Arm aus dem Livias und macht einen Schritt, weil die einfachen Wege immer nur für die anderen sind. Und dann dreht er sich doch noch einmal zu ihr, schließlich wird er sie wohl nie wieder sehen, obwohl sein Herz für sie brennt, und küsst ihre weichen Lippen und atmet den Duft ihrer Haare.
„Ich bin gleich zurück" verspricht er ihr und hofft, dass es stimmt, zumindest aus ihrer Sicht. Er stellt sein Sektglas auf dem Fensterbrett ab und betritt den kleinen Balkon. Die Nachtluft ist frisch, es hat geregnet. Dieses Leben ist so vertraut, er muss sich mit Macht darauf konzentrieren, dass es nicht seines ist, und ihm schaudert vor den Versuchungen und Gefahren dieses Artefaktes. Er spürt, wie das andere fremder wird: er, ein Lehrer für Tränkekunst, miserable Kindheit, miserables Privatleben.
Wer will das schon?
Er reißt sein inneres Schutzfeld nach oben, macht seine Gedanken undurchdringlich, konzentriert sich ganz nach innen auf den Kern seiner Existenz, das ist er, der dunkle Keller, das Dunkle Mal, Beethoven und der kleine Jerome, der „Auto?" sagt und ihm sein Spielzeug entgegen streckt. Er hat sich abrutschen lassen, sich verführen lassen von den Möglichkeiten, und er kann nur vermuten, was das Tor mit einem macht, der zwölf Jahre Azkaban zu verdrängen hat und unwissend in das Tor gestolpert ist, in dem Restenergien und ein verschrobener arkaner Eigenwille ihr Unwesen treiben.
Er konzentriert sich mit Macht auf den Vorraum, das Wartezimmer. Den Knotenpunkt hinter dem Tor, wo er den Vermissten gespürt hat, und plötzlich spürt er, wie er gleichzeitig in die Knie geht und sich entfernt, ein flüchtiger Blick noch von oben auf die Häuserfront, gekrümmte Gestalt am Balkongeländer, und dann ist er weg und gleichzeitig da und erlebt wieder einen heißen Stich von Panik bei dem Gefühl, zu fallen, und dann riecht es nach Desinfektionsmittel und das Licht ist grell.
Severus blinzelt und durchsucht seine Roben nach dem parfümierten Taschentuch.
„Kann ich Ihnen helfen?" sagt eine freundliche Frauenstimme.
Severus starrt auf eine Wand, an der ein nicht mehr ganz frisches Plakat hängt: Informationen über Tollwut. Daneben eine Tür, die offenbar in ein Büro führt. Irgendwo draußen fährt ein Auto vorbei.
Vorsichtig dreht Severus sich zu der Frauenstimme. Die Sprecherin sieht ihn erwartungsvoll an, eine freundliche Erscheinung, die ihn ein wenig an Molly Weasley erinnert.
„Ich habe hier einen Hund abzuholen" sagt Severus vorsichtig.
„Ich nehme an, Sie meinen einen bestimmten" sagt die Frau.
„Ja" sagt Severus. „Er ist groß und schwarz und hat ein sehr albernes Knickohr."
„Ah" sagt sie und lacht. „Unser Ausbrecherkönig. Kommen Sie bitte mit."
Die Frau führt Severus einen langen Gang entlang, und er kann das Hundekonzert schon von Weitem hören. Er schluckt und nestelt ungeschickt an seinen Roben. Dann sperrt die Frau eine Tür am Ende eines Ganges auf und winkt Severus hinein.
Severus findet endlich das parfümierte Tuch und presst es sich vor die Nase. Der Geruch nach Hund verursacht ihm Übelkeit. Vorsichtig macht er einen Schritt. Unter seinen Stiefeln ist rissiger Betonboden, und nur widerstrebend wendet er den Blick nach links und rechts, wo Hunde in kahlen Einzelzellen ihre Nasen gegen die Gitterstäbe pressen. Der Lärm ist unerträglich. Severus atmet Orange und Sandelholz und verfolgt, wie seine Mechanismen arbeiten: die Angst nehmen, sie einschließen und versenken, ganz tief, wo er sie nicht mehr spürt. Den Kopf klären, Gedanken ordnen, Verstand schärfen.
Und da ist er, in einer Zelle auf der rechten Seite. Er hat sich hinten in die Ecke gekauert, die Ohren sind im Fell verschwunden, und ein tiefes, heiseres Grollen kommt aus seiner Kehle. Severus starrt auf das blitzende Gebiss.
„Das ist er" sagt er.
„Er scheint sich nicht sonderlich zu freuen" sagt die Frau. „Vielleicht suchen Sie sich einen anderen aus."
„Diesen hier" sagt Severus. „Öffnen Sie."
„Möchten Sie sich nicht zuvor noch etwas umsehen?" fragt die Frau.
„Nein" sagt Severus. „Sie sind ein Produkt meiner Phantasie. Verschwinden Sie."
Die Frau löst sich in Luft auf.
Severus berührt das Schloss in der Zellentür, und die Tür schwingt sachte nach innen auf. Das Grollen steigert sich zum gefährlichen Bellen. Die eindrucksvollen Kiefer schnappen in die Luft.
„Wir haben keine Zeit für so etwas" sagt Severus. „Komm mit."
Padfoot bellt, gegen die Wand gepresst, Schaum vor dem Maul.
„Wenn die Energie abreißt, so lange wir noch hier drin sind, haben wir eine Ewigkeit Zeit, uns auf die Nerven zu gehen" sagt Severus. „Komm mit. Sofort."
Er macht einen Schritt in die Zelle. Padfoot springt in Angriffshaltung, das Nackenfell gesträubt. Seine Augen sind hart und blau wie Saphir, und kein Funken des Erkennens darin. Er schnappt wild um sich, als von irgendwo dicker, grauer Nebel auf ihn eindringt. Severus sieht sich um. Die Wände scheinen zu schmelzen, Gitterstäbe verformen sich, grelles Licht dringt durch Risse im Boden. Und dann sind da Gestalten, sie kommen aus den anderen Zellen und strömen vor Padfoots Zelle zusammen, blasse Menschen mit leeren Augen und altmodischen Roben.
„Nimm mich mit" sagt ein älterer Mann mit schütterem Haar und streckt die Hand nach Severus aus.
„Nein" sagt Severus, den es kalt überläuft. „Ich kann nur einen mitnehmen, und das ist dieser
hier."
„Mich" sagt eine Frau mit dunklem Zopf, ihr Blick geht leer gegen die Rückwand. „Nimm mich mit. Ich habe ein Kind dort drüben."
„Mich" sagt ein dritter. „Nimm mich. Ich habe eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Ich kann wertvoll sein."
„Nimm mich mit" sagt ein alter Zauberer mit weißem Bart. „Ich bin am längsten hier von allen."
„Keinen von euch" sagt Severus, der besorgt beobachtet, wie sein Puls nach oben schnellt und sich ein feiner Schweißfilm auf seiner Haut verteilt. Um ihn herum entladen sich arkane Fehlströme, er spürt das Anrollen der Kaskade, er muss wenig hier, mit oder ohne den irren Köter.
„Nimm mich mit" sagt die Frau mit dem Zopf wieder, und eine andere kommt neben sie, und dann rücken sie auf, mit torkelnden Bewegungen wie schlecht geführte Marionetten und Augen, in denen kein Leben erkennbar ist. Severus weicht zurück gegen die Wand, nur dass da keine Wand mehr ist, sondern eine mahlende, wirbelnde Masse, durch die das Licht bricht.
„Nimm mich mit" sagen sie, alle durcheinander, mit Stimmen, so hohl und leblos wie ihre Augen, und dringen auf Severus ein, und dann schießt Padfoot schäumend und knurrend nach vorne und stürzt sich auf die Frau mit dem Zopf, reißt sie zu Boden und vergräbt sein Gebiss in ihre Schulter. Die anderen weichen zur Seite oder machen einen Schritt über die beiden, die sich am Boden wälzen, und rücken auf.
„Nimm mich mit."
„Ihr seid ein Produkt meiner Phantasie" versucht Severus es mit blassen Lippen. „Verschwindet."
Er ist nicht erstaunt, als es nicht funktioniert. Sie sind keine Produkte seiner Phantasie.
„Merlin" flüstert er. „Expecto… expecto patronum."
Es ist nicht ganz trivial, unter diesen Umständen einen glücklichen Gedanken zu fassen. Er schließt die Augen. Musik hilft, wie so oft, diesmal ist es der Melodiefaden der Unvollendeten, der ihm durch den Kopf wandert, und er nimmt ihn und spinnt ihn weiter und füllt sich mit dem warmen Gold, und dann spürt er, wie die Schlange sich aus seinem Zauberstab erhebt und ihren majestätischen Leib in schützendem Kreis um ihn schlingt.
Sie starren ihn immer noch an, mit hohlen Augen, aber sie können sich nicht mehr nähern.
Und dann reißt die Welt auseinander.
Grelles Licht flutet aus einem namenlosen Nimbus zu ihnen hinunter, und dann kommt aus dem Nichts ein Wind, der ihn anspringt, an seinen Roben zerrt und ihm die Haare über das Gesicht schlägt, oder vielleicht kein Wind: ein Sog, der den dicken Nebel abreißt und verschlingt, der die Wände auflöst und wegschmilzt wie eine Sandburg bei Flut, der das Licht aufbricht und es in spitzen Scherben davon spült und verschlingt.
Severus denkt, dass es eine interessante Erfahrung sein könnte, im Zentrum einer arkanen Kaskade zu stehen, wenn auch eine, die man im Nachhinein nicht mehr auswerten kann. Padfoot ist immer noch in die Frau verbissen und schüttelt sie, die mittlerweile nicht mehr schreit. Severus schickt einen Gedanken an die Schlange, und sie neigt ihren glitzernden Leib über den schäumenden Hund, löst den stählernen Griff seiner Kiefer und drängt ihn, dem blutiger Schaum vom Maul tropft, rückwärts. Ohnehin hat der Sog begonnen, Padfoots Opfer aufzulösen, wie auch die anderen, ihre Oberflächen schmelzen, Robe vermischt sich mit Haut vermischt sich mit Haaren, Konturen verschwimmen, und lange Fäden von Materie, oder woraus auch immer sie bestehen, lösen sich von ihren Körpern und werden vom Sog verschluckt. Verwaschene Münder öffnen sich, ausgestreckte Hände erodieren und werden abgetragen, der Chor von „Nimm mich mit" wird dünner.
„Es tut mir leid" sagt Severus mit einer Stimme, die ihm nicht gehorcht.
Ihm ist klar, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, aber er weiß nicht, wohin.
Er lässt seinen geistigen Schutzschild fallen und sucht Remus über den Patronus hinweg, sein präzises, geradliniges Denken, den subtilen Sinn für Humor, den er so selten zeigt, doch in seinem Inneren quillt die Angst aus ihrer Versenkung und füllt ihm den Kopf mit dicken, schwarzen Wolken, und er weiß nicht, ob er Angst davor hat, zurück zu gehen, oder Angst davor, hier zu stranden, aber dann gibt es ja vielleicht noch einen Weg zurück zu Livia und dem besseren Leben, das er plötzlich so dringend will wie vorher noch nie etwas.
Er ruft sich gewaltsam zur Ordnung. Es ist die Tormagie, die ihn beeinflusst, seit er den mentalen Schutzschild hat fallen lassen, es ist nicht ungewöhnlich, dass alte Magie in gewissem Sinne ein Eigenleben entwickelt. Er bemüht sich, seine Gedanken zu kanalisieren. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, woher er kommt.
Jenseits des silbrigen Schlangenleibes werden die Gestalten zu graufleckigen Stümpfen zusammengewaschen.
Er schließt die Augen und denkt an die stillen Abende in der Bibliothek von Nummer Zwölf. Er denkt an das beglückende Erlebnis eines Musicantatus, wenn er genau im richtigen Augenblick dieses unvergleichliche türkisfarbene Leuchten annimmt. Er denkt daran, wie sehr er Emilia – schätzt, und an sein erfreutes Unbehagen, wenn Jerome ihm ein klebriges Auto zum Spielen gibt. Er denkt daran, wie sehr er Sirius Black verabscheut hat, all die Jahre. Von dort kommt er, dahin wird er zurück gehen. Der schwierige Weg für Severus Snape.
Auf der anderen Seite des ehemaligen Ganges, jenseits des tanzenden Wirbels, erscheint ein hoher, dunkler Umriss aus dem Nichts.
Durch den Leib der Schlange läuft ein zitterndes Flackern. Arkane Fehlströme lassen die Luft knistern und tanzen als kleine blaue Funken über Padfoots Fell. Severus kommt in die Höhe und macht ein paar Schritte.
„Komm" sagt er zu dem Hund, aber der schüttelt wild den Kopf und versucht, sich in den astralen Leib der Schlange zu verbeißen. Severus schickt neue Energie in die Schlange; er nimmt an, dass nur sie seinen Begleiter vor der Auflösung in diesem kollabierenden arkanen Raum bewahrt, und was mit ihm selbst geschähe, möchte er sich nicht ausmalen.
„Zum Teufel, du irrer Köter!" faucht Severus. „Stupor, dann eben!"
Das Licht um ihn explodiert. Die Schlange bäumt sich auf. Padfoot erschlafft, bricht zusammen, bleibt reglos liegen.
Severus macht einen Schritt hinüber und packt Padfoot an den Vorderläufen.
„Ich warne dich" keucht er, während er versucht, sich den schweren, leblosen Hundekörper auf die Schulter zu laden. „Ein einziger Floh… aus deinem verfluchten Skalp… auf meine Robe… und du bist ein toter Mann."
Der Hund, schlaff wie ein Sack voll feuchtem Mehl, rutscht zu Boden, oder in den Brei aus Licht und Materie, der eben noch Boden war. Die rosa Zunge hängt ihm aus dem Maul.
„Toter als tot" schwört Severus finster.
Er ist kein Held, der es gewohnt ist, Mitstreiter mit nichts als Körperkraft vom Schlachtfeld zu evakuieren. Man sollte grundsätzlich von ihm nicht verlangen, etwas mit Körperkraft zu vollbringen.
„Verfluchter Mistköter" sagt Severus, bringt seine Schulter unter den betäubten Hund und stemmt sich taumelnd in die Höhe.
Die Schlange ist kaum mehr als ein Schemen, und Severus glaubt zu erkennen, wie die Umrisse seiner Hände verschwimmen, die er in das Hundefell gegraben hat. Etwas reißt an ihm, als wollte etwas ihm sein Gehirn durch die Poren seiner Haut nach außen ziehen, und er setzt einen Fuß vor den anderen, so lange er noch Füße hat, auf das Tor zu, die einzige feste, unverwüstliche Struktur in diesem Raum der völligen Auflösung. Dann ist er auf den Knien und wird zum Tor getrieben, um ihn herum ein irrer Tanz aus Rauchfetzen und Lichtscherben, er schließt die Augen und konzentriert sich ganz auf das Gewicht des Hundes, auf das Fell zwischen seinen Händen, und dann verliert er den Kontakt zum Boden und fällt, und ein enormer Druck auf den Schädel spannt seine Trommelfelle zum Bersten, und dann gibt es ein Aufblitzen und einen dröhnenden Schmerz und einen Aufprall auf hartem Stein.
Severus reißt die Augen auf. Überall ist Gesteinsstaub, und in den wirbelnden Wolken steht Remus, Gesicht weiß, starrer Blick, den zitternden Zauberstab mit beiden Händen umklammert. Dann kollabiert hinter Severus der arkane Spiegel, und Remus bricht zusammen.
Über einem fernen Rumpeln und Grollen hört Severus Emilias Stimme: „Wir müssen raus hier!", aber für einen Augenblick noch hängt sein Blick an Sirius Black, der reglos neben ihm auf dem staubigen Boden liegt.
Das Tor hat den Menschen zurück gebracht, nicht den Hund, und er sieht aus wie damals, vor zwei Jahren: das zottige, halb lange schwarze Haar, das unrasierte Gesicht, ein Schatten von Schmieröl auf der Wange (Severus erinnert sich, man hat ihn von der Lady geholt, als die Katastrophe in der Mysterienabteilung ihren Lauf nahm), er sieht aus, als könnte er jeden Augenblick die schweren Wimpern heben und Severus angrinsen und eine seiner kreativen Beleidigungen von sich geben.
Dann steigert sich das Rumpeln zu einem ohrenbetäubenden Krachen, der Boden zittert und bäumt sich auf, und Severus reißt den Blick nach oben, wo gewaltige Gesteinsbrocken sich aus dem geschwächten Gewölbe lösen. Arkane Entladungen zickzacken wie umgekehrte Blitze aus dem Boden und streben zur Decke. Emilia schreit auf und wirft sich über Remus, der immer noch reglos liegt und Sirius' Zauberstab umklammert.
Severus verliert keine Zeit und appariert sich und Sirius.
Ein flüchtiger Eindruck von kühler, grauer Luft und Regen, dann wieder zurück und nicht über die Angst nachdenken, Emilia packen, die von Staub bedeckt ist und eine Platzwunde an der Schläfe hat, und eine schmerzhafte Not-Apparition in einem Regen von Staub und Gesteinsbrocken, während sich die gewaltige Gewölbedecke auf sie hinunter senkt.
Kostbare Sekunden vergehen, ehe der Schmerz der überhasteten Not-Apparition weit genug abgeklungen ist, um Sprechen zu ermöglichen.
„Remus" krächzt Severus.
„Jones hat ihn" sagt Emilia und klingt grenzenlos erschöpft. Sie sieht hinunter auf Sirius, der reglos auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster liegt, streckt eine schmutzige Hand aus und streicht ihm die Haare aus der Stirn, während Tränen ihr kleine helle Straßen in die Staubschicht auf ihrem Gesicht zeichnen.
„Wo sind sie hin?" fragt Severus.
„St. Mungo's, hoffentlich" sagt Emilia. „Da, wo wir auch sein sollten."
„Ich habe den nächsten mir bekannten Not-Apparitionspunkt gewählt" sagt Severus und schafft es, eine wenn auch unzureichende Menge an Gift in seiner Stimme zu produzieren. „Verzeihen Sie meine mangelnde Präzision angesichts von Tonnen von Gestein, die auf dem Weg zu mir nach unten waren."
„Ja" sagt Emilia schlicht, und dann lässt sie von Sirius, schlingt Severus die Arme um den Hals und küsst seine Wange, und für einen Augenblick ist er versucht, ihr von Livia zu erzählen, und dass er trotzdem froh ist, hier zu sein und nicht dort, aber dann lässt er es bleiben.
oooOOOooo
Severus ist zu erschöpft, um durch verbale Drohgebärden eine ärztliche Untersuchung in St. Mungo's abzuwenden. Es ist einfacher, zu sitzen und das Sprüchleinsingen und Stabgewedel des Ärzteteams über sich ergehen zu lassen. Er verlangt einen Fortis, aber man will ihm keinen geben, und seine Tasche liegt begraben unter Tonnen von Gestein, dort wo auch das Tor liegt und die grausam zerstörten Hoffnungen fortschrittsgläubiger Zauberer.
Am schwierigsten ist es, die Stimmen zu verdrängen, die „Nimm mich mit" fordern, die leeren Augen und ausgestreckten Hände, die Hilflosigkeit und die bittere Gewissheit, nicht gut genug gewesen zu sein, nicht schnell, präzise, vorbereitet genug.
Nicht im Traum hätte er damit gerechnet, dass noch andere dort gefangen sein könnten, hinter dem Vorhang.
Er klammert sich an die Stimme der Vernunft, die ihm sagt, dass es für die geistige Gesundheit eines vor fünfzig Jahren vom Tor verschluckten Forschers keine Rettung geben kann. Stehen doch die Chancen schon schlecht genug für einen, der vor zwei Jahren verunfallt ist.
Trotzdem strecken sie die Hände nach ihm aus und bitten ihn, sie mitzunehmen.
Er ist erleichtert, als man ihm seine geistige Unversehrtheit attestiert, er hätte Glück gehabt und mittels seiner Okklumantik das Schlimmste verhindert. Er fragt nach Emilia. Man sagt ihm, sie werde sich erholen, aber ihre Zauberkraft habe sie für immer verloren. Er fragt nach Black, und sie sehen ihn an und schweigen.
Später erst zieht ein Pfleger die Querverbindung, ruft panisch den Namen und zeigt auf die Pritsche, wo Sirius immer noch reglos liegt, das Gesicht so weiß wie das Kissen. Mit müder Bewegung zieht Severus eine Kopie der Begnadigung aus der Robe und hält sie vor sich. Sie wird ihm abgenommen und verschwindet im Zentrum einer Traube aus aufgeregten Ärzten.
Severus steht auf geht Emilia suchen. Sein Körper fühlt sich an, als werde zwischen jedem seiner beweglichen Teile Sand zerrieben.
Emilia schläft. Man hat sie zusammen mit Remus in einem kleinen Zimmer untergebracht, und Remus ist wach, ein wenig zumindest, und sieht zur Tür, die Severus behutsam hinter sich schließt.
„Sirius?" fragt er, seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.
„Belaste dich nicht mit übertriebener Sorge um mein bescheidenes Wohlbefinden" sagt Severus. „Mir geht es gut."
„Ist er hier?" fragt Remus. „Wie...?"
„Er ist hier" sagt Severus, „und noch bewusstlos, weshalb man über sein Befinden noch keine Aussage treffen kann."
Remus kommt auf die Ellenbogen, dann schwankend zum Sitzen und arbeitet mühsam erst den einen, dann den anderen Fuß aus dem Bett. Er trägt ein langes, weißes Nachthemd, in dem er aussieht wie ein Geist.
„Was hast du vor?" fragt Severus, obwohl er es weiß.
Remus antwortet nicht, zieht sich am Bettgestell in die Höhe und landet keuchend an der Wand.
„Hat man dir erlaubt, aufzustehen?"
Remus macht ein paar tastende Schritte, die Hände vor sich ausgestreckt wie ein Blinder. Er hat die Tür im starren Blick, und Severus fängt ihn gerade rechtzeitig auf, als seine Beine unter ihm nachgeben.
„Was für eine idiotische Idee" sagt er, und seine eigene Müdigkeit lässt ihn nicht die nötige Schärfe aufbringen. „Zurück ins Bett!"
Remus überstreicht ihn mit einem goldenen Blick, macht sich los und torkelt zur Tür.
Severus gestattet sich ein abgrundtiefes Seufzen und einen Augenblick des „Warum immer ich?", ehe er Remus hinaus auf den Gang folgt.
Remus tastet sich an der Wand entlang, sein Blick geistert hilflos über weiße Wände, Türen, Teewagen und auf dem Gang geparkte Betten. Er dreht sich suchend um sich selbst, er sieht aus wie einer, den man am Besten gleich in der Geschlossenen Abteilung behält.
Zwei Pflegerinnen eilen zu ihm und nehmen ihn in die Mitte, gerade als er wieder in die Knie zu gehen droht.
„Mister Lupin" sagt die eine. „Was machen Sie denn?"
„Sirius" sagt Remus.
„Wir bringen Sie zurück ins Bett" sagt die zweite mit der freundlichen Entschiedenheit, die dem Pflegepersonal anhaftet.
„Sirius" sagt Remus. „Sirius Black."
„Besuch empfangen können Sie später" sagt die erste. „Sie waren einer arkanen Überladung ausgesetzt. So etwas braucht Zeit, um zu heilen."
„Sirius" sagt Remus.
„In Merlins Namen" sagt Severus. „Bringen Sie ihn zu ihm, oder stellen Sie ihn ruhig. Das ist ja nicht mit anzusehen."
Die eine Pflegerin, sie ist jung und hat einen langen dunklen Zopf, sieht die andere über Remus' Schulter hinweg an.
„Fünf Minuten?" sagt sie. „Jetzt ist er sowieso schon aufgestanden. Es kann nicht so viel schaden, oder?"
„Erzählen Sie's nicht dem Oberarzt" sagt die zweite Pflegerin und fasst ihren schwankenden Patienten fester um die Mitte.
Man hat Sirius vom Gang in ein Zimmer verlegt. Die Vorhänge um sein Bett sind halb geöffnet, und er liegt dort in den sauberen weißen Kissen, unberührt und fern wie Dornröschen in seinem hundertjährigen Schlaf.
„Warten Sie draußen" befiehlt Severus den beiden Pflegerinnen, und sie gehorchen, vielleicht verblüfft von der plötzlichen Attitüde des erschöpften, staubbedeckten Mannes. Er schließt die Tür vor ihren Gesichtern und wendet sich zu Remus.
„Ich musste ihn mit einem Stupor belegen" sagt er. „Ich bin nicht sicher, wie lange..."
Er unterbricht sich. Er pflegt keine Unterredung mit Menschen, die ihm nicht zuhören.
Remus ist an Sirius' Bett und streicht vorsichtig die Vorhänge zur Seite. Severus hört seine tiefen, beinahe qualvollen Atemzüge und sieht, wie sehr ihm die Hände zittern. Dann geben Remus endlich die Beine nach und er setzt sich auf den Bettrand, und er berührt das Gesicht des Schlafenden mit den Fingerspitzen, wie um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich fassbar geworden ist, die Gestalt, das Phantom, das ihn zwei Jahre lang besessen hat, oder vielleicht auch immer schon, und Severus muss die Augen abwenden von diesem Gesicht, das ein unerträgliches Zuviel von allem zeigt: Fassungslosigkeit und Glück und Trauer und etwas Hingerissenes, das zu schmerzhaft ist, um schön zu sein. Dann hebt Remus vorsichtig die Bettdecke an und gleitet darunter, legt sich dich an den so lange Vermissten und bedeckt sein Gesicht mit Küssen, während ihm endlich lautlose Tränen fließen und vom schwarzen Schopf des anderen geschluckt werden, wie der Schlafende überhaupt Remus' gesamte Energie zu schlucken scheint, denn Remus wird ruhiger, die letzte Kraft verlässt ihn, er sieht aus wie einer, der gänzlich erschöpft ist oder sich zur Gänze erschöpft hat, und Sirius regt sich, dreht den Kopf auf dem Kissen und murmelt:
„Moony?"
Und Severus, der nicht ernsthaft damit gerechnet hat, dass jemand in diesem Zusammenhang seinen Namen murmelt, verlässt das Zimmer leise und zieht die Tür hinter sich zu, denn jemand sollte bei Emilia sein, wenn sie aufwacht.
