Titel: Coda 2.3 [Kapitel 3/4
Autor: liriaen
Pairing: HP/DM, BZ/DM, SS/HG und... thing.
Rating: FSK-16
Disclaimer: Danke, JK Rowling, William Gibson, Roger Zelazny - kein Geld, nur Liebe.
Wortzahl: 6.666
Kapitel 3: Draco hat Heimweh, Ron schraubt Tamagotchis, und Harry rennt offene Türen ein.
Warnungen für dieses Kapitel: Mißbrauch von Daten, Dieter Nuhr und Mao.
---
Coda 2.3
Kapitel 3
---
"Hab' ich gesagt, daß Malfoy eine Gefahr ist?" Harry spuckt vor Zorn. "Hab' ich oder hab' ich nicht?"
Snape lehnt sich ihm direkt ins Gesicht. Seine Nüstern sind weit, ein Muskel über der Lippe zuckt, und seine Stimme klingt nach Glasschneider. "Mäßigung, Potter. Wenn du deinen verbalen Durchfall nicht kontrollieren kannst, werden wir auf deine Kapazität verzichten müssen. Und was für ein Verlust das wäre." Noch ist keiner dazu gekommen, die Platzwunde an Snapes Stirn zu heilen, die er sich im Sturz geholt hat, aber er ist schon wieder fit genug, um zu giften. Manches ändert sich nie.
Harry wirft sich auf die nächstbeste Sitzgelegenheit und lümmelt herausfordernd. "Oh, dann ist das eure normale Form der Interaktion, ja? Daß Malfoy nach Wochen des Abtauchens aus der Kanalisation gekrochen kommt, seinem Paten", er sagt 'Pate', als sei es ein Synonym für Komplize, "eins überzieht und ihn bestiehlt?"
"Harry, wir müssen davon ausgehen, daß Draco sich nicht in der Gewalt hatte", wirft Hermione ein.
"Nein, natürlich nicht, der Arme", versetzt er. "Weil ihn ein Phantom-Morsmordre von jetzt auf gleich zu einer willenlosen Puppe macht. Apropos Morsmordre: warum regt sich dann bei Snape nichts? Oder vielleicht doch?"
Snape starrt ihn an, als ziehe er ein gezieltes Sectumsempra in Betracht. Dann reißt er den Ärmel seines Kittels hoch und preßt Harry vernarbte Haut unter die Nase. Bei der Transplantation muß es Komplikationen gegeben haben, sonst wäre der Arm glatter, aber außer Narbenwülsten sieht Harry nichts. "Okay", zischt er, "ich glaub's ja. Danke."
Glück im Unglück ist, daß auf Snapes Sendai eigentlich nur ein paar verschlüsselte Mails rumliegen können, keine Baupläne oder Blaupausen. Seine Recherchen sind weg, gut, aber wie er Hermione kennt, hat sie die Sachen binnen einer Woche wieder zusammen.
Mißliebig beobachtet er, wie Snape sich Whiskey einschenkt und sich auf einen Hocker hebt. Ron hat derweil das Kinn auf die Faust gestützt und läßt seine Augen über die Regale kreisen. In dem ganzen Gekreisch hat Ron sich darauf beschränkt, einen diskreten Blick auf Snapes Hardware zu werfen: Unauffällig, wie er Harry achselzuckend zu verstehen gibt.
Daß Snape nach einer Zigarette fischt, während er mit zusammengezogenen Augenbrauen sein PHS studiert, ist das einzige Zeichen, daß ihm die Sache an die Nieren geht. Nach ein paar Zügen wählt er. "Monsieur Zabini. Ich ordere dich nur ungern zu einem Treffen mit Gryffindors, aber... Nein, gleich... Mir ist vollkommen egal, wie Ghede das findet... Mhh, ja. Draco. Zwei Minuten, Zabini."
Harry schaut verständnislos auf. "Wieso Zabini?"
"Weil sie in der letzten Zeit praktisch unzertrennlich waren." Hastig saugt Snape an seiner Zigarette, und Harry meint, Häme herauszuhören: so leicht ersetzbar, Potter. "Draco hat ihn wegen seines blinden Passagiers konsultiert."
"Welcher blinde Passagier?" braust Harry auf. "Sagt mir hier noch irgend jemand was?"
Snape lehnt sich auf die Arbeitsfläche und macht ein Gesicht, als habe er etwas besonders Gemeines in petto. Doch dann dreht er nur sein Whiskeyglas vor sich, bis Zabini beim Apparieren gegen die Stahltür kracht.
Harry sträuben sich die Nackenhaare; er mag Zabinis Magie nicht. Sie ist eine archaische Mischung aus Blutdurst und Autosuggestion, irrational, ohne die Finesse kalkulierbarer Kräfte. Trotzdem weicht er ein Stück zurück, als Zabini die Treppe heraufpoltert, aus nackter, simpler Eifersucht. Anzunehmen, daß Zabini Draco morgens, mittags und abends gefickt hat, ein paar Zwischenmahlzeiten inklusive.
Mit schmalen Augen notiert er Zabinis Modifikationen. Im Gegensatz zu seinen Zuhälterklamotten sind sie dezent und gehören zum Besten, was man für Geld derzeit kaufen kann. Zabini nickt ihm zu, Spott im Blick: "Enchanté, Monsieur Potter." Er schüttelt Snape die Hand und zerquetscht ihm dabei hoffentlich die letzten Finger. "Sie sollten das säubern, Professor", deutet er auf Snapes Platzwunde.
Slytherin... Seine Sorge klingt fast echt.
"Nachdem sich jetzt auch Baron Samedi herbequemt hat", sagt Harry, "können wir dann vielleicht anfangen?"
Zabini pflückt sich unsichtbare Fussel vom Nadelstreif. "Wenn man keine Ahnung hat, Potter? Einfach mal die Fresse halten. – Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie Sie das aushalten, Professor", sagt er manieriert.
Snape reibt sich das zerfurchte Gesicht: "Herrschaften, ich bin euer Gekabbel müde. Heute zumindest", seufzt er. "Hör' zu. Wenn Potter recht hat – und die Nachrichtenlage spricht leider dafür -, dann ist es eine Frage weniger Tage, vielleicht auch nur Stunden, bis Matsudas Bautrupps in die unteren Etagen von Malfoy Inc. vordringen. Egal, ob sie wissen, was sie suchen oder nicht, wir müssen dafür sorgen, daß sie nichts finden. Vor allem nichts, was ihnen erlaubt, Voldemort zu rekonstruieren. Das gleiche gilt für Draco. Ich kann nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob er wirklich außer Kontrolle ist, aber wenn sein Arm ein Indiz ist, dann darf er unter keinen Umständen in die Nähe der alten Labors."
"Draco, außer... Kontrolle?" Zabini scheint genuin überrascht, oder aber er ist ein guter Schauspieler. "Wieso, was ist mit seinem Arm?"
"Dir ist nichts aufgefallen?"
"Er hat Schmerzen gehabt. Normal nach so einem Eingriff. Ich hab' ein paar Mal gedacht, er übertreibt es mit dem Training, aber Sie kennen ihn, Professor; wenn er keinen Auslauf kriegt, wird er grantig." Harry beobachtet fasziniert und angewidert, wie Zabini zwischen seinen Haaren gräbt. "Aber wo Sie's sagen... Er wollte für eine Weile zurück ins Hotel. Ich rede ihm nicht rein, wenn er Zeit für sich braucht", sagt er pointiert Richtung Harry. "Seither habe ich nichts von ihm gehört."
Die Implikationen scheinen klar, doch braucht es Rons Unbedarftheit, sie auszusprechen: "Also ist er zu Vo-... zu ihm zurück?"
"Oder zu dem, was davon übrig ist." Harry schluckt und starrt auf den Tisch.
---
"Hallo, hallo, was bist denn du für ein Hübscher." Der Sendai antwortet mit charakteristischem Gluckern. Das schlanke Gehäuse des Computers liegt gut in der Hand, die Oberfläche samtig, und Draco gurrt gefällig: Nur das Beste für Severus. Ein vernünftiger Rechner, gediegen, blitzschnell, das reine Understatement – nicht besser als Potters Scherbe, aber auch nicht schlechter.
Draco hat die Kunststoffmatte des Schlafsargs in seinem Rücken zusammengerollt. Halb liegt, halb sitzt er, und seine nackten Füße schieben Einwegspritzen, Chips- und Getränketüten zusammen, während seine Fingerkuppen über die Tasten des Sendai streichen, zitternd Kontakte suchen.
Schon im Verzeichnis werden ihm die Knie weich: Unglaublich, daß Severus fast nichts gesichert haben soll. Mit einem Naserümpfen überspringt er Grangers Dateien, löscht hier und dort zum Spaß ein wenig, bevor er unter Herzklopfen eine Verbindung herstellt. Ein Orgelakkord schwillt, und Draco ertappt sich, wie er mit einer Hand die Neurokanüle befingert, die andere zwischen seine Beine schiebt.
Das Schönste an den neuen Sendais ist, daß man sie komplett auf Sprachsteuerung umstellen kann. Erleichtert rutscht Draco tiefer in sein Matratzenlager. So muß es einem Nachtgold-Wrack gehen, wenn es im Entzug noch einen Plastikhalm voll in der Bettritze findet. Er weiß, ihm steht der Mund offen, aber Gesichtsmuskeln kontrollieren ist jetzt nicht so wichtig wie das Biest hier zu pitchen: Severus' Steuerung ist für Dracos Geschmack zu spröde. Ein paar Kommandos, und der Sendai gibt Pfötchen.
Daß unter seinen Fingern Daten wispern, ist reine Einbildung, aber... es fühlt sich saugut an, wieder einen Stecker hinterm Ohr zu haben. Kurz hört er noch das Knistern der Chipstüten, dann taucht er ab.
Eine unbestimmte Zeit später weckt ihn der Mief der Synthetikdecken, in die er sein Gesicht geknautscht hat, und er tatscht verlegen nach seinem Bauch. Severus wird ihn umbringen, wenn er auf den Sendai gewichst hat. Wobei er immer noch nicht ganz glauben kann, daß er ihm den Computer gestohlen haben soll. Geborgt, in Ordnung? Weil Blaise ihn nicht mit seinen Terminals allein läßt. Draco hat ihn selbst darum gebeten, bloß hält er's nicht mehr aus. Und dann ist da das Ding an seinem Arm: wenn es irgendwo hinführt, hat er als Erster ein Recht, es zu erfahren.
Noch während er sich reckt und räkelt, springt hinter seinen Linsen Kopfweh an - ein untrügliches Zeichen dafür, daß er gegen hohe Impedanz geportet hat. Komisch. So lang war er gar nicht drin. Achselzuckend klemmt Draco sich den Zimmerchip zwischen die Zähne, sein Handtuch unter den Arm und macht sich auf den Weg zur Dusche, als auf einmal seine Uhr aufflackert: Er hat sie programmiert, damit er seine Medikamente nicht vergißt.
Es kann unmöglich schon der nächste Nachmittag sein.
---
Es wäre nett, sich jetzt in eine hirnlose Sim zu flüchten, aber ihnen läuft die Zeit weg. Harry ist seit gestern eingeloggt, und Ron hat ihn zwingen müssen, wenigstens kurze Pausen zum Essen einzulegen. Als Ron ihn freundschaftlich seines Dreitagebarts entledigt, lacht Harry leise, ohne zu sehen, was ihn kitzelt.
Wahrscheinlich glaubt er, es wäre Malfoy - Malfoy, der Harrys schläfrigem Gebrabbel nach zu urteilen immer noch in seinem Kopf herumspukt. Ron drückt an diesem Wissen herum wie an einem wunden Zahn. Wenn es um Malfoy geht, hat Harry 'was von einem Besessenen, im Guten wie im Bösen.
Die Grundrisse der Untergeschosse flackern über den Projektor, und während von der anderen Seite Hermiones und Zabinis Gemurmel zu ihm dringt, schweifen Rons Gedanken ab. Ihm fällt etwas ein, über das Hermione und er lange gestritten haben: ob Malfoy damals gefallen oder gesprungen ist. In diesem Punkt sind sie nie eins geworden. Aber egal, was es war, Laufzeitfehler, Endorphine oder Unfall - so, wie der Freak durch die Luft gesegelt ist, glaubt Ron, daß es falsch war, ihn aufzuhalten.
Ein Körper am Ende der Parabel... Ron schnaubt leise. Irgendwas an dem Bild stört ihn; er kann nicht sagen, was.
"Hermione, fertig?"
Kurz nagt sie an ihrer Unterlippe. "Fertig", sagt sie, mit Seitenblick auf Zabini. "Glauben wir jedenfalls. Ich wüßte gern besser, womit wir es zu tun haben, aber... ich denke, wir haben soweit alles abgedeckt."
Ron mustert den Houngan herausfordernd; schließlich hat Zabini ihn wiederholt mit Überlegungen zu Rons Spezialgebiet, Abstammung und mutmaßlicher Potenz beglückt. "Kein letzter Vortrag über Voodoo, Zabini? Daß es mehr gibt zwischen Bits und Bytes, als sich unsere Schulweisheit erträumen läßt?"
Zabini bindet sich die Haare auf der Krone des Schädels zusammen. So schlaff, wie er die Arme fallen läßt, ist er müde. "Ich bin auf Professor Snapes persönliche Bitte hier, Wiesel, und werde mit dir nicht darüber debattieren, was die Welt zusammenhält. Lötblei ist es jedenfalls nicht."
Ron knurrt. "Anime-Esoterik auch nicht."
"Dein spirituelles Vakuum ist nicht mein Problem, Ronald. Aber wenn Malfoy schneller ist als ihr und euch als guten Gryffindors die Stäbe locker sitzen? Dann betrachte ich das als Problem."
"Hört auf", krächzt Harry entnervt. Seine Stimme ist vom Schweigen rostig. "Bringen wir's hinter uns, okay?" Er blinzelt in die Runde wie ein aus dem Bau getretener Maulwurf, und Ron würde ihn am liebsten in die Arme nehmen.
Später bereut er, es nicht getan zu haben.
---
"Draco, ich bin entsetzt von Deinem Leichtsinn. Melde dich!"
"Ich weiß, daß Du meine Nachricht bekommen hast. Ruf mich an."
"Junge, bitte vertrau mir."
Draco lacht leise: typisch Severus. Selbst jetzt, wütend und enttäuscht, wie er sein muß, schreibt Severus noch ganze Sätze, keine stammelnden Kürzel. Sein Daumen fährt über das PHS-Display, bevor er alle Nachrichten löscht und der winzige Bildschirm dunkel wird.
Er sitzt unter den pulsierenden Bässen einer Muggelbar, deren Tunnelgänge sich ins Erdreich gegraben haben, die Wände mit grauem Dämmschaum bespritzt. Dem Kupfergeschmack im Mund nach muß er sich letzte Nacht beim Porten auf die Zunge gebissen haben, bei welcher Sim auch immer - falls es denn eine Sim war. Das Log des Sendai gibt darüber keine Auskunft; die Adressen sind Einweggebrauch – "hygienisch, ökonomisch, sicher" –, der komplette Verlauf codiert. Zieht er seine momentane Verfassung in Betracht, dann waren es Hardcore-Seiten.
Sobald ein Platz auf der Bank hinter ihm frei wird, gleitet Draco vom Barhocker. Er läßt sich auf das Kunstleder fallen und zieht diskret den Stecker des Sendai hervor. Ein Typ, der sich interessiert neben ihn quetscht, "mal eben sein Spielzeug sehen", macht sofort wieder Platz, als Draco ihm zwei Klingen unter die Nase hält.
Sein Körper entspannt sich erst beim Log-in. Und wie immer, wenn er die kühnen Formen von Malfoy Tower sieht, dieses elegante Geflecht aus Klassizismus und erdbebensicherem Nano, steigt ihm das Herz in die Kehle. Wie im Traum geht er durch strahlend weiße Gänge, auf eine Tür zu, die lautlos aufgleitet und den Blick in den Himmel freigibt. Davor steht Narcissas Schreibtisch: Alles hier trägt ihre Handschrift; das Innen und Außen ein Dialog von Marmor, Stahl und Glas. Er riecht einen Hauch ihres Parfums und legt zärtlich ihren Zauberstab gerade, im rechten Winkel zu Schreibunterlage und Laptop.
Er flüstert ihren Namen wie einen Zauber: Alles an ihr ist zauberhaft, und er wünscht sich, wieder ein kleiner Junge zu sein. Wie sie ihm die Bettdecke bis zum Kinn zieht und einen Gutenachtkuß gibt, erst auf die Stirn, dann auf die Nasenspitze... Nachdem sie ihm ein puscheliges Lumos auf den Nachttisch gesetzt hat, riechen Laken und Kopfkissen nach ihr, und Draco beginnt, am Stoff zu nuckeln.
Ein abrupter Schnitt bringt ihn in ihr Arbeitszimmer auf dem Landsitz, ein lichtdurchfluteter Raum, wo er auf schneeweißem Teppichboden mit einer Spielkonsole hockt, während Narcissa mit ihrem Eibenstab immer neue Linien an die Wand wirft. Die Projektionen sind bald interessanter als sein Spiel, und er zupft so lange an ihrem Kostüm, bis sie ihn auf ihren Schoß hebt und so tut, als ob er ihr bei der Planung der neuen Konzernzentrale hilft.
Als die Sim ihn aus den Armen seiner Mutter in die Graphik zieht, hascht er immer noch nach ihrem Haar.
Der Computer blättert derweil durch Aktualisierungen und Statusberichte, analysiert die Zerstörung der oberen Stockwerke (84 äußerlich, 16 strukturell), katalogisiert von Matsuda verursachte Schäden, prüft die Statik der Untergeschosse und der Räume darunter. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Wenn Matsuda noch keine Sprengmeister angesetzt hat...
Er sollte es sich ansehen, einmal noch, ehe sie Narcissas Werk dem Erdboden gleichmachen. Aus dem gammeligen Toilettenverschlag am Ende der Bar führt ein Schacht in einen alten Luftschutzkeller und weiter zu einer vergessenen U-Bahnlinie in der Nähe des Turms. Es wird ihm gut tun, sich die Beine zu vertreten.
---
Ron hat alles genau berechnet, zuckt aber trotzdem, als die Teleskopmasten am Krater umknicken wie Grashalme: Unter schauerlichem Knirschen fallen die Flutlichter auf das Räumgerät – Ablenkung genug, um die Nachtschicht von ihren Bildschirmen, von den billigen Bieren und Sims aufzuschrecken. Während die Männer wie Ameisen um den Schaden herumkrabbeln, schlüpfen auf der entferntesten Seite des Kraters vier Gestalten in das Tunnelgeflecht.
Fröstelnd reibt Hermione sich die Arme, trotz Thermojacke. Nach den Regenfällen der letzten Zeit ist es in den unterirdischen Waben klamm und schlammig geworden, und der unebene Boden bringt sie immer wieder ins Straucheln.
Harry, zwei Schritte vor ihr, kommt Hermione vor wie ein aufgezogenes Uhrwerk; er muß nicht mal auf den Sandbender oder ihre Peilung gucken, um sich zwischen den glitschigen Ablagerungen zu orientieren. Sie läßt Ron zu ihm aufschließen und fällt neben Zabini zurück, dessen Katzenaugen von Zeit zu Zeit aufleuchten. "Infrarot, Testintervall", entschuldigt er. "Sollte ich ausstellen, oder?"
"Nein, laß", murmelt sie unwohl, während sie die Phosphorstreifen an der Decke betrachtet. "Falls ich dich verliere. Ich hatte keine Ahnung, wie viel hier noch intakt ist..." Auf den unwegsamen ersten hundert Metern schmatzen ihre Schritte im Morast, begleitet von Wasserrauschen, doch nachdem sie eine Schräge hinaufgekrabbelt sind, bleibt der Untergrund trocken.
Sie kann Zabinis Atem hören - vielleicht ist der Houngan nicht ganz so fit, wie er glaubt. Als sie Vorsprung zu gewinnen droht, bleibt sie stehen.
"Vielleicht ein bißchen spät, um zu fragen", keucht er, wieder auf einer Höhe mit ihr, "aber... warum hat der Orden nicht schon früher bei Malfoy Inc. gesucht?"
"Im Turm hat keine Forschung stattgefunden." Im Halbdunkel ragen verkantete Eisenstreben auf, und Hermione läßt zu, daß Zabini ihr auf die andere Seite hilft. "Nach Narcissas Tod war das Gebäude nur noch Verwaltung. Professor Snape sagt, sie haben die Labors versiegelt und alle relevanten Operationen in die Innenstadt verlegt, lange bevor Voldemort ans Netz gegangen ist."
Zu ihren Füßen knirschen Scherben, und als Hermione ihr Lumos darauf hält, erkennt sie die Reste eines Pennerlagers: Flaschen, Zeitungsfetzen, Tierknochen. Die Zeitung muß aus der Zeit stammen, als die U-Bahn aufgegeben wurde.
"Abgesehen davon haben sowohl das Ministerium als auch die Turing-Behörde dort schon alles umgekrempelt. Mehrfach - bis auf die Stockwerke, von denen wir nichts wußten."
Zabini guckt ungläubig. "Auch Draco nicht?"
Hermione zuckt im Gehen mit den Achseln. "Offenbar nicht bewußt, nein. Der Orden hat ihn Tage lang verhört - unter Veritaserum, zu einer Zeit, als er definitiv keine Firewall hatte. Er hätte beim besten Willen nicht lügen können."
"Der 'Orden' hat einen guten Fang gemacht mit ihm", kommentiert er trocken.
Hermione wirft ihm einen kühlen Blick zu, während sie über Betonschwellen steigt. Zabini hat Voldemorts Herrschaft in Haiti ausgesessen; was weiß er davon, wie es war? Während sie mühsam ihre Netze aufrechterhalten haben, hat Zabini kaum mehr erduldet als vermehrten Hühnerkonsum, um seine Knochenketten zu komplettieren. "Wie ist eigentlich Narcissa Malfoy gestorben?" fragt Hermione unvermittelt. "Seve- Professor Snape redet nicht darüber, und meine Quellen widersprechen einander."
"Oh? Was sagen sie?"
"Daß sie eine unheilbare Neurolähmung hatte. Daß sie bei einer Besichtigung der Räume aus der Vorstandsetage gestürzt ist. Oder daß sie Selbstmord begangen hat, auf dem Landsitz in Wiltshire."
"Hm. Schau dir die Idioten an. Als ob sie's darauf anlegen, uns abzuhängen-" Er reißt sie am Handgelenk ins Dunkel und um zwei Wegbiegungen, bis Rons Zopf wieder vor ihnen auftaucht.
Diese Tunnel können einen verdammt nervös machen. "Große Güte, Zabini... jag' mir keinen Schrecken ein. Also, was war es?"
"Ein bißchen von allem?" Seine Augen blitzen im Testintervall. "Richtig frisiert wäre es 'ne romantische Story für die Nachmittags-Sims: 'Verzweifelter Magnat erhofft von künstlicher Intelligenz Rettung für seine todkranke Frau' - stimmt nur leider nicht. Zumindest nicht ganz." Daß Zabini eine Augenbraue hebt, kann Hermione bestenfalls erahnen. "Lucius hat immer auf politischen und kommerziellen Nutzen spekuliert. Sonst hätte er sich nach Narcissas Tod aus dem Projekt zurückgezogen, statt Draco ins Rennen zu schicken."
Hermione streckt den Zauberstab weit vor sich. Ihre Hand bebt ein bißchen. "Malfoy hat ausgesagt, daß er das Morsmordre selber gewählt hat", sagt sie.
"Ich glaube, Entscheidungen, die man mit Sechzehn trifft, sind das Ergebnis von Wut und Hormonen", antwortet Zabini gleichmütig.
"Danke, Monsieur Zabini, für die tiefenpsychologische Einsicht." Abrupt bleibt sie stehen. "Verdammt, wo stecken die Zwei?"
---
In der Luft hängt ein Geruch von Kabelbränden, das Souvenir lang vergessener oder nie entdeckter Havarien. Die Umgebung hat 'was von schlechter HorrorSim, aber wegen ein paar Schatten wird Draco jetzt nicht umkehren: Nachtsicht und Wärmesensor laufen simultan, ein Unterprogramm analysiert den Luftdruck, und was die Tunnel an Geräuschen produzieren, ist rasch ausgewertet.
Matsudas Sicherheit ist lächerlich; warum zur Hölle steigt er eigentlich nicht oben ein, statt durch modrige Röhren zu krabbeln? Die Hände in die Hosentaschen gestopft, schlendert Draco die Schienen entlang und rotzt in den Schotter.
Er wird Severus nicht mehr unter die Augen treten können. Wirklich, er hat sich das anders vorgestellt, als er mit dem PHS in der Hand zu ihm gekrochen ist... Am liebsten wäre ihm gewesen, daß Severus ihm den Kopf abreißt, seine Hauptregler lahmlegt und ihn fürsorglich ins Bett packt. So in etwa. Draco wacht gerne in Severus' Bett auf. Es ist nett da.
Und es ist nicht so, daß er Severus die Partnerin mißgönnt, aber... Wie ein Fünfjähriger schiebt er die Füße ins Geröll, tritt einzelne Steine hoch. Severus hätte ihn eh nur zu den Parzen geschleppt.
Draco seufzt selbstmitleidig, als etwas seinen Arm hinaufschießt wie ein Stromschlag: ein jäher Schmerz, der ihn gegen die Wand taumeln läßt und auf die Knie zwingt. Zittrig faltet er den Ärmel hoch. Er erwartet aufgesprungene Haut, freigelegte Kapillaren und Kontakte, erwartet ein Morsmordre der jüngsten Generation, sieht aber nur schwarze Linien, die im Lauf der letzten Tage klarer und feiner geworden sind.
Sobald er mit Kotzen fertig ist, krümmt er sich zwischen die Schienen und schreit. Warum, zur Hölle, fahren hier keine Züge mehr?
---
"Ist ja gut", grollt Harry in den winzigen Mikroknopf, "ich reg' mich nicht auf. Ich frage mich nur, wo Ihre Augen waren, als wir sie gebraucht haben, Professor."
Ron hockt neben ihm auf dem Bahnsteig und baumelt mit den Beinen. Es hat keinen Sinn, auszurasten: Snape hat sie auf dem Schirm. Vielleicht hat er sich gerade gekratzt, als sie in die falsche Richtung gelaufen sind. Kann passieren, auch wenn das Timing scheiße war.
Das Remote-Apparieren sollte er sich patentieren lassen, überlegt Ron, während Harry mit Snape spricht. Für den Alltagsgebrauch ein bißchen unethisch; wo kämen sie hin, wenn jeder jeden unangekündigt am Schopf packen und wegzerren könnte? Nein, wenn er weiter daran arbeitet, dann nur unter strengen Maßgaben. Wobei die Klitterung der Mechanismen schon clever ist: halb Vektorrechnung, halb Datenstrahl - fertig ist die Reißleine, viel präziser als die historischen Portschlüssel. So lange Snape ihre Koordinaten hat, ist alles gut; er kann sie rausziehen, falls sie nicht mehr in der Lage sind, aus eigener Kraft zu apparieren.
Rons Zauberstab zieht Kreise in den festgebackenen Staub zwischen den Noppen. Am Bahnsteigrand erkennt er einzelne, mit Schablonen aufgesprühte Buchstaben. Nostalgisch schließt er die Augen und versucht, sich das Gedränge beim Einsteigen vorzustellen, die Durchsagen, der Luftzug der einfahrenden Bahnen... Aber er hört nur Harrys "Snape? Professor? Ich bekomm' Sie nicht mehr rein! Snape!"
"Mist." Harry guckt ratlos auf ein Mosaik am anderen Bahnsteig, dann zu Ron. "Und jetzt?"
Ron schlägt sich Dreck von den Fingern und fischt in den Tools, die von seiner Gürtelschlaufe hängen, bis er ein flaches Ei findet. Aus dem schwarzen Chinalack blinken vier verschiedene LEDs. "Sendet noch. Ich weiß nicht, warum er dir weggebrochen ist, aber das Teil sagt, er sieht uns."
"O-kay." Fahrig rauft Harry sich die Haare. "Irgendwie hab' ich gerade ein Déjà-vu. 'Einfach rein und raus', weißt du? Klang schon beim letzten Mal beschissen."
Ron zieht Harry mit einer Hand hoch. "Dafür ist es diesmal dein Plan. Keine Überraschungen à la Malfoy." Statt einer Antwort brummt Harry nur. Daß sie keinen Kontakt mehr zu Snape haben, ist kurios. "Was sagt dein Computer, wie weit noch? Kannst du die beiden da nicht sehen?"
"Moment." Harry weckt den Laptop. "Direkter Weg 54,3 Meter, falls wir wundersamer Weise durch Stahlbeton kämen. So sind es knapp hundert, mit Gekrabbel. Und Hermione und Zab–... fuck."
"Was, fuck?!"
Harry hält sich den Computer vom Leib, als hätte er eine gewischt bekommen, klickt eilig durch verschiedene Schirme. "Laut Peilung? Sind sie hier. Bei uns. An diesem Bahnsteig."
"Quatsch." Ron sieht sich verdutzt um. "Gib' her."
---
Ganz am Anfang, in den Wochen nach den ersten Modifikationen, hat ihn der Lärm wahnsinnig gemacht: der Elektrosmog, das Gemurmel der Glasfasern, das Flüstern der Funkverbindungen. Bevor er gelernt hat, sich ungebetene Wellen vom Leib zu halten, hat er täglich mehr Beruhigungsmittel gefressen als andere in Wochen. Mittlerweile filtern seine Systeme solche Störgeräusche automatisch aus. Er scannt das Rauschen nach der Handvoll Frequenzen, die ihm etwas sagt und blendet den Rest aus.
Bis eben war es in den Schächten ruhig, doch scheinen die Kabel aufgewacht zu sein. Draco hört aufgeregtes Summen wie in einem Bienenstock - Matsudas Bautrupps, schätzt er, aber um diese Zeit? Unwahrscheinlich. Außerdem irritiert ihn die Amplitude. Das ist kein normales Leitungsrauschen. Das ist nicht Matsuda.
Draco beißt die Zähne zusammen, bis sein Kiefer krampft. Er könnte zwischen Ruß und Rost liegenbleiben, alles über sich hinweg waschen lassen... als das Sirren schrill wird und seine Synapsen zünden. Diese Funktionalität ist rauschhaft, war sie schon immer - wenn alle Schlüssel schließen, imaginäre Räder klicken, wenn seine Biochemie hochfährt und die Optikchips mit Infrarot, Makro und Scanner auf vierfach schalten, wenn sich sein ganzer Stoffwechsel binnen Sekundenbruchteilen optimiert und die Klingen einen Millimeter vor den Fingernägeln liegen... es ist besser als Drogen, besser als Sex.
Es ist der pure Jagdinstinkt, und Draco fühlt sich das erste Mal seit langer Zeit wieder ganz. Er genießt seine Reflexe, das exquisite Zusammenspiel der Muskeln. Kann ja sein, daß Potter mittlerweile die bessere Hardware besitzt, aber er tut nichts damit; die Brillenschlange sitzt sich bloß den Arsch platt. Egal... nicht mehr sein Problem.
Er braucht Severus' Computer nicht, um den schnellsten Weg durch die Tunnel zu finden; dazu genügt ein Überschlagen von Plänen und Wellenlängen. Die Geräusche haben ihre Quelle vor ihm, doch je näher er kommt, desto weiter fächern sie auf. Wo anfangs nur ein Durcheinander von Empfangen und Senden war, erkennt er jetzt vier verschiedene Datenstränge - mit einer fünften Frequenz als Bordunton. Fast unbemerkt gleitet ein weiteres Puzzleteil an die richtige Stelle.
---
Die Frau macht Severus wahnsinnig. Falsch: Die Situation macht ihn wahnsinnig, und auch das ist nur eine idiotische Redewendung, aber Severus wäre trotzdem dankbar, wenn McGonagall aufhören könnte, hinter ihm auf und ab zu gehen.
"Minerva", blafft er aus einem Mundwinkel. "Ich weiß deine Bereitschaft zu schätzen, ihnen für den Fall der Fälle beizustehen, aber kannst du deinen Langen Marsch bitte kurz unterbrechen?"
Seit vor zwei Minuten die Verbindung abgerissen ist, hat er Grund, an den Koordinaten zu zweifeln. Auf seinem Bildschirm, genauer: auf Weasleys Bildschirm sieht er alle vier Peilungen in unmittelbarer Nähe. Sie müßten einander zum Greifen nah sein. Laut Potters Gebrabbel sind sie das nicht.
Minervas Mund ist eine dünne Linie geworden, mit tiefen Kerben an beiden Seiten. Wann sind sie so alt geworden? Manchmal sieht er sie noch ins Labor fegen, an seinem ersten Tag, ihre Körperhaltung eine einzige Herausforderung. Sie hatte ihm die Hand hingestreckt wie ein Skalpell: "Da schau her. Severus Snape. Experte für Molekular-Magie, richtig?" Als sei er ein Bluff, als sei ihr Forschungsgebiet – neurobiologische Transfiguration – etwas Besseres. Das und ihre späteren, gemeinsamen Überstunden müssen vor hundert Jahren gewesen sein.
Jetzt setzt sie sich neben ihn, reibt ihre Nasenwurzel über der Brille und rollt ihren Platinstab von einer Fliesenfuge in die nächste. "Severus. Was kann ihre Koordinaten derart verfälschen und gleichzeitig die Kommunikation kappen?"
"Das ist eine rhetorische Frage, oder?" Mit einem Shortcut, der seinen fehlenden Fingern Rechnung trägt, wechselt er durch Layer und Frequenzen. "Eine starke elektromagnetische Strahlung. Ein Fehler in der Synchronisierung. Willkürliche Manipulation. Was denkst du?"
"Ich denke, daß wir sehenden Auges in die Katastrophe laufen", sagt sie und sticht ihren Stab durch das Hologramm der Untergeschosse. "Wir hätten da eine Armee reinschicken müssen, keine Kinder."
"Sie sind keine Kinder mehr", quittiert Severus. Einige von ihnen benehmen sich nur so. "Und von welcher Armee redest du? Welche Ordnung fällt dir ein, magisch oder muggel, die aus dem, was sie dort womöglich findet, nicht versuchen wird, Nutzen zu ziehen? Falls sie begreift, was es ist." Er schüttelt den Kopf, starrt auf die eingefrorenen Leuchtpunkte. Ganz gleich in welchen Modus er schaltet, er bekommt Hermione nicht rein.
"Draco hätte in Quarantäne gehört", murmelt er zusammenhanglos, während er einen weiteren Bildschirm aus dem Tisch zieht.
"Als er ein Dunkles Zeichen entwickelt hat, sicher." Minerva hebt die Schultern. "Vorher gab es dazu keinen Grund. Seine frühen Symptome haben ausgesehen wie virale Fehlfunktionen. So etwas ist lästig, aber nicht a priori bösartig."
"Ungeachtet der Tatsache, daß er Potter angegriffen hat?"
"Das ist ein anderes Thema", sagt sie. "Pince hält es für denkbar, daß etwas einen Reflex getriggert hat."
"Notwehr gegen den Erwählten von Gryffindor - du siehst mich überrascht." Gut, daß ihm das Haar ins Gesicht fällt... seine Miene wäre leicht mißzuverstehen.
"Ich habe gesagt, 'etwas', nicht 'Harry'." Minerva starrt auf die neuen Daten. "Ist auch nicht mehr zu rekonstruieren."
---
"Alles okay, Granger?"
"Mpf." Nichts ist okay. Sie haben Harry und Ron verloren, irren in stickigen Gängen herum, und ihr PHS macht Mucken. Das einzige, was noch funktioniert, sind Zabinis glimmende Augen. "Mein Knöchel. Verknackst, glaub' ich."
Zabini will ihr unter die Arme greifen, aber Hermione schüttelt ihn ab und humpelt wütend weiter. Wie sie es geschafft hat, vom Bahnsteig abzurutschen, ist ihr ein Rätsel - umso mehr, als danach kein Bahnsteig mehr da war.
Logisch denken, ermahnt sie sich. Ruhe bewahren. Harry und Ron können nicht weit sein; der Ausfall ihrer Tracker ist sicher nur vorübergehend. Wenn sie die Richtung beibehalten, müssen sie auf einen der beiden Hauptversorgungsstränge von Malfoy Tower stoßen. Sie stellt das Lumos eine Stufe höher und speichert eine Botschaft an Severus; irgendwann werden sie ja wieder Netz haben.
"Wann hast du eigentlich gemerkt, daß du Houngan bist?" fragt sie, um sich abzulenken.
"Meine Großmutter hat mich initiiert, als ich 11 war. Formidable Mambo, meine mémé. Hat ihr das Herz gebrochen, als meine Eltern für immer hierher gezogen sind... die Loa wollten danach nichts mehr von ihnen wissen."
Hermione schnauft skeptisch. "Ist es da nicht seltsam, ein Loa bei Malfoy zu finden?"
"Falls du andeuten willst, daß er sich's eingebildet hat, oder daß ihr Mehlbrötchen nicht geritten werden könnt, muß ich dich enttäuschen", sagt er. "Sie ist echt genug, um von den Parzen aufgespürt zu werden. Wobei ich nicht weiß, ob sie wirklich aus Haiti stammt."
Bevor Hermione fragen kann, was er damit meint, taucht vor ihnen ein Lichtstrahl auf, und Zabini drückt ihren Stab herunter. "Pardon", raunt er, die Augen im Scan. "Wiesel, hier! Wir sind hier!"
Rons Keuchen klingt harsch, und bestürzt erkennt Hermione, daß er allein ist. Sie rennen auf ihn zu, während Ron sich an der Wand abstützt, seine Seite hält. Sein Pferdeschwanz ist in Auflösung begriffen, er hat einen blutigen Kratzer an der Backe, und auf der Schulter seiner Weste klafft ein schwarzrandiger Riß. Erleichtert taumelt er Hermione entgegen. Woher er dabei Zeit und Kraft nimmt, Zabini noch einen schmutzigen Blick zuzuwerfen, ist ihr ein Rätsel.
"Merlin, wo wart ihr? Hat euch der Erdboden verschluckt, oder was? Ihr wußtet genau, wie wichtig es ist, zusammen zu bleiben! Harrys Briefing-"
"Professor Snapes Briefing", fällt Zabini ihm ins Wort, "war in jeder Hinsicht eindeutig: Um jeden Preis zusammen bleiben, richtig. Wo hast du Potter gelassen, in 'nem Graben?"
Ron schüttelt den Kopf. "War auf einmal nicht mehr da. Als ob er in ein Wurmloch gefallen wäre. Und die Koordinaten haben total gesponnen. Wie in einem-"
"-Magnetfeld", schließen er und Zabini gleichzeitig. Einen Moment starren sie einander an, dann schießen Zabinis Augenbrauen fast bis zum Haaransatz.
Hermione rutscht an der Wand auf die Fersen. "Mist."
---
Auf sich gestellt, wiegen die Zentner Beton und Erde über ihm schwerer. Harrys Atem geht stoßweise, und er muß öfter anhalten, die Übelkeit, das Flimmern hinter seinen Augen unterdrücken. Ihm ist, als ginge der Sauerstoff aus, aber die Luft ist nur schal, nicht giftig; jedenfalls gibt der Computer keine Warnung.
Die Waben unter den Fundamenten von Malfoy Inc. wecken Erinnerungen, auf die er gern verzichtet. An Malfoy, der ihm Spucke vom Mund wischt und ihn in zu große Kleider steckt, durch flackernde Zementröhren zu Voldemort schleppt. An Voldemort selbst, soviel größer, als Harry ihn sich vorgestellt hat, eine mit bloßem Verstand nicht mehr faßbare Rechnerleistung, eine Säule aus Obsidian und Porphyr, neben der Harrys Zellen zu platzen beginnen wie Kaugummi-Blasen.
Schwer zu glauben, daß hier unten alles angefangen haben soll... Die äußere Tür, ein Notausgang zu den Versorgungstunneln der U-Bahn, steht praktisch offen, ihr Code-Kasten durchgebrannt und mit ein, zwei Alohomori schnell geknackt.
Die anschließenden Korridore und Räume sehen alles andere als ordnungsgemäß geräumt und versiegelt aus - im Gegenteil. Im Schein seines Zauberstabs erkennt er umgestürztes Mobiliar, Konsolen, auf denen noch Kaffeebecher stehen, deren Inhalt verschimmelt und zu Staub zerfallen ist. Einzelne Deckenplatten sind heruntergefallen, andere klemmen noch in einem prekären Gleichgewicht, verkantet zwischen Kabelsträngen. Wenn er den Zauberstab nach oben richtet, sieht er Leitungs- und Lüftungsschächte, aus denen Staubflocken und Asbestfetzen hängen.
Sein Lumos gleitet über Türschilder, korrodierte Abteilungsplaketten. Nicht alle sind noch lesbar; manche sind verätzt oder zu Teilen ausgerissen. "Mulciber, Vors. Forschung und Entwicklung". "Verteilersysteme". "Travers, Dpt. Emulationsmodelle". "Ri-..." irgendwas. Harry fährt über das unleserliche Schild und schluckt. Das Zimmer dahinter ist vollständig leergeräumt, und Harry eilt zum nächsten, dem Schild nach der Generatorraum, in dem nur noch geschmolzene Klumpen stehen. Selbst die Sicherungsschränke sind verschmort, das wandhohe Panzerglas verrußt und gesprungen. Diese Labors sind nicht einfach verlegt worden... Malfoys Forschungsabteilung hat sie fluchtartig verlassen.
Vor einer der Großkonsolen steht noch ein Bürostuhl, die Sitzfläche fingerdick mit Staub und Scherben bedeckt. Harry wischt ihn mit einem Stoß vergilbter Ausdrucke frei und setzt sich vorsichtig.
Er stemmt die Ellbogen auf, gabelt die Finger. Wenn hier noch etwas wäre... müßte er es dann nicht spüren? Nach der Unruhe im Krater ist die Atmosphäre hier fast zu still; er fühlt kein Rumoren mehr. Vielleicht befindet er sich auch schon im Auge des Orkans. Harry lacht unwohl und streicht kleinteiligen Schutt vom Board.
Allein schafft er das nicht, denkt er. Zwischen den einzelnen Tischen und Schrotthaufen liegt noch so viel... Zeug verstreut: Papiere, zerfledderte Akten, die flachen schwarzen Speichermedien und Scheiben, die heute keiner mehr benutzt... wie soll er wissen, wonach er überhaupt sucht? Keiner der Techniker wird so dämlich gewesen sein, eine Disk mit "Voldemort 1.0 Beta" liegen lassen zu haben, dick mit Marker beschriftet.
Er sollte zurückgehen und die anderen suchen. Daß er sich überhaupt so weit vorgetraut hat, ohne Backup, ist vollkommen hirnrissig, das weiß er selbst. Aber zwischen umkehren und sich dank falscher Koordinaten verirren, sofort rausapparieren oder nachsehen, ob da doch noch etwas ist, scheint ihm eine Option so schlecht wie die andere. Jetzt weiß er immerhin, daß die Mär von der frühzeitig abgebrochenen Operation hier unten Bullshit ist. Oh, abgebrochen wurde sicher. Nur anders.
Nebenbei räumt er weiter die Arbeitsfläche frei, klemmt seinen Zauberstab als Lampe in einen Reglerschlitz. Er pfeift durch die Zähne, während er über die Konsole fährt - er kann sich nicht helfen, das Design ist zu schön, die Vorschaltebenen und Touchpads zu elegant angeordnet, um ihn nicht anzusprechen. Vielleicht kann er ein paar Sachen behalten, wenn sie aufräumen; Snape muß ja nicht von allem wissen.
Und überhaupt. Ron wird Augen machen. Klar ist die Technologie mittlerweile veraltet, die Schaltreihen klotzig, aber... für damals? Visionär, absolut visionär. Fasziniert tippt er auf toten Knöpfen herum.
Als er hinter sich eine Stimme hört, schleudert er vor Schreck beinah den Sandbender vom Schoß.
"Was du gerade machst, Potter? Man nennt das 'unbefugtes Betreten'."
Malfoy.
Im Herumwirbeln wirft Harry den Bürostuhl um. Sein Puls überschlägt sich. Instinktiv erwartet er einen Fluch, aber Malfoy tut nichts – der Blonde lehnt im Halbdunkel an einer verbeulten Stahltür und dreht seinen Zauberstab zwischen den Fingern.
Und Malfoy ist nur noch ein abgemagertes Gespenst, nicht mehr der tödliche Schatten, den man erst sieht, wenn es zu spät ist.
Harry schluckt, versucht, auf Zeit zu spielen. "Da dieser Schrotthaufen Matsuda gehört und du Probleme hättest, vor einem Amtsarzt von Turing deine Zurechnungsfähigkeit zu beweisen, würde ich sagen, du bist nicht eher befugt als wir."
"Wir? Komisch, ich sehe nur dich."
Treffer. "Die anderen sind um die Ecke", blufft Harry. "Und jeden Moment hier." Es tut so verdammt weh, Malfoy wiederzusehen. Harry würde ihn gern in die Arme schließen. Stattdessen versetzt er: "Und, wie geht es deinem Parasiten?"
"Mein Parasit? Danke der Nachfrage. Wer weiß, vielleicht hab' ich ihn ja von dir. Ich war mit niemand anders online, oder?" Unbeirrt tritt Malfoy näher ans Kontroll-Panel. Harry starrt ihm auf den Adamsapfel.
Seine Augen wandern Malfoys Hals hinunter, zu der Stelle, wo sich Kehle und Schlüsselbein treffen. Falls Malfoy auf ihre alte Hase & Igel-Dynamik setzt, falls er hofft, Harry genug aus der Fassung zu bringen, um Fehler zu machen, nur weil er vor ihm am Ziel ist, dann hat er sich geschnitten. Harry wirbelt seinen Stab vor – und Malfoy ist ein paar Millisekunden zu langsam. Harrys Expelliarmus kann er abwehren, aber es zwingt ihn in die Defensive, und als er von der Konsole wegstolpert, fällt er beinah über einen Haufen Kabel. Sie umkreisen einander, das Zittern in Malfoys Stabhand offensichtlich. Wahrscheinlich Materialermüdung.
"Du bist krank, Malfoy. Schau' dich an. Du kannst kaum aufrecht stehen." Es ist töricht, aber Harry streckt eine Hand nach ihm aus: "Komm', runter mit dem Stab. Gib dir eine Chance. Wenn ich aussage, daß du mir geholfen hast, kommst du vielleicht mit ein paar Sitzungen unter Narkose davon."
So, wie er den Kopf schieflegt, sieht Malfoy fremder aus denn je. Dafür sinkt seine Waffe wenigstens eine Hand breit. "Erzähl' keinen Scheiß, Potter. Geh' heim und log dich ein und verpiß dich aus meinem Leben. "
"Damit du in aller Ruhe Voldemort rekonstruieren kannst? Ich glaube nicht, Draco."
"Für dich immer noch Malfoy", faucht er, seine Linsen weiß und weit. "Und sag' seinen Namen nicht." Damit hebt er seinen Stab in weitem Bogen, wie zum Duell. Vor hundert Jahren, bei Zauberern mit schwarzen Roben und weißen Masken, hätte das vielleicht bedrohlich ausgesehen.
"Voldemort." Harry knurrt und schlingt sich den Sandbender ins Kreuz. Es wäre dumm, aber er hat gute Lust, Malfoy auszuknocken und zu Matsuda zu schleppen, oder besser gleich zu Turing - sollen die sich doch mit ihm rumschlagen. Zugleich möchte er ihm seine Jacke um die Schultern legen und ihn rausbringen. "Ich muß dir nicht erklären, was passiert, wenn er einen neuen Mainframe findet, oder? Was da draußen noch an Spurenelementen von ihm rumgeistert, würde schneller zusammenschnurren als du gucken kannst, Optikmods oder nicht."
Malfoys Linsen flackern unruhig - als bräuchte er länger, um die Information zu prozessieren. "Woher willst du wissen, daß hier noch Teile von ihm sind?" fragt er.
"Nur 'ne Vermutung." Und warum sonst sollte Malfoy hier sein? Harry wird auf einmal schwindlig, und er sucht Halt an der Lehne des Stuhls. "Ich hab' jedenfalls keine Lust zu warten, bis Matsuda hier aufräumt und – oops – versehentlich mit ihm ans Netz geht. Wenn du dich erinnerst, ist die Sache persönlich."
Lauernd beobachtet er, wie Malfoy einen Schritt zurück macht und... nickt. "Das kann ich nachvollziehen, Potter. Ändert nur nichts daran, daß du hier nichts verloren hast." Seine Kombination aus Petrificus und Karatetritt ist zu vorhersehbar, um Harry zu erwischen.
Harry taucht unters Pult und dahinter wieder auf, feuert erst ein Impedimenta, dann ein Crucio und schwingt behände über die Konsole, um zuzusehen, wie Malfoy sich zwischen Scherben windet. Zischelnd beugt er sich zu ihm hinunter. "Da irrst du, mein Lieber. Ich habe hier eine ganze Menge verloren."
---
"Ah, du hast den Sendai mitgebracht." Potter tippt sich gegen die Unterlippe. "Hervorragend. Da sind noch ein paar Files drin, die ich brauche – das Zeug, das du in den letzten Tagen zusammengetragen hast."
"Das ich... was?" Draco rollt benommen den Kopf zur Seite und sieht, wie Potter eine Zigarettenschachtel mit Massenspeichern und Glasfaserkabel aus der Tasche zieht.
Den Sendai plaziert er daneben auf dem Terminal: "Schockierend, nicht? Daß es immer noch Dateien und Netze gibt, in die nur ein Malfoy kommt."
Unter Schmerzen versucht Draco, vom Ellbogen abzurollen und zur Konsole zu krabbeln, aber Potter schleudert ihn mit einem beiläufigen Crucio gegen ein Rechnergehäuse. Ein furchtbares Knacken geht durch Dracos Schädel, und seine Optik verrutscht um 90 Grad.
"Hm. Ich fürchte, danach hat der 'bender seine Schuldigkeit getan", hört er Potter wie unter Wasser. "Hippiescheiße." Dracos Wahrnehmung kommt und geht; am rechten Rand seines Gesichtsfelds läuft ein Statusbericht, den er nicht liest. Stattdessen sackt er vornüber. Beton und Scherben graben sich in seine Wange, und er preßt sich auf den Boden, der wunderbar kühl ist. Sein Körper kocht in einem Dutzend widersprüchlicher Befehle. Verschwommen sieht er, wie Potter neben ihn tritt, sich hinhockt.
Potters Hände sind sanft, flüchtig. Behutsam zieht er Dracos Kopf in seinen Schoß, streicht ihm durchs Haar, wickelt sich Strähnen um die Finger. "Wenn du dich sehen könntest." Potter schaut milde zu ihm herunter. "So hübsch", krault er ihn. "Aber du kannst jetzt loslassen. Es ist nur ein Körper."
Zu sehr damit beschäftigt, Sauerstoff in seine Lungen zu ziehen, kann Draco nicht verhindern, daß Potter ihm einen Stecker hinters Ohr drückt, ihn an den Sandbender anschließt. Zuerst zuckt Draco noch, doch dann lockern sich seine Muskeln, öffnen sich seine Hände.
Potter nimmt Dracos Linke und entblößt den dürftig verbundenen Unterarm: Über das Morsmordre sind Notfall-Patches geklebt, die Potter nun langsam abschält. "Eine Schande, Draco. Verschwendung ärgert mich. Zumal, wenn es sich um so fortschrittliche Technologie handelt. Ich bedaure, daß es dir wehgetan hat... Aber du hast nicht wirklich geglaubt, daß du es kappen kannst, oder?" Zärtlich fahren Potters Fingerkuppen über die weiche, weiße Haut der Armbeuge.
"Was für ein schöner neuer Arm", murmelt er. Dann reißt er Elle und Speiche gegen das Gelenk nach hinten, mühelos, nebenbei.
Draco spürt seinen Ellbogen zersplittern. Die Knochen zerfasern krachend wie trockenes Holz, und er hört sich brüllen wie ein Tier.
---
tbc.
---
