ALPTRÄUME UND ANDERE REALITÄTEN

1.

Hass

Lodernder unkontrollierter Hass

Unbändiger Hass auf den Mann, der vor mir sitzt

Ein alter Mann mit schlohweißen, langen Haaren und einem ebensolchen Bart

Sein Gesichtsausdruck ist verständnisvoll, milde und – verzeihend

Ich hebe den rechten Arm

In meiner Hand ist ein hölzerner Stab, den ich auf den alten Mann richte

In diesem Stück Holz sammeln sich meine ganze Wut, mein ganzer Hass

Avada Kedavra," schreie ich

Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber ich muss diese Worte herausschreien

Immer wieder

Jede Nacht

Er erwachte schweißgebadet; auf dem Rücken liegend zählte er die Schläge der nahen Kirchturmuhr. Dreimal ertönte die Glocke – Drei Uhr nachts. Und er wünschte sich nichts so sehnlich wie einmal durchschlafen zu können.

„Alles Vergessene schreit im Traum um Hilfe!"

Warum ging ihm dieser Satz nicht aus dem Kopf?

Er fühlte sich krank, so verdammt verletzlich, so allein. Sein Leben war ein Trümmerhaufen, so vieles konnte er nicht erklären, er konnte sich nur an Weniges erinnern. Und das auch nur, weil Schatten seiner Vergangenheit durch seine Träume geisterten.

Auch an diesem Tag saß er wieder im Wartezimmer eines Arztes, eines Spezialisten, einer mehr, der ihm nicht helfen konnte. Man hatte ihn mit einer schweren Kopfverletzung gefunden, damals kurz vor Weihnachten, in einem der verrufensten Viertel der Stadt. Da er keinerlei Wertgegenstände oder Papiere bei sich hatte, befand die Polizei auf Raubüberfall. Im Krankenhaus gab man ihm keine Überlebenschancen, doch er war zäh. Nach sechs Monaten hatte man ihn entlassen. Man hatte ihm vieles versucht zu erklären, was er aber verstanden hatte war, dass er nie wieder richtig gesund werden würde, er würde immer Medikamente brauchen, gegen die Schmerzen, die Depressionen, die Halluzinationen, die Alpträume. Er hatte Adressen bekommen: die Wohlfahrt, das Sozialamt, eine psychiatrische Klinik. Beim Sozialamt holte er sich seine Unterstützung einmal pro Woche, bei der Wohlfahrt, manchmal auch bei einer der Kirchen, konnte er sich hin und wieder satt essen, mehr wollte er nicht. Man hatte ihm eine Unterkunft zugewiesen, ein kleines Zimmerchen, Bad und Toilette auf dem Gang, zu teilen mit zwanzig anderen verlorenen Gestalten, die meistens schon morgens sturzbetrunken waren.

Die Zeitung, die er vom Stapel im Wartezimmer nahm, war schon alt. Sein Gesicht starrte ihn aus einer der Innenseiten an. „Wer kennt diesen Mann?" lautete die Überschrift. Doch niemand hatte die angegebene Nummer angerufen, niemand hatte ihn vermisst. Er konnte sich nicht an seinen Namen erinnern, bei der Polizei hatte man ihn „John Doe" genannt wie alle unidentifizierten Personen, er war dabei geblieben.

„Mr. Doe!"

Die Arzthelferin war alt und mürrisch, ihre Stimme klang, als sei sie bei etwas äußerst Wichtigem gestört worden.

„Mr. Doe, der Arzt hat jetzt Zeit für sie."

Langsam erhob er sich, legte die Zeitung zurück und folgte ihr ins Sprechzimmer. Der Arzt war jung, viel zu jung. Er tippte frenetisch auf der Tastatur seines Computers herum, warf hin und wieder einen Blick auf die Röntgenaufnahmen an der Lichtwand und sagte beiläufig: „Setzen Sie sich. Sie sind also Mr. Doe? Interessant, wirklich sehr interessant."

Der Arzt sah immer noch auf die Röntgenaufnahmen, seinen Patienten würdigte er keines Blickes.

„Haben sie immer noch Kopfschmerzen? Halluzinationen? Hören sie Stimmen?"

„Ich höre keine Stimmen, ich halluziniere nicht, ich ..."

John brach ab, sein Gegenüber sah ihn nicht an, schien ihm nicht einmal zuzuhören.

„Wirklich ein interessanter Fall," murmelte der Arzt, „ich möchte, dass sie mit meiner Frau sprechen, am besten jetzt gleich. Majorie," der Arzt schrie es förmlich in die Gegensprechanlage, „Majorie, bringen sie Mr. Doe doch gleich zu meiner Frau, ja?"

Die mürrische Arzthelferin kam herein, sah John mit strafendem Blick an und sagte: „Folgen sie mir."

Der Arzt sagte noch nicht einmal „Auf Wiedersehen".

Draußen musterte Majorie den Patienten wie ein besonders scheußliches Insekt.

„Dr. Michaels sollte es wirklich besser wissen, seine Frau ist doch heute den ganzen Tag in der Klinik, ich gebe ihnen einen Termin für morgen."

So viel hatte heute noch keiner mit ihm gesprochen, so viel hatte schon lange niemand mehr mit ihm gesprochen. Er bekam einen Zettel in die Hand gedrückt. Majorie schien ihren ganzen Vorrat an Wörtern aufgebraucht zu haben, sie deutete nur stumm auf die Tür, über der „Ausgang" stand.

Er sah auf die Uhr an der Wand, Zehn. Zu spät für das Frühstück bei der Bahnhofsmission, zu früh für das Mittagessen in der Suppenküche.

Draußen auf dem Gehsteig fiel sein Blick auf das Praxisschild. „Michaels & Granger – Fachärzte für Neurologie, Psychiatrie und Psychoanalyse."

„Gottverdammte Irrenärzte. Labern eine Menge intellektuelles Zeug und können mir nicht helfen."

Er lief durch die Straßen einer ihm unbekannten Stadt, argwöhnisch beäugt von den Menschen, an denen er vorüberkam. Frauen klemmten ihre Handtaschen unter die Achselhöhlen, legten schützend die Arme um ihre Kinder.

Zwei Teller Suppe bei der Wohlfahrt, dann wieder das ziel- und sinnlose Streunen durch die Straßen. Mit dem bisschen staatlicher Unterstützung konnte er sich keine Fahrten mit dem Bus oder der U-Bahn leisten und irgendwie musste er den Tag ja rumkriegen. Zum Glück war es noch warm, der Sommer ging gerade in den Herbst über.

Er kam an einer Schule vorbei, Kinder spielten auf dem Hof.

Er blieb nur kurz stehen, um ihnen zuzusehen und setzte sich dann auf eine Bank.

Als er das letzte Mal Kinder beobachtet hatte, war er festgenommen worden und musste zwei Tage in einer nach Urin stinkenden Zelle verbringen, bevor die Polizei überzeugt war, dass er weder Pädophiler, Vergewaltiger noch sonst irgendein Perverser war.

Doch die Kinder erinnerten ihn an etwas. Etwas, das in ihm schlummerte.

Ich stehe vor einer Gruppe von Kindern, ihre Gesichter sind durch den Dampf, der aus vielen Kesseln kommt, nur schwer zu erkennen.

Sie blicken gelangweilt, interessiert, erwartungsvoll.. sie blicken mich an.

Was habe ich ihnen zu sagen? Welche Weisheiten soll ich ihnen nahe bringen?

Professor, Sir, was soll ich..."

„Na, wir machen wohl ein kleines Schläfchen?"

Ein Polizist stand vor ihm und ließ seinen Gummiknüppel durch die Luft sausen, das sirrende Geräusch ließ John aus seinem Tagtraum hochschrecken.

„Schon gut, schon gut, ich gehe ja schon."

Der Polizist steckte den Gummiknüppel wieder weg, John war erleichtert. So viele der Männer, die mit ihm in diesem Loch hausten, waren oft grün und blau geschlagen, sie hielten ihre Schmerzen nur aus, wenn sie den billigen Fusel aus dem Supermarkt um die Ecke tranken. Und dann erzählten sie von tanzenden Gummiknüppeln.

Wieder zurück in seinem Zimmer fiel er auf sein Bett, die Matratze war durchgelegen, das Kissen wie ein Stein, die Decke stank.

Im sogenannten „Gemeinschaftsraum" dröhnte der Fernseher, irgendein Fußballspiel, es interessierte ihn nicht wirklich. Aber diese lebenden, sich bewegenden Bilder. Sie waren ihm so vertraut.

Das Passwort, Herr Professor."

Eine Gestalt in einem Bilderrahmen, die mit ihm sprach.

„Ich habe doch Halluzinationen," dachte er, dabei fiel ihm sein morgiger Termin wieder ein. „Noch so eine gottverdammte Irrenärztin ..."

Severus, bitte ... Severus, Severus ..."

Der alte Mann mit dem langen Haar und Bart, den er jede Nacht aufs Neue tötete, flüsterte diesen Namen. Und doch konnte er nicht anders, er musste es herausschreien, dieses „Avada Kedavra", was auch immer es bedeutete.

Er erwachte stöhnend, schwitzend, schreiend.

Sein Atem beruhigte sich nur langsam, sein Herz hämmerte noch immer laut und schmerzhaft in seiner Brust, er hörte die Glocke am Kirchturm kaum schlagen.

Severus, bitte ... Severus, Severus ..."

War das sein Name?

Severus?

Irgendwie kam ihm der Name bekannt vor, hatte er ihn schon einmal gehört?

Wenn ja, wo?

Den Rest der Nacht lag er wach, er drehte sich von einer Seite auf die andere.

Severus ... Severus ..."

Die Erinnerung kam nicht zu ihm, so sehr er sich auch den Kopf zerbrach.

Er stand früh auf, es war noch nicht einmal sechs Uhr.

In dem verdreckten, verschimmelten Badezimmer duschte er, im Gemeinschaftsraum, der gleichzeitig auch Küche war, kochte er sich einen Tee aus einem der Beutel, die in der Suppenküche einmal verteilt worden waren.

Während er das heiße Getränk schlürfte, sah er auf den Fernseher, der anscheinend immer lief. Diese sich bewegenden Bilder, diese redenden Menschen, die da waren und doch nicht da ... er musste sich doch erinnern.

Er zog den Zettel aus seiner Jackentasche, den Termin mit Dr. Granger hatte er erst um 11.30 Uhr, er konnte also vorher noch in die Bibliothek gehen. Sie war nur zwei Straßen entfernt und öffnete schon um 7.00 Uhr. Der Bestand an Büchern war klein, es gab hauptsächlich Videos, DVD's und Konsolenspiele. Aber sie hatten Computer, man konnte dort etwas nutzen, das sich „Internet" nannte. Er hatte oft zugesehen, was die Jugendlichen dort taten, er war sich sicher, es auch zu können.

Er hatte „Severus" in die Suchmaschine eingetippt. Es gab über drei Millionen Treffer, viel zu viele, die meisten bezogen sich auf das „römische Imperium". Sklaven, Senatoren, Philosophen ... hatte das etwas mit ihm zu tun?

Er hatte auch „Avada Kedavra" eingegeben, dazu gab es keine Seiten. Die Maschine fragte ihn, ob er vielleicht „Abrakadabra" meinte. Er klickte auf „Ja" und bekam Hinweise auf Märchen und eine Menge Werbung für Zauberer und Hexen, buchbar für Betriebs- und Familienfeiern.

„Zauberer ... Hexen ..."

Irgendwo, tief in den Windungen seines Gehirnes, regte sich etwas.

„Zauberer, Hexen, Avada Kedavra," das war ihm vertraut. Wenn er sich doch nur erinnern könnte.

Er saß wieder in dem Wartezimmer.

Majorie, die Arzthelferin, war noch mürrischer als gestern, obwohl er nicht gedacht hätte, dass eine Steigerung möglich gewesen wäre. Er vermied es, die Zeitung, die er gestern angesehen hatte, noch einmal in die Hand zu nehmen und blätterte statt dessen in einem der Gesellschaftsmagazine. Auch dieses war schon etwas älter.

„Sigourney Weaver und Alan Rickman haben auf der diesjährigen Berlinale ihren neuen Film ‚Snowcake' ..."

Er legte die Zeitschrift zurück, solche Meldungen ärgerten ihn immer. Da gab es Leute, die heute in Berlin, morgen in Nizza und übermorgen in New York waren, natürlich immer erster Klasse und er musste stundenlang durch die Stadt laufen, weil das Geld nicht für ein U-Bahn-Ticket reichte. Das Leben war hart, aber unfair – besonders zu Leuten wie ihm.

Aus der Gegensprechanlage auf Majories Schreibtisch kam eine verzerrte Frauenstimme. Majorie sah mürrisch in seine Richtung und machte eine fahrige Bewegung mit ihrer rechten Hand. Sie deutete auf eine der Türen, er stand auf, ging in die angegebene Richtung, klopfte an und betrat das Sprechzimmer.

An einem voluminösen antiken Schreibtisch saß eine noch sehr junge Frau mit buschigen braunen Haaren und etwas vorstehenden Zähnen. Ihr Lächeln war freundlich und offen, sie reichte ihm die Hand und sagte: „Guten Tag, Mr. Doe. Bitte setzen sie sich."

Er nahm auf einem ebenfalls antiken Stuhl vor ihrem Schreibtisch Platz und betrachtete sie. Sie kam ihm bekannt vor, obwohl er sich sicher war, noch nie bei ihr gewesen zu sein. „Fräulein Allwissend," dachte er.

Warum kam ihm gerade das jetzt in den Sinn?

„Wie geht es ihnen?"

Die Stimme der Ärztin klang aufrichtig, anteilnehmend.

„Nun ja," sagte er, „wenn doch nur diese grauenhaften Träume nicht wären."

„Wovon träumen sie?"

„Von einem alten Mann, den ich töte. Nacht für Nacht. Ich zeige mit einem Holzstab auf ihn und schreie ‚Avada Kedavra'."

Noch nie hatte er das jemandem erzählt, warum dieser Ärztin? Sie sah ihn an, immer noch aufrichtig und anteilnehmend, aber nun auch ernst.

„An was erinnern sie sich noch?" fragte sie.

„An Kinder, an viele Kinder in einem Raum, an Dampf. Ich bin wohl so etwas wie ein Lehrer, jemand nennt mich ‚Professor'."

Mit jedem seiner Worte war ihr Gesicht ernster geworden. Nun sah sie ihn an, schweigend und gedankenvoll.

Es vergingen einige Minuten bis sie wieder sprach.

„Sie sind nicht der erste mit solchen Erinnerungen," sagte sie. „Sie sollten mit meiner Freundin Nikita sprechen, ich bin sicher, sie kann ihnen eher helfen."

Sie drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand.

„Professor Dr. Dr. Nikita Karkaroff. Physikerin, Meteorologin" und eine Adresse in Oxford.

„Rufen sie sie an und vereinbaren sie einen Termin."

„Aber sie ist keine Ärztin, wie soll sie mir helfen?"

„Sie kann und sie wird, vertrauen sie mir."

„Aber, ich ..."

Er zögerte.

Er sprach nicht gerne über seine finanzielle Situation, aber eine Reise nach Oxford konnte er sich nicht leisten.

„Ich weiß," sagt Dr. Granger, öffnete eine der Schreibtischschubladen und drückte ihm einige Banknoten in die Hand. „Das dürfte reichen, denke ich."

„Aber ich kann doch nicht ..."

„Doch, sie können. Den anderen geht es genauso."

„Anrufen – ich muss sie anrufen," dachte er als er wieder auf der Straße stand. Er versuchte sich zu erinnern, wie man das machte, aber es fiel ihm nicht ein. Er war sich gar nicht mal so sicher, ob er in seinem Leben überhaupt schon einmal telefoniert hatte, wen hätte er letztlich auch anrufen sollen? Trotzdem wollte er es jetzt versuchen. Diese nette Dr. Granger war sich so sicher gewesen, dass die Frau mit den vielen Titeln ihm helfen konnte.

Er betrat eine Telefonzelle. Der Anblick des Hörers auf der Gabel, des Ziffernfeldes, des Schlitzes für die Münzen erinnerten ihn an etwas. Ein Zugang, ein Eingang.

Sein Kopf schmerzte.

Er nahm den Hörer von der Gabel und warf ein paar Münzen in den Schlitz. Dann zog er die Visitenkarte, die Dr. Granger ihm gegeben hatte, aus der Tasche und begann, langsam die Nummer einzutippen. Am anderen Ende hörte er das Freizeichen, dann wurde abgehoben.

„Karkaroff."

Die Stimme war tief und rauchig, aber eindeutig die einer Frau. Der Akzent klang fremd, osteuropäisch vielleicht.

„Hallo, wer ist denn da?"

„Mein Name ist John Doe, ich habe ihre Nummer von Dr. Granger ..."

„Ich verstehe. Kommen Sie morgen um 14.00 Uhr, ich habe dann Zeit für sie."

„Ja. Das passt mir. Vielen ..."

Weiter kam John nicht, die Frau am anderen Ende hatte schon aufgelegt.

Er zählte das Geld, das Dr. Granger ihm gegeben hatte.

Fünfzig Pfund.

Er fragte sich, was wohl eine Bahnkarte nach Oxford kostete. Und zurückfahren musste er ja auch. Seine Unterstützung bekam er erst wieder am nächsten Montag. Er beschloss trotzdem, nicht in die Suppenküche zu gehen.

Er lief zurück zu dem baufälligen Haus, in dem er wohnte und kaufte sich beim nahegelegenen Imbiss eine Tüte Fish and Chips. Er kochte sich noch eine Tasse Tee auf dem kleinen Gasherd im Gemeinschaftsraum, setzte sich auf das fleckige Sofa und sah während seiner Mahlzeit auf den Fernsehapparat. Er blickte auf die sich bewegenden Bilder und versuchte wieder und wieder, sich zu erinnern.

Am nächsten Tag war er schon um 12.00 Uhr in Oxford. Zu seiner grenzenlosen Erleichterung war die Bahnkarte nicht einmal annähernd so teuer gewesen wie er es befürchtet hatte.

Er fragte den Mann am Fahrkartenschalter nach der angegebenen Adresse und bekam eine mürrische Antwort. Fast war er versucht, ihn zu fragen, ob dieser wohl mit Majorie, der griesgrämigen Arzthelferin, verwandt war, bedankte sich dann aber nur für die Auskunft, verließ die Bahnhofshalle und ging in die angegebene Richtung.

Oxford war schön.

Der kommende Herbst begann, die Blätter an den Bäumen bunt zu färben, die alte Stadt war voller Lachen.

Er beobachtete die vielen jungen Leute, die lesend im Park saßen oder ihren Zielen in den Universitätsgebäuden zustrebten.

Doch dann war da ein Schmerz in seinem Kopf wie ein Blitzschlag. Er setzte sich auf eine Parkbank und versuchte, langsam und kontrolliert zu atmen.

Bilder – eigentlich mehr Bilderfetzen – zogen durch sein Gehirn. Ein dunkler, großer Raum, viele Kinder und Jugendliche in schwarzer Kleidung

... Herr Professor, ist es wirklich ... Was soll ich jetzt tun, Herr Professor ... Es ist nicht kobaltblau, es ist eher smaragdgrün, Herr Professor.

Der Schmerz ließ langsam nach, er konnte wieder aufstehen und weitergehen.

Er fragte sich zu der Adresse durch und stand dann vor einem alten Haus, efeuüberwachsen, massiv, wie eine Festung.

Er ging durch den kleinen Garten, in dem alles wild wucherte. Schon lange hatte hier keiner mehr Hand angelegt.

Es gab keine Klingel an der schweren Holztür, nur einen dieser altmodischen Klopfer, den er betätigte.

Es dauerte eine ganze Weile bis sich die Tür öffnete. Eine Frau stand vor ihm. Sie war klein, gedrungen, übergewichtig. Ihr schwarzes Haar war nachlässig aufgesteckt und hatte unübersehbare graue Strähnen. Sie war schwarz gekleidet, ihr Gesicht war blass, die Augen von einem unscheinbaren Grau.

„Sind sie Mr. Doe? Bitte, kommen sie doch herein," sagte sie und trat beiseite. Das war die Stimme am Telefon, mit ihr hatte er gesprochen.

Er folgte ihr in eine Halle, wo er seine Jacke ablegen konnte und dann in die Bibliothek.

„Bitte, setzen sie sich. Sie nehmen doch sicher Tee?"

Er setzte sich in einen der Ohrensessel, während sie einschenkte. Zucker und Milch lehnte er ab. Auch sie nahm sich Tee und setzte sich ihm gegenüber.

„Ich werde sie John nennen, ich heiße Nikita."

Er nickte erleichtert, er hatte schon befürchtet, sie Prof. Dr. Dr. nennen zu müssen.

„Sie leiden, das kann ich deutlich sehen. Erzählen sie!"

Ihre Stimme klang warm, mütterlich.

Er konnte sich nicht an seine Eltern erinnern, plötzlich jedoch hoffte er, dass seine Mutter so war wie die Frau, die ihn nun erwartungsvoll ansah.

Er fühlte, wie die Anspannung nachließ, und er begann, zu erzählen. Von seinem Krankenhausaufenthalt, seinen Träumen, seinen Schmerzen, seinem Leben.

Nikita hörte ihm nur zu, sie unterbrach ihn nicht, stellte ihm keine Fragen.

Als er geendet hatte, stand sie auf, ging zum Kamin und nahm eine Schatulle vom Sims. Sie kam zurück, setzte sich wieder, öffnete die längliche Schachtel und nahm einen hölzernen Stab heraus, den sie ihm reichte. Ihm stockte der Atem.

„Aber, das ist ja ... das ist ja..."

„Er gehörte meinem Mann. Nehmen sie ihn, aber behutsam. Sie müssen ganz vorsichtig sein."

John nahm den Stab und fühlte ein Prickeln, das von den Fingerspitzen durch den Arm in seinen Kopf fuhr.

„Sie fühlen es? Bewegen sie den Stab, aber vorsichtig," sagte Nikita.

John machte eine bedächtige Bewegung, grüne Blitze schossen aus der Spitze des Stabes. Er ließ das Holz fallen als sei es plötzlich glühend heiß geworden und sah Nikita erschrocken an. Ihr Gesicht spiegelte eine tiefe Befriedigung wieder, sie lächelte sogar.

„Ich habe es gewusst," sagte sie, „ich habe es gleich gewusst als sie vor mir standen."

Sie stand auf, hob den hölzernen Stab vom Boden auf, packte ihn wieder in die Schatulle und stellte diese zurück auf den Kaminsims. Dann schenkte sie John und sich selbst Tee nach, setzte sich wieder und zündete sich ein dünnes Zigarillo an, das sie aus einem Kistchen auf einem Beistelltisch neben ihrem Sessel nahm.

Nachdem sie einen tiefen Zug inhaliert und den Rauch wieder ausgeatmet hatte, sagte sie: „Ich muss Ihnen wohl etwas über mich und über meine Arbeit erzählen?"

John wusste nicht so recht, was er sagen sollte und ob sie überhaupt eine Antwort von ihm erwartete. Er nickte also nur und hoffte, dass diese Geste aufmunternd genug wirkte. Er wollte endlich Antworten.

„Meine Arbeit hier in Oxford besteht zunächst einmal darin, Vorlesungen und Seminare abzuhalten."

Sie lächelte ihn an, wieder wusste er nicht so recht, was er tun sollte.

„Daneben beschäftige ich mich mit Wettervorhersagen. Genauer gesagt damit, diese zuverlässiger zu machen. Daran arbeite ich schon seit Jahrzehnten, meine Doktorarbeiten wie auch meine Habilitation beschäftigten sich damit. Bei meinen Forschungen bin ich auf etwas gestoßen..."

Sie hielt inne und sah John prüfend an.

„Wie viel verstehen Sie von Physik?"

„So viel wie ein Mensch davon versteht, der sich nicht einmal an seinen Namen erinnern kann."

John hoffte, dass er nicht so frustriert klang wie er sich fühlte. Sie jedoch schien seine Antwort als den Versuch, geistreich zu sein, aufzufassen und lächelte einmal mehr.

„Ich verstehe," sagte sie, „dann werde ich sie so wenig wie möglich mit irgendwelchen Theorien langweilen. Aber ein paar Grundlagen müssen leider sein. Was wissen sie von multiplen Universen?"

John schüttelte nur den Kopf.

„Nun gut," fuhr sie fort, „dann versuche ich es, zu erklären. Jeden Tag, jede Stunde, eigentlich permanent treffen wir Entscheidungen. Stehe ich auf oder bleibe ich noch ein paar Minuten im Bett liegen? Rührei oder Toast zum Frühstück? Oder beides? Heirate ich X, Y oder bleibe ich ledig? Vor etwa sechzig Jahren nun hat ein Physiker die Theorie aufgestellt, dass jede Entscheidung, die wir treffen, eine weitere Realität schafft. Meine Realität ist derzeit, dass ich Tee trinke," sie hob ihre Tasse, „es gibt aber auch noch eine weitere Realität, in der es Kaffee ist, eine für Wodka, eine für gar nichts und so weiter. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will?"

„Ich weiß nicht so recht," antwortete John, „wollen sie damit sagen, es gibt irgendwo einen Ort, an dem ich unverletzt weitergelebt habe und einen, an dem ich gestorben bin?"

„Und einen, an dem sie nie geboren wurden," sagte sie.

„Sie haben es verstanden. Bei dem Versuch zu erklären, warum das Wetter manchmal so ganz anders ist als es vorhergesagt wurde, habe ich eine solche alternative Realität entdeckt, die direkt neben unserer liegt. Die Übergänge zwischen unserer und dieser Realität sind an einigen Stellen so hauchdünn, dass wir uns gegenseitig beeinflussen. Kurz gesagt: wenn hier Sonnenschein vorhergesagt wurde, es dort aber regnet, dann regnet es hier auch mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit."

„Sind meine Träume dann die Erlebnisse meines anderen Ichs in jener anderen – Realität?" fragte John.

Nikita sah ihn sehr überrascht an.

„Sie verstehen schnell – aber um ihre Frage zu beantworten: Nein, das denke ich nicht. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass sie aus jener anderen Realität kommen und hier gestrandet sind."

John ließ die Worte auf sich wirken und sagte schließlich: „Aber das würde bedeuten, dass es hier ein Gegenstück zu mir gibt?"

Er fragte sich, wie dieser John Doe wäre: vielleicht ein hart arbeitender Familienvater mit einem kleinen Häuschen in einem Vorort und jährlichen Sommerurlauben an der Südküste.

„Sie verstehen wirklich schnell," sagte Nikita wieder. „Kann sein. Es könnte aber auch sein, dass sie in dieser Realität schon bei ihrer Geburt gestorben sind oder dass ihre Eltern sich nie kennen gelernt haben und sie daher nie geboren wurden. Wer weiß?"

John schluckte, trank etwas von seinem mittlerweile kalten Tee und fragte: „Woher wissen sie das alles?"

„Weil ich dort war. Ich habe in Nowosibirsk einen Mann aus dieser anderen Realität getroffen und bin ihm gefolgt. Zuerst als seine Geliebte, schließlich wurde ich seine Frau. Ich bin hin und her gependelt, für mich war es leider unmöglich, völlig in jener anderen Realität zu leben. Und als er dann starb, kam ich für immer zurück, seitdem habe ich keinen Fuß mehr in das andere Universum gesetzt."

Sie stand auf, ging zu einem kleinen Sekretär, der am Fenster stand und holte ein Bild aus einer der Schubladen. Sie reichte es John und sagte mit trauriger Stimme: „Das ist ... das war Igor, mein Mann."

Das Foto zeigte einen älteren Mann mit langen grauen Haaren und einem Ziegenbärtchen. John hielt die Luft an, der Mann lebte. Er lachte, winkte dem Betrachter zu und warf Kusshändchen.

Eine lebende Fotografie!

John hatte keine Halluzinationen, er war nicht verrückt.

Mit einer unglaublichen Erleichterung in der Stimme fragte er die Professorin: „Was ist das für eine Realität? Was geschieht da?"

Nikita sah ihn prüfend an.

„Wir sind uns hoffentlich darüber einig, dass es so etwas wie Zauberei oder Magie nicht wirklich gibt, oder?"

Nach dem Erlebnis mit dem Holzstab war sich John zwar nicht mehr so sicher, er nickte aber trotzdem.

„Nun, folgerichtig muss es also auch eine Realität geben, in der das alles möglich, ja sogar alltäglich ist."

„Sie meinen also ..."

Weiter kam John nicht.

„Es gibt eine Welt voller Magie, voll Zauberei. Und sie haben magische Fähigkeiten, das haben sie bewiesen als ich ihnen den Zauberstab gab."

John trank eigentlich nie Alkohol, plötzlich verspürte er jedoch den Wunsch nach einem sehr harten Getränk. Das alles war doch hanebüchener Unsinn, er war in die Fänge einer komplett Wahnsinnigen gefallen. Er fragte sich, wie viel von dem ganzen Zeug, das diese Frau ihm erzählt hatte, sie eigentlich selbst glaubte.

„Sie halten mich für verrückt?"

Nikitas tiefe, rauchige Stimme drang wie durch dichten Nebel zu ihm.

„Ich nehme ihnen das nicht übel, ich würde mich selbst wohl auch für komplett übergeschnappt halten."

John fragte sich, ob seine Gastgeberin Gedanken lesen konnte.

„Aber jetzt sind sie dran, John. Schildern sie mir genau, woran sie sich erinnern. Bis ins kleinste Detail. Und erzählen sie mir das noch einmal, was sie mir vorhin schon gesagt haben. Manchmal fällt einem später noch etwas dazu ein."

Und John begann zu sprechen.