Altersfreigabe: ab 12
Handlungszeitraum: AU, spielt hauptsächlich an Hermines letztem Schultag
Inhalt: Es gibt Momente, in denen man besser schweigt.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine Granger/Severus Snape
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J. K. Rowling.
Kommentar: Betaleserin war wie so oft Anja, allerdings nur für die ursprüngliche Version. Ich hab sie wild überarbeitet und teilweise neu geschrieben, jetzt gehen die Fehler auf meine Kappe.
Warnings: none


Als sie das erste Mal Hogwarts' Flure betritt, ist sie nervös, hochnäsig und kindisch. Wen wundert es. Sie ist erst elf Jahre alt und bewegt sich offensichtlich zum ersten Mal in magischen Kreisen.

Sie ist ein perfektes Opfer für deine kleinen Spielchen. Denn es gibt nichts Besseres, als die Feiern zu Beginn des Schuljahres mit ein wenig Legilimentik bei unbedarften Kindern zu versüßen. Die Gedanken sind chaotisch und ungeschützt, es ist dir beinahe unbemerkt möglich, hier und da einige Erinnerungen anzusehen, die du später im Unterricht zu deinen Gunsten nutzen kannst. Kenne deine Feinde.

Und so ist sie eine der ersten, denen du dich an diesem Abend widmest, noch während sie darauf wartet, ihrem Haus zugeteilt zu werden. Oh, du hast versucht, dir Potters Geist anzuschauen! Aber er guckt nicht zu dir, sondern redet mit diesem Rothaarigen. Zweifellos ein Weasley.

Wie auch immer. Sie schaut zu dir und du hältst ihren Blick fest. Es ist schon fast zu leicht, einen Blick in ihren Geist zu werfen. Aber überrascht bist du trotzdem.

Ihr Geist ist unerwartet geordnet. Wissensdurstig, geht es dir durch den Kopf. Erstaunlich, dass sie an einem Abend wie diesem bereits das Lernen im Kopf hat. All die Details der magischen Welt interessieren sie nicht ihrer Existenz oder Funktionalität wegen, sondern weil es möglicherweise einmal nützlich sein könnte, diese Dinge zu wissen. Sie hat die Fähigkeiten ihres Gehirns erkannt und sie wird sie nutzen. Seit Lily hast du keinen Erstklässler mehr erlebt, der am ersten Abend schon so viel Wissen mitbrachte.

Sie ist auch eine der wenigen an diesem Abend, die bemerkt, dass du mehr tust, als sie nur anzusehen. Sie kneift die Augen ein bisschen zusammen und runzelt die Stirn. Nein, sie weiß noch nicht, was Legilimentik ist. Aber sie weiß, dass du sie beherrschst und sie will wissen, wie das geht.

Sie weiß auch nicht, was Okklumentik ist, aber sie wendet sie trotzdem an. Instinktiv. Plötzlich ist ihr Geist leer. Natürlich, wenn du es wolltest, könntest du problemlos alles in ihrem Geist finden, das du wissen willst. Mit dem Zauberstab und der Formel hätte sie dir nichts entgegenzusetzen. Aber so, wie du es jetzt machst, wo du nur einen Blick hinter ihre Stirn wirfst, ist ihr Geist leer. Ein Muskel unter deinem Auge zuckt.

Sie lächelt, kaum sichtbar, bevor sie den Blick abwendet, weil Minerva ihren Namen aufgerufen hat. Hermine Granger. Bedauerlich. Sie wäre eine grandiose Slytherin geworden.


Deine erste Einschätzung hat sich rückblickend als richtig erwiesen. Sieben Jahre später und sie merkt es immer noch, wenn du versuchst, hinter ihre Stirn zu blicken. Was du nicht oft tust. So interessant ist sie auch wieder nicht. Potter hält dich ausreichend auf Trab und im Gegensatz zu ihr merkt er bis heute nicht, was du tust, wenn du ihm auf diese Art in die Augen schaust.

Nein, Granger scheint es ihm tatsächlich nie erzählt zu haben. Sie weiß inzwischen, was Legilimentik ist und dass man sie nicht nur mit Zauberstab und Formel anwenden kann. Ihr Geist ist immer leer, wenn sie dir in die Augen schaut. Als ob sie es billigen würde, dass du dich in Potters Geist umschaust. Manchmal. Warum sonst hätte sie es ihm nicht erzählen sollen? Du schnalzt mit der Zunge. Es ist tatsächlich bemerkenswert, was aus dem Mädchen Hermine Granger geworden ist.

Dabei beziehst du dich natürlich auf ihr geistiges Talent. Auf das heutige.

Es war ein langer Weg bis hierher. Jahre hat es sie gekostet, um zu lernen, dass das Reproduzieren von Buchinhalten nicht das gleiche ist wie Intelligenz. Dass es nicht reicht, eine Waffe zu besitzen; dass man auch wissen muss, wie man sie verwendet. Und vor allem wann.

Minerva rühmt sich immer mit der Intelligenz von Hermine Granger. Ihr Löwenbaby, ihre Schülerin, ihr Talent. Aber Minerva hat nicht viel dazu beigetragen, dass Granger sich so entwickelt hat. Minerva hat sie gehätschelt und gelobt und war immer zufrieden mit den reproduzierten Buchinhalten. Gut, und der einen oder anderen gelungenen Verwandlung. Nonsens. Manchmal, wenn Granger wirklich aufgebracht war, hat sie dir gezielt ein paar Erinnerungen gezeigt. Unter anderem eben das Lob von Minerva. Und von Filius. Und von Septima. Es war jedes Mal, als würde sie dich anschreien: „Warum sind sie mit mir zufrieden und Sie nicht?"

Du hast ihr diese Frage nie beantwortet. Sie sollte es allein begreifen. Jedes Mal, wenn du es ihr verboten hast, ihr Buchwissen wiederzukäuen, hat sie dich verdrossen angeguckt. Dafür, dass sie sich für so intelligent hält, hat sie ermüdend lange gebraucht, um es zu begreifen.

Sie sollte froh sein, dass du bereits am ersten Abend auf sie aufmerksam geworden bist und gesehen hast, dass sie fähig ist, mehr zu werden. Besser als ihre Mitschüler. Wahrhaftig intelligent. Wenn du sie erst in der ersten Unterrichtsstunde zur Kenntnis genommen hättest, hättest du dir nicht so große Mühe mit ihr gegeben. Besserwisserisch. Hochnäsig. Aufdringlich. Du hättest sie so sehr ignoriert, dass sie geglaubt hätte, sie wäre ein Buch von Libatius Borage. Idiot, der er gewesen ist.

Doch in diesem Moment, in dem sie ausnahmsweise mal geschwiegen und ihre Fähigkeiten hatte sprechen lassen, hat sie dein Interesse geweckt.

„Es ist manchmal wirklich beängstigend, wie schnell sie erwachsen werden, nicht wahr, Severus?"

Du rümpfst deine Nase, als du Minervas Stimme hörst. Sie ist viel zu nah. Langsam drehst du deinen Kopf herum und hoffst, dass dein Blick Antwort genug ist. Ist er nicht. Das ist er bei ihr niemals. Sie hat nie vergessen, dass du mal ihr Schüler gewesen bist und dass Verwandlungen nicht deine Stärke waren. Aber wie könntest du ihr das vorwerfen? Du hast Gilderoy Lockhart unterrichtet und er war ein genauso großer Idiot in Zaubertränke wie Libatius Borage. Das konntest du auch nie vergessen.

Du blinzelst. Was hatte Minerva nochmal gesagt? Ach ja. Sie werden so schnell groß, Severus. Du verdrehst die Augen. „Warum dieser Wehmut?", schnarrst du. „Wieder verschwinden ein paar Dummköpfe und machen Platz für die nächsten. Du wirst neue Löwenbabys bekommen, Minerva."

Du nippst an deinem Elfenwein und lässt den Blick durch die Große Halle schweifen. Granger tanzt mit Longbottom. Er ist einer dieser Dummköpfe, von dem du froh bist, dass er aus deinem Leben verschwindet. Du hattest zwar in den letzten beiden Jahren schon nichts mehr mit ihm zu tun, aber der Abstand zwischen ihm und dir kann gar nicht groß genug sein.

„Fällt es dir gar nicht schwer, deine Schüler gehen zu lassen? Nicht mal bei manchen von ihnen?" Minerva folgt deinem Blick.

„Nein." Und bist froh, dass sie dir gerade nicht hinter die Stirn schaut.

Minerva schüttelt den Kopf. „Wenn du die Abschlussfeier so genießt, willst du dann nicht auch mal einen Tanz wagen? Sybill wäre nicht abgeneigt." Sie nickt zu Sybill hinüber, die dich tatsächlich anstarrt und mit ihrer Brille aussieht wie eine Stubenfliege.

Du rümpfst die Nase. „Ich verzichte", grollst du. „Lieber ertrage ich Longbottom noch ein weiteres Jahr in meinem Klassenraum, als mit dieser Frau zu tanzen." Oder irgendeiner Frau, wenn wir schon dabei sind.

„So?", fragte sie scheinheilig und klopft dir zweimal auf die Schulter, ehe sie an dir vorbei geht und den Lehrertisch verlässt.

Dein Blick schweift wieder über die bald ehemaligen Schüler. Es sind weniger als eben, oder? Du schnalzt mit der Zunge. Sie haben den Hang dazu, sich nach draußen zu schleichen und ungebührlichen Kontakten zu frönen. Du gibst ihnen noch eine halbe Stunde; auch wenn du jetzt keine Punkte mehr abziehen kannst, kannst du sie noch beschämen.

Hermine Granger hat die Tanzfläche inzwischen verlassen und steht am Büfett, ein Glas Punsch in ihrer Hand. Das Ende des Krieges hat sie mit einer Hälfte ihrer Freunde zurückgelassen. Wenn du richtig informiert bist die Hälfte, die ihr nicht ganz so wichtig ist. Du weißt wirklich nicht, wie es ihr geht und eigentlich interessiert dich das auch nicht.

Aber … Du trinkst noch einen Schluck Elfenwein. In diesem Fall bist du nicht ganz unschuldig an ihrem Zustand. Im entscheidenden Moment musstest du auf der falschen Seite spielen. Du konntest nicht alle retten, ohne deine Prioritäten aus den Augen zu verlieren. Und deine Priorität war Potter. Albus hat Potters Leben sogar über sein eigenes gestellt. Und als du in die Situation gekommen bist, dich zwischen Potter und Weasley entscheiden zu müssen, hast du Potter gewählt. Weasley war ein geringerer Verlust, egal von welcher Seite man es betrachtet.

Nein, du hast die richtige Entscheidung getroffen. Das hast du. Solange du Granger nicht siehst, weißt du das. Ansonsten … Du reibst dir die Stirn. Nein, es war auch ansonsten die richtige Entscheidung. Zum Glück ist sie bald weg. Dann musst du deine Entscheidung nie wieder in Frage stellen. Du musst sie nach diesem Abend nicht wieder sehen.

Und trotzdem siehst du sie an. Jetzt. Du neigst den Kopf zur Seite, als sie es tut. Sie schaut knapp an dir vorbei und du widerstehst dem Bedürfnis, dich umzudrehen und zu schauen, was sie ansieht. Sie sieht aus, als würde sie … träumen. Hast du da überhaupt eine Wahl? Nein, hast du nicht. Ein letztes Mal noch wirst du einen Blick hinter ihre Stirn werfen. Ein letztes Mal schauen, was sie beschäftigt.

Du zuckst überrascht mit den Augenbrauen, als sie sofort ihren Geist leert. Du hast kaum einen Blick auf ihre Gedanken geworfen, da sind sie schon verschwunden. Sie ist nach all den Jahren einfach zu gut geworden. Und jetzt sieht sie dich ganz direkt und ein bisschen entrüstet an.

Granger stellt ihren Becher ab, verschränkt die Arme vor der Brust und kneift die Augen zusammen, während sie sich entspannt gegen den Tisch lehnt. Im nächsten Moment spürst du, wie sie in deinen Geist schaut. Das hat sie schon mehrmals versucht, aber du hast sie immer rausgeschmissen. Heute zögerst du. Es ist ihr letzter Abend, die letzte Gelegenheit. Sie hat es sich verdient, oder?

Also lässt du es zu und ziehst eine Augenbraue hoch.

„Nicht mal heute können Sie es lassen?", fragt sie dich über die Entfernung von gut fünfzehn Metern hinweg, ohne ihren Mund zu benutzen.

Du feixt. „Einmal noch zum Abschied, Miss Granger." Du lehnst dich zurück, drehst dein Glas in der linken Hand und schaust sie weiter an.

Sie schweigt lange Zeit, doch du kannst ihre Anwesenheit in deinem Geist spüren. Aber nicht ein einziger ihrer Gedanken gelangt bis an die Oberfläche, an der du ihn sehen und erfassen könntest. Sie hat das geschafft, was du Potter vergeblich beizubringen versucht hast.

„Haben Sie eigentlich jemals darüber nachgedacht, mich einfach zu fragen, was Sie wissen wollen?"

„Nein."

Über die Entfernung der Halle siehst du, wie sie die Stirn runzelt. „Warum nicht?"

„Jeder lügt. Ich bevorzuge die Wahrheit."

Du siehst sie schlucken. „Und das von demjenigen, der alle um sich herum belogen hat."

Du kräuselst die Lippen. Schweigst.

Nach ein paar Sekunden sagt sie: „Harry hat mir erzählt, dass Sie ihm das Leben gerettet haben."

Du ziehst eine Augenbraue hoch. „Und das überrascht Sie?"

Sie schüttelt den Kopf. „Nein. Aber ich würde Ihnen gern dafür danken." Sie schickt ein paar Bilder dazu. Bilder von ihr mit Potter und Weasley. Und ein Gefühl. Dankbarkeit. Dankbarkeit, weil sie deinetwegen wenigstens noch einen Freund hat.

„Interpretieren Sie nicht zu viel hinein, Miss Granger. Das war mein Job." Auch du schickst ihr ein Gefühl. Gleichgültigkeit. Es ist dir vollkommen egal, dass Potter noch lebt. Es ist dir auch egal, dass Weasley es nicht mehr tut.

Sie starrt dich an. Ihr Mund steht ein kleines Stück offen. Dann presst sie die Lippen aufeinander und nickt. „Natürlich." Und plötzlich ist sie weg.

Du blinzelst und schaust dich in der Halle um. Hat jemand bemerkt, was ihr gerade getan habt? Nein. Ein bitterer Geschmack steigt dir die Kehle hoch und du versuchst, ihn mit dem Wein runterzuschlucken.


Eine halbe Stunde lang hältst du es noch auf deinem Platz aus und versuchst, Granger nicht anzuschauen. Der Wein schmeckt schal und heute bekommt er dir auch nicht gut. Irgendwie ist dir übel. Und immer wieder kreuzt das cremefarbene Kleid, das sie trägt, dein Blickfeld.

Kurz vor Mitternacht stehst du auf, um dieses Fest zu verlassen. Du hast deine Schuldigkeit getan. Du warst anwesend. Du hast es ausgehalten. Es gibt nichts mehr, das dich noch hier hält.

Außer Sybill. Jedenfalls ist das eindeutig ihre Absicht, denn sie erhebt sich zusammen mit dir und kommt mit all ihren Ketten und ihrem wallenden Kleid und diesem Blick auf dich zu. Oh, das würde Minerva bereuen!

„Professor Snape, darf ich um diesen Tanz bitten?"

Merlin, wo kommt Granger auf einmal her?

Noch ehe du dir diese Frage beantworten kannst, hat sie nach deiner Hand gegriffen (du zuckst dabei zusammen) und dich auf die Tanzfläche gezogen. Sybill geht an euch vorbei zum Büfett und tut so, als wäre das schon immer ihr Ziel gewesen. Aber dieser Blick ist aus ihrem Gesicht verschwunden.

Du holst gerade Luft, um etwas zu sagen – auch wenn du noch nicht weißt was – als Granger dir zuvor kommt: „Ein Wort und ich hole Professor Trelawney zurück."

Also klappst du deinen Mund wieder zu.

Granger tanzt gut, das musst du ihr lassen. Sie sieht dir direkt in die Augen, aber weder versucht sie in deinen Geist zu schauen, noch willst du einen Blick in ihren werfen. Eine Falte steht zwischen ihren Augenbrauen. Sie ist verärgert. Sie will nicht mit dir reden. Und du nicht mit ihr.

Aber du fragst dich, ob es ihr auch gefällt, mit dir zu tanzen. Und zu deiner eigenen Überraschung ist dir ihre Antwort darauf nicht egal.

Sie tanzt sich mit dir quer durch die Große Halle hin zu den Flügeltüren. Dort lässt sie dich los. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend." Und verschwindet wieder in der Menge.

Du siehst ihr mürrisch hinterher.


Es ist bereits sehr spät, als es an deiner Tür klopft. Du runzelst die Stirn. Wer will denn jetzt noch was von dir? Nicht, dass du schon geschlafen hättest. Dein Geist ist viel zu unruhig, um an Schlaf auch nur zu denken. Aber du hast deine verdammte Schuldigkeit getan! Du warst da! Du hast es ausgehalten! Merlin, du hast sogar getanzt!

Obwohl es dich in den Fingern juckt, die Tür aufzureißen und Minerva oder Filius oder Pomona oder wer auch immer vor deiner Tür steht so finster wie möglich anzusehen, öffnest du sie nur einen Spalt breit. Es besteht die Chance, dass es nicht Minerva oder Filius oder Pomona ist und du trägst nur noch Hemd und Hose. Gehrock und Umhang hängen bereits auf einem Bügel an deinem Schrank. Es ist verdammt noch mal spät!

Dass es allerdings Hermine Granger ist, die vor deiner Tür steht, hast du nicht erwartet. Du hast gedacht, sie würde dir nach dem Beweis, dass du immer noch der kaltherzige Bastard von Hogwarts bist, nie wieder unter die Augen treten. Und trotzdem steht sie genau da. Vor deiner Tür.

„Was tun Sie hier, Miss Granger?", schnarrst du.

Sie antwortet nicht. Stattdessen schaut sie dir wieder tief in die Augen und dieses Mal will sie sehr wohl hinein. Dieses Mal will sie sehr wohl reden.

Nach einem Moment des Zögerns lässt du sie. „Was tun Sie hier, Miss Granger?", wiederholst du deine Frage, dieses Mal allerdings so, dass nur sie es hören kann.

„Da war so eine Stimme in meinem Kopf…" Sie lehnt sich gegen die Wand neben deiner Tür und im Licht der Fackeln kannst du ihr Gesicht besser sehen. Sie sieht aus, als hätte sie geweint.

„Hören Sie nicht darauf, sie meint es nicht gut mit Ihnen."

Sie lächelt, aber sie sieht nicht glücklich aus. „Manchmal glaube ich, sie meint es besser mit mir als alle anderen. Und wissen Sie was?"

Du seufzt und lehnst dich mit der Schulter gegen den Türrahmen. „Was?"

„Es ist Ihre Stimme, Sir."

Du ziehst eine Augenbraue hoch. „Haben Sie getrunken, Miss Granger?"

Sie schnaubt leise. „Sicher. Aber ich bin nicht betrunken, falls Sie das meinen. Höchstens ein bisschen … redseliger."

„Was wollen Sie von mir, Miss Granger? Ich bin nicht mehr Ihr Lehrer. Ihre Noten stehen fest und soweit ich weiß, sind sie ohnehin nicht mehr zu verbessern." Soweit du weißt? Du könntest jede einzelne ihrer verdammten Noten aufzählen! Aus allen Schuljahren!

Sie schweigt einige Momente, dann: „Meinten Sie das vorhin wirklich ernst, Sir? Ist es Ihnen wirklich egal, wer lebt und wer nicht?"

Du senkst den Blick und reibst dir über die Stirn. Nur antworten tust du ihr nicht. Nein, es ist dir nicht egal. Aber es ist leichter, wenn es dir egal ist. Es reißt dich seltener in diesen Abgrund, wenn es dir egal ist. Und seltener aus dem Schlaf. Wie viele Menschen hast du in den letzten Jahren sterben sehen? Zu viele, die du nicht retten konntest.

„Ich glaube Ihnen nicht", sagt sie auf einmal in dein Schweigen hinein.

„Gut", grollst du.

Sie sieht dich irritiert an.

Und bevor du deinen Geist davon abhalten kannst, bevor du die Worte zurückhalten kannst, sind sie da: „Jeder lügt."

Sie schluckt schwer. Jetzt ist sie es, die schweigt.

Nach einer Weile seufzt du. „Was wollen Sie von mir, Miss Granger?" Normalerweise hättest du ihr diese Frage nicht noch einmal gestellt. Normalerweise hättest du ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen und wärst schlafen gegangen. Aber was ist an diesem Abend schon normal? Du hast mit Hermine Granger getanzt und sie bereits zweimal freiwillig in deinen Geist gelassen.

Sie lächelt und schließt kurz die Augen. Vielleicht hat sie doch ein bisschen mehr getrunken, als es ihr bewusst ist. „Warum die Legilimentik? Warum damals, als ich gerade hier angekommen bin? Und warum danach immer wieder? Was wollen Sie von mir, Sir?"

Plötzlich ist ihr Blick wieder fest und sie wirkt gar nicht mehr betrunken. Sie beißt sich auf die Innenseite ihrer Lippe und ihre Wangen sind ein bisschen rot und ihre Augen ein bisschen glasig und ihre Haare … Sie lösen sich aus der Frisur. Es ist wirklich spät.

Du könntest ihr diese Frage beantworten. Mühelos. Aber willst du das? Willst du ihr so viel von dir zeigen? So ehrlich sein?

Ein kleiner Adrenalinstoß durchfährt dich bei diesem Wort. Ehrlich. Verdammt, wann bist du das letzte Mal ehrlich gewesen? Zu dir. Oder zu irgendwem. Du kannst dich kaum noch daran erinnern. Und du willst … du willst … einfach nur mal wieder ehrlich sein.

Aber zu ihr? Ausgerechnet … Sie ist dir doch schon so nah. Sie ist in deinem Geist und sie ist in deinen Gedanken und du hast mit ihr getanzt und du willst nicht, dass sie…

Du schluckst.

Dieser Abend ist verrückt. Und du willst ehrlich sein, aber ehrlich sein fühlt sich gefährlich an. Lebensgefährlich. Und du weißt nicht, ob es das wert ist oder ob es richtig ist oder ob du es bereuen würdest. Aber wenn du es bereust, kannst du ihr auch einfach die Erinnerungen daran nehmen, oder? Du bist nicht gut in Verwandlungen, aber Zauberkunst war okay. Du könntest das. Du willst es nicht. Aber du könntest es.

Also…

Sie sieht dich immer noch an und schweigt. Obwohl du seit einer gefühlten Ewigkeit nichts gesagt hast. Sie schweigt. Nach sieben langen Jahren hat sie es endlich gelernt zu schweigen. Nach sieben langen Jahren hat sie endlich begriffen, dass es Momente gibt, in denen man seine Waffen benutzt – und welche, in denen man es nicht tut.

„Sie sind mein Meisterstück, Miss Granger", antwortest du schließlich.

Sie runzelt die Stirn. „Was meinen Sie damit?"

Du seufzt leise und siehst dich um. Ihr steht noch immer im Kerkergang. „Möchten Sie nicht reinkommen, bevor noch jemand sieht, wie wir uns in die Augen starren?", fragst du und das mit deiner richtigen Stimme.

Sie nickt und geht an dir vorbei in deine privaten Räume, nachdem du einen Schritt zur Seite getan hast. Ihre Blicke gleiten über deine Einrichtung, bevor sie sich zu dir umdreht. „Darf ich?" Sie deutet auf das Sofa und du nickst, woraufhin sie sich setzt.

„Möchten Sie auch ein Glas Wein?" Du bist nicht mehr ihr Lehrer und sie ist nicht so betrunken, wie du anfangs geglaubt hattest. Sie kann ein Glas vertragen – und du kannst es auch.

„Gerne." Sie schlägt ein Bein über das andere und wirkt nicht mal ein bisschen nervös.

Du nimmst das erstaunt zur Kenntnis. Dir fallen ohne nachzudenken mindestens fünfzig Schüler ein, die in Ohnmacht fallen würden, wenn sie in Grangers Situation wären. Sie gehört eindeutig nicht dazu. Im Gegenteil. Sie sieht aus, als würde sie sich wohlfühlen. Bei dir. In deinen Räumen. In deinen privaten Räumen. Wohl. Absurd.

„Danke." Sie lächelt, als du ihr das Glas reichst. Sie prostet dir zu und sieht dir fest in die Augen, während sie an der dunkelroten Flüssigkeit nippt. „Also, was meinen Sie damit, dass ich Ihr Meisterstück sei, Sir?", besinnt sie sich für deinen Geschmack viel zu schnell wieder auf deine Worte.

Du setzte dich ihr gegenüber und stellst dein Glas auf den Tisch. Du musst vorsichtig sein mit dem, was du ihr jetzt sagst. Ja, du willst ehrlich sein. Aber nachdem sie endlich gelernt hat, wann sie besser schweigt, wirst du diese Lektion nicht über Bord werfen. „Ich habe keinem anderen Schüler jemals so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen." Ja, das ist gut für den Anfang.

Granger schnaubt. „Sie meinen wohl, Sie haben keinen anderen Schüler jemals so hartnäckig ignoriert."

„In gewisser Weise…" Und du lächelst, als sie die Stirn runzelt. „Miss Granger, glauben Sie, Sie besäßen heute auch nur die Hälfte Ihrer Fähigkeiten, wenn ich Sie nicht … ignoriert hätte? Wenn ich Ihnen das Gefühl gegeben hätte, dass ich zufrieden mit Ihnen bin und dass das Reproduzieren von Buchwissen ausreichend sei?"

Ihr Blick gleitet ins Leere, als sie über deine Frage nachdenkt. „Vermutlich nicht."

Deine Augenbrauen zucken. „Ich habe niemals zuvor einen Schüler gehabt, bei dem ich das Gefühl hatte, dass es sich lohnen würde, ihn auf diese Art herauszufordern. Und ich denke nicht, dass es jemals wieder einen geben wird, der sich so wird herausfordern lassen. Sie sind mein Meisterstück, Miss Granger."

Lange Sekunden sieht sie dich nur an, dann senkt sie den Blick. „Und deswegen haben Sie ständig in meinen Geist geschaut?"

Oh, stimmt ja, das war der Ausgangspunkt. „Ja." Sie runzelt wieder die Stirn. Möglicherweise ist sie doch ein kleines bisschen betrunkener, als du gedacht hast. „Ich habe Sie nicht ignoriert, Miss Granger. Ich hab Sie beobachtet und darauf gewartet, dass Sie verstehen."

„Was verstehen?", fragte sie.

Du stößt die Luft durch die Nase. „Verstehen, dass es mehr braucht, als Wissen, wenn Sie einen verdammten Krieg überleben wollen. Verstehen, dass Sie manchmal still bleiben müssen. Dass sie manchmal nichts tun dürfen, auch wenn das Konsequenzen hat."

Sie schluckt, denn sie begreift gerade, wie ehrlich du zu ihr bist. Es ist eines der schwersten Dinge, die du jemals lernen und tun musstest: Nichts zu tun, obwohl du es könntest. Nichts zu tun, weil ein höheres Ziel es dir verbietet. Nichts zu tun. „Warum ich?", fragt sie ein bisschen heiser. „Warum wollten Sie das ausgerechnet mir beibringen?"

Du kneifst die Augen zusammen. Ja, warum sie? Es war Zufall, oder? Sie hat dich angesehen, du hast deine Chance genutzt und du warst beeindruckt. Du hast herumprobiert und sie hat reagiert. Und als der Dunkle Lord zurückkehrte…

„Ich konnte es nicht zulassen, dass Sie in einem Krieg sterben, der nicht der Ihre ist."

Sie schnauft ungeduldig. „Aber warum ICH? Warum nicht Harry?"

„Ihm hab ich beigebracht, was ich konnte. Alle haben ihn darauf vorbereitet." Du verdrehst die Augen.

„Warum dann nicht Ron?"

Du ziehst eine Augenbraue hoch. „Sie waren schon anwesend im Unterricht, Miss Granger?" Mehr musst du nicht sagen. Weasley war … hoffnungslos. Er hat alles persönlich genommen. Du warst nicht der richtige, um ihm so eine Lektion beizubringen. Du bist kein guter Lehrer für alle. Nur für einige. Nur für diejenigen, die auf die gleiche Art denken. Weasley tat das nicht.

„Warum nicht irgendjemand sonst?", fragt sie unbeirrt weiter und ihr steigen Tränen in die Augen. „Warum nicht Ginny oder Luna oder Neville oder … Draco? Warum ich?"

Du reckst das Kinn ein bisschen vor. Ihre Fragen drängen dich in eine Ecke, in der du nicht stehen willst. „Seien Sie einfach dankbar, Miss Granger", sagst du hohl.

„Nein!" Sie stellt die Füße nebeneinander und beugt sich vor. Immer mehr Haare lösen sich aus ihrer Frisur. „Nein, Sir. Ich habe gelernt, in den richtigen Momenten zu schweigen. Aber jetzt ist nicht der richtige Moment." Sie sieht dir tief in die Augen und ohne, dass du die bewusste Entscheidung dazu getroffen hast, hast du sie wieder in deinen Geist gelassen. „Warum ich?"

Du starrst sie an. Dein Herz schlägt dir bis zum Hals und das … das ist der Moment, in dem du dich entscheiden musst. Bist du ehrlich? Oder lügst du? Ist es gefährlich? Oder darfst du? Willst du?

Ja. Ja, du willst.

Langsam lässt du die Luft durch deine Nase strömen, die du vorher angehalten hast. Und wie die Luft durch deine Nase strömt, strömen Bilder durch deinen Geist. Lily, als ihr euch das erste Mal begegnet. Lily, wie sie dich über Hogwarts ausfragt. Lily, wie sie dir die Schulbücher zeigt, die du doch selbst zu Hause liegen hattest – wenn auch in alt und abgegriffen. Lily, die jedes einzelne Buch bereits gelesen hatte, bevor ihr den Hogwarts-Express bestiegen habt. Lily, die so viel wusste, dich aber trotzdem nie wirklich verstehen konnte. Lily, die sich mit dem verdammten Potter anfreundet. Und du, der im falschen Moment die falschen Dinge gesagt hat. Der geredet hat, obwohl er hätte schweigen sollen – auch wenn es das schwerste gewesen wäre, was du jemals hättest tun müssen.

Du konntest Lily nicht retten. Du warst ein Grund, warum sie gestorben ist. Aber du musstest wenigstens versuchen, Hermine … Granger zu retten. Es dieses Mal besser zu machen. Du musstest es ihr beibringen. Zu schweigen. Wenn es sein muss.

Sie keucht, als sie all die Bilder sieht. Und die Gefühle spürt, die sie begleiten. Als sie die Lippen aufeinander presst, wendest du den Blick ab. Du hast es doch getan. Deine eigene Lektion ignoriert. Wieder. Im falschen Moment zu viel gezeigt.

Du greifst dir an die Nasenwurzel und stützt die Ellbogen auf die Knie. Es ist spät, du bist müde und erschöpft und ein bisschen angetrunken. Sie wird gehen und das mit Recht, aber du willst ihr nicht dabei zuschauen. Du willst nicht, dass sie…

Du erschrickst, als sie plötzlich vor dir auf dem Boden kniet. Sie sieht dich an. Intensiv und an diesem Punkt des Abends ist es Irrsinn, überhaupt noch zu überlegen, ob du sie in deinen Geist lässt. Sie hat doch längst alles gesehen. Du bist doch längst viel zu ehrlich gewesen. Also lässt du sie. Hinein.

Auch sie schickt dir Bilder. Du, wie du sie anschaust und herausfordernd die Augenbrauen hochziehst. Du, wie du am Lehrerpult sitzt und dir über die Stirn reibst. Du, wie du die Augen verdrehst, weil Tracey Davis dir eine schlechte Ausrede für die vergessenen Hausaufgaben auftischt und du sie auch noch damit durchkommen lassen musst.

Moment.

Durchkommen lassen musst? Das war nicht dein Gedanke sondern Grangers. Natürlich musstest du sie damit durchkommen lassen. Du warst der treue Todesser, der die einzig wahren Schüler von Hogwarts bevorzugt. Das war es jedenfalls, was der Dunkle Lord in deinen Erinnerungen sehen sollte. Aber verdammt! Du hast nicht geahnt, dass Granger das begriffen hat.

Aber da sind noch mehr Bilder. Du, wie du sie beobachtest, als du glaubst, sie würde es nicht merken. Aber es gab eine Spiegelung auf der glatten Oberfläche des Tisches und sie hat es bemerkt. Du, wie du sie zufrieden anschaust, als sie eine Frage beantworten will, die niemand gestellt hat, und ihren Arm wieder sinken lässt. Und das Gefühl dazu. Dieses Kitzeln in ihrem Bauch und dieses riesige Etwas, das in ihrer Brust anschwillt.

Und dann der Krieg. Du, wie du Potter rettest und weißt, dass Weasley tot ist und trotzdem noch deine Finger an seinen Hals legst. Du wusstest nicht, dass Granger das gesehen hat. Du wusstest nicht mal, dass sie überhaupt da war. In diesem Moment. Nichts hatte Potter ihr erzählt. Sie hat es gesehen. Und sie hat geschwiegen. Sie ist nicht zu Weasley gelaufen, obwohl es ihr das Herz zerrissen hat. Du spürst es. Sie ist in Deckung geblieben. Und sie hatte Angst. Ja, um Potter. Natürlich. Aber auch um dich. Sie hatte Angst, dass du deine Deckung verloren haben könntest. Merlin, sie hatte so große Angst…

Am Ende der Bilder bleibt ein großes Gefühl: Sehnsucht. Sehnsucht danach, dich wirklich kennen zu lernen. Jetzt, wo endlich alles vorbei ist, der Krieg und die Schule. Und ihre Worte: „Ich will nicht gehen."

Du starrst sie an. Auch als es längst still ist in deinem Geist. Du sitzt nach vorn gebeugt und hast die Ellbogen auf die Knie gestützt. Sie senkt den Blick und sieht deine Hand an, die knapp vor ihr in der Luft hängt. Und dann hebt sie ihre Hand und berührt deine. Wieder zuckst du zusammen.

Sie sieht dich an. „Darf ich bitte bleiben?"

Und du nickst.