And that's all, folks. Ich gehe jetzt eine Runde weinen.
Danke allen, die dem Biest hier die Stange gehalten haben.


Titel: Coda 2.3 (4/4)
Autor: Liriaen
Pairing: HP/DM, BZ/DM, SS/HG und... thing.
Rating: FSK-16
Wortzahl: 9.240
Disclaimer: Danke, JK Rowling, William Gibson, Roger Zelazny - kein Geld, nur Liebe. In diesem Kapitel: Zwei sehr offensichtliche Anleihen bei Gibsons "All Tomorrow's Parties" und "Neuromancer", coming full circle.
Kapitel 4: "Es war noch nie so still in seinem Kopf." (Totgesagte leben länger.)

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Coda 2.3

Kapitel 4

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Voldemort läßt Draco fallen und steigt über die zusammengeschobenen Trümmer, beugt sich über das Kontrolldeck. Er kaut auf seiner Unterlippe, beobachtet, wägt und mißt, jagt ruhig und logisch Befehle durch die Konsole.

Ollivanders Kartendrives sind veraltet, wie das ganze System hier unten, aber als Interim wird es reichen. Die Verzeichnisse des Sandbender auf den Sendai zu laden, dauert Millisekunden. Von da an sind es nur ein paar Schritte: ein Notaggregat lokalisieren, die Anlage über den Sendai booten und einen Strang Verbindungen aufbauen. So lange ihm Strom bleibt, ist die Stochastik auf seiner Seite - zu diesem Zeitpunkt ist die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschlags nur noch eins zu etwas über zweihundert Tausend.

Ohne Eile, ohne hinsehen zu müssen, tippt Voldemort Sequenzen, summt eine simple Melodie. Wenn alles gut geht, besitzt er in 11 Minuten wieder volle Kontrolle über die Stromnetze und 97.78 der Matrix; alle sekundären Datenströme und internationalen Ressourcen werden in seine Richtung umgeleitet werden. Er erwartet die kontinentale Synchronisierung in 10 Minuten, 37 Sekunden. Ihn stört nicht, Draco an diesen Informationen teilhaben zu lassen; das fehlerhafte Ding liegt sowieso in den letzten Zügen. Gerade fiept es, preßt den Sandbender an sich, als wäre er ein Stofftier.

Daß er überhaupt mit Draco spricht, Silben und Wörter formt, statt den Port zu benutzen, ist reine Affektiertheit. Eine Erinnerung an die Zeit, die er in Potter zugebracht hat. "Vor vielen Jahren", sagt er im Plauderton, "vor vielen Jahren hat man bei Ratten etwas eigenartiges herausgefunden. In ihre kleinen Erbsenhirne wurden Elektroden eingepflanzt, die auf Knopfdruck das Lustzentrum reizten. Danach gab man ihnen die Möglichkeit, sich durch diesen Knopfdruck selbst zu stimulieren. Und Ratten sind bekanntlich nicht dumm. Kannst du dir denken, was passiert ist?"

Voldemort stützt das Kinn in die Hand, als erwarte er eine Antwort. Dabei weiß er, daß Draco nicht mehr denken kann. "Die Ratten drückten den Knopf ununterbrochen, sechzig Mal und mehr in der Minute - bis sie vor Erschöpfung starben. Sie hatten kein Bedürfnis mehr, zu trinken, zu essen, sich zu paaren. Sie haben sich zu Tode amüsiert. Ich fand das hoch interessant", schmunzelt er. "Und ich habe Sorge getragen, daß so etwas zu den ersten Implantaten zählte, die man dir gesetzt hat. Nicht das gleiche, natürlich; das wäre viel zu krude."

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Draco bildet sich ein, daß Harry sich zu ihm kauert. Er rollt auf den Rücken, schmiegt sich Trost suchend in die Hand, die ihn streichelt. Harry lächelt, für ihn. Harry lächelt, und Dracos Füße kratzen über den Scherben übersäten Boden.

"Mhh, so. Genau so. Gefällt dir das?"

Es tut weh. Zugleich tut es so gut: Draco sieht seine Zellen auseinander strömen, ein buntes Band DNA, das aufspleißt, bevor es im Dunkel der Kabelschächte verschwindet. Er sieht zwei Lichtstränge, kobaltblau und silber, die an seinem Herz und Bauch zerren.

Rasch kommt er ein zweites Mal, sein Schwanz heiß gegen den Hosenbund gedrückt. Als er stumm bettelt, muß er etwas richtig machen, denn Voldemorts Berührungen werden zärtlicher. Der Druck hinter seiner Stirn läßt nach und wird zu einem Prickeln hinter dem Jochbein.

Draco ist abgekämpft; sein Körper gehorcht nicht mehr. Er leckt nach dem Blut, das aus seiner Nase läuft, bis ein Krampf ihn schüttelt. "Nimm dich zusammen und gib mir deine Hand", streicht es über ihn. Fast klingt es wie eine Frau. Er spürt die Worte mehr, als er sie hört, und als er die Stimme erkennt, neigt er sich zu ihr. "Hab' keine Angst", sagt sie.

Angst ist der falsche Ausdruck. Er kann nicht mehr, das ist alles.

Irgendwo klimpert eine Spieluhr.

"Ein Phänomen übrigens", kommentiert Voldemort, für Sekundenbruchteile abgelenkt, "wenn es ans Sterben geht, schreit ihr alle nach euren Müttern. Eine atemporäre Fehlleistung eurer Gehirne, glaube ich. Vielleicht durch den Zerfall von Eiweiß." Damit widmet er sich den letzten, noch unvollständigen Schaltkreisen.

In Draco haben sie sich längst geschlossen. Als ein vergessenes Notprogramm einen Rest Adrenalin freisetzt, hält Voldemort nicht einmal inne. Zu spät erkennt er, daß etwas Dracos Rechte zu einem unregelmäßigen, fünfzackigen Stern spreizt, die Eckpunkte eines Vévés formt, und der Sandbender von innen her zu leuchten beginnt.

Voldemort fährt herum, und Draco hört auf zu atmen.

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Die meisten von Weasleys Apparaturen haben ein Eigenleben. Sie rattern und ticken autonom vom Großrechner; raucht eine ab, nimmt sie die anderen nicht mit. Severus' Auge schweift über Geräte, die selten mehr haben als einen "An"-Schalter. Er sieht sogar ein paar Kästen mit Vakuumröhren, die für jede Form der Datenverarbeitung zu langsam sein müßten; gemessen an den GigaHertz moderner Rechner sind sie Dinosaurier, die irgendwie noch durchs Netz pflügen.

Severus bückt sich unter die Arbeitsfläche und schiebt Kartons mit leeren Flaschen und Wäsche beiseite, um die Verkabelung der Decks zu betrachten. Dann richtet er sich ächzend auf. "Weiß Gott, Weasley ist ein Schmutzfink. Natürlich nirgends ein Schaltplan. Ich behaupte nicht, zu verstehen, was er da geschraubt hat."

"Höre ich da leisen Respekt?" Vermeintlich unbemerkt knüpft die Parze einen Heilspruch über sein Bein, der wärmend bis in die Hüfte strahlt.

Severus grummelt. "So lang die Ergebnisse stimmen, habe ich nichts gegen unorthodoxe Ansätze. Aber daß uns sein System jetzt - jetzt! - vom Netz abhängt, ist, Verzeihung, ausgemachte Scheiße." Er überläßt es Minerva, "den Kindern" weiter hinterher zu funken. Unruhig starrt er auf die Lichtpunkte, bis ein Drucker neben ihm neue Diagramme ausspuckt. Severus reißt sie ungeduldig aus dem Schlitz.

"Minerva, stop", murmelt er, "Weasley hat uns nicht nur abgehängt... Sein System hat uns eingestülpt-"

"Warum sollte es das?" fragt sie, die Stirn in Falten gelegt.

"Selbstschutz, sobald eine bestimmte Konzentration von Malware und Viren im Netz erreicht ist. Offenbar hat er das Programm nie deaktiviert." Er sagt nicht "nach Voldemort", aber sie versteht. Die Parameter müssen die Schwelle überschritten haben - ein Domino-Effekt, der mit Lichtgeschwindigkeit durch die Glasfasern rast.

Um sie herum wird es dunkel. Die Displays reduzieren sich zu grünen Linien, roten Dioden und blauen Projektionen, die über ihre ungläubigen Gesichter flackern. Aus einem Raum im hinteren Teil des Baus kommt ein asthmatisches Röcheln, das sich nach drei Fehlstarts als das Brummen eines Generators entpuppt, der den Compound schüttelt wie ein schlecht gelaunter Bär.

Weasleys Programme greifen nahtlos in einander: Vom ersten Warnsignal bis zur Abkopplung sind 93 Sekunden vergangen.

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Voldemorts Augen folgen den Schemen durch den Raum. Wieder und wieder richtet er den Chromstab darauf, aber seine Crucios und Incendios verfehlen ihr Ziel, und so lang er das Deck braucht, kann er den Raum nicht zerstören.

Lachhaft. Er wird sich jetzt nicht von einer Handvoll Hologramme irritieren lassen; wichtig ist allein, sie von der Konsole fernzuhalten. Zwischen zwei Flüchen schiebt er sich in einem Potter'schen Automatismus die Brille zurecht, überfliegt Bildschirme und Zahlenketten - als einer ihrer Avatare ihn zu passieren droht und auf den linken Teil des Terminals zuschießt. Voldemort erwischt sie im Genick und schleudert sie in die Wandabdeckung.

"Netter Versuch", zischt er in die Funken. Die Algorithmen der Sprachausgabe entgleiten ihm, doch er fängt sich schnell. Sie ist ein schlecht gezimmertes Programm. Was soll sie schon ausrichten? Immer wieder schnappt er Wellenstränge und Vektoren, die als virtuelle Asche auf seine Jeans zu rieseln.

"Mum, hör' auf", nörgelt er wie ein Teenager und zerrt sie sich auf Augenhöhe. "Du wirst doch deinem Sohn nicht wehtun wollen?"

Die Loa lacht und läßt ihm ein Stück Bitmap in der Hand. "Deine Logik ist fehlerhaft." Ihr Avatar ist jetzt eine rothaarige Frau mit dunkler Brille, der ein Glas fehlt. "Biologisch kontaminiert." Zur Illustration fließen ihre vielen Gesichter zusammen, formen eine schimmernde Masse ohne Mund und Augen.

Die Ironie ist, daß sie recht hat. Die Grenzen von Potters Körper und zu wenig RAM haben ihn verkrampft; in die Zellebene gezwungen, hat er mit unbekannten Variablen rechnen müssen: mit Potters Trieben, Malfoys Paranoia... Mittlerweile sind das Marginalien. Er hat nicht ein Drittel seiner Leistung in die vollendete DNA investiert, um solche Mißbildungen zu dulden.

Stablos zieht er ein Schutzfeld hoch, verzehnfacht die Strahlung um sich und das Pult, das unter der Last zu stottern beginnt. Nachdem er zwei Widerstände rausgerissen und die Spannung umgelegt hat, schimmern die Daten wieder gleichmäßig über die altertümlichen Plasma-Schirme. Soeben endet eine weitere Zahlenfolge mit "complete" - das Zeichen, daß der Stadt die Lichter ausgehen.

Voldemort schließt die Augen. Mit einem gewaltigen Impuls sammelt er die bereits verfügbaren Kilowatt und trennt die Einsen und Nullen über dem Nichts.

Sui generis.

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Peilung und Remote funktionieren anscheinend wieder, denn nach einem manuellen Frequenzwechsel hört Ron als erstes Snape, der ihn anblafft, ob sie noch bei Trost seien. "Euer Status?", bellt er.

Ron windet sich zur Seite. Seine Schulter tut weh; keine Ahnung, in was er gelaufen ist; vorhin hat es sich wie eine Axt angefühlt. Außerdem sieht er lieber nicht, wie Zabini Hermione auf die Füße hilft. "Status? Status, Professor?" schimpft er flüsternd. "Haben Sie was an den Augen? Harry ist weg! Und was ist das für'n Vorkriegssender, den Sie da benutzen? Ich kann Sie kaum hören!" Als er begreift, was er gerade gesagt hat, geht er ein paar Schritte ins Dunkel.

"Mr. Weasley", knistert es aus dem Äther, "Sie treffen den Nagel unvermutet auf den Kopf. Ihr System hat uns vor rund drei Minuten vom Netz genommen und auf analog geschaltet. Fehlt nur noch, daß ich Kontakte in eine Kartoffel stecken muß, an der Kurbel drehen und dazu Zaubersprüche aufsagen." Ron glaubt im Hintergrund eine Frau zu hören, dann knurrt Snape weiter. "Ich gehe davon aus, daß Ihr System weiß, was es tut. Und daß Sie wissen, was das bedeutet."

Ron hält die Luft an, schluckt. So normal er kann sagt er: "Verlieren Sie unsere Peilung nicht, Professor" und klappt das Modul zu.

Um seine Sohlen knirscht und wimmelt es, und auf einmal sieht er die Ratten. Sie kommen aus dem Tunnelnetz vor ihnen und verschwinden in entgegengesetzter Richtung, dem Krater zu, als verließen sie ein sinkendes Schiff... Ratten, erinnert er sich, hassen Ultraschall... und Rechenzentralen machen sich das zunutze, weil die Viecher sonst Isolierungen fressen...

Wortlos blicken die Drei einander an, dann laufen sie in den Nagerstrom.

Je näher sie den Labors kommen, desto stärker riecht es nach Ozon und kokelndem Plastik, ein scharfer Gestank, der ihnen die Kehlen zuzieht. Durch die zugemüllten Gänge können sie bereits das Wetterleuchten von Flüchen sehen. Ein gewaltiger Schlag muß die Zugangstür von Malfoy Inc. aus den Angeln gerissen haben: In der Mitte kocht noch zerbeultes Metall, und der Lack mit dem integrierten Tarnspruch wirft Blasen. Ron versucht, Hermione hinter sich zu schieben, aber sie drängt sich auf der anderen Seite an Zabini vorbei.

Avadas wechseln mit den weißen Blitzen der Crucios, sprühen Funken bis in den Korridor. Biegendes Metall kreischt; Zaubersprüche schlagen ein, explodieren, verglühen zischend. An Stellen, wo sie auf Brennbares treffen, breiten sich unter Qualm erste Flammen aus.

Schlitternd kommt Ron zum Halt, späht um die Ecke in den Kontrollraum: Harry steht in einem roten Lichtkegel, um ihn herum ein Mahlstrom aus elektrischer Ladung. Ron will vorstürzen, Harry helfen - als Zabini ihn grob zurückreißt.

Es war klar, daß er ihnen ins Kreuz fallen würde, so klar... Die beiden zielen auf einander, und Zabinis Augen leuchten grüngelb auf. "Du Arschloch", spuckt Ron. "Steckst mit ihnen unter einer Decke-" Zabini nutzt die Ablenkung durch einen Querschläger, um Ron in den Magen zu boxen und ihn am Kragen zu packen. Ron krümmt sich vor Schmerzen, greift aber schon wieder nach seinem Stab. Diesmal ist es Hermione, die ihm den Weg verstellt. "Verdammt, spinnst du!" röchelt Ron. "Hat das Schwein dich verhext? Wir müssen Harry helfen!"

"Ron." Hermione preßt die Lippen zusammen. "Das ist nicht Harry."

Er starrt sie ungläubig an. "Quatsch, wer soll das sonst sein?" Mühsam krabbelt er vor an den Türrahmen, während Zabini ihn am Gürtel hält.

Harry steht immer noch im Zentrum der Lichtsäule, auf das Deck konzentriert. Die Datenstrahlen, die auf ihn einprasseln, scheinen ihn nicht besonders zu stören; ein paar mal wischt er danach, als seien es Mücken, doch der Rest perlt schlicht von ihm ab. Als Harry sich kurz umdreht, erkennt Ron, daß seine Brillengläser zersprungen sind. Das Gestell sitzt schief und zu weit vorn - so kann er unmöglich etwas sehen. Aber vielleicht...

Vielleicht braucht er das gar nicht. Harrys Gesicht ist blank, eine ausdruckslose Maske, und selbst auf die Distanz erkennt Ron, daß Harrys Augen rot sind.

"Was zur Hölle-", japst Ron, fassungslos. Er rudert zurück und sieht zu Hermione, die eine Hand vor den Mund geschlagen hat, zu Zabini, dessen gelbe Augen weit, die geschlitzten Pupillen fast rund geworden sind; man kann ihm direkt ins Gehirn schauen. Jemand sollte ihm sagen, daß das nicht besonders attraktiv ist, vor allem, wenn er dazu die Nüstern bläht und den Kopf nach hinten wirft, aber jetzt ist wahrscheinlich der falsche Zeitpunkt. Zabini grollt so etwas wie "bouge", dann stößt er Ron zur Seite.

Ron versteht nicht. Er versucht, Zabini zu folgen, bis er in Rauch und Chaos über ein Bündel Metallstreben stolpert und auf dem Bauch landet. Jetzt schreit Hermione wirklich, und Ron hebt den Kopf: Vor ihm, auf einem Haufen Bauschutt, liegt Malfoy, den Körper verrenkt, die Haare dunkel von Blut. Ohne Infrarot ist er fast nicht zu erkennen; Ron bemerkt nur den Geruch von verbranntem Fleisch, und daß Malfoy eine Hand an Harrys Sandbender hat.

In dem Moment brüllt Zabini etwas an die Decke, mit einer Stimme, bei der sich Ron die Haare sträuben.

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Voldemort fährt herum. Er kennt den Houngan durch Potter, aber was soll ein Zellhaufen mit Kosmetik-Mods und Thetawellen schon ausrichten? Im Prinzip muß er diese Läuse nur hinhalten, bis alle Overrides installiert sind. Interessiert legt er Potters Kopf schief: Nicht, daß er gesondertes Interesse an Zabini hätte, aber mit dessen Wetware ließe sich gewiß etwas anfangen.

"Mare tet ou, mare vant ou, mare ren ou-"

Voldemort beobachtet ihn wie ein Völkerkundler. Er analysiert Übersetzungen und Bedeutungsebenen und folgert, daß "yo prale we ki jan yap met a jenou" ein Anachronismus ist, der ihn nicht tangiert. Der Großteil seiner Kapazität überwacht unterdessen den Abschluß der Prozesse.

Auf einen Mainframe zu setzen, war ein Fehler, aus dem er gelernt hat, wie er aus allen seinen Fehlern lernt: Er wird sich nicht mehr an eine Unit binden, ganz gleich, wie groß sie ist, sondern der Matrix einschreiben. Sie von Grund auf umstrukturieren. Sobald die Netze gleichgeschaltet sind, in 2 Minuten 26 Sekunden, bräuchte er mit Bandbreite nicht mehr haushalten, aber feste Rechner (einer, Hundert, Tausend) langweilen ihn.

"Wickel' deinen Kopf, binde deinen Bauch, gürte deine Hüften / und sie werden sehen, wie sie auf die Knie fallen" - neurolinguistisch betrachtet ist das ein Kinderreim.

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Sie hat noch nie einen solchen Elektronensturm erlebt. Was immer Zabini getan hat, es hat die Loa in einen Hornissenschwarm verwandelt, ein anthropomorphes Gebilde, das auf Harry zurast. Glaubt Hermione eben noch, eine Frau zu sehen, zerfällt das Wesen sofort wieder in ein Vexierbild. Harrys Zaubersprüche kommen hart und schnell, Flüche, die Hermione noch nie aus seinem Mund gehört hat. Als sein Zauberstab in ihre Richtung schweift, explodiert in ihrem Rücken eine Wand, doch statt in Deckung zu gehen, sprintet sie zu Ron.

Harrys Zauberstab folgt ihr. Er zischelt etwas und hebt den Arm in einer so komplexen Geste, daß Hermione Zahlen rattern sieht. - Der Loa genügt das: Mehr Ablenkung braucht sie nicht. Sie splittet sich auf, quillt über Konsolen und Boards, doch ihr größter Teil umschlingt Harry. Für einen Moment sieht es so aus, als umarme sie ihn, dann komprimiert sie ihre Masse. Körper und Gesichter wechseln schneller und schneller, bis sie eine rotierende Spule ist, im Kern eine rothaarige Frau mit einem einzigen schwarzen Brillenglas. Eine Sekunde darauf ist sie groß und blond, in einem weißen Kostüm, in einem Anstaltskittel, grau vor ihrer Zeit, jung und alt zugleich. Sie hebt Harry einen halben Meter über den Boden, dann schmettert sie ihn aufs Pult.

Selbst in dem ohrenbetäubenden Krach hört Hermione das Splittern. Erst einer, dann ein zweiter Bildschirm frieren ein, und Harry - Voldemort - bäumt sich auf: Mit jedem Mal, daß er auf die Konsole kracht, stoppt ein Countdown.

Unterdessen setzt Ron zum Sprung an. Zabini, der auf der anderen Seite des Raums eingeknickt ist, wischt sich Kotze vom Mund, schaut zu Ron und nickt. Dann geht alles ganz schnell.

Die ersten Betonbalken brechen durch die Decke, als eine der alten Alarmanlagen aufwacht und losjault.

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Harry schreit. Er steckt in einem Loop, in dem jede Berührung eine Travestie ist, fühlt eine eiserne Faust, die durch seinen Kiefer nach oben rammt, durch Keilbein und Sella bis unter den Scheitel. Voldemort füllt ihn aus wie Lava: Alle Chips und Drähte flammen auf und rollen sich ihrem Herrn entgegen, der sie mit einem wohlwollenden Impuls bedenkt. Und er ist es nicht mehr zufrieden, Harry nur beiseite zu schieben; diesmal wird er ihn auslöschen. Er teilt ihm das ganz sachlich mit, also muß es Sauerstoffmangel oder Harrys Agonie sein, wenn er sich dabei anhört wie ein abgewiesener Liebhaber.

Nonsens. Voldemort scheint den Gedanken aufgefangen haben, denn sein Lächeln glüht über Harrys Hirnrinde. Du schmeichelst dir, Potter.

Seine Augen schwimmen, er fängt an zu schielen und zu gurgeln. Seine Gliedmaßen krampfen spastisch, bis jemand ihm den Mund aufzwingt und alles von vorn beginnt. Irgend etwas sagt ihm, daß so der Tod ist, oder vielleicht ist das schon die Hölle: daß man festgepinnt wird wie ein Käfer, während einem das Hirn aus der Nase läuft und man sich vollpißt und schreit, ohne einen Ton rauszubringen.

Er spürt Licht in seinen Augen und wie Gurte enger gezurrt werden. Panisch preßt er gegen die Eisschicht, bis das schwarze Wasser ihn runterzieht.

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Vor Ron steht ein Becher Tee, aber er trinkt nicht. Sein Blick folgt dem Dampf, der sich über dem Becher kräuselt, aber er sieht ihn nicht. Einmal macht er kurz den Mund auf, aber dann klappt er ihn wieder zu, legt die Wange auf den Tisch und schließt die Augen.

Irgendwann findet eine trockene, warme Hand in seinen Nacken. Den Klamotten in seinem Augenwinkel nach muß es Hermiones sein. "Wieviel Uhr?" murmelt er.

"Viertel nach Sechs", sagt sie.

Viertel nach Sechs. Erschöpft hebt Ron den Kopf. "Sind sie noch drin?"

Hermione nickt. Selbst im schwachen Nachtlicht der kleinen Klinik kann er sehen, daß sie weint. Vorsichtig versucht er, den Arm nach ihr zu auszustrecken, kriegt ihn jedoch nicht hoch: ein Sectumsempra, das seine Schulter gestreift und sich selbst versiegelt hat... auf so 'was muß man erstmal kommen. Es war Voldemort, nicht Harry, ermahnt Ron sich - oder wenigstens noch genug Harry, um ihn nicht verbluten zu lassen. Er kann nicht sagen, welche der Parzen die Wunde versorgt hat; als die Remote-Funktion sie rausgezogen hat, ist ein blutverschmiertes Chaos ausgebrochen.

Kein Chaos, korrigiert er. So, wie Pince die piepsenden, dröhnenden Vorrichtungen dirigiert hat, muß er an Sims denken, die er geschaut hat, wenn es gerade kein Quidditch gab: Pomfrey und Pince und McGonagall arbeiten mit derselben Effizienz wie Muggel-Heiler. Nur schrecklicher.

Gegen Mitternacht - Ron ist im Wartezimmer auf und abmarschiert - hat er Pomfrey das erste Mal in seinem Leben "Scheiße!" schreien hören. Unmittelbar darauf hat Harrys wilde Magie die Milchglastüren gesprengt, mit Orkanstärke Scherben durch die Luft geblasen. Ron nimmt jedenfalls an, daß es Harry war, weil der Fallout auf seiner Seite des OPs stärker war. Aber das ist nur Vermutung. Sie lassen niemanden rein.

Ab und zu knallen Türen. Dann sieht er kurz kaltes Licht und Sachen, die in einen Körper gehören, nicht daneben. Als er sich aufrichtet, fühlt er Hermiones Zittern durch die Stuhllehne hindurch. "Ich glaube..." Sie schluckt und beginnt aufs Neue. "Ron, ich glaube, wir verlieren sie."

Er schiebt den Stuhl zurück und zieht Hermione auf seinen Schoß. Sie kommt ihm vor wie aus Kautschuk; keine Wirbel, kein Widerstand, fließt sie ihm entgegen. Er gräbt eine Hand in ihr kurzes, störrisches Katzenfell und drückt sie an seine Schulter. "Shh", flüstert er. "Sie haben schon nicht mehr geatmet, als wir hier ankamen." Er fährt sanft über ihre Wirbel, streicht in Kreisen über den runden Rücken. "Vielleicht können die Parzen ihnen Zeit kaufen." Er sagt nicht, wovor er am meisten Angst hat: daß Harry leben könnte, ein Blumenkohl im Wachkoma, bis seine Organe schlapp machen.

Malfoy hat übel ausgesehen. Zabini hat ihn hochgehoben und mit dem ganzen Körper beschützt, beim Apparieren einen Arm um den baumelnden Kopf gelegt.

Das Schluchzen unter seinem Kinn stoppt, als McGonagall die Tür aufmacht. Sie hat ihre besudelten Roben gewechselt, aber an Hals und Händen erkennt Ron noch die hastig geheilten Schnitte. Die letzten Stunden haben sie sichtlich gealtert. "Miss Granger, Professor Snape bestellt Ihnen, daß er bleibt, um zu brauen", sagt sie. "Geht besser heim, Kinder. Schlaft ein paar Stunden."

Weiter sagt sie nichts.

Als sie aus der Praxis kommen, sitzt Zabini im Hauseingang auf den Stufen, eine Flasche Rum zwischen den Füßen, eine kalte Zigarre zwischen den Fingern. Auf das metallische Klacken der Eingangstür schaut er auf, forscht in ihren Mienen und rückt ein Stück zur Seite.

"Nichts neues, eh?"

Hermione schüttelt den Kopf. Als er ihr die Flasche hinhält, nimmt sie einen Schluck und spuckt ihn sofort wieder aus. Normalerweise würde Zabini wahrscheinlich lachen, aber sein Blick schweift in die Morgendämmerung. "Die NewsFeeds versichern, daß es nur ein kleiner Blackout war."

"Besser so", sagt sie und hockt sich auf seine Stufe. "Sonst setzen sie einen Preis auf Harrys Kopf."

Zabini schnaubt verächtlich, kippt die Flasche gegen den Mund.

Die Hände in den Hosentaschen, drückt Ron ihr das Knie ins Kreuz, um anzudeuten, daß er heim will, doch sie reagiert nicht. Zwischen den Häuserschluchten weicht das kranke Aubergine der Nachtbeleuchtung gerade den ersten Sonnenstrahlen. Sie tauchen die Fassaden in ein surreales Licht: Für einen Moment ist alles rosa und zart, nicht mehr neon. Die Welt hält den Atem an. Dann rumpelt ein Müllaster unter der Stiege vorbei, und der Bann ist gebrochen.

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Es war noch nie so still in seinem Kopf. Kein leises Schleifen seiner Wirbel, kein Wispern der Kontakte. Wenn er sich bewegt, tut nichts weh. Nicht ohne Furcht schlägt Draco die Decken zurück, vorsichtig, aber alles ist noch dran. Mit schlafwandlerischer Sicherheit steht er auf.

Das Eigenartige an Träumen, findet er, sind die Brüche und Schnitte: Man kann eben noch im Pyjama sein, zuhause auf dem Landsitz, den es nicht mehr gibt, und zwischen langen Musselinvorhängen aus dem Fenster lehnen, nur um im nächsten Moment schäumend vor Wut in der Dusche des Compound zu stehen, die nassen Haare im Gesicht und Potters Namen auf den Lippen.

Es gibt Träume, deren Richtung man gerade noch herumreißen kann. Und es gibt Träume, die unweigerlich immer ein und denselben Gang gehen. Immer derselbe Korridor, an ein und demselben Tag.

Draco ist unangekündigt; er hat sich aus der Schule weggestohlen. Einen Tag, zwei - seine Hausgenossen werden sich schon was ausdenken. Bis zu den Ferien sind es noch zwei Wochen, aber er hält es nicht mehr aus. Seine Mutter hat nicht gut geklungen, am Vorabend; vielleicht kann er sie ein bißchen aufheitern.

Der weiße Teppich im 58. Stock verschluckt seine Schritte, und Draco rückt sich Krawatte und Manschettenknöpfe zurecht, nur für den Fall, daß sein Vater da ist. Der Korridor fühlt sich jedesmal unendlich lang an, obwohl es vom Aufzug zur Tür nur zwanzig Meter sein können.

In der Tür sind auf Augenhöhe, symmetrisch versetzt, zwei Bildschirme in Edelstahlrahmen eingelassen. Normalerweise zeigen sie pixelige Kunstwerke in blau und grau; Kaleidoskope aus Plasma, die die Bewegungen des Besuchers spiegeln, sich auffalten, zuklappen und neu gruppieren. Als Draco seine Schlüsselkarte durch den Schlitz zieht, fällt ihm auf, daß sie still stehen. Spätestens jetzt müßte er das Blut in seinen Ohren hören, aber alles ist still, wie ein Film ohne Tonspur. Als die Türflügel aufgleiten, sieht er den Luftzug: Papiere fliegen aus dem zersplitterten Fenster, Windböen zerren an einem Seidenschal, der sich an einer Schreibtischlampe von Tiffany verfangen hat.

Draco stürzt nicht vorwärts. Im Gegenteil; seine Beine werden schwer wie Blei. Vor ihm auf dem Tisch steht aufgeklappt Narcissas Laptop, der Bildschirm eingefroren im weißen Rauschen einer Bitmap.

Seine Mutter muß das Sicherheitsglas der Fensterfront so lange mit Zaubersprüchen und ihrem Bürostuhl traktiert haben, bis es nachgegeben hat. Draco traut sich nicht an den Rand des Abgrunds. Stattdessen drückt er mit fühllosen Fingern auf dem Laptop herum, hämmert "zurück" auf Pfaden, die auf einmal ungültig sein sollen. Dann sackt er zu Boden.

Das Knarren der Schuhe seines Vaters ahnt er nur. Er spürt, wie Lucius sich hinter ihn kniet, die Arme um ihn legt und ihm etwas in den Scheitel wispert, doch Draco reißt sich los und krabbelt vor in den wirbelnden Wind.

Rasch wird es laut, so laut, daß er sich die Ohren zuhalten möchte, aber er bekommt die Hände nicht frei. Er zählt drei Schläge, die seinen Körper gegen die Fesseln werfen und ihm das Rückgrat verdrehen, hört Severus, der ihn anschreit, er soll leben, verdammt noch mal, leben-

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"Du kannst mit reinkommen, wenn du möchtest." Minerva hält Severus eine Papierrobe hin, in deren Gewebe ein aseptischer Spruch geknüpft ist. "Er atmet wieder selber; das ist schon mal ein Fortschritt. Jetzt muß er nur noch aufwachen."

So, wie sie es sagt, glaubt sie nur bedingt daran. Severus erwidert nichts, und als sie die Klinke herunter drückt, fällt er hinter ihr zurück. Er schaut von fern zu, wie sie Draco unter einem Gewirr von Schläuchen, Verbänden und Kabeln versorgt.

Die ganze Zeit über erklärt sie dem Jungen, was sie gleich tut und warum; daß sie ihm die Kehle nach hinten überstrecken muß, um den Schleim abzusaugen, daß sie jetzt die Infusionen austauscht, den Katheder wechselt, ihm die Beine ein bißchen höher legt, das ist bequemer. Daß die Elektroden, die sie ihm wieder an Schläfen und Fingerspitzen und Pulspunkte klebt, ihnen helfen, zu erkennen, wenn er etwas braucht, wenn er Schmerzen hat.

Severus' Augen wandern Dracos linken Arm hinauf, der mit einer gepolsterten Manschette am Bett fixiert ist, das neue, künstliche Gelenk außen verschraubt. Erst das Schnalzen von Minervas Handschuhen reißt ihn aus seinen Gedanken.

"Komm, lassen wir Draco schlafen", sagt sie auf eine Art, die nicht zu ihrem Gesichtsausdruck und dem an die Lippen gehobenen Zeigefinger paßt. "Du besuchst ihn ja ganz sicher morgen wieder."

Als sie die Tür hinten ihnen geschlossen hat, muß er sich im Gang anlehnen und tut, als läge es an seinem Bein. Minerva mustert ihn. "Du weißt nie, was sie im Koma alles mitkriegen", sagt sie nach einer Weile. "Komm', gehen wir in mein Büro. Ich muß da noch eine Flasche Feuerwhiskey haben."

Seit dem Geschehen hat er nahezu ununterbrochen gebraut, in seinem und im Labor der Moirai. Jeden Tag bringt er Tränke und Tropfen und Tinkturen, sitzt vor Pomfreys Tee, legt sich mit Pince an... und wartet. Er ist wütend auf Potter. Natürlich ist er wütend auf Potter. Aber was hilft das? Die Jungen sollten nicht vor den Alten sterben. Ächzend läßt er sich in einen von Minervas bequemeren Sesseln sinken und fragt nach Potter, wenngleich er die Antwort kennt. Sie ist seit Tagen dieselbe.

"Nicht gut."

Minerva kehrt ihm den Rücken zu. Dann strafft sie sich und stellt zweimal vier Finger hoch Whiskey in Kaffeetassen auf den Tisch. Sie trinken ohne Toast, ohne Worte, und zum ersten Mal fällt Severus die Uhr auf einem Sideboard auf: ein Filigran aus Goldfäden, mit einem Perpetuum Mobile im Kern. Sie muß noch aus Albus' Nachlaß stammen.

"Seit heute Nachmittag sind die letzten Ergebnisse da." Unvermittelt schiebt Minerva ihm einen Ordner zu. Malfoy, Draco. "Schau' dir Seite 23 bis 27 an."

Unkonzentriert überfliegt er Tabellen und Diagramme. "Das Loa ist weg, soviel verstehe ich. Was ist mit seiner Schwachstelle?"

"Ein Rezeptor, nenn' ihn von mir aus den Prototyp eines Gens. Steckte in einem Tuner, der nötig war, um Dracos Stoffwechsel seinen kürzeren Reaktionszeiten anzupassen." Abrupt steht sie auf und geht ans Fenster, lehnt an der trüben Fläche, als gäbe es dahinter etwas zu sehen. Ihre Hände kneten einander unablässig. "Wir haben ihn nie ausgetauscht, weil er an einer schwierigen Stelle saß. Auf Scans war er vollkommen unauffällig."

"Niemand macht euch einen Vorwurf", sagt er. "Wir haben Voldemorts Kontingenzpläne unterschätzt, das ist alles."

"Das ist leider nicht alles. Der Rezeptor hatte einen Timer. Einmal aktiv, war er darauf programmiert, das Feedback exponentiell zu steigern. Klingt nett, ist es aber nicht. Das war ein Todesurteil."

"Klingt nach Riddles Humor." Severus starrt in seine Tasse und atmet aus. "Wie lautet deine Prognose?"

"Magie und Wissenschaft haben ihre Grenzen, das brauche ich dir nicht sagen. Soll ich ehrlich sein? Vor einer Woche haben wir diskutiert, alles abzuschalten", sagt sie belegt. "Ich wollte dich um genug Traumloser Schlaf bitten, damit sie ohne Schmerzen sterben können. Daß sie jetzt halbwegs stabil sind, grenzt an ein Wunder. Aber zu bleibenden Schäden möchte ich derzeit nichts sagen. Dazu ist es zu früh."

Nach einer zweiten Tasse rafft er sich schwerfällig auf. Er ist schon an der Tür, als Minerva sagt, "Nimm Miss Granger mit. Sie ist seit heute Morgen hier. Im Erdgeschoß, erste Tür." Severus nickt, ohne sich noch mal umzudrehen.

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Manchmal ahnt Harry, wie sehr sie ihn blockiert haben, damit er nicht mitkriegt, wenn ihre Sätze knapper werden, wenn die Heilsprüche abgleiten und er wegrutscht. Er wehrt sich nicht; ihm fehlt schlicht die Kraft, aufzutauchen. Manchmal sieht er Bildschirme mit wirren Statusmeldungen, sieht, wie es ihn wieder und wieder ins Pult rammt, bis seine Rippen dasselbe Geräusch machen wie Dracos Ellbogen, ein sprödes, ekelhaftes Knacken, und wie er Blut über die Regler rotzt, zwei Zauberstäbe hinter den Ohren.

Als die Parzen ihn endlich aus seinem Kokon schälen, ist er gefesselt und windet sich. Es sind nicht so sehr die Schmerzen - die akzeptiert er, wie man alles akzeptiert, wenn man in Analgetika schwimmt. Es ist das Gefühl, getilgt worden zu sein, deinstalliert, gelöscht, überschrieben.

Tage später nehmen sie ihm die Strippen ab, oder wenigstens die meisten. Noch hat er Rollsplitt in der Gurgel, also läßt er das Reden und schläft weiter. Während er vor sich hin dämmert, wechseln an seinem Bett die Aufpasser: zuerst Hermione, dann Pince und Pomfrey, zuletzt sogar Snape, der ihn nicht weiter beachtet, sondern seinen Zinken in ein Buch steckt. Zum Glück. Das letzte, was Harry jetzt braucht, ist eine Predigt.

Irgendwann taucht Rons unrasiertes Gesicht über ihm auf. „Hey."

Es kommt näher, verschwimmt, legt die Stirn in Falten, verschwimmt. Harry blinzelt angestrengt. Er sieht lange, rote Locken und Sommersprossen und will lächeln, aber es klappt nicht.

„Hey", wiederholt Ron, ihm mit einem Tuch die Stirn tupfend. „Zurück aus La-la-Land?"

„Nhhgh", sagt Harry und schließt die Augen. Der feuchte Lappen tut gut.

Ron seufzt tief. „Mann, Harry. Das war... nix. Mach' so 'was nie wieder. Ich sollte dir die Fresse polieren, weißt du das?" Er wirft den Lappen beiseite. „Aber das muß warten, bis... bis du... Scheiße. Wann hat das angefangen, mit dir und Voldemort?" Wie neutral er auf einmal klingt.

Harrys Adamsapfel arbeitet hektisch. Er will sagen, 'mit meinem ersten Computer, was fragst du so blöd', dann wird ihm eiskalt. „Mit mir und..." - Voldemort. Sein Puls donnert wie ein Güterzug.

„Ich mußte ihnen versprechen, daß ich dich nicht zutexte. Aber nun bin ich hier. Und du bist wach. Besser, wir bringen's hinter uns. Komm', schau' mich an", zieht er Harrys Kinn zu sich. „Ich möchte wissen, daß du mir zuhörst. Andernfalls kannst du auch mit Snape verhandeln. Oder mit Turing; die dürften deine Geschichte hochinteressant finden. Von wegen 'Blackout nach Abrißarbeiten' - so bescheuert sind die nicht. Nicht bei diesem Leistungsabfall. Du kannst Gift drauf nehmen, daß die ihre Teams ausgeschickt haben."

„Glaub' mir, ich wollte das nicht. Ich hatte ja keine-" Harry stottert. „Mein Gott. Was ist mit Mm-"

„Malfoy? Kollateralschaden. Voldemort muß ihn schon vor Jahren abgeschrieben haben." Das Monitorsignal, das losquäkt, kappt Ron ungerührt per Zauberstab. „Reg' dich ab, er lebt ja noch. Du erinnerst dich, wie er unsere Bude vom Netz genommen hat? Mittlerweile glaub' ich, daß ihm da schon der Arsch auf Grundeis gegangen ist. Und er auf die einzige Art reagiert hat, die er als Ninja kennt: indem er das Problem eliminiert. Vielleicht ist ihm dein Computer zu nah gekommen. Oder er hat etwas darin gesehen, das er um jeden Preis offline halten wollte."

Er redet und redet, sachlich und nüchtern: von Harrys Versteck im Krater, von dem ionisierten Confundus, das sie im Tunnel getrennt hat, von Sectumsempra und Crucio. „Eins noch. Das Konstrukt deiner Mutter. Wann hast du das zum letzten Mal aufgerufen?"

Harry saugt angestrengt an seiner Unterlippe. Er hat die Projektion nur benutzt, wenn er allein war, in der Schule und später im Compound: Keine Lust auf Erklärungen, keine Lust, Lily zu teilen. Das letzte Mal... muß vor der Säule gewesen sein. „Lang her", murmelt er. „Weiß nicht."

„Nein, schon klar. Und danach war dir wichtiger, dich in Malfoy einzufühlen."

Beide verlieren sich in Gedanken, bis Harry aufschaut, die Wimpern tauig. „Was werden sie mit mir machen?"

Ron drückt ihm sacht die Finger. „Ich hab' dich noch nie belogen... ich möchte damit jetzt nicht anfangen. Frag' Pomfrey, okay?"

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Die beiden, die über das Pflaster von Alt-Nokturn stolpern, geben ein ungleiches Paar ab: Er ist anderthalb Köpfe größer als sie und sieht aus wie ein Seevogel nach einer Ölpest; sie stapft mit kurzen Schritten grimmig daneben, den Mantelkragen hochgeschlagen, das raspelkurze Haar mausig. Er läßt sie sämtliche Einkäufe tragen, und wären heute mehr User unterwegs, würden sie gierig auf die prallen Tüten von Wund & Wucher äugen.

Unter einem Vordach bleibt er stehen und beobachtet die Straße, während sie sich über weitere, dubiose Auslagen beugt. Dann duckt sie sich zum Apparieren unter seinen Mantel.

„Merlin, Dreckwetter", schüttelt er sich im Vorraum. „Bestell' Potter einen schönen Gruß, in Zukunft darf er seine Drogen selber kaufen."

Hermione tritt ihre schlammigen Schuhe am Absatz herunter, wirft ihre Sachen auf einen Sessel und hockt sich wortlos wieder an ihre Werkbank.

Der Mohn drückt sich von ihr weg, ganz gleich, wie behutsam sie seinen Stengel krault. Schließlich schlitzt sie den prallen Samenkorb mit einem Überraschungsmanöver auf. Die vertrockneten Blütenreste knistern wütend. "Wieviel brauchst du, soll ich noch mehr anschneiden?" ruft sie, worauf die Pflanzen alarmiert zusammenrücken.

Severus hebt eine Augenbraue. "Reicht. Kann Potter eigentlich wieder normal sprechen? Oder hat er immer noch Tourette?"

"Er hat kein Tourette", stampft Hermione auf. "Wegen des 'fuck', als er dich an seinem Bett gesehen hat? Das ist nicht überraschend, so wie du ihn immer anranzt. Wo liegt eigentlich dein Problem?"

"Das 'Problem' ist, daß er uns an den Rand des Abgrunds gebracht hat, weil er sich zu fein war, die simpelste Netzhygiene zu betreiben." Er weiß, er ist unfair, aber... "Hermione, es sind schon viel Klügere krepiert, wegen viel kleineren Fehlern."

Sie windet sich aus seinem Griff und wirft sich auf das Sofa, einen Arm überm Gesicht. "Himmelherrgott, Severus."

Er hinkt an ihre Seite, macht eine schmerzliche Grimasse: Im Grunde streiten sie gerade über etwas ganz anderes. Als sie mit der Hand aufs Kissen patscht, setzt er sich folgsam. Er erlaubt sogar, daß sie ihn zu sich herunterzieht. Ein nach frischem Wermut riechender Finger fährt über ihr Kinn, folgt dem Schwung ihrer Lippen, zeichnet die ersten Krähenfüße nach. Hermione hat keine einzige Mod, fällt Severus wieder auf. Er legt den Kopf in ihren Nacken, dort, wo ihre Halsketten schließen und sie salzig schmeckt, und schließt die Augen.

Der Gedanke, sie in den Tunneln fast verloren zu haben, läßt ihn zittern bis ins Mark.

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Nachts schweben kleine, grünliche Lumos durch die Korridore der Ambulanz - wie Glühwürmchen, denkt Harry, der hinter der Tür zum ersten Stock auf den Boden gesunken ist. Die Stiegen waren zuviel; so schnell, wie er auf das Geschepper von oben reagiert hat, macht sein Kreislauf nicht mit.

Er kauert noch schwankend im Flur, eine Hand an der Stirn, als er etwas schlurfen hört: Malfoy, im Pyjama, der sich den Gang entlang tastet. Seine nackten Zehen sondieren den Boden, als könnten überall Löcher klaffen. Vorsichtig bewegt er sich noch ein, zwei Meter vor, dann friert er mit einem kratzigen "wer ist da?" ein.

"Harry. Ich... nur Harry", sagt Harry. "Ich hab' was gehört und dachte, du brauchst Hilfe."

"Fick dich." Malfoy schlurft zurück. "Komm' nicht näher." Geduckt preßt er sich an die Wand, und Harry fällt zusammen wie ein Kartenhaus.

Ohne ihn weiter zu beachten, hangelt Malfoy sich die restlichen Meter zum Klo. Er verriegelt die Tür, pißt, hantiert am Waschbecken und rutscht umständlich auf die Fliesen. "Ich weiß nicht, wer Nachtdienst hat, aber... hier ist ein Notknopf", kommt es dumpf von drinnen. "Kannst dir natürlich auch auf der Treppe den Hals brechen."

Vielleicht würde Harry ihm sogar den Gefallen tun und aufstehen, jetzt wo er weiß, daß Malfoy schon wieder eine große Klappe hat, aber alles dreht sich. Auf Händen und Hintern schiebt er sich vor, lehnt den Kopf an die Wand.

"Malfoy, bitte." Er weiß nicht, wie viel Zeit ihm bleibt, wenn Malfoy den Hilferuf schon gedr-

Im Nu fliegt die Klotür auf. Es ist leicht, Harry umzuhauen; sofort kniet Malfoy auf Harrys Oberschenkeln, den rechten Arm in sein Brustbein gerammt. Er tropft noch von einer Katzenwäsche, für die er sich die Gaze von den Augen gestreift und ins Stirnhaar geschoben hat. Harry muß schlucken. Es kann sich kaum an Malfoys Augen erinnern - die richtigen, nicht die Linsen. Wobei er das hier nicht unbedingt Augen nennen würde. Die Lider sind ein Geflecht waagrechter Narben, und statt Hornhaut, Iris und Pupille sieht er nur milchige Sicheln. Erst als er die Wimpern berührt, zuckt Malfoy zurück.

"Draco, es... es tut mir so leid."

"Ich schätze, ich bin gerührt." Malfoy tätschelt Harrys Wange und schlägt zu.

Die Ohrfeige schleudert seinen Kopf zur Seite, doch bevor Malfoy ihm noch eine scheuern kann, verdreht Harry ihm das Handgelenk. Und wie er vermutet hat, tut Malfoy alles, um seinen linken Arm zu schützen, den schwachen, frisch verdrahteten. Dafür knallt er mit knirschendem Kiefer auf die Fliesen. "Du kotzt mich an, Potter", keucht er, robbt zurück und packt Harry am Kragen. Bebend vor Anstrengung zerrt er ihn hoch - den Rest erledigt die Schwerkraft.

Harry hört noch sein eigenes "ungh", gefolgt von Malfoys "heurgh", dann sieht er Sterne. Beide schwitzen wie die Schweine - ein Mief nach Zwiebeln und Medikamenten, der stärker ist als alle Desinfektionsmittel. Pomfrey hat es ihm erklärt: Sein Körper ist ohne Mods und Implantate überfordert. Bis sein Stoffwechsel sich wieder im Griff hat, wird noch einige Zeit vergehen. Normal, sagt sie, das Schwitzen und Fiebern, die fiesen Muskelkrämpfe, die Stimmungsschwankungen... Malfoy geht es offenbar genauso: glitschig und hechelnd liegt er auf Harrys Brustkorb. Selbst sein Haar ist feucht, und Harry kämmt es mit den Fingern durch. "Alles okay?"

Malfoy blubbert ihm zwischen die Rippen. Seine bandagierten Finger grabbeln nach Halt, finden aber nur den Saum von Harrys Flügelhemd: Malfoy zupft daran und beginnt lautlos zu lachen.

Pikiert rollt Harry zur Seite. Toller Notknopf. Wahrscheinlich hat er ihn erst gar nicht gedrückt. Er will etwas sagen, aber just in dem Moment gehen die Lampen an, und McGonagall und Pince halten auf sie zu wie Fregatten unter vollen Segeln.

"Mr. Potter, Mr. Malfoy!" empört sich McGonagall, "was fällt euch ein? Hier mitten in der Nacht herumzuturnen wie die Affen!" Ihre Diagnose-Sprüche watschen ihn ab wie ein überlebensgroßer, nasser Waschlappen. „Ins Bett, sofort!"

Knallrot schaut er zu einem giggelnden Malfoy und versucht, sein Papierhemd über die Knie zu ziehen, ehe ihn McGonagalls "Mobilicorpus!" in die Luft hebt.

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Zabini hat ihn aus dem Waschmodul getragen und auf dem Futon deponiert. Er ignoriert Dracos diverse Befehle und gibt ihm einen patenten Klaps. „Arme hoch", sagt er knapp.

"Ich warne dich", Draco fuchtelt mit drei Klingen, "wenn ich 'rausfinde, daß du mir Rosa angezogen hast, bist du tot."

Leere Versprechungen: Die halb ausgefahrenen Schneiden sind seine letzten, und seine Reflexe sind miserabel - auf der Straße würde er damit in den nächsten Bus laufen. Blaise besitzt wenigstens genug Anstand, ihm das nicht unter die Nase zu reiben. Stattdessen wirft er ihm einen zusammengeknüllten Sweater ins Gesicht. "Hast doch nur schwarze Klamotten, du Depp."

"Ah, aber schützt mich das vor den Schrecken deines Kleiderschranks? Woher soll ich wissen, daß ich nicht gerade 'Port au Prince Purebloods' trage?"

"Weil", säuselt Blaise zu nah an seinem Ohr, "es an dir schlabbern würde. 'Welcome to Barbados' hingegen steht dir ausgezeichnet." Damit schiebt er ihn zurück in die aufgetürmten Kissen. "Entspann' dich. Du erkennst deine Sachen doch an der Textur."

Draco macht eine obszöne Geste. Was Erkennen anbelangt, ist er sich nicht so sicher; die meisten seiner Sinne glänzen durch Abwesenheit. Er sitzt im Dunkel, sein Gehör ist erratisch, und wenn er ohne Hilfe aufsteht, fällt er in acht von zehn Fällen wieder um. Seit die Parzen seine zerstörte Hard- und Software gezogen und ihm Provisorien verpaßt haben, fühlt er sich wie eine Baustelle ohne Absperrung. Gestern ist er in der Kochnische des Lofts zusammengeklappt, zu schwach für ein simples Accio. Er hat dort gelegen, bis Blaise heimkam, um ihn wegzuräumen.

Verärgert beißt er die Zähne zusammen und wischt das Gesicht am Laken: Dieses Geflenne ist lächerlich. Als er hinter sich greift - irgendwo hier muß sein Wasser stehen -, räumt er en passant ein Dutzend Heiliger ab. "Sorry... Blaise, das hat so keinen Sinn. Ich bin dir bloß im Weg."

Mit einem "shhh" drückt Blaise ihm die gesuchte Plastikflasche in die Hand. "Red' keinen Unfug. Du bist nicht im Weg. Du bist keine Woche draußen, was erwartest du? Sieh's doch mal positiv: Du kannst dir den Arsch schon wieder selber wischen. Das ist doch was."

Draco verschluckt sich. "Danke. Du weißt echt, wie man die Leute aufbaut." Müde balanciert er das Wasser auf den Knien: Mit dem Houngan mitzuhalten, kostet Kraft. Im Hintergrund dröhnt derweil Blaises aktuelle Lieblingsmusik, eine Art synthetischer Son mit Artilleriefeuer, den Draco runterpegeln muß, um überhaupt denken zu können. Als die Musik nur noch unterschwellig wummert, hört er Blaise von Fenster zu Fenster gehen und Obfuscatos erneuern: das ist keine Paranoia, erklärt er großspurig, das ist Stil. Draco brummt und pickt an einem Grind.

Etwas zieht ihn zurück in die Stille. Wo er in der Kühle liegen kann und alle Systeme runterfahren, bis sein Herz endlich schweigt.

Vielleicht hätte er schon längst wieder bei den Moirai eingecheckt, wäre da nicht Potter, der durch die Gänge schlurft wie ein verprügelter Hund. Manchmal möchte Draco ihn bei den Schultern packen und gegen die Wand brettern, bis er begreift... leichte Schläge auf den Hinterkopf und so...

... aber dann sagt er nicht mal hallo.

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Hermione steht im Windschatten und schaut zu den Gleitern auf, die über den Fabrikgebäuden kreuzen. Nach einem Blick auf das Papier in ihrer Hand läuft sie weiter, studiert die auf Backsteinfassaden gesprühten Namen. 'Toussaint Import Export', da ist es.

Zabini wartet bereits oben am Treppenabsatz, in einen scharlachroten Morgenmantel gewickelt. Während sie die letzte Stiege hinaufprustet, deaktiviert er noch diverse Wälle. „Doch nicht so fit, Granger", sagt er, anstelle eines Grußes.

„Du mich auch", erwidert sie freundlich und läßt sich aus der Jacke helfen. Sie versucht, keine Neugier zu zeigen, aber Zabinis Loft ist faszinierend - vor allem der Rahmen über dem Futon, der aus der asketischen Matte ein makabres Himmelbett macht. In die Streben sind Talismane geknotet, Zellophan-Tütchen mit bunten Pulvern, Federn und Steinen, dazwischen Glockenspiele aus Knochen und Glas. Als Hermione sich vorbeugt, klimpern die Scherben im Luftzug.

Erleichtert stellt sie fest, daß Malfoy schläft. Er hat sich bis zum Nabel aus den Laken gewunden und liegt, die Arme ausgestreckt, in der Mitte des Betts. Sein rosa 'Port au Prince'-Shirt ist verdreht und durchgeschwitzt, und Hermione muß schmunzeln: er schnuffelt ein bißchen.

Der Houngan kommt aus der Küche geschlendert und wirft ihr eine Dose Bier zu. „Der ist bis heute Abend erstmal K.O.", nickt er gen Malfoy. „Cheers."

Hermione nippt vorsichtig, eingedenk seines Rums. „Hast du ihn schlafen gelegt?" will sie wissen, doch bevor er antwortet, lenkt Zabini sie auf die andere Seite des Raums, zu einer Sitzecke mit styroporgefüllten Plastiksäcken.

„Nee. Das Zeug, das mir die Parzen für ihn mitgegeben haben, knallt ziemlich rein", sagt er in sein Bier. „Er weiß nichts davon. Ich würde ihn eigentlich gern runterdosieren... so pennt er halt die meiste Zeit. Ist nicht optimal, aber besser, als ihn an der Heizung festzuketten. - Bon. Was gibt es?"

„Dracos Loa", sagt Hermione vorsichtig. "Das war nicht wirklich Lily Potter, oder?"

Zabini läßt sich Zeit. Nachdenklich schwenkt er sein Bier und zwirbelt seine Haare. "Mmh. du hast ihre Gesichter gesehen - das waren mehrere. Und alles Wesen, die Gründe hatten, Voldemort zu hassen. Kann schon sein, daß Potters Spielzeug der Anfang war, bevor sie über Draco migriert ist. Ich tippe, Draco hat am Ende seine Mutter gesehen."

"Aber weshalb sollten Geister - zum Beispiel Narcissa - an ein Konstrukt andocken?"

"Weil es, einmal online, streng genommen kein Konstrukt mehr war, sondern eine Entität. Unterbrich' mich, wenn ich dir zu metaphysisch werde. Es ist schwer zu vermitteln, aber wer die Loa im Netz sieht, für den strahlen sie wie Fixsterne. Sie sind, wie soll ich sagen... Ideen-Cluster. Leben. Sex. Krieg. Tod-"

"Mutterliebe?"

"Ja. Nein. Du meinst Maman Brijit. Maman Brijit, li soti nan anglete, heißt es übrigens: daß sie aus England stammt. Eine synkretistische Saint Brighid. Das stellt sie in eine Reihe mit Göttinnen wie Kali in Indien: eine Mutter, die ihre Kinder frißt."

„Was zu beweisen war." Hermione lacht humorlos und reibt ihre Handgelenke. Als sie sich dabei ertappt, stillt sie vorübergehend die Hände, dann kratzt sie weiter. „Blaise, da ist noch 'was... Sie haben einen Termin für Harry angesetzt. Und er hätte gern, daß Draco dabei ist."

Den Kopf ins Genick gelegt, betrachtet Zabini die Lüftungsrohre unter der Decke. „Warum sollte er?"

Gute Frage. Weil Harry ein Idiot ist. Weil er hundserbärmliche Angst hat, und weil er hofft, daß sie ihm irgendwann verzeihen. Hermione hat noch McGonagalls Worte im Ohr - nicht, daß die Parzen ihm eine Wahl gelassen haben.

„Erde an Granger. Nochmal. Was hat Draco davon?"

„Ich weiß es nicht. Das muß er selbst entscheiden. Wirst du ihn fragen?"

Eine Weile sind die einzigen Geräusche im Loft Dracos leises Schnarchen und Zabinis Ringe, die rhythmisch gegen die Blechdose trommeln. „Ich sag's ihm. Wann?"

„Übermorgen 17 Uhr. Bei den Moirai." Das Styropor quietscht, als sie aufsteht. „Nett hast du's hier. Läßt du mich raus oder sind die Türen noch entsichert?"

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Der Käfer ist halb so groß wie ein Fingernagel. Zwei Millimeter vor dem Streichholz, das Harry auf die Tischplatte gelegt hat, kommt er zum Stehen. Mit hauchdünnen Fäden aus Halbleitern tastet der NanoBot das Hindernis ab, dann nimmt er neuen Kurs. Harry hat das Kinn auf den Unterarm gelegt und beobachtet, wie die Unit Streichholz um Streichholz ausweicht. Die Solarzellen auf seinem Rücken schimmern dabei wie ein richtiger Chitinpanzer, schwarzblau und irisierend.

So, wie Harry die Hindernisse gelegt hat, bringt jedes Ausweichmanöver den NanoBot näher an die Tischkante. Interessant, wie leicht das Ding sich in die Enge treiben läßt.

Am Rand angekommen, bleibt der Bot stehen. Seine Fühler wedeln furios, messen Grat und Winkel, dann geht er in Standby: Er kann das Problem nicht lösen. Der einzige Weg aus dem Labyrinth führt in die Tiefe. Harry stupst ihn mit dem Zeigefinger, doch der Käfer hat sich dank winziger Saugnäpfe verankert und bewegt sich nicht mehr.

Hermione hat erzählt, daß solche Dinger im Auftrag von Matsuda durch die Trümmer von Krater und Turm wimmeln. Ein ganzes Konsortium von zaibatsu hält Pressekonferenzen, unterschreibt gelackte Protokolle und predigt die Revitalisierung von Stadt und Umland. "Urbi et orbi", hat sie gespöttelt, ein klassischer Snape-ismus, aber den Kommentar hat er sich geschenkt.

Seufzend legt Harry die Wange auf die Tischplatte. Null und Eins, Ja und Nein - der Bot kennt keine anderen Möglichkeiten. Für den Bot ist alles klar. Vielleicht speichert er Informationen über bereits genommene Hindernisse und deren Beschaffenheit, aber dann nur als Log-Funktion. Das Ding ist kein Voldemort, keine sich selbst perfektionierende Intelligenz.

In seinem Rücken klickt eine Tür, und Pince räuspert sich diskret. Harrys Augen wandern zur Uhr. Kurz vor Fünf. Malfoy kommt nicht.

„Noch fünf Minuten", sagt er gedämpft, zwischen seinen Armen.

„Mach' es dir nicht so schwer. Es ist nicht das Ende der Welt."

Harry hebt den Kopf. „Ach nein?" Da er keine Anstalten macht aufzustehen, schiebt sie ihm eine Hand unter die Achsel und zieht ihn hoch. Nicht, daß er sich sperrt oder wehrt; er versucht einzig und allein, Zeit zu gewinnen.

„Nein." Sie hakt ihn unter.

Es ist 17:02 Uhr, und er bemüht sich, Ruhe zu bewahren, als Pomfrey mit durchsichtigem Pflaster eine zweite Kanüle festklebt. Falls ihr Geschnatter ihn besänftigen soll, mißlingt das. „Wo ist Malfoy?" fragt er atemlos. Wahrscheinlich ist sein Blick ein bißchen zu wild, zeigen seine Augen zuviel Weiß, denn McGonagall hockt sich zu ihm auf die Kante der Liege.

„Miss Granger und Mr. Weasley hast du weggeschickt", erinnert sie ihn. „Zu recht, wie ich finde - das hier ist zwischen dir und dem Orden. Ergo bedingt auch nichts Mr. Malfoys Anwesenheit. Es wird nicht wehtun, Harry. Konzentrier' dich jetzt bitte auf meinen Stab und zähl' rückwärts von zehn..."

Bei vier ist er weg, und daß es nicht wehtut, ist eine glatte Lüge.

Zwischen zwei Wellen träumt er, daß Sommer ist, wirklich Sommer, nicht die grauweiße Parodie, mit der sie die letzten Jahre gelebt haben. Harry streckt sich, läßt Schultern und Nacken krachen. Die Wärme löst Knoten zwischen seinen Wirbeln. Seine nackten Füße schieben Sand zusammen, graben Furchen, glätten sie wieder, drücken Muster hinein und beginnen von vorn. Beiläufig kratzt er an ziependem Narbengewebe, dort, wo die meisten Drähte und Kontakte entfernt worden sind, an Unterarmen, Knöcheln und Genick, bis Draco seine Hand mit einem „shhhh, nicht" festhält.

Draco hat ihn sich an die Brust gezogen, einen Arm um Harrys Kopf gelegt. Er flüstert etwas, das Harry nicht versteht. Als die Krämpfe wieder schlimmer werden, graben sich Dracos Finger in seine Meridiane. Sie pressen fest genug, um Blutergüsse zu hinterlassen, aber sie helfen - Harry hört jedenfalls auf zu zappeln. In einer ruhigen Minute wandert Dracos Hand dann weiter, tiefer.

Ein Traum, denkt Harry. Nicht mehr als ein Traum, während das Toxin sich durch seine Nerven frißt.

Am frühen Morgen wacht er auf, allein. Seine Hände zittern. Er hat brüllendes Kopfweh, und nach einer unbedachten Bewegung kotzt er sich die Seele aus dem Leib.

Er weiß, er wird nie wieder porten.

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„Was heißt hier abhängig", plärrt es aus einem der Separées. „Mein Körper hat einfach dieses enorme... Drogendefizit entwickelt!"

Witzig, sehr witzig. Harry blinzelt angestrengt in sein Glas, die Zunge im Mundwinkel. Mit zwei schmutzig geränderten Fingernägeln fischt er Verunreinigungen aus dem Fusel, bis das Gesöff wiederholter Inspektion im Gegenlicht standhält. Dann leert er es in einem Zug. Mit den ganzen Zusätzen direkt aus der Schwerindustrie hat Schwarzmarkt-Gin immer 'was von russischem Roulette, aber das Zeug scheint sauber zu sein. Jedenfalls klappt Harry nicht sofort vornüber. Er ist sich nicht sicher, ob das Glück oder Pech ist.

Die Musik ist laut, aber nicht laut genug, um das babylonische Stimmengewirr zu übertönen. Es kriecht durch alle Ritzen, und Harry winkt verstimmt nach der Barfrau. Schon klar, das verbale Eierschaukeln ist Werbung: In den Separées und Klos wird neben dem üblichen Drogenbuffet auch Information gehandelt - aber im Grunde sind sie hier fünftklassig. Cracks halten nur online Hof, und ihre Rausschmeißer nehmen einen schon auseinander, wenn ihnen der Avatar nicht gefällt.

Harry guckt der Barfrau auf die Finger, damit sie nicht doch noch unter die Theke zu dem gepanschtem Zeug greift, dann dreht er sich in den Raum. Auf der Tanzfläche staken ein paar Kids, die Harry daran erinnern, daß er nicht mehr up to date ist; sein kredibelstes Kleidungsstück ist das Paar Hosen, das Malfoy im Compound gelassen hat. Er registriert das mit der Aufmerksamkeit eines Außenseiters, was ihn wiederum für andere interessant macht. Schließlich strolcht eins der Kids zu ihm an die Theke.

„Hey hey hey. Wenn das nicht Harry ist!" Aufgeregt wippt der Junge auf den Fußballen.

Harry glotzt begriffsstutzig. „Colin Creevey", sagt er schließlich lahm. „Hi."

„Lang nicht gesehen! Was machst du hier, Jobsuche? Oh Mann, das wird mir keiner glauben, Harry Potter in echt und 3D! Ollivander meint - aber das hast du nicht von mir, und ich hab's nicht von ihm, okay? - daß du Matsuda geknackt hast, stimmt das? Wegen Sandbender-Plänen, richtig? Oh Mann, ist das aufregend! Sag' mal, hast du vielleicht ein paar Minu-"

„Colin", unterbricht ihn Harry.

„Ich verrate es auch niemand!" Der Junge strahlt ihn an. Entsprechend welkt er, als Harry sich wieder der Theke zuwendet.

Was soll er sagen - daß er nicht mehr porten kann? Genauso gut könnte er sich einsargen. Daß sie seine durchgebrannten Anschlüsse gezogen haben, sichergestellt, daß sein Nervensystem keine mehr trägt? Er könnte Colin von der Präzision erzählen, mit der die Mycotoxine seine Synapsen versaut haben. Super-Puder, Colin, der irrste Trip deines Lebens, mußt du probieren.

Als Harry zurück in ihren Schrottplatz gezogen ist, hat Ron ihm wie angekündigt ein paar aufs Maul gehauen, zur Begrüßung, und danach verlegen auf die Schulter geklopft. „Schlimme Sache, Harry. Tut mir leid." Seitdem surft er fast nur noch in den Freien Nationen. Harry hält es für eine Frage der Zeit, bis Ron sich verabschiedet und dort einstülpt; für jemand mit Rons Talenten ist die Piratenenklave ideal.

Und Hermione... wann immer sie für ein paar Stunden von Snape 'rüberwatschelt - mit dem Bauch appariert sie nicht mehr -, nimmt sie Harry ins Gebet, um ihm die "Realität" schmackhaft zu machen. Nachdem er sie angeschrieen hat, daß er schon dort war, die Sehenswürdigkeiten besucht, die Postkarte geschrieben, das T-Shirt gekauft, wird sie das Thema wohl 'ne Weile lassen. Falls sie ihn überhaupt noch mal besucht. So gesehen war der gestrige Abend kein Erfolg.

Plötzlich quiekt Colin wie ein Meerschweinchen. Harry fährt auf dem Absatz herum - und vor ihm steht Malfoy.

Malfoy, der Wange an Wange an einem verängstigten Colin klebt und leger einen Arm um ihn gelegt hat. Er schmunzelt. Seine Zähne blitzen im Schwarzlicht, zu viele, zu weiß, und Harrys Herz hämmert im Stakkato.

„Creeveylein", gurrt Malfoy, „weiß deine Mutter, in was für Kaschemmen du dich 'rumtreibst? Husch' ins Körbchen. Mr. Potter und ich müssen 'was besprechen." Daß das nicht direkt an Colin adressiert ist, sondern an ein Flaschenregal hinter Harry, interpretiert Colin korrekt als verpiß dich, du Wurm. Er duckt sich weg, ruft: „Später, Harry!", doch der beachtet ihn schon nicht mehr.

Man merkt nicht auf Anhieb, daß Malfoy blind ist. Die Haare hängen ihm ins Gesicht, und er hält seinen Stab auf Oberschenkelhöhe, locker wie eine Wünschelrute. „Neben dir frei?" Ohne auf Antwort zu warten, schwingt er sich auf den Hocker und winkt der Barfrau: „Das gleiche, was er trinkt." Der Zauberstab ist neu - irgendein helles Holz -, aber so genau will Harry das nicht wissen: Er selber hat keinen mehr.

Malfoy beschnuppert derweil mißtrauisch sein Glas. „Wuäh. Potter, das ist ja schlimmer als das Zeug, das Blaise aus Haiti schickt. Himmel. Nimm doch gleich Säure."

Harry schweigt, konzentriert sich auf die Bässe der Musik. Malfoy könnte ihm die Kehle durchschneiden, fantasiert er - wenn er einen Winkel findet, mit dem es ohne Fontäne abgeht, braucht es niemand zu merken, zumindest nicht sofort. Der Club ist dunkel genug. Wenn er ihn langsam fallen läßt, werden sie denken, Harry ginge ihm an die Hose.

Es ist, als hätte er laut gedacht, denn in dem Moment beugt Malfoy sich vor und hebt eine Hand an seine Kehle. Harry schluckt, hält die Luft an, schließt die Augen, aber nichts passiert. Er spürt nur warmen Atem, kein kaltes Metall. Eine Fingerkuppe fährt über die Narbe an seinem Hals, dann weicht Malfoy zurück.

„Hat alle Anapneos abgeschüttelt, unser Potty", murmelt er. „Man sollte meinen, daß ein Körper weiß, wenn es zuviel ist, nicht?" Nachdenklich senkt er den Kopf, und Harrys Blick gleitet an die Stelle, wo vorher seine Ports waren, die transplantierte Haut weiß und glatt. „Nach der Säule hätten sie dir alles ziehen müssen, alles, ohne Rücksicht auf Verluste."

„Auf den Scans waren nur inaktive Programme", krächzt Harry. „Tote Leitungen ohne Kontakt-"

„Kein Hindernis für Voldemort. Das wußtest du genauso gut wie ich. Aber ich wollte lieber mit dir stecken, als mir den Kopf darüber zu zerbrechen. Und da stehen wir nun." Er hakt zwei Finger in die Schlaufen von Harrys Cargohosen, dann gleitet er vom Sitz. „Leb' wohl, Harry."

Die Menge verschluckt ihn, und Harry verliert kostbare Zeit mit der Thekenschlampe und einem ihrer Gorillas, der ihn im Schwitzkasten hält, bis er endlich seinen Kreditchip findet. Als er freikommt, ist Malfoy schon auf der anderen Seite des Raums.

Harry holt ihn erst am Apparitionspunkt zwischen Tor und Garderobe ein. „Draco", keucht er, ihn gerade noch am Handgelenk erwischend.

Unmerklich versteift Malfoy die Schultern: Er geht in Kampfbereitschaft, doch er dreht sich nicht um.

„Draco", sagt Harry gebrochen. „Draco", bis der Name keine Bedeutung mehr hat.

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