Teil 4

Drago Malfoy kam missmutig auf die Festwiese hinaus. Wie er diese Bude hier satt hatte! Immer unter den wachsamen Augen seines Vaters – ihm reichte es. Diese idiotische Sache mit Remus hätte verdammt ins Auge gehen können.

Drago seufzte. Da drüben stand Miss Wondergirl Weasley, im Kreise ihrer unübersichtlichen Familie. Die kleine Schlampe hatte ihn jetzt schon zweimal abblitzen lassen, war das zu fassen? Man sollte doch meinen, dass so eine kleine Physiotherapeutin – haha, dachte er grimmig, und lasst uns mal raten, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt! – also, dass die doch auf Ärzte nur so abfahren sollte. Aber nichts da. Die grinste ihn immer nur so komisch an. Hatte ihn vermutlich mal mit Remus gesehen. Heutzutage hatten diese Schnallen alle eine so dreckige Fantasie, die mussten einen nicht mal mehr bei irgendwas Eindeutigem sehen.

Er kam jetzt auf die Wolke mit den schwachsinnigen Wunschballons zu. Und da lächelte ihn jemand zwischen den Ballons hervor an.

"'Allo, Dr. Malfoy!", zwitscherte es ihm entgegen. "Iest das niescht eine schöne Tag, niescht wahr?"

Hm. Das wäre doch auch was. Irgendwie musste er diese Sache jetzt doch endlich mal in Angriff nehmen! Vielleicht hörten die Träume dann endlich auf. Warum nicht mit Fleur Wie-auch-immer? Die konnte jedenfalls Französisch.

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Sarah war sehr froh, als Hermione beschloss, dass sie genug von den kläglichen Bildern hatte. Nachdem sie sich jedes einzelne angesehen hatte, betrachtete sie nun diesen Wolfe mit so etwas wie klinischem Interesse.

Der Anblick des Künstlers, der leise schwankend ins Leere sprach – seine Zuhörer hatten einer nach dem anderen unauffällig das Weite gesucht, sogar die große Blonde – und dabei immer lauter und zugleich unverständlicher wurde, war schwer zu ertragen, fand Sarah. Und dass Harry Potter nicht von Hermiones Seite wich, obwohl sie ihn überhaupt nicht beachtete, war auch nicht gerade angenehm. Es war beunruhigend. Deshalb strebte sie jetzt sehr erleichtert dem Ausgang entgegen.

Als sie an Wolfe vorbeikamen, der inzwischen verstummt war und mit trübem Blick in sein Schneebild starrte, sagte Hermione zu ihm: "Vergessen Sie das Miststück! Ihr Eisprinz ist in Wirklichkeit ein richtiges Stinktier! Nichts als ein kümmerliches Frettchen!"

"Hermione – also wirklich!"

Aber der Künstler sah ihnen nur schweigend, mit rot geäderten Augen hinterher, als sie hinausflüchteten.

Draußen auf der Wiese hatte sich das Treiben inzwischen verstärkt, und Sarah sog dankbar den Duft von frischem Kaffee ein, der in der Luft lag. Drüben bei den Tischen war ein Frühstücksbuffet aufgebaut worden, und davor tummelten sich schon Mengen von Leuten. Auch der Grill war nicht länger kalt und verlassen, wie sie feststellte, sondern wurde wie erwartet von den Pflegern sowie einigen fachkundigen Vätern angefeuert und rauchte munter vor sich hin. Und an der Bühne arrangierten zwei Leute gerade große Kübel mit Gartenblumen.

Es war mehr als der Kaffeeduft – es war diese Atmosphäre wundervoller Normalität hier draußen, die sie auf einmal beinahe übermütig machte. Man konnte sich der Illusion hingeben, auf einem x-beliebigen Gartenfest zu sein. Sarah beschloss, Hermione und ihrem Freund trotz aller Warnungen einen Moment Zeit allein zu geben. Vielleicht gab er danach endlich Ruhe.

"Ich hole uns mal einen Kaffee, dann setzen wir uns da drüben an einen Tisch, in Ordnung, Hermione?" Auf jeden Fall würde sie sie hier im Auge haben.

Harry sah erleichtert, wie sie in Richtung Buffet davon ging. "Na endlich! Hermione, wir müssen unbedingt –"

"Aua – hast du den verhungerten Blick gesehen, den sie eben diesem Bruder von Ron zugeworfen hat?", fragte Hermione. "Oh Mann, der ist mindestens zwanzig Jahre jünger als sie!"

"Wenn du mir jetzt nicht endlich zuhörst, dann sage ich deiner Mutter, dass du nur simulierst!", brüllte Harry ziemlich laut.

Hermione sah ihn böse an. "Wag' das bloß nicht! Wenn die mich hier rausholt, muss ich acht Jahre tödlich langweiligen Schulstoff nachholen. Und das, wo ich jetzt gerade mit meinen Runenstudien durch bin." Ihr Gesicht hellte sich auf, und sie grinste. "Ich schreibe die Briefe an meine Mum immer in Runen. Bis auf ein oder zwei Wörter jedenfalls, die schreib' ich normal. Sie sagt nie was dazu, weil sie denkt, das ist eben das Gekrakel einer Irren. Daran kannst du mal sehen, wie ungebildet die da draußen alle sind."

"Ja, ja, ich weiß – jetzt hör doch mal auf damit. Es gibt echt Wichtigeres!"

"Ich hab mir übrigens gestern eine japanische Grammatik und ein Zeichenlexikon bestellt, als Bea wieder mal während der Therapiesitzung aufs Klo –"

"Und der Lestrange sag' ich außerdem, dass du dir all diese Bücher auf ihre Kosten schicken lässt!"

"Du bist ein echter Freund, Harry. Also gut, was ist denn jetzt schon wieder los? Hat Merlin wieder gesprochen?"

"Nein –"

"Übrigens, Bea würde sowieso nie glauben, dass ich simuliere! Schon deshalb nicht, weil sie dann weniger Geld kassieren würde. Die brauchen uns hier!"

"Und das ist genau der Punkt!", ereiferte sich Harry. "Die tun doch alles, um uns so lang wie möglich hierzubehalten, ist dir das eigentlich klar? Und dann gibt es immer mal so Sachen wie diese komische Untersuchung letztes Jahr oder diese Sondersitzungen bei Snape oder die Operation von Neville letztens –" Er sah Hermione beschwörend an und senkte die Stimme zu einem Flüstern. "Die brauchen irgendwas aus unseren Köpfen!"

"Und wer sollte irgendwas aus dem Kopf eines Irren brauchen, Harry? Noch dazu aus Nevilles Hirn?", gab sie ätzend zurück.

Harry strich sich mit einer heftigen Bewegung die langen schwarzen Haarsträhnen aus der Stirn, so dass eine große Narbe dort sichtbar wurde. "Und was ist das?", sagte er triumphierend.

"Die hattest du schon als kleiner Junge!", sagte Hermione von oben herab. "Voriges Jahr hattest du die Theorie, dass du von Außerirdischen entführt worden bist, die dir da irgendwas reingepflanzt haben. Das war, nachdem Ron an der Senderbelegung im Fernseher rumgebastelt hat, damit wir Akte X sehen konnten. Falls du dich erinnerst."

"Es war eine Möglichkeit, oder?", gab Harry ein wenig peinlich berührt zurück.

"Also, ich halte immer noch die Erklärung für am wahrscheinlichsten, dass du da als kleiner Junge in einem Wutanfall vors Waschbecken gerannt bist – das hat Drago mal rumposaunt."

"Dieser Scheiß Drago", murmelte Harry mit unklarem Unbehagen. "Von ärztlicher Schweigepflicht hat der wohl noch nie was gehört."

Hermione sah sich derweil um. "Der kauft übrigens gerade Wünsch-Ballons von Fleur!", kicherte sie. "Hat sie's doch endlich geschafft!"

Harry sah hinüber zu der Ballonwolke. Tatsächlich, das war Dragos silberblonder Haarschopf, der da im Sonnenschein glänzte.

Moment, dachte er angewidert. Hab ich das gerade wirklich gedacht?

"So ein Quatsch", sagte er muffig. "Der fängt garantiert nie was mit einer Frau an!"

Als Drago dann aber mit zwei großen Ballons in Richtung des Frühstücksbuffets ging, wandte er den Blick ab und besann sich wieder auf das Wesentliche. "Hör zu. Heute, wenn diese Aufführung läuft, gehen wir runter in den Keller. Dann werde ich dir zeigen, dass ich Recht hab!"

"Du vergisst, dass ich bei der Aufführung mitmache!"

"Na und? Man sieht dich doch gar nicht, oder? Du bist doch Su- wie hieß das noch –"

"Souffleur, Mann! Ohne mich kriegen die nicht eine Zeile richtig hin", sagte sie selbstzufrieden.

"Wen interessiert das schon? Du musst mitkommen –"

"Da kommt Mum wieder. Am besten verschwindest du jetzt mal, Harry, ich glaub', du machst sie nervös. Und deine Leute vermissen dich sicher schon. Die sitzen übrigens da am Tisch."

"Hab ich gesehen. Ich will nichts mit denen zu tun haben. Die sind schuld dran, dass ich hier bin. Und du hast ja bloß Angst, dass ich deiner Mutter doch noch was verraten könnte!"

"Genau. Jetzt hau schon ab. Deine Tante heult sich da drüben die Augen aus!"

"Weil Bea ihnen eben gesagt hat, dass sie mich operieren müssen!"

"Aber klar. Und tschüss, Harry!"

"Hallo, ihr beiden!", rief Sarah ihnen entgegen, immer noch ganz erfrischt von ihrem Ausflug in die Normalität eines Frühstücksbuffets. Sie trug ein Tablett mit zwei dampfenden Kaffeetassen, einem Apfel und einem Stück Kuchen auf einem Tellerchen. "Harry, wenn du Hermione jetzt ein Weilchen entbehren kannst – ich würde mich gern mit ihr beim Frühstück unterhalten. Sicher wartet deine Familie auch schon auf dich."

Harry verdrehte die Augen und ging. "Bis nachher, Hermione!", sagte er, und es klang wie eine Drohung.

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Die Tische unter dem knorrigen Weidenbaum füllten sich allmählich. Mrs Malfoy hatte Dr. Snape auf dem Weg vom Buffet zu den Tischen endlich abgefangen. Sie hoffte, es hatte nicht zu geplant ausgesehen. Die zweite Teetasse auf ihrem Tablett – na ja, die konnte ja auch für ihren Mann sein, oder? Oder für Drago.

"Kommen Sie, setzen Sie sich doch einen Moment und trinken Sie einen Tee mit mir!"

Sie wichen einem der lang herabhängenden Weidenzweige aus und setzten sich an einen noch freien Tisch.

"Dass die das Zeug hier nicht mal abschneiden können!", beschwerte sie sich. "Dieser Filch ist einfach unfähig, wenn Sie mich fragen."

Dr. Snape nieste. "Er behauptet, die Zweige wachsen schneller nach, als er sie schneiden kann", sagte er dann in einem heldenhaften Versuch, Konversation zu machen.

"Na, wie auch immer. Schön, dass ich Sie endlich einmal angetroffen habe." Sie goss Tee in Dr. Snapes Tasse. "Milch oder Zitrone?"

"Ich hasse Zitrone", erwiderte Snape finster. "Kriege schon keine Luft mehr, wenn ich das Zeug nur sehe." Der letzte Satz kam nur keuchend heraus, von zweimaligem Niesen unterbrochen.

"Oje, Sie Ärmster! Wieder Ihre Allergie, hm?" Sie rührte dezent in ihrer Tasse und verzog angesichts des geschmacklos darauf angebrachten Labels der Catering-Firma Rent-A-Buffet den Mund. Nach dieser Kunstpause rückte sie mit nur mühsam unterdrücktem Eifer mit ihrem eigentlichen Anliegen heraus. "Aber jetzt erzählen Sie mir doch – ich wollte doch mal hören – wegen Drago – Sie wissen schon, unsere Abmachung –"

"Ja, sicher", murmelte Snape undeutlich hinter seinem Taschentuch hervor.

"Also, sagen Sie mir die Wahrheit! Ich mache mir Sorgen wegen Drago – ist Lucius nicht zu streng mit ihm? Er wirkt in letzter Zeit so – so gehetzt."

Snape war nicht ganz bei der Sache. Heute hatte er sich endlich einmal so weit wie möglich aus seinen Pflichten verabschieden wollen. Nur für einen Tag! Ach was, für einen halben bloß! Und jetzt ging wieder alles daneben!

Eben hatten die Weasleys noch da hinten gestanden – er musste Miss Weasley heute einfach sprechen – die Gelegenheit, das in der stimmungsvollen Atmosphäre eines Festes zu tun, kam so bald nicht wieder – nach all dem Ärger konnte man doch verdammt auch mal ein bisschen Glück haben –

Was musste die Malfoy ihn auch ausgerechnet jetzt vollquatschen!

"Also, Severus – jetzt sagen Sie mir nicht, dass Sie auch Angst vor meinem Mann haben!", sagte Mrs Malfoy gereizt, die Snapes suchenden Blick missverstand.

"Nein, nein – ich bin nur –"

Mist. Da gingen sie. Die Alte trieb ihre Sprösslinge wie eine Hühnerschar vor sich her, auf das Buffet zu. Und ihre Tochter hielt sie immer fest im Griff!

Snape schickte ihnen einen hilflosen Blick hinterher. Dann platzte er mit einem gewaltigen Niesen heraus – das blühende Gras auf den Weiden machte ihn immer besonders fertig. Er musste irgendwie nach drinnen entkommen.

"Ich denke, Drago geht es ganz gut", schnupfte er. "Sehen Sie, da kommt er gerade! Und er scheint sich ganz gut zu amüsieren."

Mrs Malfoy drehte sich um, und wirklich, da kam ihr Sohn, in jeder Hand einen großen, neonbunten Ballon, im Gesicht ein etwas zweifelndes Grinsen –

Jetzt hatte er sie entdeckt und versuchte schnell, in eine andere Richtung zu sehen. Dr. Snape, der das beobachtete, kräuselte säuerlich die Lippen.

"Drago! Schatz! Hallo, hier sind wir!", rief Mrs Malfoy laut.

Ihr Sohn gab auf und kam zu ihnen herüber, wobei er den Eindruck zu erwecken versuchte, als hielte er die Ballons nur gerade mal für jemand anders.

"Setz dich! Wir haben gerade über dich gesprochen. Ich habe Dr. Snape gefragt, ob sie dich auch gut behandeln", sagte Mrs Malfoy mit einem hektischen Lächeln. "Wo warst du denn? Ich hatte dich eigentlich drüben in Remus' Ausstellung erwartet."

"Hatte noch zu tun."

Seine Mutter seufzte. Ganz der Vater! Dann hellte sich ihr Gesicht wieder auf. "Da hab' ich übrigens eine Überraschung für dich, Schatz! Ich habe Remus das große Bild abgekauft. Du weißt schon, das mit dem Schnee und den Wölfen und einem dieser entzückenden kleinen Wesen, die er immer malt! Das wird über dem Klavier einfach perfekt aussehen."

Drago sah sie entgeistert an.

"Ja, ich kann mir denken, wie enttäuscht du bist", sagte sie schnell, seinen Gesichtsausdruck missverstehend. "Dass er kündigen musste, wo ihr doch immer so gut befreundet wart! Aber du musst das verstehen, Schatz – für einen Künstler hat das künstlerische Schaffen immer Vorrang! Du darfst ihm das nicht übel nehmen!"

Dr. Snape nieste und bekam gleichzeitig einen Hustenanfall.

Drago hatte mit zunehmend entgleisenden Gesichtszügen zugehört. Jetzt drohten die Ballons seiner erschlaffenden Hand zu entfliehen.

"Er hat das Bild ausgestellt?", fragte er fassungslos.

"Aber ja! Es ist das Prunkstück seiner –", rief seine Mutter begeistert.

"Hat Dad es gesehen?", unterbrach Drago sie hastig.

"Ach, du kennst doch deinen Vater, Schatz! Der sieht nichts als seine Arbeit!"

"Ähm – ich darf mich dann entschuldigen – Narcissa, Drago!" Dr. Snape stand auf und verbeugte sich andeutungsweise. "Ich muss nachher bei der Feier auch kurz sprechen und möchte mir meinen Text noch einmal ansehen."

Er zupfte einen der Ballons aus dem Weidengeäst über ihnen, wo er sich verfangen hatte, und überreichte ihn Drago mit einem boshaften Ausdruck in den Augen, dann machte er sich schnell davon.

Ihm kam Mrs Weasley entgegen, die mit einem Tablett voller Kuchenstücke auf die Tische zusteuerte, im Schlepptau Ron, der Kaffeekanne und Tassen auf dem seinen trug.
Und Miss Weasley – die stand schon seit einer kostbaren Sekunde ganz allein da am Rand des Buffettrubels!

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Mary-Sue Weasley atmete auf und sah sich vorsichtig um. Keiner in der Nähe. Endlich! Ihr Herz fing wieder mit den wilden Trommelwirbeln an, als sie die Hand öffnete und den von einem Block abgerissenen kleinen Zettel darin sah. Okay, er hatte ihn ihr nicht mit einer galanten Verbeugung in die Hand gedrückt, sondern sie mehr oder weniger angerempelt. Und ganz sicher hatte er auch keinen romantischen Zweizeiler draufgeschrieben. Lucius war nicht Leonardo diCaprio. Und das war nur einer seiner Vorzüge.

Mit zitternden Fingern glättete sie das Papierchen.

"In der Hütte. Während des Theaters", stand da.

Sie lächelte. Wahrhaftig, kein Leo.

Dieses Lächeln! Dr. Snape hielt sich noch einen Moment zurück, nur um sie anzusehen. Das war ein Fehler. In diesem Moment stürmte nämlich Schwester Pomfrey heran.

"Dr. Snape! Dr. Snape, wir brauchen Sie oben bei Miss Lovegood! Dr. Lestrange hat sie jetzt so weit sediert, aber sie meint – weil Luna doch so gut auf Ihre Hypnosesitzung angesprochen hat neulich – ob Sie nicht mal raufkommen können!"

Er hätte ihr am liebsten den dürren Hals umgedreht. Miss Weasley winkte ihm freundlich zu und ging von dannen. Und er musste sich jetzt wieder dieses nervtötende Gerede von Gefangenen in Schreckenskammern anhören!

Wenn die wüsste, wie recht sie damit hatte!

Zähneknirschend folgte er Schwester Pomfrey zum Haus hinüber.