2. Teil

Dr. Lestrange war endlich erschienen und hatte die Dursleys mit in ihr Sprechzimmer genommen. Das war jetzt – Sarah blickte auf ihre Armbanduhr – auch schon wieder zwanzig Minuten her. In der Zwischenzeit hatte sie das lindgrüne Faltblatt mit dem Festprogramm des heutigen Tages sowie allgemeinen Informationen über die Einrichtung schon dreimal genau gelesen. Jetzt stopfte sie es in ihre Handtasche zurück und stand seufzend auf. Dann ging sie ziellos durch den Raum, bis sie schließlich vor dem Gemälde stehen blieb, das die Wand über den Besuchersesseln dominierte und das neu sein musste, denn sie hatte es noch nie gesehen.

Die Ruine einer Burg oder eines Schlosses mit mehreren Türmen, die wie abgebrochene Zähne wirkten. Zwischen den Trümmern sah scheel ein grünlich-blasser Vollmond hindurch. Auf einem Schutthaufen vor dem verfallenen Gebäude kauerte ein Wolf, der offenbar den Mond anheulte.

Sarah verstand etwas von Bildern – Stuart und sie hatten ihre gemeinsame Praxis mit ein paar wirklich guten ausgestattet (um die sie sich jetzt übrigens auch noch streiten mussten, fiel ihr ein) – und dies war kein gutes Bild. Und dennoch packte die Atmosphäre von Trauer und Verlassenheit sie für einen Moment so heftig, dass sie das Heulen des Wolfes beinahe zu hören glaubte.

Sie kannte das schon. Wann immer sie Hermione hier besuchte, lagen ihre Nerven blank.
Die Tür zu Dr. Lestranges Büro wurde geöffnet, und die drei Dursleys kamen heraus, zuletzt die magere Frau, die jetzt ganz blass und verstört aussah. Schlechte Neuigkeiten, dachte Sarah sofort und fühlte ein ungutes Kribbeln im Magen. Was mochte mit dem Jungen sein, der für ihre Tochter so etwas wie ein Freund zu sein schien? In den bizarren Briefen, die Hermione ihr gelegentlich schrieb, tauchte der Name "Harry" immer mal wieder auf. Dieser Name war eines der wenigen Wörter, die man lesen konnte.

"Grässlich sentimental, nicht wahr?", erklang Dr. Lestranges tiefe Stimme unerwartet hinter ihr. Sarah wandte ihren Blick von Petunia Dursley ab und drehte sich zu der Ärztin um, die nun ihrerseits das Gemälde ansah.

"Das Bild hier, meine ich. Ich glaube, Sie waren in die Betrachtung unserer Neuerwerbung vertieft. Es stammt von unserem Mal- und Beschäftigungstherapeuten, Remus Wolfe. Von ihm können Sie heute übrigens eine ganze Ausstellung bewundern, draußen in einem der Zelte auf der Festwiese."

Sarah entging der abfällige Unterton nicht.

"Ich habe gehört, er malt in jedes seiner Bilder irgendwo einen Wolf", – nun war der Spott nicht mehr zu überhören –, "und hier können Sie ihn ja deutlich sehen." Dr. Beatrice Lestrange ging mit energischen Schritten zu ihrem Sprechzimmer hinüber, gefolgt von der zögernden Sarah. "Ich sage es Ihnen gleich – zweifellos werden Sie es heute sowieso irgendwann hören: Wolfe hat zum Monatsende gekündigt. Wir sind schon auf der Suche nach Ersatz."

Wie zum Beweis ihrer Worte lag ein Stapel Akten auf Dr. Lestranges Schreibtisch. Während sie sich auf dem Sessel vor dem Schreibtisch niederließ, erhaschte Sarah einen Blick auf die oberste, deren Aufkleber in sorgfältiger Schrift (McGonagall, dachte Sarah automatisch) verkündete: "Rickman, Alan. Beschäftigungstherapeut." Die Großbuchstaben schön säuberlich mit rotem Filzstift geschrieben.

Auf Dr. Lestranges Schreibtisch stand immer noch die schlanke Frauenstatuette, die Sarah schon beim letzten Besuch aufgefallen war.

Sie war aus weißem Stein und schien sich in einer anmutigen Pirouette zu drehen, die Arme über dem Kopf erhoben, der leicht in den Nacken gelegt war. Dann sah man, dass statt der Augen zwei leere Augenhöhlen in ewiger Fassungslosigkeit zu einem unbekannten Himmel hinaufstarrten.

Auch das Porträt des Klinikleiters, das in jedem Sprechzimmer dieses Hauses zu hängen schien, fand Sarah alles andere als angenehm. Sie hatte Dr. Riddle noch immer nicht persönlich kennengelernt und wusste eigentlich nur, dass ihm das Klinikgelände gehörte und dass er eigentlich ein Lord Soundso war. Sie vergaß den Namen immer wieder.

So wie sie auch immer wieder vergaß, wie schrecklich beklemmend es hier in dieser Einrichtung sein konnte. Wenn nur Hermione nicht so bockig gewesen wäre – Sarah hätte sie längst hier rausgeholt.

Während des zunehmend beängstigenden Vortrags, den Dr. Lestrange ihr in den folgenden zehn Minuten hielt, klammerte sich Sarahs Blick immer wieder an die drei roten Buchstaben auf der Akte, bis sie ihr ganzes Gehirn auszufüllen schienen. Wenigstens musste sie so nicht dauernd in die dunklen Augen der Frau sehen, die einen so unheimlichen wissenden Blick hatten.

oooOOOooo

Im Gemeinschaftsraum im ersten Stock standen währenddessen die Fenster weit offen, um die Sommerluft hereinzulassen. Ungefähr zwanzig jugendliche Patienten standen oder saßen an den Tischen herum und warteten darauf, dass der Startschuss für das Fest endlich fiel, das man in den letzten Wochen zum Ereignis des Jahres aufgebauscht hatte. Auf einer Fensterbank saßen ein Mädchen mit völlig verknoteter Lockenmähne, die sicher seit Monaten keinen Kamm mehr gesehen hatte, und ein rothaariger Junge in einem weißen Sweatshirt, der die langen Beine bis unters Kinn hinaufgezogen hatte und mit blauen Augen träumerisch hinaus auf die Baumkronen blickte. Bei ihnen stand ein Junge mit dunklem Haar und Brille, wie die beiden anderen so um die siebzehn, und redete in beschwörendem Flüsterton auf sie ein.

"Das ist unsere Chance heute! Vielleicht unsere allerletzte! Ich sag euch, die haben was vor. Mit uns!"

"Psst! Jetzt sei doch mal still, Harry!", sagte das Mädchen mit dem wüsten Haar. Ihre Augen blickten mit erschreckender Intensität zwischen der wilden Mähne hervor. "Ich versuche, da zuzuhören!"

"Die streiten bloß wieder", ließ sich der Rothaarige gelangweilt vernehmen. "Das tun die doch dauernd."

Direkt unter dem Fenster waren unten zwei Männer in ein heftiges Gespräch vertieft, von dem die lauteren Fetzen auch hier oben deutlich zu verstehen waren.

"Das haben wir doch schon oft genug gehört, oder?", fragte Harry angriffslustig. "Mir geht's um was Wichtigeres als um diese beiden Schwu-"

"Harry!", zischte Hermione. "Wag es ja nicht! Hast du nicht kapiert? Die wollen Wolfe rausschmeißen!"

"Na und?", gab Harry aufsässig zurück. "Ich kann sowieso nicht malen! Und diese ganze Therapie ist sowieso der letzte Scheiß! Meinetwegen kann er gern gehen. Der ist woanders sicher besser dran!"

"Hey Mann, der ist der einzige halbwegs normale Typ hier, oder?", sagte der Rothaarige mit sanftem Aufbegehren. "Der einzige – Freundliche!"

"Also jemand, der auf Drago steht – ehrlich, kann man so jemanden normal nennen?"

"Könnt ihr jetzt bitte mal die Klappe halten?", fuhr Hermione so laut auf, dass sie alle drei einen Moment lang dachten, die beiden Männer unten hätten sie gehört. Aber dort ging es munter weiter.

"Ich hab sogar eine Wohnung in Aussicht, Drago!", sagte der eine von ihnen flehend. Er war groß und schlank und trug einen schlecht sitzenden graubraunen Anzug, der seine leicht gebeugte Haltung unvorteilhaft herausstrich. Sein Gegenüber war der Sohn des Oberarztes, Drago Malfoy, der eben genervt das weißblonde Haar zurückstrich, das er so offenkundig von seinem Vater geerbt hatte. Was bei diesem Kälte war, zeigte sich im Gesicht seines Sohnes allerdings in einer verwöhnten Mutwilligkeit.

"Jetzt hör schon auf, Remus!", erwiderte er ungeduldig. "Kapier doch endlich: Das geht nicht! Mein Vater –"

"Mein Agent sagt, dass die nächste Ausstellung vermutlich der Durchbruch für mich wird. Ich – ich werde – bekannt werden! Ich werde Geld machen! Verstehst du?"

Oben vor dem Fenster verzerrte Hermione das Gesicht und ballte die Fäuste vor Widerwillen.

"Na, das ist doch super für dich! Glückwunsch! Ich muss mich hier noch ewig als Assistenzarzt abrackern, bis ich das große Geld machen kann", sagte Drago mit neidischem Unterton.

"Was ich sagen will, Drago – in dieser Wohnung ist Platz für uns beide! Du könntest endlich bei deiner Familie ausziehen und –"

"Und mich stattdessen von dir gängeln lassen?"

"Unsinn – wann hab ich dich je gegängelt? Bitte – jetzt sei doch nicht so kindisch –"

"Du gängelst mich die ganze Zeit! Und ich bin nicht kindisch! Hör endlich auf, mich so zu behandeln – nur weil du zufällig auf kleine Jungs stehst! Es ist vorbei! Kapierst du das? Vorbei! Ich bin kein kleiner Junge mehr! Und ich habe es satt! Ich mach mir nicht die Karriere kaputt, nur weil –"

"Karriere kaputt? In welchem Jahrhundert lebst du, Drago? Wir haben 1997! Da kümmert es keinen mehr, ob du schwul bist oder nicht!"

"Ich – bin – nicht – schwul!", kreischte Drago so laut, dass im Gemeinschaftsraum mehrere lethargische Gesichter aufsahen. "Das war eine Phase! Eine Phase, die vorbeigeht, vorbeigegangen ist! Geht das in deinen Kopf, Mann? Und jetzt lass mich, ich hab zu tun!"

"Drago! Bitte! Geh jetzt nicht! Nicht so!" Die Stimme des Mannes in Grau klang nun so flehend, dass Hermione die Augen verdrehte.

"Ich halt's nicht aus!", stöhnte sie. "Wie kann er sich bloß so demütigen wegen diesem kleinen Miststück?"

Unten hatte sich Drago Malfoy abrupt abgewandt und ging nun mit wehendem Kittel über den Kiesweg zum nächsten Eingang. Remus Wolfe stand in ohnmächtiger Haltung da und sah ihm nach.

"Siehst du dir wenigstens meine Ausstellung an?", rief er ihm hinterher. "Du – du warst für mich –"

"Ich hasse deine Bilder, Remus!", rief Drago mit lässiger Ungeduld zurück. "Das wollte ich dir schon lange sagen!"

"Aua", sagte eine vergnügte Stimme hinter Harry. "Das hat gesessen!"

Während unten der Mann in Grau den Kopf senkte und mit langsamen Schritten davonging, drängte sich oben ein kleiner, rundlicher Junge zwischen Hermione und den Rothaarigen auf die Fensterbank.

"Wo warst du denn, Neville?", fragte Hermione. "Wir hatten dich schon vermisst."

"Kleiner Ausflug in die Küche!", war die strahlende Antwort. "Ihr glaubt nicht, was Dobbsy und Kreach heute alles auffahren! Hier, guckt mal!" Und mit schwärmerischem Blick zog er ein schwer lädiertes Stück Trockenkuchen aus seiner Jackentasche.

Hermione seufzte. "Du musst das endlich lassen! Irgendwann erwischen sie dich dabei, und dann kriegst du Riesenärger! Die Bulstrode hat schon getobt, als du vorhin nicht da warst."

"Also, ich fass es nicht!", platzte Harry los. "Ich versuche euch hier etwas zu erzählen, das ungeheuer wichtig ist, das wahrscheinlich über unsere Zukunft entscheidet – und ihr habt nichts Besseres zu tun, als über diese beiden Schwuchteln da zu quatschen und über Nevilles Raubzüge in die Küche! Ich glaub das einfach nicht!"

"Ach reg dich nicht auf, Harry. Du redest doch seit Jahren von nichts anderem!", sagte der Rothaarige mit der gleichbleibenden sanften Freundlichkeit, die möglicherweise auf seine Medikation zurückzuführen war.

"Aber heute – heute – ich glaube, heute haben wir die letzte Chance! Ehrlich, ich glaube, Malfoy hat vor, eine – eine – wie hieß das noch –"

"Lobotomie?", schlug Hermione vor, während sie ein Stück von Nevilles Zitronenkuchen probierte.

"Genau. Die will er vorschlagen. Ich sag's euch, ich hab das gehört. Die reden heute noch mit unseren Familien!"

"Quatsch! Wieso sollte er das tun? Und gerade jetzt?", fragte Hermione und leckte die Krümel von ihren Fingern.

"Sie haben's mit ihm hier gemacht, oder!", sagte Harry leise und warf einen vielsagenden Blick auf Neville, der stillvergnügt seinen Kuchen mampfte und aus dem Fenster sah.

"Blödsinn. So schnell machen die das heute nicht mehr. Außerdem ist er immer wieder ausgeflippt! Egal, was sie bei ihm gemacht haben, jetzt geht es ihm eindeutig besser!"

"Er ist nicht ausgeflippt! Er hatte völlig Recht! Das stimmt, das mit seinen Eltern!"

"Echt, Harry, du spinnst doch! Und sag so was nicht zu laut, sonst –"

"Ja, was sonst? Sag's doch! Sonst machen sie mit mir dasselbe!"

"Also ehrlich, du kannst doch diesen Quatsch nicht glauben! Ich meine, dass die", Hermione senkte die Stimme, "dass die eure Eltern hier unten im Keller gefangen halten! Und das seit – seit über zehn Jahren!"

"Hast du nicht gehört, was Neville gesagt hat? Von den – Labors da unten?"

"Den Kram mit den Körpern, die da in Wassertanks rumschwimmen?", sagte Hermione in ätzendem Ton. "Oh komm schon, Harry! Der hat einfach zu oft Akte X gesehen. Das musste sich doch irgendwann in sein Hirn fressen!"

Unwillkürlich sahen sie alle drei zu Neville hin, der seinen Kuchen aß und dabei in heiterer Verständnislosigkeit zum Fernseher hinüberstarrte, wo eine uralte Folge von Star Trek ohne Ton vor sich hin lief.

"Und Luna – hast du etwa vergessen, was die gesagt hat?", zischte Harry.

"Luna – die ist doch – na ja – die ist schizophren!"

"Woher willst du das wissen? Vielleicht – vielleicht kann sie wirklich hellsehen!"

"Harry. Jetzt hör mal zu. Deine Eltern sind tot. Schon seit – ach, keine Ahnung wie vielen Jahren. Nevilles Eltern sind auch tot. Damit müsst ihr euch einfach abfinden."

"Hier – ich hab auch noch ein paar Fleischklößchen mitgehen lassen!", sagte Neville und zerrte eine matschige Serviette aus seiner anderen Jackentasche.

"Hermione!", ertönte da eine Frauenstimme hinter ihnen. "Hermione Granger! Du hattest mir versprochen, heute zur Feier des Tages dein Haar zu kämmen. Und es sogar zu waschen, nicht wahr?"

"Die Pomfrey! Schnell, Neville, steck das wieder weg!"

Hermione sah der Pflegerin böse entgegen. "Nein. Sie haben das gesagt. Ich nicht."

Schwester Pomfrey war zu der Gruppe am Fenster gekommen und sah mit dieser entnervenden betulichen Resolutheit von einem zum anderen. Ihr Blick blieb in Hermiones Haar hängen und verdüsterte sich. "Deine Mutter kommt heute. Da willst du doch sicher hübsch aussehen, oder? Also komm jetzt mit, ich werde sehen, wie wir das noch hinkriegen!"

"Nein!", fuhr Hermione auf. "Niemand fasst meine Haare an!" Auf einmal war alle klarsichtige Intelligenz, die eben noch in diesem Gesicht gestanden hatte, verschwunden, und übrig blieb ein böses kleines Tier.

"Herrgott, nicht schon wieder dieses Theater! Zweimal im Jahr kannst du doch deine Haare kämmen, oder? Ich sag dir, eines Nachts schneide ich sie dir ab!"

"Wenn Sie das tun, bringe ich Sie um", erwiderte Hermione mit so kühler Entschlossenheit, dass die Pflegerin zurückwich. "Und das wissen Sie auch ganz genau, oder?"

"Ich werde das Dr. Lestrange melden. Dann wird sie dir wieder diese Tabletten verordnen, die du so hasst, mein liebes Kind!"

"Sie sind eine alte Hexe", sagte Hermione mit einem bösen Lächeln. "Und meine Haare bleiben, wie sie sind. Sonst beschwere ich mich nachher bei meiner Mutter, und die nimmt mich hier raus – und dann haben Sie hier einen zahlenden Gast weniger!"

"Mein Gott. Meinetwegen kannst du deine Haare lassen wie sie sind, bis die Läuse drin sind. Dann wird sie der Chef persönlich abschneiden. Und dafür schnallen sie dich dann fest und hängen dich an den Tropf."

"Sie haben 'ne tolle Art, mit Patienten umzugehen."

"Ich bezweifle, dass du wirklich eine Patientin bist, Liebes. Meiner bescheidenen Ansicht nach konnte deine Mutter dich irgendwann einfach nicht mehr ertragen und hat dich deshalb hier untergebracht."

"Ach, hauen Sie doch ab! Sie haben doch sicher noch was zu tun – Malfoys Schuhe putzen oder so! Mit Ihrem Kittel!" Hermione brach in ein wüstes Gelächter aus, als die Pflegerin heftig zusammenzuckte und rot wurde. "Keine Panik! Ihr kleines Geheimnis ist bei uns gut aufgehoben, oder, Jungs? Wir sagen keinem, was für ein Foto sie da in ihrem Spind verwahrt, oder?"

"Das – das muss ich mir nicht bieten lassen!", zischte die Pflegerin. "Das geht entschieden zu weit! Du unverschämtes kleines Gör! Miss Wunderkind – jaha, so kommst du dir vielleicht vor! Aber in Wirklichkeit bist du doch nicht mal in der Lage, in eine stinknormale Schule zu gehen, oder?"

"Alles Tarnung! Ich hatte keine Lust dazu, verstehen Sie? Ich hasse Schulen! Ich hasse Lehrer! Ich hasse Dummköpfe! Und Sie wissen ja, was passiert, wenn ich etwas hasse, oder?"

"Hermione –", begann Harry warnend.

"Vorsicht", murmelte auch Ron. "Da kommen Crabbe und Goyle!"

Die beiden bulligen Pfleger schoben sich eben durch die Tür zum Gemeinschaftsraum und hatten mit jahrelang geschärfter Beobachtungsgabe den möglichen Kulminationspunkt am Fenster bereits ausgemacht.

"Gibt's Ärger?", fragte Crabbe gleichgültig.

"Miss Granger ist sich da noch nicht ganz sicher, nicht wahr?", wandte sich Schwester Pomfrey bösartig an Hermione, die schlagartig verstummt war.

"Wenn nicht, kommen Sie besser mal mit. Oben dreht die Lovegood wieder mal durch."

oooOOOooo

Sarah fand sich fröstelnd in einem Flur wieder, in dem es heftig nach Kartoffelsuppe duftete. Hier musste irgendwo die Küche sein –

Da kam ein Pfleger um die Ecke – nein, eine Pflegerin. Eine wuchtige Gestalt mit muskulösen Oberarmen und ausdruckslosem Gesicht.

"Oh hallo! Miss – äh – Bulstrode –" Sarah schaffte es, den Namen auf dem Schildchen zu entziffern, das an der Brusttasche des Kittels befestigt war. "Ich habe mich verlaufen. Können Sie mir sagen, wie ich zur Abteilung zwei komme? Ich will dort meine Tochter abholen!"

Die blassen Augen der Pflegerin musterten sie abwägend. "Klar. Kommense mit", sagte sie schließlich. "Muss selbst da rauf."

Während sie den Gang entlanggingen, wurden die Essensdüfte immer stärker. Plötzlich flog eine Schwingtür auf der linken Seite auf, und zwei kleine Männer schossen hinaus. Der eine von ihnen trug einen schweren Korb mit Obst, der andere schwenkte ein Papier in der Hand.

Die Pflegerin starrte düster zu ihnen hin.

"Hier steht es, schwarz auf weiß! Fettarme Milch! Keine Vollmilch! Von Sahne ganz zu schweigen!", sagte der mit dem Papier triumphierend.

"Schon wieder am Streiten, wie?", rief Pflegerin Bulstrode.

Die beiden beachteten sie gar nicht. Der mit dem Korb versuchte, seinem Kollegen den Zettel aus der Hand zu reißen. Er glühte geradezu vor Empörung. "Das ist eine RAB-Notiz!", schnappte er. "Du hättest sie nach dem Lesen sofort vernichten müssen!"

"Ja, ja!", zischte der andere zurück. "Immer dieser idiotische Geheimhaltungswahn! Wen interessiert es denn, ob wir nun Gemüse erster oder zweiter Wahl verarbeiten? Oder ob sie fettarme oder Vollmilch in ihrem Kakao –"

"Read and burn – lesen und verbrennen!", keifte der Korbträger. "Wenn du dich nicht an Befehle halten kannst, werde ich dafür sorgen, dass du hier auch keine mehr bekommst!"

"Dobbs un' Kreach, unsre Köche", wandte sich Bulstrode gesprächsweise an Sarah. "Bei denen is 'ne Schraube locker. Zoffen sich Tag und Nacht. Na, Hauptsache, sie kochen ihren Kram ordentlich."

oooOOOooo

Boshaft, aber nicht ohne Erleichterung sah Hermione Schwester Pomfrey nach, die sich mit Crabbe und Goyle auf den Weg nach oben zu Abteilung drei machte. "Also jetzt mal ehrlich, Harry – woher hast du den ganzen Quatsch?"

Harrys Gesicht verschloss sich und er druckste an der Antwort herum. Hermione beobachtete ihn scharf. "Wusste ich's doch. Wieder das Buch! Hab ich mir gleich gedacht, dass du das wieder hast. Als es in der Bücherei schon wieder fehlte."

"Nein. Nein, ich hab es nicht, ehrlich, Hermi-"

"Gib es mir, Harry!"

"Nein, verdammt! Es ist – ich brauche es – er redet mit mir, verstehst du das nicht?", stotterte Harry verzweifelt.

"Ich mach mir Sorgen um dich", sagte Hermione ernst. "Ich glaub zwar nicht, dass Malfoy das vorhat, wovon du die ganze Zeit redest. Aber allmählich ist das doch mehr als 'ne fixe Idee bei dir! Du wirst denen noch wirklich auffallen!"

"Ja, Mann, das bin ich doch längst! Das sag ich doch die ganze Zeit!"

"Her mit dem Buch!"

Nach einem Moment des Zögerns griff Harry in die Innentasche seiner Jacke und zog ein kleines, ziemlich zerlesenes Büchlein heraus. Es war eine schön und unkonventionell illustrierte Kinderausgabe der Artus-Sage. Als Hermione es aus Harrys Hand schnappte, klappte es von selbst an einer offenbar häufig gelesenen Stelle auf.

"Da – das geht schon von allein da auf!", schnaubte Hermione und sah skeptisch auf die Abbildung.

"Das ist er", sagte Harry leise, mit einem scheuen Blick zu dem Bild hin. "Dumbledore."

"Was? Blödsinn! Das ist Merlin! Steht übrigens auch drunter, wenn du das Buch vielleicht mal gelesen hättest."

"Er heißt Dumbledore", sagte Harry leise, aber fest. "Und er spricht mit mir. Er hat mir das alles gesagt. Und er hat auch gesagt, dass wir nicht mehr viel Zeit haben!"

Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen zu ihm auf und starrte unverhohlen in sein Gesicht. "Du bist verrückt, Harry. Na ja, deshalb bist du ja schließlich auch hier. Deshalb sind wir alle hier", sagte sie, und ein brütender Ausdruck trat in ihr Gesicht. "Du musst dich damit abfinden."

"Aber – aber deshalb bin ich nicht hier reingekommen, oder? Ich – ich hör den Typen doch erst seit ein paar Wochen! Und mir gefällt das auch nicht. Aber – ich glaube ihm."

"Warum sollte ein Buch mit dir reden?"

"Nicht das Buch. Dieses Bild. Er. Er warnt mich. Er sagt, dass ich unbedingt was tun muss."

"Stimmen in deinem Kopf, die dir sagen, dass du irgendwas tun musst?"

Ron, der in dem Buch herumblätterte, zeigte grinsend auf eine der Abbildungen. "Hier seht mal – erinnert der euch auch an jemanden?"

Hermiones zotteliger Kopf beugte sich über das Bild.

"Das ist doch ziemlich genau unser verbiesterter Lieblingsarzt!"

"Snivelly?" Hermione begann zu kichern. "Ron, das ist Lancelot! Obwohl ich zugebe, dass 'ne gewisse Ähnlichkeit da ist! Ne ziemlich geschönte Ausgabe von Snivelly!"

Harry, der nur mäßig interessiert auf die Abbildung gesehen hatte, riss das Buch auf einmal wieder an sich. "Hört auf damit. Das ist kein Witz. Wir sind in Gefahr. Alles ist in Gefahr."

"Hast du Snape heute übrigens schon gesehen?", kicherte Ron unbekümmert weiter. "Er hatte tatsächlich 'ne Krawatte an!"

"Ja, alles deutet darauf hin, dass heute der große Tag ist, oder? Ich wette, er hat vor, es heute endlich zu versuchen", sagte Hermione. "Deine arme Schwester!"