6.
„Severus, bitte ... bitte ..."
„Avada Kedavra!"
Zum wievielten Mal in dieser Nacht erwachte John?
Wie oft hatte er den alten Mann schon mit grünen Blitzen getötet?
„Severus ... bitte ..."
„Avada Kedavra!"
Er sah auf seinen Wecker – erst drei Uhr morgens.
Verschwitzt und verzweifelt drehte er sich wieder um und fiel erneut in einen Schlaf voller dunkler Träume
„Wir sollten nicht hier sein!Du solltest nicht hier sein!"
„Du ebenso wenig"
Ihr Arm legte sich um meine Hüften
„Was ist das für ein Geräusch?
Das Pochen?"Jemand klopfte an die Haustür – eigentlich waren es dumpfe Schläge.
John stand hastig auf und lief die Treppe hinunter, er hoffte, rechtzeitig genug unten zu sein, bevor die Tür unter dem Hämmern nachgab.
Er drehte den Schlüssel, drückte die Klinke und stand - vor einem Riesen.
John war selbst ein großer Mann, der auf seine Zeitgenossen herunter zu blicken pflegte, aber dieser Mensch ... John kam sich vor wie ein Bergsteiger, der zum ersten Mal vor dem Mount Everest stand. Der Hüne füllte den Türrahmen vollständig aus, seinen Kopf konnte John nur erahnen.
„Is sie da?" scholl es von oben herab.
„Entschuldigung?" antwortete John so laut er konnte.
„Na, is sie da, die Professorin?"
„Nein, sie ist auf einer Konferenz."
„Dumm das. Ich hätt ja felefo ..., aber ich kann das nich, wissen sie?"
„Kann ich etwas für sie tun?"
„Es is wegen Hogsmeade, wissen sie?"
„Wenn das so ist ... kommen sie bitte herein?"
John trat mehrere Schritte zurück und beobachtete seinen Besucher, wie er sich durch die Tür quetschte.
Dann stellte er fest, dass es eigentlich zwei Besucher waren, der andere hatte nur hinter dem Riesen gestanden.
„Ich bin James Potter – werd aber Jimbo genannt," sagte der Riese, „und das hier is Big Al."
Er schob den anderen, wesentlich kleineren Mann nach vorne.
Big Al sah aus wie in Einzelteilen geschnitzt und anschließend zusammengesetzt – nichts passte wirklich zueinander. Sein Gesicht war von Narben überzogen, er trug eine Augenklappe und offensichtlich auch eine Beinprothese, die auf dem Holzboden klackerte.
„Weiß nich, ob ich wirklich James Potter heiß, is der einzige Name, der mir eingefallen is. Kann mich an nix erinnern," sagte Jimbo.
„Big Al hier, der redet nich, nich ein Wort."
Unterdessen hatte John seine Fassung einigermaßen wiedergewonnen. Er nahm seinen frühen Besuchern die Mäntel ab, bat sie in die Küche und begann, Tee zu kochen.
Während er mit Kessel und Kanne hantierte, fuhr Jimbo in seinem Monolog fort: „Scheußliches Wetter das. Macht die Elefanten nervös. Arbeite nämlich im Zoo. Bei den Elefanten."
„Gäbe es noch Dinosaurier, würde er sich wohl um sie kümmern," dachte John bei sich.
„Kriegen immer Zeitungen für die Käfige," fuhr Jimbo unterdessen fort, „da hab ich dann von Hogsmeade gelesen und der Burg. Die Burg, die kenn ich. Kann mich aber an nix wirklich erinnern, hab die Adresse der Professorin von Dr. Granger, war aber nie hier. Wusste nich, ob so eine gebildete Frau mich überhaupt sehen will. Wie is sie denn so, die Professorin?"
„Sie ist eine tolle Frau," sagte John, während er Tee einschenkte und Zucker und Milch auf den Tisch stellte.
„Bist wohl ihr Mann?" fragte der Riese.
John schüttelte den Kopf.
„Nein, ich arbeite für sie. Ich ... ich habe auch keine Erinnerungen. Nur Alpträume. Aber auch ich kenne Hogsmeade und die Burg. Es gibt außer uns noch andere ... Hast du auch Alpträume?"
„Ich nich," sagte Jimbo, „und bei Big Al weiß man das nich so genau, der redet ja nich."
„Warum seid ihr doch noch hierher gekommen?" fragte John, der immer weniger wusste, was er von dem merkwürdigen Paar zu halten hatte.
„War noch mal bei Dr. Granger wegen meinem Kopf, und die hat gesagt, dass ich unbedingt mit der Professorin reden soll, und da hab ich gedacht ... wo wir doch eh hier vorbei kommen ... wir könnten mal reinschauen ... Wir fahren nämlich nach Hogsmeade hoch."
John stand so plötzlich von seinem Küchenstuhl auf, dass die Tassen klirrten. „Ihr fahrt nach ...?"
„Ja, denken das is' wichtig. Willst'e mitkommen?"
„Ja," sagte John, „nichts lieber als das."
„Klasse," antwortete Jimbo, „dann hab ich einen zum Schwätzen. Big Al is' ja ganz o.k., nur dass er nich' redet. Hab' ein Zelt, brauchst nur einen Schlafsack. Lebensmittel wären toll."
John fiel ein, dass im Keller eine Wanderausrüstung lag, die würde er sich ausborgen. Und Lebensmittel sollten bei Nikitas Kochgewohnheiten auch kein Problem sein, es gab eine Menge Konserven. Er schenkte seinen Besuchern noch Tee nach, ging dann nach oben, duschte und packte.
Eine halbe Stunde später war alles bereit.
John hatte nicht nur einen großen Rucksack gefunden, sondern auch eine Isomatte, einen Schlafsack und ein kleines Ein-Mann-Zelt.
Er nahm es mit, da er bezweifelte, dass Jimbos Zelt groß genug für drei Männer war – vor allem, wenn einer von ihnen schon die Ausmaße von zwei Durchschnittsmenschen hatte.
Ihm blieb nur noch, eine Nachricht für Nikita zu schreiben, die er auf sein Notizbuch legte:
Liebe Nikita,
ich fahre mit James Potter und Big Al nach Schottland. Lesen sie mein Notizbuch, dann werden sie es verstehen. Ich melde mich, sobald ich kann.
Vielen Dank für alles
JohnEiner Eingebung folgend ging John in die Bibliothek, öffnete die Schatulle mit dem hölzernen Stab, der einst Igor Karkaroff gehört hatte, und steckte ihn in die Tasche.
Er wusste nicht warum, aber er fühlte es war wichtig, diesen Gegenstand bei sich zu haben.
Jimbo hatte einen fahrbaren Untersatz, bei dessen Anblick Johns Herz für mehrere Schläge aussetzte.
„Hab ihn von ´ner Versteigerung bei der Armee, hat schon zwei Kriege überstanden, klasse Vehikel, das," erklärte Jimbo.
„Zwei Kriege," dachte John, „wohl den ersten und den zweiten Weltkrieg."
Das Gefährt war ein Armeejeep, der seine besten Tage erkennbar hinter sich hatte. Jimbo quetschte sich hinter das Steuer, John setzte sich neben ihn, während Big Al auf einer Art Notsitz im hinteren Bereich Platz nahm.
John war Nikitas skurrile Fahrweise gewohnt und dachte, dass ihn nichts mehr erschüttern könne, aber nach einigen Meilen mit Jimbo als Fahrer verstand er, warum manche Menschen religiös waren – es gab einfach Situationen, in denen Trost dringend notwendig war.
Um sich abzulenken, erzählte er von seinen Träumen und Halluzinationen. Als er von Loomingdale und Spinners End sprach, sagte Jimbo plötzlich: „Heh, wenn du magst, können wir dahin fahren. Is' nich' weit."
„Wirklich?" fragte John.
„Ja, heh, du weißt so viel, das is' echt toll. Ich wär froh, wenn ich mich nur an halb so viel erinnern könnte. Das mit den Drachen is' echt ´ne tolle Sache, wünschte, ich hätt' sie gesehen."
Und schon bog Jimbo ab, ohne auf den Verkehr zu achten oder den Fuß vom Gaspedal zu nehmen.
Loomingdale war wirklich eine Geisterstadt, mit Häusern, deren leere Fenster wie tote Augenhöhlen auf sie herabblickten und einem Schornstein, der wie ein mahnender Finger in den Himmel ragte.
Jimbo fuhr über eine grasbewachsene Straße bis zu einer Brachfläche. Einzelne Trümmer lagen dort noch, mittlerweile bewachsen. Die Natur war dabei, sich ihr Territorium zurück zu erobern.
„Das is' es, oder?" fragte Jimbo, während er sein Gefährt mit quietschenden Reifen zum Stehen brachte.
„Ja," sagte John und blickte starr auf das Trümmerfeld.
„Severus, wirst du ihn schwören?Wirst du den unzerbrechlichen Eid ablegen?
„Den unzerbrechlichen Eid?"
„Hast du ihm nicht zugehört, Narcissa?"
Unverkennbar die Stimme von Bellatrix.
„Oh, er wird es versuchen ... sicher ... die üblichen leeren Worte ... er wird sich aus allem heraushalten, natürlich auf Anweisung des Dunklen Lords."
„Ja, Narcissa, ich werde den unzerbrechlichen Eid schwören. Und sicher wird deine Schwester unsere Zeugin sein."
Ich knie nieder, den hölzernen Stab fest in der Hand. Mir gegenüber kauert eine blasse Frau mit langen blonden Haaren, während Bellatrix mit schnippischem Gesichtsausdruck auf uns herabsieht.
„Wirst Du, Severus, meinen Sohn unterstützen, wenn er versucht, die Wünsche des Dunklen Lords zu erfüllen?"
„Ich will."
Ein leuchtend-rote Flammenzunge kommt aus dem hölzernen Stab und legt sich um unsere Hände.
„Und wirst du alles in deiner Macht Stehende tun, um ihn vor Schaden zu bewahren?"
„Ich will."
Eine zweite leuchtend-rote Flammenzunge verbindet sich mit der ersten und windet sich um unsere Hände.
„Und wenn es notwendig sein sollte ... falls Draco scheitern sollte ... wirst du vollenden, was er auf Geheiß des dunklen Lords begonnen hat?"
Ich zögere ...
„Ich will."
Im Licht der dritten Feuerzunge sehe ich Bellatrix' erstauntes GesichtJimbo hatte John an der Schulter gepackt und ihn geschüttelt.
„Alles o.k., Kumpel?"
„Ja," antwortete John, „ich hatte nur gerade wieder einen Tagtraum."
Er zog den Zettel aus seiner Hosentasche.
„Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, denke an Spinners End. Befolge SEINE Befehle. N. M."
Er hatte einer Frau namens Narcissa versprochen, ihren Sohn namens Draco zu schützen.
N. M. – Narcissa M irgendwas.
Welchen Auftrag sollte ihr Sohn erfüllen?
Was hatte Bellatrix mit dem allen zu tun?
Und warum war sie so überrascht gewesen?
„Wir sollten weiterfahren," sagte Jimbo schließlich, „du kannst mir alles auf der Fahrt erzählen."
Und während sie zum Jeep zurück gingen, hörte John Jimbo leise singen:
„At the east end of town/at the foot of the hill/stands a chimney so tall/that says Aragon mill.
But there's no smoke at all/coming out of the stack/for the mill has pulled out/and it ain't coming back"1
1 Engl. Trad./ „am östlichen Ende der Stadt/am Fuße eines Hügels/steht ein hoher Schornstein/der von der Aragon Mühle kündet/aber es kommt kein Rauch mehr aus dem Turm/denn die Mühle ist geschlossen/und nichts bringt sie zurück
