Titel: Coda 2.3 [Kapitel 2/4
Autor: liriaen
Pairing: HP/DM, BZ/DM, SS/HG und... thing.
Rating: FSK-16
Disclaimer: Danke, JK Rowling, William Gibson, Roger Zelazny - kein Geld, nur Liebe.
Wortzahl: 7.140
Kapitel 2: Harry hadert, Draco sucht professionelle Hilfe (bei Blaise), und Severus erlebt eine Überraschung.
Warnungen für dieses Kapitel: Mißbrauch von Drogen, Créole und Rainer Werner Fassbinder.


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Coda 2.3
Kapitel 2

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Severus duldet Hermiones Gefummel in seinem Haar mit, wie er findet, bewundernswerter Geduld. Er nimmt an, daß ihr inneres Kind niemals mit Puppen gespielt, sondern sich schon früh zwischen Büchern verirrt hat. Damit die arme Seele Ruhe hat, und weil es im Labor praktisch ist, gestattet er ihr morgens, sein Haar zu flechten.

Gerade steigt ihm ein tiefes Brummen in die Kehle, das er umzuleiten weiß: "Hat Potter sich jetzt eigentlich nachsehen lassen? Oder ist das unter seiner Würde, als unser aller Held und Retter?"

Hermione schnippt einen Gummiring nach seiner nackten Schulter, ehe sie den Zopf schließt. "Wirklich, Severus... Als er das von Draco gehört hat, ist er beinah explodiert. Dabei hab' ihm nur dasselbe gesagt wie du mir: daß es kein Virus ist, aber eine pathologische Unregelmäßigkeit, und daß er besser zum Scan geht."

"Ist er?"

"Nein, er hat nur ein paar Funktionstests gemacht. Auch nicht bei den Parzen, sondern bei den Neuro-Schamanen, die jetzt in der Neuen Winkelgasse sind."

"Exakt, was ich erwartet habe: Arrogant und töricht, wie sein Vater." Mit einem Stoßseufzer windet Severus sich von der Bettkante und schlüpft in eine grobe Hose mit Kordelzug sowie ein graues, chinesisches Arbeitshemd.

"So siehst du nach Shaolin-Mönch aus", bemerkt sie, den Kopf in die Hand gestützt. Erstaunlich, denkt Severus: Die Feindseligkeiten in ihrem Compound müssen eine neue Stufe der Eskalation erreicht haben, wenn sie sich schon keine Mühe mehr macht, Potter zu verteidigen. "Wo ist eigentlich Draco?", lenkt sie weiter ab.

Severus deutet auf seinen linken Arm. "Madam Pince war so unverantwortlich, ihm einen Floh ins Ohr zu setzen."

"Oh?"

"Wenn alles gut geht, ist er übermorgen wieder draußen", sagt er wegwerfend.

"Du machst dir Sorgen."

"Unsinn", ruft er, während er mit klappernden Geta in Richtung Vorratslager schlurft. "Ich wage nur zu bezweifeln, daß jetzt der richtige Zeitpunkt ist."

Gemessen daran, daß das Gehör des Jungen von 2 bis 22.000 Hertz reicht, kann er für gute Ratschläge verblüffend taub sein.

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"Scheiße!" Harrys Gebrüll ist laut genug, um Ron fast den Getränkebecher aus der Hand zu hauen. Er stellt den Espresso in einen fleckigen Halter und legt vorsichtig die hundert Jahre alte Pentode zur Seite, die er gerade einstecken wollte. Die Dinger sind zu selten und zu teuer, um sie fallen zu lassen.

"Was ist, Mann?" Er trocknet sich die Pfoten an einem Wischlappen, beugt sich besorgt über Harry, der breitbeinig auf dem Boden sitzt und belämmert zu ihm aufschaut - wie ein Junge, der versehentlich ein Spielzeug zertrümmert hat.

"Ich glaub', das Ding implodiert gleich."

So, wie Harry es sagt, würde Ron normalerweise grinsen. Er ahnt jedoch, daß das unklug wäre - hier liegen Nerven blank.

"Malfoy, ich sag's dir. Seit der Arsch seine Finger drin hatte, funktioniert nichts mehr. Ich habe schon alles durchgekämmt, mit Desinfektionsmittel geputzt, aber..." Harry schüttelt desolat den Kopf.

"Soll ich bei Malfoy vorbeischauen und ihm die Knie brechen?"

Na bitte: Harry kann doch noch lachen. "Du bist ein Freund, Ron. Nee, laß mal. Solang er seine Kartonschneider hat, wäre das eine schlechte Idee." Dann krumpelt er wieder über seinem Laptop zusammen. Nachdenklich streicht er mit der Linken über die Korallen-Intarsien. "Ich frag' mich nur, was er damit angestellt hat. Egal was ich mache, die Hierarchien sortieren sich um. Und angeblich ist der Massenspeicher voll. Was überhaupt nicht sein kann." Bedröppelt schaut er auf die Snitche, die langsam wie Schnecken kriechen.

"Also doch Knie brechen." Ron schnappt zwei Dosen Bier aus dem Eis, wirft eine Harry zu. "Wie wär's, wenn du das Problem für morgen aufhebst? Du sitzt schon wieder seit heute morgen dran." Er knackt seine Dose auf, nimmt einen tiefen Schluck: Vorsichtig auftreten wird nicht helfen, also Augen zu und durch. "Soll ich ehrlich sein, Harry? Du verelendest ein bißchen. Du riechst auch nicht mehr so frisch. Paß auf, Vorschlag: du stellst dich jetzt unter die Dusche, gönnst dir einen Rasierzauber, und dann gehen wir in die Neue Winkelgasse und trinken uns blind."

"Kann es sein, daß du ohne Hermione schnell viehisch wirst?" Würde Harry bei dieser Bemerkung nicht amüsiert den Kopf schief legen, sich nicht nachlässig in der Jeans kratzen, wäre Ron beleidigt. So aber sind sie auf Anhieb ein Herz und eine Seele.

Unschuldig hebt Ron die Hände. "Was immer es braucht. Häng' hier nicht so rum; mehr sag' ich gar nicht."

Harry grabscht die Dose und trinkt. Mit einem letzten Blick auf sein Desktop legt er den Sandbender schlafen, nimmt das Bier mit in ihr gammeliges Waschmodul.

Ron schaut derweil zufrieden auf sein Konsolenreich. Seine Hard- und Software ist eine Bastion. Eine mit messerscharfem Stacheldraht bewehrte Festung aus der Zeit, da Voldemort mehr als 80 aller Netze beherrschte. Ron hat es noch nicht über sich gebracht, die massiven Verschlüsselungen und aufwendigen Spiegelschalten zurückzunehmen. Ein gewisses Maß Paranoia gehört zur Hackernatur, und Ron sieht keinen Fehler darin, wenn ihr Netz autark bleibt.

Oft träumt er davon, es einzustülpen, sie in einer vollkommen sicheren Enklave in der Matrix zu verankern, so, wie die Freien Nationen, aber ohne Harry und Hermione ergibt das wenig Sinn. Allein auf einem Bündel Vektoren zu sitzen, bringt's auch nicht.

Während Harry in der Dusche trällert, kontrolliert Ron beiläufig die Auslastung. Und was er plötzlich unter 'ausgehend' sieht, gefällt ihm gar nicht: fünf Feldstärken raus, im Gegensatz zu einer rein?

Drei, vier Kommandos später ist die Quelle geortet: Harrys Laptop hat sich eingewählt, und das, obwohl er augenscheinlich im Standby ist. Harry hat recht - das Teil spinnt. Nur gut, daß Harry im Bad ist, denn wenn er sähe, wie Ron den Sandbender crasht, ihn mit Gewalt am Neustart hindert, hätten sie sofort wieder Zoff.

Mit geschlossenen Augen zählt Ron bis zehn, prüft erneut die Transfer-Rate: Ein und Aus sind jetzt gleich, der diskrete Flow an der Adresse einer fingierten Firma. Ron ertappt sich dabei, wie er beim Ausatmen nach dem Laptop schielt.

In dem Moment stelzt Harry herein, die Haare in ein verfärbtes Handtuch gewickelt. "Also. Wohin zuerst?"

Verlegen reibt Ron sich den Nacken. "Och", schaut er auf, "der Abend ist jung, die Ausgangssperre aufgehoben. Wir können uns einfach vorwärts saufen. In Soho hat 'ne neue Themenbar aufgemacht, hab' ich gehört; Vintage-Zeugs, alles echt, keine Holodecks. Wär' das was?"

Harry schlüpft in ein Paar schwarzer Cargohosen, von dem Ron schwören könnte, daß sie einmal Malfoy gehört haben. "Klar, warum nicht. Nach den letzten Tagen bin ich froh, wenn ich nicht porten muß."

Bevor Ron die Alarmanlagen aktiviert, klatschen sie einander ab. Ron ist erleichtert: Er hat seinen besten Freund zurück.

Blaise schießt der gefälschte Champagner aus der Nase. Er droht, mit dem Oberkörper auf die Tischplatte zu klappen und muß sich an seinen Dreadlocks hochziehen. Kaum hat er sich beruhigt, prustet er wieder los.

Draco stochert derweil ärgerlich in einer Schale Sesamkrebse herum. Er klemmt einen Krebs zwischen zwei Klingen und wirft ihn sich in den Mund. "Du bist ein echter Freund", kaut er.

"Laß mich das wiederholen, das ist zu gut." Blaise lehnt sich über den Tisch, und die Ritualnarben auf seinen Backen zucken heiter. "Du bist eine digitale Schlampe, das ist jetzt offiziell, ja?"

"So feinfühlend, Zabini", sagt Draco und schaut dabei an die Decke. "Dieses Dekor langweilt mich." Er überfliegt rasch das Menü: Ziemlich weit unten, in der Sparte 'Retro', findet er einen Eintrag 'Hellraiser', was unglaublich keimig klingt. Er kann sich nicht das Geringste darunter vorstellen; Grund genug, die entsprechenden Ziffern in das Touchpad in der Mitte des Tischs einzugeben.

"Whoa." Blaise schreckt zurück, als Ketten und Haken aus Decke, Wänden und Boden rasseln, fängt sich jedoch bald und bekommt einen neuen Lachanfall. "Ach, Draco, preislos. Du bist preislos. Genau das Richtige, um deinen neuen Arm zu feiern."

"Ich weiß nicht, was du meinst. Schau her: Das ist mein 'Draco ist nicht amüsiert'-Gesicht. Mein Arm tut weh, die Netzquarantäne treibt mich in den Wahnsinn, ich wohne in einem Sarghotel, was schlimm ist, aber nicht so schlimm, wie Granger nackt Frühstück machen zu sehen, und mich reitet ein Loa, ohne daß ich's merke."

Blaise giggelt. Seine Optikchips sind gut, doch Draco ist schneller, sodaß sein Kichern abrupt mit einer Klinge unter der Nase endet.

"Mein Gott, wie viele Nasenringe noch? Pustet dir der Schnee nicht zu den Seiten raus?" Blaise hält den Atem an, während Draco mit der Klinge abzählt. "Sechzehn. Ist das 'ne magische Zahl bei deinen Leuten?" Möglich, daß er es nicht meint, aber so, wie er es sagt, klingt 'deine Leute' nach Beleidigung.

Nach der kleinen Show plumpst er ächzend zurück in das Stahl-Leder-Konstrukt, das anscheinend zum Menü gehört. Das Dekor ist bis jetzt womöglich das schlimmste, aber zur Not kann er es ausblenden. Was er nicht so leicht abschalten kann, ist der frische Wundschmerz. "Im Ernst", sagt er, ruhiger. "Es ist nicht witzig, und ich fühle mich beschissen."

Fürsorglich schenkt Blaise ihm nach, hebt die mit massivem Silber und Fötusknochen beringten Hände. "Verstanden. Amnestie."

"Mhh." Draco schaut konzentriert auf die Finger seiner Linken und zwingt sich, sie einer nach dem anderem um den Stiel des Glases zu legen. Der Kelch zittert eine Sekunde, dann hat er ihn. "Erzähl' mir was über Loa?"

Blaise grinst. "Was weißt du noch nicht?"

"Was mir die Parzen nicht sagen. Oder selber nicht wissen. Ich meine, nichts gegen einen Daemon - so'n praktisches kleines Hilfsprogramm? Kann man immer mal gebrauchen. Aber muß es gleich Besessenheit sein?" Hinter der Blendenöffnung von Dracos Augen spulen Lexikoneinträge ab, die er schon an die hundert Mal gelesen haben muß. "Blabla... lwa oder loa bedeutet geistiger Führer und bezeichnet ein normalerweise freundlich gesinntes Geistwesen, bla... die Vorstellung von der Macht der Loa ist älter als die Voodoo-Religion selbst, bla... afrikanische Wurzeln. Guter Scherz. Und," Draco pausiert dramatisch, "der Punkt, wo du ins Spiel kommst, du überzüchteter karibischer Traumprinz."

"Ich kann auch gehen, chéri."

"Nein", Draco reicht über den Tisch, mit links, was dumm ist. Er japst und muß sich mit rechts abstützen. "Nein, bitte."

Blaise setzt sich wieder. "Schmerz essen Manieren auf, hm?" Die Katzenschlitze in seinen gelben Augen verengen sich geringfügig, doch er lächelt. "Es ist ungewöhnlich, Loa bei 'deinen Leuten' zu finden. Ich nehme an, du weißt, wer dich reitet?"

Draco schüttelt frustriert den Kopf. "Keine Idee. Absurd, oder?"

Mit einem Griff in die Ketten und Stahlrahmen, die um sie herum aus der Erde gewachsen sind, turnt Blaise über ihn, wippt in einen langsamen, lasziven Aufschwung. Erst als er kopfüber hängt, seine langen Dreads ein Medusenhaupt, antwortet er: "Gar nicht. Seit die Ahnen online gegangen sind, haben wir eine Menge neuer Loa. Nicht alle sind richtige Götter. Ich meine, klar, Samedi, Legba... Erzulie... Ogoun... kennen wir, old school. Aus Benin und Haiti allein kommen siebzig, achtzig offizielle Loa, aber durch das Netz sind es mehr geworden. Und nicht alle stellen sich einem höflich vor." Er macht eine Rolle in den Ketten. "Hast du ein Vévé?"

"Du meinst das Zeichen, mit dem man es ruft? Nee. Nichts." Mißmutig runzelt Draco die Stirn. "Halt, warte." Es muß eine plötzliche Eingebung sein, oder das Biest möchte den Houngan beeindrucken. Wäre ja typisch - mit ihm Schlitten fahren, aber sich bei Blaise einschleimen... Ohne hinzusehen, kritzelt er etwas auf eine Serviette, schiebt sie an den Rand des Tisches.

Blaise landet neben ihm. "Hübsch", lacht er. "Sterne malen mußt du noch üben."

Es ist tatsächlich nur ein fünfzackiger, schiefer Stern.

"Okay, ich hab' die Nase voll", seufzt Draco. Er steckt einen Kreditchip in das Lesegerät am Touchpad, so falsch wie der Champagner, und schnappt seine Jacke. "Blaise - danke. Wenn ich mehr hab', meld' ich mich, einverstanden? Ich habe jetzt eine dringende Verabredung mit einer Klinikpackung Morphin-Derivate."

Am Ausgang holt Blaise ihn ein. Er wickelt einen Arm tief um Dracos Bauch und beißt ihn sacht unterm Kinn. "Hydrocodon im Schlafsarg? Was für traurige Aussichten. Komm', da habe ich Besseres daheim. Außerdem hab' ich deinem neuen Körperteil noch gar nicht richtig hallo gesagt."

Dracos Genick fällt auf Blaises Schulter. Seine Zähne blitzen kurz in den Nachthimmel, dann folgt er Blaise wie eine hungrige Hyäne.

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Unter seinen imaginären Lidern gleißt es, schiefergrau wie ein toter SimKanal. Im Makro sieht er das Gewebe der Welt, das Kreisen von Atomen, und er jongliert mit der Idee, sie umzuschichten: sie neu anzuordnen, ein für allemal von Webfehlern befreit.

Nur ist er zu dünn über die Atmosphäre gestreckt, so durchscheinend, daß er befürchten muß, unter der Oberflächenspannung zu reißen, zu zerplatzen wie ein Wassertropfen.

Daß sein Wille allein nicht genügt, um zusammenzufließen, irritiert ihn; der Widerspruch zwischen seinem molekularen Gedächtnis und dem Machbaren ist ein Paradox, das zeitweilig alle verbliebenen Systeme in Anspruch nimmt. Es sind nicht viele - was von Voldemort übrig ist, hat weniger Substanz als die verdampften Schatten von Atombomben-Opfern -, aber sie kriechen über dem Planeten zusammen wie Fäden aus binärer DNA.

Vor Potter war Schmerz etwas Abstraktes, ein Zustand minderwertigen Materials, mit dem er keine Nachsicht kannte. Seit der Zerstörung des letzten Horcrux, der siebten Partition, existiert Voldemort nur noch in Partikeln, und aus der Abstraktion ist etwas Fühlbares, Quantifizierbares geworden.

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So, wie er in die Luft guckt, kann er in der letzten Zeit nicht oft rausgekommen sein: Die meisten der beleuchteten Fassaden und Reklamen, die neueren Werbe-Holographien und -Projektionen sind Draco offenbar fremd, und immer wieder legt er den Kopf ins Genick.

"Huh. 'Ne Menge Strom, die sie da verblasen", bemerkt er Richtung Blaise.

"Erst nur Militär und Industrie", hebt Blaise die in Pelz verpackten Schultern, "und jetzt jeder, der sich leisten kann, das Kartell zu bestechen. Die Außenbezirke sind immer noch dunkel. Hart, draußen."

Draco erwidert nichts, sondern stopft die Hände tiefer in die Taschen seiner Jacke. Zwei Straßenecken von Blaises Wohnung entfernt bleibt er abrupt stehen.

"Warum ist es beleuchtet?", fragt er ausdruckslos.

Blaise folgt seinem Blick. Keine Meile entfernt ragen die Ruinen von Malfoy Tower in den Himmel: Flutlicht leckt an den unteren Stockwerken, und aus den bis vor kurzem noch blinden Fenstern blinken grüne Baulampen und die Funken der Schneidbrenner. "Matsuda hat es aufgekauft; wußtet du das nicht? Ich meine, hätten sie dich nicht kontaktieren müssen?"

Nach ein paar Sekunden geht Draco kopfschüttelnd weiter. "Wenn ich mich recht entsinne, ist mein legaler Status eher... fragwürdig." Er zieht den Kopf zwischen die Schultern. "Wer weiß, wozu's gut ist."

"Matsuda will nur den Baugrund. Heißt es", sagt Blaise hinter ihm. Als er Draco eingeholt hat, schiebt er ihn mit dem Rücken an eine Hauswand. Draco muß müde sein. Oder wirklich Schmerzen haben. Anders kann Blaise sich seine Gleichgültigkeit nicht erklären.

Er rahmt Dracos blasses Gesicht mit den Fingern, hält es in die Reflektionen des Nachtlichts. Ihr Atem kräuselt sich in der Kälte, und als er sich dabei ertappt, Dracos Stirn zu küssen, fällt ihm einmal mehr auf, wie verdammt überzeugend Loas sein können, auch ohne Trance. Seufzend pustet er ihm in den Haaransatz - bis Draco ihm aus den Fingern schlüpft: "Bist du jetzt völlig weich, oder was? Du weißt, wo du dir dein Mitleid hinstecken kannst, Zabini."

Blaises Lachen hallt durch die baufällige Häuserschlucht. Irgendwo tief in ihm lächelt Ghede. "Si koko te gen dan li tap manje mayi griye... Ich weiß auch, wo ich es dir hinstecken könnte", raunt er. Seine Zahnreihen sehen im Dunkeln auf einmal unfreundlich aus. "Dein Loa riecht nach Milch, Malfoy. Zart und weich, mit weißem Fleisch. Ghede ist noch unentschieden, ob er es fressen oder ficken möchte."

"Mein Gott, was kann daran so schwer sein", stapft Draco grimmig weiter. "Wenn dein Monsieur Ghede sich halbwegs klug anstellt, kann er beides. Seine Chancen dafür stehen fünfzig-fünfzig."

"Ah, das ist mein Draco." Blaise schlingt expansiv einen Arm um die schmächtigen Schultern und gibt ihm eine Kopfnuß. Dabei ignoriert er das leise tchk! der Klingen, die in Selbstverteidigungsmodus gehen. "Agnostiker bis zum Schluß."

"Du meinst, wenn ich sterbe, verstehe ich auch die Pointe?"

"Wahrscheinlich nicht. So schlecht, wie du zuhörst."

Mit zwei Fingern tippt Blaise den Zugangscode zu seiner Etage, während Draco betont unbeteiligt die Straße hinunter schaut. An die unscheinbare Wellblechtür schließt sich ein Portal auf Stahlschienen an, das lautlos für sie aufgleitet.

Im vierten Stock schmeißt Draco sich auf das in eine Nische im Loft gebaute Bett, so selbstverständlich, als wohne er hier. "Reizende Schrumpfkopfsammlung", frotzelt er, die Hände hinter den Kopf gelegt: Über ihnen baumelt ein Kuriositätenkabinett, mit Tauen aus Haar an die Stahlstreben geknüpft.

Blaise bringt eine Räucherschale zum Glühen und schnippt sie mit seinem Elfenbeinstab in eine träge Umlaufbahn. "Vorurteile, Draco", wedelt er durch den Rauch, "und dann auch noch vom falschen Kontinent." Damit krabbelt er auf den harten, schwarzen Futon, wirft seine Pelzjacke ab und beginnt, summend in einer geschnitzten Truhe zu kramen.

Draco lehnt sich neugierig vor. "Kommt jetzt der Teil, wo du in Hühnerblut badest und in Zungen sprichst?"

Blaise schnalzt nur tadelnd mit der Zunge. Dann drapiert er sich Dracos rechten Arm über den Schenkel. "Nein, jetzt kommt der Teil, wo dir die Augäpfel zurückrollen würden, wenn du noch welche hättest." Draco schiebt sich näher heran, reibt die Stirn an Blaises Schulter und begutachtet die winzige Nadel. "Mhh. Nett." Blaise kann dabei seine Zungenspitze sehen.

"Du bist gierig, Malfoy."

"Uh-huh. Und du hast mich unter dem Versprechen medizinischer Hilfe in deine Lasterhöhle gelockt."

Blaise lacht tonlos. Er konzentriert sich auf die abgebundene Armbeuge, dreht sie ins Halblicht und klopft mit drei Fingern. "Deine Venen sind auch Schlampen." Er findet einen guten Winkel und drückt den Plastikkolben durch.

"Ngraahh", zappelt Draco, beißt ihm in den Oberarm, "soviel besser als Patches." Dann läßt er sich auf den Rücken fallen: "Ghede liegt nach wie vor oben, nehme ich an?"

"Worauf du deinen Arsch verwetten kannst." Blaise merkt, wie seine Stimme heiser wird und nach Rum mit Chili klingt. "Zieh' dich aus."

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Wenn Harry etwas haßt, dann ohne Katertrank und mit dickem Kopf in Nokturn blöd angelabert zu werden.

"Hey. Wieviel willst du für den Schrott?", ruft es hinter ihm.

Ein zweiter Junge, mit neongrünem Haarmopp und zu vielen Piercings, reckt den Kopf aus einem Hauseingang: "Hier, verkauf' dem Sack nichts. Ich geb' dir zwanzig Sickel."

Harry schüttelt seinen Zauberstab zwei Zoll weit aus dem Ärmel. "Warum glaubt ihr, er wäre zu verkaufen?"

Das weiße Auge des Jungen wechselt zwischen Zauberstab und Sandbender, das schwarze ist auf Harrys Gesicht geheftet. "Antik, Mann", nölt er. "Müßtest eigentlich dafür zahlen, daß ihn dir jemand abnimmt, bei den neuen Umweltgesetzen. Machen wir's doch so-" der Junge schiebt sich von der Treppe, "du gibst mir den Laptop und legst 'ne Galleone drauf, und wir sind quitt."

Nokturn ist sichtlich wieder belebt, ein Sammelbecken für Treibgut, magisches, virtuelles und menschliches - wie dem hageren Teenager, der gerade einen gakeligen Duostick, halb Zauberstab, halb EMP, vor Harrys Nase wedelt. Der erste hat jetzt zu ihnen aufgeschlossen und schiebt Harry von hinten sein Bein zwischen die Knie: "João hat recht, Typ. Du läufst da mit Gefahrengut rum. Das bleibt besser hier."

Harry dreht sich nicht um; sobald er es versucht, hätte er vermutlich den EMP am Kinn. Er schaut über den Kopf des Grünhaarigen, auf das 3D-Plakat einer SimBar, auf dem ein Mädchen ihre Brüste streichelt. Vier Nippel pro Brust, im Quadrat angeordnet, wie Harry zerstreut wahrnimmt. Als Modifikation hoffnungslos altmodisch.

Der Grüne grinst und zeigt vom Nachtgold lang gewordene Zähne und wundes Zahnfleisch; Harry kann die Droge süß auf seinem Atem riechen. Eine Sekunde ist er ratlos, welchen von beiden zuerst ausschalten: Der Typ hinter ihm ist näher, aber der Winkel ist schlecht. Der Kerl vor ihm wirkt fahrig, aber wenn eine Droge psychotisch macht, dann Nachtgold.

"Geh' zur Seite oder ich schmelz' dein Gesicht ein", knurrt Harry. Der Zauberstab liegt warm an seinen Fingerspitzen.

"Du bist ja ein ganz Lustiger", haucht es hinter ihm. "Hör zu, du läßt den Computer hier, und deine Klamotten, und deine kleine Handantenne, und wir lassen dich im Gegenzug gehen. Letztes Angebot."

Ein paar Sekunden später weiß Harry nicht mehr, warum er kein Stupor benutzt hat - temporäres Einfrieren hätte sicher genügt. Der Geruch von verbranntem Fleisch ist widerlich, süß und ranzig: Als Harry sich umblickt, tropfen dem Grünen immer noch Metallperlen zwischen den Fingern hervor, verschwinden wie Quecksilber in den Ritzen des Pflasters. Der andere kauert vornübergebeugt, preßt sich die Hände gegen die Ports. Billige Legierungen mit niedrigem Schmelzpunkt, wie Harry gehofft hat.

Er flieht vor dem Gestank, der kurzfristig sogar den Pisse- und Kohlgeruch von Nokturn überlagert. Als er ein paar Straßen weiter zu sich kommt, glaubt er, in die Gasse reihern zu müssen. Dann schiebt er den Zauberstab zurück in die Ärmelnaht und spuckt eine schwarze Rotzpflaume aus, wie sie seit jeher Begleiterscheinungen eines Trips nach Nokturn sind.

Auf einmal denkt er an Malfoy, nicht an die beiden Lutscher, die er gerade auf dem Pflaster gelassen hat. Weil Malfoys Port nur verschmort war, nicht abgefackelt. Und das, überlegt Harry mit gerümpfter Nase, obwohl Voldemort ihm so viel mehr gelangt haben muß als einen simplen Hitzezauber.

Es ist gut, verdammt gut, daß Malfoy aus dem Haus ist. Wer weiß, was die kleine Ratte noch eingeschleppt hätte.

Er wischt einen Desinfektionszauber über den Laptop - nicht, daß die Kerle ihre Hepatitis draufgesabbert haben - und schlägt eine Seitenstraße ein. An einem Kellereingang zieht er einen Zettel mit Koordinaten und Zugangscodes aus der Hose. "Sammy", sagt er in die Schleuse, "ich bin angemeldet." Es wäre simpel, reinzukommen, auch so, aber in den Untergeschossen ist das kontraproduktiv: hier herrscht ein sensibles Gleichgewicht von bezeugtem und vorausgesetztem Respekt. Auch, wenn man es nur mit halb verrotteten Hackermumien zu tun hat. Dann vielleicht besonders.

Der Keller riecht nach grauem Hartplastik. Harry wird nie verstehen, warum vorige Generationen alles daran gesetzt haben, Computer so unansehnlich wie möglich zu gestalten, sie in beige-graue Gehäuse und Monitore zu packen. Vielleicht, um sich damit nackte Funktionalität vorzugaukeln. Die Berge staubiger Geräte machen ihn unweigerlich traurig.

"Sammy?", lacht es keckernd aus dem Mief. "Scheiße, Söhnchen. Wenn du mir schon einen falschen Namen nennst, such' dir wenigstens was mit Zahlen aus. C3PO, oder so."

"Ollivander, ich-"

"Mr. Ollivander."

"Mister Ollivander, Netikette aus dem letzten Jahrhundert in allen Ehren, aber deswegen bin ich nicht da." Er schiebt den Laptop über die Vitrine aus gesprungenem Panzerglas. Ihr Krakelee erweckt den Anschein, als würde sie bei der geringsten Belastung einbrechen, doch Ollivander stützt sich sorglos auf.

Sein grauer Werkskittel erinnert Harry an Roben aus Hermiones Büchern, und Ollivanders weiße Haare stehen in alle Richtungen, wie bei dem Kerl mit der rausgestreckten Zunge, den Ron im Klo aufgehängt hat. Mit Spinnenfingern grabscht Ollivander nach dem Sandbender.

"Oh ho. Da schau her. Manufakturarbeit." Blind findet der Alte den "An"-Knopf und die Login-Overrides. Seine entzündeten Augen blinzeln verträumt. "Wunderschön. Wird heute nicht mehr gemacht, sowas." Nachdem er den Computer eine Weile gedreht und gewendet hat, schaut er zu Harry auf: "Ungewöhnliches Tuning, junger Mann. Ich meine, Sammy. 'Ne Menge Extras für einen Laptop. Du brauchst Backup, nehme ich an?"

Harry nickt knapp. "Mit maximaler Frequenzleistung. Am liebsten Original-Ware."

Ollivander läßt Verzeichnisse und Unterverzeichnisse über den Schirm laufen, wiegt selbstvergessen den Kopf. "Eine Schande, was mit den Sandbenders passiert ist. Matsuda und Sendai haben die Reste hübsch unter sich aufgeteilt, nicht?" Der Alte erwartet nicht wirklich eine Antwort; der Tod der Wüstenkommune gehört zum Hackergospel. Ritueller Massen-Selbstmord, heißt es. Dabei wissen alle, daß es eine feindliche Übernahme war.

"Hm. Ich weiß nicht, wozu ich dir raten soll, Söhnchen. Komplex. Ein, zwei der Überlebenden sind im Netz verschwunden, die könntest du fragen, aber ich wage zu bezweifeln, daß sie dir weiterhelfen werden. Sind verbohrte Charakter. Du könntest Matsuda versuchen; die müssen noch Pläne und Software haben. Kriegsbeute, sozusagen. Und man munkelt, ihr Mainframe hat ein Mauseloch. Das hast du aber nicht von mir gehört."

Harry verdreht die Augen. "Nein, wußte ich eh schon. Wie viele Hirntote letztes Jahr, hundert, hundertfünfzig? Besten Dank. Aber apropos Matsuda", sagt er beiläufig. "In den Comms kursieren interessante Theorien, was sie in den Resten von Malfoy Inc suchen."

Eine Woge Fuselatem brandet ihm entgegen, als Ollivander schallend lacht: "Voldemort, meinst du? Kann gut sein, daß da noch ein paar verreckte Betaversionen 'rumgammeln. Ephemere, die auf den Regen warten... aber da kommt nichts mehr." Die Augen des Alten werden ernst, und er lehnt sich einen Zoll vor Harrys Nase: "Laß die Finger davon, Harry, Sammy, oder wie auch immer du dich heute nennst. Du bist kein Luke Skywalker."

Sein Ingrimm bringt Harry zum Schmunzeln. "Schon recht, Mr. Ollivander. Ich habe nicht vor, mir die Wetware durchzurauchen."

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Ihr Zeigefinger kreist langsam um seinen Nabel. "Glaubst du eigentlich an die Seele?", fragt Hermione.

Severus bläht belustigt die Backen. "Einer von diesen Tagen?"

"Hör' auf zu lachen", knufft sie ihn und schlingt sich in ein losgestrampeltes Laken, "ich meine es ernst."

"Zweifellos." Er streckt sich, läßt seine Fußknöchel rotieren, bis sie knacken. Erst als sein Bein zieht, hört er auf. "Wenn du diese Kerbe zwischen den Augenbrauen bekommst, könnte man glatt meinen, du denkst."

Hermione wandert in ihrer Toga durch den Raum und ruft ihre verstreuten Kleidungsstücke zusammen. "Severus Snape, du bist ein Scheusal."

"Mhh." Severus schaut ihr mit halboffenen Augen zu. "Wie kommst du ausgerechnet jetzt auf Seelen? Nach dem Verkehr sind die Tiere traurig, in Ordnung - das ist noch kein Grund, existenziell zu werden."

Empört wirft sie ihm seinen Laborkittel ins Gesicht. "Das ist der beste Grund. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ich habe eher an Voldemort gedacht. Und an Draco."

"Hast du?" Grantig beginnt Severus, sich ebenfalls wieder anzuziehen. "Ich halte es für verfehlt, beide in einem Atemzug zu nennen, Hermione. Voldemort war nie mehr als ein tollwütig gewordenes Konstrukt. Und Draco nie weniger als ein Mensch."

"Trotz seiner Modifikationen?"

"Er hatte keine Wahl. Wenn du schon aufrollst, welchen Schaden er daran genommen hat, warum fragst du dann nicht auch nach Potter?"

Hermione hebt hilflos die Schultern. "Vielleicht, weil man es ihm nicht so ansieht."

"Schließ nicht vom Einband auf den Inhalt", erwidert er. "Tom Riddle war ein attraktiver Mann. Er hätte Voldemort auch optisch mit anthropomorphen Zügen anlegen können, meinst du nicht? Und Unsterblichkeit ex corpore ist nicht dasselbe wie eine Seele haben; Draco wird dir das vielleicht bestätigen, nach ein oder zwei Flaschen Feuerwhiskey. Warum? Weil er samt Seele - was immer das sein mag - an ein hinfälliges Fleisch gebunden ist. Und ein paar Stahl- und Siliziumkrücken machen noch keinen Voldemort."

Hermione folgt ihm auf den Fersen ins Labor, weckt den Computer. Während er eine Versuchsreihe prüft, ruft sie zum xten Mal alles auf, was er im Lauf der Zeit über künstliche Intelligenz zusammen getragen hat. Es ist der komprimierte Inhalt ganzer Bibliotheken, doch keins der Lesezeichen beantwortet ihre Frage.

Als sie aufschaut, weil die Buchstaben flimmern, sind drei Stunden vergangen. Severus knetet ihren verspannten Rücken. "Laß es, Hermione", seufzt er über ihr. "Bitte. Du weißt nicht, wie Voldemort war. Du hast die Zeichen an der Wand gesehen, aber nicht die Hand, die sie gemalt hat. Das ist etwas, wofür du dankbar sein kannst."

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Schweiß rinnt ihm über die Linsen, trotz des niedrigen Stirnbands. Keuchend wischt er sein Gesicht an der Schulter: Sein rechter Arm zittert bis in die Fingerspitzen, der linke ist kaum belastbar. Draco beißt die Zähne zusammen, flucht. Statt sich digital die Eier kraulen zu lassen, hätte er die letzten Monate über besser trainiert. Mit einem Ächzen schwingt er das linke Bein über die Strebe, zieht das rechte nach und läßt sich baumeln.

"Du wirst dir den Hals brechen", kommentiert Blaise unbeeindruckt.

Draco grinst zu ihm herunter. Er schaukelt aus den Knien, bis es zu einer Umdrehung reicht, dann lacht er erleichtert: Manches verlernt man nicht. Wie Sex. Oder Fahrradfahren, obwohl er das noch nie gemacht hat. Übermütig geht er in eine zweite Felge, und sein Lot blinkt neun Meter. Zehn fünfzehn. Sieben nochwas, als er schließlich wieder kopfüber hängt. "Hatten wir alles schon, Blaise", pustet er. "Mittlerweile komm' ich mit den Füßen auf."

"Sehr beruhigend. Ich hab' nämlich keine Lust, deinen Dreck wegzumachen; das wird gleich schmuddelig genug. Wenn der Herr so weit wäre?"

Blaise hat unterdessen Kerzen aufgestellt: Schwarze, rote, aus Talg und aus Wachs, armdicke, blakende, phallische Monstrositäten, die simultan aufflammen, sobald es hinter den verkleisterten Fenstern des Lofts dunkel wird. Im Hinabklettern sieht Draco, wie Blaise einen Drahtkäfig Ratten in die Mitte des Raums zieht; fette, räudige Biester aus der Kanalisation, etliche davon mutiert.

Der Houngan singt leise und schlägt rhythmisch eine Rumflasche gegen seinen Schenkel: "Komm, kleines Milchlamm", reicht er Draco die Hand, "trink' mit mir."

Der erste Schluck explodiert unter seinem Gaumen. Der zweite verbrennt ihm die Zunge. Beim dritten platscht ihm ein Sturzbach Rotz aus der Nase; die Tränen, die er nicht mehr weinen kann. "Verdammt. Uh. Ich setz' mich mal eben hier an die Sei-"

Blaise drückt ihn mit dem Gesicht auf den Boden, in die Kreidezeichen. "Sei nicht unhöflich", schnarrt er. Draco hält still. Erfahrungsgemäß ist es keine gute Idee, einem Houngan zu widersprechen, wenn er die Trommeln hört.

Dracos Atem geht stoßweise, denn der Rum frißt durch seinen Magen wie eine Pinte Flußsäure. Feuerwerkskörper prasseln hinter seinen Implantaten, ein subsonisches Vibrato wäscht über seine Membrane - drei, vier Hertz vielleicht, das Dröhnen einer aufgespannten Menschenhaut. Vorübergehend bildet er sich ein, daß das sein Loa sein muß, aber mit den Göttern im Nacken stellt man keine smarten Überlegungen mehr an: Er weiß, wie es aussieht, wenn Ghede in Blaise fährt, ihm den Körper verrenkt.

Sobald das Blut der ersten Ratte in den Käfig spritzt, in Blaises offenen Mund, über Dracos Haar, kreischen die restlichen Tiere panisch auf. Sie werfen sich zornig gegen den Drahtkorb, nur, um eine nach der anderen herausgezerrt zu werden. Blaise spürt ihre Bisse nicht, egal, wie viele scharfe Klauen seine Arme zerkratzen, gelbe Zähne nach seinen Fingern hacken. Erst als der letzte Körper zu Boden geflogen ist und das Vévé in Rot schwimmt, hält er inne.

Interessiert legt er den Kopf schief und betrachtet Draco, als habe er ihn noch nie gesehen.

Der sonore Hall der Trommeln ist eine Rückkopplung - Dracos Loa antwortet auf anderes. Auf eine Spieluhr, Kinderstimmen, Singvögel, einen Windhauch, Schritte auf Holzdielen. Ihm ist wohlig und warm. Die Sonne scheint auf sein Gesicht. Ghede betatscht ihn rotfingrig, aber er hat keine Angst. Lächelnd hebt er den Blick, zu Ghede, zu Samedi, zu Nibo: "Du kannst mir nichts anhaben", sagt er ruhig.

Blaises Ringe hinterlassen Striemen. Statt auszuweichen, windet Draco ihm einen Arm ums Genick und zieht ihn zu sich herunter, in Pfützen aus Wachs, Werg und Blut. Wütend spuckt Ghede ihm zwischen die Augen, reißt Dracos dünnen Rollkragenpulli auf, zerrt ihm die Hosen herunter. "Ich will eine Anzahlung, ma p'tite."

Draco lacht nur. "Es tut nicht mehr so weh, wenn man schon tot ist", raunt er in die rauchigen Dreads. "Pawol anpil pa leve le mo, misyé."

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So frustrierend Treffen mit Fossilien wie Ollivander auch sind, der Alte hat Harrys Vermutung bestätigt, und das ist mehr wert als alle Systeme, die er noch aus verstaubten Kartons zusammengeklaubt hat. In Wirklichkeit spekuliert niemand darüber, was ein zaibatsu mit ein paar Ruinen will. Malfoy Tower mag früher ein zinnenbewehrter, Nano-Tech wimmelnder Ameisenhaufen gewesen sein; heute ist es ein Abschreibungsobjekt.

Aber das Gefühl, daß unter ihren Füßen eine Arterie flirrt, beschleicht Harry immer öfter, nicht nur in dem triefenden, instabilen Labyrinth. Vielleicht ist er paranoid, in allem schon wieder Voldemort zu sehen - in dem blinden Bettler am Tor zur Alten Winkelgasse; in den verwahrlosten Kindern im Krater; den vom Nachtgold halb wahnsinnigen Huren; den Chaos-Kulten und ihren Propheten. Nur... wenn das der neue Morgen sein soll, erkennt er kaum den Unterschied zu Gestern.

Daran ist er wahrscheinlich selber schuld; schließlich hat er den kurzen Frühling mit Malfoy vertan. In Nokturn ist er neulich über einen Strichjungen gestolpert, der ihn an Malfoy erinnert hat. Der Junge war fertig und billig; ihn aus dem Geschirr nehmen zu lassen, hat nicht mal extra gekostet. Er war nicht besonders gut. In einem Anfall von Mitleid hat Harry ihn danach freigekauft, obwohl er wußte, daß er draußen nicht lange leben würde.

Statt direkt nach Hause zu apparieren, schlägt er eine andere Richtung ein: Ein verrückter Impuls, vor Einbruch der Dämmerung, denn die Aufbauten am Kraterrand werfen noch keine Schatten. Wegen der Wühlarbeiten muß er einen anderen Einstieg suchen, sich einen Tarnspruch knüpfen.

Soweit er das beurteilen kann, scheinen etliche Tunnelsippen ausgegraben und deportiert, ihre Höhlen zugeschüttet worden sein. Schon sind neue da, erkennbar an ihren Hinterlassenschaften in den Ruinen - frische Feuer- und Essensreste, schimmernde Wegmarker, Kultorte und Kackplätze. Für jede Familie, die die Autoritäten ausheben, kommen zwei bis drei nach, so dicht sind neuerdings die Lebenszeichen. Als gehorchten sie einem Sog.

Er braucht eine Weile, um sich zu orientieren, klickt ratlos durch die Navigation des Laptop. Plötzlich zischt er, als habe er sich verbrannt - weil die fragmentarischen Blaupausen, die er unter Lebensgefahr aus Matsudas Domäne geholt hat, auf einmal Sinn ergeben: Kombiniert mit seinen Koordinaten gleiten sie zu einem schimmernden Gebilde zusammen - ein aktueller, dreidimensionaler Lageplan.

Mindestens drei Kabeltunnel, sieht er, laufen von hier in Richtung Malfoy Tower. Knapp fünfzehn Meter tiefer liegen ein Abwasserkanal und eine alte U-Bahnlinie, beide nur in ungefährer Himmelsrichtung, aber mit Zugang zu weiteren Tunneln im Radius des Turms.

Harry wird siedend heiß. Alles sagt ihm, daß Ollivander unrecht hat: Wenn in irgend einem vergessenen Wandsafe, einem Alukoffer, einem toten Terminal, einer verstaubten, obsoleten Floppy auch nur ein Fünkchen von Voldemort schlummert... und Matsuda damit ans Netz geht...

Sind sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gefickt.

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Draco gibt sich keine gesonderte Mühe, etwas anderes zu sein als ein neurotisches Ekel. So ist es sicherer. Bis auf Severus und die Parzen, die erwiesenermaßen um einiges schlimmer sind als Severus, und Blaise, vielleicht, hat er es noch jedem übel genommen, der ihn je schwach gesehen hat.

Ganz besonders Potter. Potter, auf den er reingefallen ist wie ein pickeliges Gör beim ersten SimDate, wo hinter dem Traumprinz-Avatar ein alter, fetter Kinderschänder lauert. Am besten verscharrt er diese spezielle Episode in einer tiefen Killfile und schreddert die Daten.

Unruhig wälzt er sich aus Blaises Umklammerung und gräbt sich auf der anderen Seite des Bettes ein. Als Blaise kurz aufschnarcht, ahndet Draco das mit einem Pieken, was nur dazu führt, daß Blaises Hand auf seiner Hüfte landet, hochwandert und Draco wieder an die breite, dunkle Brust gequetscht wird. "Was ist", schmatzt der Houngan mit einer Fahne, die bei Draco für mulmige Flashbacks sorgt, "nicht genug Aufregung gehabt?" Danach tätschelt er ihn und gurrt auf Créole.

"Zabini", setzt Draco sich abrupt auf, "Blaise Zabini. Was war das eben?"

Blaise gähnt. "Hat meine Gran'mè gesungen, wenn ich abends zappelig war."

Draco winkt seinen Zauberstab herüber, steckt ihn als Nachttischlampe zwischen die Heiligen am Kopfende. "Nicht das. Mein Loa. Was zur Hölle war das?"

"Ah, das." Blaise schenkt ihm ein Raubtiergrinsen, die Haare wirr, die Katzenaugen weit: "Sehr süß. Ich hoffe, du bringst sie öfter mal vorbei. Ghede macht sich nicht viel aus Pussy, aber die Mutter hat Esprit, muß ich sagen."

"Bitte wie?!" Draco kriecht ihm förmlich zwischen die Nasenringe.

"Mann, beruhig' dich. Die Sache ist ungewöhnlich, aber keine Schande." Grinsend legt Blaise die Hände zusammen, klopft sich mit dem Zeigefinger an die Lippen. "Auf jeden Fall weniger peinlich als dein Gastspiel als Potters zahmer Ninja. Okay, hier ist, was ich mir merken konnte; Ghede läßt einem nicht viel Platz. Also", gluckst er, "diese Entität ist, wie wir zu unser Vergnügen feststellen konnten, vom Prinzip her weiblich. Zweitens, sie ist nicht besonders mächtig. Sprich: Madame ist weder alt, noch hat sie ein großes Netzwerk. Keine Blutopfer, keine Festtage, kein Mainframe, der sie speist. Drittens: Ich finde sie verdammt entschlossen. Das kann sich für ihre Gegner, aber - ich sag' das nur ungern - auch für dich fatal auswirken."

Draco dreht kleine Wirbel in das Laken, sticht mit einer Klinge hinein, glättet den Stoff wieder. "Hast du ihren Namen?"

Blaise schüttelt den Kopf, bis seine Dreads hüpfen. "Zu blöd, daß du nicht porten darfst", grübelt er. "Weil ich vermute, daß sie im Grunde ein autonomes Konstrukt ist."

"Fuck."

"Wie man's nimmt. Immerhin ist sie nicht bösartig. Unter allen Formen von Besessenheit sind Loa das beste, was dir passieren kann."

"Ich weiß nicht, ob mich das besser schlafen läßt."

"Oh, das sollte es, Lieber. Wäre sie maligne, hättest du ganz schnell einen Termin zum Exorzismus per Elektroschock. Sehr unschön, wie ich höre."

Draco schweigt darauf. Schocks sind ein Thema, das er nach Möglichkeit umgeht. Er hat gehofft, daß die Parzen sich schlicht geirrt haben, daß es eine Fehldiagnose war: ein Echo, ein Geist in der Maschine; etwas, das rasch erkannt und genau so rasch gebannt ist... Aber das ist nun hinfällig. "Was...", er schluckt, irritiert darüber, wie gut Blaise ihn lesen kann, "was mach' ich jetzt?"

Blaise klemmt ihn sich zur Antwort unter den Arm, zieht die Bettfelle hoch. "Nichts", sagt er besänftigend. "Gar nichts. Sie hat kein primäres Interesse daran, ihrem Wirt zu schaden. Und wie sagst du immer? 'Wer weiß, wozu's gut ist'."

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Harry schaut unwillig von seinem Laptop auf, runzelt die Stirn. Sein Blickt heftet sich auf Hermione. "Muß Snape wirklich dabei sein? Es gibt keine Gründe, die Sache hinauszuposaunen."

In Wirklichkeit stört ihn anderes an Snape, aber er wird den Teufel tun, es Hermione auf die Nase zu binden. Zum Beispiel, daß Snape ihn ans Messer geliefert hat, im wahrsten Sinn des Wortes. Alles zu einem höheren Zweck, nicht wahr? Der noble Snape, für den Orden, für eine bessere Welt, richtig? Und daß er dicke mit dem Frettchen ist. Malfoys Pate, sein Beschützer, egal, zu welcher Zeit und auf welcher Seite. Nein, Harry ist nicht scharf darauf, ihn einzuweihen.

Hermione verschränkt die Arme. "Wenn an deinen Vermutungen auch nur ein Fitzelchen dran ist, sollte er es wissen, Harry. Dann sollten es alle wissen", sagt sie. "Ich kann versuchen, es ihm eins zu eins weiterzugeben, aber das Resultat wird sein, daß er dir aufs Dach steigt."

"Harry, Hermione hat recht", fällt Ron ihm lahm ins Kreuz. "Außerdem war Snape Du-weißt-sch-... Dings verdammt nah." Beschwichtigend hebt er sofort die Hand: "Nicht so nah wie du, schon klar. Aber er war dabei, als Voldemort sich das erste Mal losgerissen hat. Vielleicht erkennt er Muster, die wir übersehen."

Muster, huh? Das 3D-Modell, das träge auf dem Display rotiert, ist ein einziges Muster. Jede Neonlinie steht für leitfähiges Material, je dicker, desto schneller. Niemand benutzt heute mehr Landleitungen, was nicht bedeutet, daß ihre Reste nicht funktionstüchtig sein können.

"Also gut", seufzt Harry und preßt sich die Handballen gegen die Schläfen. "Aber nur ohne Malfoy."

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Draco kommt auf Severus' Schwelle automatisch ein Fluch über die Lippen, mindestens eine Beschwerde: über anzügliche Lichtschranken, die Dummheit der Muggel im Allgemeinen und im Besonderen, das ein Jahr alte Sushi, das er versehentlich zu Mittag hatte, Weasleys Manieren, in der jüngeren Zeit auch gerne Potters Psychosen.

Diesmal jedoch läßt er sich wort- und grußlos in einen alten Vitra-Sessel fallen, seinen linken Arm schützend, die Haut unter den Linsen grau-violett, was Severus alarmiert.

Der Junge sieht aus, als hätte er sich eine Woche im schäbigsten Teil von Nokturn herumgetrieben - was gut sein kann, wenn er mit Zabini unterwegs war. Draco zieht sein winziges PHS aus der Tasche, starrt auf den mattschwarzen Schirm: "Du hast diese Verschlüsselung seit einem Jahr nicht mehr benutzt, Severus."

"Schwierigkeiten beim Dechiffrieren?"

"Schwierigkeiten, es zu glauben." Draco reibt sich gedankenverloren den Unterarm, dann drückt er den wieder hergestellten Körperteil an den Bauch und schaut auf. "Auch wenn es mich nicht überraschen sollte. Seit wann weiß er das?"

"Potter weiß gar nichts, wie so oft. Aber wenn wir davon ausgehen, daß sein Sechster Sinn selten falsch liegt und sein Siebter an Voldemort gekoppelt ist..." Severus hebt beredt die Schultern - und registriert mit milder Verwunderung, daß Draco seine Vorlage ignoriert. Früher hätte er sie dankbar aufgenommen, um über Potter zu lästern.

Stattdessen schüttelt Draco müde den Kopf. "So einfach ist es nicht", murmelt er und nimmt das Glas, das Severus ihm hinhält. Er dreht es im Licht und wartet, bis die Tablette sich aufgelöst hat, dann trinkt er den Inhalt in einem Zug. "Ich war wirklich in seinem Computer, das stimmt. Ich kann nur nicht nachvollziehen, was ich da wollte."

Severus hinkt um den Labortisch herum und zieht ein brandneues Sendai-Modell vor, mit drei nachtblau schimmernden Datenschirmen und 3D-Projektor. Er tippt schneller, als die verbliebenen Finger vermuten lassen und wirft Draco einen schrägen Blick über den Rand der Graphiken zu: "Sicher, daß es nicht einfach im Eifer des Gefechts war? Eure Biologie erlaubt euch, auf recht... ungewöhnliche Weise zu kommunizieren, oder?"

Draco angelt nach der nächststehenden Flasche Alkohol und spült damit die Schaumreste von den Wänden des Glases. "Ja. Ja und nein." Eilig schüttet er sich Tablettengischt und Schnaps in die Kehle und hustet. "Soll ich ganz ehrlich sein? Klar hab' ich Hintertüren benutzt. Wenn er mit nasser Hose aufwacht, ist sein Gesicht unbezahlbar. Von den subtileren Stimulationen ganz zu schweigen. Aber es gibt einen Codex, wenn man auf sowas steht; zum Beispiel läßt man die Finger vom Top Level. Bestimmte Formen von Firewall. Die dunklen Ecken im Gehirn." Wie um zu illustrieren, knetet er sich die Stirn.

"Hm. So verlockend ich die Vorstellung finde, daß du Potters Verzeichnisse überschreibst und ihm en passant das Rückenmark um den Hals wickelst", Severus winkt Draco zu sich an den Computer, "sollte uns das zu denken geben. Wann mußt du wieder zu den Parzen?"

"Letzte Woche. Bin nicht hin." Auf seiner Unterlippe kauend, weicht Draco ihm aus.

Daß Severus in der Lage ist, Draco zu übertölpeln - er, ein Krüppel -, daß er schneller ist als die Reflexe, die Voldemort seinen Besten vorbehalten hat, schreckt ihn fast mehr als das ertappte Flackern in Dracos Linsen, als er ihm den linken Arm auf die Tischplatte knallt.

Der Junge winselt. Wahrscheinlich Abstoßungserscheinungen - selbst bei im Tank replizierten Genen nicht immer zu vermeiden. "Es geht dir nicht gut, Draco. Das sieht doch ein Blinder."

Erst jetzt hört er die Klingen, rechts - links krümmen sich nur die weißen Monde der Fingernägel. "Es tut noch weh, okay?" faucht Draco. "Laß los-", doch Severus hat ihm bereits den altmodischen Strickpulli zurückgeschoben. Schon der Pullover hat nicht gestimmt, ein unförmiger Lumpen à la Weasley, statt Dracos enger, funktionaler Kunststoffe.

"Seit wann hast du das?" zischt Severus.

Seine Finger fahren über Dracos Unterarm. Es ist nur der Schatten eines Morsmordres, ohne Drähte und Steuerelemente, schwarz-weiß wie die Urform. Es sieht eher nach einer mißglückten Tätowierung aus als nach haarfeinen Widerständen mit direkter Rückkopplung ins Nervensystem, aber es ist echt. "Seit wann?!" wiederholt er.

Draco macht keinen Versuch mehr, sich wegzuwinden. Seine Augen sind blank, seine Lippen lax, und er beugt sich über seinen Arm, als sei er ein zu sezierendes Präparat. "Paar Tage. Ich hab' zuerst gedacht, es ist ein Bluterguß."

Severus packt ihn am Kragen und zerrt ihn quer durch den Raum, will ihn aufs Sofa drücken, während er mit der anderen Hand sein PHS aufklappt, doch noch bevor er die Schnellwahltaste drücken kann, geht ihm die Luft aus. Dracos Faust trifft ihn wie eine Axt in die Magengrube: Erst sieht er Sterne, dann schwarz.

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tbc.


1) "lwa oder loa...": Draco hat offenbar Wizipedia konsultiert. Das faule Aas.
2) Si koko te gen dan li tap manje mayi griye: Wenn Muschis Zähne hätten, würden sie gegrillten Mais essen.
3) Pawol anpil pa leve le mo...:
Nur mit Geschwätz weckt man die Toten nicht.