Teil 7
„Seine Mutter?! Aber ich dachte – sind Harrys Eltern denn nicht schon lange tot? Haben Sie mir nicht selbst –"
„Das war das, was wir ihm erzählt haben!", schluchzte Petunia. „Meine Schwester – sie war – sie war so eine Schlampe! Nur wegen ihr ist das alles passiert mit dem armen Harry!"
Mrs McGonagall wich indigniert zurück. Ein solches Vokabular wurde in diesem Büro üblicherweise nicht geduldet. Es schien beinahe, als übten der Alkoholgeruch und das Schnarchen im Hintergrund einen die Moral auflösenden Einfluss aus. Mit strenger Miene wartete sie auf den Fortgang von Petunia Dursleys Ausführungen.
„Als mein Schwager herausbekam, dass Harry – na ja, nicht sein Sohn ist, da fing er an zu trinken – verlor den Job – und so weiter, Sie kennen das sicher – und dann, eines Tages, ist er ausgerastet. Bei einer Familienfeier, vor allen Leuten!" Petunia putzte sich schnaubend die Nase. „Da war Harry schon sieben! James schrie herum, er sollte doch mal seine Mum fragen, wer denn nun sein wirklicher Dad wäre – und dass sie es vielleicht ja noch wüsste – der arme kleine Harry, er war doch sowieso schon so unausgeglichen – dann ist er auch noch die Treppe runtergefallen, als er weglaufen wollte – und dann wollte Lily, dass ich ihn für eine Weile zu mir nehme, bis sie wieder Boden unter den Füßen hätte – und dann –", Petunia musste Luft holen, „dann hab ich nie mehr etwas von ihr gehört! Und mit Harry – da wurde es jeden Tag schlimmer –"
„Das ist ja unge-", gelang es Mrs McGonagall einzuwerfen.
„Aber das ist noch nicht alles!", schluchzte Petunia wieder los und nahm endlich den Umschlag aus ihrer Tasche, den sie jetzt seit über einer Woche mit sich herumgetragen hatte. „Ich muss einfach mit jemandem darüber reden! Hier, sehen Sie! Anonym! Angeblich droht Harry größte Gefahr, wir sollen bloß nicht zulassen, dass – aber lesen Sie es selbst!"
Die Sekretärin nahm den schon etwas verknitterten Brief entgegen, setzte ihre Lesebrille auf und begann zu lesen. Ihre Augenbrauen hoben sich, und beim Weiterlesen schlichen sich erste Anzeichen von Entsetzen in ihr sonst so diszipliniertes Mienenspiel. „Marode Klinik – korrupte Ärzte – Operation in jedem Fall verweigern – aber das ist ja ungeheuerlich!"
„Verstehen Sie jetzt, wie ich mich fühle?", schniefte Petunia. „Nachdem Dr. Lestrange heute Morgen das mit der Operation gesagt hat – und ich habe unterschrieben, was hätte ich denn tun sollen – ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll – jeder könnte doch in diese Sache – oh, was soll ich nur tun!"
Mrs McGonagall sah sie über den Brillenrand hinweg an. „Haben Sie eine Idee, wer Ihnen diesen Brief geschickt haben könnte?", fragte sie und betrachtete nachdenklich die kleine, aber gestochen scharfe Schrift, die kunstvoll aller persönlichen Eigenheiten beraubt war.
Petunia schluchzte noch einmal heftig auf. Dann sagte sie entschlossen: „Ja. Das habe ich allerdings!"
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Dr. Snape verfolgte die Theatervorführungen alljährlich mit einem bösartigen Vergnügen und nahm dafür sogar den Aufenthalt auf der unbekömmlichen Wiese in Kauf. Im Allgemeinen blamierte sich dabei jeder einzelne der Beteiligten, und vor allem Kollegin Trelawney litt jedes Mal Höllenqualen. Er fand es immer wieder erfrischend, ihrem langsamen Zusammenbruch zuzusehen. Bei weitem unterhaltsamer als das Theaterstück! Es gab leider viel zu wenige Leute, die sich mit noch größerer Geschicklichkeit lächerlich machten als er selbst.
Aber heute vermochte nicht einmal ihre Reaktion auf das Auf- und Abtreten Blaise Zabinis seine Laune zu heben. Wo war Miss Weasley hin? Sekunden zuvor hatte sie noch zwischen Mutter und Bruder gesessen – und einen Niesanfall später war sie fort. Verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt! Er stopfte sein Taschentuch zurück in den Kittel und starrte blicklos in das Chaos, das nun von der Bühne ins Publikum zu schwemmen begann, vor allem in die erste Reihe, wo zwei Patientenmütter die weinende Trelawney zu trösten versuchten (auch etwas, das sich Jahr für Jahr wiederholte). Verdammt! Heute – es musste einfach heute sein! Heute war der Tag! Das hatte er im Gefühl –
Der plötzlich aufkommende Wind zerrte an seinem Kittel, und auf einmal verdichtete sich sein Gefühl zu einer beinahe schicksalhaften Ahnung. Ein unwiderstehliches Verlangen nach einem Spaziergang überwältigte ihn und lenkte seine Schritte fort von Kollegen, Patienten und Besuchern – fort von der Klinik und der Festwiese – in die seltsam aufgeladene Stille der Natur –
Die wüsten Wolkenberge, die sich über ihm zusammenballten, ignorierte er ebenso wie das alarmierende Kribbeln in seiner Nase. Als er das Gelände verließ und auf den Feldweg abbog, störte ihn ein Motorrad, das oben auf der Straße vorbei bretterte, in seiner Konzentration. Säuerlich sah er der Maschine nach – soso, der Eisprinz verdrückte sich also auch gerade! Und wenn das da hinter ihm auf dem Sattel nicht die dämliche kleine Französin war –!
Na ja. Mit der hatte er ohnehin aufs falsche Pferd gesetzt. Nur gut, dass er sich nie auf eine Möglichkeit allein zu verlassen pflegte.
Während er niesend zwischen den blühenden Gräsern bergan zu steigen begann, überlegte er boshaft, ob es dem jungen Malfoy wohl um Fremdsprachenunterricht ging. Üblicherweise pflegte der doch in anderen Gärten zu wildern.
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Die Sekretärin hatte aufmerksam zugehört. „Kommen Sie, Mrs Dursley!", sagte sie nun und erhob sich. „Sie müssen mit ihm sprechen!"
„Aber – aber das kann ich nicht! Verstehen Sie doch – ich habe die beiden damals zusammen gesehen – es war eine so peinliche Situation! Ich bin heute noch dankbar, dass er mich nicht gesehen hat! Ich kann ihn unmöglich darauf ansprechen!"
„Ich werde Sie begleiten!", sagte Mrs McGonagall unerschütterlich. „Aber eine solche Sache muss auf jeden Fall geklärt werden! Letztlich geht es ja auch um den Ruf dieser Einrichtung!"
Und als Petunia zögernd hinter ihr das Büro verließ, knatterte direkt vor dem Fenster ein Motorrad mit einem Höllenlärm den Weg zur Straße hinunter. Remus Wolfe, der bisher reglos geschlafen hatte, fuhr auf und fiel vom Sofa. Es gibt Geräusche, die uns selbst auf dem Totenbett noch erreichen würden.
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Gebannt starrten sie auf das große Glasbecken in der Mitte des Raumes. Es sah ein bisschen aus wie ein Aquarium und war mit einer grünlichen Flüssigkeit gefüllt, die von innen heraus schwach zu leuchten schien. In diesem Aquarium schwammen allerdings keine Fische.
„Na ja", begann Hermione zögernd. Es fiel ihr immer schwer, anderen Recht geben zu müssen. „Also, ich seh mir das mal von nahem an!"
Dann standen sie beide neben dem Bassin und betrachteten den sehr alten Mann, der, von langem weißem Haar und ebensolchem Bart umflossen, wie schlafend in der Flüssigkeit schwebte. Absurderweise trug er einen schwarzen Anzug.
„Er lebt!", sagte Hermione überrascht. „Er atmet!"
„Er ist es!", flüsterte Harry. „Das ist Dumbledore!"
„Den hab ich schon mal gesehen –", grübelte Hermione. „Aber da sah er irgendwie – anders aus –"
„Trockener vielleicht?", schlug Harry ätzend vor. Allmählich fand sein Herz wieder zu seinem normalen Rhythmus zurück, und während er auf den Mann im Tank starrte – den Mann, der seit Wochen durch ein Bild oder auch einfach in seinem Kopf mit ihm geredet hatte! – breitete sich ein Gefühl der Ernüchterung in ihm aus. Ehrlich gesagt hatte er ja sowieso nicht allzu viel von dem verstanden, was der ihm da erzählt hatte – er sollte ihn retten, und zwar aus einer Gefahr, die sie alle bedrohte, so viel hatte er kapiert, und zumindest was Dumbledore betraf, konnte er ja auch ganz gut erkennen, was er damit gemeint hatte. Freiwillig war der bestimmt nicht in diesem Becken gelandet.
Aber da war noch mehr gewesen, und davon hatte er niemandem was erzählt. Er hatte ein Bild im Kopf – ein Bild, das ihn heimsuchte, in dem sich Unbekanntes und Rätselhaftes mit Vertrautem mischte, und das auf verstörende, um nicht zu sagen nervtötende Weise. Und jetzt stand er hier – und außer dem Mann im Bassin und dem grünlichen Licht stimmte aber auch gar nichts mit diesem Bild überein. Was jetzt? Und, das nur mal nebenbei: Was war denn nun mit der Wahrheit über seine Eltern – die sollte doch auch noch kommen, oder?
„Harry!" Hermione hatte sich weiter umgesehen und schob gerade den weißen Vorhang zur Seite, der einen Teil des Labors abtrennte. Aber er hatte keine Lust mehr. Vielleicht hatte er mit dem alten Typen hier Recht gehabt, okay, aber ansonsten kam er sich total verschaukelt vor. Totenköpfe! War da nicht noch was mit Totenköpfen gewesen, in seiner Vision?
„Harry! Jetzt komm doch mal!", rief Hermione aufgeregt. „Hier ist noch einer! Guck dir bloß den mal an!"
Harry schüttelte hastig alle Visionen ab – das Gesicht von diesem blöden Drago konnte ja wohl unmöglich dazugehören, oder?! – und ging zu Hermione hinüber. Da war tatsächlich noch so ein Tank hinter dem Vorhang!
„Der trägt ja einen Taucheranzug", stellte er fest, und während er es aussprach, wurde ihm klar, dass dieser schwarze Taucheranzug auf jedem Fall zu DEM BILD gehörte. Ein unheimliches Gefühl schlich sich über seine Haut.
„Ist das alles, was dir auffällt?!", flüsterte sie. „Hast du sein Gesicht gesehen?"
„Echt gruselig! Oh Mann – ist das etwa –?" Harry sah plötzlich, was sie meinte. Dieses bleiche, seltsam künstliche Gesicht hatte er schon mal gesehen! Im Fernsehen! „ Das kann doch nicht sein, oder? Ich meine, was sollten sie denn mit dem hier machen? Was machen die hier überhaupt?!"
„Darf ich dich erinnern – Immortal Inc., Harry! Warum dauernd Operationen, wenn die hier die ultimative Verjüngungskur anbieten, oder so was!" Fasziniert blickte sie in das Bassin. „Ich wette, die werden Millionen damit scheffeln!", sagte sie beeindruckt. Dann machte sie sich daran, den im grünlichen Dämmer verschwindenden Rest des Labors zu untersuchen. Harry versuchte derweil, die verwirrenden Puzzlestücke in seinem Kopf zu einem Ganzen zusammenzusetzen.
„He, guck mal, dieser Schalter! Regler außer Betrieb – na klar!", rief Hermione aus einer Ecke. „Findest du das nicht auch verdächtig, wenn die so ein Schild dahinhängen? In so einem Raum?"
„Psst! Sei mal still!" Dann hörten sie es beide: das Geräusch klackender Absätze. Und es näherte sich. Harry sauste zu Hermione in die Ecke. „Das ist garantiert Bea!", keuchte er und packte sie am Arm. „So ein Mist! Wenn die uns hier –
„Lass das!", zischte sie und riss sich los, wobei sie unglücklicherweise hart gegen den Regler knallte. „Aua!"
„Meine Brille! Musst du so um dich schlagen? Jetzt hab ich –" Ein rülpsendes
Glucksen unterbrach ihn. Es klang, als wenn der Stöpsel aus einer vollen Wanne gezogen worden wäre. Dann erfüllte lautes Gurgeln das Labor.
„Harry!", hauchte Hermione. „Das Bassin!"
Harry tastete noch immer nach seiner Brille. „Ich kann nichts sehen!", sagte er wütend. „Meine Brille ist im Arsch! Nur weil du –"
„Harry! Das Zeug da in den Bassins – es läuft ab!"
„– so hysterisch rum-"
„Psst! Da! Da drüben!", flüsterte Hermione und zerrte ihn hinter ein medizinisches Gerät unklaren Zwecks. Im letzten Moment bekam er seine Brille endlich zu fassen, und dann öffnete sich an der gegenüberliegenden Wand auch schon eine bis dahin nicht erkennbare Tür. Dr. Lestrange betrat mit misstrauischer Miene den Raum.
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„Da! Sehen Sie, da geht er doch! Da drüben, wo die Felder anfangen!" Petunia Dursley stand zitternd neben Mrs McGonagall im peitschenden Wind. Um sie herum flüchteten die Leute ins Gebäude, und ein paar wenige Unerschütterliche versuchten, Grill und Stühle und Blumenkübel in Sicherheit zu bringen.
Mrs McGonagall folgte Petunia Dursleys Blick. "Sie haben Recht!", sagte sie erstaunt. „Das ist er! Was hat er denn vor – einen Spaziergang? Jetzt?! Noch dazu mit seiner Allergie –"
„Er flieht!", sagte Petunia mit ungewohnter Bestimmtheit. „Aber ich werde ihn nicht entkommen lassen!"
„Warten Sie doch! Ich komme mit!" Ein greller Blitz tauchte die Welt in ein fahles, krankes Licht, und sie schauderte. Aber dann zog sie ihre Jacke fest um sich und lief los.
Und oben auf der Straße jagte in schlingernden Schlangenlinien ein Fahrrad hügelan –
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Lautes Platschen lenkte Harrys und Hermiones entsetzte Blicke kurzzeitig von Dr. Lestrange ab. Aus den versiegenden Fluten erhob sich der alte Mann und wrang seinen Bart aus. „Die Zeit ist gekommen!", sagte er dann, mit einem schwachen Akzent zwar, jedoch mit erstaunlich klarer Stimme. „Wie ein Phönix aus der Asche erhebt sich der Gefangene aus der Kammer des Schreckens! Den Kelch des Feuers hat er geleert und –"
„Derselbe Blödsinn wie bei der Lovegood!", murrte Dr. Lestrange. „Als wär's ein Virus!"
Der Mann – wir wollen ihn im Folgenden der Einfachheit halber erst einmal Dumbledore nennen – ließ sich nicht stören. Er stieg über den Beckenrand und sah sich suchend um. „Wo ist er? Der Prinz unter den Halbblütigen – Sohn des –"
„Geh wieder schlafen, mein Alter. Um dich kümmern wir uns später!", sagte Beatrice und griff in ihre Kitteltasche.
„Nein!", schrie Hermione da und sprang aus der Deckung. „Rühren Sie ihn nicht an!" Sie packte den alten Mann, der sie mit milder Verwunderung betrachtete, und zerrte ihn mit sich. „Sie sind ein Opfer illegaler medizinischer Experimente! Kommen Sie mit! Wir fliehen!"
„Abhauen!", brüllte Harry, versetzte Dr. Lestrange einen Stoß, der sie immerhin durch das Labor taumeln ließ, und nahm Dumbledores anderen Arm. Die Ärztin verfing sich derweil in dem Vorhang, der das zweite Bassin umgab, und riss ihn schließlich mit sich zu Boden.
„Mann – guck mal da!", keuchte Hermione und starrte wie gebannt auf das Becken, dessen Bewohner wie ein Zombie gegen die Glaswände stieß. „Michael Jackson ist auch aufgewacht!"
„Abhauen!", brüllte Harry noch einmal und mit Emphase. Dr. Lestrange hatte jedoch vorübergehend das Interesse an ihnen verloren. „Nein, nicht!", kreischte sie, während sie sich aus dem Vorhang zu wickeln versuchte. „Es ist noch viel zu früh, Sie sind noch nicht so weit! Wir sind erst kurz vor Phase Sechs!"
„Das ist unsere Chance!", zischte Harry. „Da, durch die Tür!" Er zerrte Hermione und Dumbledore mit sich durch die Tür, die Dr. Lestrange offen gelassen hatte. Unvermittelt fanden sie sich in einem niedrigen, röhrenartigen Gang wieder, der hier und da von einer nackten Glühbirne erleuchtet war. „Was machst du denn noch?"
„Die Tür zu!", sagte Hermione und verkantete einen ihrer Dietriche im Türschloss. Von drinnen hörten sie Krachen und Splittern und Beas Kreischen.
„Los jetzt!", rief Harry panisch, als die Tür unter heftigen Stößen erzitterte. Er riss die beiden mit sich durch den Gang, der immer enger wurde. Außerdem stieg er langsam an, bis sie irgendwann vor einer schmalen, rohen Treppe standen.
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Ein gewaltiger Donnerschlag schien den schwefelgrauen Himmel zu spalten, und im selben Moment stürzten die Regenmassen los. Dr. Snape hatte Mühe, noch etwas zu sehen. Der Schlamm spritzte bis zu seinem Kittel hinauf, während die Felder um ihn herum in einem Feuerwerk aus Blitzen flackerten. Die alte Scheune! Bis dahin war es nicht mehr weit! Er hetzte geblendet den im Regen versinkenden Feldweg hinauf, bis er vor der schwarzen, abweisenden Holzwand stand und nach dem Türgriff tastete.
Die Tür fiel mit einem Ruck wieder hinter ihm zu. Einen Moment lang stand er orientierungslos im plötzlichen Dämmerdunkel und empfand noch einmal dieses seltsame Gefühl von Schicksal –
Glücklicherweise waren die beiden an der Wand links von ihm so miteinander beschäftigt, dass sie sein Hereinkommen glatt verpasst hatten. Als das Grollen des Donners kurz nachließ, musste er zweifelsfrei feststellen, dass er Miss Weasley, die er den ganzen Tag hatte stellen wollen, nunmehr gefunden hatte. Außerstande sich zu bewegen oder auch nur den Blick abzuwenden, stand er da und hörte zu, wie sie leidenschaftlich seinen Kollegen anfeuerte. Der Regen tropfte ihm von Kinn und Nase und bewirkte, dass die dunkelgrüne Krawatte sein Hemd langsam in ein faszinierendes Rosa umfärbte.
Erst ein plötzlicher Niesreiz vermochte ihn aus seiner Lähmung zu reißen. Panisch presste er einen Finger unter die Nase – ein Trick, der meistens funktioniert, wenn man ihn noch rechtzeitig anwenden kann – und huschte in den dunklen Schatten auf der rechten Scheunenseite. Dort hörte er in ohnmächtiger Ergebenheit dem Fortschreiten des Aktes auf der anderen Seite zu, bis von draußen knatternder und dann plötzlich abreißender Motorenlärm, gefolgt von wüstem Geschrei seine Aufmerksamkeit ablenkte. Und gerade, als es bei den beiden an der Scheunenwand endlich zum Äußersten kam, wurde die Tür wieder aufgerissen, und zwei weitere atemlose, tropfende Opfer des Regengusses stürmten herein.
Dr. Drago Malfoy und Fleur delaCoer flohen allerdings nicht nur vor dem Wolkenbruch, wie sich Sekundenbruchteile später herausstellte. Der Krach, mit dem die Scheunentür an die Wand knallte, war nun auch für die beiden Turteltauben nicht mehr zu überhören gewesen – allerdings waren die Dinge da bereits zu weit gediehen, als dass irgendetwas ihren Verlauf hätte stoppen können. Dr. Snape hatte eben noch Gelegenheit zu der Feststellung, dass die Dame seines Herzens in äußerster Verzückung wie ein Meerschweinchen quiekte, dann übertönte Remus Wolfes Gebrüll alle weiteren Laute.
„Also doch!", schäumte der und packte Malfoy junior, der entsetzt hinter Fleur delaCoer zurückzuweichen versuchte, am Kragen seiner Motorradjacke. „Du hast also doch was mit einer von diesen Schlampen! Du Feigling! Du Verräter!"
„Niescht!", kreischte Fleur und wollte Drago wegziehen, aber der tobende Wolfe fauchte sie mit gefletschten Zähnen an und stieß sie fort. „Ich bring dich um! Ich beiß dir die Kehle durch!!"
„Hilfe! Helft mir doch! Der ist total durchgeknallt!", gellte Drago mit hervorquellenden Augen.
Dr. Snape, noch mit seinen Gefühlen ringend, hatte zunächst Schwierigkeiten, diesem plötzlichen Szenenwechsel zu folgen, aber dann breitete sich langsam ein gehässiges Grinsen über sein Gesicht aus. Er machte ganz sicher keine Anstalten, Drago zur Hilfe zu eilen, und weil er genüsslich zusah, wie Remus Wolfe seine Hände um den Hals des Assistenzarztes schloss, entging ihm, wie dessen Vater auf der anderen Seite der Scheune ächzend und fluchend seine Angelegenheiten regelte und Mary-Sue mit dem Fuß hastig ein Wäschestück unter dem nächsten Heuballen verschwinden ließ. Aber vermutlich hätte er das sowieso nicht sehen wollen.
„Hilfe!", gurgelte Drago.
Und die Rettung nahte. Im hinteren Teil der Scheune polterte es dumpf, als einer der Heuballen herunterfiel. Bill Weasley – überraschend ohne Hemd und Jackett, sondern im weißen Feinripp-Unterhemd – setzte elegant darüber hinweg und eilte zu den Kämpfenden hin. Sein langes, rotes Haar flog ihm offen ums Gesicht, und insgesamt lenkte sein Anblick die Aufmerksamkeit erfolgreich von dem einer weiteren Person ab, die für einen Moment in der Lücke der Mauer aus Heuballen sichtbar geworden war.
„Aber hallo!", rief er, als der tobenden Maltherapeuten packte. „Wir werden doch keine Mädels verprügeln, was?" Während er ihn in den Schwitzkasten nahm, taumelte Drago rückwärts in Fleurs Arme und riss sie mit sich zu Boden. „Oh, Verzeihung", sagte Bill, als er erkannte, wen er gerettet hatte.
Entschuldigungen jeder Art lagen Dr. Malfoy senior, der inzwischen wieder einen gesellschaftsfähigen Zustand erreicht hatte, allerdings fern. Wie eine wütende Hornisse stürzte er sich auf seinen zitternden Sohn. „Wie war das?", keifte er. „Nichts Wahres dran, ja?!"
„Das stimmt ja auch – ich bin mit der französischen Tussi hier, verdammt noch mal – der Irre verfolgt mich einfach!", keuchte Drago.
„Wie bitte?! Seit Jahren bist du –", brüllte Wolfe und versuchte, Bill Weasley abzuschütteln und, als das erfolglos blieb, ihn zu beißen.
Aber in diesem Moment hob sich, inmitten des allgemeinen Geschreis und untermalt vom Trommeln des Regens auf dem Dach, direkt neben dem heruntergefallenen Heuballen mit einem schauerlichen Ächzen der Scheunenboden. Das war so verblüffend, dass sie alle innehielten und hinstarrten. Vier Arme stemmten ein großes, quadratisches Stück Holzboden in die Höhe und warfen es dann zur Seite. In die plötzliche Schwärze segelten mit unangebrachter Heiterkeit einige Strohhalme hinab, vorbei an den gehetzten Gesichtern von Harry Potter und Hermione Granger. Die beiden arbeiteten sich hastig durch die Falltür, wobei Hermione einer dritten Person beim Hinaufsteigen behilflich war. Oben angekommen, sahen sie sich völlig perplex der nicht minder erstaunten Gruppe gegenüber, die kurzzeitig von ihren diversen Kämpfen abließ
„Was zum Geier –", platzte Hermione heraus.
„Wir müssen hier weg!", schrie Harry. „Die alte Hexe ist bestimmt schon –"
„Allerdings ist sie das!", erklang es eisig aus dem Loch im Boden, dem dann Dr. Lestrange entstieg – übrigens mit erstaunlicher Grazie. „Und jetzt seid ihr dran, ihr kleinen Ratten! Jahrzehntelange Forschungsarbeit, einfach zunichtege-" Erst in diesem Moment entdeckte auch sie die stumme Versammlung, und ihre Miene wurde noch um ein paar Grad frostiger. Während sie noch überlegte, was nun zu sagen wäre, wurde hinter ihr in der Falltür eine lange, dünne, schwarz gekleidete Gestalt sichtbar. Mit ungelenken, aber nichtsdestotrotz entschlossenen Schritten näherte sie sich der Gruppe, deren Aufmerksamkeit jedoch abgelenkt wurde, weil gleichzeitig jemand die Scheunentür öffnete.
„Kommen Sie!", keuchte die tropfende Sekretärin und zog Petunia Dursley mit sich herein, wobei diese beinahe über Remus Wolfes Fahrrad gestolpert wäre. „Hier können wir uns unter-"
„Thomas!", schnitt ihr da Dr. Lestranges wilder Aufschrei das Wort ab. Der Mann im feuchten Taucheranzug war ein wenig schwankend neben ihr stehen geblieben. „Sie dürfen doch nicht – Sie müssen unbedingt wieder –"
„Dr. Riddle!", rief der langbärtige Mann im nassen schwarzen Abendanzug mit kindlichem Erstaunen. „Jetzt erinnere ich mich wieder –"
„Dr. – Dr. D'Or!", japste die Sekretärin. „Wie kommen Sie denn hierhin? Alle Welt denkt, Sie sind tot!"
„Oncle D'Ambly!", zirpte Fleur fassungslos und ließ Dragos Hand sinken. „Die Brief war also doch rieschtik!"
„Was für ein Brief?", schnappte Mrs McGonagall mit einem scharfen Seitenblick auf Petunia Dursley. „Was ist hier eigentlich los?"
„Eine anonyme Brief! Schrieb, dass Oncle D'Ambly 'ier gefangen ge'alten wird! Des'alb iesch werde Praktikantin 'ier, um ssu suchen –"
Aber ihr wiedererstandener Onkel schien sie gar nicht zu sehen. Auch Dr. Riddle war nicht länger von Interesse. Stattdessen eilte er mit verklärtem Gesichtsausdruck auf Dr. Snape zu, den er erst in diesem Moment in der Gruppe ausgemacht hatte, und umarmte ihn. „Da sind Sie ja!", rief er in akzentfreier Begeisterung aus. „Mein Retter! Meine Träume haben Sie mir immer wieder gezeigt! Der Prinz, der –"
„Prinz? Ich hör ja wohl nicht richtig!", ließ sich da erstmals die unerwartet hohe und ein wenig eingerostete Stimme des Klinikchefs vernehmen. Dr. Riddle, dem der tropfende Taucheranzug seltsamerweise nichts von seiner natürlichen Würde raubte, strebte mit langen Schritten zwischen den Leuten hindurch auf Dr. Snape zu. „Hast du ihm das gesagt? Sag bloß, du hast den ganzen Aufstand hier veranstaltet, nur weil ich dich nicht anerkannt habe?"
Dr. Snape versuchte gerade, sich der ziemlich nassen Umarmung von Dr. D'Or zu erwehren, verwickelte sich aber in dessen Bart. „Ich hab nicht Prinz gesagt, verflucht noch mal!" Mit einem groben Ruck befreite er sich aus der Bartschlinge und stand mit geballten Fäusten inmitten der Versammlung seiner Kollegen und Patienten, die ihn alle anstarrten. „Ich bin dein Sohn!", kreischte er dann auf einmal los. „Nur weil meine Mutter nicht – der Titel steht mir zu!" Und mit diesen Worten riss er sich die tropfende Krawatte vom Hals und schmiss sie auf den Boden vor die Füße des Klinikchefs.
Das Gewitter legte an dieser Stelle passenderweise eine Atempause ein, wie um Dr. Snapes Worten die Stille zu ermöglichen, in die sie hineinfallen konnten. Nachdem sie das getan hatten, sprang ganz unvermutet Harry auf ihn zu. „Sie waren das! Sie haben mir den ganzen Blödsinn in Ihren bescheuerten Hypnosesitzungen eingetrichtert! Sie ranziger alter Bastard!", brüllte er und stürzte sich auf Dr. Snape.
„Harry! Harry, Liebes!", jammerte Petunia Dursley. „Nicht! Er ist – er ist dein Vater!"
Harry ließ den Arzt los, als habe der ihn gebissen, und fuhr zu seiner Tante herum.
„Mrs Dursley!", rief die Sekretärin entgeistert.
„Entschuldige, ich hätte das nicht so – nicht jetzt – aber bevor du ihm noch was antust, was du später bereust – und du musst es ja doch endlich erfahren!", stammelte Harrys Tante.
„Ich werd' gar nichts bereuen!", knirschte Harry und wollte sich wieder auf den verdatterten Dr. Snape stürzen, als just in diesem Moment noch ein weiterer Gast durch die Falltür kam und wie eine Furie in die Gruppe stürmte.
Und noch einmal spielte das Wetter die Begleitmusik: Ein blendender Blitz machte sie für einen Moment alle zu Röntgenaufnahmen, und nahezu gleichzeitig ließ ein fürchterlicher Donnerschlag die gesamte Scheune erzittern. Sie alle fühlten, wie ein seltsames Kribbeln über ihre Haut ging – und das hatte nichts mit Narcissa Malfoy zu tun, die Dr. Lestrange an den Haaren gepackt hatte und nun die andere Hand drohend erhob.
„Bea!", schrie sie. „Du verlogenes, giftiges, dreckiges MISTSTÜCK! Du nimmst zurück, was du vorhin gesagt hast, sonst knalle ich dir die hier rein! Mein Drago würde niemals –! Nimm das zurück, oder –"
Da entdeckte sie ihren Sohn, der, scheinbar verletzt, auf dem Boden lag – und dann Remus Wolfe, der immer noch in Bills Armen zappelte. Ihre Augen glühten auf, als sie Dr. Lestrange losließ und sich Wolfe zuwandte.
Dann geschah es. Sie sahen es alle gleichzeitig: Unter dem Dach war ein fahlgrünliches Leuchten erschienen, das nach und nach alle Holzteile erfasste, bis die Scheune in einem seltsamen, unheimlichen Licht erglühte.
„Was ist das?", hauchte Mary-Sue und huschte zu den anderen hinüber. Ihre Finger kämpften immer noch zitternd mit den Knöpfen ihres vanillefarbenen Kleidchens.
„– vom Blitz getroffen –", hörte man Dr. D'Ors verzückte Stimme aus dem Hintergrund; es klang, als deklamiere er aus einem Gedicht.
Hermione, die versucht hatte, das Phänomen auf allen Seiten gleichzeitig zu verfolgen, verlor das Gleichgewicht, stolperte über Dragos Beine und fiel ausgerechnet Dr. Snape in die Arme.
„Verdammt, kannst du nicht aufpassen?", zischte der wütend und wischte sich widerwillig ihre Haarmähne aus dem Gesicht. „Und die könntest du auch mal waschen –!"
„Ach, halten Sie doch bloß die –!", giftete Hermione los, aber dann tauchten haselnussbraune in tiefschwarze Augen, in denen sich das grüne Leuchten spiegelte – und zum ersten Mal in ihrem Leben verschlug ihr etwas die Sprache.
Inzwischen glitt das Licht wie grüne Schlangen auch über den Boden, tastete sich über ihre Füße, wand sich kreuz und quer über den immer noch liegenden Dr. Malfoy junior, dessen Kopf in Fleurs Schoß ruhte, und leckte schließlich an den schwarz umhüllten Beinen Dr. Riddles hinauf.
Harry hatte seinen gerade erst gefundenen Vater vergessen, ebenso wie seine Absicht, ihm die Zähne einzuschlagen. Das hier – das war es! Das Bild aus seinem Kopf! Wie hypnotisiert waren seine Blicke den Lichtschlangen gefolgt und erreichten nun mit ihnen zusammen das starre Gesicht. Und endlich fügte sich das letzte Puzzleteil in das Bild in seinem Kopf. In diesem Licht erkannte er das Gesicht aus seiner Vision wieder, und als er sah, was die Frau von Dr. Malfoy in der immer noch zum Schlag erhobenen Hand hielt, begriff er endlich auch, was von ihm erwartet wurde. Der winzige Totenkopf auf der Spritze machte es ihm unwiderlegbar klar.
Und Drago gehörte also doch ins Bild!, dachte er noch mit einer seltsamen Befriedigung, dann riss er Narcissa Malfoy die Spritze aus der Hand und stürzte sich damit auf den Mann, der der Feind war.
„Nei-heiiiiiin!", heulte Dr. Lestrange auf, als die Spritze die Neoprenhülle des Taucheranzugs glatt durchstieß. „Nicht das! Es wird alles zerstören!"
Zusammen mit ihrer Schwester warf sie sich auf Harry, der krachend zu Boden ging, direkt neben Drago. Aber die Tat war bereits vollbracht. Der Klinikchef taumelte zurück, kämpfte vergeblich um sein Gleichgewicht und fiel dann über den Heuballen. Der Ausdruck tiefsten Erstaunens, bevor er hintenüber kippte, hauchte seinem künstlichen Gesicht beinahe so etwas wie Leben ein. Er stand nicht wieder auf –
Während sie alle wie angewurzelt dastanden oder -lagen, wurde das Geräusch des Regens auf einmal laut wie Brandung. In diesem Fall kein dramatischer Wettereffekt, sondern eine Folge des Umstands, dass die Scheunentür ein weiteres Mal geöffnet worden war.
Eine fette, kleine Person undefinierbaren Geschlechts drängte sich herein, klappte den tropfenden Regenschirm zusammen und entnahm ihrer Westentasche ein Feuerzeug. Während sie mit einiger Mühe die Zigarre anrauchte, die bereits in ihrem Mund gesteckt und offenbar trotz des Schirms Regen abbekommen hatte, schien die Spannung, mit der sich die Scheune aufgeladen hatte, durch die geöffnete Tür abzuziehen. Das grünliche Licht verblasste wie ein Regenbogen.
„Monica!", stöhnte Dr. Malfoy senior. „Wir haben dich erst morgen erwartet!"
„Ich war ja sicher, dass ich hier mal wieder irgendjemanden erwischen würde", sagte Dr. Lesser-Snool, schnickte die Asche ihrer Zigarre achtlos auf den Scheunenboden und ließ den Blick zufrieden über die Szenerie gleiten. „Aber gleich euch alle?!"
