Ihr Lieben,

ich hoffe, es gibt Euch noch, denn entgegen anders lautender Gerüchte gibt es auch mich noch. Ich habe zwischenzeitlich die Komplett-Renovierung meiner neuen Wohnung hinter mich gebracht, und den Umzug mit all den kleinen Katastrophen, die so ein Umzug mit sich bringt, und will Euch nun wieder ein Stückchen Flashblack anbieten, damit Ihr nicht glaubt, ich hätte keine Lust mehr.

Mein neues, eigenes Projekt nimmt Gestalt an und fordert meine Zeit, aber mit ein bisschen Glück werde ich zum Ende des Jahres noch mal ein neues Flashblack-Kapitel hochladen können. Kapitel sechs ist mit diesem Teil beendet, alle alten Fragen sollten soweit geklärt sein.

Befassen wir uns also noch einmal mit dem Tränkemeister und seiner Sicht der Dinge.

Unschuldiges Tässchen Tee für alle, und los geht es.

Und für die Wartezeit habe ich wieder eine Lese-Empfehlunng für Euch: Ylva-Leigh, zu finden unter meinen Favoriten. Sie hat noch nicht viel veröffentlicht und bearbeitet sehr unterschiedliche Themen, aber ihr „Neulich am Grimmauld Platz" ist zuckersüß, lustig und sehr zu empfehlen. Sie schreibt ganz zauberhaft.

Kapitel sechs, dritter Teil: Wege und Irrwege

Dokumentationsblatt Eins, 12. April 2004.

Patient: Black, Sirius Antares, stationär aufgenommen am 7. April 2004

Vorläufige Diagnose: schizophrene Psychose und/oder Multiple Persönlichkeitsstörung, Anzeichen einer manischen Depression. Magiscans zeigen eine Schädigung der vorderen Regionen des Großhirns einschließlich der arkanen Zentren, ausgelöst durch äußere arkane Kontamination. Der Patient ist verwirrt; sein Gedächtnis scheint verschiedene Versionen der Realität und seiner Biografie gleichzeitig zu enthalten (siehe dazu Beiblatt A: Gesprächsprotokoll; Interview mit Mr. S. Snape über die Natur des Artefaktes, das die Kontamination verursacht hat) und ist dieser Belastung überwiegend nicht gewachsen.

Therapie: Captivare, 3x tgl., arkane Anwendung. Patient ist Animagus; eine Gestaltwandlung muss zu seiner eigenen Sicherheit unterdrückt werden. 25 ml Dormiens abends. Bei Bedarf bis zu 5x tgl 15 ml Sorpirius, um den Patienten ruhig zu halten.

Aussichten auf Rekonvaleszenz: ungewiss.

Severus sieht von dem Blatt auf und in die Augen des jungen Arztes vor ihm.

„Fünfundsiebzig Milliliter Sorpirius" sagt er, „für einen Mann von seinem Gewicht. Das dürfte ihn vollständig ausschalten." Er reicht das Blatt hinüber, und der junge Mann nimmt es entgegen und schiebt es in den Ärmel seiner Robe.

„Theoretisch, ja" sagt er. „Wir bemühen uns, die tägliche Dosis so gering wie möglich zu halten."

„Sie bemühen sich" sagt Severus und sieht zu, wie der junge Arzt sich unter seinem Blick windet.

„Es ist nicht ganz einfach" murmelt er in seine weiße Arztrobe. „Er ist… unruhig. Oft. Aggressiv. Desorientiert. Wir tun ihm keinen Gefallen, wenn wir ihn agieren lassen."

„Welche anderen Maßnahmen treffen Sie zu seiner Genesung? Außer, ihn zu sedieren?"

Der junge Arzt räuspert sich und starrt auf seine Schuhspitzen.

„Sie haben keine Ahnung, was Sie mit ihm anfangen sollen" sagt Severus.

„Die Oberärzte haben das noch nicht entschieden" murmelt der Arzt. „Sein Fall ist einmalig. Unser Legilimens war bei ihm, aber – er sagte, er müsste ausgedehnt mit ihm arbeiten. Zehn, zwanzig Sitzungen vielleicht, bevor eine Änderung eintritt."

„Die Aussicht auf Änderung ist mir nicht konkret genug" sagt Severus. „Ich verlange eine Aussicht auf Besserung. Ich habe zu viel Zeit und Energie in das Projekt investiert, um es jetzt scheitern zu sehen."

„Ich kann Ihnen nichts versprechen" sagt der junge Arzt unglücklich. Severus schnaubt, entlässt ihn aus seinem stechenden Blick und öffnet das kleine Sichtfenster in der Tür zu Sirius' Zelle.

Zimmer, korrigiert er sich selbst. Zimmer, nicht Zelle.

Es ähnelt trotzdem einer Zelle, das Räumchen, in dem man Sirius untergebracht hat. Ein Bett, ein Tischchen, eine Waschgelegenheit, ein Fenster mit weißen Gardinen, durch das die Nachmittagssonne blinzelt. Ein beinahe normales Krankenhauszimmer, wären da nicht die Schnallen am Bett, die zum Fixieren des Patienten dienen, und die weich gepolsterten weißen Wände.

Es ist ein vertrautes Bild, mittlerweile. Sirius ist auf allen Vieren, krümmt sich und zeigt die Zähne. Severus sieht, wie seine Muskeln zittern und krampfen in der übergroßen, vergeblichen Anstrengung, in den Hund zu gehen. Remus ist bei ihm, auf dem Boden, hält seinen Kopf umfasst und spricht auf ihn ein.

Manchmal ist Severus nicht sicher, wer von beiden den größeren Schaden hat, aber er weiß, dass er Sirius besser ertragen kann in seiner wilden Wut und Hilflosigkeit, als den ewig sanften, ewig lächelnden Remus, der mit fernem, verklärtem Blick das Ergebnis seiner Bemühungen bestaunt. Severus sieht in Sirius nichts als einen Menschen, dessen Inneres in Scherben liegt, dessen Anblick den alten, harten Hass abträgt und rund schleift wie Wellen über Sandstein und nichts übrig lässt als ein merkwürdiges, unbehagliches Mitleid. Remus sieht eine Lichtgestalt.

Victor Frankenstein, denkt Severus. Ich glaube, du hast ein Monster erschaffen.

Wie von selbst schnellt seine Hand nach vorne und packt den Zipfel der weißen Robe, gerade als der Träger sich still davon stehlen will.

„Mein Informationsbedarf ist noch nicht gestillt" sagt Severus, und der junge Arzt starrt auf die schlanken weißen Finger, die seinen Ärmel umschlossen halten wie eine unlösbare Klammer. Severus wendet den Blick von der Szene in Sirius' Zelle.

„Dieser Legilimens" sagt er. „Welche Ausbildung hat er?"

„Er ist Discipulus im Dritten Grad" sagt der Arzt zögernd. Severus erlaubt sich ein kaltes Lachen.

„Nicht einmal ein Adept" sagt er. „Nicht einmal das. Kein Wunder, dass er nichts bewirken kann."

„Wir hatten einen Adepten" sagt der junge Arzt. „Der Krieg hat auch bei uns Opfer gefordert. Wir konnten noch nicht alle Lücken schließen."

„Ja" sagt Severus verächtlich. „Natürlich. Richten Sie Ihrem Oberarzt aus, er soll sich eine vernünftige Therapie ausdenken, oder wir verlegen diesen wissenschaftlich wertvollen Prestigepatienten in ein Krankenhaus irgendwo auf dem Kontinent, wo man Bemühungen anstellt, ihn zu heilen, nicht nur ihn zu studieren."

„Wir tun unser Bestes" unternimmt der Arzt einen Versuch zur Verteidigung.

„Tatsächlich" sagt Severus. „Vielen Dank für diese Information. In diesem Fall weiß ich, dass ich im Bedarfsfall den Crucio gegen mich selbst richte, ehe ich mich bei Ihnen behandeln lasse."

Er lässt die Robe des jungen Arztes los und wischt sich eine imaginäre klebrige Substanz von den Fingern. Den jungen Mann zu demütigen ist keine Herausforderung, aber immerhin verschafft es eine oberflächliche, flüchtige Befriedigung.

Der Arzt rafft seine Roben und macht einen eiligen Schritt rückwärts.

„Ja" sagt er. „Also dann. Ich, darf ich? Ich muss noch… da gibt es noch andere Patienten, wissen Sie."

„Nur zu" sagt Severus. „Verteilen Sie Ihre Inkompetenz möglichst gleichmäßig, das hält den Schaden am Einzelnen gering. Und schicken Sie mir den Legilimens. Ich habe ein Wort mit ihm zu reden."

„Ich werd's ausrichten" sagt der junge Arzt lahm und verschwindet, so schnell ihn seine Füße tragen.

Severus wirft einen Blick in Sirius' Zelle. Der Patient ist zitternd zur Ruhe gekommen, er liegt zusammengekauert auf dem Fußboden, den Kopf in Remus' Schoß. Seine Körpersprache ist nicht menschlich. Remus sitzt über ihn gebeugt und krault mit kleinen, runden Bewegungen die Haare hinter seinen Ohren.

„He" sagt eine Stimme hinter Severus, und er wendet den Kopf.

„Emilia" sagt er. „Ich bin erfreut, Sie zu sehen."

„Noch ein paar von diesen Auftritten, und Sie kriegen Hausverbot" sagt Emilia. Sie bemüht sich offenbar um einen strengen Tonfall, aber das Grinsen auf ihrem Gesicht macht die Bemühung zunichte. Sie trägt Jeans und ein orangefarbenes Shirt mit Fransen und Blumenmuster und ein passendes Band im Haar. Severus findet, dass sie auf eine strafenswert unkorrekte Art hübsch aussieht. Neben ihr ist Jerome, er klammert sich an ihr Bein, versteckt das Köpfchen und blinzelt zu Severus hinüber.

„Ich bin nicht sicher, ob es ein Schaden wäre, wenn wir alle welches bekämen" sagt Severus. „Ich ziehe in Erwägung, die Verlegung in eine andere Einrichtung zu betreiben. Unglücklicherweise ist das gesamte medizinische System durch den Krieg sehr beschädigt."

„Waren Sie heute schon drin?" fragt Emilia und deutet auf die Tür.

„Nein" sagt Severus. „Der tätliche Angriff von gestern hat mein Bedürfnis nach Nähe auf Null gesetzt."

„Versteh' ich" sagt Emilia. „Was macht die Nase?"

Severus betastet vorsichtig den Nasenhöcker, dessen erhöhte Empfindlichkeit ihn deutlich an den Vorfall erinnert. Sirius hat fast ausgesehen wie früher mit dem wutverzerrten Gesicht und den erhobenen Fäusten.

„Danke, gut" sagt er. „Wenn Madam Pomfrey etwas beherrscht, dann ist es die Reparatur gebrochener Knochen."

Emilia kommt neben ihn und stellt sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick durch das Sichtfenster zu werfen.

„Papa da din?" fragt Jerome.

„Ja" sagt sie. „Aber wir stören jetzt nicht. Wir sehen ihn später."

„Pufu da din?" fragt Jerome.

„Ja" sagt Emilia. „Er schläft gerade ein bisschen, Padfoot."

„Pufu kank" sagt Jerome wichtig. „Papa Pufu sund demacht."

„Noch nicht ganz" sagt Emilia. „Aber bald."

„Pufu gehn" fordert Jerome und zeigt auf die Tür.

„Später" sagt Emilia. „Na, komm, Jerome. Ich wollte ja nur einschreiten, ehe Severus den Arzt zu sehr schimpft."

„Pufu gehn!" wiederholt Jerome.

„Jetzt nicht" sagt Emilia energisch.

„Sie haben doch das Kind nicht etwa mit dort hinein genommen" sagt Severus.

„Nein" sagt Emilia. „Aber er will. Seit er auf der Welt ist, hört er von Padfoot, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Wenn er mal ruhig wäre, Sirius, dann könnte man ihn mal fünf Minuten mit zu ihm nehmen. Aber so… ich meine, selbst ich find's gruselig. Wie mag das erst auf einen Zweijährigen wirken."

„Indiskutable Option" sagt Severus.

„Ja" sagt Emilia. „Wie sieht's mit Kaffee aus? Ist das eine diskutable Option?"

„Nein" sagt Severus. „Falls Sie sich auf die schwarze Substanz beziehen, die in der Kantine unters Volk gebracht wird. Ihre Gesellschaft könnte ich allerdings noch eine Weile über mich ergehen lassen."

„Wie gnädig" sagt sie und lacht. „Dann tun Sie das doch, während ich meine Sucht befriedige."

Gemeinsam mit Emilia geht Severus die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und erlebt lediglich einen kurzen Augenblick der Irritation, als Jerome wie selbstverständlich seine Hand nimmt, um sich die Stufen hinunter helfen zu lassen. Die Kantine ist wenig besucht an diesem frischen Aprilnachmittag, und nur vereinzelt machen schwebende Tassen und Kuchenteller den Luftraum unsicher.

„Einen Tee dann für Sie?" fragt Emilia über die Schulter, während sie Jerome auf einem Tisch am Fenster zu lenkt.

„Nein" sagt Severus. „Der gesellschaftliche Aspekt der Veranstaltung wird völlig genügen."

„Wie Sie wünschen" sagt Emilia und rückt für Jerome einen Stuhl zurecht. „Jerome? Möchtest du ein Sandwich essen?"

„Ich will Gelade" sagt Jerome.

„Schokolade gibt's nicht" sagt Emilia. „Du hattest heute schon genug."

„Aber doch!" sagt Jerome, schiebt das Kinn vor und sieht seiner Mutter auf einmal verblüffend ähnlich. „Ich will Gelade!"

Severus nimmt Platz und ordnet seine Roben. Er weiß aus Erfahrung, dass die innerfamiliären Auseinandersetzungen der Lupins oft geraume Zeit in Anspruch nehmen. Er sucht sein kleines Notizbuch und den silbernen Kugelschreiber (ein Geschenk von Emilia, über das er zunächst die Nase gerümpft hat, das sich aber als äußerst praktisch erwiesen hat) aus den Taschen seiner Roben und geht die Liste der Erledigungen durch, die ihm bis zum Ende der Woche noch bevor stehen. Früher hätte er keinen Bedarf an einer solchen Gedächtnisstütze gehabt, und auch heute kommt er sich beim Umgang damit lächerlich vor. Er fragt sich, ob es am Alter liegt, die Vierzig sind längst überschritten, oder an den ungewohnten Belastungen, die der Aufbau seines neuen Lebens mit sich trägt, oder an beidem.

Bis Emilia und Jerome sich auf ein Sandwich und eine Tasse Kakao geeinigt haben, hat er der langen Liste zwei weitere Posten hinzugefügt. Er bedauert nach wie vor, dass Emilia sich nicht hat bewegen lassen, in das Unternehmen einzusteigen. Ihre Fachkenntnis und ihr freundliches Wesen hätten ihren Mangel an magischen Fähigkeiten mehr als kompensiert, aber er versteht auch, dass sie sich nicht auf diese Weise mit den Inhalten ihres alten Lebens umgeben will, an denen sie nicht mehr Teil haben kann.

Emilia ordert Kakao, Kaffee und Sandwiches, und Jerome jauchzt begeistert, als die Teller und Tassen von der Theke aus starten und in sanftem Sinkflug auf den Fenstertisch einschwenken.

„Wie geht es mit dem Geschäft?" fragt Emilia und fängt die Kakaotasse ein, ehe Jerome sie mit seinen Händchen von der schwebenden Untertasse schubsen kann.

„Schleppend" sagt Severus. „Gestern hat eine Heerschar desorganisierter Gnome begonnen, die Einrichtung zu montieren. Ich halte mich tunlichst fern."

„Gut so" sagt Emilia und lacht. „Sie werden sehen, es wird toll. Ich hab' mich ein bisschen umgehört. Sie sind die erste Adresse am Platz, noch ehe Sie überhaupt eröffnet haben."

„Mir fehlt immer noch eine kompetente Kraft für die Kundenbetreuung" sagt Severus und sieht von seinen Notizen auf. Emilias Wangen färben sich unter seinem Blick in dezentem Rot.

„Nein, danke" sagt sie. „Immer noch nicht. Ich würde es einfach zu sehr vermissen."

„Nachvollziehbar, aber dennoch bedauerlich" sagt Severus. „Und nicht nur, weil es sich als überraschend schwierig heraus stellt, überhaupt Interessenten für die Stelle zu bekommen."

„Ich nehme an, die Leute glauben, Sie wären ein… äh… schwieriger Chef" sagt Emilia und zwinkert hinter ihren Brillengläsern.

„Ich weiß nicht, wie jemand diesen Eindruck entwickeln könnte" sagt Severus, ohne eine Miene zu verziehen.

„Nö" sagt Emilia und lacht. „Völlig unverständlich."

Severus klappt das Notizbuch zu. Bald genug wird Emilia sich wieder in die Pflege und Betreuung ihres magischen Raubtierzoos begeben, und er findet es unwirtschaftlich, die Zeit, die ihm mit ihr bleibt, mit stressinduzierter Planung zu verbringen.

„Sie werden die Kundenbetreuung wohl selber übernehmen müssen, wenn sich niemand findet" sagt Emilia, während sie mit geübten Bewegungen das Sandwich auf Jeromes Teller in mundgerechte Häppchen zerlegt. „Wäre das so schlimm?"

Ein Bild taucht vor Severus' innerem Auge auf: Emilia, im flackernden Licht des Kesselfeuers, konzentriert über einen Mörser gebeugt, in dem sie Mondminze zerreibt. Er schiebt es weg.

„Ja" sagt er. „Ich richte mir nicht Englands modernste Tränkeküche ein, um dann meine Zeit mit Idioten zu verschwenden, die nicht wissen, wie man Polyjuice anwendet."

„Das nenne ich Kundenorientierung" sagt Emilia. „Wie wäre es dann mit einer unserer Ehemaligen? Hermione Granger? Die war ein As in Tränke. Hat sie schon einen Job?"

„Sie studiert, so weit ich weiß" sagt Severus. „Und nein. Ich lasse mich nicht mit ehemaligen Schülerinnen ein."

„War nur eine Idee" sagt Emilia und verdreht die Augen. „Sie sollen sie ja nicht heiraten, oder etwas."

Severus schweigt und faltet die Hände auf der Tischplatte, während Emilia versucht, das erste Stückchen Sandwich in Jeromes Mund zu verfrachten, der jetzt, wo das Sandwich da ist und klein geschnitten wurde, irgendwie doch keinen Hunger mehr hat.

„Wenn Black nicht wäre" sagt er schließlich, „könnten Sie in meiner Tränkeküche arbeiten, und Ihr Mann hätte meinen Posten in Hogwarts übernehmen können. Eine befriedigende Lösung für alle Parteien."

„Hätte, wäre, könnte, das ist doch sonst gar nicht Ihre Art" sagt Emilia, aber sie seufzt ein bisschen.

„Mir liegt daran, einen Zustand der Zufriedenheit für Sie herzustellen" sagt Severus.

„Ich bin zufrieden" sagt Emilia, und er muss nicht in ihre Gedanken gehen, um zu wissen, dass sie es nicht ist.

„Blacks Behandlung schreitet nicht voran" sagt Severus. „Sein Gehirn ist nach wie vor überlastet mit den Informationen aus einem Dutzend oder mehr verschiedener alternativer Biographien. Ehe Sie kamen, habe ich eine bevorzugte Behandlung durch den Legilimens dieser Anstalt veranlasst, aber ich bezweifle die Wirksamkeit. Er ist ein Discipulis des Dritten Grades, das bedeutet, er beherrscht mit etwas Glück die Grundlagen. Er könnte vielleicht einen gesunden Geist lesen, aber auf keinen Fall einen verwirrten therapieren."

„Könnte man ihn nicht alles vergessen lassen, was nicht hierher gehört?" fragt Emilia und rettet ein Salatblatt vom Sandwich vor der Kollision mit einem roten Blechauto. „Du sollst essen, Jerome, nicht spielen."

„Ich mag nicht essen" verkündet Jerome. „Ich will Gelade."

„Jetzt nicht" sagt Emilia.

„Man könnte" sagt Severus. „Es zumindest versuchen. Obliviatezauber sind für chirurgische Eingriffe gedacht, nicht für großflächiges Löschen. Je mehr man löscht, desto instabiler ist das Ergebnis. Darüber hinaus löscht man jedes Mal etwas von der Persönlichkeit und der Identität des Patienten. Dennoch gewinnt die Option angesichts der aktuellen Lage an Attraktivität."

„Könnten Sie…?" fragt Emilia.

„Theoretisch" sagt Severus.

„Und praktisch?"

„Praktisch ist ein ruhiger Patient erforderlich, der mir Vertrauen entgegen bringt und mich arbeiten lässt. Sie werden mir zustimmen, dass diese Faktoren nicht gegeben sind."

Emilia seufzt. „Man muss es ihm doch irgendwie erklären können" sagt sie. Severus erlaubt sich ein ironisches Zucken der Mundwinkel.

„Versuchen Sie's ruhig" sagt er. „Aber bringen Sie zuzeiten Ihre Nase in Sicherheit."

Emilia schweigt und spielt mit dem Salatblatt. Jerome macht Autogeräusche und produziert mit den kleinen Rädern des Spielzeugs Mayonnaisespuren auf dem Tisch.

„Ich habe eine Freundin" sagt Emilia nach einer Weile. „Aus dem Falkenorden. Melodie Blanche. Sie ist eine Legilimens und Empathin. Sie hat therapeutisch gearbeitet, mit Unfallopfern und psychisch kranken Zauberern."

„Tatsächlich" sagt Severus milde interessiert. Empathen sind selten und in seinen Augen nicht zu beneiden, sie leben hinter aufwendigen magischen Schutzschilden, um sich des ständigen Ansturms von Gefühlen aus ihrer Umgebung zu erwehren.

„Sie hat ihren Beruf allerdings aufgegeben" sagt Emilia. „Sie arbeitet jetzt mit Pferden. Überwiegend auf die Muggel-Methode, wenn ich mich recht erinnere. Sie kam zum Schluss mit all den fremden Gefühlen und Schicksalen nicht mehr klar. Klassisches Burn-Out-Syndrom."

„Verbreitet unter Empathen" bestätigt Severus. „Trotzdem, Kompetenz vorausgesetzt, ist jemand mit einer solchen Ausbildung exakt das, was wir brauchen. Verzeihung. Das, was Black braucht."

„Ich könnte sie anrufen" sagt Emilia nachdenklich.

„Sagten Sie nicht, sie hätte ihren Beruf aufgegeben?"

„Vielleicht macht sie eine Ausnahme" sagt Emilia.

„Viele Menschen machen viele Ausnahmen wegen Sirius Black" sagt Severus. „Es scheint, dass eine die andere nach sich zieht. Wo werden wir den Schlusspunkt setzen?"

„Ich weiß es nicht" sagt Emilia und seufzt.

„Dedu!" trompetet Jerome auffordernd und zupft mit klebrigen Händchen an Severus' Ärmel. „Auto spielen?"

Severus betrachtet das mayonnaiseverschmierte rote Blechauto, das ihm dargeboten wird, wie ein giftiges Insekt, will „Nein" sagen, blickt hinunter in Jeromes dunkle, hoffnungsvolle Kirschenaugen, kämpft gegen eine merkwürdige Regung in seinem Inneren und sagt zu dem Kind:

„Ich finde diese Obsession mit Muggelspielzeug bedenklich."

„Auto spielen?" fragt Jerome unbeeindruckt.

„Nein" sagt Severus, greift nach der Zuckerdose, konzentriert sich und leitet ein paar komplexe Transfigurationen in die Wege.

Die winzige, porzellanweiße Kutsche, die von mäusegroßen Pegasi durch den Luftraum über dem Tisch gezogen wird und nur gelegentlich eine dünne Spur Zucker verliert, fasziniert das Kind tatsächlich mehr als das Auto. Jerome ist ganz andächtig versunken in das Spiel, die kleinen Pegasi Schlangenlinien und Spiralen fliegen zu lassen, und Severus empfindet eine befremdliche Zufriedenheit, die nur teilweise etwas damit zu tun hat, dass das Kind ihm nicht mehr mit seinen klebrigen Händen am Ärmel hängt.

Dann trifft Remus ein und bringt überraschender Weise Tonks mit, und Severus bemerkt zu spät, dass die Existenz transfigurierter Pegasi am Tisch, die nicht zur Grundausstattung der Kantine gehören, auf ihn zurück fallen wird.

„Papa!" jubelt Jerome, streckt die Ärmchen hoch und lässt sich von Remus durch die Luft wirbeln, während Tonks, heute weißblond und langhaarig, die Porzellankutsche mit dem Finger antippt und grinst. Er wirft ihr einen erstklassigen Siebtklässler-Eindampfungsblick zu, und sie ist noch nicht lange genug aus der Schule, als dass er seine Wirkung verfehlte. Sie sagt nichts und zieht sich einen Stuhl ran. Severus lässt die Kutsche sachte landen und parkt sie zwischen den Tellern zur weiteren Verwendung.

„Seit wann bist du hier?" fragt Emilia Tonks.

„Zehn Minuten" sagt Tonks, und Severus spürt ihre plötzliche Anspannung. „Ich hab' Remus auf dem Gang getroffen."

„Warst du bei Sirius?" fragt Emilia. „Wie war's?"

Tonks grinst bemüht. „Ganz gut, glaube ich" sagt sie. „Dass die Blacks alle einen Knall haben, ist ja nichts Neues. Seiner ist jetzt nur ein bisschen größer."

„Er hat sich gefreut" sagt Remus, setzt sich auf Jeromes Stuhl und nimmt das Kind auf die Knie. „Er war soweit ganz ruhig."

„Pufu?" sagt Jerome.

„Ja" sagt Remus. „Padfoot. Es geht ihm gut."

„Pufu Hund gehen!" verlangt Jerome.

„Ein andermal" verspricht Remus. „Padfoot kann gerade nicht in den Hund gehen. Er ist krank, und da darf er das nicht."

„Ich bin nicht sicher, ob er mich erkannt hat" sagt Tonks und zuppelt an ihren Haaren. „Oder, welche Tonks er erkannt hat. Er hat ein paar Sachen gesagt, die ich nicht einordnen konnte. Das mit dem Quidditch. Ich war nie Quidditch-Kapitän. Und ein paar andere."

„Das geschieht gelegentlich" sagt Remus. „Du darfst dich nicht grämen. Es gibt vielleicht verschiedene Varianten von Tonks in seiner Erinnerung, die alle verschmolzen sind, aber du bist eine davon, und er mag sie alle gerne."

„Hat Harry ihn mal besucht?" fragt Tonks. Am Tisch entsteht Schweigen.

„Nein" sagt Remus.

„Versteh' ich" sagt Tonks. „Es ist schwer zu ertragen."

„Harry war… nicht in allen Punkten… mit dem Projekt einverstanden" sagt Remus vorsichtig.

„Ich entsinne mich seiner Worte, das Unternehmen käme einer Störung der Totenruhe gleich" sagt Severus, und seine Stimme geht kühl und präzise über den Tisch wie Eiskristalle. „Er fragte, warum wir nicht gleich auf den Friedhof gingen, um ein paar Leichen auszugraben."

Er beobachtet, wie Remus sich krümmt und Tonks die Hand vor den Mund schlägt.

„Wer ist tot?" fragt Jerome interessiert.

„Danke, Severus" sagt Emilia.

„Niemand ist tot" sagt Remus und streicht Jerome beruhigend übers Haar. „Und es ist auch niemals jemand tot gewesen. Mach dir keine Sorgen."

„Es war eine Schutzreaktion" sagt Emilia. „Er hat sehr gelitten unter Sirius'… Verschwinden. Ich denke, er wollte einfach eine klare Situation, mit der er sich abfinden kann."

„Trotzdem wäre es schön, wenn er vorbei käme" sagt Remus. „Sirius fragt ständig nach ihm. Ich weiß gar nicht mehr, was ich ihm sagen soll."

„Nachdem er Realität und Wahn nicht auseinander halten kann, ist Inhalt nicht relevant" sagt Severus.

„Was ist los?" fragt Remus und hat eine kleine Beimischung von Wolf in der Stimme. „Schlechte Laune?"

„Nicht im Geringsten" sagt Severus. „Ich denke nur, dass Potter alt genug ist, um selbst zu entscheiden, bis zu welchem Grad er sich in dein Projekt involviert."

„Sirius ist nicht mein Projekt" faucht Remus, und Jerome sitzt ganz still auf seinen Knien und sieht zu seinem Vater hinauf. „Sirius ist mein… ein… Mensch, der Hilfe braucht."

„Ich finde das ganz schlimm" sagt Tonks tonlos. „Diese Augen. Diese blauen, blauen Augen, und er weiß gar nicht, wohin er schauen soll. Er ist wie… ein Kind, das sich im Wald verlaufen hat. So verloren. Armer Si." Sie holt tief und zitternd Luft, und dann legt sie den Kopf auf die Arme und bricht in Tränen aus. Jerome sitzt still und schaut, und Remus schließt die Arme um ihn.

„Alles ist gut" flüstert er, und Severus weiß nicht, ob zu dem Kind oder zu sich selbst. „Alles ist gut."

„Entschuldigung" sagt Tonks mit quietschiger, tränenerstickter Stimme in ihre Arme. Emilia seufzt, fasst hinüber und legt ihr den Arm um die Schulter.

„Es gibt noch eine Möglichkeit" sagt sie. „Ich habe da eine Freundin von früher. Die rufe ich mal an, und vielleicht kann sie helfen…"

Severus lässt die gesammelten Emotionen am Tisch an sich abperlen. Seine Mauern sind dick, und dahinter ist es kühl und still. Er sieht das Häuflein Menschen an, die alle so hoffnungslos in die Gravitationsfalle von Sirius Black geraten sind und wie an einer Perlenkette immer noch weitere mit hinein ziehen. Er ist froh, dass er am Rand des Sogs zum Stehen gekommen ist, ehe es zu spät war.

oooOOOooo

Dass Melodie Blanche sich in Sirius Black verlieben wird, ist Severus klar, kaum dass er sie gesehen hat. Sie ist genau der Typ Frau, die eine solche Dummheit begehen wird: ausgeprägtes Helfersyndrom, hohe romantische Empfänglichkeit, geringe Resistenz gegen die stellaren Anziehungskräfte. Sie betritt Sirius' Zelle, noch angespannt von der eben bewältigten Langstrecken-Apparition, und flankiert von Remus und Emilia. Severus hält sich im Hintergrund, er will sehen, wie sie arbeitet, die kleine Frau mit den sturmgrauen Augen und dem versteckten Lächeln, nötigenfalls will er eingreifen, er kann nicht vernünftig kommunizieren mit Sirius Black, aber ausschalten kann er ihn, wenn es darauf ankommt, weil ihn keine überflüssigen Skrupel behindern.

Sirius sitzt am Fenster, die Knie hoch gezogen, typische Haltung, ungezählte Stunden hat er so verbracht in den Fenstern von Nummer Zwölf. Er hebt den Kopf, als die Tür sich öffnet, und lugt durch den halblangen, zottigen Haarvorhang, der sein Gesicht umrahmt und den niemand korrigierend abschneiden will.

„Hallo, Pads" sagt Remus. „Wir haben dir jemanden mitgebracht. Eine Freundin von Emilia. Sie kommt aus Deutschland und…"

„Melodie" sagt Sirius mit großen Augen.

„Ich sehe, man hat Ihnen von mir erzählt" sagt Melodie mit dieser Stimme, die so gut zu ihrem Namen passt.

„Hat man nicht" sagt Emilia perplex, und Sirius springt vom Fensterbrett, streicht sich die Haare aus dem Gesicht, strahlt und würde wedeln, wenn er könnte.

„Mann" sagt er. „Melodie. He, das, das ist eine Überraschung, oder?"

„Ich weiß nicht" sagt Melodie erstaunt, aber Severus sieht in ihren Augen, dass sie schon vom Sog erfasst ist, und Sirius lacht, während ihm die Tränen aus den Augen springen, und fällt ihr um den Hals, vergräbt seine Hände in ihren Haaren und weint und lacht und sprudelt sich überstürzende Worte in ihre Schulter, und dann nimmt er ihr Gesicht ins eine Hände und küsst sie auf den Mund, und schließlich zuckt sie doch zurück, und Remus nimmt Sirius bei der Schulter und schiebt ihn sachte rückwärts.

„Was?" sagt Sirius. „Lass mich! Ich will doch nur… Moony! Wir haben uns so lange nicht gesehen!"

„Noch nie, genau genommen" sagt Remus.

„Quatsch" sagt Sirius, und Melodie berührt mit den Fingerspitzen ihren Mund und sieht verwundert aus.

„Das ist Melodie, Moony" sagt Sirius. „Erinnerst du dich nicht? Wer von uns beiden tickt eigentlich nicht richtig?"

„Wir ticken beide, so gut wir können" sagt Remus. „Ich habe Melodie vor zehn Minuten kennen gelernt. Ich bin sicher, ich kann mich nicht erinnern."

„Du spinnst" sagt Sirius mit Überzeugung. „Das ist Melodie. Stellas Mutter. Mann, Moony, was ist nur los mit dir?"

„Wer ist Stella?" fragt Remus.

„Meine Tochter, Spinner" sagt Sirius. „Und jetzt hör auf, mich zu veralbern."

„Pads" sagt Remus sanft und traurig. „Du hast keine Tochter."

„Natürlich habe ich keine Tochter" sagt Sirius, und von einer Sekunde zur anderen sinken seine Schultern nach vorne, sein Blick wird dunkel, und da ist er wieder, der Gefangene, der Trinker. „Du redest Unsinn, Moony. Wirklich. Woher sollte ich eine Tochter haben. Welche Frau ist so verrückt, sich auf einen wie mich einzulassen." Sein dunkler Trinkerblick geht durch den Raum, streift Severus, der vorsichtshalber nach seinem Stab im Ärmel tastet, und bleibt an Melodie hängen.

„He" sagt er, und etwas wie ein verzerrter Schatten seines Sternenlächelns spielt um seine Mundwinkel. „He, he, hallo. Wen habt ihr mir denn da mitgebracht?"

„Melodie Blanche" sagt Melodie leise.

„Freut mich" sagt Sirius, nimmt eine Hand aus der Hosentasche und streckt sie ihr entgegen. „Freut mich aber sehr."

„Ja" sagt Melodie und ergreift die dargebotene Hand.

„Was verschafft mir das Vergnügen?" fragt Sirius und zieht Melodie ein wenig zu sich, anstatt ihre Hand wieder los zu lassen.

„Ich will sehen, ob ich Ihnen helfen kann" sagt Melodie. „Ein bisschen Ordnung in Ihre Gedanken zu bringen. Ich praktiziere eigentlich nicht mehr, aber Emilia hat mich überzeugt, für Sie eine Ausnahme zu machen."

„Wie schön" sagt Sirius und schaut ihr verträumt in die Augen. „Mögen Sie Hunde?"

„Ja" sagt Melodie und muss nun doch lächeln.

„Wie schön" sagt Sirius wieder und holt von irgendwoher das Strahlen zurück in sein Gesicht. „Das trifft sich gut. Ich bin kein Katzenmensch, wissen Sie."

„Ich weiß" sagt sie und lächelt.

„Machen Sie weiter damit" sagt Sirius.

„Womit?" sagt sie erstaunt.

„Mit Lächeln" sagt Sirius. „Mir geht's schon viel besser. Noch ein paar Stunden Lächeltherapie, und die entlassen mich wegen völliger Gesundheit."

Melodie schaut auf ihre Finger, die immer noch mit Sirius' verwoben sind, die Röte steigt ihr in die Wangen, aber sie hört nicht auf zu lächeln.

„Ich fürchte, es wird nicht ganz so einfach werden" sagt sie leise.

„Schön" sagt Sirius. „Prima. Dann werden Sie mich ganz oft besuchen kommen, oder? Gehen Sie mal mit mir Gassi? Hmmm. Du riechst gut. Ein Jammer, dass sie mich nicht in den Hund lassen. Wie geht es Stella? Was macht sie? Warum hast du sie nicht mitgebracht?"

„Es geht ihr gut" sagt Melodie sanft. „Mach dir keine Sorgen um sie."

Etwas ändert sich in ihrer Stimme, sie wird dunkler, und ihr Blick kommt nach oben und legt sich in Sirius'. Severus spürt, wie sie etwas fließen lässt, und dann wird Sirius schlagartig ruhiger.

„Ja" sagt er. „Okay. Ich weiß schon. Du machst das richtig gut, mit ihr."

„Ja" sagt Melodie. „Keine Sorge, mein Stern."

„Keine Sorge" flüstert Sirius.

Sie nimmt ihn an den Händen und führt ihn hinüber zum Bett. Dort setzt sie sich, den Rücken an die Wand gelehnt, und flüstert beruhigende Worte, während er zu ihr aufs Bett klettert, auf allen Vieren, und ihr die Nase in die Halsbeuge drückt.

„Leg dich" flüstert sie und klopft mit der flachen Hand neben sich aufs Laken, und Sirius rollt sich zusammen und bettet den Kopf in ihrem Schoß, stumme Verzweiflung in den Augen.

Finite Incantatem" flüstert sie, und Sirius stöhnt auf wie einer, der stirbt oder gerade geboren wird, und geht in den Hund.

„Aber das ist verboten" sagt Remus entsetzt. „Es kann ihn immer nur noch mehr verwirren! Er kommt ja schon mit seiner zweibeinigen Existenz nicht klar! Was, wenn er nicht mehr zurück findet?"

„Er wird zurück finden" sagt Melodie, und Padfoot schnauft ein tiefes Hundeseufzen und rückt den schweren Kopf auf ihrem Schoß zurecht. „Wenn er sich erholt hat. Wenn er bereit ist für die Aufgaben, die ihn als Zweibein erwarten."

„Das ist esoterisch" sagt Remus und schwankt zwischen Wut und Verzweiflung.

„Nein" sagt Melodie. „Sie wissen außerdem, dass es genügend Zauber gibt, um die Rückverwandlung eines Animagus zu provozieren. Wir können ihn zurückholen, falls Sie Bedenken haben."

„Ich habe Bedenken" sagt Remus. „Das hier verstößt gegen den Therapieplan."

„Der Therapieplan hat nicht funktioniert, sonst hätten wir sie nicht aus Deutschland holen müssen" sagt Emilia und legt ihrem Mann die Hand auf den Arm. Remus stößt Luft aus, sein Blick ist düster. Severus zieht in Erwägung, ob es tatsächlich Eifersucht sein könnte, was den anderen Mann so untypisch in Wallung bringt. Padfoot sieht grenzenlos erschöpft aus, ein schlaffes Bündel schwarzer Hund gegen die weißen Krankenhauslaken, aber friedlich, wie man ihn seit langem nicht mehr gesehen hat.

„Wir sollten ihn hier weg bringen" sagt Melodie und krault das zottige Fell hinter den Ohren.

„Sie sind kaum fünf Minuten hier" sagt Remus. „Wie können Sie sich in einer so kurzen Zeitspanne ein Urteil bilden?"

„Würden Sie in dieser Umgebung gesund werden?" fragt Melodie und umschließt mit einer Handbewegung die weißen, wattierten Wände, das schmale Bett, das blinde Fenster, das auf einen grauen Innenhof geht.

Remus schweigt, aber seine Augen gehen unsicher durch den Raum.

„Okay" sagt Melodie. „Nicht heute. Aber bald. Sobald wir einen guten, sicheren Ort haben, an dem er in Frieden gesund werden kann."

„Wird er das denn?" fragt Remus.

„Wenn wir zusammen helfen und Vertrauen haben" sagt Melodie. „Er ist stark. Er kann das schaffen."

Remus schweigt und seufzt und legt seinen Arm um Emilia, und Severus denkt, dass sie sich über diese Geste bestimmt mehr freuen würde, wenn er dabei nicht Padfoot ansähe.

„Wollt ihr nicht draußen auf uns warten?" fragt Melodie sanft. „Wir machen uns nur ein bisschen bekannt, wir beide."

„Ich weiß nicht" sagt Remus zögernd.

„Gute Idee" sagt Emilia und schiebt ihren Mann sachte zur Tür. „Lass uns mal sehen, was Tonks und Jerome so machen."

Severus verlässt das Zimmer mit dem Eindruck, dass eine sehr interessante Entwicklung hier ihren Anfang genommen hat.

oooOOOooo

„Nein" sagt Emilia.

„Nein?" sagt Remus erstaunt. „Aber…"

„Die Antwort ist nein" sagt Emilia. „Und wird es bleiben, also versuch nicht, zu diskutieren."

„Oh" sagt Remus. „Ja… dann sollten wir vielleicht versuchen, eine andere Lösung zu finden."

„Genau" sagt Emilia.

„Es ist nur eine Frage" sagt Melodie, „aber warum nicht?"

„Weil ich eine Muggel bin" sagt Emilia. „Weil ich keine Lust habe, mich in irgend einem verlassenen schottischen Nest niederzulassen, in dem ich niemanden kenne und niemanden kennen will. Weil ich noch nicht mal weiß, ob ich als Muggel eine Floo-Lizenz bekomme."

„Versteh' ich" sagt Melodie.

„Ich könnte dich apparieren" sagt Remus.

„Super Idee" sagt Emilia. „Die Erfahrung, dass du immer für mich da bist, wenn ich dich brauche, habe ich ja kürzlich immer wieder machen dürfen."

Remus senkt den Blick. Er sieht aus, als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten. Seine Bewegungen sind ein bisschen mühsam, als er aufsteht und sich drüben ans Fenster stellt, als gäbe es in dem engen, schmutzigen Hinterhof von Nummer Zwölf etwas zu sehen.

Severus, der sich mit Teekochen beschäftigt, ringt mit einer Versuchung. Dass Spannung in der Luft liegt zwischen den Lupins, ist ihm nicht entgangen. Er ist kein Empath, aber ein akribischer Beobachter. Es hat ihm immer schon Vorteile verschafft, dass seine Umgebung für ihn so durchschaubar ist. Er weiß, es fehlt nicht viel, und Emilia wechselt die Seiten. Er hat gesehen, mit welcher Leidenschaft sie sich mit ihm in Belangen der neuen Tränkeküche beraten hat. Sie hat sich Gedanken über Lagerung und Beschaffung der Ingredienzen gemacht, an einem Namen für das Unternehmen getüftelt (dass er ihre phantasievollen Vorschläge abgelehnt und sich schlicht für Tränkemeisterei entschieden hat, hat sie ihm nicht verübelt) und sogar in seinem Auftrag mit den idiotischen Gnomen von Gringott's verhandelt. Severus ist sicher, dass ihr erst jetzt, im Laufe der Zeit, klar wird, auf wie viel sie eigentlich freiwillig verzichtet hat, und er denkt dabei nicht nur an den Verlust ihrer magischen Fähigkeiten. Ein bisschen Sofa, Musik, vielleicht ein paar Tropfen Emotiosensualis in den Tee, sie scheint sich ohnehin wohl zu fühlen in seinen neuen Räumlichkeiten über dem Laden, und sie würde ihm in die Hände fließen wie Seide. Nur ein kleiner Vorstoß jetzt, und eine Einladung später, und alles wäre auf den Weg gebracht.

Er lässt das Teesieb abtropfen und sieht hinüber zu Emilia. „Es ist klug, die Zukunft auf verlässliche Faktoren zu gründen" hat er auf der Zunge, doch Emilia sieht nicht zu ihm, sondern hinüber zu Remus, auf dessen Rücken die abgeschabten Kamele langsam Löcher kriegen, die mit keiner Magie zu stopfen sind.

„Es ist klug…" sagt er, und Emilia seufzt und wendet sich ihm zu.

„… diese Entscheidung mit Bedacht zu fällen" vollendet er den Satz und legt das Teesieb in die fleckige, alte Spüle. „Sirius ist nicht der einzige, der mit den neuen Umständen zurecht kommen muss."

„Es muss nicht Schottland sein" sagt Melodie. „Es reicht, wenn wir ihn in eine reizarme Umgebung bringen, am besten eine, die für ihn neu ist, damit nicht immer wieder Erinnerungen an andere Realitäten ausgelöst werden. Die Löschung seines Gedächtnisses hat eben leider kein stabiles Ergebnis gebracht."

„Wie ich zuvor angemerkt hatte" wirft Severus ein. „Mehrfach, wenn ich mich recht erinnere. Das menschliche Gehirn ist zu komplex, als dass man eine solche Menge eng verknüpfter Inhalte ohne Schädigung löschen könnte. Etwas bleibt immer übrig, und aus den wenigen Resten können die gelöschten Erinnerungen neu entstehen."

„Ich weiß" sagt Melodie sanft. „Umso dankbarer bin ich, dass Sie mich bei dieser Aufgabe unterstützt haben. Alleine hätte ich das nie tun können."

Severus schenkt ihr einen milde abfälligen Blick und öffnet den Schrank auf der Suche nach frischen Tassen. Er will sich nicht an die Tandem-Reise in den vollständig verwirrten Geist von Sirius Black erinnern. Es war beängstigend, schmerzhaft und über die Maßen anstrengend, und frustrierend, denn er ist sicher, dass eine Menge falscher Erinnerungen erhalten geblieben sind, schließlich konnte er nur die entfernen, die er als offensichtlich falsch erkannt hat. Der einzige Experte für den Wirklichkeitsgehalt der Erinnerungen hatte ja schließlich den Überblick verloren.

Da kommt er von draußen, der einzige Experte, um den sich das Universum in stillschweigender Übereinkunft dreht, und bringt eine Wolke von Benzin und Öl mit sich.

„Heh" sagt er und grinst. „Was geht ab?"

Remus wendet sich ihm zu, lächelt und löst seine eng verschränkte Selbstumklammerung, aber Sirius geht an ihm vorbei, kniet sich über Melodie, die auf der Eckbank sitzt, nimmt ihr Gesicht in die ölverschmierten Hände und küsst sie auf diese kompromittierende Art, mit der er die Öffentlichkeit zu schockieren beliebt. Remus verschränkt die Arme aufs Neue. Melodie gibt ein katzenhaft schnurrendes Geräusch von sich und bringt mit Mühe einen Fingerbreit Luft zwischen ihr Gesicht und das ihrer zweifelhaft zurechnungsfähigen Liaison.

„Hallo, mein Stern" sagt sie. „Wir schmieden wieder mal Umzugspläne."

„Cool" sagt er und grinst. „Immer noch aufs Land?"

„Ja" sagt Melodie.

„Kommt nur drauf an, auf welches" sagt Emilia.

„Ist mir eigentlich egal" sagt Sirius. „Hauptsache schön. Ich weiß nicht, warum, aber ich kann dieses Haus wirklich nicht leiden. Ich würde lieber heute als morgen hier ausziehen."

„So schnell wird es wohl nicht gehen" sagt Remus. „Wir scheinen Schwierigkeiten zu haben, uns zu einigen."

„Aber nein" sagt Emilia sehr ruhig und bestimmt. „Ich biete euch zwei Alternativen. Entweder, euer Häuschen auf dem Land steht in Deutschland, da wo meine Familie ist und meine Freunde. Oder wir bleiben hier in London. Sucht es euch aus."

„Was ist mit Südengland?" fragt Sirius. „Palmen, Golfstrom und so?"

„Scheidet aus" sagt Emilia.

„Oh" sagt Sirius. „Schottland?"

„Hast du nicht zugehört?"

„Doch" sagt Sirius. „Aber irgendwie bin ich's nicht gewohnt, dass du's so ernst meinst."

„Dann wird's Zeit" sagt Emilia. Sirius hebt die Schultern. „Ich geh' auch nach Deutschland" sagt er friedfertig. „Ist mir eigentlich egal. Hauptsache, ihr geht alle mit, und jemand bringt mir Deutsch bei."

„Das ist noch das geringste Problem" sagt Emilia.

„Deutschland wäre natürlich großartig" sagt Melodie und stöhnt protestierend, als Sirius sich mit glücklichem Schnaufen auf ihrem Knie niederlässt. „Die ständigen Langstrecken-Apparitionen gehen mir auf die Nerven. Und sollen bei längerer Anwendung ja auch nicht sonderlich gesund sein. Uh, Sirius, geh da runter, ja?"

„Gleich" sagt Sirius, lehnt sich zurück und steckt die Nase in Melodies haselnussbraunes Haar.

„Ich weiß nicht" sagt Remus. „Vielleicht kann ich mich an den Gedanken noch gewöhnen, aber im Augenblick gefällt er mir nicht besonders."

„Wieso?" sagt Sirius. „Was hat England für dich getan, außer einem Haufen kruder Werwolfgesetze?"

„Ich bin ein sesshafter Typ" sagt Remus. „Ich verlagere nicht gerne mein Revier. Es hat seine Gründe, dass ich nie ausgewandert bin, in all den Jahren."

„Quatsch" sagt Sirius. „Wird Zeit für dich, mal was Neues auszuprobieren."

Remus seufzt und sieht zu Sirius hinüber, aber sein Blick liegt auf Melodie, nicht auf dem lange verlorenen Freund.

Severus schenkt Tee ein und beschäftigt seine Hände mit dem Einrühren von Zucker und, für Emilia, ein wenig Milch. Er fragt sich, ob es einen Unterschied macht, wenn sie in London ist, aber nicht bei ihm (bei ihm, in der Tränkemeisterei, wie er sich selbst gegenüber betont), oder wenn sie nicht in London und nicht bei ihm ist. Es sollte keinen Unterschied machen.

Es macht aber einen.

Der Löffel klappert misstönend am Tassenrand. Er hat nicht eine Möglichkeit zur Manipulation verstreichen lassen, damit Emilia zurück auf den Kontinent geht. So wurde nicht gewettet.

„Tee?" sagt er und bemerkt erst an Emilias erstauntem Gesichtsausdruck, wie hart seine Stimme klingt.

„Gerne" sagt sie und nimmt die Tasse aus seinen Händen entgegen, die kaum merklich zittern.

„Was raten Sie mir?" fragt sie.

„Er geht aber nicht mit, oder?" fragt Sirius.

Ich rate Ihnen zum Guten. Sie wollen nicht wirklich ein Leben in der Provinz, in der Gesellschaft von zwei mental Geschädigten, einem in der Hauptstadt vorziehen. Wählen Sie ein Leben, in dem man Ihre Fähigkeiten schätzt. Ihren Intellekt stimuliert. Ihre Gegenwart zu würdigen weiß…

„Ich rate Ihnen zu sorgfältiger Abwägung" sagt er. „Die deutsche Provinz mag eine Option darstellen, wenn Sie dort… wirklich glücklich sind."

„Vielleicht" sagt sie und lächelt traurig. „Wenn man das immer vorher wüsste. Danke, Severus."

Nebenan macht Sirius „Bla-bla-bla" und schneidet eine Grimasse, aber Severus sieht in Emilias samtbraune Augen und denkt, dass sie mehr verstanden hat, als er zu sagen bereit war.

Später, im Aufbruch, wird Severus von Remus am Ärmel fest gehalten. In den Augen des Wolfes schimmern kleine goldene Lichter.

„Ich habe nachgedacht" sagt er. „Vorausgesetzt, wir gehen nach Deutschland und fangen dort neu an, wäre es dann nicht sinnvoll, dass er so wenig alte Erinnerungen wie möglich dorthin mitnimmt? Damit nicht wieder eine Kaskade an Erinnerungen ausgelöst wird?"

„Korrekt, dem Grunde nach" sagt Severus und windet ärgerlich seinen Ärmel aus der wölfischen Umklammerung. „Aber da du weißt, dass Erinnerungen einen nicht unerheblichen Teil der Persönlichkeit ausmachen, sollte dir auch klar sein, dass man nicht Erinnerungen löschen kann, ohne Teile der Persönlichkeit zu löschen. Wie weit willst du gehen?"

„Ich will, dass du ihm die Erinnerung an Melodie löschst" sagt Remus.

Severus sieht ihn an, lange.

„Er ist nicht stabil, seit er sie hat" sagt Remus. „Er gleitet immer wieder in andere Realitäten, und sie ist der Auslöser. Sie ist ein starkes Erinnerungsmoment an irgendwelche alternativen Realitäten, in denen er sie getroffen hat."

„Er war nie stabil, von Anfang an nicht" sagt Severus. „Ich hatte dich gewarnt."

„Lösche seine Erinnerung" sagt Remus, und seine Augen brennen. „Kannst du das?"

Severus sieht hinüber zu Padfoot, der am anderen Ende der Eingangshalle mit seiner Leine spielt, sieht zu Emilia, die mit Melodie Worte wechselt, sieht zu Remus.

Er wünscht sich Emilias Glück, tatsächlich und aufrichtig, aber er kann es nicht von seinem eigenen trennen.

„Natürlich" sagt er. „Meine Kompetenz steht außer Frage."

„Dann tu es" sagt Remus.

„Lupin" sagt Severus, „du bist mit ziemlicher Sicherheit der größte Idiot, den ich kenne."

Remus öffnet den Mund zu einer Erwiderung, doch Severus wirbelt seinen Mantel um sich und appariert.