4.
„Der Eine, der die Macht hat , den dunklen Lord zu besiegen, erscheintGeboren denen, die ihm dreimal widerstanden
Geboren, wenn der siebte Monat geht ..."
Durch die Tür klingt diese harsche, raue Stimme
Die Stimme einer Frau in Trance
Es ist wichtig, ich muss es IHM sagen
Eine Hand packt mich an der Schulter und wirbelt mich herum
„He, Bürschchen, was fällt Dir ein? Einfach so an einer fremden Tür zu lauschen! Das hier ist ein anständiges Haus!"
Die Tür geht auf, vor mir steht der Mann, den ich schon so oft getötet habe
Oder töten werde
Sein Haar ist noch nicht so weiß und licht
Hinter ihm sitzt eine Frau auf einem Stuhl
Ich murmele irgendetwas
Die Hand packt mich wieder und schubst mich die Treppe hinunter und dann durch eine Tür ins Freie.
John lag in seinem Bett, schweißgebadet, zitternd. Dieser Traum war bei weitem der schlimmste, den er je gehabt hatte. Noch nie war ihm so bewusst gewesen, dass das keine Träume, sondern Erlebnisse aus seiner Vergangenheit waren, die wieder an die Oberfläche drängten.
Alles Vergessene schreit im Traum um Hilfe.
Aus irgendeinem Grund wusste er, dass er nach dem, was er an diesem merkwürdigen Ort belauscht hatte, zum Verräter geworden war. Er hatte den einzigen Menschen, der jemals gut zu ihm gewesen war, an einen fürchterlichen Feind verkauft.
„LASST IHN IN RUHE".
Ich liege im Gras, kann mich nicht rühren
„Ach Evans, du willst doch nicht etwa, dass ich dich verhexe?"
„Nimm den Fluch von ihm!"
Ein Junge dreht sich zu mir um, deutet mit seinem Zauberstab auf mich und murmelt etwas.
Ich kann mich wieder bewegen und stehe langsam und am ganzen Körper zitternd auf.
„Sei froh, dass Evans da war, Snivellus ..."
„Ich brauche keine Hilfe von dreckigen kleinen Schlammblütern wie ihr..."Hatte John das wirklich gesagt?
Hatte er jemanden beschimpft?
War „Schlammblüter" überhaupt ein Schimpfwort?
Und wenn ja, warum hatte er es jemanden, der ihm doch eigentlich nur helfen wollte, entgegen geschleudert.?
Es war noch früh, aber John wollte nicht mehr schlafen. Zwei Alpträume in einer Nacht waren mehr wie genug.
Es hatte geschneit, nicht viel, aber zum Kehren reichte es. John war so froh, sich körperlich betätigen zu können, dass er nicht nur den Gehweg vor Nikitas Haus, sondern auch den der Nachbarn rechts und links von ihr fegte.
Nach der körperlichen Anstrengung fühlte er sich müde, ausgelaugt und noch schlechter als bei seinem Erwachen. So konnte es nicht weitergehen – diese Alpträume, die Halluzinationen. Er musste einfach wieder einmal eine Nacht durchschlafen – sonst brach er noch zusammen.
Er kochte sich Tee, ging in Nikitas Arbeitszimmer und suchte sich im Band F-G des Londoner Telefonbuchs die Nummer von Dr. Granger heraus. Wie erwartet hatte er Majorie am Apparat. Ihre Frage, ob er schon einmal in der Praxis gewesen war, bejahte er und fragte sich, ob sie auch unter Amnesie litt.
Er bekam einen Termin am Nachmittag, ein anderer Patient hatte abgesagt. Das bedeutete, dass er sich gleich auf den Weg machen musste, wofür er dankbar war. Er musste in Bewegung bleiben, jede Ruhepause konnte die Rückkehr seiner Alpträume und Visionen bedeuten.
Und dann saß er wieder in diesem Wartezimmer, misstrauisch beäugt von der griesgrämigen Majorie. Er fühlte sich unbehaglich unter ihren Blicken, um nicht zurück zu starren, blätterte er in einem Gesellschaftsmagazin.
Bilder von irgendeiner Wohltätigkeitsgala.
Frauen in langen Kleidern behängt mit Juwelen und Diamanten,
Männer in sündhaft teuren Anzügen, alle sahen so fröhlich aus, so strahlend.
War das eine der Parallelwelten, von denen Nikita so oft sprach – eine, in der alle Menschen reich, strahlend und unsagbar glücklich waren?
John hatte seine Zweifel, was die Existenz paralleler Universen anging, aber diese Theorie erklärte doch einiges.
Ich stehe an eine Wand gelehnt und blicke in einen Saal.
Alles glitzert, alles funkelt, ein Eispalast.
Musik, tanzende Paare, Lachen
Jemand legt seine Hand auf meinen Arm – es ist Igor.
„Severus, ich muss dich unbedingt sprechen! JETZT!"
„Nicht hier! Draußen!"
Wir gehen durch eine hohe Flügeltür ins Freie. Der Duft nach Rosen ist betäubend intensiv.
„Severus, Du kannst nicht so tun, als ob es nicht geschieht! Seit Monaten wird es immer deutlicher. Ich bin ernsthaft besorgt, das ich kann ich nicht leugnen."
„Dann flieh," höre ich mich selbst sagen, „flieh!"
Jemand rüttelte an Johns Schulter.
„Mr. Doe, geht es ihnen gut? Sind sie in Ordnung?"
John erwacht aus seinem Traum und sieht in Dr. Grangers warme Augen.
„Ja," erwidert er, „ja, es ist alles o.k. Ich hatte nur wieder einen Traum."
„Kommen sie, erzählen sie mir davon," sagt sie und führt ihn in ihr Sprechzimmer.
„Ich habe diese furchtbaren Träume in jeder Nacht. Und immer wenn ich zur Ruhe komme, habe ich Tagträume, Visionen ... Ich kann einfach nicht mehr. Ich muss schlafen, ich ... Können Sie nicht irgendetwas tun, damit es aufhört?"
„Natürlich kann ich das," antwortet die Ärztin, „aber ich tue es nicht gerne. Diese Erlebnisse sind vermutlich ein Teil ihrer Vergangenheit, ihrer Identität. Diese Träume, diese Visionen, sie wollen ihnen etwas mitteilen... Sie müssen sich damit auseinandersetzen, sie müssen aktiv werden – und sie müssen sie akzeptieren. Ich werde ihnen aber ein pflanzliches Schlafmittel verschreiben, sonst klappen sie noch zusammen. Und ich möchte sie gerne psychotherapeutisch behandeln lassen. Waren sie eigentlich bei Nikita?"
John nickte und erzählte Dr. Granger alles, was in den letzten zwei Monaten passiert war.
Als er geendet hatte, sagte Dr. Granger: „Nikita ist ein wunderbarer Mensch. Sie sollten sich ihr öffnen, mit ihr reden. Sie hat zwar keine therapeutische Ausbildung, aber eine Menge gesunden Menschenverstandes ..."
„Manchmal denke ich, dass sie mehr Hilfe braucht als ich," erwiderte John, „immer wenn ich den Namen ihres Mannes erwähne, weint sie. Sie trauert, ihr Schmerz will einfach nicht aufhören."
„Es ist nie einfach, jemanden zu verlieren, den man liebt," antwortete Dr. Granger mit traurigem Blick.
Die Ärztin lehnte sich zurück und sah John fragend an.
„Wovor haben sie eigentlich solche Angst?" sagt sie schließlich.
„Ich habe keine ..."
John zögerte, dann holte er tief Luft und begann wieder: „Mit jedem Traum, mit jeder Vision erfahre ich etwas über mich. Und es gefällt mir nicht – ganz und gar nicht. Ich lausche an Türen, ich habe mich irgendeiner Verbrecherorganisation angeschlossen, ich bin ein Verräter, ich habe eine Art Affaire – wahrscheinlich ist die Frau verheiratet oder so etwas – ich töte. Bin ich ein abgrundtief schlechter Mensch?"
„Ich verstehe zwar nicht viel von forensischer Psychologie," antwortete Dr. Granger, „aber soviel habe ich von meinen Kollegen, die mit Straftätern arbeiten, doch erfahren: niemand ist abgrundtief schlecht oder gar ein Monster oder ein Ungeheuer. Jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten und jeder Mensch hat seine Geheimnisse und Phantasien, die er nie mit jemandem teilen würde. Sie müssen sich den ihren stellen, sonst ..."
Sie setzte sich wieder gerade hin und griff zu Stift und Schreibblock.
„Ich denke, dass es ihnen vielleicht leichter fallen wird, mit einem Mann zu sprechen. Außerdem brauchen sie dann nicht einmal in der Woche nach London zu kommen. Ich habe einen Kollegen in Oxford, ich werde ihnen seine Adresse und Telefonnummer aufschreiben. Wenn sie möchten, rede ich mit ihm?"
John nickte zögernd. Irgendwie hatte er Vertrauen zu Dr. Granger, aber vielleicht hatte sie ja recht, möglicherweise war es leichter, mit einem Arzt zu sprechen als mit einer Ärztin.
Es war schon spät als er wieder in Oxford ankam. In der kleinen Straße, in der Nikita und er wohnten, warfen die schwachen Straßenlaternen einen gelblichen Schein auf den Vorgarten. Er trat durch die kleine Gartenpforte und hatte plötzlich das Gefühl, dass es um mindestens zehn Grad kälter geworden war. Er blieb stehen, lauschte ... da war jemand.
„Hallo," rief John in die Dunkelheit, „wer ist da?"
Keine Antwort.
Doch dann sah er es: eine dunkle Gestalt in einem Umhang, über dem Kopf eine Kapuze, darunter – nichts.
John fühlte, wie sich ein stählerner Ring um seine Brust legte, er konnte kaum noch atmen, nicht mehr reden. Das dunkle Geschöpf hob seine Hand – eine Hand, die nur aus Knochen bestand, über die schwarze Haut gespannt war – zum Kopf ... es würde die Kapuze abnehmen ... dann begann das Grauen ... erst das Saugen ... dann der Tod ... voller Qualen und Schmerz ...
„Hey, John, alles o.k. da drüben?"
Die kräftige Männerstimme kam vom Nachbargrundstück, einer der Studenten aus der Wohngemeinschaft, die das kleine Häuschen neben Nikita gemietet hatte. Der Strahl einer Taschenlampe erfasste John, er konnte wieder atmen und sprechen – die dunkle Gestalt war verschwunden.
„Ja, danke," antwortete John, „ich habe nur gedacht, ich hätte ein Geräusch gehört."
„Es muss sie aber mächtig erschreckt haben, sie sehen ja aus als hätten sie einen Geist gesehen."
Der junge Mann war näher gekommen, jetzt erkannte John ihn: es war Brendon, Medizin im 7. Semester. Ein offener, freundlicher Mensch, er würde sicher ein guter Arzt werden. Er wirkte so fröhlich, so vertrauenerweckend ...
„Mögen sie auf einen Whiskey reinkommen," fragte der Student jetzt.
„Nein, danke. Ich war den ganzen Tag unterwegs und bin gerade zurück gekommen. Ich sollte mich hinlegen und schlafen ..."
„O.K.," sagte Brendon, „aber wenn sie irgend etwas brauchen rufen sie an. Sie sehen nämlich wirklich nicht gut aus."
„Danke," sagte John wieder, „Danke für Ihr Angebot. Gute Nacht." Und mit diesen Worten drehte er sich um und ging ins Haus.
Ich sitze in dieser ZelleDurch die Mauern hindurch höre ich Rauschen und Brüllen
Brandung
Irgendwo da draußen ist das Meer
sein salziger Atem durchstreift diesen Kerker
Durch die Gitterstäbe sehe ich sie
Die Wärter
Die Wächter der Hölle
Schwarze Umhänge, schwarze Kapuzen
Sie sprechen nicht
Nicht mit uns und nicht miteinander
Ich höre das Stöhnen und die Schreie der anderen
Mörder so wie ichJohn saß am Küchentisch, den Kopf in den Armen vergraben und weinte.
Es war als wäre ein Panzer aufgebrochen, als hätte etwas die Hornhautschicht, die er sich in den letzten Monaten zugelegt hatte, geknackt.
Wer war er nur?
Was war er?
„Nein, nein, nicht ich"Die Stimme einer Frau zerreißt das Rauschen des Meeres.
Eine Frau, die ich kenne
Eine Frau, die ich liebe?
Die Frau aus dem Zimmer?
„Nein, nein ..."
Ihre Worte gehen über in das Brüllen einer Wahnsinnigen
Ich halte mir die Ohren zu
Doch die Schreie sind immer noch daVöllig verstört ging John an die Spüle und ließ sich kaltes Wasser über den Kopf rinnen. Dann nahm er eine von den Tabletten, die Dr. Granger ihm verschrieben hatte. Er hoffte inständig, dass sie ihm helfen würden, einzuschlafen.
Der Mann, den ich töten werde, und ich stehen am Rand eines Waldes Er ist wütend auf michUnd ich auf ihn
Sein linker Arm gestikuliert wild
Sein rechter hängt bewegungslos herab
Er spricht mit mir
Doch seinen Lippen entweicht kein Laut
Ich antworte ihm
Genauso lautlosJohn erwachte völlig zerschlagen und sehr spät. Den gestellten Wecker hatte er überhört. Er beschloss, die Tabletten wegzuwerfen, anscheinend machten sie alles noch viel schlimmer.
Er fegte den neuen Schnee weg, der in der letzten Nacht gefallen war, duschte lange und kochte sich Tee.
Er hatte Hunger, eine Inspektion des Kühlschranks ergab jedoch, dass er erst einmal einkaufen gehen musste.
Als er zurückkam, war es schon spät am Nachmittag. Er war froh, dass es noch nicht dunkel war, seit dem Erlebnis in der letzten Nacht erfüllte ihn der Gedanke, nicht bei Tageslicht nach Hause zu kommen, mit Panik.
Das Lämpchen am Anrufbeantworter im Flur blinkte, Luna Love hatte ihm eine Nachricht hinterlassen: „Hallo Mr. Doe, wie schade, dass sie nicht da sind."
„Schöne Hellseherin," dachte John, „wäre sie wirklich auch nur etwas talentiert, wüsste sie, wann sie mich erreichen kann."
„Bitte rufen sie mich zurück, ich kann ihnen sicher mit meinen Fähigkeiten helfen."
Klick – die Nachricht war zu Ende. Eine Computerstimme teilte ihm mit, dass Luna schon gestern angerufen hatte. John hatte plötzlich nicht mehr das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Sie erinnerte sich ja ohnehin an nichts mehr.
Er saß in der Küche, kaute abwesend an seinem Sandwich und blätterte in der Zeitung, die er sich gekauft hatte. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal Zeitung gelesen zu haben (gab es so etwas überhaupt in jener anderen Realität?), aber er wollte so viel wie möglich über das archäologische Projekt in Hogsmeade-on- irgendwas erfahren.
Im Wirtschaftsteil wurde er fündig, aber er verstand nicht viel von dem Geschriebenen. Die Rede war von Bilanzfälschung, Konkursverschleppung, Steuerhinterziehung ... was war das bloß?
Auch das Zugunglück war Thema, es wurde aber nur das wiederholt, was er bereits aus dem Radio erfahren hatte. Er legte die Zeitung beiseite und schob den Teller mit dem Sandwich von sich – plötzlich hatte er keinen Appetit mehr.
Ich stehe wieder in diesem Zimmer am FensterIch schaue auf die Straße hinunter
Ein Arm hat sich um meine Hüfte gelegt
Ein warmer weicher Körper presst sich an meinen Rücken
„wir sollten nicht hier sein," sagt die vertraute weibliche Stimme
ich erstarre
„was ist das für ein Geräusch, Bella?"
Es war das Telefon, das mit seinem unmelodischen Klingeln die Stille zerriss.
John stand auf, nahm das Gerät vom Fensterbrett und drückte auf den grünen Knopf. So recht wusste er nicht, was er sagen sollte. Nikita meldete sich immer mit ihrem Namen, aber er ... Er entschied sich für ein „Hallo."
„Hallo," antwortete eine kindlich hohe, verträumte, fast abwesend klingende Stimme. „Hallo, sind sie Mr. Doe?"
„Ja," antwortete John.
„Ich bin Loony Love. Ich muss unbedingt mit Nikita sprechen, es ist etwas geschehen, ist sie da?"
„Nein, tut mir leid," sagte John, „sie ist auf einer Konferenz und kommt erst am Wochenende wieder."
„Oh," Loony klang enttäuscht, „aber vielleicht ... haben sie von dem archäologischen Park in Hogsmeade-on-Gaye gehört?"
„Ja," sagte John mit erwachendem Interesse.
„Und haben sie nicht auch das Gefühl, Hogsmeade zu kennen?" fragte Loony weiter.
Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern sprach weiter: „Also, ich kenne Hogsmeade. Als ich mich heute in Trance versetzte, um den lieben Mann von Mrs. Burbridge ... also, ich war dort. Es gibt da Geschäfte, einen Süßwarenladen, einen Scherzartikel ... Und ich habe mich mit anderen getroffen in einem ziemlich dreckigen Pub, wir haben dort irgendetwas Geheimes getan."
„Auch ich kenne Hogsmeade," sagte John, „aber meine Erinnerungen sind anders."
„Sagen sie Nikita bitte Bescheid," unterbrach ihn Loony, offensichtlich war sie an ihm nicht besonders interessiert. John konnte gerade noch „Ja" sagen bevor ihm das Klicken in der Leitung signalisierte, dass sie aufgelegt hatte.
An diesem Abend klingelte das Telefon noch sehr oft. Die Anrufer nannten jedoch ihre Namen nicht und legten sofort wieder auf als sie hörten, dass Nikita nicht da war. Irgendwann ging John nicht mehr an den Apparat.
