Vielen Dank für eure Reviews, Sister of Death, Lilli, Black Zora und Poet of Babylon – sorry, dass es mit der Fortsetzung so lang gedauert hat! Obwohl die beiden letzten Kapitel in Skizzen schon seit über einem Jahr existieren, ist mir immer wieder was dazwischen gekommen. Die Teile brauchen zwar immer noch Feinschliff, aber jetzt müssen sie raus – glaub irgendwie nicht, dass ich nach dem Erscheinen von Deathly Hallows noch Lust auf FF haben werde (aber wer weiß!). Schleifen werde ich vielleicht später noch. Eure Kommentare waren ein Ansporn zum Weitermachen, danke!
Teil 6
Wie gut, diese blöden Dinger endlich los zu sein! Fleur delaCoer hatte die letzten sechs Wunschballons einer enthusiastischen Großmutter in die Hand gedrückt (und aus eigener Tasche bezahlt) und tanzte nun die Treppen zu dem Zimmer im dritten Stock der Klinik hinauf, das sie sich mit Mary-Sue teilte. Dort angekommen, schlängelte sie sich hastig aus ihrem Trikot. Sie war ja so aufgeregt! Endlich hatte es geklappt! Mit einem kleinen Jubellaut machte sie zwischen den Betten ein paar Tanzschritte. Gleich würde Dr. Malfoy – der junge Dr. Malfoy – Drago! – sie endlich auf seinem Motorrad mitnehmen! Vor ihrem schmalen Spind blieb sie stehen und starrte angestrengt hinein. Was sollte sie bloß anziehen? Ihre Hand stieß an einen kleinen, ovalen Bilderrahmen, der versteckt zwischen der Wäsche lag. Sie nahm ihn heraus, und die Freude auf ihrem Gesicht verwandelte sich in einen Schmollmund, der Ronald Weasley in die Knie hätte sinken lassen.
„Es tut mir wierklisch leid!", flüsterte sie dem Foto zu. „Iesch 'ab disch nischt vergessen, mon oncle! Aber 'eute – 'eute iesch werde –!" Sie warf das Foto zurück in die Wäsche und tanzte noch einmal durch den Raum, außerstande, an etwas anderes zu denken als an den süßen Assistenzarzt mit dem wundervollen Haar.
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Draußen auf der Wiese ergriff unterdessen eine ungewohnte Empfindung Besitz von Dr. Snape. Nach einer kurzen professionellen Analyse konnte er sie identifizieren: Es war Zufriedenheit, die da hoffnungsvoll in ihm aufkeimte. Vor einiger Zeit hatte er Potter drinnen durch die Gänge huschen sehen, und zwar zusammen mit dieser klugscheißerischen Simulantin – besser hätte es gar nicht kommen können! Die Dinge waren also endlich doch noch in Gang gekommen! Welche Erleichterung, vor allem nachdem sich die dämliche kleine Französin als echter Rohrkrepierer erwiesen hatte!
Da durfte er sich jetzt wohl ein wenig Entspannung und Privatleben gönnen, und genau zu diesem Zweck hatte er hier Posten bezogen: am äußeren Rand des Kreises, den die herabhängenden Weidenzweige um die Tische bildeten. Nah genug, um alles, was sich dort abspielte, im Auge zu haben, und doch ausreichend weit entfernt, um nicht als Beobachter aufzufallen. Darüber hinaus hatte er sich, wie er fand, mit seinem Bratwurstteller unauffällig genug getarnt. Während er angewidert im erstarrenden Fett herumstocherte, behielt er den Tisch, an dem Miss Weasley im Kreise ihrer Angehörigen und – ausgerechnet! – Potters Familie wie ein Juwel in einem Abfallhaufen glänzte, genau im Blick.
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Petunia Dursley balancierte zwei übervolle Teller mit Rostbratwürsten und belegten Brötchen über die Wiese zu der großen Trauerweide hinüber, wo sich die Gäste inzwischen dicht an dicht um die Tische drängten. Wenigstens hatten Vernon und Dudley noch einen Platz gefunden, während sie selbst schwitzend und in wachsender Verzweiflung beim Grill angestanden hatte. Wenn sie nur Harry nicht aus den Augen verloren hätte dabei!
Obwohl sie sich innerlich einer Panik näherte, bemühte sie sich standhaft um ein Lächeln, als sie den Tisch ansteuerte, an dem außer ihren beiden Lieben auch noch die fette Frau in geblümtem Kleid saß, neben dem langen Rothaarigen, der so etwas wie ein Freund von Harry war. Ganz ans Ende der Bank hatte sich die junge Physiotherapeutin gequetscht, deren unmögliches Auftreten sie in einem Gespräch mit der Sekretärin noch anzusprechen gedachte. So konnte die Person doch nicht mit Patienten umgehen – mit Halbwüchsigen, um Himmels Willen! Der Ausschnitt war schon tief genug – aber damit nicht genug, es war auch deutlich zu sehen, dass sie darunter keinen BH trug.
Das hatte auch Vernon Dursley bemerkt, und als seine Frau ihm den dampfenden Teller vorhielt, hatten seine Augen zwischen den beiden Verlockungen einen heftigen Kampf auszufechten. „Gab's kein Bier?", murrte er und entschied sich schließlich für den Teller.
„Du weißt doch, was Dr. Smith gesagt hat –"
„Ja, ja, schon gut! Dann fang ich eben erst mal hiermit an!", unterbrach er sie und schnappte ihr endlich den Teller aus der Hand.
„Duddy?" Petunia hielt ihrem Sohn den anderen Teller hin und riss ihn damit aus der reglosen Bewunderung desselben Objekts, das auch seinen Vater gefesselt hatte. „Harry habt ihr nicht gesehen, oder?", fragte sie ohne große Hoffnung. Vernon schüttelte nur den Kopf.
„Wetten, es gibt wieder einen Sturm!", ließ sich da völlig unerwartet der Rothaarige vernehmen. Petunia war richtig überrascht. Sie hatte immer den Eindruck gehabt, dass der Junge – Robert? Roland? Ronald! – ein Problem mit dem Sprechen hatte. Vielleicht auch mit dem Denken. Mit seiner Bemerkung lag er allerdings nicht ganz daneben: Es war richtig grau geworden, während sie am Grill gewartet hatte.
„Letztes Jahr", redete Ronald weiter, kichernd und mit vollem Mund, „letztes Jahr ist das Buffet weggeflogen. Dobbsy ist fast ausgeflippt, weil das ganze Geschirr hinüber war. Ich wette, das passiert heut auch noch!"
„Sei nicht kindisch, Ronald!", wies ihn seine Mutter zurecht. „Das sind doch nur ein paar Wolken!"
Da offenbar niemand für Petunia noch ein wenig zusammenrücken wollte, blieb sie stehen und wischte sich jetzt schon zum dritten Mal einen der herabhängenden Weidenzweige aus dem Gesicht. Wie seltsam, es ging immerhin nicht der geringste Luftzug! Nein, über dem Gelände lastet seit einiger Zeit drückende Schwüle, und mit einem ersten Ziehen über dem rechten Auge kündigte sich nun auch noch ihre Migräne an. Aber das waren ja alles nur geringfügige Übel im Vergleich zu dem, was sie wirklich bedrückte! Das Elend brach mit voller Wucht über sie herein, als sie in diesem Moment auch noch Dr. Snape entdeckte, der nicht weit entfernt zwischen den Weidenzweigen stand und ohne hinzusehen zu essen versuchte – ob er sie verfolgte?! Sie konnte die Sache einfach nicht länger aufschieben! „Ich gehe mal und suche Mrs McGonagall, Schatz", sagte sie leise zu Vernon. „Vielleicht kann sie uns ja raten –"
„Die finden Sie drinnen", schaltete sich überraschend die fette Frau ein und sah sie über ihr Frikadellenbrötchen hinweg mit zusammengekniffenen Augen an. „Hat eben diesen Süffel, na, diesen Künstler-Typen reingebracht. Der hat vorher allerdings noch auf die Wiese gekotzt."
„Mum!", sagte Mary-Sue Weasley und wurde rot.
„Was heißt hier Mum? Es stimmt! Ich hab es selbst ge-"
„Danke schön", sagte Petunia hastig. „Ich versuch's dann mal in ihrem Büro."
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Bestens! Da entschwand Potters Tante über die Wiese zum Hauptgebäude hinüber! Sie hatte blass und verheult ausgesehen, und er hätte ein komplettes Monatsgehalt darauf verwettet, dass sie sich gerade auf die Suche nach jemandem machte, dem sie ihr Leid klagen konnte – vermutlich die McGonagall. Mit anderen Worten: Auch hier kam die Sache wie geplant ins Rollen. Er hatte seine Pferdchen ins Rennen geschickt – jetzt konnte er im Hintergrund bleiben und zusehen, wie sie sich schlugen.
Ha! Diese Sache war so diffizil – und doch hatte er sie durch geschicktes Taktieren genau in die Wege geleitet, auf denen er sie haben wollte … Und außerdem hatte er bestimmt seit zehn Minuten kein einziges Mal mehr geniest. Das alles bestätigte seine Theorie, dass ein wirklich starker Geist den Körper und die Geschicke eben doch beherrschen konnte, wenn er es nur wollte. Und deshalb würde er heute auch noch mit Miss Weasley sprechen!
Gnädig gestimmt, wollte er eben doch noch einen Versuch mit der Bratwurst machen, als ihm diese samt Teller und Besteck einfach aus den Händen gefegt wurde. Fassungslos sah Dr. Snape dem Weidenzweig nach, der locker ausschwang und Teller nebst Wurst an einem Stuhl des am nächsten stehenden Tisches zerschellen ließ. Als die darauf sitzende Frau erschreckt und empört aufsprang, musste er so plötzlich und so entsetzlich niesen, dass es ihn beinahe von den Füßen riss.
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Mary-Sue Weasley bemühte sich, nicht hinzusehen. Der arme Dr. Snape! Irgendwie gelang es ihm immer wieder, sich völlig unmöglich zu machen. Na ja. Nicht ihr Problem, genau genommen. Sie hatte im Augenblick ganz andere Sorgen. Verstohlen sah sie auf die Uhr. Gleich würde das Theaterstück beginnen, und dann wurde sie erwartet! Zur Hütte musste sie auch noch kommen. Lucius war nicht gerade für seine Geduld bekannt … Aber sie konnte hier einfach noch nicht weg – Mum war ohnehin schon auf dem besten Weg zu einer Szene. Dieser blöde Bill!!
„Undankbar!", stieß ihre Mutter eben zwischen zwei Bissen hervor. „Ihr seid schrecklich undankbare Kinder! Wo steckt Bill jetzt wieder?! Erst schleppt er mich an so einem heißen Tag hierher, und dann haut er einfach ab! Ohne ein Wort!"
Mary-Sue sah, wie zwischen den Brötchenhälften, in die ihre Mutter jetzt biss, die Mayonnaise herausquoll, und schloss die Augen. Auf einmal war ihr richtig schlecht. Sie wollte jetzt endlich hier weg! „Unsinn, Mum!", sagte sie genervt, obwohl sie genau wusste, dass es stimmte. Sie hatte ihren Bruder vor nicht allzu langer Zeit die Wiese verlassen sehen. Mit dieser Frau! „Er vertritt sich bestimmt nur mal die Beine!"
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Im Hauptgebäude war es kühl und still. Petunia Dursley dachte gerade, dass es anscheinend vollkommen verlassen war, als ihre Nase die letzten Ausläufer eines teuren Herrenduftes auffing, die wie unsichtbare Bänder durch den Gang vor ihr schwebten. Von weit vorne, Richtung Hauptausgang, hörte sie das Zuschlagen der Glastür, und als sie um die Ecke in den Hauptgang einbog, sah sie eben noch langes silberblondes Haar im aufkommenden Wind draußen aufwehen, als der Träger des Duftes die Treppe hinunterlief –
Jetzt, mit dem Büro der Sekretärin in Sichtweite, ballten sich ihre Sorgen zu einem großen Kloß in ihrer Kehle zusammen. Zaghaft klopfte sie an die Tür, die einen Spalt offen stand.
„Ja? Nur herein!", kam Mrs McGonagalls Stimme gedämpft von drinnen. Petunia schob sich durch den Türspalt und prallte vor dem ganz anderen und unerwarteten Duft zurück, der sie hier empfing. Sprit! Es roch eindeutig nach Sprit. Die Sekretärin verzog säuerlich die Mundwinkel und nickte zu dem damenhaften kleinen Sofa hin, auf dem sie mit Petunia schon so manche Tasse Tee eingenommen hatte. Heute würden sie das jedenfalls nicht tun, so viel stand fest. Das Sofa war belegt.
„Setzen Sie sich doch zu mir an den Schreibtisch, Mrs Dursley", sagte Minerva McGonagall. „Mr Wolfe ruht sich hier nur ein wenig aus." Während Petunia diesem Angebot folgte, konnte sie nicht umhin, missbilligende Blicke auf den Maltherapeuten zu werfen, der wie ein gefällter Baum auf Mrs McGonagalls schottengemusterten Decken lag, die Füße in Schuhen auf der Armlehne. Er schnarchte erstaunlich laut, und bei jedem Atemzug klirrte die Kaffeetasse, die vergessen auf seiner Brust stand, leise gegen die Untertasse. Die Hand, die sie gehalten hatte, war heruntergeglitten. Neben dem Sofa lag eine leere Ginflasche, und darum herum zwei, drei zerknüllte Papiertaschentücher, die aus der Schachtel auf McGonagalls Schreibtisch stammten.
„Was kann ich denn für Sie tun, Mrs Dursley? Möchten Sie eine Tasse Kaffee – ich habe eben frischen –"
Es war der Anblick der Kleenex-Schachtel, der Petunia den Rest gab. Sie brach in Tränen aus.
„Aber, aber, Mrs Dursley!", sagte McGonagall, unterdrückte ein Seufzen und schob der Weinenden die Schachtel hinüber. „Was ist denn passiert? Geht es Ihrem Neffen nicht gut?"
„Doch – nein – aber –" Petunia presste mit zitternden Fingern ein Tuch an ihre Augen. „Dr. Lestrange – sie hat mir vorhin gesagt, dass –"
„Nun beruhigen Sie sich erst einmal", sagte die Sekretärin resolut und fragte sich nicht zum ersten Mal, wer in diesem Haus eigentlich der Therapeut war. „Ich werde Ihnen jetzt eine gute Tasse starken Kaffee bringen, und dann –"
„Sie hat gesagt, dass ein – ein – ein Eingriff nötig ist – bei Harry –"
„Das tut mir wirklich leid für Ihren Neffen, aber Sie dürfen sich nicht so beunruhigen, Mrs Dursley. Harry ist hier in erfahrenen Händen. Diese kleinen Eingriffe sind inzwischen –"
„Und ich weiß doch gar nicht – ich kann doch eigentlich gar nicht meine Zustimmung dazu geben – nicht ohne – ohne die –"
„Ja?"
Ein besonders lauter Schnarcher von Remus Wolfe ließ beide zusammenfahren. Dann platzte das Elend aus Petunia einfach heraus. „Ich meine, so eine Entscheidung kann ich doch nicht treffen ohne die Einwilligung seiner – seiner Mutter!"
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„Labor – da hast du's!", sagte Hermione und nickte zu den nüchternen Buchstaben hin, die den Zweck der Abteilung hinter der Milchglastür verkündeten.
„Alles nur Tarnung", sagte Harry. „Wir müssen da durch."
„Sagt wer?"
„Neville. Und – Dumbledore." Harry öffnete die Tür unverzagt.
„Meinst du, die würden das hier einfach unverschlossen lassen, wenn's wirklich 'ne geheime Abteilung wäre?", fragte Hermione spöttisch, während sie hinter Harry in den leeren Gang schlüpfte. Getünchte Wände und grauer Betonboden empfingen sie hier, Neonröhren an den Decken, Türen, die von der linken Seite abgingen. Und Stille. Lastende Stille.
Am Ende des Ganges eine weitere Tür, die ebenfalls unverschlossen war. Es gab ein seltsames, klickendes Geräusch, als sie hinter ihnen zurück ins Schloss fiel, aber das beachteten sie nicht weiter. Der plötzliche Wechsel der Szenerie war viel interessanter: Hier gab es keine Neonröhren mehr, auch keinen Betonboden. Sie standen in einem dämmrigen, gefliesten Flur, in dem nur eine einzige Tür zu sehen war, eine schlichte, weiße Tür mit einem geschäftsmäßigen Schild daneben. Schwarz auf weißem Plastik war da zu lesen: „Immortal Inc., Riddle and Burkes. Geschäftsführung."
„Was ist das denn? Eine Firma? Hier?!", fragte Hermione ungläubig.
„Riddle and Burkes!", rief Harry aufgeregt. „Riddle! Das hat Dumbledore auch gesagt! Dahinter muss es sein!"
„Und was auch immer!", murmelte Hermione säuerlich. „Riddle ist der Klinikchef, und das ist ein Büro, Harry. Und ich glaub kaum, dass du da auch einfach so reinmarschieren kannst!"
„Ha ha!" Harry sah sie strafend an. „Das sagt ja wohl die Richtige, was?"
„Was willst du damit sagen?!", schnappte sie.
„Komm schon, Hermione! Rück ihn raus!"
Hermione verkniff den Mund. „Wovon redest du eigentlich?"
„Tu nicht so! Meinst du, ich wüsste nicht, dass du Filch einen Generalschlüssel geklaut hast?"
Hermiones Blick wurde schwarz und böse. „Deshalb also. Deshalb musste ich unbedingt mitkommen, ja? Na, dann hast du aber Pech gehabt, weil –"
„Erzähl mir bloß nicht, dass du den brav zurückgebracht hast! Ich weiß ganz genau, dass du gerade noch in Beas Büro –"
„Quatsch, zurückgebracht!", fauchte Hermione. „Denkst du, ich bin blöd? Du bist blöd, wenn du glaubst, dass du die Tür da mit einem Generalschlüssel aufkriegst!"
„Versuch's doch wenigstens!" Harry verlegte sich aufs Betteln. „Ich muss da einfach rein!"
Hermione verdrehte die Augen und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie auf einmal beide eine Tür schlagen hörten – noch weit entfernt, aber eindeutig im Untergeschoss – und dann – waren das Schritte? Mit klackenden Absätzen?
„Jetzt mach schon!", zischte Harry.
„Na gut. Bevor wir hier noch entdeckt werden –" Seufzend griff sie in die alte Tasche, die sie immer mit sich herumschleppte. „Den Schlüssel kannst du hier vergessen, Mann. Aber ich hab was Besseres. Und wenn du auch nur ein Wort davon weitererzählst, verpasse ich dir noch eine Narbe!"
Und dann sah Harry ungläubig zu, wie sie zwischen Zetteln, Stiften und Zuckerstücken einen Bund Dietriche aus ihrer Tasche hervorzog.
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Narcissa Malfoy war die Empörung in Person, als sie in das Büro ihrer Schwester stürmte. „Lucius ist schon wieder verschwunden!", rief sie. „Warum muss er sogar während dieses Festes ständig arbeiten?!"
„Na, irgendwer muss das Geld doch schließlich verdienen, mit dem du dann zweifelhafte Künstler aufpäppelst, oder?", gab Beatrice zurück, die vor einem geöffneten Tresorschrank stand und sich hektisch durch einen Halter voller Pipetten fingerte.
„Was heißt hier zweifelhaft?", empörte sich Narcissa weiter, während sie zum Schreibtisch ging. Hier ließ sie der Anblick einer Schale voller aufgezogener, aber verschlossener Spritzen zurückschrecken. Sie trugen allesamt Aufkleber mit winzigen Totenköpfen. „Remus Wolfe hat demnächst eine Ausstellung in London, er wird –"
„Darf ich dich an deinen letzten Schützling erinnern, Schwesterherz? Den wundervollen Guildo Lockhart, der sämtliche älteren Damen mit seiner Samtstimme in Verzückung versetzte, bis er – sozusagen von der Bühne weg – als psychopathischer Serienmörder verhaftet wurde!"
„Das wirst du mir wohl ewig vorhalten, was?" Narcissas Blick glitt über den Kasten, der neben den Spritzen auf dem Tisch stand und einen dicken Ordner sowie ein Gefäß mit beschrifteten Pipetten enthielt. „Phase V", lasen ihre Augen mechanisch auf dem Etikett an der Vorderseite des Kastens. Und darunter: „N. Longbottom".
„Und er hatte nicht mal selbst gesungen!", feixte Beatrice, den Kopf noch immer im Schrank. „Das kam ja dann auch noch raus!"
Die Frau des Oberarztes stand da und kämpfte mit ihren Gefühlen, die sichtlich unterschiedliche Richtungen einschlugen. Während Dr. Lestrange nun eine weitere Lade – „Phase VI: H.J. Potter" war auf dem Etikett zu lesen – aus dem Schrank nahm und auf ihrem Schreibtisch abstellte, kam ihre Schwester zu einem Entschluss. „Ich weiß ganz genau, warum ihr Remus loswerden wollt!", platzte sie heraus.
„Ach", sagte Dr. Lestrange und blickte überrascht auf. „Soll das heißen, Drago hat dir endlich erzählt, dass er seit Jahren –"
„Drago? Blödsinn! Was hat er denn damit zu tun? Lenk nicht ab, Bea!", zischte Narcissa, und ihre Augen glühten voller Triumph. Was für ein Genuss, nun endlich mit dem Wissen herauszurücken, das ihr seit Tagen durchs Hirn zuckte wie ein gefangener Fisch, der sich nicht totschlagen lassen will. „Nein, Bea! Zufällig weiß ich, was du letzten Sommer getan hast! Nach dem letzten Sommerfest, um es ganz genau zu sagen!"
„Ja, und was soll das gewesen sein?" Dr. Lestrange suchte jetzt eine Pipette nach der anderen aus den beiden Kästen heraus und legte sie auf ein Metalltablett, auf dem bereits mehrere unangenehm aussehende medizinische Instrumente lagen.
„Ich sage nur – Dr. D'Or!", sagte Narcissa und klang wie eine Fanfare. Die Wahrheit! „Dr. D'Or, der auf der Rückfahrt von unserem Sommerfest angeblich mit seinem Wagen über die Klippen stürzte! Oh ja! Remus hat mir alles darüber erzählt!"
„Ich bitte dich, Cissy! Was willst du denn damit andeuten? Kein Jahr, in dem da nicht mehrere tödliche Unfälle passieren! Die nennen die Ecke nicht ohne Grund Deathly –"
„Ach, hör doch auf damit, ich –"
„Und Dr. D'Or war ein – na, seien wir ehrlich – ein schon recht seniler älterer Herr –"
„Ich glaube, er war Mitte Vierzig, Bea!"
„ – der hier allzu reichlich von Lucius' bestem Beaujolais getrunken hat und dann unbedingt noch nach Mitternacht abreisen musste! Wir haben alle unser Bestes getan, um ihn daran zu hindern, aber er war nicht davon abzubringen. Übrigens ein ganz typisches Merkmal beginnender Altersdemenz, dieser unvernünftige Starrsinn, aber –"
„Sie haben seine Leiche nie gefunden!"
„Dafür aber seinen Wagen, Liebes!", gab Bea zurück. „Und jetzt –" In diesem Augenblick leuchtete der rote Knopf auf, der unter ihrer Schreibtischplatte angebracht war. „Und jetzt", nahm sie ihren Satz wieder auf, während sie mit routinierten Bewegungen zwei der aufgezogenen Spritzen in ihre Kitteltasche steckte, „jetzt musst du mich entschuldigen, ich habe anscheinend einen Notfall." Sie knallte die Schale mit den übrigen Spritzen in einen Kasten, der in dunkelroten Buchstaben die rätselhafte und irgendwie bedrohliche Aufschrift „D.H.s" trug, schnappte sich ihr Tablett und eilte dann mit wehendem Kittel an ihrer Schwester vorbei. In der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Und was immer Wolfe dir für einen Unsinn erzählt hat – du solltest bedenken, dass der Gute nicht nur ein Alkoholiker ist, sondern auch deinen Sohn vögelt. Ich halte ihn für einen notorischen Lügner!"
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Auf der Wiese nahm indessen das Fest seinen Lauf. Die Tische standen jetzt verlassen und ketchupfleckig unter dem grauen Himmel; das Buffet wurde hektisch abgeräumt. Die Gäste hatten sich ganz überwiegend vor der Bühne eingefunden, über die nun schon seit einer Weile das Theaterstück dahinholperte, von gesättigten Angehörigen liebevoll beklatscht, von den Mitpatienten hingegen eher gelangweilt aufgenommen. Das änderte sich mit dem Auftritt einer sehr langen Gestalt in einem – nun, gewagten Kostüm, Stiefeln und giftgrüner Federboa. Aus den hinteren Zuschauerreihen kamen laute Pfiffe.
„Geile Federn!", brüllte jemand.
„Toller Hintern!"
„Mein Gott, wer ist das denn?", fragte Molly Weasley entgeistert.
„Das ist Blaise", grinste Ronald. „Der wollte schon ewig mal 'ne Frauenrolle haben, und diesmal hat er's endlich geschafft. Weil Angelina in der Reittherapie vom Pferd gefallen ist und –"
„Also, ich muss doch sehr bitten!", rief Mrs Trelawney entrüstet. Sie war aufgestanden und drehte sich nun erbost zu den Störenfrieden um.
„Sin-gen! Sin-gen!", skandierten die Jungen in der letzten Reihe ungerührt.
Blaise wedelte affektiert mit der Federboa. „Wenn ich zaubern könnte –", begann er.
„Soll das heißen, die lassen hier eine Transe auftreten?!", zischte Molly Weasley.
„Psst!", zischte die Frau, die zwei Plätze weiter saß, empört.
„Eine – was?", fragte Ronald.
„Herrgott, Ron, kann man wirklich so blöd sein?", sagte seine Schwester sauer. Sie saß inzwischen auf glühenden Kohlen. Der Himmel hatte sich in den letzten Minuten noch weiter verdüstert, und Gewitterwolken schwammen wie große, fahle Geisterschiffe über das unfreundliche Grau.
„Wenn ich zaubern könnte –", wiederholte Blaise auf der Bühne nachdenklich. „Äh – Mrs Trelawney – mir fällt im Moment der Text nicht mehr ein. Kann ich nicht stattdessen was singen? Ich habe in letzter Zeit hart an meiner Version von –"
„NEIN!", schrillte Mrs Trelawney mit beschlagener Brille. Diese Aufführung entwickelte sich allmählich zum schlimmsten Fiasko ihrer Laufbahn. „Du machst jetzt mit deinem Text weiter wie geprobt! Im Notfall haben wir einen Souffleur! Hast du das vergessen?! Himmelherrgott!"
„Dann eben nicht", sagte Blaise eingeschnappt. „Was guckt ihr eigentlich so dämlich?", wandte er sich dann an das Publikum. „Ich bin eine Frau, was kann ich dafür, dass ich den falschen Körper erwischt hab! Und außerdem ist Hermione nicht an ihrem Platz. Kein Souffleur – kein Text!", fügte er giftig hinzu und legte einen hüftenschwenkenden Abgang hin.
„Yeah, Zabini!", johlten die Jungs.
„Entschuldige, Mum – ich habe Kopfschmerzen", flüsterte Mary-Sue nach einem weiteren verzweifelten Blick auf ihre Armbanduhr. Sie konnte unmöglich noch länger warten. Sonst würde er vielleicht – „Ich verschwinde mal eben!"
Molly sah ihr misstrauisch nach. Mit Kopfschmerzen hatte sie so ihre Erfahrungen.
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Und während Mary-Sue Weasley unter dem dräuenden Himmel hastig in den Feldweg einbog, während vor dem Hauptausgang Drago Malfoy seine Maschine startete und mit aufheulendem Motor und Fleur delaCoers dünnen Armen um seine lederbekleideten Hüften auf die Straße donnerte, während Mrs Trelawney unter Tränen versuchte, von ihrer Aufführung zu retten, was noch zu retten war – während die ersten stärkeren Windböen die Glut im Wurstgrill wild aufflackern ließen und Papierservietten und Wunschballons durch die Luft wirbelten, hatte tief im Bauch der Klinik Hermione mit ihren Dietrichen eine Tür nach der anderen geöffnet, bis sie endlich in einem von dämmrigem, grünlichem Licht erfüllten Labor standen und sich mit großen Augen umsahen.
„Da ist es!", keuchte Harry und zeigte triumphierend in die Mitte des Raums. „Ich hab's ja gewusst! Die hatten also alle Recht!"
