Ihr Lieben,
hier geht es also endlich weiter mit Flashblack, und ich muss mich für Eure Geduld bedanken. Ich bin ja so froh, dass ich noch Leser/innen habe, da draußen, nach so langer Pause.
Jetzt allerdings habe ich es wieder in Angriff genommen, und werde „auf einen Rutsch" fertig schreiben. Noch ein, vielleicht zwei Kapitel werden es werden. Danach, mit „Zum anderen Ufer" schon angedeutet (und vielen Dank für die netten Reviews!), gibt es gelegentliche Oneshots aus einem ganz anderen Universum, in dem wir allerdings auch Emilia wieder treffen werden. Und, Daumen drücken erlaubt, vielleicht bald (meint einen Zeitraum von unbestimmt vielen Monaten) einen Textehexen-Roman im Regal der Buchhandlung Eures Vertrauens.
Den englischen Titel des Kapitels bitte ich zu entschuldigen, ich hatte einen Ideenstau, mir ist nichts anderes eingefallen. Ich habe ihn bei Mika geliehen, und er passt ja auch gut.
Beta gelesen und auf süddeutsche Wendungen, die jenseits des Weißwurstäquators kein Mensch versteht, bereinigt, hat die wunderbare Slytherene, vielen Dank!
Disclaimer: Auch wenn sie bei JKR ein sträflich vernachlässigtes Nischendasein führen, gehören sie trotzdem ihr. Ich gehe nur mit ihnen Gassi.
Soundtrack: Antonin Dvorak, Aus der Neuen Welt, Beethoven: Die Pastorale, und Mika, vom Album „Life in Cartoon Motion" (will denn wirklich niemand mit mir auf dieses Konzert in München gehen???), die Titel „Stuck in the Middle" und „Happy Ending."
Ja, Slytherene, tut mir leid. Modern Talking auf Ecstasy.
Tässchen Espresso für jeden, und los geht es.
Acht: Stuck in the Middle
„James!"
Sirius rennt. Die kalte Luft sticht ihm in die Lungen, er keucht, sein Herz hämmert, er spürt seine Füße nicht mehr, er rennt, rennt und schreit.
„James! James! Jaaaaamiiiiiee!"
Nichts als der verzweifelte Widerhall seiner eigenen Stimme zwischen den Häuserwänden. Enge Gassen, es ist dunkel. Schnee stäubt vom Himmel und legt sich wie kalte Finger auf sein Gesicht. Gelegentlich malt eine trübe Straßenlaterne einen weißen Kegel in das farblose Grau. Die Straße ist glatt, eine dünne, fahle Schneeschicht liegt auf ihr.
„James!"
Schneller. Da sind Fußspuren im Schnee, viele, aber sie führen überall hin, nicht zu lesen, nur wirres Gekritzel. Sirius wirft sich nach vorne und geht in den Hund, dreht sich um sich selbst, auf der Suche nach einer Spur, einem Hauch von vertrautem Duft, und da ist er, überlagert von Angst und Schmerz und Blut.
Sirius stürzt sich voran, lässt sich ziehen von seiner Fährte, kämpft gegen Panik, Blut, da ist Blut, er hört sich selbst jaulen, doch die Antwort bleibt aus. Seine Pfoten schlagen hart auf das gefrorene Straßenpflaster, und plötzlich ist Blut auf dem Schnee, eine zittrige, rote Tropfenspur, und viele Fußspuren rings umher, die den Schnee zu grauem Matsch zertreten haben.
Sirius erträgt den Blutgeruch nicht länger und kommt aus dem Hund, er muss hier sein, irgendwo hier, gleich, er muss noch am Leben sein, er darf nicht sterben, bitte, James, du darfst nicht sterben, es ist alles meine Schuld.
Schneller.
„James! Wo bist du!"
Sirius sprintet um eine Ecke und kommt schlitternd zum Stehen.
Da liegt jemand, im bleichen Licht einer Straßenlaterne. Reglos. Die dünne Schneeschicht um ihn ist in einer dunklen Pfütze weg geschmolzen. Zehn, vielleicht zwölf Schritte entfernt, und kein Zweifel: der borstige Schopf, der verblichene Gryffindor-Schal.
Reglos.
Sirius bricht in die Knie.
„James? James. James. James. James. James. James, James, Jamesjamesjames…"
Der Name geht ihm über die Lippen, bis die Wiederholung ihm den Sinn raubt, nichts zurücklässt als ein Mantra. Der gefrorene Boden schmerzt an seinen Händen, als er auf allen Vieren voran kriecht.
Ein paar Schritte entfernt liegt James' Brille, sie ist verbogen, ein Glas ist zersprungen. Sirius schließt die Faust darum. Merkwürdige Betäubung breitet sich in ihm aus, als er sich der zusammengesunkenen Gestalt nähert. Er sieht, wie Blut James' Haare verklebt, wie der Wind die Fransen seines Schals bewegt, das Bild ist eingefroren, für die Ewigkeit, und dann ist Sirius bei ihm und berührt die Schulter seines Freundes, dreht ihn auf den Rücken und sucht einen Puls.
James' Augen sind geschlossen, seine linke Gesichtshälfte blutverschmiert. Er ist geisterhaft blass.
„James" flüstert Sirius und weiß nicht, woher er die Luft zum Atmen nehmen soll. Seine Hände sind gefühllos, und er kann keinen Puls finden, er zittert, und James' Haut ist so kalt.
„Du darfst nicht sterben. Hörst du? Nicht sterben. Lass mich nicht allein, lass mich nicht allein!"
James stöhnt leise, seine Lider flattern.
Die Luft in Sirius' Lungen explodiert. Er reißt seinen Stab in die Höhe und schickt einen Pericolor in die Luft, rote und goldene Funken, die hoch über die Hausdächer steigen, dort knallend explodieren und ein anhaltendes Nachglühen erzeugen.
„Oh, Merlin, James" keucht Sirius, schluchzt es, und dann beginnt er unkontrolliert zu weinen, Tränen und Rotz und Luftknappheit und nur ein einziges, zerrissenes Taschentuch, und er bettet den Kopf des Freundes in seinem Schoß, hält seine viel zu kalte Hand und bläst ihm manchmal, nur zur Vorsicht, Luft aus den eigenen Lungen in den Mund, noch ist es James' Körper, der schwer auf Sirius' Beinen liegt, aber jeden Augenblick könnte es seine Leiche sein, und er ist schuld, Sirius ist schuld, Sirius ist an allem schuld.
„Es tut mir so leid" flüstert er zwischen erstickten Schluchzern. „Du darfst nicht sterben. Es tut mir so leid."
Und dann, nach einer Ewigkeit, kommt die Rettung, eine Gestalt in Umhang und Kapuze, die ein paar Schritte entfernt in die Schatten appariert.
„Hilfe" krächzt Sirius. „Wir sind hier!"
Moony, oder Dumbledore? Sirius blinzelt, aber Tränen verschleiern ihm die Sicht. Die Gestalt ist hoch gewachsen und schlank, der Umhang bauscht sich schwarz um ihn, wie aus einem Stück Nachthimmel geschnitten.
„Hirnloser, dämlicher Idiot" sagt der Schattenmann. „Komm mit. Ich bringe dich nach Hause."
oooOOOooo
Heathrow ist auf den ersten Blick ungefähr so groß wie London selbst. Emilia strafft die Schultern und umfasst Jeromes Hand, der aufgeregt neben ihr zappelt und die Höhepunkte des Fluges immer wieder durchspielt.
„Soooo hoch!" posaunt er, müde und glücklich und überdreht gleichzeitig. „Über den Wolken! Und dann hat das sooo gewackelt, und bei dem Mann ist das Glas umgefallen!"
„Ich weiß" sagt Emilia müde. Ein langer, weißer Gang mit Panoramafenstern bringt sie zu einer Rolltreppe, und sie schwebt hinunter, Jerome an der Hand. Sie wünscht sich, es gäbe jemanden, der sie an die Hand nimmt. Sie ist nie viel verreist, von den Autofahrten mit den Eltern nach Italien einmal abgesehen. Der Flughafen schüchtert sie ein. Das kalte Neonlicht verursacht ihr Kopfschmerzen, oder vielleicht kommen die auch von den Gedanken, die konfus, aber unablässig wie ein Mückenschwarm um das Ziel ihrer Reise kreisen.
Die Rolltreppe endet in einer riesigen, mehrgeschossigen Halle, in der jeder es eilig hat: Menschen mit Koffern, Männer mit Handys am Ohr, Stewardessen. Jerome klammert sich an Emilias Hand.
„Wo ist denn Severus?" fragt er.
„Nicht hier" sagt Emilia. „Wir müssen erst noch zu seinem Haus fahren."
„Ich will paparieren" sagt Jerome. „Autofahren ist blöd."
„Ich kann nicht apparieren" sagt Emilia. „Das kann nur Papa."
„Wo ist denn der Papa?" fragt Jerome.
„Zu Hause" sagt Emilia. „Er passt auf, dass es Paddy gut geht."
„Ich will zu meinem Papa" sagt Jerome und hat schon ein Tremolo in der Stimme, das Emilia warnt. Sie beißt sich auf die Unterlippe und atmet tief durch. Jerome ist blass und müde, auch wenn er an ihrer Hand herum hüpft wie ein Gummiball, und noch stehen ihm eine längere Taxifahrt und ein Fußmarsch durch Diagon Alley und ihre Seitenstraßen bevor.
„Du hast recht" sagt sie. „Autofahren ist blöd. Vielleicht finden wir ja jemanden, der uns appariert."
„Frag doch mal die Frau dort" sagt Jerome und deutet auf einen Informationsstand. Er hat schnell herausgefunden, dass man die Frauen am beleuchteten Tresen fragen kann, wenn man nicht weiter weiß: Emilia hat davon mehrfach Gebrauch gemacht, bis sie mit Jerome im richtigen Flieger gesessen ist.
„Die weiß so etwas nicht" sagt Emilia und zieht Jerome zu einer Bank. „Ich rufe jemanden an."
Sie schlägt die Nummer in ihrem Notizbuch nach und wartet eine kleine Ewigkeit, bis ihr Handy ein britisches Netz gefunden hat. Jerome legt sich auf die Bank, schiebt sein Auto und macht leise Motorgeräusche dazu. Emilia wählt die Nummer und drückt sich selbst die Daumen.
Freizeichen.
Knack.
„Potter?"
Ein dreifaches Hurra auf die Muggelisierung!
„Harry? Oh, gut, dass ich dich erreiche! Hier ist Emilia."
Hörbares Erstaunen am anderen Ende.
„Prof – äh – Emilia, hallo! Wie geht es? Wo sind Sie?"
„Gestrandet" sagt Emilia und strahlt vor Erleichterung. „London, Heathrow. Mit einem müden Kind…"
„Ich bin nicht müde! Ich habe nur gegähnt!"
„… einem müden Kind, und ich könnte ganz dringend eine Apparitionsgelegenheit brauchen, oder einen flootauglichen Kamin…"
„Sie sind in London? Warum haben Sie denn zuvor nicht angerufen? Ist Sirius bei Ihnen, oder Prof-… Remus?"
„Nein, wir sind alleine, Jerome und ich. Wir müssen nach Zauber-London. In die Robinia Road, um genau zu sein."
„Ist etwas passiert? Ist etwas mit… Sirius?"
„Nein" sagt Emilia, nicht ganz der Wahrheit entsprechend, aber sie hat keine Lust und keine Kraft, die ganze Misere am Telefon zu erörtern, in einer hektischen Ankunftshalle und zu Telefongebühren, die ihr die Haare zu Berge stehen ließen, wenn sie deren Höhe nur wüsste. „Kannst du kommen, bitte? Alles Weitere erzähle ich dir später."
„Okay" sagt Harry. „Geben Sie mir fünf Minuten."
„Danke" sagt Emilia.
„Bis gleich" sagt Harry und legt auf.
„Wollen wir Auto spielen?" sagt Jerome.
„Also gut" sagt Emilia. „Ich nehme das rote."
„Das ist ein Ferrari! Hat Paddy mir geschenkt! Guck mal, der hat zwei Auspuffe!"
Emilia guckt gehorsam und bewundert gebührend. Manchmal fragt sie sich, warum das Kind nur so versessen ist auf alles, was einen Motor hat. Von ihr oder Remus kann er das kaum haben, und Sirius, der Jeromes Held ist, seit Jerome „Motorrad" sagen kann, war ein bisschen zu lange hinter dem Vorhang, um Initiator zu sein.
Es dauert dann doch fast eine Viertelstunde, bis Emilias Handy klingelt. Harry ist dran und bittet um eine genauere Beschreibung des Standortes, er ist jetzt am Flughafen, kann aber Emilia nicht finden. Noch mal fünf Minuten später sieht Emilia den großen, schlaksigen jungen Mann zwischen zwei Koffer-Trolleys.
„Harry!" ruft sie und winkt, und Harry hört und kommt zu ihr hinüber. Er ist in Begleitung einer ausnehmend hübschen jungen Frau asiatischer Abstammung, die Emilia vage bekannt vorkommt.
„Hallo, Emilia" sagt Harry und schüttelt Emilias Hand, während Jerome mit großen Augen näher an Emilia heran rückt. „Hallo, Jerome. Du bist aber gewachsen."
„Hallo" murmelt Jerome in Emilias Jacke.
„Sie erinnern sich noch an Cho?" sagt Harry zu Emilia und umfängt die junge Asiatin mit einem Blick, der Emilia alles verrät, was sie wissen will.
„Natürlich" sagt sie und erinnert sich tatsächlich, jetzt, wo sie den Namen hört. „Cho Chang. Ich erinnere mich. Wie geht es Ihnen?"
„Danke, gut" sagt Cho mit freundlichem Lächeln und schüttelt Emilias Hand. „Ich bin als Verstärkung mitgekommen. Wir können Sie dann beide gleichzeitig apparieren."
„Vielen Dank" sagt Emilia. „Das ist wirklich sehr freundlich. Er war ein bisschen spontan geplant – dieser Trip – oder gar nicht geplant trifft es eher, und Jeromes Kondition hat sich mit dem Flug aufgebraucht."
„Kein Problem" sagt Harry. „Die Alternative wäre, mich um meine Wochenarbeit zu kümmern. Eine Zusammenfassung aller Methoden, die ein gewisser Boris Widdleby jemals zum Thema Infiltration von gesicherten Gebäuden entwickelt hat – und er hat eine Menge davon entwickelt, das dürfen Sie mir glauben. Sieht aus, als wäre es sein Hobby gewesen, die Nase in Häuser zu stecken, die ihn nichts angehen."
„Wie schön, dass man wenigstens noch ein bisschen Leistung erwartet von den Menschen, die für Recht und Ordnung in der Zauberschaft sorgen" sagt Emilia zwinkernd, und Harry stöhnt.
„Genau" sagt er. „Ich erwische einen Einbrecher, und statt ihn zu petrifizieren, hau ich ihm den Gesammelten Widdleby um die Ohren."
„Wohin dürfen wir Sie bringen?" fragt Cho.
„Robinia Road" sagt Emilia und kommt steifbeinig von der harten Bank in die Höhe.
„Mama" quietscht Jerome und klammert sich an ihr Bein, und sie streicht ihm beruhigend über die lichtbraunen Locken. „In die Tränkemeisterei" fügt Emilia hinzu.
„Na gut, aber zwingen Sie mich nicht, mit rein zu kommen" sagt Harry und verzieht das Gesicht.
„Keine Sorge" sagt Emilia.
„Werden Sie länger dort bleiben?" fragt Harry. „Wir könnten sonst eine Kleinigkeit kochen… und uns ein wenig unterhalten. Ich kann Hühnchen süß-sauer" fügt er mit sichtlichem Stolz hinzu. Cho lächelt.
Emilia weiß, dass es nicht um das Hühnchen geht, oder darum, alte Geschichten aus den Kriegszeiten und davor auszutauschen. Harry ist nicht blöd, und wenn sie so überstürzt in London auftaucht und zu Severus Snape gebracht werden will, ist ihm klar, dass etwas mit Sirius nicht stimmt.
Hat es doch sowieso nie eine Zeit gegeben, in der mit Sirius alles richtig gewesen wäre.
Und von allem anderen weiß Harry nichts.
„Ich weiß nicht" sagt sie. „Ich bin nicht angemeldet. Vielleicht greife ich schneller auf dein Hühnchen süß-sauer zurück, als dir lieb ist. Aber es wird jedenfalls noch für einen Tee reichen, ehe ich zurück nach Deutschland fliege."
Harry nickt.
„Maaaamaaaa" sagt Jerome und zuppelt an Emilias Bein.
„Gehen wir" sagt Emilia. „Der Kleine muss ins Bett, egal wo es steht. Jerome, hast du alle deine Autos?"
oooOOOooo
Die Robinia Road, Ecke Oak Street, ist düster und voller Schatten. Die Sonne steht bereits tief, und wieder einmal hängt die dichte Dunstglocke über London, die Emilia in Deutschland wirklich nicht vermisst hat.
Die Tränkemeisterei hat ein schmales Schaufenster, durch das man in einen dämmerigen Raum sehen kann. Die Wände sind von Regalen bedeckt, die voller kleiner Schubladen stecken. Mattgoldene Griffe schimmern im spärlichen Licht, und hinten befindet sich ein breiter Tresen. Das Schild über der Tür ist schmucklos, silbrige Schrift auf grünem Grund.
Emilia betrachtet ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Ihr Gesicht ist blass unter einer Wolke dunkler Haare. Jerome schläft auf ihrem Arm, das Gesicht in ihre Halsbeuge geschmiegt, eine schlaffe, schwere, geliebte Last. Emilia verzieht das Gesicht. Es sähe Severus ähnlich, einer wie ihr kühl und bestimmt die Tür zu weisen mit einem Beutel Pfefferminzblätter und ein paar Knuts für den Fahrenden Ritter („Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dies ist keine Jugendherberge."). Sie rückt Jerome zurecht und schiebt mit der Schulter die Tür auf.
Ein sanfter, melodiöser Glockenklang begrüßt sie, und ein Duft nach Kräutern – Hogwarts, Vorratskammer, Tränkeküche – der ihr die Tränen in die Augen treibt.
Sie sieht sich um, während hinter ihr die Tür sanft ins Schloss gleitet. Jede der kleinen Schubladen trägt eine sorgfältige silbrige Beschriftung auf einem dunklen Pergamentschild, sie erkennt die Handschrift, selbstverständlich: schräg, diszipliniert, ästhetisch, aber zu schmucklos, um künstlerisch zu sein.
Dann nähern sich Schritte, leicht und schnell, und aus einem Nebenraum kommt eine zierliche Frau mit kurz geschnittenen blonden Haaren.
„Guten Tag" sagt sie freundlich. „Was kann ich für Sie tun?"
„Guten Tag" sagt Emilia und blinzelt sich die Sicht klar. „Ich würde gerne mit Prof – Mister Snape sprechen."
Glückwunsch, denkt sie. Hörst dich an wie Harry.
„Mister Snape befindet sich in einem schwierigen Projekt und möchte nicht gestört werden" sagt die blonde Frau entschuldigend. „Aber ich stehe Ihnen für alle Fragen und Wünsche zur Verfügung."
„Danke" sagt Emilia. „Trotzdem. Es handelt sich um eine Privatangelegenheit."
„Ach so" sagt die Blonde. „In diesem Fall notiere ich mir am besten Ihren Namen, und wenn Sie nach Geschäftsschluss wiederkommen…"
„Ich gehe nirgendwohin" sagt Emilia. „Ich bin von Deutschland gekommen. Mit dem Flugzeug. Mein Kind wiegt fünfzehn Kilo, und ich habe es seit ungefähr hundert Jahren auf dem Arm. Ich habe etwas Wichtiges zu besprechen, ich will einen Kaffee, und ich muss schon seit Heathrow aufs Klo! Ich gehe nirgendwohin."
„Oh" sagt die Blonde und zaubert eilig einen Stuhl hinter dem Tresen hervor. „Nehmen Sie doch Platz. Verzeihen Sie. Es ist nur, ich habe Anweisung, nicht zu stören, und Mister Snape hat eine Art – nun, er reagiert gelegentlich – empfindlich auf Störungen."
„Erzählen Sie mir nichts" sagt Emilia und lässt sich erleichtert auf den Stuhl sinken. „Ich kenne Mister Snapes Art, glauben Sie mir. Sagen Sie ihm trotzdem, Emilia Lupin aus Deutschland wäre hier."
Die Blonde zögert.
„Soll ich gleich mitkommen?" bietet Emilia an.
„Das wäre vielleicht das Beste" sagt die Blonde.
Hinter dem Tresen ist eine Tür, die in einen schmalen Gang führt. Von dort zweigen weitere Räume ab. Eine steinerne Treppe führt in den Keller, und eine schmale, hölzerne ins Obergeschoss. Die Blonde führt Emilia nach oben und durch eine weitere Tür in einen breiten, holzvertäfelten Flur. Durch eine Tür dringt Musik, klassische natürlich, großes Orchester, eine beschwingte Melodie, die Emilia vage bekannt vorkommt. Es ist viel heller hier oben: Licht dringt durch die geschwungenen Glaseinsätze in den Türen links und rechts, und unter der Decke schweben milchige Kugeln, die ein sanftes Leuchten verströmen. Emilias Schritte werden von einem hellen, flauschigen Teppich geschluckt. Links an der Wand steht ein kleines, geschwungenes Sofa, auf dem Emilia endlich Jerome ablegen kann.
„Ich melde Sie an" sagt die Blonde. „Warten Sie bitte einen Augenblick."
„Zeigen Sie mir vorher noch das Badezimmer" bittet Emilia und reibt sich die schmerzenden Arme.
„Natürlich" sagt die Blonde freundlich.
Emilia nimmt sich ein paar Minuten länger Zeit als nötig. Sie hält die Hände unter das kühle Wasser und versucht, das, was sie auf dem Kopf hat, in eine Frisur zu verwandeln, mit wenig Erfolg. Sie sieht zum Fürchten aus, findet sie. Für einen Augenblick ist sie unsicher, verspürt einen Anflug der alten Angst aus den Anfängen.
Was, wenn sie nicht mehr mit ihm umgehen kann? Briefe, und seien sie noch so lang, sind kein Ersatz für regelmäßige Teestunden. Was, wenn sie nicht mehr immun ist gegen sein Gift?
Was, wenn er sie fragt, was sie eigentlich hier will? Es ist ein einziger schneller Entschluss, der sie von Zuhause bis hierher in dieses makellose, weiße Badezimmer mit den silbrigen, altmodisch geschwungenen Armaturen gebracht hat, und Jeromes Anwesenheit hat sie effektiv davon abgehalten, nachzudenken: über sich, über ihn, über ihre Ehe. Vielleicht ist auch das symptomatisch. Keine Zeit, nachzudenken. Unterrichten, korrigieren, Lego spielen, Geschichten vorlesen, verwirrte Familienmitglieder aus Schränken holen.
Auf der Strecke bleiben.
Emilia trocknet sich die Hände an einem weichen Tuch und wirft einen letzten Blick in den Spiegel. Nichts zu machen. Er wird sich auf ihre inneren Werte konzentrieren müssen.
Ein dunkles, kleines Fläschchen steht auf der gefliesten Konsole unter dem Spiegel, es trägt kein Etikett und hat einen kleinen Korken im schlanken Hals. Rasierwasser vielleicht? Emilia nimmt das Fläschchen, zieht den Korken und schnuppert.
Tatsächlich. Alkoholisch, eine dunkle Kräuternote, ein wenig bitter, ein wenig süß. Vertraut.
Eilig verschließt Emilia das Fläschchen und stellt es zurück. Wenn er wüsste, wie sie in seine Privatsphäre eindringt, er würde sie auf das Stadium von Apfelkompott reduzieren.
Sie streicht ihr orangefarbenes Shirt glatt, öffnet die Tür und tritt auf den Gang.
Severus steht neben dem kleinen Sofa und sieht auf den schlafenden Jerome hinunter. Sein Gesicht ist weich und überrascht. Die Musik fließt sanft aus einer geöffneten Tür hinter ihm. Er trägt schmale schwarze Hosen und eine lange, schwarze, japanisch anmutende Tunika. Er sieht aus wie immer, nur weniger unnahbar.
„Hallo, Severus" sagt sie.
Er hebt den Blick und betrachtet sie, forschend, doch nicht ohne Wohlwollen.
„Emilia" sagt er. „Das ist in der Tat eine Überraschung."
Er streckt ihr die Hand hin, und sie geht hin und ergreift sie. Seine Finger sind kühl und schlank in ihren.
„Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen" sagt sie und versucht, nicht zu klingen wie ein Mädchen, das einem Filmstar begegnet. „Ich hatte keine Gelegenheit, vorher anzurufen oder zu schreiben."
„Unerwartet, aber nicht ungelegen" sagt er, und sie versteht das Zucken seiner Mundwinkel als ein Lächeln, sie hat es also noch nicht verlernt, die geheime Sprache des Tränkemeisters zu deuten.
„Kommen Sie herein" sagt er und lässt die Tür zum Musikzimmer mit einem Wink aufschwingen. „Soll ich eine Decke für das Kind bringen?"
„Bitte" sagt Emilia. „Danke. Ja. Ich meine… es ist so gut, dass ich endlich hier bin."
„Haben Sie Gepäck?"
Emilia versucht ein Grinsen.
„Haben Sie Angst, dass ich bei Ihnen einziehe?"
„Ich buche Ihnen ein Hotelzimmer bei Bedarf" sagt er, ohne eine Miene zu verziehen.
„Nur das" sagt sie und deutet auf ihre Umhängetasche. „Ich war davon ausgegangen, es würde sich jemand finden, der mir das Nötigste transfiguriert."
„Befinden Sie sich auf Reisen, oder auf der Flucht?"
Sie seufzt. „Beides, vielleicht" sagt sie.
Er sieht sie an, nickt.
„Ich nehme an, Sie haben Ihre Präferenz für Kaffee nicht aufgegeben" sagt er. „Ich habe mich zwischenzeitlich zu einem tauglichen Kaffeekoch entwickelt. Möchten Sie mich auf die Probe stellen?"
„Ja" sagt sie, und zum ersten Mal seit langem fühlt ihr Lächeln sich echt an.
Severus kocht Kaffee, in einer Caffetiera auf einem modernen Gasherd, und Emilia sieht sich in der Wohnung um. Die Räume sind hoch und hell. Einiges erinnert an Hogwarts: das helle Sofa, die von Bücherregalen bedeckten Wände, der große Kamin im Wohnzimmer. Aber diese Wohnung hat so gar nichts vom düsteren Ambiente des Kerkers, sie hat sogar Elektrizität und – zu Emilias maßlosem Erstaunen – einen schlanken, silbrigen Laptop auf einem polierten Nussbaumtisch unter dem Fenster. Eine Tür der Küche gegenüber steht einen Spalt offen. Emilia sieht Kessel blitzen und wirft einen Blick in den Raum. Es ist ein kleines, hoch modern eingerichtetes Tränkelabor. Emilias Blick geht über die sorgfältig etikettierten Gefäße: Drachenträne, die man nur in Tongefäßen lagern darf, Sandelholz, Lindwurmschuppenpulver, Tigerkralle, Nachtwinde.
Gegenüber in der Küche brodelt und faucht die Caffetiera, und sie reißt den Blick los, geht hinüber und lehnt sich in den Türrahmen. Die Küche ist klein, aber funktional und vollständig ausgestattet. Emilia denkt an den Tränkemeister, mit wallenden Roben und finsterem Gesicht vor der drohenden Kulisse der rußigen, düsteren Küche in Nummer Zwölf.
„Sie haben sich verändert" sagt sie. „Ich muss mich gar nicht mehr vor Ihnen fürchten."
„Ich kann den vorherigen Zustand wiederherstellen, wenn Sie es wünschen" sagt er ungerührt und gießt schwarzen, schaumigen Kaffee in kleine Tassen.
„Nein danke" sagt sie.
Er ordnet Kaffeetassen, Zucker und Amarettini auf ein Tablett und schickt es mit einem Wink seines Zauberstabes hinüber ins Wohnzimmer. Emilia weicht dem Tablett aus und wirft einen Blick auf Jerome, der das Gesicht an seine Stoffmaus gedrückt hat und tief schläft. Als sie sich wieder zurück wendet, steht Severus direkt vor ihr.
„Wenn man lange genug eine bestimmte Rolle spielt – oder mehrere" sagt er, „erreicht man einen Punkt, an dem die Umwelt vergessen hat, wer man eigentlich ist. Und schlimmer noch, man tendiert dazu, es selbst zu vergessen."
„Da haben Sie recht" sagt Emilia. Severus nickt und macht eine Geste, die Emilia bedeutet, dem Tablett zu folgen.
Sie kommt immer noch nicht drauf, welche Musik es ist, die mittlerweile sachte und in der Lautstärke gedämpft durch den Raum weht. Sie lässt sich auf dem Sofa nieder und rührt mit einem zierlichen Silberlöffel Zucker in den Kaffee.
„Vermissen Sie Hogwarts?" fragt sie.
„Sie belieben zu scherzen" sagt Severus und nimmt die Zuckerdose, die sie ihm hinüber reicht.
„Ich schon" sagt sie. „Es gab eine Zeit, während der ich dort ganz glücklich war. Bevor alles immer schwieriger wurde. Eine ziemlich kurze Zeit, aber trotzdem. Wie macht sich meine Nachfolgerin?"
„Ich nehme an, sie ist kompetent" sagt Severus. „Ich besitze keine aktuellen Informationen."
„Nicht?" sagt Emilia erstaunt. „Und das aus Ihrem Mund – dem best informierten Zauberer der Insel."
„Information ist kein absoluter Wert" sagt Severus. „Sie muss relevant oder interessant sein, und Neuigkeiten aus Hogwarts sind weder das eine noch das andere."
„Erstaunlich" sagt Emilia. „Wie lange waren Sie dort? Fünfzehn Jahre?"
„Black ist nicht der einzige, der versucht, seinem Leben noch etwas abzugewinnen, ehe es zu spät ist" sagt Severus und sieht Emilia an, als erwarte er Protest angesichts des Vergleiches. Emilia schweigt und nimmt sich einen der kleinen, runden Kekse. Sie weiß, dass es nicht darauf ankommt, wie dick die Mauern wirklich sind, von denen man umgeben ist. Es kommt darauf an, wie dick sie sich anfühlen.
„Ich nehme an, er ist der Grund Ihres plötzlichen Besuches" sagt Severus und hat immer noch diese Art, die Musik um seine Stimme herum fließen zu lassen. „Black. Ich nehme an, ich hatte Recht und sein modifiziertes Gedächtnis beginnt, sich aufzulösen."
Emilias Hände sind plötzlich feucht. Sie umklammert ihre bejeansten Knie und lutscht hilfesuchend an ihrem Amarettino, während es durch ihren Kopf jagt, dass dies der Augenblick ist, auf den sie sich in keiner Weise vorbereitet hat. Weder hat sie entschieden, ob sie einen Vorstoß wagen will, noch, auf welche Weise, aber falls sie keinen wagt, muss sie sich nach dem Zweck ihrer Reise fragen.
„Oh, Merlin" sagt sie dumpf. „Lesen Sie einfach meine Gedanken, ja? Vielleicht kennen Sie sich ja in dem Durcheinander aus. Ich tu's nicht."
„Bestätigen Sie meine Vermutung" sagt er. „Ist es Black?"
Emilia seufzt und lässt den Kopf zurück gegen das weiche Sofa sinken. Er soll ihr einen Trank geben, der sie willenlos und gefügig macht, und dann soll er ihr Leben in Ordnung bringen.
Er tut nichts dergleichen. Er sitzt ihr gegenüber und betrachtet sie mit seinen dunklen Augen, präzise und analytisch wie ein Skalpell, und wartet.
„Ja" sagt sie schließlich, warum nicht mit diesem Problem beginnen, sie hat so viele davon, es ist schon egal. „Er… löst sich auf. Die Erinnerungen kommen zurück – und immer schneller. Als würde ein Damm brechen."
„Kaskadeneffekt" sagt Severus. „Wie beschrieben."
„Es wird schwer, mit ihm umzugehen" sagt Emilia. „Man weiß nie, wo er gerade ist, und mit wem er spricht. Einzig mit Jerome wirkt er… einigermaßen normal. Außerdem hat er wieder angefangen zu trinken. Kürzlich war er eine ganze Woche lang entweder betrunken oder im Hund. Oder beides gleichzeitig."
Severus verzieht das Gesicht.
„Amüsante Vorstellung" sagt er.
„Nicht, wenn Ihnen ein Bernhardiner-Pony-Mix auf den Teppich kotzt" sagt Emilia.
„Und was soll ich Ihrer Vorstellung nach unternehmen?"
„Ich weiß nicht." Geben Sie mir einen Trank und machen Sie mich willenlos. „Sie sind der Experte. Ich wollte einfach… mit jemandem sprechen, der… nicht komplett den Verstand verloren hat."
„Dem entnehme ich, dass Ihr Ehemann als kompetenter Gesprächspartner nicht zur Verfügung steht."
„Nicht wirklich." Emilia rührt in ihrer Kaffeetasse und sucht nach Worten. Das Schweigen zieht sich. Severus sitzt unbewegt und hat offenbar nicht die geringste Absicht, ihr zu Hilfe zu kommen. Emilia trinkt einen Schluck Kaffee. Er ist heiß und süß und aromatisch und schmeckt auf eine raffinierte Art nach mehr als nur Kaffee.
„Haben Sie da wieder etwas drunter gemischt?"
Mist. Ihre Stimme lässt die Leichtigkeit vermissen, die einen Scherz als solchen kennzeichnet.
„Hätte ich das denn tun sollen?" fragt er und verzieht die Mundwinkel zur Andeutung eines Lächelns.
Emilia trinkt die Tasse mit einem großen Schluck leer.
„Es ist lächerlich" sagt sie, obwohl ihr nicht nach Lachen zumute ist. „Ich bin nach London gekommen, um mich Ihnen an den Hals zu werfen, und jetzt kann ich nicht einmal ein schlechtes Wort über Remus verlieren."
„Loyalität ist etwas, das ich an Ihnen sehr schätze" sagt er und erhebt sich geschmeidig. Das dicke, warme Steingut klirrt in Emilias Händen, aber er geht am Sofa vorbei in den hinteren Teil des Raumes, wo vor einem Wandteppich eine teuer wirkende HiFi-Anlage mit Lautsprechern aus rötlichem Holz aufgebaut ist. Über die Schulter verfolgt Emilia mit Erstaunen, wie der Tränkemeister die Musik unterbricht und eine neue CD einlegt, als hätte er noch nie etwas anderes getan als Muggelgeräte bedient.
„Meine neue Leidenschaft" sagt er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Der Verzicht auf die Errungenschaften der Muggel ist ein Politikum in Zauberkreisen, das ich nicht länger unterstütze."
„Aha" sagt Emilia zittrig, und dann bleiben ihr weitere Worte erspart, denn die Musik wäscht in einer großen Welle über sie hinweg, und sie beißt sich auf die Lippen, weil die Welle eine Mauer in ihr zum Einsturz bringt, hinter der alles ganz weich und empfindlich ist.
„Pastorale" sagt Severus, der wieder bei ihr ist und ihr behutsam das Kaffeegeschirr aus den Händen nimmt.
„Ja" sagt Emilia, während die sanfte Musikwelle ihr Tränen aus den Augen spült. „Aber wir haben das Gewitter ausgelassen."
„Das Gewitter haben wir hinter uns" sagt Severus. „Wohlan. Tun Sie, weshalb Sie gekommen sind."
„Was?" sagt Emilia verwirrt, und dann beugt er sich über die Lehne des Sofas und küsst sie mit schmalen, kühlen Lippen. Sein Mund schmeckt bittersüß nach Kaffee und verpassten Gelegenheiten, und sein glattes, weiches Haar legt sich auf Emilias Wangen wie ein Schleier aus Träumen.
Viel zu früh löst er sich aus ihren Armen.
„Ich will dir etwas zeigen" sagt er, und Emilia betastet ihre Lippen mit der Zunge und fragt sich, ob sie tatsächlich Trauer gehört hat in dieser Stimme, die so sparsam mit Gefühlen ist. Er steht auf und holt ein gerahmtes Foto aus dem Bücherregal. Schweigend hält er es ihr hin, und sie nimmt es und betrachtet es.
Ein leichter Wind geht und versetzt die lila Oberfläche eines Lavendelfeldes in Wellen. Am Rand des Feldes steht eine Frau. Sie trägt eine schmale, dunkelrote Robe mit silbrigen Abschlüssen. Ihr Gesicht ist streng und schön wie das einer italienischen Heiligen, und ihr dichtes dunkles Haar fällt ihr in einem schweren Zopf geflochten über die Schulter.
„Salvatora" sagt Emilia.
„Richtig" sagt Severus, und tatsächlich, da ist zumindest Bedauern in seiner Stimme. „Ich bin deinem Rat gefolgt, im letzten Jahr, und habe wieder Kontakt aufgenommen. Es hat sich heraus gestellt, dass es mir heute leichter fällt, sie Anteil an meinem Leben nehmen zu lassen."
„Ja" sagt Emilia. „Wie schön", und ein Teil von ihr meint es ehrlich.
„Auch ich pflege Loyalität" sagt Severus.
„Ich weiß" sagt Emilia.
„Nicht nur ihr gegenüber" sagt Severus und geht mit den Fingerspitzen über das Bild. „Auch Remus gegenüber. Und nicht zuletzt dir gegenüber. Du hast dich für ihn entschieden, damals. Du hast ein Kind mit ihm. Du wirst nicht von ihm lassen. Bleibe auf dem Weg, den du eingeschlagen hast, und ich bleibe auf meinem."
„Dann war das unser letzter Kuss" flüstert Emilia.
„Drei hat ein starkes arkanes Finitum" sagt Severus lächelnd. „Ein vierter Kuss ist mindestens so schwer zu erreichen wie ein erster. Das wissen sogar die Muggel: Aller guten Dinge sind drei, sagen sie."
„Ich weiß" flüstert Emilia. „Und bist du so glücklich mit ihr – so – wie…"
„Wie ich es mit dir hätte werden können? Ich weiß es nicht. Aber es gibt im Leben immer mehr als einen Weg, der zufrieden stellend verlaufen kann."
Emilia stößt zitternd Atem aus.
„Wo ist sie?" fragt sie und unterdrückt den Impuls, sich umzusehen. „Ist sie hier in London?"
„Sie ist in Rom" sagt Severus und nimmt das Foto wieder an sich. „Sie hat einen Lehrauftrag an der Academia und ein florierendes Geschäft mit Zweigstellen in Florenz und Siena. Sie ist weder willens noch in der Lage, ihren Beruf dem Privatleben unterzuordnen."
„Hast du mal ein Taschentuch?" sagt Emilia. „Ich glaube, ich muss vor Rührung in Tränen ausbrechen. Das ist ja so romantisch."
„Versuchter Sarkasmus" sagt Severus. „Ich bin beeindruckt. Aber es gibt keinen Grund dafür. Die Verabredung erfährt beidseitige Zustimmung. Du weißt, ich reagiere schreckhaft, wenn man sich mir zu plötzlich nähert." Winziges Zucken der Mundwinkel. „Ich wäre geneigt, mich in eine schwarze Robe zu hüllen und im Keller Zuflucht zu nehmen, wo ich mit finsterer Miene Arachnidenbeine zu Pulver zerreiben würde, bis ihr die Lust an meiner Gesellschaft vergangen wäre."
Emilia grinst, noch ein wenig schwach, aber es wird schon wieder.
„Wo hast du denn gelernt, witzig zu sein?"
„Ich habe eine Menge gelernt, seit der Krieg zu Ende ist."
„Ja" sagt sie und seufzt. „Ich auch. Und immer von den falschen Sachen."
„Es war deine Entscheidung" sagt er und drückt ihre Schulter, während er sich von der Sofalehne erhebt. „Ich hatte dich gewarnt. Jetzt bleib auch dabei und lass uns sehen, wie wir die größten Steine aus dem Weg räumen."
„Du meinst, den riesengroßen Felsbrocken, dass mein Mann sich total auf seinen besten Freund fixiert hat?"
„Ich glaube kaum, dass ich dir helfen kann, diesen zu bewegen. Aber ich hoffe, etwas für Black tun zu können. Ihn in die Lage zu versetzen, ein eigenes Leben zu leben, sich nicht mit den Almosen zu begnügen, die von Remus' Tisch zu ihm herunter fallen. Es wäre vielleicht heilsam, er würde einmal nach der Hand schnappen, die ihn füttert."
Er geht zum Regal und stellt das Bild zurück. In seiner strengen Haltung liegt ein Echo des Robenraschelns, das ihn so lange begleitet hat.
„Ich glaube, er hat eine zweite Hand gefunden" sagt Emilia. „Im Augenblick frisst er aus beiden, aber scheinbar schmeckt es aus der anderen Hand besser. Du erinnerst dich an Melodie Blanche?"
„Selbstverständlich. Black und Blanche. Man ist versucht zu fragen, welcher verkitschte Kopf sich das ausgedacht hat."
Emilia lächelt. Sie spürt schon wieder, wie es wirkt: die satte, nicht zu laute Harmonie der Musik und der trockene Sarkasmus des Tränkemeisters befreien ihren Kopf von den Nebeln, wie ein Haus, das gründlich durchgelüftet wird. Sie ist dankbar, dass ihr der Platz auf diesem Sofa nicht verweigert wird, nun, da es Salvatora gibt. Manchmal fragt sie sich, womit sie die unverbrüchliche Freundschaft dieses verschlossenen, undurchsichtigen Mannes verdient hat.
„Ziehe doch bitte in Betracht, deine Ausführung fortzusetzen" sagt Severus.
„Was?" sagt Emilia. „Ach so. Ja. Sirius und Melodie – sie haben wieder etwas miteinander angefangen. Eine – romantische Verbindung, wie du es nennen würdest. Sie wohnt in unserer Nähe – sie ist uns hinterher gezogen, genau genommen. Und in der Folge hat sie sich nicht so ganz wie verabredet von ihm fern gehalten. Ich hatte das schon kommen sehen. Schließlich sind sie sich über den Weg gelaufen, und er hat sich sofort wieder in sie verliebt. Kannst du dir vorstellen, wie sie sich fühlt? Zum zweiten Mal den ersten Kuss – zum zweiten Mal – all die ersten Male? Er erinnert sich tatsächlich an nichts."
„Interessiert mich nicht" sagt Severus, der mit verschränkten Armen vor ihr Aufstellung genommen hat wie vor einer Schulklasse. „Beschreibe mir lieber den Fortschritt seiner Degenerationserscheinungen."
„Wie gesagt. Die Gedächtnisreparatur – bröckelt. Wie Tapete, die sich von der Wand löst, und man sieht immer mehr von der Mauer dahinter. Genau wie beim ersten Mal, nur diesmal schneller. Ich frage mich, ob man ihn ein drittes Mal löschen kann."
„Ich habe euch schon bei der ersten Nachbesserung gesagt, dass keine weiteren Eingriffe möglich sind – jedenfalls nicht, ohne weit reichende Beeinträchtigungen in Kauf zu nehmen. Mit anderen Worten, ich würde ihm mit jedem weiteren Eingriff sein letztes Restchen gesunden Verstand entfernen."
„Aber es muss doch etwas geben, das wir für ihn tun können?"
„Ja" sagt Severus. „Lasst es kommen. Lasst ihn sich erinnern."
„Was?" sagt Emilia erstaunt. „Aber – weißt du nicht mehr, wie er sich zuletzt erinnerte? Ich weiß es noch, es war nämlich in St. Mungo's, und wir hatten einen verwirrten, verängstigten Patienten, der völlig frei von Verstand war! Deshalb haben wir doch erst die Gedächtnismodifikation in Betracht gezogen: weil er nicht klar kam!"
„Als ob das nicht sein Normalzustand wäre, frei von Verstand zu sein" wirft Severus ein, aber es klingt milde.
„Die Ausgangslage ist diesmal eine andere" fährt er fort. „Damals kam er zurück – kam zu Bewusstsein – und alle Erinnerungen strömten gleichzeitig auf ihn ein. Die echten, und die aus den ungezählten Leben hinter dem Vorhang. Mit dem Handicap, dass viele seiner echten Erinnerungen in Azkaban geblieben waren. So oder so konnte er die beiden Seiten des Vorhanges nicht unterscheiden. Ich zog schon damals in Erwägung, der – Natur, wenn man so will – ihren Lauf zu lassen. Es gibt legilimantische Psychologen, die mit ihren Patienten arbeiten, ohne sie zu löschen. Aber du und dein Mann, ihr wart so beseelt von der Idee, es ihn vergessen zu lassen und ihm diese haarsträubende Geschichte vom Koma aufzutischen, dass ich annahm, es wäre nicht angezeigt, meine Meinung zu äußern."
„Seit wann interessiert es dich, ob es angezeigt ist?"
Severus hebt die Schultern. „Ich hatte wenig Motivation, mich auf ein neues, fruchtloses Gefecht mit deinem Mann einzulassen. Ich hatte soeben einen Krieg überlebt. Mit knapper Not, wie ich betonen möchte. Ich war, gewissermaßen, ermüdet."
„Verständlich" sagt Emilia. Sie denkt nicht oft an die grausame Zeit der letzten Kriegsmonate, während der sie ihren eigenen Krieg geführt hat: gegen die Traurigkeit und Mutlosigkeit in Nummer Zwölf, gegen die Erschöpfung, gegen die Einsamkeit. Gegen die Angst vor der eigenen Entscheidung.
„Diesmal kommen die Erinnerungen nacheinander, wenn auch rasch" sagt Severus. „Sie gehören zu ihm. Sie haben ihn geprägt, hinter oder vor dem Vorhang. Er wird immer einer sein, der viele Leben gelebt hat."
„Aber sie sind nicht real" sagt Emilia verwirrt.
„Sind sie nicht?" sagt Severus und bedenkt Emilia mit seinem analytischen Blick. „Hast du je ein Buch gelesen, das eindrucksvolle Bilder in deinem Kopf zurück gelassen hat?"
„Natürlich" sagt Emilia. „Der Herr der Ringe, zum Beispiel. Als ich achtzehn war."
„Und willst du behaupten, diese Eindrücke seien nicht real, nur weil sie einem fiktiven Hintergrund entstammen?"
Emilia denkt an die Faszination, mit der sie das Buch verschlungen hat, an die Romangestalten, die über Wochen hinweg ihre Tage und ihre Träume bevölkert haben.
„Na ja" sagt sie zögernd, „ich konnte zumindest zu jedem Zeitpunkt unterscheiden, was real war – außerhalb des Buches – und was nicht."
„Ein fiktiver Erlebnishintergrund führt zu realen elektrischen Impulsen, die zwischen den Nervenzellen deines Gehirnes kreisen und die Synapsen anregen" sagt Severus und ist plötzlich wieder ganz Lehrer. „Eine nicht ganz geklärte chemische Veränderung der Gehirnzellen führt zur Erstellung eines Engramms. Eine Erinnerung entsteht. Ob es die Erinnerung an ein fiktives oder ein stoffliches Erlebnis ist, macht für das Gehirn keinen Unterschied. Diese Information wird an anderer Stelle archiviert."
„Okay" sagt Emilia verwirrt. „Du meinst also… wir sollen zulassen, dass seine Erinnerung zurückkehrt, und ihm einfach beim Sortieren helfen?"
„Warum nicht" sagt Severus.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Remus begeistert von dieser Idee ist" zweifelt Emilia. „Er war so glücklich mit dem Gedanken, dass Sirius sich nicht mehr mit Azkaban und der Flucht und all dem Drama befassen muss."
„Er war vor allem glücklich mit dem Gedanken, dass Black nicht in der Lage sein würde, ihn nach seinen Motiven zu befragen, und ob er immer in Blacks bestem Interesse entschieden hat" sagt Severus mit schmallippigem Lächeln.
Emilia schweigt und spielt mit den Fransen der sahnefarbenen Decke, die sauber gefaltet über der Sofalehne hängt.
„Warum hast du dich dafür hergegeben?" fragt sie schließlich. „Man hätte seine Erinnerung an Melodie nicht löschen müssen. Die Erinnerung an uns haben wir schließlich auch nicht gelöscht. Gut und schön – man will ihm wenig Anknüpfungspunkte geben – aber man kann ihn doch nicht in eine wildfremde Umgebung setzen. Wenn er sich erinnert, tut er es so und so, oder?"
„Ich wollte wissen, was passiert" sagt Severus und ist plötzlich wieder ganz der unnahbare Tränkemeister. „Ich hatte begonnen, die gesamte Konstellation als eine Art experimentellen Aufbau zu betrachten. Ein komplexes Gefüge, das sich mittels der Eingabe verschiedener Reize beeinflussen lässt. Vergleichbar mit Alchemie: Entferne den Faktor Melodie. Prognose: Black fusioniert mit Lupin. Folge: Liguster spaltet sich von Lupin…"
„… und fusioniert mit Snape" vollendet Emilia den Satz.
„Möglich" sagt Severus unbewegt. „Der Faktor Salvatora Crisante trat erst später auf."
Emilia atmet tief durch und streicht sich Haare aus der Stirn.
„Das ist die merkwürdigste Liebeserklärung, die ich je bekommen habe" sagt sie.
„Eine andere wirst du nicht erhalten" sagt Severus. „Und auch nichts anderes. Das Experiment ist abgeschlossen."
„Noch nicht ganz" sagt Emilia. „Trennen wir bitte noch diesen Liguster-Black-Lupin-Klumpen. Geben wir ein bisschen Melodie bei, und dann kräftig rühren. Vielleicht bildet sich ja doch noch eine schöne, glatte, klümpchenfreie Masse."
„Einverstanden" sagt Severus. „Ich werde einen Besuch in Deutschland einrichten. Ich muss mit Remus und Melodie konferieren, um die Vorgehensweise abzustimmen."
„Eines ist trotzdem schade" sagt Emilia und versucht ein Grinsen. „Jetzt werde ich nie erfahren, wie es mit einem Legilimens im Bett ist. Endlich mal ein Mann, der einer Frau alle Wünsche von den Augen abliest, und ich lasse mir die Gelegenheit entgehen."
„Diese Entscheidung hättest du treffen müssen, bevor du dich zum Weibchen eines lunar induzierten Flohhotels machst" sagt Severus, ohne eine Miene zu verziehen.
„Wahrscheinlich" sagt Emilia seufzend. Dann legt sie den Kopf schief und lauscht.
„Mach mal die Musik leiser" sagt sie. „Ich glaube, der Welpe ist wach."
Tatsächlich kommt ein dünnes „Mamaaaa" aus dem Flur. Emilia springt auf und sieht nach. Jerome sitzt, seine Maus eng an sich gedrückt, und sieht sich mit großen Augen um.
„Komm zu mir" sagt Emilia. „Alles ist gut. Wir sind bei Severus, in London."
Es wird dann noch ein überraschend netter Abend. Zu ihrem erstaunen stellt Emilia fest, dass nichts Schlechtes dabei heraus kommt, wenn man Severus in der Küche werkeln lässt, im Gegenteil. Spaghetti, präzise al dente, und eine schlichte, aber raffinierte Tomatensoße. Auch Jerome ist begeistert und verziert das weiße Tischtuch mit roten Spritzern, was vom Hausherren kommentarlos mit einem Schlenkern des Stabes beseitigt wird.
Dann ist es draußen dunkel, und Jerome schläft auf dem hellen Sofa. Emilia ist so müde, dass sie kaum die Augen offen halten kann: als würde die Erschöpfung von drei Jahren Überlastung sich auf einmal Bahn brechen.
„Muss ich ins Hotel?" fragt sie. Severus, die leeren Teller in der Hand, lächelt auf sie hinunter.
„Ich bin es nicht gewohnt, Gäste zu beherbergen" sagt er. „Aber ich kann mich anpassen. Falls du mit dem Sofa vorlieb nehmen kannst."
„Das kann ich" sagt Emilia. „Vielen Dank. Für alles."
Severus nickt und trägt die Teller in die Küche.
oooOOOooo
Es ist eine unruhige Nacht, die Emilia mit Jerome auf dem Sofa verbringt. Der lebhafte Schlaf des Dreijährigen reißt sie immer wieder aus ihren eigenen verworrenen Träumen, und sie ist froh, als sie schließlich durch einen schläfrigen Fußtritt Jeromes wach wird und trübes Regenlicht durch die Fenster flutet. Auf Zehenspitzen schleicht sie sich ins Badezimmer und stellt auf dem Weg fest, dass im Tränkelabor bereits leise geraschelt und geklappert wird. Sie schiebt die Tür auf und steckt den Kopf durch den Spalt.
„Morgen" sagt sie.
„Guten Morgen" sagt Severus, der mit dem Rücken zu ihr steht, in eine dunkelviolette, sanft glänzende Robe gekleidet, und getrocknete Zweige aus einer Papierhülle befreit.
„Drachendorn" sagt er und hält eines der bräunlichen Blätter prüfend gegen das Licht. Dann zerreibt er es zwischen den Fingern und schnuppert daran. Ein Hauch des bitteren Duftes weht zu Emilia hinüber. Drachendorn und Bocksklee, Tintenträne und Schneeballblüten…
„Animal familiaris?" sagt sie.
„Ganz recht" bestätigt Severus. „Zu meinem Bedauern wird es seit dem Krieg immer schwieriger, qualitativ hochwertige Grundstoffe zu bekommen."
„Und welches Tier willst du befreunden?"
„Es ist eine Auftragsarbeit" sagt Severus und befördert die Blätter zurück ins Papier. „Die Mäuse, die ich im Wohnzimmer unter dem Parkett habe, reichen mir völlig."
„Auch nett" sagt Emilia, denkt an Doxienester im Dachstuhl und Spinnenkolonien im Keller, und grinst.
„Ich könnte dir einen Hund vorbei schicken" schlägt sie vor. „Zu Jagdzwecken. Ich kenne einen guten."
„Das fehlte mir noch" sagt Severus. „Morgen kommt der Kammerjäger. Ein paar Zauber, und der Spuk hat ein Ende."
„Und allemal schonender für das Parkett. Sag, dürfte ich wohl deine Dusche benutzen? Der Kleine schläft noch."
„Bitte sehr" sagt Severus und macht eine entsprechende Geste.
Emilia duscht in dem makellosen weißen Badezimmer, bis das heiße Wasser alle ist und sie mangels Zauberei kein neues heiß machen kann. Ihre Kleider sind faltig und nicht ganz frisch, aber sie fühlt sich wesentlich besser, als sie sich die Haare mit den Fingern kämmt und das Fenster öffnet, um den warmen Dampf vom Duschen hinaus zu lassen.
Das Badezimmerfenster geht zur Rückseite des Hauses. Ein Grünstreifen trennt die Hauswand von der Straße. Die Luft draußen ist genauso feucht wie die im Badezimmer, nur kühler. Auf der Straße geht eine Hexe mit etwas Gassi, das wie ein kleiner, grüner, geflügelter Dackel aussieht. Sie hält einen gelben Regenschirm über den Kopf. Emilia streckt die Hand aus dem Fenster und schaut an der Fassade hinunter, um zu sehen, ob es regnet, denn außer dem gelben Regenschirm deutet nichts darauf hin.
Eine Fensterreihe zur Linken befindet sich der Hintereingang des Hauses. Die zauberische Hausgemeinschaft hat dort ihre Fortbewegungsmittel geparkt: geflügelte Fahrräder, ein paar Besen in einem Ständer, ein kleiner, faltiger Fesselballon, eine kirschrote Vespa, die nach Muggel aussieht.
Und dann sitzt da noch jemand auf den Stufen zum Hintereingang, offenbar dösend oder in Gedanken versunken, in einer zusammengekauerten Haltung, als würden die fadenscheinigen Kamele wenig gegen das kühle englische Wetter ausrichten. Emilia wirft das Fenster zu und eilt zu ihren Schuhen.
„Severus? Würdest du bitte eben auf Jerome aufpassen, falls er aufwacht?"
„Wohin willst du?" fragt Severus erstaunt.
„Raus" sagt Emilia und fummelt an den Schnürsenkeln. „Du hast da einen Wolf auf deiner Hintertreppe."
„Ist er eine Lösung für mein Mäuseproblem?"
„Keine Ahnung. Eher nicht."
„Ist er eine Lösung für eines deiner Probleme?"
Emilia gibt den Kampf mit den Schnürsenkeln auf und atmet tief durch.
„Ich weiß es nicht" sagt sie. „In letzter Zeit hat er mir Probleme gemacht, statt sie zu lösen. Aber ich will doch schon wissen, warum er hier ist."
„Soll ich eine Prognose wagen?"
„Nein, danke. Deine Prognosen sind meist so pessimistisch."
Severus zieht die Augenbrauen hoch, und Emilia wartet die nächste messerscharfe Bemerkung nicht mehr ab. Sie läuft die Treppe hinunter in den Laden, orientiert sich kurz, findet den Gang auf die Rückseite des Gebäudes und schließlich die Hintertür.
Ihre Hand zittert auf der Klinke. Sie hat nicht damit gerechnet, dass er ihr nachkommt. Andererseits ist er immer aufgetaucht, wenn der Tränkemeister ins Spiel kam.
Sie wird einfach hören, was er zu sagen hat.
Sie öffnet die Tür und tritt ins Freie.
Er dreht den Kopf und zieht die Beine enger an den Körper, als wolle er Platz machen für jemanden, der vorbei will. Sein Blick streift ihr Gesicht, und ein winziges Lächeln huscht ihm über die Lippen, ehe er den Blick wieder auf die fadenscheinigen Knie seiner Cordhosen richtet.
„He" sagt er heiser. „Guten Morgen."
„Was tust du hier?" fragt Emilia, die Türklinke noch in der Hand. Wäre da nicht Salvatora, sie könnte einfach wieder hinein gehen, in eine helle, schöne Welt, zu Teppichen und glänzenden Kesseln und einem, der sie in seiner strengen, tiefgründigen Art auf Händen tragen würde. Wäre da nicht Salvatora, sie müsste hier und jetzt entscheiden, welche Seite der Tür sie will.
Remus hebt die Schultern. Der Wind treibt ihm silbrige Haarsträhnen über die Augen.
„Nach dir sehen" sagt er. „Was du machst."
Emilia lässt die Tür los und tritt nach draußen.
„Seltsam" sagt sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass es dir überhaupt auffällt, wenn ich weg bin."
Er nimmt den Hieb und steckt ihn ein wie einer, der ihn verdient hat. Plötzliche Wut schießt in ihr hoch. Einmal nur will sie mit ihm streiten, will hören, wie er sie anschreit, will ihn Dinge sagen hören, die er später, bei klarem Verstand, bereuen wird, aber mit ihr tut er das nicht, nur mit Sirius, Sirius ist der einzige, den er selten, aber regelmäßig anschreit. Sirius, immer Sirius.
„Warum bist du hier?" wiederholt sie ihre Frage. „Konntest du nicht landen bei ihm?"
Volltreffer, obwohl es nur als Kränkung gedacht war. Sie sieht es an der Art, wie er den Kopf einzieht.
Emilia seufzt und schlingt die Arme um sich. Sie will sich nicht vorstellen, was da gelaufen ist.
„Mach dir nichts draus" sagt sie, kommt zu ihm und setzt sich neben ihn auf die Stufe. „Ich konnte auch nicht landen."
Wieder einer dieser flüchtigen Blicke, mit denen er sie nicht ansieht, nur streift, dann nimmt er die Brille ab und lehnt sich zu ihr hinüber. Emilia erstarrt, sie will sich jetzt nicht küssen lassen, aber er küsst sie nicht, sondern vergräbt das Gesicht an ihrem Hals und nimmt einige tiefe Atemzüge. Als wäre er auf der Suche nach einem Geruch.
„Ziemlich zwecklos" sagt Emilia. „Ich habe geduscht, gerade eben."
Er löst sich von ihr, nickt und streicht sich mit der Hand über die goldenen Augen.
„Du bist ganz kalt" sagt sie. „Wie lange wartest du schon?"
Er hebt die Schultern.
„Keine Ahnung. Drei oder vier Stunden. Ich habe zuerst vorne auf der Straße gewartet, aber als der Zeitungsladen gegenüber geöffnet hat, haben sie mich verjagt. Keine Wegelagerei auf der Straße vor ihrem Geschäft, oder so ähnlich. Alles beim Alten, hier in der Hauptstadt." Flüchtiges Lächeln.
„Warum bist du nicht rein gekommen?"
Winziges Kopfschütteln. „Ich wusste doch nicht, was mich erwartet. Außerdem brauchte ich die Zeit zum Nachdenken."
„Nachdenken ist keine Handlung, weißt du. Mit Nachdenken kann man nichts bewegen."
„Was hätte ich denn noch bewegen sollen? Der Zettel am Kühlschrank war eindeutig. Ich habe alles falsch gemacht, ich habe mutwillig meine Ehe zerstört, ich habe genau das gleiche gemacht wie damals mit Sophie, nur schlimmer. Und das, obwohl ich mir geschworen hatte, dass es nie mehr passieren soll."
„Und mir."
„Was?"
„Geschworen. Mir geschworen, am Strand von Cayman Island."
„Richtig. Ich habe mich in etwas hinein ziehen lassen, das mir längst über den Kopf gewachsen ist. In jeder Hinsicht."
„Falsch. Du hast dich nicht hinein ziehen lassen. Du bist hinein gesprungen, kopfüber. Du konntest es kaum erwarten."
„Vielleicht."
„Gib es zu, verdammt!"
Er zuckt ein bisschen zusammen, aber er nickt.
„Du hast recht."
Schweigen auf der Hintertreppe. Es ist kühl, und still, weil die Millionen Londoner Autos alle hinter der schützenden Barriere fahren, die den Stadtkern von Zauberlondon umgibt.
„Der Zettel am Kühlschrank war nicht eindeutig" sagt Emilia irgendwann. „Ich bin eigentlich nach London gekommen, um die Sache mit Sirius in die Hand zu nehmen. Aber schön, dass du gleich ein schlechtes Gewissen bekommen hast."
„Hat es denn noch einen Sinn?"
„Soll es denn noch einen haben?"
Er seufzt und lässt den Kopf hängen. Mit der rechten Hand reibt er die knotige Narbenkante der linken, als hätte er Schmerzen dort.
„Die Pause ist schon viel zu lang, weißt du" sagt sie. „Ich erwarte nichts weniger, als dass du hier vor mir auf die Knie fällst, mich um Verzeihung anflehst, unter Tränen alles bedauerst und mir klar machst, dass du mich zurück haben willst, und zwar so, dass ich es auch verstehe. Das ganze Programm."
Er sieht sie aus goldenen Augen an, dann nickt er, steht auf, macht einen Schritt die Treppe hinunter und geht tatsächlich vor ihr auf die Knie.
„Emilia" sagt er, und sie sieht, wie er, der Tausende Bücher gelesen hat, nach Worten sucht. „Pass auf. Ich… habe eine Reihe schwerer Fehler gemacht. Es tut mir leid. Sirius… und ich… er hat mir nie die Wertschätzung gegeben, die ich mir gewünscht hatte. Früher schon nicht. Ich bin nicht… ich wollte nie… mit anderen Männern. Ich bin nicht homosexuell veranlagt. Aber ich wollte so dringend einmal im Zentrum seiner Welt stehen, dass mir jedes Mittel recht war."
„Deshalb hast du Severus dazu gebracht, ihm die Erinnerung an Melodie zu nehmen."
„Ja" sagt er, und seine Augen glitzern verdächtig. „Ich konnte sie nicht ertragen. Sie ist ein nettes Mädchen, aber sie sollte nicht… sie sollte einfach nicht auftreten und ihn mir wieder wegnehmen. Nicht nach allem, was ich durchlitten hatte. Ich weiß doch, wie es läuft, wenn er ein Mädchen hat. Ich löse mich in Luft auf, für ihn."
„Du hast ihm nicht mal die Chance gegeben, es diesmal anders zu machen."
„Er hätte es nicht" sagt er, und sie sieht, wie er sich quält. „Nicht anders gemacht. Er hat mich immer nur… konsumiert. Er war immer achtlos."
„Der einzige Mensch, der sich nicht achtet, bist du selbst" sagt Emilia. „Ich habe Sirius auf unserer Hochzeit gesehen. Ich wusste, er war nicht so begeistert von der Idee, dass du heiratest. Anfangs. Aber dann hat er begriffen, wie glücklich es dich macht, und dass es gut für dich ist, mich zu heiraten, und er hat die Arme aufgemacht und gestrahlt und hat sich für dich gefreut. Aufrichtig. Zu Missgunst ist er nämlich überhaupt nicht fähig. Und du bedankst dich bei ihm, indem du ihm die Erinnerung an seine große Liebe löschen lässt."
Remus nickt und schaut auf seine ineinander verschlungenen Hände hinunter.
„Du bist ein Kleingeist, Remus" sagt Emilia.
Remus nickt.
„Es tut mir leid, wenn ich nicht die Größe habe, die du verdienst" sagt er.
„Ja" sagt Emilia.
Remus schlingt die Arme um sich selbst und lässt den Kopf hängen, aber er erhebt sich nicht von seinen Knien, als wüsste er, dass Emilia noch nicht mit ihm fertig ist.
Und sie ist noch nicht fertig mit ihm: eine Schleuse hat sich geöffnet, und sie weiß, sie wird jetzt alles aussprechen, was sie bisher in sich verborgen gehalten hat, egal ob es sinnvoll ist oder Unheil anrichtet, egal, ob sie vielleicht damit Türen schließt, ohne wirklich zu wissen, auf welcher Seite sie sein will.
„Würde ich euch heute treffen" sagt sie, „dich und Severus – den neuen Severus – den unverkleideten… ich wüsste, für wen ich mich entscheiden würde. Ich war damals schon ein wenig unsicher. Ich bin es nicht gewohnt, mich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen – ich bin kein solches Mädchen. Und Severus… ich hatte Angst vor ihm. Er war gefährlich, aber faszinierend. Vor dir hatte ich keine Angst. Du warst nett, und sexy… und du hast mich zum Lachen gebracht. Du warst der einzig Normale in diesem Haufen von Spinnern. Deshalb habe ich mich in dich verliebt. In dein Lächeln. Deine schüchterne Art. Du warst so… süß. Du hast mir den Hof gemacht, wie keiner vor dir. Und heute hat sich alles verändert. Severus ist… immer noch nicht nett. Aber er ist da. Er war da, als Sirius weg war. Als du… völlig in Scherben gegangen bist… in diesem Haus. Er war da, als ich nach dem Ritual zu mir gekommen bin, in St. Mungo's. Ich brauche jemanden, der für mich da ist. Ich kann nicht immer nur für andere da sein."
Sie weiß nicht, wie es kommt, dass ihre Wangen plötzlich nass sind. Ihr Atem kommt stockend, und beinahe wütend wischt sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht.
„Es tut mir leid, dass du dich damals für den Falschen entschieden hast" flüstert Remus.
„Zum Teufel!" schreit Emilia. „Würdest du bitte endlich anfangen, um mich zu kämpfen? Und zwar schnell, weil ich sonst nämlich weg bin!"
„Soll ich das denn?" fragt Remus, beinahe überrascht, und hebt unsicher den Blick.
„Wir haben ein Kind, verdammt" sagt Emilia. „Und da mach ich nur im Notfall ein Scheidungskind draus."
„Ich würde gerne" sagt Remus, und in seinen Mundwinkeln hängt etwas, das entweder ein Lächeln oder bittere Verzweiflung ist. „Ich wäre gerne… wieder so verliebt… wie am Anfang. Es ist schlimm, dass meine Verbindung zu dir so abgerissen ist. Ich bin… manchmal… fühle ich gar nichts mehr. Nur Müdigkeit. Es gibt eine Müdigkeit, gegen die Schlafen nichts mehr hilft, wusstest du das? Nur Sterben hilft."
„Nein" sagt Emilia. „Ich glaube, so müde bin ich nie gewesen."
Remus nickt und lächelt und schaut mit fernem Blick hinunter auf seine verschlungenen Finger.
„Wie kann ich dich denn zurück gewinnen?" flüstert er.
„Ich weiß nicht, ob du es kannst" sagt Emilia. „Aber du kannst es versuchen. Lass Sirius gehen. Lass ihn sein Leben mit Melodie einrichten. Severus sagt, wir sollen seine Erinnerungen zulassen, man könnte sie ohnehin nicht ein drittes Mal unterdrücken. Sag Sirius, was du ihm getan hast, und ertrage es, falls er dich hinterher nie wieder anschaut. Das alles könnte helfen."
„Okay" sagt Remus kaum hörbar.
„Und werde wieder der von früher" sagt Emilia. „Der aus Nummer Zwölf, in den ich mich verliebt habe. Der lustige, kluge, nette Wolf, der seine Pfoten nicht von mir lassen konnte. Den will ich wieder haben."
„Ich will's versuchen."
„Na, das klingt ja Erfolg versprechend."
„Was willst du hören?" sagt er. „Du hast mir gerade zu verstehen gegeben, dass du nur hier bei mir bist, weil du bei Severus nicht landen konntest. Deine Worte. Und ich stecke viel zu tief in einem Labyrinth, und habe nur eine ungefähre Ahnung, wo der Ausgang sein könnte. Es ist ein bisschen früh für ein Alles wird gut, findest du nicht?"
„Vielleicht" sagt Emilia seufzend. „Aber ich hätte gerne, dass alles gut wird. Du nicht?"
„Doch" sagt er, und zum ersten Mal sieht sie wieder die vertraute Wärme in seinen Augen. „Ich auch."
Emilia wickelt sich die Ärmel ihres Sweatshirts um die Hände. Es ist kalt hier draußen. Remus in seiner Strickjacke muss in den letzten Stunden einen hohen Verbrauch an Wärmezaubern gehabt haben. Sie wischt sich mit dem Ärmel übers Gesicht.
„Du könntest mich mal in den Arm nehmen" sagt sie. „Falls du willst."
Er lächelt einen Anflug seines früheren, netten Lächelns. Sie sieht ihn an, während er steifbeinig von seinen Knien in die Höhe kommt und sich neben sie setzt: irgendwo in diesem merkwürdigen, silberhaarigen, goldäugigen Mann muss er doch noch sein, der charmante, freundliche Wolf aus Nummer Zwölf. Er legt seine Arme um sie, ein wenig unbeholfen, zieht sie näher und vergräbt das Gesicht in ihrem Nacken, und ihre Arme finden den Weg um seine Mitte, sie haben sich während der letzten Jahre sehr daran gewöhnt, diese Arme, und Emilia denkt, dass sie sich lieber nicht umgewöhnen möchte. Es ist noch zu früh, aber es ist nie zu spät für Hoffnung.
„Wenn du schon dabei bist, wieder der alte Wolf zu werden" murmelt sie in den zerfransten Kragen der Kameljacke, „könntest du zehn, zwölf Kilo zulegen, und ein bisschen Sport treiben. Damit du dich nicht länger anfühlst wie ein Sack voll Knochen."
„Besten Dank" sagt er. „Ich setz' es auf die Liste."
„Und dir die Haare schneiden lassen. Die sind zu lang."
„Von mir aus."
„Und diese scheußliche Jacke in den Müll werfen."
„Treib es nicht zu weit, ja? Ich werfe nichts in den Müll, was noch seine Funktion erfüllt."
„Und von diesem irrsinnigen Spartrip runter kommen."
„Wenn du einen willst, der schön ist und nicht mit Geld umgehen kann, versuch's mal mit Sirius."
„Nein danke. Ich glaube, ich bin das einzige Mädchen der Welt, das bei ihm nicht in Versuchung kommt. Was nicht heißt, dass er nicht mal wieder oben ohne den Rasen mähen darf."
„Ich richte es ihm aus."
„Wenn ich allerdings dich erwische, wie du ihm lüsterne Blicke zuwirfst…"
„Ich habe dir gesagt, ich bin nicht in diese Richtung veranlagt."
„Es war ein Scherz, Remus. Nur ein Scherz."
„Oh."
Im gleichen Augenblick dringt ein markerschütternder Schrei durch die dicken Mauern nach draußen.
„Maaaaaamaaaaaa!"
Wie der Blitz ist Emilia auf den Füßen und an der Tür. Remus folgt eilig, aber langsamer. Nur am Rande nimmt Emilia wahr, dass er hinkt. Sie reißt die Tür auf und stürmt in den Hausflur.
„Jerome? Jerome, was ist passiert?"
„Nichts wirklich Schlimmes, so lange er noch so schreien kann" vermutet Remus von hinten.
„Keine Panik" kommt Severus' Stimme vom oberen Treppenabsatz. „Ruhe bewahren, alle zusammen. Der junge Mann hat soeben entdeckt, dass er ein Zauberer ist."
Augenblicke später versammelt man sich im Wohnzimmer, wo Jerome in euphorischer Begeisterung sein kleines rotes Auto über den Teppich hopsen lässt wie einen Frosch, indem er die Hände danach ausstreckt und „Hex, hex!" schreit.
„Es kann fliegen!" jubelt er. „Papa! Mama! Papamama! Es kann fliegen, wie Paddys Motorrad!"
Emilia presst die Hände gegen die Wangen, weil sich auf ihnen schon wieder nasse Spuren abzeichnen.
„Mein Hasenkind" sagt sie. „Meine Güte! Du kannst ja schon zaubern!"
„In diesem Alter tatsächlich ungewöhnlich" kommentiert Severus milde. „Ich möchte allerdings wissen, wer ihm diesen albernen Zauberspruch beigebracht hat."
„Das Kinderfernsehen" sagt Remus lächelnd. „Er ist ein Fan von Bibi Blocksberg."
Severus zieht fragend eine Augenbraue hoch.
„Die Muggel-Version von Hermione Granger" erklärt Remus und grinst jetzt breit. Severus schüttelt den Kopf.
„Hex, hex!" schreit Jerome, worauf das Auto einen senkrechten Raketenstart hinlegt und ihm gegen die Stirn fährt. Mit erschrecktem Weinen flüchtet Jerome sich in Emilias Arme.
„Zumindest offensichtlich, dass er das väterliche Zaubertalent geerbt hat" sagt Severus. „Ein Glück für das Kind."
„Das hab' ich gehört!" sagt Emilia, während Jerome sich tränenüberströmt an sie klammert und „Pusten! Pusten!" verlangt.
„Ruhe, alle miteinander" befiehlt Severus. „Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr alle hier ein Frühstück haben wollt?"
„Klar" sagt Emilia, pustet und grinst. „Dieses Hotel ist echt zu empfehlen."
„Ich will eine Milch!" verlangt Jerome.
„Wenn es keine Umstände macht" sagt Remus zögernd.
„Natürlich macht es welche" knurrt Severus, doch Remus scheint plötzlich abgelenkt, schaut sich um und sieht aus, als würde er lauschen.
„Du hast Mäuse unter dem Parkett" sagt er. „Wusstest du das?"
„Jeder braucht ein Haustier" sagt Severus, und, mit einem Seitenblick auf Emilia: „Manche heiraten ihres sogar."
„Böser Slytherin" sagt Emilia augenzwinkernd. „Geht jemand Brötchen holen? Remus?"
„Lieber nicht" sagt Remus und deutet auf sein linkes Bein. „Ich bin heute nicht so gut zu Fuß."
„Was ist passiert?"
„Apparitions-Unfall" sagt Remus und verzieht das Gesicht. „Beinahe hätte ich mich gesplintert. Ich war wohl ein wenig nervös, und durcheinander."
„Ui" sagt Emilia erschrocken. „Schlimm?"
„Geht so."
„Du bist aber danach nicht mehr appariert, oder?"
„Nein. Ich habe mir eine Floo-Verbindung rausgesucht, die überraschend in Köln endete. Streik der Netzwerkmitarbeiter. Ich hatte Glück und konnte ein paar Stunden später einen Portschlüssel erwischen, sonst hätte ich vielleicht doch noch mein fliegendes Taxi bemühen müssen."
„Und niemand ist glücklicher als ich, dass uns allen dieses Schicksal erspart geblieben ist" sagt Severus. „So. Ich koche Kaffee. Jeder, der etwas anderes möchte, muss im Tropfenden Kessel frühstücken."
„Ich will eine Milch!" wiederholt Jerome seine Forderung.
„Umgangsformen hat das Kind" sagt Severus kopfschüttelnd. „Komm mit mir in die Küche, kleiner Zauberer. Und denk daran, wenn du etwas anderes fliegen lässt als dein Auto, werde ich unangenehm."
Sehr zufrieden zieht Jerome mit dem Tränkemeister ab. Emilia bleibt mit Remus im Wohnzimmer zurück, das plötzlich ganz still ist. Remus hat die Arme um sich geschlungen und schaut auf seine Füße. Sie geht zu ihm und lehnt ihren Kopf an seine Schulter, und er öffnet die Arme und zieht sie an sich.
„Ich möchte mit dir nach Hause gehen" flüstert er auf deutsch. Sie nickt und lächelt.
„Versprochen" sagt sie.
