Kapitel 3
Der schwebende Schokofrosch
Am nächsten Tag wurden Alice und Nina von einem fröhlichen Türklopfen geweckt. Nina drehte sich einmal im Bett und nuschelte irgendetwas unverständliches.
"Ich wette, das ist Andrew!", sagte Alice und gähnte. "So kann nur er anklopfen." Und wirklich, nach einem "Herein!" von ihr, trat Andrew Commonly, Heiler in Ausbildung, ins dunkle Zimmer, schlug die Vorhange zurück und ließ einen hellen Sonnenschein hinein.
Nina verschwand sofort wieder unter ihrer Steppdecke und auch Alice drückte ihr Gesicht zurück in die Kissen.
"Ich schmelze...", tönte es dumpf unter Ninas Bettdecke hervor.
"Ach, meine Damen, stellen sie sich nicht so an!" Andrew riss die Fenster auf.
"Ich habe heute Nacht geschlagene vier Stunden versucht einer Patientin ihre Hörner zu entfernen, und sehe ich müde aus? Nein!" Wie als Beweis streckte er ihnen sein Gesicht entgegen: "Keinen einzigen Augenring! Außerdem wird in einer halben Stunde Mr. Ollivander hier sein, also erwarte ich, dass sie frisch und munter auf der Matte stehen." Alice sah in schräg an. "Wer wird da sein?", fragte sie.
"Mr. Ollivander verkauft die besten Zauberstäbe in der ganzen Zauberwelt. Seine Familie hat ein Geschäft in der Winkelgasse, dass seit 382 v. Christus existiert." Er zog seinen Zauberstab aus seiner Kitteltasche. "Meiner ist auch von ihm. Ich weiß noch, als ich ihn bekommen habe, war ich gerade 10...Ich musste etliche durchprobieren, bis er mich für sich ausgesucht hatte..." Er drehte den Zauberstab verträumt in seinen Händen. "Das ist aber auch ein Prachtstück." Alice blickte den Zauberstab interessiert an. "Darf ich ihn mal anfassen?", fragte sie Andrew.
Andrew reichte ihr den mit Schnörkeln verzierten Zauberstab. "Naturlich, aber machen sie ihn nicht kaputt!" Alice nahm ihn in die Hand und schwenkte ihn ein paar mal theatralisch hin und her. Wäre doch echt nicht schlecht, auch so ein Ding zu haben, dachte sie im Stillen. Bei einem besonders ausgiebigen Schwenker in Richtung Fenster, machte es einen lauten Knall und die Scheiben zerbrachen in viele kleinen Splitter.
Andrew blickte geschockt auf die kleinen glitzernden Scheibenreste, die jetzt vor dem Fensterrahmen lagen. Auch Nina kam unter ihrer Decke hervor und blickte erschrocken zur Fensterwand.
Mit einem lauten Aufschrei schmiss Alice den Zauberstab von sich, und er kullerte auf den Boden. "War ich das?", fragte sie geschockt. Andrew nickte blass, und hob den Zauberstab auf.
"Damit hatten sich deine Test's wohl erledigt." sagte er. "Du besitzt auf jeden Fall magische Krafte." "Was?" Alice schüttelte ungläubig den Kopf.
Nina guckte sie aus großen Augen an. "Ey, du bist sooooo cool!" Sie hüpfte aus dem Bett und postierte sich vor Andrew. "Gib her, ich will auch!!" Andrew schüttelte den Kopf und reparierte mit einem Schlenker seines Zauberstabes die Scheibe, die sich wie von alleine wieder zusammensetzte. " Wir werden schön auf Mr. Ollivander warten, wer weiß was du sonst noch hier anstellst!!" "Oooch!" Nina blickte niedergeschlagen zu Boden.
"Ich höre jetzt schon alle fünf Minuten die Fensterscheiben hier klirren!", sagte Andrew, und verließ das Zimmer.
Er ließ eine enttäuschte Nina und eine entsetzte Alice zurück.
Eine halbe Stunde später wurden Nina und Alice vom Chefheiler Smethwyck und Andrew in einen Raum, in dem sich ein Tisch mit sechs Stühlen befanden.
Albus Dumbledore und ein Mann mit schütterem grauem Haar, und blassen Augen, hatten schon auf zwei Stühlen Platz genommen. Als sie den Raum betraten zwinkerte Dumbledore ihnen zu.
Der Zaubereiminister Cornelius Fudge war nicht anwesend, was Alice mit Bedauern zur Kenntnis nahm. Sie hatte gehofft, er würde ihren Bruder mitbringen.
Vor dem grauhaarigen Mann stand eine riesige Tasche auf dem Tisch. Sie war aus dunkelbraunem Cord und sah schon ziemlich abgegriffen aus.
Alice wunderte sich, was er wohl darin mitgebracht hatte.
Smethwyck zog sich und Andrew jeweils einen Stuhl heran und wies Nina und Alice an, auf den übrigen Stühlen Platz zu nehmen.
"Meine Damen, das ist Mr. Ollivander." Der Mann mit den grauen Haaren nickte ihnen zu.
"Da wir ja bereits wissen, dass sie, Miss Freeman, in der Lage sind zu zaubern, würde ich sie bitten, Mr. Ollivander, sich doch erst ihr zuzuwenden, und ihr ein paar geeignete Zauberstäbe zum probieren zu geben!" Ollivander nickte und stand auf. Er öffnete umständlich seine große Tasche und beförderte kleine, schmale, längliche Schachteln zu Tage. Nachdem er die siebte Schachtel auf den Tisch gelegt hatte, steckte er seinen Arm in die Tasche, bis er bis zu den Achseln drin steckte. Nina guckte dem Schauspiel unglaubig zu, bückte sich dann und spähte unter den Tisch, weil sie vermutete, den Arm durch ein Loch dort baumeln zu sehen. Doch nichts dergleichen war dort. Die Tischplatte war vollig glatt und unbeschädigt. Sie schaute wieder nach oben und bemerkte, dass Ollivander soeben den Kopf in die Tasche gesteckt hatte. "Also irgendwo muss es doch sein", sagte er, und es hörte sich an, als wenn er in einen riesigen Saal hineinsprechen würde. Alice glaubte sogar ein Echo zu hören. Dumbledore bemerkte die verwirrten Blicke der Mädchen und lachte. "Mr. Ollivander's Tasche ist keine normale Tasche, sie ist so verhext, dass sie einen riesigen Stauraum hat.", erklärte er den beiden.
"Hah!" Ollivander kam mit einem triumphierten Ruf wieder aus der Tasche hervor und hielt ein kleines Maßband in der Hand. "Nun zu ihnen, Miss Freeman." Er ging in die Mitte des Raumes.
"Stellen sie sich bitte hier zu mir hin und sagen sie mir, welche hand ihre Zauberhand ist." Alice stutzte. "Ääh, ich habe noch nie gezaubert, also, weiß ich auch nicht, welche meine Zauberhand ist. Falls es ihnen hilft, ich bin Rechtshänderin..." "Perfekt." Ollivander rollte sein Maßband aus. "Strecken sie bitte diesen Arm aus." Er begann sie abzumessen. Zuerst von der Schulter bis zu den Fingerspitzen, dann vom Handgelenk zu den Ellenbogen, dann von der Schulter bis zu den Füßen und vom Knie zur Armbeuge, von Ohr zu Ohr uns noch den Abstand der Nasenlöcher.
"Gut.. Ich glaube ich habe etwas passendes dabei...", sagte er und ging zum Tisch zurück. Er fuhr mit den Fingern über die Schachteln und nahm dann eine in die Hand. "Hier," sagte er und hielt ihr einen Zauberstab hin, den er der Schachtel entnommen hatte. Alice nahm ihn zögernd in die Hand.
"Der ist aus Buchenholz, neun einhalb Zoll, schön elastisch, im Kern befindet sich das Haar einer Elfe... Schwenken sie ihn ein wenig!", sagte er und wedelte mit seinen Händen.
Alice kam sich reichlich dumm vor, einfach da zu stehen, und mit einem Zauberstab in der Gegend rumzuwedeln. Nach ein paar Sekunden zog Ollivander ihr den Stab wieder aus der Hand und reichte ihr einen anderen.
"Holz der peitschenden Weide." Er lächelte Dumbledore zu. " Elf zoll, mit ein klein wenig Drachenherzfaser. Na los, schwenken sie!" Alice wackelte mit dem Zauberstab. Als nichts geschah entriss Ollivander ihn ihr wieder und gab ihr noch einen. "Sooo, das ist Elfenbein mit Einhornhaar. Zehn Zoll, sehr federnd... Schwenken, meine Liebe!" Als Alice ihren Arm hob um den Zauberstab wie befohlen zu schwenken, passierte etwas seltsames. Ihre Finger wurde warm und als sie mit dem Stab ausholte, sprotzelten kleine blaue Funken aus der Spitze hervor.
Ollivander begann zu lächeln. "Ja", sagte er. "Eine schöne Verbindung! Mit dem werden sie noch viel Freude haben!" Alice betrachtete sich den Zauberstab misstrauisch. Er war war weiß und vom Griff bis zur Spitze schlängelten sich kleine, karamellfarbene Linien. Sie blickte zu Nina, die ihr begeistert zunickte. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl und sah Smethwyck an. "Kann ich jetzt echt zaubern?" "Sieht so aus!", erwiderte der.
Nina sprang entflammt von ihrem Stuhl.
"Ich will auch!", rief sie und blickte begierig auf die Schachteln, die Ollivander auf dem Tisch aufgebaut hatte. "Bei ihnen müssen wir erst noch uberprüfen ob sie überhaupt magisches Potenzial haben" sagte Smethwyck. Nina lies sich wieder bedröppelt auf den Stuhl nieder. "Ohhh..."
Nach einer Vielzahl fehlgeschlagener Versuche, Kraft ihrer Gedanken, etwas anzukokeln, etwas fliegen zu lassen, etwas zu bewegen oder sich überhaupt einfach mal nur zu konzentrieren, gab Nina schließlich auf.
Auch Dumbledore, Smethwyck und Andrew sahen sich ratlos an.
"Ich schlage vor Andrew bringt sie zurück in ihr Zimmer" sagte Smethwyck.
Nina nickte niedergeschlagen, stand auf und verließ schweigend mit Alice und Andrew den Raum. Zurück in ihrem Zimmer lies Nina sich aufs Bett fallen und kramte samtliche Süßigkeiten hervor, die sie noch übrig hatte.
Alice und Andrew sahen sie beide besorgt an. "Ich muss jetzt erst mal was essen!", sagte Nina. "Ihr wisst ja wenn ihr etwas braucht ruft nach mir", sagte Andrew. Alice nickte schweigend und setzte sich auf ihr Bett während Andrew das Zimmer verließ. Während von Nina Knister- und Schmatzgerausche kamen, besah Alice sich noch einmal ihren neuen Zauberstab. Ihr Bruder würde ihr nie im Leben glauben, was sich die letzten drei Tage ereignet hatte. Wenn er doch nur hier wäre... Ein zögerndes "Alice!" riss sie aus ihren Gedanken. "Was?" murmelte sie abwesend, den Blick nicht vom Zauberstab wendend.
"Alice, bitte guck doch mal!" Ninas Stimme klang irgendwie seltsam.
Der Anblick, der sich ihr bot, als sie hochschaute, war unbegreiflich.
Nina saß auf ihrem Bett inmitten ihrer Süßigkeiten, die schwebten. Sie kreisten um sie, wie die Planeten um die Sonne. Nina grinste: "Siehst du? Ich kann es doch!" Sie pflückte sich eine Bertie Botts Bohne aus der Luft und schob sie sich in den Mund. Mit langsamen Schritten naherte sich Alice dem Schauspiel. "Wie machst du das?", fragte sie Nina.
"Ich weiß es nicht!", erwiderte diese. "Ich hab mich bloß auf die Süßigkeiten konzentriert, und hab versucht eine Bohne schweben zu lassen, und auf einmal waren die Dinger alle oben!" Sie kicherte.
Langsam hob Alice eine Hand, um sich einen Schokofrosch zu nehmen, der hilflos mit den Beinen in der Luft paddelte, als die Tür zu ihrem Zimmer aufflog und ein lautes "Aaaaaaaalice!" ertönte.
Mit einem Schlag fielen alle Süßigkeiten auf den Boden und Alice wurde von zwei starken Armen in eine Umarmung a la Schraubzwinge gedrückt.
Nina ließ ein verargertes "Ey, du hast meinen Trick kaputt gemacht!" hören, als sie den Mann mit den honigblonden Haaren und der Brille erkannte: "Alex!" "Du kleine doofe Schwester, warum hast du dich nicht gemeldet? Ich bin tausend Tode gestorben, nachdem ich gestern Abend gemerkt habe, dass du nicht da warst!", sagte er zu Alice, deren Gesichtsfarbe langsam Blautöne annahm.
"Gestern Abend? Ich bin seit Tagen hier!", keuchte sie entrüstet. "Hast du wieder die ganze Zeit vor dem Computer gesessen und gearbeitet?" "Wie kommst du denn da drauf?", sagte er und hielt sie an den Schultern eine Armlänge von sich weg.
"Ja, wenn du erst gestern bemerkt hast, dass ich nicht da bin, dann hast du wahrscheinlich die ganze Zeit gearbeitet!" Auf Alex Gesicht bildete sich ein Erwischt- Ausdruck. "Ist doch jetzt auch egal! Als ich gestern Abend den Anrufbeantworter abgehört habe, war die die bescheuerteste Nachricht drauf, die ich je gehört habe. Ein Mann schrie in den Hörer, dass du in einem Hospital liegen wurdest, von dem ich noch nie gehört hatte und dass die mich morgen höchstpersönlich abholen würden! Ich habe in der Nacht kein Auge zugetan!" Alle drei fuhren herum, als sich die Tür plötzlich offnete und ein Mann in einem pinkfarbenem Morgenmantel und mit einem bombastischen Elchgeweih ins Zimmer getrabt kam.
"Oh! Verzeihung, ich hab mich im Zimmer vertan! Tut mir Leid", sagte er röhrte einmal laut und schloss dann die Tür wieder.
Alex sah Alice mit einem sonderbaren Gesichtsausdruck an.
"Alex..., tu jetzt nichts falsches!", sagte Alice beschwichtigend. Doch kaum das sie sich versah, hing sie schon wie ein Sack Kartoffeln uber der Schulter ihres Bruders, der sich mit einem "Wir gehen!" von Nina verabschiedete.
Die Tür öffnete sich schon wieder, und Andrew betrat mit einem Tablett auf dem eine Teekanne und zwei Tassen standen das Zimmer.
Er sah auf, entdeckte, das ein ihm unbekannter Mann seine Patientin kidnappen wollte. Er ließ das Teetablett fallen und zog seinen Zauberstab und fuchtelte damit vor Alex Nase herum.
"Was machen sie da mit Miss Freeman?", rief er hysterisch.
"Wer sind sie denn?", fragte Alex ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Lassen sie sie sofort los, oder ich muss zu härteren Mitteln greifen!" Wie als Beweis, piekte er Alex mit der Zauberstabspitze in die Nase.
Alex senkte den Kopf, atmete einmal tief ein und aus. Er hob seine freie Hand und versetzte Andrew einen Faustschlag direkt auf die Nase.
Andrew taumelte zurück und hielt sich die blutende Nase. "Aua, aua!" wimmerte er. "Nicht schon wieder!" Alex schob ihn beiseite, während Alice keifte: "Was machst du da? Er ist ein Heiler!" "Ein was?", fragte Alex irritiert.
"Andrew Commonly ist ein Heiler in Ausbildung! So was wie ein Arzt!" "Oh... Schade dass ich das erst jetzt erfahre!", rief er. "Aber trotzdem, wir gehen!" Alice trommelte ihm mit der Faust auf den Rücken. "Ich will aber nicht gehen!" "Wieso das denn?" "Lass mich runter, und ich erkläre dir alles!"
