2.
Es war Abend geworden, die untergehende Sonne färbte die Bibliothek dunkelrot.
John hatte sich jede noch so kleine Einzelheit ins Gedächtnis zurückgerufen und sie Nikita erzählt. Jetzt fühlte er sich ausgelaugt und müde, sein Kopf schmerzte.
Nikita stand auf und sagte: „Haben sie Hunger? Ich könnte uns ..."
„Ich sollte wohl besser gehen, ich muss noch nach London zurück," antwortete John.
„Ich verstehe," sagte Nikita, „wann können sie wiederkommen? Niemand mit dem ich bisher gesprochen habe, hat so viele und detaillierte Erinnerungen wie sie. Ich möchte unbedingt mit ihnen in Kontakt bleiben."
John schluckte, wie sollte er regelmäßige Fahrten nach Oxford bloß bezahlen? Er setzte zu einer Antwort an, schluckte nochmals und blieb dann stumm.
„Sie haben keine Arbeit, das haben sie mir erzählt," sagte Nikita. „Können sie denn arbeiten oder sind sie zu krank dafür?"
„Ich könnte sicher arbeiten," antwortete John, „nur ich weiß einfach nicht, was ich kann oder was ich einmal getan habe. Und ich habe keine Papiere, keine Zeugnisse, nichts ..."
„Ich könnte hier jemanden gebrauchen, der sich ein wenig um das Haus und den Garten kümmert. Einmal pro Woche kommt zwar Mrs. Fulgrove, meine Putzfrau, aber sie macht nur das allernötigste. Ich kann ihnen nicht viel zahlen, aber ich kann ihnen Kost und Logis anbieten. Im Obergeschoss sind einige Gästezimmer, manchmal vermiete ich an Studenten. Zur Zeit wohnt hier allerdings niemand. Und noch eine Warnung: ich bin eine lausige Hausfrau. Kost bedeutet vor allem Sandwiches und Tee."
John fühlte sich plötzlich als hätte er in einer Lotterie den Hauptgewinn gezogen. Alles war besser als das verdreckte und verlauste Heim und die Suppenküchen. Und putzen, Unkraut jäten und Rasen mähen müsste er eigentlich können. Sein „Ja, das wäre toll" kam spontan.
Nikita lächelte und auch John merkte wie sich seine Mundwinkel verzogen.
„Bleiben sie heute nacht hier, sie können auch morgen nach London zurückfahren und ihre Siebensachen holen. Gehen sie doch nach oben und suchen sie sich ein Zimmer aus, ich bestelle uns etwas zu essen. Chinesisch oder italienisch?"
John sah seine neue Arbeitgeberin irritiert an.
„Was vom China-Imbiss oder Pizza?"
„Ich weiß nicht ..." antwortete John.
Soweit er sich erinnern konnte, hatte er in seinem Leben niemals chinesisch oder italienisch gegessen. In den Suppenküchen gab es meistens irgendwelche undefinierbaren Eintöpfe und wenn ihm nach Luxus war, kaufte er sich eine Tüte Fish and Chips.
„Dann chinesisch," sagte Nikita.
Sie und John standen auf und gingen in die Halle. Sie griff zum Telefon, er ging die Treppe hinauf, um sich die Gästezimmer anzusehen. Es waren drei, außerdem gab es ein kleines Bad und eine separate Toilette. Die Gästezimmer waren alle gleich eingerichtet: ein Bett, ein Nachttischchen, ein Schrank, ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein Bücherregal an der Wand. Die Betten waren nicht bezogen, die Matratzen schienen aber neu zu sein, und alles war sauber.
Das Zimmer, für das John sich schließlich entschied, war nicht das größte, aber das Fenster zeigte auf den verwilderten Garten.
Die Tür hinter ihm öffnete sich und Nikita kam herein, beladen mit Bettwäsche und Handtüchern.
„Kissen und Decken sind dort," sagte sie und deutete auf eine Kiste, die unter dem Bett stand.
Sie legte alles auf die Matratze und drückte ihm dann noch eine kleine Tasche und ein Notizbuch nebst Bleistift in die Hand.
„In der Tasche sind ein paar Sanitärartikel," sagte sie, „so was bekommt man manchmal im Flugzeug. Sehr praktisch. Und ich möchte, dass sie alles aufschreiben, was sie mir heute erzählt haben und alles, was sie noch träumen werden. Jede noch so kleine Einzelheit."
John nickte.
„Danke," sagte er, „vielen Dank."
„Brauchen sie noch etwas?"
„Nein, danke. Ich glaube nicht."
John war überwältigt und wünschte sich wieder, dass seine Mutter so wie Nikita war.
„Gut, dann sollten wir wieder nach unten gehen. Das Essen dürfte gleich kommen."
Und tatsächlich klopfte es an der Tür als Nikita gerade zwei Teller auf den Tisch in der Küche gestellt hatte. Sie ging, um die Lieferung entgegen zu nehmen, John legte Bestecke auf, suchte und fand Gläser und Servietten. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich wohl und geborgen.
Nach Frühlingsrollen und Hühnchen Chop Suey zeigte ihm Nikita das Haus.
Sie bewohnte eigentlich nur die Räume im Erdgeschoss: Küche, Bibliothek, Arbeitszimmer, ein kleines Schlafzimmer mit angrenzendem Bad.
Die Bibliothek diente gleichzeitig auch als Wohnzimmer und war mit Stereoanlage und Fernseher ausgestattet, beides durfte John mitbenutzen. Er bekam einen Hausschlüssel und einen Schlüssel für sein Zimmer.
Sie vereinbarten, dass er erst am kommenden Montag mit der Arbeit beginnen würde, damit er genügend Zeit für den Umzug und die Behördengänge hatte.
„Mehr wie zwanzig Pfund in der Woche kann ich ihnen nicht zahlen, Professorengehälter werden leider arg überschätzt," sagte Nikita, „vielleicht haben sie ja doch noch Anspruch auf Unterstützung. Aber dazu werden sie sich ummelden müssen."
Den Rest des Abends verbrachte Nikita in ihrem Arbeitszimmer. „Vorlesungsvorbereitungen," sagte sie entschuldigend.
John hatte angefangen, seine gesamten Erinnerungen in sein Notizbuch zu schreiben. Doch er war müde, und so ging er früh zu Bett. Bevor er einschlief, hörte er noch auf den einsamen Gesang eines Nachtvogels und das ferne Läuten von Kirchenglocken.
Er hörte noch etwas, ein Klacken und unheimliche Laute, die wie ein Heulen klangen.
Diese Geräusche – er kannte sie, er wusste, was das war. Aber so sehr er sich bemühte, es fiel ihm nicht ein.
„Severus, Du kannst nicht so tun, als ob es nicht geschieht!"
Ich stehe in einem Garten, der Rosenduft hat eine beinahe hypnotische, betäubende Wirkung.
Ein Mann spricht zu mir, der Akzent ist hart, er klingt wie Nikita.
Ich drehe sich um und blicke in das Gesicht von Igor Karkaroff.
„Seit Monaten wird es immer deutlicher. Ich bin ernsthaft besorgt, das ich kann ich nicht leugnen."
„Dann flieh," höre ich mich selbst sagen, „flieh!"
Er lag in diesem wundervollen, weichen Bett, schweißgebadet.
Wieder hatte ihn jemand Severus genannt und dieser Jemand war ausgerechnet Igor Karkaroff gewesen.
Als er gestern mit dessen Witwe gesprochen hatte, hatte dieser Name ihm nichts bedeutet, aber offensichtlich hatten sie sich gekannt.
Etwas war geschehen, Igor musste fliehen (wovor nur?) und nun war er tot.
John lag wach bis Nikita an seine Tür klopfte und ihm anbot, ihn zum Bahnhof mitzunehmen.
Die nächsten Tage vergingen schnell.
Er hatte sein kleines Zimmer im Wohnheim ausgeräumt, seine gesamte Habe passte in die Reisetasche, die ihm im Krankenhaus eine mitleidige Schwester geschenkt hatte.
Er hatte sich beim Sozial- und beim Einwohnermeldeamt in London ab- und in Oxford wieder angemeldet. Da er jetzt Arbeit hatte und Geld verdiente (wie wenig es auch war), bekam er keine finanzielle Unterstützung mehr, aber er hatte Anspruch auf einen Pass, mit dem er die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen konnte, Nachlässe auf den Eintritt zu städtischen Einrichtungen bekam und – was für ihn das wichtigste war – die städtische Kleiderkammer aufsuchen konnte. Dort hatte er sich einen Wintermantel, zwei dicke Pullover und Schuhe besorgt.
Er hatte Nikitas Putzfrau, Mrs. Fulgrove, kennen gelernt. Sie hatte ihn wie ein extrem widerliches Insekt beäugt und etwas von Frauen in den Wechseljahren gemurmelt, die sich wildfremde junge Kerle ins Haus holten, um dann von ihnen im Bett erdolcht zu werden.
„Professor Karkaroff ist eine durch und durch ehrenwerte Dame, und sie hat weder Bargeld noch Schmuck im Haus. Und wenn ihr auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann werden sie den Rest ihres erbärmlichen Lebens in Dartmoor verbringen, dafür sorge ich, beim Namen meines Mannes, möge der Herr seiner Seele gnädig sein. Jawohl, ich, Mary Fulgrove..."
An dieser Stelle beschloss John, einen Spaziergang zu machen und floh aus dem Haus.
Von Nikita hatte er wenig gesehen, sie war die meiste Zeit in der Universität und kam erst spät nach Hause. Und auch dort verschwand sie meist gleich in ihr Arbeitszimmer.
Am Samstag jedoch weckte sie ihn wieder. In ihrem Mini Cooper, der wohl nur noch von ihren russischen Stoßgebeten und Flüchen zusammengehalten wurde, fuhren sie in die Innenstadt.
In einem kleinen Café frühstückten sie, in einem Supermarkt kauften sie Lebensmittel. Letzteres, so erklärte Nikita, würde künftig zu Johns Aufgaben gehören, sie würde für ihn eine Liste mit den notwendigen Dingen und Geld vorbereiten.
Dann schlenderten sie durch die Stadt, Nikita erklärte ihm die Gebäude und zeigte ihm die verträumten Innenhöfe und schließlich kamen sie zu einem großen Platz vor einer ebenso großen Kirche, auf dem ein Markt stattfand.
„Der wöchentliche Flohmarkt," sagte Nikita, um dann als Reaktion auf Johns entsetztes Gesicht (er hatte mit Flöhen so seine Erfahrungen nach der Zeit im Wohnheim) zu erklären: „dort verkaufen Privatleute und kleine Händler gebrauchte Dinge, Kleidung und irgendwelchen Schund."
John hatte immer noch etwas Geld von den fünfzig Pfund, die Dr. Granger ihm gegeben hatte und erstand einen Wecker und ein sehr altes und sehr großes Radio, dessen Lautsprecher mit rotem Stoff bespannt waren.
Nikita hatte ihm einen Vorschuss auf seinen Lohn angeboten, aber John wollte erst einmal mit der Arbeit anfangen, bevor er Geld annahm.
Am Nachmittag hatte John Tee gekocht, Sandwiches vorbereitet und den Kuchen, den sie am Vormittag in einer kleinen Bäckerei gekauft hatten, aufgeschnitten.
Dann saßen sie in der Bibliothek, Nikita las in Johns Notizbuch und stellte ihm hin und wieder eine Frage. Sie kam zu der Aufzeichnung des Traumes, der ihren Mann zum Inhalt hatte. John sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Sie klappte das Buch zu, legte es neben sich auf den Beistelltisch und trank langsam zwei Tassen Tee. Schließlich sagte sie: „Der Name Severus hat bei mir etwas zum Klingen gebracht, obwohl ich mir sicher war, niemals jemanden kennen gelernt zu haben, der so hieß. Wahrscheinlich hat mir Igor von ihm – von ihnen – erzählt. Sie können sich wirklich nicht erinnern, woher sie und mein Mann sich kannten?"
„Nein," antwortete John.
„So wie es aussieht haben sie ihm geholfen. Mein Mann hat mir nie viel erzählt, nachdem er sich dieser Gruppe angeschlossen hatte."
„Welcher Gruppe," fragte John.
„Das weiß ich nicht so genau," antwortete Nikita, „wie gesagt, Igor hat mir nie viel erzählt. Er hat sich einer Gruppe von Leuten um jemanden angeschlossen, den er den „dunklen Lord" nannte. Er tat sehr geheimnisvoll und zog sich zurück. Nach ein paar Jahren war der Spuk vorbei, Igor war wieder wie früher und wir verbrachten jede freie Minute zusammen. Und dann verschwand er spurlos. Ich habe versucht, etwas über seinen Verbleib herauszufinden, aber da ich keine magischen Fähigkeiten habe ... Nach einem Jahr teilte man mir mit, dass er tot sei, dass man seine Leiche gefunden hatte."
„Wer teilte ihnen das mit?" fragte John.
„Das magische Zentralkomitee in Moskau. Sie hatten mir eine Eule mit der Todesnachricht geschickt."
Tränen liefen über Nikitas Gesicht, die sie sich mit einem Papiertaschentuch abwischte.
„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke und an dem ich ihn nicht vermisse," sagte sie schließlich. „Ich dachte, die Zeit würde die Wunden heilen, aber es wird schlimmer mit jedem Tag."
John schwieg. Er fragte sich, ob er wohl ähnliches durchgemacht hatte und ob er sich je daran erinnern würde.
„Sie und Dr. Granger haben von „anderen" gesprochen? Gibt es noch mehr Menschen, die aus dieser anderen Welt kommen?"
Diese Frage beschäftigte John, seitdem er bei Dr. Granger gewesen war, außerdem wollte er unbedingt das Thema wechseln.
„Nun ja," erwiderte Nikita zögernd, „ich denke, ja. Da ist zunächst einmal Dr. Granger selbst. Sie leidet unter einer Teilamnesie. Ihre Erinnerungen sind klar bis zu ihrem elften Geburtstag und setzen dann erst wieder mit ihrem achtzehnten Lebensjahr ein. Dazwischen ist so eine Art schwarzes Loch. Deshalb hat sie Medizin und Psychiatrie studiert, ihr Fachgebiet sind Amnesien. Obwohl sie noch so jung ist, ist sie die Expertin dafür. Allerdings hat sie keine magischen Fähigkeiten, ihre Amnesie kann also auch ganz andere Gründe haben."
„Mmh," warf John ein, „als ich Dr. Granger zum ersten Mal sah, kam mir der Begriff „Fräulein Allwissend" in den Sinn. Dabei kannte ich sie nicht und wusste nichts über sie."
„Auch solche Details sollten sie aufschreiben," sagte Nikita in strengem Ton, aber mit einem warmen Lächeln.
„Es gibt noch andere, seit etwa einem Jahr sind sie hier. Die meisten waren schwer verletzt und erinnern sich an fast gar nichts mehr."
Nikita sah John prüfend an.
„Wie alt sind sie, John?" fragte sie.
„Das wüsste ich selbst gerne," antwortete er. „Laut den Ärzten im Krankenhaus bin ich – abgesehen von den Verletzungen - eigentlich so gesund, dass ich ebenso gut zwanzig wie vierzig Jahre alt sein kann. Sie konnten mein Alter nicht bestimmen. Und ich kann mich einfach an keinen Geburtstag erinnern."
„Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, John, vierzig Jahre halte ich für die bessere Schätzung."
Nikitas Stimme klang ruhig, sie wollte offensichtlich weder witzig noch sarkastisch noch beleidigend sein.
„Und genau das ist mir bislang gar nicht aufgefallen. Die anderen sind alle sehr viel jünger, so zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt. Mal angenommen – und das ist wirklich nur eine Theorie – sie heißen Severus und waren Lehrer, dann könnten die anderen ihre Schüler gewesen sein."
Sie stand auf, ging in ihr Arbeitszimmer und kam mit einem dicken Notizbuch zurück.
„Sagen ihnen die folgenden Namen etwas: Hermione Granger, Norman Long, Percy Weatherby, Sirius Evans?"
„Außer Dr. Granger kenne ich niemanden," erwiderte John.
„Wahrscheinlich sind die Namen ohnehin falsch. Mr. Long zum Beispiel weiß nur noch, dass sein Vorname mit einem N beginnt und der Nachname Long irgendwas lautet. So kam er auf Norman Long, irgendeinen Namen muss er ja haben. Mr. Weatherby ist sich bezüglich seines Nachnamens nicht sicher, er glaubt, dass jemand, der für ihn wichtig war, ihn so genannt hat. Und so weiter."
Noch eine Frage brannte John auf der Seele, nun stellte er sie: „Haben sie jemals versucht, in die andere Realität zurückzukehren?"
„Das kann ich nicht, ich habe keine magischen Fähigkeiten. Ich habe den Wechsel immer zusammen mit Igor vollzogen."
Wieder standen Tränen in Nikitas Augen.
„Außerdem wüsste ich gar nicht, wo es hier in England Durchgänge gibt."
„Und wenn sie nach Russland ...?"
„Nein!" Nikitas Antwort klang laut und durchdringend wie ein Pistolenschuss. „Nach Russland will ich auf keinen Fall zurück, nie wieder!"
„Noch ein Thema, das ich besser vermeide," dachte John. Er hörte Nikita tief einatmen.
„Aber ich möchte in die andere Realität," sagte sie ruhig und gefasst, „irgend etwas muss dort geschehen sein und möchte wissen, was. Außerdem beeinflusst uns diese andere Realität in einer Art und Weise, die ich derzeit nur schwer beschreiben kann. Ich denke, dort werde ich Antworten auf eine Menge Fragen finden."
„Ich möchte auch dorthin," erwiderte John, „mehr als alles andere will ich meine Identität und meine Geschichte zurück bekommen."
