7.

Sie übernachteten auf einer Lichtung an einem kleinen See. Jimbo hatte sein Zelt innerhalb weniger Minuten aufgebaut, und er hatte nicht untertrieben: es war so groß wie eine Kathedrale und bot den drei Männern ausreichend Platz.

„Wohne da drin, am Ufer der Themse," erklärte Jimbo, „will keine Wohnung nich', is' nix für mich."

Danach sammelten sie Holz, um ein Lagerfeuer zu entzünden.

Ein schwieriges Unterfangen, durch den vielen Regen der letzten Zeit war es nicht einfach, trockene Äste zu finden. Aber schließlich bekamen sie doch einiges zusammen, und Jimbo schaffte es in kurzer Zeit, die Flammen hochschlagen zu lassen.

John war beeindruckt von dessen Fähigkeiten: er schien der geborene Pfadfinder zu sein.

Dann wärmten sie fünf der mitgenommenen Konserven auf: „Erbsensuppe mit Rindfleischwürfeln" für Big Al, „Spaghetti Bolognese" für John und dreimal „Ravioli in Tomatensoße" für Jimbo.

Während des Essens fragte John: „Jimbo, woher wissen sie eigentlich, dass Big Al „Al" heißt, wenn er nicht redet?"

Tatsächlich hatte Big Al während der gesamten Zeit, in der John jetzt mit ihm zusammen war, kein einziges Geräusch von sich gegeben. Sein Gehör war aber offensichtlich in Ordnung, auch jetzt hob er den Kopf und sah John an.

„Al," sagte Jimbo, „zeig es John!"

Big Al zog aus einer der Taschen seines verschlissenen Trenchcoats ein Buch und gab es John. Er schlug es auf, gleich auf der ersten Seite war die Widmung „Für Al. M. in Liebe" zu lesen.

Eine Seite weiter standen Autor und Titel: „Adolf Meyer: Die Entwicklung der unverzeihlichen Flüche seit dem Ende der Besetzung Germaniens durch das römische Imperium".

John blätterte weiter und las das Impressum: „Originalausgabe in deutscher Sprache Lindau/Bodensee 1914, Übersetzung ins Englische: Prof. Severus Snape, London 1990."

John fühlte, wie sich eine Klammer um sein Herz legte: Er hatte dieses Buch bearbeitet. Offensichtlich war sein Deutsch so gut, dass er sogar Übersetzungen machen konnte.

„Severus, bitte ... bitte ..."

„Avada Kedavra"

„John, alles o.k.?"

Jimbo hatte John am Arm gepackt, er klang besorgt.

„Ja," antwortete John, „ich bin nur müde, das ist alles."

Er klappte das Buch wieder zu und gab es Big Al zurück.

„Wir sollten schlafen gehen," sagte Jimbo, „morgen früh geht's bei Sonnenaufgang weiter. Es sind nur noch gute einhundert Meilen bis Hogsmeade."

Jimbo und Big Al schienen, kaum dass sie in ihre Schlafsäcke geklettert waren, eingeschlafen zu sein, aber John lag wach. Er lauschte auf Jimbos gelegentliches Schnarchen, die leisen Atemzüge von Big Al und die Geräusche der Nacht.

Gegen Mittag des folgenden Tages erreichten sie Hogsmeade-on-Gaye.

Jimbo parkte seinen Jeep auf dem, was einmal der Dorfplatz gewesen war. Sie kuschelten sich in ihre Jacken und zogen die Kapuzen über die Köpfe. Der Regen hatte sie seit ihrem Aufbruch begleitet, hier aber war er mit Schnee vermischt und ein kräftiger Wind peitschte ihn durch die Straßen der Geisterstadt.

Schließlich stiegen sie aus und sahen sich um.

Der Ort musste einmal sehr schön gewesen sein, auch wenn die Ruinen die malerischen Fachwerkhäuschen nur noch erahnen ließen.

Auf dem Dorfplatz hatte einmal ein großer Baum gestanden, von dem jetzt nur noch ein verbrannter Stumpf übrig war – wahrscheinlich hatte ein Blitz eingeschlagen. Und einen Brunnen hatte es gegeben, dessen verwitterte Steine sich gelöst hatten.

Bella und ich sitzen auf der Bank unter der großen Linde

Wir halten uns an den Händen und sehen uns tief in die Augen

Die Zeit scheint still zu stehen ...

SNIVELLUS HAT EINE KLEINE FREUNDIN ..."

Erschrocken fahren wir auseinander

Der Zauber des Moments ist dahin ...

Potter!

Natürlich wieder Potter!

„John!"

Jimbo hatte ihn an der Schulter gepackt.

„John, alles in Ordnung?"

„Ja, nur ein Tagtraum."

„Ich wünschte, ich könnte mich an irgendwas erinnern, wie schrecklich es auch wäre..."

Sie gingen die Straße entlang, der Schnee peitschte ihnen entgegen und fühlte sich auf der Haut wie scharfe Nadeln an.

John hatte plötzlich das Gefühl einer großen Bedrohung – Gefahr!

Er zog den Zauberstab aus der Tasche und hielt ihn ausgestreckt in der rechten Hand. Was er genau damit tun sollte, wusste er nicht, aber er gab ihm ein Gefühl der Sicherheit.

Es wurde kälter.

Aus dem Schneeregen wurde Hagel, der so dicht fiel wie ein Vorhang.

Und aus diesem weißen Alptraum kamen sie ...

wie eine Armee aus den Tiefen der Hölle ...

das Grauen ...

ein Ring legte sich um Johns Brust ...

er konnte nicht mehr atmen ...

nicht mehr denken ...

nicht mehr fühlen ...

nicht mehr schreien ...

Noch bevor willkommene Dunkelheit ihn umfing spürte er, wie ihm jemand den Holzstab aus der Hand zog und er hörte ein Rufen, das wie „Expect the patron" klang ... diese Stimme hatte er noch nie gehört ... wer war das? ...

Dunkelheit ...

Nie wieder aufwachen müssen ...

Igor?"

Ja, mein Freund."

Hast Du mich auch verraten?"

Dich und alle anderen. Du weißt nicht wie es dort ist ... Du weißt nicht, wie sie sind ... Sie rauben deine Seele, sie stehlen alles, was dich zum Menschen macht ... Ich bin nicht nur schlecht ..."

Ich weiß. Nikita hat mir von dir erzählt."

„Nikita ... Meine Taube ... Das einzige, was ich jemals richtig gemacht habe ... Versprich mir, dass du zu ihr zurück gehst ... versprich mir, dass du sie beschützt ... und sage ihr, dass ich sie mehr geliebt habe als Worte es jemals ausdrücken können ... sie hat meine Seele berührt. Geh!"

John erwachte auf dem kalten, nassen Kopfsteinpflaster.

Jimbo hatte sich über ihn gebeugt und hielt ihn wie ein Kind. Big Al stand breitbeinig mitten auf der Straße, in der Hand hielt er den Zauberstab, dem eine Art Nebel entströmte. Der Nebel hatte die Form einer ... Lokomotive? Dampfwalze?

John richtete sich auf. Ihm wurde schwindlig, übel, sein Kopf schmerzte.

„Was ist geschehen?" fragte er.

„Das wüsste ich selbst gern'," antwortete Jimbo. „Big Al hat das Holzding genommen, ´was geschrieen, dann kam das weiße Zeugs aus der Spitze und die Kapuzenbrüder waren weg."

„Mir ist kalt," sagte John.

„Komm, wir können hier ohnehin nich' bleiben."

Jimbo hob John hoch und stellte ihn auf die Beine.

„Kannst du gehen?" fragte er.

„Ja," antwortete John. Um nichts auf der Welt hätte er zugelassen, dass Jimbo ihn trug.

Sie gingen die Straße entlang bis sie zu einem noch relativ intakten Gebäude kamen, das anscheinend einmal eine Gaststätte gewesen war. Ein altes, verwittertes Blechschild klapperte im Wind, „Die drei Besen" konnte John mit Mühe entziffern.

Ihm war auch nicht entgangen, dass Big Al – den Zauberstab noch immer ausgestreckt in der Hand haltend – die Gegend abgesucht hatte. Aber die furchtbaren Gestalten waren verschwunden.

Sie betraten den Raum, der einmal die Gaststube gewesen war. Tische und Stühle lagen auf dem Boden als sei der Sturm hindurchgefegt.

Jimbo brachte John zum Kamin und setzte ihn auf einen der Ohrensessel. Dann schichtete er Holz und entzündete schließlich ein Feuer. Big Al war unterdessen in die Küche gegangen. Nachdem Jimbo noch die umgeworfenen Möbel aufgehoben und wieder hingestellt hatte, saßen sie am Kamin, tranken den Tee, den Big Al gekocht hatte und wärmten sich an den prasselnden Flammen.

„Was war'n da los?" fragte Jimbo John. „Bist umgefallen wie ein toter Baum, kein Leben war mehr in dir."

„Ich glaube, ich war tot," antwortete John, „ich habe Igor gesehen, er hat mich zurückgeschickt."

„Wer is'n Igor?" fragte Jimbo weiter.

„Nikitas Mann. Er ist aber tot, schon ein paar Jahre. Nikita trauert immer noch."

Die Männer schwiegen.

John fühlte, wie die Wärme sich in ihm ausbreitete und seine Angst nachließ.

Von irgendwoher kam eine große orangefarbene Katze, die einen erstaunlich wohlgenährten Eindruck machte. Sie strich um Jimbos Beine, dann um Big Als Prothese und landete schließlich mit einem großen Satz auf Johns Schoß. Dort drehte sie sich ein paar Mal um die eigene Achse, legte sich schließlich hin und begann, laut zu schnurren. Johns freie Hand versank förmlich in ihrem weichen Fell. Er mochte Katzen, ihre sinnliche Ausstrahlung, diese personifizierte perfekte Harmonie.

Er sah Big Al an und sagte: „Danke. Was auch immer du da draußen getan hast, du hast uns das Leben gerettet. Danke."

Big Al sagte nichts und starrte John an. Der Blick aus dem einen Auge war so intensiv und forschend, dass sich John abwenden musste. Er fühlte sich als sei bei etwas Verbotenem ertappt worden.

Stattdessen sah er aus dem Fenster. Jetzt da der Schneefall aufgehört hatte, erhoben sich die Ruinen der Burg aus dem Nebel.

Bellatrix steht hinter mir, ich spüre ihren warmen Körper, der sich an mich lehnt, ihre Arme, die sie um meine Hüften gelegt haben und ihren Atem an meinem Hals.

Ich sehe aus dem Fenster, hinauf zur Burg. Dort werde ich wieder hingehen – doch nicht mehr als Schüler, sondern als Lehrer.

Bella schluchzt – diesmal ist es ein Abschied für immer.

„Warum hast Du mich nie gefragt ...?"

„Wir sollten zur Burg gehen," sagte John zu seinen Gefährten.

„Warum?" fragte Jimbo.

„Ich war dort, erst als Schüler, dann als Lehrer. Die Antworten, die wir suchen, sind auf der Burg."

„Nun gut," erwiderte Jimbo, „aber wir sollten erst mal ´was essen. Schlachten schlägt man nich' mit leerem Magen."

Big Al war aufgestanden, zu John gekommen und hatte ihm den Zauberstab wieder in die Hand gedrückt. John sah ihn fragend an, Big Al nickte kurz, fast schien es als ob er lächelte.

Nach einem Mittagessen, das aus aufgewärmten Konserven bestand, brachen sie auf.

Mittlerweile hatte es wieder begonnen, zu schneien, aber es war nicht mit dem Unwetter vergleichbar, das am Vormittag die furchtbaren Gestalten mit sich gebracht hatte.

Während sie den Ort verließen und zur Burg hoch gingen dachte John über Big Al nach.

Er konnte sprechen – warum hatte er dann nur keine der Fragen beantwortet, die John und Jimbo ihm während des Essens gestellt hatten?

John hatte ihm seinen Notizblock und einen Kugelschreiber gegeben, aber Big Al hatte beides von sich geschoben und dabei leise gelächelt.

Was wusste Big Al?

Und warum schwieg er so eisern?

Sie hatten die Ruine schon fast erreicht als sich vor ihnen eine Nebelwand auftürmte. Vom Dorf unten war sie nicht zu sehen gewesen, hier aber schien sie undurchdringlich. Kalte Schwaden waberten um die drei Männer, sie blieben stehen und sahen sich um.

Schließlich zog John den hölzernen Stab aus der Tasche und hielt ihn in seiner ausgestreckten rechten Hand.

„Was is'n das eigentlich für'n Ding?" fragte Jimbo neugierig.

„Nun ja," antwortete John, „glaubt man Nikita, so ist das ein Zauberstab. Sie denkt, dass wir aus einer parallelen Realität kommen, einer, in der es Zauberei und Magie gibt. Wir sind wahrscheinlich Zauberer."

„Und deine Professorin is' verrückt!" erwiderte Jimbo ärgerlich.

„Das habe ich auch erst gedacht," sagte John ruhig, „aber mittlerweile bin ich anderer Ansicht. Ich habe viele Visionen und Träume, die sich nur so erklären lassen."

„Was is' mit den Kapuzenbrüdern, die dir heute morgen so'n Schrecken eingejagt haben?" fragte Jimbo weiter.

„Magische Kreaturen," antwortete John. „Sie haben eine Art ... Gefängnis bewacht. Ich war dort eingesperrt, ebenso Igor und Bella."

„Wer is'n Bella?" Jimbo konnte wirklich eine ziemliche Nervensäge sein.

„Später," sagte John. „Wir sollten weitergehen."

Als John den Nebel mit dem Stab berührte, bildeten sich Wirbel, schließlich wurden die Schwaden dünner und ein Sog entstand.

„Der Durchgang," flüsterte John.

„Was'n für'n Durchgang?" fragte Jimbo.

„Der Durchgang in die Realität der Magier und Zauberer," antwortete John und schritt, gefolgt von seinen beiden Gefährten, durch den Nebel.