Ihr Lieben,
nun hat es sich auch schon fast mit Flashblack. Es wird in den nächsten Tagen noch einen kurzen Epilog geben, dann ist die Geschichte abgeschlossen.
An dieser Stelle gilt mein Dank allen, die mir so großartige, ausführliche, herzliche Reviews geschrieben haben. Leider habe ich einfach nicht die Zeit, mich einzeln zu bedanken, seid nicht böse – ich habe jedes einzelne Review genossen und Wort für Wort gewürdigt.
Außerdem verdient meine aufopferungsvolle Beta Slytherene meinen besonderen Dank, die sich trotz knappen Zeitplanes sehr engagiert durch süddeutschen Slang und Tippfehler gearbeitet hat.
Bezüglich der Nachfragen, ob ich auch einmal etwas mit Harry als Hauptperson schreiben werde: hm, ist nicht geplant, ich kann mit den Weltretter-Helden immer nicht so gut was anfangen. Ich kann ihm aber jedenfalls in meinem „Anderen Universum" eine größere Rolle einräumen, das würde wahrscheinlich Spaß machen.
Also, auf zur letzten Etappe. Tässchen Kaffee für jeden, und los geht's.
Disclaimer: Unverändert gehört mir nichts, was erkennbar JKR gehört.
Soundtrack: Everybody hurts, von R.E.M.
Neun: Aufbruch
Der Raum um Sirius ist grau und verschwommen, wie in einem sehr alten und sehr schlechten Schwarzweißfilm: kein Licht, kein Leben, keine Farben. Trotzdem ist er Sirius erschreckend vertraut: zu viel Zeit hat er hier verbracht, ein Gefängnis, das er gegen ein anderes Gefängnis getauscht hat. Auch hier hat es Leben nur ohne ihn gegeben, auf der anderen Seite der schmutzigen Fensterscheiben.
Sirius ist jedes Detail vertraut. Er könnte Landkarten anlegen von den Falten, die sein zerknülltes Hemd auf dem Sessel am Fenster wirft. Er könnte den Text des „Fängers im Roggen" auswendig hersagen, dort, wo er aufgeschlagen liegt. Er sieht zu, wie der Staub die scharfen Ränder der Seiten abrundet und das Schwarz-Weiß der Buchstaben zu Grau verwäscht. An dem angebissenen Apfel, der dort auf dem Tisch langsam verfault, ist ihm jede dunkle Stelle vertraut.
Auch er ist grau: der Wolf, der hier in zweibeiniger Gestalt seine Kreise zieht, graues Gesicht, graue Haare, grauer, müder Blick. Er kommt oft nachts in dieses Gefängnis, sperrt sich selbst darin ein und folgt den Spuren von Sirius' früherer Anwesenheit. Ein rotes, pulsierendes Glühen in seiner linken Hand ist die einzige Farbe im Universum zwischen diesen Mauern.
Sirius versucht, sich bemerkbar zu machen, doch es ist, als hätte er keinen Körper, keine Präsenz, und das, obwohl die Wellen von Schmerz, die der Wolf verströmt, ihn bis ins Innerste erschüttern – erschüttern, man sollte doch meinen, etwas, das sich erschüttern ließe, müsste Bestand haben, aber Sirius ist nichts, weniger als ein Geist.
Der Wolf setzt sich auf die Bettkante, vorsichtig, als würde zu viel Erschütterung das Gefängnis zum Einsturz bringen, und berührt mit leichten Fingerspitzen die Kuhle, die Sirius' Kopf im Kissen hinterlassen hat, vor Ewigkeiten, als es noch einen Körper gab.
Dann krümmt sich der Wolf, ein lautloser Schmerz, der an ihm reißt wie ein Raubtier, und Sirius wirft sich nach vorne.
„Moony!"
Es ist weniger als ein Lufthauch. Lediglich die Erinnerung an eine Stimme.
„Ich bin hier! Du musst nicht traurig sein."
Für Sekunden hebt der Wolf den Kopf und sieht sich um: wachsam, ein Funke von Gold in einem grauen Meer, als hätte er gehört oder gespürt.
„Moony! Ich bin hier! Hilf mir!"
Kopfschütteln, ein hilfloses, bitteres Auflachen, eine Qual, die nicht zum Aushalten ist, und der Wolf lehnt sich nach vorne und bettet den Kopf in der Kuhle auf Sirius' Kissen. Seine verstümmelte Hand geistert über die zerwühlten, staubigen Laken. Der goldene Funken ist aus seinen Augen verschwunden.
Sirius schreit nicht mehr. Ohnehin ist diese Stimme noch weniger als eine Stimme in seinem Kopf: keine Stimme, kein Leben, nicht einmal ein Geist.
Sirius fragt sich, warum er nicht gehen kann, wo er doch gar nicht hier ist.
Dann ballen sich die grauen, staubigen Schatten, verdichten und verdunkeln sich, und heraus tritt eine hohe Gestalt in wallender Robe. Unter ihren Schritten knirschen die Scherben von Sirius' zerbrochenen Träumen.
„Komm mit mir" sagt der Schattenmann. „Ich bringe dich nach Hause."
oooOOOooo
Manchmal mag Sirius fremde Leute lieber als die vertrauten. Fremde Leute haben nicht diesen sorgenvollen Blick, wenn er wieder mal etwas durcheinander bringt. Fremde Leute merken es nicht einmal, wenn es ihm passiert, und so merkt er selbst es auch nicht und kann sich für Augenblicke fühlen, als sei alles ganz richtig mit ihm. Fremde Leute müssen sich überhaupt erst mal an seinen Anblick gewöhnen, sich satt sehen, ehe sie seinen Worten Beachtung schenken. Und bevor es überhaupt so weit kommt, kann er längst wieder woanders sein.
Manchmal denkt Sirius, er sollte es als Fotomodell versuchen: alle sehen ihn an, aber niemand interessiert sich dafür, was er zu sagen hat. Perfekt.
Heute, und gerade jetzt, dieser Augenblick, ist leider weit entfernt davon, perfekt zu sein. Spätestens seit der Typ, Marco, seine Hand auf Sirius' Knie abgelegt hat, ist klar, dass die beiden nicht die gleiche Leidenschaft für Leder teilen.
Marco ist braun gebrannt und trägt die blonden Haare glatt und kinnlang. Seine Oberarme sehen aus, als hätte er viel Zeit für das Training investiert. Er trägt ein rot-weißes, sehr enges T-Shirt und eine rote, ebenso enge Hose.
Sirius überlegt, ob er, Sirius, Chancen als Model hätte, wenn er etwas für seine Oberarme täte, und ob gelegentliche Liegestütze und Stöckchenholen ausreichen würden.
„… du mit zu mir kommst, zeige ich dir meine Maschine" sagt Marco und lächelt.
„Hm?" sagt Sirius, immer noch durch die Gegenwärtigkeit solcher Muskelpracht abgelenkt. „Wie viel hast'n du trainiert, sag mal, um so auszusehen?"
„Gefällt's dir?" sagt Marco. „Ich geh' mindestens viermal die Woche ins Studio. Man muss was tun, wenn man jenseits der vierzig ist, das wirst du auch noch merken."
Gestorben, der Traum von muskulösen Oberarmen. Naturschön muss reichen.
„Oh. Hm. Danke schön. Ich bin aber doch schon…"
Dreißig?
Vierzig?
Siebenundvierzig?
Alles Gute, Pads!
Alles Gute, alter Rocker!
Happy Birthday, dear Padfoot, happy birthday to you…
"… in einem Studio angemeldet."
"Tatsächlich?" sagt Marco und lächelt immer noch. Eigentlich nett. „Vielleicht können wir ja mal zusammen trainieren?"
Eine Hand, die unter dem Tisch seinen Oberschenkel hinauf wandert. Sirius gibt der Sache eine echte Chance, rührt Zucker in seinen Kaffee und überlegt. Eigentlich egal, dass er nur wegen eines Fachgespräches unter Motorradfreaks in die Stadt gekommen ist, und dass er sich lediglich über Bezugsquellen für Ersatzteile hatte informieren wollen: nicht einfach hier in Deutschland, an einen Vergaser für eine Achtzigerjahre-Maschine zu kommen. Schließlich hat er kürzlich erst neu entdeckt…
Sich kürzlich erst daran erinnert?
Entspann dich, Sieben-Vier-Eins, sonst tut's weh.
„Nicht… Pads… aus! Nicht hier im Treppenhhhhh… oh… warte doch, bis… mmmmmh..."
„Je t'aime, Sirius."
„Ich liebe dich auch, Jean-Luc."
Die Hand wandert auf die Innenseite seines Oberschenkels. Marco beugt sich rüber. Sirius trinkt einen Schluck Kaffee. Zu süß.
„Du hast schöne Augen" sagt Marco. „So unglaublich blau."
„Ich kann das nicht" sagt Sirius und lässt klirrend den Löffel fallen. „Tut mir leid. Nichts gegen dich… aber ich hab' eine feste Freundin, und außerdem bin ich in meinen besten Freund verliebt, oder so etwas in der Art, und er wollte mich kürzlich sogar beinahe ranlassen, aber ich darf nicht, weil er verheiratet ist, und seine Frau ist meine beste Freundin, und mein Leben ist schon kompliziert genug. Ich wollte wirklich nur über Motorräder reden."
„In einem Internet-Schwulenforum?" Marco sieht ehrlich verletzt aus.
„Tut mir leid" sagt Sirius. „Die Suchmaschine hat mir den Link ausgespuckt. Ich hab' da nicht so drauf geachtet."
„Die Forenbeiträge zum Thema Coming-Out, Penisgröße und empfehlenswerte Kondome hast du aber schon bemerkt?"
„Ja, und mit Interesse gelesen." Sirius grinst, und Marco verschränkt die prachtvollen Oberarme vor der gestählten Brust und schüttelt den Kopf, ganz klar zwischen Enttäuschung und Belustigung.
„Was willst du" sagt Sirius. „Ich bin eben für alles offen. Und ich hab' ne Menge gelernt."
Jetzt lacht er schließlich doch.
„Du bist ein Freak, Engländer" sagt er. „Ruf mich an, wenn du etwas anderes tun willst als über Vergaser reden. Ich bin sicher, es gibt ein paar Sachen, die du im Forum noch nicht gelernt hast."
Eine halbe Stunde später ist Sirius auf dem Weg zu Melodie. Er fährt nach Muggelart über die Landstraße; er hat kürzlich festgestellt, dass die viele Fliegerei der Karosserie und Aufhängung der Lady nicht gut bekommt. Einige Anläufe und ein bisschen Hilfe von Moony haben ihm zu einem roten Piratentuch verholfen, das für Muggel aussieht wie ein Motorradhelm: niemals, um nichts in der Welt, könnte er seinen Kopf in so ein enges, dunkles Ding stecken. Er hat Moony versprochen, noch einen Schutzzauber drüber zu legen. Moony muss nicht wissen, dass er es bisher nicht getan hat. Es ist nicht so viel in diesem Kopf, das er als schützenswert erachtet. Der Gedanke, dass auf einen Schlag alles ein Ende haben könnte, fasziniert ihn.
Melodie ist nicht zu Hause. Karla weiß nicht, wann sie zurück sein wird, und auch nicht, wo sie hin gegangen ist. Die Einladung zum Kaffee lehnt Sirius ab. Karla wird ihm nicht sagen, dass er schön ist, dass es reicht, schön zu sein, dass sie ihn schon allein um seiner Schönheit Willen liebt, dass er ruhig ein bisschen verwirrt sein darf, doch das genau muss er jetzt hören, und wenn nicht von Melodie, dann von…
Und dann fliegt er doch, weil er es so eilig hat, weil es doch sein könnte, dass Melodie mit Emilia in der Küche Kaffee trinkt und Moony im Garten Zeitung liest, und Sirius könnte in den Hund gehen und sich abwechselnd von allen Anwesenden die Ohren kraulen lassen, bis er in diesen beinahe hypnotischen Zustand des Wohlbefindens hinüber gleitet, aus dem er nur wieder zurück in den Mensch findet, wenn Moony auf ihn einspricht und ihm die Lady zeigt oder ein Foto von Sirius-Zweibein.
Ein bisschen unsanft setzt er die Lady auf der Straße vor dem Haus auf. Die Stoßdämpfer knirschen, ein Geräusch, das ihm einen Schauer den Rücken hinunter jagt. Er parkt sie in der Garageneinfahrt und läuft zum Haus. Der Landrover ist weg, ein schlechtes Zeichen: Emilia ist nicht da, und Melodie dann wahrscheinlich auch nicht. Aber vielleicht immer noch…
„Moony? Moony!"
Keine Antwort. Das Haus ist leer.
Sirius rennt zurück zur Lady und springt auf.
„Entschuldige, Schätzchen, du musst noch mal."
Während er in die Stadt fliegt, versucht Sirius, sich zu erinnern: heute ist Montag, hat Moony montags Spätdienst? Ist er überhaupt noch im Antiquariat, schließlich ist es schon abends, nach acht? Manchmal hat er noch nach Ladenschluss dort zu tun.
Sirius zerbeißt ein Lachen zwischen den Zähnen. Gewagt: da will sich einer an Dienstpläne erinnern, der manchmal sogar vergisst, wer die strenge, schöne, verbitterte Frau auf dem Bild ist, das manchmal in seinen Träumen auftaucht.
(Er wünschte, sie würde aufhören, ihn zu beschimpfen.)
Sirius hat herausgefunden, dass die Babenberger wenig von Park-and-Ride halten, und dass der entsprechende Parkplatz am Stadtrand immer leer ist. Er landet dort ohne Zeugen und fährt auf Schleichwegen, die er längst kennt, in die Innenstadt. Er parkt im Halteverbot und wirft einen eiligen Verschleierungszauber, damit die Lady nicht abgeschleppt wird.
Die Läden haben schon geschlossen. Vor der Eisdiele drängen sich die Menschen, Gelächter und Musik kommt von dort. Die Büchertische vor dem Antiquariat sind schon in den Laden geräumt. Sirius fällt in Laufschritt. Er will Moony nicht verpassen, falls er noch dort ist. Manchmal appariert er aus dem Hinterzimmer, er darf jetzt noch nicht weg sein, er muss Sirius die Ohren kraulen und ihm sagen, dass er schön ist –
- und er muss ihm sagen, ob das tatsächlich Sirius' Mutter ist, auf dem Bild, und wenn ja, warum sie immer so böse zu ihm ist. Mütter müssen sein wie Emilia: liebevoll und fröhlich, und nach Keksen riechen.
Die Ladentür ist abgeschlossen. Sirius prallt gegen die Tür und jault, ehe er es verhindern kann. Er sieht sich um, aber er kann nicht in den Hund gehen: überall Muggel, und manche von ihnen werfen ihm ohnehin schon merkwürdige Blicke zu.
Sirius atmet tief durch und zieht sich das Piratentuch vom Kopf. Er will nicht daher kommen wie ein Einbrecher: um die Ecke ist ein Polizeirevier, und auch wenn Moony ihm sagt, er müsste keine Angst mehr vor Polizisten haben, meidet er sie doch, wo er kann.
Durch das Schaufenster schaut er ins Innere des Ladens.
Tatsächlich: da hängt Moonys Jacke, seine neue, blaue. Sirius hat immer noch nicht verstanden, warum Emilia nicht mit ihm geschimpft hat, an diesem einen Nachmittag, an dem er aus Versehen Löcher in die Kameljacke gebissen hat (sie lag, warum auch immer, in seinem Hundekorb und roch so gut, dass er sich bis über die Ohren hinein vergraben musste). Und hinten, im Laden, bewegen sich Schatten. Irgendwo brennt noch Licht.
Sirius klopft, aber niemand macht auf. Er wartet und klopft erneut, und dann kann er es nicht mehr aushalten.
Stab aus dem Ärmel, eine Geste, ein gemurmeltes „Alohomora", und die Tür ist offen. Sirius schiebt sich ins Innere, vorsichtig, damit die Glocken nicht klingeln, und lässt die Tür hinter sich ins Schloss gleiten. Wenn es Moonys Chef ist, der da hinten rumort, kann er immer noch versuchen, ungesehen davon zu kommen.
Sirius geht hinter dem Tisch mit den Kochbüchern auf die Knie und in den Hund.
Der Laden riecht nach Buchleim, Papier, Staub, einem Hauch von Feuchtigkeit, der vom Fluss herauf steigt, und nach unzähligen Leuten, die sich hier die Klinke in die Hand gegeben haben. Padfoot wittert.
Moony, hmmmh, aber auch…
…Melodie?
Und Emilia.
Und… ist das möglich?
James? Jamesjamesjames?
Nein. Anders.
… Harry?
Harry?
Und dann noch…
Ein Geruch, der ihn förmlich aus dem Hund katapultiert, der ihm die Nackenhaare aufstellt und ihm ein entsetztes und wütendes Knurren entlockt, das zum Schluss wieder aus menschlicher Kehle kommt.
Bitter-beängstigend. Unerträglich.
Sirius keucht und zieht sich am Büchertisch in die Höhe. Durch einen Schub von Panik kann er jetzt gedämpfte Stimmen hören.
„… eine Begleitung sicher nicht schaden." Melodies Stimme. „Unter anderen Umständen würde ich sogar gerne auf ein Krankenhaus zurückgreifen, aber das hat ja schon beim ersten Mal mehr Schaden angerichtet als geholfen. Wir dürfen nicht vergessen, welche enorme Belastung da auf ihn zukommt, und er ist ohnehin schon angegriffen."
„Das heißt, es gibt ein gewisses Risiko, dass er es… nicht übersteht?" Emilia.
Schweigen. Dann Melodie:
„Ich glaube, das hat es von Anfang an gegeben."
Wieder Emilia, ihre Stimme klingt erstickt: „Und wenn nicht? Ist er dann… ich meine… stirbt er? Oder… verliert er den Verstand?"
Und Melodie: „Ich weiß es nicht. Man kann es nicht vorher sagen. So, wie ich ihn kenne, glaube ich nicht, dass er ein stiller, vergnügter, verwirrter Mensch wird. Ich meine, im schlimmsten Fall. Ich glaube, er würde in eine schwere Psychose gleiten. Etwas, das wir… außerhalb einer… Anstalt… nicht bewältigen könnten."
Dann Moonys Stimme, und Sirius erschrickt, weil eine glühende Leidenschaft in ihr ist, die Sirius nicht kennt.
„Eine Anstalt wird es nicht geben" sagt Moony. „Nie wieder. Nie wieder vergitterte Fenster. Damit das klar ist."
„Du kannst mit einem schwer psychotischen Menschen zu Hause nicht umgehen" sagt Melodie sanft, und Sirius fragt sich, über wen da gesprochen wird, und ob es in diesem Haus voller Bücher eines gibt, in dem steht, was psychotisch überhaupt ist.
„Er hat einen anderen Weg" sagt Moony. „Er kann in den Hund gehen, im schlimmsten Fall, und dort bleiben."
„Das ist nicht dein Ernst" sagt Melodie.
Und dann steigt eine Stimme aus Sirius' schwärzesten Träumen an die Oberfläche.
„Ich bin erstaunt" sagt der Schattenmann. „Ich wusste nicht, dass ich zu einer Diskussion über Sterbehilfe gebeten wurde."
„Das hat mit Sterbehilfe nichts zu tun!" widerspricht Moony. „Frag ihn selbst, ob er lieber eine zufriedene, glückliche Hundeseele sein will oder ein geisteskranker Mensch!"
„Aber sind wir nicht deshalb hier?" fragt der Schattenmann mit einer Stimme, die kühl ist wie aus einem tiefen Keller. „Um zu entscheiden, was das Beste für ihn ist, weil er selbst nicht entscheidungsfähig ist?"
Sirius ist auf den Knien, er weiß nicht warum.
„Ich versuche gerade, mir das vorzustellen" sagt Harry – James… „Wir lassen zu, dass er sich erinnert… es funktioniert nicht, und er entwickelt eine Psychose… wir schicken ihn in den Hund und…fixieren ihn dort… ist das nicht auch eine Art Gefängnis? Er ist ein Mensch. Ein Animagus. Kein Hund."
„Ich will ihn dort haben, wo er glücklich und zufrieden ist" sagt Moony. „Und sei es auch im Hund."
„Und ihm in die Augen sehen, Tag für Tag, und daran denken, dass da ein Mensch für immer verloren ist?"
„Er wird nie wieder hinter Gittern leben, und das ist mein letztes Wort" sagt Moony.
„Beruhige dich" sagt der Schattenmann kalt. „Wir haben alle verstanden, dass du darauf bestehst, sein Gefängniswärter zu sein."
Etwas in Sirius' Innerem spannt sich unerträglich, und dann reißt es.
Dann wieder James: „Ich weiß nicht. Ich könnte damit nicht umgehen."
Sirius springt vorwärts.
Er platzt in die Versammlung zwischen Belletristik und Geographie wie ein unerwarteter Apparitionsgast. Emilia schreit erschreckt auf, und Sirius sieht am Rande seiner Aufmerksamkeit, wie Moony die Hand vor den Mund schlägt und einen Schritt in seine Richtung macht.
„Keine Bewegung!" schreit Sirius, presst den Rücken gegen Belletristik A bis G und versucht, alle Anwesenden gleichzeitig mit seinem Stab in Schach zu halten. Melodie richtet den Blick auf ihn, Sturmgrau ballt sich in ihren Augen, und sie bewegt flüsternd die Lippen. Eine kleine Stimme wacht in seinem Kopf auf. Er setzt eine glühend rote arkane Entladung in die Mitte zwischen die Anwesenden. Die Stimme verstummt.
Ein seltsam vertrauter Mechanismus ergreift von Sirius' Denken Besitz, es ist eine Lektion, die er vor langem gelernt hat, er weiß nicht, warum, aber sie ist da, und er kann sich erinnern. Schnell muss er sein und skrupellos, die Schrecksekunde der anderen ausnutzen. Nicht zögern, nicht versuchen, die Situation zu erfassen, einfach handeln und sich eine starke Position verschaffen…
…weil sie ihn sonst kriegen, ihn kriegen und ihm die Seele aussaugen, und sie dürfen ihn nicht kriegen, unter keinen Umständen. Schnell und skrupellos sein, den anderen das Tempo diktieren. Nicht denken, nicht weich werden, nicht wissen wollen, warum Moony neben dem Schattenmann steht, Moony, der Verräter, dem man nicht trauen darf mit seinem harmlosen Lächeln und den freundlichen braunen Augen, denn er verbirgt ein Monster.
Schmerz in Wut verwandeln.
Er greift zur Seite, packt James und zerrt ihn vor sich. James, der einzige, dem er trauen kann, der einzige, der immer da ist. Es tut ihm weh, dem liebsten Freund den Stab gegen die Kehle drücken zu müssen, aber er tut es. Keine Zeit für Schmerz.
„Okay, Jamie" sagt er laut. „Wir zwei gehen jetzt. Schön langsam, und wenn einer von euch anderen eine falsche Bewegung macht, lass ich euch seinen Kopf hier und nehme nur den Rest mit."
„Merlin, Sirius" sagt James und klammert sich an Sirius' Arme, die seinen Brustkorb umklammern. „Ich bin's, Harry. Ich bin nicht James."
„Klappe halten" sagt Sirius. „Niemand sagt ein Wort."
Remus macht eine Bewegung. Sirius ist schneller. Der Petrificus schleudert Remus rückwärts gegen die Geographieabteilung, wo er zu Boden geht und stöhnend versucht, wieder auf die Füße zu kommen.
„Paddy!" schreit Emilia und geht neben ihrem Mann in die Knie. „Komm zu dir! Lass dir erklären, ich weiß nicht, was du denkst, aber…"
„Silencio" sagt Sirius, und Emilias Worte werden ihr in den Mund zurück geschoben.
„Hinterausgang" befiehlt Sirius und schiebt James voran.
Merkwürdig, der Schattenmann lächelt immer noch.
„Sirius" flüstert Melodie, und dann ist doch wieder die kleine Stimme in seinem Kopf, die wortlos summt, eine kleine, liebevolle Melodie, die sein gesträubtes Fell glättet und ihm die Angst nimmt, beinahe. Er richtet seinen Blick auf James' borstigen schwarzen Schopf, den Brillenbügel, der ein wenig schief hinter dem Ohr sitzt.
Nur James kann er trauen, und er wird ihn hier heraus bringen, er wird nicht zulassen, dass er zum Opfer wird, nicht diesmal, nie mehr.
Die Melodie in seinem Kopf verstummt.
Sirius gelangt zur Stirnseite des Regals und dreht sich, um die anderen weiterhin im Blick zu behalten. Nicht mehr weit bis zur Hintertür, und dann können sie auf der Lady fliehen. Ganz wichtig: Spielraum gewinnen. Sich bewegen können. Wenn er erst mal draußen ist, werden sie ihn nie mehr kriegen.
„Sirius" sagt James, der sich immer noch verzweifelt an Sirius' Arme klammert. „Lass mich, bitte. Ich erkläre dir alles. Niemand will dir etwas Böses."
Sirius findet, dass James die Rolle der verängstigten Geisel überzeugend spielt. Wie immer müssen sie sich nicht absprechen, verstehen sich ohne Worte.
Sie sind unschlagbar, zusammen.
Der Gang ist schmal und nur ein paar Schritte lang. Auf der linken Seite geht es in eine winzige Kaffeeküche. Die Tür steht offen, niemand ist darin. Sirius behält den Durchgang im Auge, aber von den anderen scheint niemand ihm zu folgen.
„Gut macht ihr das" sagt erlaut. „Behaltet schön die Nerven, dann muss niemandem etwas passieren."
Er entlässt James aus seinem Griff und bringt seinen Mund nahe an James' Ohr.
„Hör mir zu, Jamie" flüstert er. „Das Motorrad steht unten an der Straße. Rechts am Haus entlang. Wir treffen uns dort."
James weicht zurück, ganz blass, und schüttelt zitternd den Kopf.
„Ich bin nicht James" sagt er, und es klingt fast flehend.
Sirius hält für einen Augenblick inne. Er versteht nicht, was James hat, warum er solche Angst hat. Etwas läuft schief.
Sirius wirft einen Blick über die Schulter.
Die schmale, hölzerne Hintertür ist verschwunden. An ihrer Stelle erhebt sich ein steinerner Torbogen, alt und verwittert. Eine Art Vorhang bewegt sich dort in einem Windhauch, den Sirius nicht spürt, und hinter dem Vorhang sind Stimmen, die flüstern.
Sirius fängt an zu schreien.
oooOOOooo
„James!"
„Merlin, nein. Nicht schon wieder."
„Jaaaaamiiiiieeee!"
„Holt ihn runter von diesem Trip!"
„Sirius? Sirius, wach auf."
„Pads? Bitte…"
„James! Nein!"
„Das mit dem Tor war keine, und ich wiederhole, keine gute Idee, Severus."
„Sie erzielte Wirkung. Für die Streicheleinheiten bin ich hier nicht zuständig."
Da ist er wieder, der Schattenmann. Sirius krümmt sich zusammen. Er will schreien, aber seine Kehle ist so heiser, dass kaum mehr als ein Krächzen heraus kommt.
„Geh weg" flüstert er. „Geh weg. Ich will nicht mitkommen."
„Du musst nicht mitkommen." Das ist Melodie, und gleichzeitig spürt er ihre zarten Finger auf seinem Gesicht. Ihre Hand ist warm, und er presst das Gesicht hinein und schluchzt.
„Alles ist gut" flüstert Melodie, und dann beginnt sie wieder zu summen, eine beruhigende, kleine Melodie, und langsam wird sein Atem ruhiger, und das Gefühl der ultimativen Bedrohung verblasst.
„Was ist passiert?" flüstert er. „Ich will zu James."
„James ist nicht hier" sagt eine andere Stimme. Moony. „Es tut mir so leid, Pads. Aber wir sind bei dir, alle, und dir kann nichts passieren."
Sirius richtet sich auf, mühsam, muss für eine Sekunde sortieren, in welchem Körper er sich befindet, und blinzelt.
Ein dunkler Holzfußboden, auf dem er liegt, und Bücher rundum. Neben ihm sitzt Harry und mustert ihn aus besorgten grünen Augen. Vor ihm Moony, der ganz weiß im Gesicht ist und mit der versehrten Hand seine heile umklammert. Ein weißer Verband leuchtet am Handgelenk. Emilia ist auch da und sieht aus, als hätte sie geweint. Melodie ist ganz nah, sie hat ihre Arme um ihn geschlungen und streichelt mit der Wange sein Haar.
Der Schattenmann steht abseits vor den Büchern. Er trägt eine schmale Robe, keinen Umhang wie in den Träumen. Sein Gesicht ist menschlich und ziemlich hässlich.
„Du" sagt Sirius heiser. „Schattenmann. Was passiert, wenn ich mit dir gehe?"
„Wie bitte?" sagt der Schattenmann irritiert und sieht sich um, als wolle er eine Verwechslung ausschließen.
„Wenn ich mit dir gehe" sagt Sirius. „Was passiert dann? Wohin bringst du mich?"
„Ich werde zu verhindern wissen, dass du mit mir kommst, Black" sagt der Schattenmann. „Mit allen Mitteln, wenn es sein muss."
„Aber willst du es nicht?" sagt Sirius. „Ich träume von dir. Oft. Du willst mich mitnehmen. Nach Hause, sagst du. Aber ich will nicht mitkommen. Was passiert, wenn ich mitkomme?"
Der Schattenmann sieht Sirius an, lange und nachdenklich.
„Ich habe dich einmal nach Hause gebracht" sagt er schließlich. „Ich werde es kein zweites Mal tun."
„Aber du kannst es? Du kannst mich mitnehmen? Kannst du mich zu James bringen?"
Jetzt huscht etwas über die Züge des Schattenmannes, das in jedem anderen Gesicht als Mitleid zu erkennen wäre.
„Nein" sagt er. „Ich kann dich nicht zu James bringen. Niemand kann das. James ist tot."
Neben Sirius nimmt Harry seine Brille ab und poliert die Gläser am Ärmel.
„Ich bin hier" sagt er, und die Worte fallen ungeschickt vor ihm auf den Boden. „Falls dir das irgendwie weiter hilft. Ich weiß ja nicht, ob… aber… ich könnte… dich öfter besuchen. Falls du, falls du mich nicht mehr mit meinem Vater verwechselst. Das ist nämlich ein ziemlich blödes Gefühl."
Sirius betrachtet Harry und sieht für einen Augenblick ganz klar.
„Ja" sagt er heiser. „Das wäre cool. Wenn du da Lust drauf hast. Ich meine, ein paar Leute behaupten, ich wäre nicht ganz richtig im Kopf."
„Stört mich nicht" sagt Harry und lächelt schmal. „Was andere Leute so sagen."
Sirius gibt das Lächeln zurück, obwohl sein Gesicht schmerzt.
„Okay" sagt er. „Auf die Gefahr hin, bekloppt zu klingen, aber kann mir mal einer sagen, was wir hier machen? Und wer ist der schwarze Typ am Bücherregal?"
„Ich bin der Schattenmann" sagt der Schattenmann. „Der Rabenkönig. Der Tränkemeister. Der Spion, der aus dem Keller kam. Der Mann mit der Maske. Ich habe viele Gesichter."
„Na, hoffentlich ist eines dabei, das nicht so hässlich ist" sagt Sirius und wundert sich, wie beinahe gewohnheitsmäßig ihm die Schmähung über die Lippen geht.
„Ich sehe, du erholst dich" sagt der Schattenmann unbewegt. „Wie erfreulich."
„Willst du wissen, was passiert ist?" fragt Moony. „Die ganze Geschichte, als du Woanders warst, und die anderen Dinge, die du vergessen hast?"
„Du meinst, als ich im Koma gelegen bin, und…"
„Du bist nicht im Koma gelegen. Ich meine die wahre Geschichte."
Sirius betrachtet Remus, seinen Moony mit den silbrigen Haaren und der zweifingrigen Hand, in dessen Blick Trauer und Entschlossenheit liegen.
„Du warst kein Verräter" sagt er. „Oder? Wir haben das nur gedacht."
„Doch" sagt Remus. „Dich habe ich verraten. Nur nicht so, wie du glaubst."
„Remus" sagt Emilia und legt ihrem Mann die Hand auf die Schulter. „Bist du sicher, dass dies der richtige Augenblick ist?"
„Bist du sicher, dass es einen richtigen Augenblick gibt?" fragt Remus und sieht so traurig aus, dass Sirius ihn am liebsten anspringen und ablecken würde. Er tut es nicht, weil Remus das nicht mag.
„Moony" sagt er hilflos. „Sei nicht traurig. Du hast mir nichts Böses getan, das weiß ich. Du liebst mich doch."
„Das eine schließt das andere nicht aus" sagt Remus seufzend. „Erinnerst du dich an den Abend, als Melodie die Panne hatte und du sie nach Hause geflogen hast?"
„Na klar" sagt Sirius und grinst, noch ein wenig zittrig. Er dreht den Kopf und küsst Melodies Wange, und sie lächelt in sein Haar hinein und hält ihn fest.
„Du sagtest zu mir, es würde sich anfühlen, als würdest du sie seit langem kennen" sagt Remus und schaut vor sich auf den Boden. „Du hattest recht. Du hattest sie in London kennen gelernt, einige Monate zuvor. Ich habe veranlasst, dass man dir die Erinnerung an sie löscht. Zusammen mit ein paar anderen, aber das ist ein anderer Teil der Geschichte."
„Gelöscht" wiederholt Sirius verwirrt. „Aber… Melodie? Wusstest du davon?"
„Ja" sagt Melodie. „Ich wusste es."
„Warum hast du es getan?" fragt Sirius.
Remus lächelt müde und schüttelt den Kopf.
„Ich wollte dich nicht teilen" sagt er. „Ich hatte dich zurück geholt… mit Severus' Hilfe… ich hatte so viel gelitten. Ich wollte dich ganz für mich. Ich habe egoistisch gehandelt. Zu meinem Wohl, nicht zu deinem. Es tut mir leid."
„Ihr habt in meinem Kopf herum gepfuscht?" fragt Sirius. „Aber warum? Was habt ihr mich vergessen lassen?"
„Es hängt mit deinem Unfall zusammen" erklärt Remus. „Du hattest Erinnerungen, die dir den Verstand geraubt haben. Du konntest sie nicht verarbeiten. Wir wollten dir einen Neustart ermöglichen."
„Aha? Und wer, zum Teufel, ist Severus?"
„Niemand von Belang" sagt der Schattenmann. „Vergiss Severus."
„Mir scheint, ich habe schon zu viel vergessen" sagt Sirius. „Ich will die ganze Geschichte, Moony."
„Du solltest zunächst entscheiden, ob du noch mit mir zu tun haben willst" sagt Remus. „Ich war kein guter Freund. Ich kann verstehen, wenn du mich nie wieder ansiehst."
Sirius betrachtet seinen unglücklichen Moony, der mit hängendem Kopf zwischen den Büchern seines Antiquariats sitzt und das Fallbeil erwartet.
„Moony" sagt er. „He. Ich habe nicht alles verstanden, aber das muss ich auch nicht. Ich liebe dich, und ich will nicht böse auf dich sein. Ich weiß, dass ich ein Idiot sein kann, wenn es um Frauen geht. Es tut mir leid, wenn ich dich vernachlässigt habe. Ich will's nicht wieder tun. He, Moony. Sei nicht traurig."
„Das ist nicht dein Ernst" sagt Remus und schüttelt den Kopf. „Du kannst dich nicht bei mir entschuldigen. Du hast noch nicht verstanden, was passiert ist. Der einzige, der sich zu entschuldigen hat, bin ich."
„Ist doch egal" sagt Sirius. „Du entschuldigst dich sowieso ständig. Komm schon. Ich muss gar nicht alles verstehen. Du liebst mich doch, oder? Du liebst mich."
„Ja" sagt Remus tonlos. „Sehr."
„Siehst du" sagt Sirius. „Ist doch alles prima. Mehr muss ich gar nicht wissen."
Remus seufzt und presst die Hand vor den Mund, und dann kann Sirius sich doch nicht mehr beherrschen, springt ihn an und wirft ihn nach hinten um und bedeckt sein Gesicht mit feuchten Küssen, bis Tränen in Remus' Augen glitzern.
„Du musst nicht weinen, Moony" sagt er. „Alles wird gut."
„Schmerz" knirscht Remus. „Meine Hand. Du… aua."
„Oh" sagt Sirius betroffen und klettert von Remus herunter. „Was ist mit deiner Hand?"
„Gebrochen, wahrscheinlich" stöhnt Remus. „Sturz ins Bücherregal."
„Was machst du auch solche Sachen" sagt Sirius kopfschüttelnd. „He, Antiquar ist echt ein gefährlicher Beruf."
„Genau" stöhnt Remus und kommt mühsam zum Sitzen.
„Haben wir den rührenden Teil der Veranstaltung abgeschlossen?" fragt der Schattenmann. „Wie schön. Kommen wir zum Wesentlichen. Der Patient sollte nicht mit Erinnerungen überfüttert werden. Lasst sie langsam kommen. Gewährt nur vorsichtig Unterstützung. Lasst auch die Erinnerungen aus den anderen Leben kommen, und kennzeichnet sie ihm als solche. Vielleicht mag es hilfreich sein, eine Reise zu unternehmen, Orte zu besuchen, mit denen er einprägsame Erinnerungen verknüpft."
„Nummer Zwölf" sagt Emilia.
„Zum Beispiel" bestätigt der Schattenmann.
„Welche anderen Leben?" fragt Sirius erstaunt.
„Man sagt, Katzen hätten sieben Leben" sagt der Schattenmann. „Du hattest wahrscheinlich mehr, Sirius Black. Du bist wahrlich etwas Besonderes."
„Huh" sagt Sirius verwirrt.
„Man soll mich künftig nur mit dem Fall belästigen, wenn es ernsthafte Komplikationen gibt" sagt der Schattenmann. „Für alles andere ist Miss Blanche zuständig."
„Echt?" sagt Sirius. „Du bist zuständig? Finde ich gut. Meine Süße ist zuständig. Dann muss ich jetzt auch nicht mehr von ihm träumen, oder?"
„Gäbe es eine Methode, Trauminhalte dauerhaft zu beeinflussen, ich wäre der erste, der sie zur Anwendung bringt" sagt der Schattenmann. „Unglücklicher Weise regiert immer noch das Unterbewusstsein unsere Träume."
„Gib's zu, du träumst auch von ihm" sagt Emilia grinsend, und für einen Augenblick fragt sich Sirius, ob sie nicht Angst vor ihm haben müsste, aber ihr Umgang mit ihm ist entspannt und freundschaftlich.
„Bringt jemand mich ins Krankenhaus?" fragt Remus, der auf den Knien ist, sein Handgelenk umklammert und gar nicht gut aussieht. „Das bisschen Verband wird das Problem nicht beheben, und ich möchte ungern noch eine Hand verlieren. Ich habe nur zwei."
„Klar" sagt Sirius sofort. „Ich fahre dich."
„Und wie gut, glaubst du, kann ich mich festhalten auf deinem Motorrad?"
„Oh."
„Ich könnte Sie apparieren" bietet Harry an. „Wenn es nicht zu weit ist, kann ich huckepack."
„Danke" sagt Remus und kommt mit weichen Knien vom Boden hoch. „Das ist mir lieber."
„Pass auf ihn auf" sagt Sirius zu Harry. „Ich brauche ihn noch. Er muss mir eine lange Geschichte erzählen."
Harry nickt, nimmt Remus bei den Schultern und verschwindet mit ihm und einem Knall.
„Okay" sagt Emilia und streicht sich die Löckchen aus der Stirn. „Ist der Laden abgeschlossen? Ich nehme dann das Auto und fahre ins Krankenhaus. Severus…"
„Keine Sorge. Sag mir, wohin Black verbracht wird, und ich wähle die entgegen gesetzte Richtung."
„Wir verbringen ihn nach Hause" sagt Melodie sanft, aber entschieden. „Er braucht dringend eine Pause."
„Ich brauch' keine Pause. Mir geht's prima."
„Aber ich brauche eine" sagt sie.
„Gut" sagt Emilia. „Also. Krankenhaus, und später hole ich Jerome von meinen Eltern ab."
„Ich übernehme das" sagt der Schattenmann – Severus… Severus Sss… Sn…
„Snape" sagt Sirius. „Snape! Wir waren zusammen in der Schule! Ich erinnere mich!"
„Wie grenzenlos bedauerlich" sagt der Schattenmann – Severus.
„Ich habe dir mit der Faust eines auf die Nase gegeben" sagt Sirius triumphierend. Der Gedanke ist Genugtuung für die vielen schwarzen Träume.
„Ich würde dir das heute nicht mehr empfehlen" sagt Severus.
„Warum darf er Jerome abholen?" fragt Sirius Emilia.
„Weil er ein guter Freund ist" sagt Emilia nachdrücklich. „Und falls du ihm jemals wieder eines mit der Faust gibst, bringe ich dich ins Tierheim und hole dich nie wieder ab."
„Alles klar" sagt Sirius und zieht den Kopf ein.
Später, auf der Straße, nachdem Sirius die Ladentür mit einem Colloportus verschlossen hat, tritt Severus ihm in den Weg. Tiefe Regenwolken hängen zwischen den Häusern und ziehen das Licht aus dem Abendhimmel, und beinahe sieht Severus Snape wieder aus wie der Schattenmann, mit schwarzen Augen wie Kohlestückchen in dem blassen Gesicht.
„Mach dir nichts vor, Black" sagt er. „Du hast es lange noch nicht hinter dir. Du wirst dich an Dinge erinnern, die du in die Grube des Vergessens zurückwerfen würdest, wenn du könntest. Du wirst sie aushalten müssen. Du wirst ein Stück deines Verstandes – so du einen hast – aufgeben müssen, für die schmale Chance, danach ganz gesund zu werden. Beim ersten Mal war der Ansturm so gewaltig, dass dein Gehirn sich abgeschaltet hat. Diesmal hast du eine bessere Position, aber ich möchte nicht mit dir tauschen."
„Besten Dank" sagt Sirius unbehaglich. „Du kannst einem wirklich Mut machen."
„Im schlimmsten Fall wirst du dein Leben als Hund fristen, ohne eine Erinnerung an deine Menschengestalt" sagt Severus. „Das ist es, was auf dem Spiel steht."
„Das ist okay für mich" sagt Sirius. „Ich bin gerne im Hund. Das war lange Zeit mein Plan B."
Severus schüttelt den Kopf.
„Viel Glück" sagt er. „Du kannst es brauchen."
„Glück hab ich schon" sagt Sirius und schiebt Melodies kleine, runde Hand in die seine. „Der Rest wird sich finden."
