Harry sah auf, als er das Gefühl hatte, dass man ihn beobachtete. Nun, nicht, dass ihn die meisten Anwesenden nicht immer wieder kurz mit ihren Blicken streifen würden, doch irgendjemand beobachtete ihn. Für einen Moment traf sein Blick wieder auf die graublauen Augen von Lucius Malfoy. Dieses Mal sah Dracos Vater eilig zur Seite, bevor Harry den Blick abwandte.
"Ulme", sagte er aus einem unvermittelten Impuls heraus. "Wofür steht Ulme, Luna?"
"Tod und Trauer", kam Hermiones Antwort, noch bevor Luna den Mund öffnen konnte, um zu einer Antwort anzusetzen. "Und wie kommst Du jetzt ausgerechnet auf Ulme? Wessen Stab ist denn aus Ulme?"
Harry konnte sehen, wie Hermione in Gedanken die Stäbe ihrer Freunde und Bekannten durchging. "Lucius Malfoys Stab ist aus Ulme", sagte Harry. "Oder besser, er war aus Ulme. Riddle hat versucht mich mit ihm zu töten, als wir den Ligusterweg verlassen haben."
Alleine durch die Worte, kam die Erinnerung wieder hoch. Wie Voldemort durch die Luft geflogen war, den Stab auf ihn gerichtet. Wie sein eigener Stab sich von selbst verteidigt hatte. Wie der andere Stab zerbrochen war, Malfoys Stab, wie er inzwischen wusste, den Voldemort sich von ihm genommen hatte, in der Annahme, dass die Zwillingskerne der Grund für sein Scheitern gewesen waren, Harry zu töten.
"Mal-foy?" Hermione betonte die beiden Silben vielsagend als würde sie sich nicht im Geringsten vorstellen können, warum sich Harry dafür interessierte.
"Wie passend", schnaubte Ron seinen Kommentar.
"Tod und Trauer sind die häufigsten Assoziationen für die Ulme", sagte Luna mit ernstem Gesichtsausdruck. "Aber es ist nicht das einzige Attribut, das dem Baum zugehörig ist. Die Ulme ist auch ein Symbol für Fürsorge und Schutz."
Ron zog eine Augenbraue hoch. Hermione runzelte die Stirn. Doch Harry musste gestehen, dass in diesem Moment auch diese Bedeutung für ihn Sinn machte. Sein Blick glitt erneut hinüber zu den drei Malfoys. Erst jetzt bemerkte er, dass Narzissa und Lucius Malfoy leicht geneigt zu ihrem Sohn saßen, so dass ihre Hände hinter seinem Rücken aus seinem Sichtfeld gerückt waren. Er war sich auf einmal sehr sicher, dass sich die Hände berührten, dass die eine die andere fest umschlossen hielt, hinter dem Rücken ihres Sohns, den sie offenkundig doch mehr liebten als es sich Harry hätte vorstellen können – vor diesem Tag.
Harry konnte für den Bruchteil eines Augenblicks Lucius Malfoys Blick fast scheu auf ihm ruhen sehen, bevor er erneut eilig wegsah als hätte er Angst davor, Harry wirklich in die Augen zu sehen.
Harry bemerkte, wie alleine die drei dort hinten saßen, nicht sicher, ob sie dazu gehörten oder nicht, ob sie irgendein Anrecht darauf hatten, noch hier sein zu dürfen. Aber niemand hatte sie weggeschickt. Niemand hatte Lucius Malfoy verhaftet. Dennoch gehörten sie auch nicht dazu und Harry hatte unvermittelt das Gefühl, dass jemand aber genau das klar stellen sollte. Er dachte an Dumbledore in dem Kings Cross irgendwo zwischen Leben und Tod und seine Worte von den Familien, die nicht auseinander gerissen werden sollten.
"Der Zauberstab wählt den Zauberer", sagte er mehr zu sich als zu den anderen beiden. Es war Luna, die nickte und genau verstand, was Harry damit sagen wollte, anders als Ron in diesem Moment, dessen Gesicht ein einziges Fragezeichen war.
"Ehrlich", grummelte er. "Fürsorge und Lucius Malfoy? Albern." Aber während er die Worte sprach wirkte er nicht mehr wirklich so von ihnen überzeugt. Harry hatte noch Lucius Malfoys Stimme im Ohr, als er panisch nach seinem Sohn geschrien hatte, als er zusammen mit Narzissa durch die Reihen der Todesser gerannt war, durch die kämpfendenen Lehrer und Schüler und Ordensmitglieder, ohne sich für ihre Kämpfe zu interessieren. Er konnte noch gut die Angst aus den Worten hören, die zweifelnde Seelenqual über die Unwissenheit, ob Draco am Leben war oder tot.
Wenn Lucius Malfoy sich keine Gedanken mehr darüber machte, wie er in diesem Augenblick auf die anderen wirken mochte, sich keine Gedanken um seinen persönlichen Nutzen machte, seinen Vorteil, seine Stellung, keine Gedanken machte um planvolles Vorgehen, um eine Möglichkeit Profit zu machen, etwas zu erreichen – dann musste dieser verbleibende Rest sein wahres Ich sein, hinter der Fassade, die Harry so oft gesehen hatte.
Dieses Mal sah Harry so unvermittelt zu Lucius Malfoy hinüber, dass er nicht schnell genug wegsehen konnte. Harry kannte den Blick aus den graublauen Augen, hatte er doch mehr als einmal in sie geblickt und die Kälte und Abneigung gesehen, selbst, wenn die Gesten betont höflich und unwirklich freundlich wirkten.
Jetzt war nichts von beiden in seinen Augen zu sehen, nur Unsicherheit und Zweifel und für einen Moment die Scham darüber, ertappt worden zu sein, dass er wieder und immer wieder zu ihm hinüber sah. Lucius Malfoy senkte den Blick und Harry biss auf seine Oberlippe. Er wusste, dass irgendeiner den Anfang machen musste, wenn es einen wirklichen Anfang nach dem Ende geben sollte und er wusste auch, dass es in diesem Moment außer ihm vielleicht niemand verstand.
"Entschuldigt mich bitte einen Moment", sagte Harry, als er aufstand. Er sah, aus dem Blickwinkel, wie Ron sich zu Hermione beugte und mit ihr ratlos flüsterte. Doch Luna lächelte nur mit einer Art geheimen Zustimmung und Verständnis. Ein paar verwunderte Blicke folgten ihm, als er zu den Malfoys ging, zu welchen alle anderen in unausgesprochener Übereinstimmung ihren Abstand hielten.
Draco sah als erster auf, dann seine Mutter. Harry sah zu ihnen herunter, wie sie eng zusammengerückt dasaßen mit eingezogenen Köpfen wie Spatzen im Regen oder ein Kind, das die Strafpredigt seiner Eltern fürchtete. "Darf ich mich setzen?", wollte Harry höflich wissen und in diesem Moment verebbte die Unterhaltung in der Großen Halle.
Erst jetzt sah Lucius Malfoy auf, so fest hatte er seinen Blick dieses Mal vor sich gesenkt, um nicht wieder Harrys Blick auf sich zu ziehen. Harry sah im ersten Moment den kurzen Schrecken, den er alleine mit seiner Anwesenheit und seinen laut ausgesprochenen Worten verursacht hatte. Dann rang Lucius Malfoy mit Worten, ohne welche finden zu können. Er schluckte, versuchte zu verstehen und scheiterte.
Schließlich nickte er und Harry setzte sich. Die Lücke zwischen den Malfoys und dem Rest der Zaubererwelt schrumpfte in diesem Moment ein kleines wenig zusammen. Irgendjemand musste immer den Anfang machen.
- Ende -
