5.

John hatte sein Notizbuch geholt und sich in die Bibliothek zurückgezogen, wild entschlossen, seine Nachforschungen nun doch systematischer anzugehen. Er wollte Nikita nach ihrer Rückkehr etwas präsentieren können, er wollte sie überreden, mit ihm nach Schottland zu fahren - nach Hogsmeade um genau zu sein – und den Durchgang zu finden. Aber dazu brauchte er einfach mehr Informationen. Er ging noch einmal durch die Notizbücher von Percy Weatherby und Loony Love und griff schließlich nach dem dritten Buch auf dem Stapel.

Es war sehr ausführlich, Norman Long hatte wirklich nichts ausgelassen.

Der junge Mann beschrieb, wie er im Krankenhaus erwachte, was dort unternommen wurde, um seine unerklärliche Amnesie zu heilen (er hatte nur ein paar Kratzer gehabt, die Ärzte standen vor einem Rätsel), wie er Dr. Granger kennen gelernt und durch sie zu Nikita gekommen war.

Norman erinnerte sich an schreiende Pflanzen, ein Gewächshaus, eine alte Frau mit wirren, grauen Haaren und einem merkwürdigen Hut. Keine Erwähnung von Hogsmeade, von einer Burg, von Schülern oder Lehrern, nichts von dem, was John den Schlaf raubte. Die Pflanzen hatten bei Norman einen so starken Eindruck hinterlassen, dass er jetzt in einer Gärtnerei arbeitete – für ein Taschengeld, Kost und Logis.

Notizbuch Nummer Vier gehörte einem Mann namens Sirius Evans.

Zur Abwechslung war er nicht in einem Krankenhaus, sondern im Hyde Park erwacht, mitten in der Nacht am „Speakers Corner". Und er war nicht allein gewesen, in seinen Armen lag eine junge und sehr schwer verletzte Frau.

Es gelang ihm, zwei der Sicherheitsleute, die nachts im Park patrouillierten, auf sich aufmerksam zu machen.

Sirius hatte so gut wie keine Verletzungen, die Frau aber lag immer noch im Krankenhaus, im Koma, auf der Intensivstation. Niemand wusste, wer sie war, auch Sirius nicht, der sie täglich besuchte.

Aber sie musste wichtig für ihn sein, sonst wäre sie wohl kaum bei ihm gewesen.

Sirius erinnerte sich an zwei Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten: einen Mann namens Sirius und eine Frau namens Evans. So war er zu seinem Namen gekommen. „Evans – Evans," murmelte John vor sich hin – „da war doch etwas?"

Sei froh, dass Evans da war, Snivellus ..."

„Ich brauche keine Hilfe von dreckigen kleinen Schlammblütern wie ihr..."

War die Evans, die er in seinem Traum so beschimpft hatte, die Frau, die wichtig für Sirius geworden war?

War sie eine Verwandte gewesen, seine Schwester vielleicht?

Wohl eher seine Mutter?

Sirius schrieb, dass er etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein dürfte, vielleicht auch jünger, vielleicht älter. Er erinnerte sich genauso wenig wie John an ein Geburtsdatum.

Sirius beschrieb die gezackte Narbe auf seiner Stirn, deren Herkunft genauso ein Rätsel war wie seine Amnesie.

Und dann kam ein Abschnitt, der John erstarren ließ.

„Ich stehe in einer Art Toilettenanlage," erinnerte sich Sirius, „mir gegenüber steht ein anderer Junge. Er ist leichenblass, weißblond mit wasserblauen Augen. Ich hebe meinen rechten Arm, in der Hand habe ich einen hölzernen Stab, der jetzt auf den anderen Jungen zeigt.

„Sectumsempra," schreie ich, der blonde Junge fällt – er liegt in seinem eigenen Blut – er stirbt."

Ich stehe in einem großen, gekachelten Raum

Hinter mir sind Toilettenkabinen

Vor mir eine lange Reihe von Waschbecken

Dazwischen liegt ein Junge

Blut quillt aus vielen Wunden

Ein anderer Junge steht an einem Waschbecken

Das habe ich nicht gewollt," sagt er

Sie müssen mir glauben,

das habe ich nicht gewollt"

Johns Kopf dröhnte, sein Mund war trocken.

Hastig trank er ein Glas Wasser, dann noch eines.

Er schloss die Augen, zählte langsam bis zehn, öffnete sie wieder und las weiter.

Doch Sirius hatte keine anderen Erinnerungen mehr. Aber John hatte das Gefühl, wieder eine Spur gefunden, einen weiteren Schritt auf dem Weg zu seiner Identität getan zu haben.

John wollte unbedingt mit Sirius sprechen, dieser hatte aber weder Adresse noch Telefonnummer angegeben und ein Blick auf die Uhr überzeugte ihn davon, dass es für einen Anruf ohnehin viel zu spät war. Er schrieb in großen Buchstaben „SIRIUS EVANS" auf einen Notizblock, darum wollte er sich am nächsten Morgen als erstes kümmern.

Das nächste Notizbuch – von einer Frau diesmal.

„Paula Parker" hatte sie in verschnörkelten Buchstaben auf die Innenseite geschrieben, darunter klebte ein Photo. Eine junge Frau, vielleicht Mitte Zwanzig, die einen Säugling im Arm hielt.

Die Frau konnte – bei allem Wohlwollen – nicht als schön, noch nicht einmal als hübsch bezeichnet werden. Sie war dicklich, mit dunklen, ungepflegten Haaren und einem hochnäsigen Gesichtsausdruck, der John irgendwie an ein Ferkel erinnerte.

Zum Glück kam das Kind nicht nach ihr – sofern es überhaupt ihres war. „Ein Junge," dachte John, „ein kleiner rosiger blonder Junge mit wasserblauen Augen."

Er sah dem Teenager, den John in seinem Tagtraum blutend auf dem gefliesten Boden einer Toilette hatte liegen sehen, irgendwie ähnlich.

„Der Vater vielleicht?" murmelte John vor sich hin.

Er hatte das Gefühl, langsam an einem Punkt anzukommen, an dem ihn nichts mehr in Erstaunen versetzen konnte.

Paula war die erste, die nicht in London aufgefunden worden war.

Sie hatte am Strand von Lyme Regis gelegen, war unterkühlt, aber sonst unverletzt ins Krankenhaus gekommen – und sie war hochschwanger gewesen. Nur wenige Tage später hatte sie ihr Kind zur Welt gebracht.

Sie lebte immer noch in Lyme Regis, arbeitete in einem Burger-Restaurant und versuchte irgendwie, sich um ihr Kind zu kümmern. Ihre Erinnerungen waren dürftig.

Sie beschrieb eine Tasche, auf der die Initialen PP aufgenäht waren, das hatte sie auf ihren Namen gebracht. Und sie erinnerte sich daran, die Initialen DM und viele rote Herzchen in ihr Tagebuch gemalt zu haben, immer und immer wieder.

Während des Lesens hatte sich John Notizen gemacht. Beim Durchgehen stellte er fest, dass Nikita recht hatte: alle Aufgefundenen waren zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren alt gewesen, er war die große Ausnahme.

Und keiner der jungen Leute (er weigerte sich, Percys vergebliche Papierfliegerjagd mitzuzählen) hatte Alpträume oder Halluzinationen.

Nur er.

Der angekündigte Sturm tobte sich draußen aus.

Eine undefinierbare Mischung aus Regen, Schnee und Hagel prasselte gegen die Fenster, die Bäume bogen sich im Wind.

Nachdem John seinen Schlafanzug angezogen hatte, stand er am Fenster und sah in das Inferno der Naturgewalten.

Etwas flog direkt auf die Scheibe zu, landete auf dem schmalen Sims davor und pochte gegen das Glas.

Eine Eule – eine grau-braune Eule, die mit ihrem Schnabel gegen das Fenster klopfte und einen ihre Füße hob. Etwas war daran befestigt, etwas weißes.

Rasch öffnete John das Fenster und zog das weiße Etwas aus den Krallen. Die Eule flog davon, und er beeilte sich, das Fenster wieder zu schließen, bevor zuviel von der Kälte und Nässe in sein Zimmer kamen.

Dann sah er sich den Gegenstand genauer an: es war ein Papierröllchen - nein, es fühlte sich eher wie Pergament an - das mit einem roten Band umhüllt und mit einem Siegel verschlossen war. John öffnete es vorsichtig und las erstaunt die Worte: „Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, denke an Spinners End. Befolge SEINE Befehle. N. M."

Sie waren handgeschrieben, eine zierliche verschnörkelte, weibliche Schrift. Sie kam ihm nicht bekannt vor, und die Worte ergaben nicht den geringsten Sinn für ihn.

Den Zettel in den Händen haltend sah er aus dem Fenster. Durch das Inferno meinte er, eine dunkle Gestalt in einer Kutte, den Kopf von einer Kapuze verdeckt, ausmachen zu können. Erschreckt trat er vom Fenster zurück und zog die Vorhänge zu. Er zwang sich, tief ein- und wieder auszuatmen. Wahrscheinlich hatte der Sturm seinen Augen nur einen Streich gespielt – jedenfalls hoffte er das.

Er legte das Pergament beiseite und stellte das Radio an – er würde ja ohnehin nicht schlafen können. Er dachte daran, eine von Dr. Grangers Tabletten zu nehmen, verwarf die Idee dann aber wieder.

Ein äußerst aufgeregter Radiosprecher erzählte etwas von einem Drachen, der irgendwo an der bulgarisch-rumänischen Grenze gesichtet worden war. Sein feuriger Atem hatte Häuser in Brand gesetzt, nur das anhaltend feucht-kalte Klima in dieser Jahreszeit hatte eine Katastrophe verhindert. Aufgeregte Stimmen im Hintergrund schrieen in einer fremden Sprache, der Reporter übersetzte Wortfetzen: „er war blau", „nein, er war gelb", „er war so groß wie ein Haus", „sein Schwanz war voller Dornen" ...

Das ist ein ungarischer Hornschwanz,

dort ist ein gemeiner walisischer Grüner, der kleinere

eine schwedische Kurzschnauze, der blau graue

und ein chinesischer Feuerball – das ist der rote"

Das also ist die erste Aufgabe," sagt Igor zu mir, „Drachen!"

Ich sehe diese vier Monstren

Eines speit Feuer in unsere Richtung

John schreckte hoch – es gab sie also wirklich, die Drachen, sie waren Geschöpfe aus jener anderen Welt.

Menschen mit mehr oder wenigen schweren Verletzungen und völligem Gedächtnisverlust, magische Kreaturen, die das Grauen schlechthin waren, Drachen – der Durchgang zu der Realität der Zauberer und Hexen schien mittlerweile offen wie ein Scheunentor zu sein.

Im Geiste notierte John „Nikita" auf seinem Notizblock, er musste unbedingt mit ihr reden.

Noch einmal nahm er das Pergament in die Hand.

Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, denke an Spinners End. Befolge SEINE Befehle. N. M."

Wieder und wieder las er die Worte, ohne ihren Sinn zu verstehen.

Und wer war N.M.?

Ich stehe in einem Zimmer

Die Wände sind mit Bücherregalen vollgestellt

Auf einem Sofa sitzt eine blasse, blonde Frau

Sie weint

Vor mir steht eine andere Frau

Dunkelhaarig, rosiger Teint

Sie ist so wütend

Wo warst du als der dunkle Lord starb?"

Warum hast du nie versucht, ihn nach seinem Verschwinden zu finden?"

Warum bist du nicht sofort zurück gekommen als der Dunkle Lord wiedergeboren wurde?"

Und warum, Snape, ist Harry Potter immer noch am Leben ...?"

Diese Stimme

Sie hat zu mir gesprochen in diesem Zimmer

Als sich ihr Arm um meinen Körper legte ...

Sie hat geschrieen

Dort an jenem Ort des unsagbaren Grauens ...

Er erwachte schwitzend und frierend zugleich, und versank fast augenblicklich wieder in einen Dämmerschlaf.

„Bellatrix", „Harry Potter", „der dunkle Lord", „Snape" murmelte er vor sich hin wie ein Mantra – er wollte es nicht vergessen, es war wichtig, aber er war so müde ... so müde.

Die Stimme des Radiosprechers verkündete, dass mit der soeben gehörten neunten Symphonie in e-moll von Antonin Dvorak das Nachtprogramm beendet sei und dass er seinen Zuhörern einen schönen Tag wünsche.

Davon wachte John endgültig auf, zerschlagen, desorientiert und mit verquollenem Gesicht.

Sein Kissen war nass, er musste geweint haben.

Verzweifelt rieb er seine Augen und versuchte, sich auf die Sechs-Uhr-Nachrichten zu konzentrieren.

Der Sprecher erzählte, dass das Sturmtief im Laufe der Nacht den Süden Großbritanniens überquert und dabei massive Schäden angerichtet hatte. Er berichtete von Straßen und Gleisen, die wegen umgestürzter Bäume und Schneeverwehungen unpassierbar waren, fast alle Flughäfen waren geschlossen.

Seine Zuhörer waren dringend aufgerufen, die Wohnungen nicht zu verlassen und wenn doch, auf keinen Fall mit dem Auto zu fahren.

Die zweite Meldung betraf die vorübergehende Schließung des Flughafens im vom Sturm verschont gebliebenen Edinburgh.

Ein Pilot hatte beim Anflug Gestalten in Umhängen und Kapuzen auf der Landebahn stehen sehen, war durchgestartet und schließlich in Glasgow gelandet.

Der Co-Pilot bestätigte seine Geschichte, die beiden Männer wurden jetzt auf Drogenmissbrauch hin untersucht. Ein Sprecher der Fluggesellschaft versprach, dass jetzt routinemäßig unangekündigte Tests des fliegenden Personals eingeführt würden.

Meldung Nummer Drei betraf einen Leichenfund am Strand von Brighton am vergangenen Nachmittag.

Spaziergänger hatten etwas gefunden, was sie zunächst für einen toten Hund hielten.

Die Polizei war sich nicht so sicher und rief den Coroner, dieser einen Pathologen und der einen befreundeten Zoologen.

Die sterblichen Überreste sahen irgendwie menschlich aus, hatten aber auch viel von einem Wolf.

Die Polizei hatte die Sonderkommission „Chimäre" gegründet, denn soviel war sicher – was auch immer das war, war keines natürlichen Todes gestorben, davon kündeten viele schwere Verletzungen, die wie Tierbisse aussahen. Und solange die genaue Spezies nicht geklärt war, ging man davon aus, dass das Opfer ein Mensch sein musste.

Schließlich wurden aus der Grenzregion zwischen Rumänien und Bulgarien weitere Drachensichtungen gemeldet.

Noch während der Wettervorhersage stand John auf.

Der Sturm hatte ganze Arbeit geleistet.

John war bis in den Nachmittag damit beschäftigt, Äste und Laub aufzusammeln. Er wäre so oder so um nichts auf der Welt im Haus geblieben – heute war Mrs. Fulgroves Reinemachetag.

Mrs. Fulgrove hielt John immer noch für einen Schwerverbrecher und äußerte diese ihre Meinung in unüberhörbarer Lautstärke. Er zog es daher vor, sich unsichtbar zu machen.

Wenigstens regnete es nicht mehr, und es war mild, fast schon frühlingshaft. Die angekündigte Warmfront war dem Sturmtief gefolgt.

Am Vormittag – während Mrs. Fulgrove im oberen Stockwerk saugte und feudelte - hatte er gefrühstückt und Nikita angerufen. Er hatte Glück gehabt, auch sie hatte gerade eine Kaffeepause und konnte mit ihm sprechen.

Eine Telefonnummer von Sirius Evans konnte sie ihm allerdings nicht geben, der junge Mann hatte keine.

„Er lebt so wie sie früher – in einem Obdachlosenasyl. Allerdings ist er den ganzen Tag im Krankenhaus bei seiner ... nun ja, was immer sie ist. Sie ist seine einzige Verbindung zu seiner Vergangenheit."

„Wissen Sie, in welchem Krankenhaus?" fragte John.

„Nein, tut mir leid," lautete Nikitas Antwort.

Sie beendete das Gespräch kurz darauf, ihre Pause war zu Ende. Und John war somit der Entscheidung, ob er von den anderen Dingen, die in ihrer Abwesenheit geschehen waren, erzählen sollte, enthoben.

Die körperliche Arbeit im Garten gab John die Möglichkeit, nachzudenken.

Hauptsächlich kreisten seine Gedanken um Bellatrix.

Er fragte sich, welche Gefühle er dieser Frau entgegen gebracht, was sie ihm bedeutet hatte, wie er mit ihrer Wut fertig geworden war und mit ihren Schmerzensschreien.

Er konnte sich weder an sie noch an irgendwelche Emotionen sie betreffend erinnern – nicht zum ersten Mal spürte er, dass ein wesentlicher Teil seiner Identität einfach verschwunden war.

Ihr Gesicht erschien wieder vor seinem inneren Auge – sie war weder auffallend schön noch hässlich, sie war irgendwie – normal, durchschnittlich.

Und doch musste er einmal etwas für sie empfunden haben – Liebe, Zuneigung, Freundschaft?

Welche Gefühle hatte sie für ihn gehegt?

Welche Frage hatte sie von ihm erwartet?

John hatte sich mit seiner Arbeit beeilt, er wollte unbedingt fertig werden, bevor es dunkel wurde. Die Vorstellung, noch draußen zu sein, wenn die Sonne hinter den Dächern verschwand, versetzte ihn regelrecht in Panik.

Er verriegelte die Tür hinter sich und überprüfte, ob alle Fenster fest verschlossen waren, bevor er duschte und sich ein frühes Abendessen zubereitete.

Wie üblich lief das Radio, ein Bericht von einer Pressekonferenz der Polizei in Brighton.

Die Experten waren mehrheitlich der Meinung, dass die Leiche am Strand die eines Wolfes gewesen sei, für tote Tiere sei die Polizei jedoch nicht zuständig, die Sonderkommission war aufgelöst worden.

Ich klopfe an eine Tür

In der Hand halte ich einen Kelch

Die Flüssigkeit darin ist heiß und dampfend

Herein" sagt eine Stimme auf der anderen Seite

ich betrete einen Raum

ich sehe merkwürdige Gerätschaften

und einen Mann, der mich erwartet

Trinken sie das, Remus, solange es noch heiß ist," sage ich und stelle den Kelch auf einen Tisch

Danke, Severus," sagt der Mann, „es wird den Übergang erleichtern"

Wann ist Vollmond?" frage ich

Morgen," sagt der Mann, „morgen nacht schon. Können sie meinen Unterricht übernehmen?"

John vermerkte den Namen „Remus" in seinem Notizbuch und schrieb noch „Wolf?" dazu. Mittlerweile trug er das Buch fast ständig bei sich, das Aufschreiben half ihm, seine Gedanken zu ordnen und sich zu konzentrieren.

Er kaute auf seinem Sandwich und nippte am Tee ohne den Geschmack wirklich wahrzunehmen.

Dann stand er auf, ging in die Bibliothek und schaltete den Fernsehapparat ein.

Er musste diesen Wolf sehen – unbedingt.

Und so zappte er sich durch die Programme bis er auf einen Privatsender stieß, dessen Spezialität Klatsch und Tratsch war.

Dem Kamerateam vor Ort waren (O-Ton) „sensationelle Aufnahmen eines biologischen Wunders" gelungen: die sterblichen Überreste eines Wolfsmenschen".

John starrte auf das was vom Kopf dieses Wesens noch übrig war – unmöglich zu erkennen, ob das der Mann aus seinem Tagtraum war.

Frustriert schaltete er den Fernseher wieder aus, ging in Nikitas Arbeitszimmer und fuhr ihren PC hoch. Er gab die Begriffe „Wolf", „Vollmond" und „Wolfsmensch" ein und stieß so auf die Werwolf-Legende.

„Werwölfe," las er auf vermehren sich dadurch, dass sie ahnungslose Menschen bissen und sie so zu ihresgleichen machten. Werwölfe seien normale Menschen, die unauffällig leben, nur in Vollmondnächten verwandelten sie sich in wolfsähnliche Bestien, die nur noch ihren Instinkten folgten, Beute suchten und andere Menschen bissen."

Weiter wurde von der legendären Feindschaft zwischen Werwölfen und Vampiren berichtet. Durch einen Klick auf das Wort „Vampir" öffnete sich ein Fenster mit Informationen zu diesen Wesen.

Die Feindschaft zwischen diesen beiden Spezies erklärte sich dadurch, dass sie den gleichen Lebensraum teilten: die Wälder Rumäniens und Bulgariens. Und sie kämpften um die gleiche Beute: ahnungslose Menschen.

Wer erster war, hatte gewonnen. Ein Vampir konnte kein Werwolf werden, ein Werwolf kein Vampir.

War dieser Remus ein Werwolf gewesen?

Und was hatte John getan, um ihm zu helfen?

Hatte er dieses heiße, dampfende Getränk zubereitet?

Das Telefon riss John aus seinen Überlegungen.

Es war Nikita, die in ihrem Hotelzimmer die Nachrichten gesehen hatte.

John antwortete auf ihre Fragen, erzählte jedoch nichts von der schwarzen Gestalt, die er im Garten gesehen hatte und auch nichts von seinen Träumen der letzten Tage.

Er wollte Nikita nicht hier haben. Berlin war weit weg, dort war sie in Sicherheit.

John war besorgt, er mochte Nikita, er sah sogar schon fast eine Freundin in ihr. Doch er wusste nicht, wie er sie beschützen sollte, er wusste einfach nicht, was hier geschah und was er dagegen tun konnte.

Nach dem Telefonat kehrte John an den PC zurück.

Diesmal gab er „Spinners End" in die Suchmaschine ein und bekam Hinweise auf städtische Webseiten. „Spinners End" schien ein beliebter Straßenname zu sein, vor allem in den Orten um Manchester und Leeds, den früheren Hochburgen der Tuchindustrie.

Dann stieß er auf Zeitungsveröffentlichungen über eine Explosion in der Straße „Spinners End" in Loomingdale – einst eine blühende Gemeinde, nach der Schließung der Fabriken eine Geisterstadt.

Vor etwa zwei Jahren war ein Haus, das am Ende einer kleinen Sackgasse stand, durch eine Explosion völlig zerstört worden.

In den Trümmern waren die Überreste eines Menschen gefunden worden – das eigentlich merkwürdige aber war, dass keines der anderen Häuser auch nur einen Kratzer abbekommen hatte, noch nicht einmal eine Glasscheibe war zersplittert.

Die Ursache der Explosion konnte ebenso wenig ermittelt werden wie die Identität des Opfers.

Der forensische Anthropologe wurde mit den Worten zitiert: „Wir wissen nur, es war ein Mann. Er war zwischen 35 und 50 Jahren alt und etwa 160 bis 170 Zentimeter groß. Der rechte Arm fehlt – keine medizinische Amputation, so viel ist sicher. Der Arm war unfachmännisch abgetrennt worden, er hat nie eine Prothese getragen."

Zu dem Artikel gehörte ein Video, das die Reporter vor Ort gedreht hatten.

Es zeigte das Trümmerfeld, eine Ansammlung völlig verkohlter Knochen und einen schwarzen Schädel, die merkwürdigerweise schneeweißen Zähne gaben ihm ein dämonisches Grinsen.

Dann hob der Reporter die Kamera und schwenkte sie auf andere Häuser und auf einen Schornstein, der am Ende der Straße aufragte.

Wir gehen weg," sagt ein Junge zu mir

ein Junge, dessen Name ich nicht weiß

und der einen Ball in der Hand hat.

Wir stehen in einer dreckigen Straße

Die Häuser sind schwarz

Der Schornstein am Ende der Straße stößt gelben Qualm aus

Der Schornstein der Fabrik

In der mein Vater gearbeitet hat

Bis vor ein paar Wochen

Wir gehen weg," sagt der Junge wieder

Mein Vater hat Arbeit in Glasgow"

Daniel, komm rein, Abendessen"

Eine Frau steht in der Tür eines der schwarzen Häuser

Komme schon, Mom," ruft der Junge

er gibt mir seinen Ball

Tut mir leid," sagt er zum Abschied.

„Meine Kindheit?" dachte John, „bin ich dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe ich dort gespielt? Wenn ja, muss es auch Unterlagen geben, eine Geburtsurkunde, ein Kataster?"

Aber Loomingdale war verlassen, ob sich jemand der Mühe unterzogen hatte, die Unterlagen irgendwo anders hinzubringen und neu zu archivieren?"

John gab „Drache" in die Suchmaschine ein und stieß – wie erwartet und erhofft – auf eine ganze Reihe von Meldungen über die Sichtungen.

Auch Fotos und Amateurvideos waren darunter, aber nirgendwo waren der oder die Drachen gut zu sehen.

Die meisten zeigten nur Umrisse oder Schatten – das konnte alles mögliche sein.

Frustriert schaltete John den PC aus und ging in die Bibliothek zurück.

Ein Notizbuch war noch übrig, das er jetzt aufschlug. Es waren die Erinnerungen von zwei Personen: Robin Hood und Lucy Liu.

Beide waren große Cineasten, sie hatten sich im Kino kennen gelernt, wo Robin als Platzanweiser und Reinigungskraft, Lucy hingegen als Kassiererin arbeitete.

Das Kino lag etwas abseits in einer kleinen Sackgasse, dort wurden vor allem Programmfilme oder ältere Streifen, die zu thematischen Reihen zusammengestellt waren, gezeigt.

John blickte auf das Photo auf der Innenseite: ein junger Mann mit feuerrotem Haar und Sommersprossen, und eine zarte junge Frau mit langem, glatten tiefschwarzem Haar und mandelförmigen Augen.

Robin erinnerte sich an seinen Vornamen: Rob und an den ersten Film, den er gesehen hatte: „Robin Hood – König der Diebe".

Mittlerweile jedoch verfluchte er seine Wahl, die Leute sahen ihn immer sehr merkwürdig an, wenn er seinen Namen nannte.

Lucy hatte sich aufgrund ihrer asiatischer Abstammung den Namen einer amerikanischen Schauspielerin gleicher Herkunft geliehen.

Robin erinnerte sich an einen Wald und eine riesige Spinne, die darin lebte („eindeutig zu viele Horrorfilme," dachte John), Lucy daran, wie sie durch die Luft geflogen war – wohl eine Art Sport oder Spiel.

Das war alles, den Rest des Notizbuchs hatten sie mit Inhaltsgaben und Kritiken zu Filmen gefüllt.

Den Rest des Abends beschäftigte John sich nicht weiter mit seinen Träumen oder den Notizbüchern.

Am nächsten Tag wollte er seine Notizen und die Aufzeichnungen der anderen noch einmal durchgehen und in eine vernünftige Ordnung bringen.

Er griff zu einem Kriminalroman, den er sich aus der städtischen Bücherei ausgeliehen hatte und hoffte, dass er wenigstens heute nach einmal traumlos durchschlafen würde.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm