3.

John merkte gar nicht wie die Zeit verging.

Er hatte den Rasen gemäht, Büsche und die Hecke beschnitten und Laub geharkt. Als der schöne sonnige Herbst in einen ungemütlich feuchten und frühen Winter überging, hatte er die Fenster und die vielen Schränke und Regale im Haus geputzt und war dann zum Abstauben der Bücher in der Bibliothek übergegangen.

Nikitas Bücher waren überwiegend naturwissenschaftliche Werke, vieles davon in kyrillischer Schrift oder in Sprachen, die er nicht lesen konnte. Lediglich die Verlagsorte im Impressum gaben ihm einen Eindruck davon, worum es sich handeln könnte: Budapest, Bukarest, Warschau, Bratislava, Zagreb.

John fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr, es war ihm als wäre eine Last von ihm abgefallen. Sein Leben war fast perfekt – fast. Wenn nur diese Alpträume nicht wären, die ihn Nacht für Nacht heimsuchten.

„Severus, bitte ... bitte ..." „Avada kedavra"

Nacht für Nacht der gleiche Horror.

Der alte weißhaarige Mann, der ihn anflehte, ihn bat ... worum?

Nacht für Nacht das gleiche „Avada Kedavra".

Was hatte er getan?

War er ein kaltblütiger Mörder?

Wenn er sich doch nur erinnern könnte.

Freitag.

Wie üblich kam Nikita schon am Nachmittag von der Universität, er hatte Tee und Sandwiches vorbereitet, sie kramte nach Portemonnaie und Quittungsblock, gab ihm vier Fünf-Pfund-Noten, deren Erhalt er durch seine krakelige Unterschrift bestätigte.

„Nächste Woche bin ich nicht da, John," eröffnete Nikita ihm dann, als sie gemeinsam am Küchentisch saßen.

„Ein Kollege von mir sollte eigentlich auf einer Konferenz in Berlin Vorträge halten, aber jetzt hat seine Frau das Kind schon bekommen – zwei Wochen zu früh. Er hat mich gebeten, ihn zu vertreten – und ich war schon so lange nicht mehr in Berlin. Mit dieser Stadt verbinden mich viele schöne Erinnerungen ..."

Die Tränen in ihren Augen sagten John, dass es wohl Erinnerungen an Igor waren. Er hoffte, dass sie nicht die ganze Woche lang traurig sein würde.

„Kann ich etwas für sie erledigen?" fragte er.

„Nein, aber vielen Dank. Wenn sie jedoch etwas für mich – und für sich - tun wollen, dann arbeiten sie nicht die ganze Zeit. Gehen sie doch mal aus, amüsieren sie sich ..."

„Ich soll mich also amüsieren," dachte John, „wie macht man das?"

Sollte er etwa in eine der Discos gehen, deren ohrenbetäubender Lärm einem noch in dreihundert Fuß Entfernung die Trommelfelle platzen ließ?

Oder in ein Kino, um sich noch mehr bewegte Bilder anzusehen und Kopfschmerzen zu bekommen bei dem Versuch, sich zu erinnern?

Oder in eine Bar?

Was sollte er dort tun?

Alkohol trank er nicht (ihm reichte die Erinnerung an die meist stockbetrunkenen Männer, die er im Wohnheim kennen gelernt hatte) und diese giggelnden klapperdürren Weiber mit fast-nichts-an interessierten ihn nun mal nicht.

Nikita zog sich zurück, um sich auf die Konferenz vorzubereiten, während John in der Bibliothek weiter die Bücher abstaubte.

Er hatte das Radio eingeschaltet. So wenig er sich an die bewegten Bilder im Fernsehen gewöhnen konnte, Stimmen und Musik aus einem Gerät waren ihm irgendwie vertraut. Er fragte sich, ob es etwas ähnliches in der Welt gab, aus der er kam.

Eine Liveschaltung. Ein Sprecher, der hektisch von dramatischen Geschehnissen berichtete.

Ein Zug war entgleist, nachdem der Lokführer eine verzweifelte Notbremsung versucht hatte. Mehrere Tote, viele Schwerverletzte.

Wie durch ein Wunder hatte der Lokführer nur ein paar Prellungen davon getragen. Nun klang seine Stimme durch die Bibliothek: „da stand wer auf den Gleisen ... eine große dürre Gestalt ... in einem schwarzen Mantel ... er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen ... er winkte mir zu ... ein knochiger Arm ... das war ein Skelett ... das war Gevatter Tod, der mich holen wollte ... er will mich direkt mit in die Hölle nehmen ..." Der Rest ging unter in hysterischem Weinen und Schreien und der Sprecher gab zurück ins Funkhaus.

Das Verließ ist klein...

dunkel...

feucht ...

Durch die Gitterstäbe fällt mein Blick auf einen Korridor ...

Brennende Fackeln sind in Haltern an den Wänden befestigt ...

Gestalten patrouillieren an den Zellen vorbei ...

Gestalten in Umhängen, ihre Gesichter verhüllt von großen Kapuzen ...

Schreie ertönen, Schmerzensschreie, lautes Klagen und Heulen ...

Dieser Ort ist grausam ...

Aber das wahre Grauen verbirgt sich unter diesen Kapuzen ...

„John, John, wachen sie auf! John!"

Nikitas Stimme drang wie durch einen dichten Nebel zu ihm. Sie wischte ihm mit etwas kühlem über die Stirn, hob seinen Kopf und hielt ihm ein Glas Wasser an die Lippen. Gierig trank er.

„Langsam, langsam," mahnte ihn ihre Stimme. „Nicht so hastig. Sie sind gefallen, haben sie Schmerzen? Ich werde einen Arzt ..."

„Nein, danke, es geht mir gut, wirklich."

Vorsichtig stand John wieder auf, er hatte keine Schmerzen und konnte sich bewegen.

„Ist wirklich alles in Ordnung?"

„Ja, es geht mir gut."

„Aber für heute ist Schluss mit der Arbeit. Niemand – und ich schon gar nicht – erwartet, dass sie sich für zwanzig Pfund pro Woche zu Tode schuften."

Nikita nahm seinen Arm, dirigierte ihn in einen der Ohrensessel, schenkte Wasser nach, reichte ihm das Glas und sah ihn forschend an: „Erzählen sie. Sie hatten wieder einen Traum, oder?"

John erzählte von dem Radiobericht über den entgleisten Zug, den Aussagen des Lokführers und den Bildern, die sich in sein Bewusstsein gedrängt hatten.

„Dem armen Lokführer wird man diese Geschichte kaum abnehmen," sagte sie als er geendet hatte, „aber ich glaube ihm – und ihnen natürlich auch. Ich rede normalerweise nicht darüber, aber Igor war auch einige Zeit im Gefängnis gewesen – dort drüben in dieser anderen Realität. Er hat seine Genossen, Gefährten, was auch immer sie waren, verraten und kam so frei. Er hat sich sehr geschämt für das, was er getan hatte, aber das Gefängnis muss schlimmer wie die Hölle gewesen sein. Auch er hat mir von den Wärtern dort erzählt. Keine Menschen, magische Kreaturen, die nichts Menschliches an sich hatten. Grausame gewalttätige Seelenräuber. „Seelenräuber", so hat Igor sie immer genannt. Wenn diese Wesen jetzt hier sind, muss es einen Durchgang zwischen unseren Welten geben. Wo war das Zugunglück?" John zuckte mit den Schultern, so genau hatte er nicht hingehört.

„Macht nichts. Das kann ich im Internet rausbekommen. Zu dumm, dass ich gerade jetzt zu dieser Konferenz muss. Ich lasse sie nicht gerne alleine, vor allem jetzt nicht mehr."

John beteuerte, dass er sicher zurecht kommen würde und erklärte dann, dass er sich etwas hinlegen wolle. Nikita begleitete ihn auf sein Zimmer, brachte ihm noch ein Flasche Wasser und ging dann an ihren Computer, um über das Zugunglück zu recherchieren.

John war froh, als er alleine war. So sehr er Nikita mochte, ihre extrem fürsorgliche Art ging ihm doch manchmal ziemlich auf die Nerven.

„Es wird immer deutlicher, seit Monaten schon ..." „Dann flieh ... flieh, ich werde dich decken. Aber ich bleibe hier ..."

Seit langem hatte John nicht mehr von Igor geträumt. Nun stand er wieder mit ihm in diesem Garten, in diesem betäubenden Duft von Rosen und empfahl ihm, zu fliehen.

Wovor nur sollte Igor fliehen?

Und warum wollte er, John, bleiben?

Und wo war dieses Hier?

„Was ist so wichtig?"

Igor und ich stehen in einem großen, dunklen Raum mit Tischen und Bänken – ein Lehrsaal offensichtlich. Außer einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der etwas vom Boden aufwischt, sind keine Schüler mehr da.

Igor und ich stehen vorne am Lehrerpult, er beantwortet mit leiser Stimme meine Frage: „Das hier."

Er schiebt den linken Ärmel seines Umhanges hoch, dreht den Arm um und deutet auf eine Tätowierung. Ein Schädel, aus dem eine große Schlange hervorkommt.

Siehst Du das? Noch nie war es deutlicher, nicht seit ..."

Verdecke es," sage ich, während ich durch den Raum zur Tür blickte.

Aber du musst bemerkt haben ..."

Später, Karkaroff!"

John erwachte schweißgebadet.

Sein Kissen war ein zusammengedrückter Klumpen, seine Bettdecke hatte er während des Traumes auf den Boden geworfen. Er lag auf dem Rücken, sein Herz hämmerte schmerzhaft gegen seine Brust, sein Atem ging schnell. Es dauerte einige Minuten bis er aufstehen konnte. Er zog seinen Pullover aus und betrachtete seinen linken Unterarm. Die Narben dort waren alt, im Krankenhaus hatte man keine rechte Erklärung dafür gefunden und er selbst erinnerte sich nicht.

Konnte das ein Tattoo gewesen sein – Schädel und Schlange?

War er einer der Gefährten von Igor gewesen?

Welcher Organisation hatten sie sich angeschlossen?

Und warum?

Und hatte Igor auch ihn verraten, um dem Gefängnis zu entgehen?

John hatte sich ein Bad eingelassen, war in das warme Wasser geglitten, war untergetaucht, um all den Schweiß, den Dreck loszuwerden und hatte sich gedankenverloren über den Kopf gestrichen.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie er früher wohl ausgesehen hatte.

Im Krankenhaus hatte man seinen Kopf rasiert, um die Verletzungen behandeln zu können. Später war er dabei geblieben, um dem Ungeziefer im Wohnheim so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Außerdem fiel er mit glattrasiertem Kopf nicht weiter auf, es schien so eine Art Mode zu sein. Und er musste nicht zum Frisör, ein Luxus, den er sich von der Unterstützung ohnehin nicht hätte leisten können. Bartstoppeln verdeckten sein hageres, gefurchtes Gesicht und sein spitzes Kinn.

Igor und der alte Mann, den er schon so oft in seinen Alpträumen getötet hatte, hatten jedoch langes Haar gehabt – die Mode der anderen Welt? War sein Haar auch lang, sein Gesicht glattrasiert gewesen?

Er hörte Schritte, es klopfte erst an seiner Zimmer-, dann an der Badezimmertür.

„Ich habe uns etwas zu essen bestellt." Nikitas warme Stimme. „Koreanisch, ich hoffe, sie mögen das."

John antwortete, dass er es sicher mögen würde und dass er gleich käme. Er ließ das Wasser ab, wickelte sich in ein großes Handtuch und ging in sein Zimmer zurück, um sich wieder anzuziehen.

Als er in die Küche kam, war das Essen schon geliefert worden. Irgendeine Art Fisch mit viel Gemüse, es roch verführerisch. Er hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig er war.

Während sie aßen, berichtete Nikita von ihren Internet-Recherchen. Das Unglück hatte sich in Schottland ereignet, in der Nähe von Inverness, der Endstation des Zuges. Die Strecke selbst war gut einsehbar, auf eine Länge von fünf Meilen gab es weder Berge noch scharfe Kurven. Und es war auch noch nicht dunkel gewesen, eigentlich hätte der Lokführer ein Hindernis so rechtzeitig sehen müssen, um noch gefahrlos bremsen zu können.

Jetzt schlug die Stunde der Experten und der Geisterseher. Schon gab es erste Stellungnahmen, die von häufigen Erscheinungen in dieser Gegend berichteten, auch wenn bisher eher weiße Frauen und kettenrasselnde Ritter gesichtet worden waren.

Während John ihr zuhörte, dachte er darüber nach, ob er ihr von seinen Träumen erzählen sollte. Er wusste, der Gedanke an Igor würde sie wieder traurig machen. Auf der anderen Seite konnte es wichtig sein. Und irgendwann musste sie doch einmal aufhören, bei der Erwähnung des Namens ihres verstorbenen Mannes in Tränen auszubrechen.

„Dieses vermaledeite, verfluchte Tattoo," sagte sie als John mit seinem Bericht fertig war. „Ich habe es so sehr gehasst, dass ich es verdrängt hatte. Es war das Zeichen des Geheimbundes, das Versprechen, dass er diesem „dunklen Lord" gegeben hatte. Eigentlich sah man es kaum, aber dann wurde es wieder sichtbar, von Tag zu Tag wurde es deutlicher und Igor hatte Angst – große Angst. Er wollte nicht mit mir darüber sprechen, und dann war er fort. Sie wollten, dass er flieht, sie haben ihm geholfen, hat er ihnen sonst noch irgendetwas gesagt?"

„Ich wünsche mir nichts mehr als dass ich mich endlich erinnern könnte," erwiderte John, „um ihret- und um meinetwillen. Aber ich habe nur diese Träume."

Am Sonntag Nachmittag, kurz bevor sie sich auf den Weg nach London zum Flughafen begab, bat Nikita John in ihr Arbeitszimmer.

„Können sie mit einem Computer umgehen?" fragte sie ihn.

„Nun ja," antwortete er, „ich habe schon mal etwas in eine Suchmaschine eingegeben ..."

„Also nein," sagte sie lakonisch. „Nun gut, dann bekommen sie jetzt noch einen Schnellkurs in Internet-Recherche. Ich halte es nämlich nicht für einen Zufall, dass diese magischen Kreaturen in Schottland gesichtet wurden. Sie mögen grauenhafte Wesen sein, aber sie sind nicht besonders intelligent – jedenfalls war Igor dieser Meinung gewesen. Sie handeln instinktiv, wie Tiere. Der Durchgang muss irgendwo in der Nähe der Stelle sein, an der das Zugunglück stattgefunden hatte. Diese Wesen sind nicht gerade unauffällig, es gibt aber keine Berichte über weitere Sichtungen. Ich möchte, dass sie die Verbindung zu der anderen Realität suchen. Und ich habe noch eine andere Aufgabe für sie: lesen sie die Notizbücher der anderen, von denen ich ihnen erzählt habe."

John sah seine Arbeitgeberin irritiert an.

„Keine Sorge," sagte sie, „ich habe deren Einverständnis. Ich hoffe, dass es ihnen hilft, sich zu erinnern."

Das bestellte Taxi war gekommen und hatte Nikita nebst einem großen Koffer und einer Reisetasche zum Bahnhof gebracht. John hatte sich Tee gekocht und saß nun in der Bibliothek vor einem Stapel Notizbücher.

Im Radio liefen die „klassischen Wünsche", der Sprecher verkündete, dass Mrs. Martha Matthews aus Sevenoaks in Kent sich „The Montagues and the Capulets" von Sergej Prokofieff gewünscht hatte, die ersten Takte tönten wuchtig durch den Raum, und er nahm das oberste Buch von dem Stapel und öffnete es.

Auf der ersten Seite stand der Name „Percy Weatherby".

Der Schreiber hatte nur einige wenige Seiten gefüllt. Percy erinnerte sich an ein großes Gebäude mit langen Gängen, manche mit, manche ohne Fenster. Er beschrieb eine Halle mit einem Brunnen, in dem drei Skulpturen standen. Er war sich sicher, dass dieses Gebäude so etwas wie eine Behörde war und dass er dort gearbeitet hatte.

Auch Percy hatte Alpträume: er fuhr im Aufzug und versuchte, eine Art Papierflieger zu fangen, aber jedes Mal wenn er sich einen gegriffen hatte, kamen neue nach. Es gelang ihm einfach nicht, alle Papiere einzusammeln.

„Definitiv ein Beamter," dachte John, „wahrscheinlich sitzt er heute beim Sozialamt und bearbeitet die Unterstützungsanträge von Obdachlosen. Das würde einiges erklären."

John legte das Buch weg als der Radiosprecher – auf besonderen Wunsch von Mr. Peter Clarke aus Glasgow – das Lied „Gute Nacht" aus Schuberts „Winterreise" ankündigte. Eine kräftige Bassstimme sang „Fremd bin ich eingezogen, fremd zog ich wieder aus" und John ertappte sich dabei, wie er den Text leise mitsang und ihn auf seine Situation sehr passend fand.

Aber – dieser Text - das war kein Englisch. Das war irgendeine fremde Sprache, die er aber offensichtlich sprach und verstand. Fast wäre er wieder hingefallen als er zu Nikitas CD-Regal stürzte und hektisch zu suchen begann.

Wenigstens auf eines war Verlass: auf Nikitas hemmungsloser Liebe zu klassischer Musik. Unter den vielen CD´s befand sich auch eine Aufnahme der „Winterreise" mit dazugehörigem Textbuch. Und tatsächlich – er konnte den Text lesen und verstand ihn auch. Er sprach Deutsch, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte, wann und wo er es gelernt hatte.

Zwei Tassen Tee und drei Musikwünsche später war er in der Lage, das nächste Notizbuch vom Stapel zu nehmen. Diesmal war es von einer Frau, ihr Name stand auf der Innenseite. „Loony Love".

John wollte lieber nicht darüber nachdenken, welchem Gewerbe jemand ihres Namens wohl nachging.

Ihm fiel Holly Titts wieder ein, ein junges Mädchen, das er irgendwann, kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, in einer Suppenküche kennen gelernt hatte. Ihre Arme waren mit Einstichen übersät, das viele Make-up verdeckte nur mühsam blaue Flecken in ihrem Gesicht. Trotz der noch kühlen Witterung hatte sie einen Minirock und ein bauchfreies Top getragen.

Aus der Provinz nach London gekommen, um Schauspielerin zu werden. Kein Glück bei den Schauspielschulen, dafür aber Rollen in Pornofilmen, der erste Schuss, danach der Strich.

John dachte an den Artikel in dem Magazin in Dr. Grangers Wartezimmer, eine strahlend schöne Schauspielerin bei irgendeiner Premiere, ein Abendkleid, dass wahrscheinlich so viel gekostet hatte wie Hollys Heroinkonsum im ganzen Jahr ... das Leben war hart, aber unfair.

Er hatte Holly damals schnell wieder aus seinem Bewusstsein verbannt, zu sehr ekelte er sich vor dem, was sie tat. Jetzt fragte er sich, ob sie wohl noch lebte und was aus ihr geworden war.

John versuchte, sich auf das Notizbuch zu konzentrieren. Loony war eine fleißige Schreiberin gewesen, sie hatte fast das gesamte Buch vollgekritzelt.

John war froh zu lesen, dass er sich bezüglich ihres Berufes geirrt hatte, sie war „Hellseherin".

Ihre Arbeit bestand darin, Karten zu legen, aus der Hand zu lesen und Seancen abzuhalten. Sie schrieb viel darüber, aber nur wenig über ihre Erinnerungen. Unter Alpträumen schien sie nicht zu leiden, John beneidete sie darum. Ihre Erinnerungen erschöpften sich darin, dass sie keine Freunde gehabt und dass sie ihren Vater abgöttisch geliebt hatte (und vice versa). Sie hatten nur wenig Geld, aber irgend etwas hatte ihr Vater getan, das ihnen eine Reise nach Schweden ermöglicht hatte. Dort hatten sie irgend etwas gesucht, an dessen Existenz nur sie und ihr Vater geglaubt hatten.

John las sich auch durch Loonys Schilderungen ihrer Arbeit.

Am meisten erstaunte ihn, dass es Leute gab, die für einen solchen Unsinn auch noch Geld ausgaben. Nachdem er begriffen hatte, was Seancen waren, hoffte er nur, dass Nikita ausreichend gesunden Menschenverstand besaß, um ihren geliebten Igor nicht auf diese Weise herbei rufen zu wollen.

Obwohl: wenn an dieser Geschichte mit den vielen Realitäten etwas dran war – waren dann die Toten nicht vielleicht einfach nur in einem anderen Universum, in dem sie fröhlich weiterlebten?

War das, was die Menschen den Tod nannten, nur ein Übergang in ein anderes, neues Leben. Vielleicht sollte er mit Loony sprechen, allerdings wollte er Nikita lieber nicht dabei haben. Nur für den Fall, dass sie nicht genügend gesunden Menschenverstand besaß.

Es ist Nacht.

Ich laufe durch einen Korridor,

der Zauberstab in meiner Hand wirft Licht.

Die Personen in den Bilderrahmen schlafen.

Ihr Schnarchen zerreißt die Stille.

Eine weiße, transparente Gestalt schwebt auf mich zu

Gleich werden wir zusammenstoßen

Doch die Gestalt schwebt durch mich hindurch

Eines der Gespenster

John schreckte hoch. In seinem Tagtraum hatte er ein Gespenst gesehen – schlimmer noch: es hatte ihn nicht erschreckt, ihn nicht an seinem Verstand zweifeln lassen. Die Erscheinung war selbstverständlich, er hatte sie sogar erwartet.

Er stand auf, ging in die Küche, machte sich ein Sandwich und kochte frischen Tee.

Dann ging er in Nikitas Arbeitszimmer, schaltete ihren PC ein und rief „Google" auf. Er gab „Loony Love" ein, sah auf die vielen eindeutig zweideutigen Angebote, die ihm gemacht wurden und versuchte es stattdessen mit „Hellseherin".

Bingo, Loony Love war der dritte Vorschlag. Sie hatte eine eigene Webside (wer nicht?), auf der ihre Arbeitsgebiete, Referenzen, eine e-mail-Adresse und eine Telefonnummer zu finden waren.

John griff zum Telefon (das erste, was Nikita ihm beigebracht hatte, war die korrekte Bedienung des schnurlosen Apparats gewesen) und drückte die Tasten. Am anderen Ende meldete sich ein Anrufbeantworter, eine verträumte und irgendwie abwesend klingende weibliche Stimme sagte: „Ich wusste, dass sie anrufen würden. Hinterlassen sie mir bitte ihren Namen und ihre Telefonnummer, ich melde mich."

„Wäre sie eine so gute Hellseherin, wüsste sie wohl nicht nur, dass ich anrufen würde, sondern auch wer ich bin und unter welcher Nummer sie mich erreichen kann," dachte John.

Bemüht, den Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken, nannte er seinen Namen und Nikitas Telefonnummer. Er erwähnte ihr Notizbuch und sagte, dass er sie gerne sprechen würde.

Da der PC nun schon mal eingeschaltet war, konnte er sich auch gleich auf die Suche nach anderen ungewöhnlichen Sichtungen oder Ereignissen in Schottland machen.

Er stellte jedoch rasch fest, dass ungewöhnliche Vorkommnisse im nördlichsten Teil des britischen Königreiches so alltäglich waren wie Studenten in Oxford. Es gab wohl niemanden, dem nicht schon einmal ein Geist erschienen war, der noch nie das Flüstern verstorbener Familienangehöriger gehört oder blutige Flecken auf einem der Teppiche oder Kornkreise im unbestellten Feld gehabt hatte.

Ihm fiel ein, dass ein Sprecher im Radio einmal erzählt hatte, dass es pro Quadratmeile nirgendwo auf der Welt so viele Geistersichtungen gab wie in Großbritannien.

Frustriert schaltete er den PC wieder aus, holte sein eigenes Notizbuch aus seinem Zimmer und ging in die Bibliothek zurück.

Das Radio lief immer noch. Allerdings waren die „klassischen Wünsche" für diese Woche beendet, auch die Nachrichten waren fast vorbei, der Sprecher verkündete nun, dass es heute nacht und morgen regnen würde und die Aussichten für Dienstag und Mittwoch auch nicht besser waren. Allerdings würde es kälter werden, er ermahnte seine Zuhörer, Schneeschieber und Sand zum Streuen bereit zu halten.

Es folgte die „Aktuelle Stunde" mit Berichten zum Zugunglück bei Inverness.

Der Lokführer lag nun im Krankenhaus, man hatte bei ihm eine leichte Gehirnerschütterung festgestellt. Der Unglücksort war gründlich untersucht worden, man hatte jedoch nichts gefunden, dass das Entgleisen des Schnellzuges erklären würde. Offiziell ging man nun von einem Selbstmörder aus, der sich auf die Gleise gestellt, es sich aber im letzten Moment anders überlegt hatte und fortgelaufen war.

Nur der Lokführer beharrte darauf, dass Gevatter Tod in direkt in die Hölle geleiten wollte. Er wurde nun psychologisch betreut.

John hatte nur beiläufig zugehört, er war damit beschäftigt, Eintragungen in sein Notizbuch zu machen.

Aber die Meldung, dass die McDougall Building Ltd. In Edinburg Konkurs anmelden musste, nachdem die Sanierung von Duncan Castle und der Bau eines archäologischen Parks in dem aufgelassenen Dorf Hogsmeade-on-Gaye fehlgeschlagen war, ließ ihn wie elektrisiert auffahren.

Weder der Name der Firma noch der des Sanierungsobjektes sagten ihm etwas, aber Hogsmeade ...

Ich stehe am Fenster und sehe auf die Straße hinunter

Eine enge Straße mit kleinen Geschäften und Gasthäusern

Du solltest nicht hier sein," sagt eine weibliche Stimme hinter mir

Du genauso wenig, Bellatrix"

Warum hast Du mich nie gefragt ...?"

Dieser Traum war eine echte Überraschung für ihn.

Natürlich hatte er sich gefragt, welches Leben er dort geführt hatte. Aber irgendwie hatte er nie an die Existenz einer Frau, einer Freundin, einer Geliebten geglaubt.

Am ganzen Körper zitternd stand er auf, holte sich ein Glas Wasser aus der Küche, ging in Nikitas Arbeitszimmer und schaltete ihren PC wieder ein. Diesmal gab er „Hogsmeade" in die Suchmaschine ein und wurde mit einer Flut von Zeitungsmeldungen belohnt.

Irgendwann vor etwa zehn Jahren hatte man beschlossen, der hohen Arbeitslosigkeit in Schottland dadurch zu begegnen, dass man das Land attraktiv für den Tourismus machte. In diesem Zusammenhang bemühte man sich um die Restaurierung von Duncan Castle (eine völlig verfallene und verwahrloste Ruine) und irgendein Politiker, der von archäologischen Parks fasziniert war, wollte am Fuß der Burg etwas ähnliches errichten.

Das Dorf Hogsmeade-on-Gaye, ebenfalls nur noch eine Ansammlung von Ruinen, erschien dafür passend, da seine Geschichte bis ins frühe Mittelalter dokumentiert war.

Obwohl sich im letzten Jahrzehnt Architekten, Historiker und Baufirmen die Klinke in die Hand gegeben hatten, war der Aufbau nie gelungen. Es war einfach alles schief gegangen. Die beteiligten Personen fühlten sich unwohl und beobachtet, sie berichteten von Geistern, die dort umgingen, vom Flüstern von Stimmen. Die Arbeiter wurden krank oder streikten. Alle Baufirmen gingen nach und nach in Konkurs, das Projekt, das die Arbeitslosigkeit verringern sollte, förderte sie eher noch. Die Finanziers sprangen ab und nach der jüngsten Pleite sollte das Projekt nun endgültig eingestellt werden.

Einer der Zeitschriftenartikel, die er las, wartete mit Fotos auf.

Als John Duncan Castle sah, dachte er, sein Herz würde stehen bleiben.

Das war sie, die Burg aus seinen Alpträumen.

Obwohl Hogsmeade mehr wie einhundert Meilen landeinwärts von der Stelle lag, an der die merkwürdige „magische" Kreatur gesichtet worden war, wusste John instinktiv, dass der Durchgang dort zu finden war.