8.

Die Sonne schien.

Vor ihnen erhob sich die Burg, trutzig und uneinnehmbar.

Das war nicht die Ruine, die sie von unten gesehen hatten, dieses Gebäude war noch weitestgehend intakt, auch wenn sich einige Beschädigungen nicht leugnen ließen.

„Wo sin' wir?" fragte Jimbo mit ehrfürchtig leiser, tonloser Stimme.

„In einer anderen Realität."

John hoffte, dass es die „richtige" andere Realität war.

Sie gingen weiter, plötzlich schrie Jimbo auf. Er zeigte auf eine Ruine, offensichtlich hatte dort eine Hütte gestanden, die jedoch abgebrannt war.

Verkohlte Baumstümpfe, herumliegendes Holz und – scheinbar hastig ausgehobene und wieder zugeschüttete Gruben.

Aus der Erde ragte eine Hand. Die Knochen waren schon deutlich zu sehen, Haut und Gewebe hingen daran herab.

John spürte wie ihm sein Mittagessen wieder entgegen kam. Rasch nahm er einen Schluck aus seiner Wasserflasche, das Gefühl des Ekels schwand.

„Gräber," sagte er. „Massengräber. Und offensichtlich haben es die Bestatter eilig gehabt."

Er dachte an die Gräber namenloser Opfer in Bosnien, über die er einen Bericht im Radio gehört hatte.

Big Al stieß John leicht an und deutete auf die andere Seite. Dort waren ebenfalls Gräber, aber nicht hastig ausgehoben und wieder zugeschüttet, sondern liebevoll angelegt, mit Grabsteinen versehen, zum Teil sogar mit Blumen geschmückt.

John ging durch die Reihen und las die Aufschriften der Gedenksteine.

„Lucius Malfoy – unvergessen."

„Antonin Dolohov – unvergessen."

„Bellatrix LeStrange – unvergessen."

Bellatrix – Bella.

Er versuchte, sich an ihr Gesicht zu erinnern, aber er konnte es nicht.

Er hörte nur ihre Stimme ...

Wir sollten nicht hier sein ...

warum hast du mich nie gefragt?"

Er spürte einen Arm auf seiner Schulter, es war Big Al.

Die beiden Männer blieben eine ganze Weile schweigend stehen, dann wandte sich Big Al ab und zog John mit sich.

Einige Minuten später betraten sie den Burghof. Er wirkte verlassen, kein Geräusch war zu hören, noch nicht einmal ein Vogel sang.

John hatte das Schweigen der letzten Minuten schon fast genossen, er wäre ohnehin nicht in der Stimmung gewesen, Jimbos Fragen zu beantworten. Bella war wichtig für ihn gewesen, er hatte so sehr gehofft, mit ihr sprechen zu können – dass sie tot sein könnte war ihm nie in den Sinn gekommen.

Abwesend und in Gedanken versunken kratzte er sich am linken Unterarm. Irgend etwas juckte und brannte dort. Er zog den Ärmel seiner Jacke hoch und starrte fassungslos auf – Schädel und Schlange.

„Was is'n das?" fragte Jimbo. „Sieht irgendwie frisch aus."

„Es ist so eine Art Zeichen für den Geheimbund, dem Igor und ich uns angeschlossen haben. Einmal abgesehen von ein paar Narben war das Ding verschwunden, warum es jetzt wieder auftaucht ... ich weiß es nicht."

Ein Knarren.

Erschrocken drehten sich die drei Männer um. Sie stiegen eine breite Treppe hinauf und standen vor einem großen, massiven Tor aus Holzbohlen, das sich nun langsam öffnete.

„Eintreten, geehrte Herren, der Meister wartet."

Das piepsige, leise Stimmchen kam von unten.

John hätte fast laut aufgeschrieen als er die Kreatur zu seinen Füßen sah. Sie war nur etwa drei Fuß groß, grau, hatte Ärmchen und Beinchen wie Zündhölzer, aber einen dicken Bauch, der nur notdürftig von einem karierten Tuch verdeckt wurde. Der Kopf war unförmig, kahl, nur aus den Ohrmuscheln sprossen einige Haare. Was aber Johns Blicke fesselte, waren die Augen des Wesens: groß, dunkel und von einer unsagbaren Traurigkeit.

„Was zum Henker is'n das?" fragte Jimbo leise.

„Ich weiß es nicht," flüsterte John zurück, „aber ich denke, es ist eher ein Wer als ein Was."

Das kleine Wesen war schon halb durch die Halle gelaufen, als es sich umdrehte und feststellte, dass die Männer ihm nicht folgten.

„Mitkommen," piepste es, „Mitkommen zum Meister."

Die drei Männer sahen sich an und folgten dann der Kreatur.

John hatte den Eindruck, dass sie schon seit Stunden durch die Burg liefen. Treppen hinauf, Treppen hinunter, durch Korridore, die kein Ende nehmen wollten. Sie begegneten keinem Menschen, auch keiner anderen irgendwie gearteten Kreatur. Ihr Führer (John konnte sich einfach nicht entscheiden, ob das Wesen männlich oder weiblich war) schien aber genau zu wissen, wohin es wollte.

Schließlich standen sie vor einer Tür, die von zwei furchteinflößenden Skulpturen – Drachen? Schlangen? Reptilien? – bewacht wurde. Das kleine Wesen blieb davor stehen und piepste: „Tod den Schlammblütern!"

Die Skulpturen schwangen beiseite, die Tür öffnete sich und gab den Blick auf eine Wendeltreppe frei.

„Kommen, geehrte Herren, kommen," sagte das kleine Wesen.

Es bestieg die Wendeltreppe, die drei Männer folgten ihm und wurden plötzlich nach oben getragen ohne das sie nur eine Stufe gehen mussten.

„Ist das jetzt eine Rolltreppe oder ein Fahrstuhl?" flüsterte John.

Big Al nahm seinen Arm, schüttelte den Kopf und legte sich den Zeigefinger auf den Mund.

Oben angekommen, führte das Wesen sie in einen kreisrunden Raum. Das Zimmer wurde schwach von Kerzen erleuchtet, es war mit Teppichen ausgelegt, die sehr teuer wirkten, in der Mitte stand ein großer Schreibtisch aus poliertem Holz und an diesem lehnte ein junger Mann.

Er war groß und sehr dünn, sein blasses Gesicht wurde von weißblondem Haar umrahmt.

Der blutende Junge aus der Toilettenanlage.

Er sah die Ankömmlinge mit einer Mischung aus Spott und Verachtung an.

„Alastor Moody, Rubeus Hagrid, Severus Snape ... na, wenn das keine Überraschung ist ..."

Er blieb vor John stehen und sah ihm in die Augen.

„Wir haben euch für tot gehalten, aber die Berichte über euer Ableben waren wohl stark verfrüht ..."

Er lachte über seinen Scherz.

Dann fiel sein Blick auf die kleine Kreatur, die die drei Männer in das Zimmer gebracht hatte, er zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf das Wesen, das daraufhin zur Tür hinausflog und die Treppe hinunter fiel als sei es geschlagen worden.

„Verdammte Hauselfen ... zu nichts zu gebrauchen, aber krankhaft neugierig!"

John wollte auf den jungen Mann losgehen, aber ein warnender Blick von Big Al ließ ihn innehalten.

Der blonde Mann wandte sich wieder den dreien zu.

„Wo ist er?" fragte er mit schneidender Stimme. „Ist er auch noch am Leben?"

„Wer?" gab John zurück.

„Harry Potter? Wo ist der verdammte Bastard? Ich habe die Dementoren ausgeschickt, ihn zu suchen, aber bis jetzt haben sie ihn nicht gefunden."

Die drei Männer schwiegen.

John hatte das Gefühl, dass – egal was er sagen würde – die Antwort falsch wäre.

Und was waren Dementoren?

Der junge Mann blickte John direkt in die Augen.

Bewundernd starre ich mein Selbst an

Einen großen Mann mit langen, schwarzen Haaren.

Ihr seid hier, um die schwere Wissenschaft und die exakte Kunst des Zaubertränkebrauens ..."

Mein Selbst läuft durch die Burg ins Freie.

Immer wieder muss er Feinde abwehren.

Sein Zauberstab sprüht rote Funken und grüne Blitze.

Wir laufen einen Hügel hinab zum See.

Sein Zauberstab setzt eine Hütte in Brand

Das verwirrt die Verfolger.

Beeile Dich, Draco, lauf schneller!"

Mein Selbst zerrt mich hinter sich her NEIN!

John musste sich an Jimbo festhalten, ihm war schwindelig und sein Kopf schmerzte wie noch niemals zuvor in seinem Leben.

Der junge Mann sah ihn wieder an.

„Ich habe doch glatt vergessen, dass Okklumentik das einzige ist, das sie noch besser können als Legilimentik."

Big Al sah John an, doch dieser zuckte nur leicht mit den Schultern.

„Ich frage nur noch einmal," sagte der junge Mann drohend, „WO IST ER?"

Er streckte wieder den Arm aus, dessen Hand noch immer den Zauberstab hielt und Jimbo begann, vor Schmerzen zu schreien und sich am Boden zu winden.

„Sagt mir, wo Potter ist, und ich beende das sofort."

John holte tief Luft und griff vorsichtig in seine Jackentasche. Er spürte Igors Zauberstab zwischen den Finger, atmete nochmals ein, streckte die Hand in Richtung des jungen Mannes aus und schrie „Avada Kedavra."

Die grünen Blitze prallten an dem Mann ab als wäre eine unsichtbare Mauer um ihn gezogen.

Der junge Mann sah John an.

„Also wirklich, Snape, sie sollten es doch besser wissen. Schließlich haben sie mir diesen Zauber beigebracht."

Big Al hatte die Tatsache, dass der junge Mann abgelenkt war, ausgenutzt, sich etwas Großes von der Kommode hinter ihm gegriffen und war jetzt – mit einer Geschicklichkeit und Lautlosigkeit, die ihm John nie zugetraut hätte – hinter ihren Peiniger getreten und schlug ihm den Gegenstand hart auf den Kopf. Die Kristallvase zersplitterte in Tausende von Scherben, der Blonde fiel um wie ein Stein und Jimbos Schmerzensschreie endeten so abrupt wie sie begonnen hatten.

„Jimbo, Jimbo ..." schrie John und beugte sich über seinen Freund.

„Alles in Ordnung," murmelte Jimbo. „In meinem Rucksack ist Paketband, machen wir doch ein hübsches Bündel aus unserem jungen Freund hier ... beeilt Euch, bevor er wieder zu sich kommt."

Einige Minuten später waren die Hände des unbekannten Mannes auf dem Rücken zusammen gebunden und mit den gefesselten Füßen verbunden. Mund und Augen waren ebenfalls verklebt.

„Verschicken wir ihn als Muster ohne Wert, dann kostet's nicht so viel Porto ..."

Jimbo hatte sich schnell erholt, sogar Witzchen konnte er wieder machen – John war erleichtert.

Dann fiel ihm das kleine Wesen wieder ein, das sie hierher gebracht hatte.

„Kommt mit," sagte er zu Jimbo und Big Al.

Big Al schnappte sich den Zauberstab des jungen Mannes, was Jimbo zu der Bemerkung veranlasste: „Jetzt müssen wir nur noch einen erledigen, dann habe ich auch ´ne Waffe."

Und sie liefen die Treppe hinunter.

Die Kreatur lag auf dem Korridor und wimmerte leise. Eines ihrer Beinchen war unnatürlich verdreht.

„Gebrochen," sagte Jimbo, „verdammt! Wenigstens ist's kein offener Bruch."

„Du scheinst dich mit so etwas auszukennen," bemerkte John während er sich über das kleine Wesen beugte.

„Bin Tierpfleger, schon vergessen? Kümmere mich sonst um Elefanten, aber was soll's? Bein is' Bein. Und das hier is' gebrochen. Brauche ´was zum Schienen, ´was zum Betäuben und zum Desinfizieren."

John bedeutete Big Al, bei Jimbo zu bleiben und wollte wieder in das Zimmer hochgehen, aber die Tür hatte sich geschlossen, bewacht von den gruseligen Skulpturen.

„Verd..."

„Was is'n?"

„Die Tür ..."

„Der Kleine hat doch irgendwas gesagt, irgendwas mit „Schlamm" und dann ging die Tür auf."

„Du hast Recht."

John hob den Zauberstab, stellte sich vor die Skulpturen und sagte: „Tod den Schlammblütern."

Die Skulpturen schwangen beiseite, die Tür öffnete sich und die Wendeltreppe erschien.

Oben in dem kreisrunden Raum angekommen nahm John rasch eine Karaffe mit etwas, von dem er hoffte, dass es Brandy oder Whiskey war, sowie mehrere metallene Stäbe, deren Funktion ihm nicht klar war und eilte wieder nach unten.

Jimbo schnupperte an der Karaffe und grunzte zufrieden. Er flößte dem Wesen zwei Schlucke davon ein, strich ihm über den Kopf und sagte leise: „Es wird jetzt wehtun, ich muss den Bruch richten. Aber danach wird's dir besser gehen."

Johns Bedarf an Schmerzensschreien war gedeckt, er bedeutete Big Al, bei Jimbo zu bleiben und ging nochmals nach oben in den Raum.

Der gut verschnürte junge Mann hatte das Bewusstsein wiedererlangt und gab einige dumpfe Laute von sich. John sah ihn an, dann trat er ihm fest in den Unterleib.

„Das war für Jimbo!" sagte er. Dann trat er nochmals zu.

„Und das war für den kleinen Kerl, den du die Treppe hinunter gestoßen hast!"

Sein letzter Tritt traf den Kopf des Jungen. „Für all das, von dem ich noch nichts weiß!"

John wandte sich ab, nahm einen der Halter, in dem ein halbes Dutzend Kerzen brannten und sah sich in dem Raum um. Die Bilder an den Wänden waren ihm bislang noch nicht aufgefallen, da sie im Halbdunkel gelegen hatten, aber jetzt sah er sie sich genau an. Sie zeigten das Innere von Verliesen, hinter den Gitterstäben lagen Menschen – Männer und Frauen – angekettet an die steinernen Wände, mit Knebeln, die sie am Reden hinderten. Ihre Augen jedoch flehten ihn an, etwas zu tun. Ein Bild fehlte, der helle Fleck an der Wand war wie eine Anklage.

John tippte die Bilder mit seinem Zauberstab an, aber nichts geschah. Wahrscheinlich musste er irgend etwas sagen, um die Gefangenen zu befreien, er wusste aber nicht, was.

Dann ging er zurück zum Schreibtisch, auf dem nur ein paar Bögen eines merkwürdigen Papiers, einige Federn und ein Glas mit dunkler Tinte waren.

Er setzte sich auf den schweren Ledersessel und zog die Schubladen auf.

Noch mehr von dem Papier, das sich so komisch anfühlte.

Komisch und doch vertraut.

Eine hölzerne Schatulle – leer.

Schließlich fand er ein großes, schweres Buch mit einem abgegriffenen Ledereinband.

„Hogwarts – Schule für Magie und Zauberei" war in verschnörkelten, goldenen Lettern eingeprägt.

Er schlug das Buch auf.

Die Überschriften waren vierstellige Zahlen, darunter standen lange Listen von Namen, getrennt nach Lehrern (mit ihren Unterrichtsfächern) und Schülern. Die Schüler waren in vier Gruppen unterteilt, die einzelnen Bezeichnungen lauteten: „Hufflepuff", „Ravenclaw", „Gryffindor" und „Slytherin".

Die Zahlen dürften wohl die Jahre angeben, er begann zu rechnen. Vor etwa dreißig Jahren müsste er hier Schülern gewesen sein und irgendwann dann später Lehrer.

Und tatsächlich: er fand den Namen „Severus Snape".

Sieben Jahre lang wurde er als Schüler in der Rubrik „Slytherin" geführt, und dann acht Jahre später erstmals als Lehrer. Sein Fach waren fünfzehn Jahre lang „Zaubertränke" gewesen, im sechzehnten Jahr seiner Tätigkeit hatte er jedoch „Verteidigung gegen die dunklen Künste" unterrichtet. Außerdem war er der Verantwortliche für die Slytherin-Gruppe gewesen. Danach hatte er dem Lehrkörper nicht mehr angehört – hatte er die Schule freiwillig verlassen und war er gefeuert worden?

Wie hatte der blonde Bastard seine beiden Freunde genannt?

Rubeus Hagrid und Alastor Moody.

Er suchte und fand den Namen Hagrid als Schüler, aber nur drei Jahre lang. Im dritten Jahr standen zwei Zusätze bei seinem Namen: „Ausgeschlossen" und „Magieverbot."

Jimbo hatte die Schule jedoch nicht wirklich verlassen müssen, er wurde als „Wildhüter" weiter geführt. Zu der Zeit als John bereits dort lehrte, wurde er dann zum Lehrer für die „Pflege magischer Kreaturen" befördert. Was erklärte, warum er mit Tieren und merkwürdigen Wesen so gut zurecht kam.

Was John jedoch wirklich stutzig machte, war das Eintrittsjahr Jimbos. Wenn das stimmte, müsste Jimbo zwischen sechzig und siebzig Jahren alt sein – John hätte ihn auf bestenfalls fünfzig geschätzt.

Gerade als er den Namen „Alastor Moody" suchen wollte, kamen Big Al und Jimbo in den Raum, letzterer trug das kleine Wesen. Den Bruch hatte er mit den Stäben, die John ihm gebracht hatte und Paketband geschient.

Wie viele Rollen von dem Zeug hatte Jimbo bloß mitgenommen?

Und wozu?

Dass es ihm hier so gute Dienste leisten würde, hatte er wohl kaum ahnen können?

Jimbo stellte die – nun erheblich entleerte – Karaffe auf den Schreibtisch. Der Geruch nach Alkohol war so intensiv, dass John fürchtete, gleich ohnmächtig zu werden.

„Hast Du in dem Zeug gebadet?" fragte er Jimbo.

„Nur die Hände," erwiderte dieser. „Na ja, einen Schluck habe ich mir genehmigt, aber es schmeckt scheußlich. n kühles Bier is' mir lieber. Gibt es hier ein Bad? Müsste mir ´mal die Hände waschen."

John zuckte mit den Schultern und berichtete, was er heraus gefunden hatte.

Jimbo legte das Wesen, das mit einem seligen Gesichtsausdruck schlief, auf eine kleine Couch, nahm dann das Buch und begann, die Namen zu lesen.

„Warum wurdest du vom Unterricht ausgeschlossen?" fragte John.

„Keine Ahnung," erwiderte Jimbo. „Aber das ist komisch, guck mal!"

Jimbo legte das Buch wieder auf den Schreibtisch und zeigte auf einen Namen. Der Junge war zusammen mit Jimbo hier gewesen, hatte aber die ganzen sieben Jahre absolviert. Im letzten Jahr war sein Name mit roter Tinte geschrieben worden (alle anderen Einträge waren schwarz) und jemand hatte noch zwei Bemerkungen hinzugefügt.

John las die Zeile laut vor: „Tom Riddle alias Lord Voldemort – Hogwarts' größter Irrtum."

John ging die Namen derer durch, die während seiner Zeit hier vermerkt waren. So fand er schließlich auch Big Al. Er war Lehrer gewesen und hatte „Verteidigung gegen die dunklen Künste" unterrichtet, allerdings nur ein Jahr lang.

In diesem speziellen Fach herrschte eine unglaubliche Fluktuation, kein Lehrer war länger als ein Jahr geblieben und keiner von ihnen hatte danach etwas anderes unterrichtet.

John sah Big Al an, schätzte ihn auf etwa fünfzig Jahre und begann, im entsprechenden Zeitraum seinen Namen unter den Schülern zu suchen, wurde jedoch nicht fündig.

„Vielleicht war Big Al nich' hier," meinte Jimbo, „wird sicher noch mehr Schulen geben."

„Wir haben es wenigstens versucht," antwortete John, „tut mir leid, Big Al."

Während sich Jimbo mit dem Verzeichnis zu dem Wesen auf die Couch setzte und die Namen durchging, besah sich John den anderen Inhalt der Schreibtischschubladen.

Er fand noch mehrere Haushaltsbücher. Fein säuberlich waren die Schulgelder aufgelistet, die die Schüler (oder vielmehr deren Eltern) zahlten und die Ausgaben für Verpflegung, die Lernmittelausstattung und die Lehrergehälter.

John starrte auf den Betrag, der hinter seinem Namen stand. Verglichen mit seinem Salär als Lehrkraft bezahlte ihn Nikita geradezu fürstlich für Garten- und Haushaltsarbeiten. Wenn das hier überhaupt britische Pfund waren?

„John, das musst du dir ansehen!"

Jimbo war wieder an den Schreibtisch gekommen, hatte das Verzeichnis vor John hingelegt und seinen Finger auf einen Namen gelegt.

„Harry Potter."

Auch hinter diesem Namen war ein Zusatz vermerkt: „Der Junge, der lebte!"

„Das is' doch der, nach dem der blonde Bastard gefragt hat, oder?"

John nickte und blätterte in dem Buch.

Harry Potter war sieben Jahre lang hier gewesen, sein vorletztes Jahr war John letztes Jahr gewesen. Und Harrys letztes Jahr in Hogwarts war gleichzeitig auch das letzte Jahr gewesen, in dem überhaupt noch unterrichtet wurde.

John wusste zwar immer noch nicht was, aber wusste wenigstens schon einmal, wann es geschehen war.

Er stand auf und ging im Raum umher. Irgend etwas hatte er die ganze Zeit vermisst, aber er wusste einfach nicht, was.

„Wo sind die Bücher?" fragte er plötzlich.

„Welche Bücher?" fragte Jimbo zurück.

„Na, das hier ist – oder vielmehr war – doch einmal eine Schule? Wie haben die Schüler gelernt? Es muss doch irgendwo Bücher geben, vielleicht sogar Computer oder Internet!"

John blickte auf die Kreatur mit ihrem geschienten Bein. Sie schlief noch immer und schnarchte leise.

„Weck es auf, Jimbo! Er wird uns sicher sagen können, wo wir die Bibliothek finden."

„Wird nich' leicht, musste ihm ´ne Menge von dem Zeugs aus dem Krug einflößen. Es hatte ordentliche Schmerzen."

„Weck es trotzdem! Es muss uns nur ein paar Fragen beantworten, dann kann es weiterschlafen."

Doch Jimbo schaffte es einfach nicht, das kleine Wesen wieder aufzuwecken.

Der gut verschnürte junge Mann war jedoch wieder zu Bewusstsein bekommen und gab klagende Laute von sich.

John zog ihm mit einem Ruck das Paketband vom Mund und schrie ihn an: „Wer bist du? Wo sind die anderen? Wo ist die Bibliothek?"

„Von mir erfährst du nichts, Verräter!"

Er spuckte aus, John konnte ihm gerade noch ausweichen.

Was hatte der Mann gesagt? „Das einzige, was du besser kannst als Legi-was-auch-immer ist Okklu-was-auch-immer."

Es hatte Momente in den letzten Monaten gegeben, in denen John sich selbst unheimlich gewesen war.

Er hatte einer alten, sehr dicken Frau, die sich zu ihm auf eine Parkbank gesetzt und seufzend ihre vielen Einkaufstüten abgestellt hatte, in die Augen gesehen. Plötzlich stand er in einer Küche, während eine nörgelnde und nicht mehr ganz nüchtern klingende Männerstimme „Wo bleibt denn mein Essen, Alte?" schrie.

Er musste der Frau Angst gemacht haben, denn sie nahm hastig ihre Tüten und watschelte so schnell sie konnte weg von ihm.

Ebensoviel Angst wie der jungen Frau, die in der U-Bahn versonnen an ihrem Ehering spielte. Plötzlich spürte er die heiße Umarmung eines Mannes und eine Mischung aus Angst, schlechtem Gewissen und Begehren.

Legi-was-auch-immer?

Konnte er Gedanken lesen?

Einen Versuch war es wohl wert.

Er zog dem jungen Mann das Paketband von den Augen, ignorierte seinen Schmerzensschrei und fixierte ihn.

Alles an diesem Mann schien blass und wässerig zu sein – die Haut, die Haare und diese merkwürdigen blauen Augen.

„Wer ist noch hier?" fragte John lautlos.

Ich befinde mich in einem Raum, der nur von einem Fenster hoch oben schwaches Licht bekommt.

Flaschen und Gefäße liegen überall herum, größtenteils zerbrochen.

Ich höre Geräusche.

Der Kontakt brach ab.

„Verräter!" schrie der blonde Mann, „elender Verräter!"

John verklebte ihm wieder Mund und Augen und widerstand der Versuchung, nochmals zuzutreten.

„Was jetzt?" fragte Jimbo.

„Es ist noch jemand hier," antwortete John. „Er ist irgendwo im Keller. Aber wir brauchen unseren kleinen Freund hier, sonst verlaufen wir uns nur."

Jimbo schüttelte das Wesen sanft, und nach einigen Minuten schlug es wirklich seine überproportional großen Augen auf. Sein Blick fiel auf den verklebten Mann am Boden.

„Meister?" schrie es, „Meister? Oh, Meister?"

Es blickte Jimbo an.

„Was haben ehrenwerte Herren getan? Mein Meister, Bing muss befreien Meister!"

„Bist du wahnsinnig?" fragte Jimbo entgeistert.

„Dein sogenannter Meister hat dir das angetan." Er deutete auf das geschiente Bein der Kreatur. „Und so einen willst du befreien?"

„Bings Meister! Bings Meister darf alles. Bing ist Diener."

„Bing is' verrückt," sagte Jimbo.

„Wo sind die anderen?" fragte John das Wesen, dessen Name wohl Bing war.

„Keine anderen. Nur der Meister und der Tränkebrauer."

„Bring uns zum diesem Tränkebrauer!" befahl John.

„Nein. Bing muss Meister befreien!"

Jimbo füllte etwas aus der Karaffe in eine kleine Flasche, die er fest verkorkte und in seine Jackentasche steckte, nahm Bing in die Arme und ging die Treppe hinunter, gefolgt von Big Al und John.

„Du bringst uns jetzt zum Tränkebrauer, kapiert? Sonst kriegst Du keinen Saft mehr!"

Bing warf einen letzten flehentlichen Blick zur sich schließenden Tür und den Statuen, nickte schließlich und dirigierte die Männer in den Keller.

Als sie die letzte Treppe hinabgestiegen und einen feuchten Korridor entlang gingen hatte John das Gefühl eines Deja-vu.

Diese Umgebung kam ihm bekannt, geradezu vertraut vor.

Er öffnete eine schwere hölzerne Tür und blickte in einen Saal voller Tische und Bänke. Auf der anderen Seite stand – etwas erhaben – ein Schreibtisch, eine Tafel hing an der Wand.

Was ist so wichtig?"

Igor und ich stehen in einem großen, dunklen Raum mit Tischen und Bänken – ein Lehrsaal offensichtlich.

Außer einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der etwas vom Boden aufwischt, sind keine Schüler mehr da.

Igor und ich stehen vorne am Lehrerpult, er beantwortet mit leiser Stimme meine Frage: „Das hier."

Er schiebt den linken Ärmel seines Umhanges hoch, dreht den Arm um und deutet auf eine Tätowierung. Ein Schädel, aus dem eine große Schlange hervorkommt.

Siehst Du das? Noch nie war es deutlicher, nicht seit ..."

Verdecke es," sage ich, während ich durch den Raum zur Tür blicke.

Aber du musst bemerkt haben ..."

Später, Karkaroff!"

Ich sehe den Jungen zwischen den Bänken

Was tun sie denn noch hier, Potter?"

Der Junge steht auf und hält einen triefenden Lappen in der Hand,

ich habe etwas verschüttet, Herr Professor."

Der Junge hat eine Narbe auf der Stirn.

„Was is'n los, John?"

Jimbo hatte John in den Saal gezogen und die Tür geschlossen. Seine Stimme holte ihn aus seinem Tagtraum.

„Ich habe Harry Potter gesehen," antwortet John mit leiser Stimme. „Ein Junge mit abstehenden Haaren und einer Narbe auf der Stirn."

John ging im Geiste die Notizbücher der anderen Gestrandeten durch. Irgendwas war da mit einer Narbe gewesen.

Einer der Schreiber hatte eine alte Verletzung auf seiner Stirn erwähnt, deren Herkunft so unklar gewesen war wie die der Kratzer auf Johns linkem Unterarm. Aber wer war es nur gewesen?

„Dieser Harry Potter lebt," erklärte John, „er ist einer derjenigen, die in der anderen Realität gelandet sind."

„Wie heißt er jetzt?" fragte Jimbo.

„Ich kann mich einfach nicht erinnern."

„James Potter war damals der einzige Name, der mir eingefallen ist. Wusste immer, dass es nich' mein Name nich' is', aber ... vielleicht ein Verwandter von Harry."

„Was hat doch gleich dieser blonde Bastard gesagt? Er hat seine Demen ... was auch immer ausgeschickt? Harry Potter könnte in Gefahr sein ..."

„Diese Demen ... sin' das die Kapuzenbrüder?" fragte Jimbo.

„Ich denke ja." antwortete John. „Aber das bringt jetzt nichts. Wir sollten weiter nach dem Tränkebrauer suchen."

Sie traten wieder auf den Korridor und öffneten die rechts neben dem Saal liegende Tür. Dahinter befand sich ein Büro.

Orientalische Teppiche, ein Schreibtisch, zwei Stühle davor, ein Sessel dahinter.

Bücherregale, die aber kaum Bücher enthielten, leere Flaschen und Gefäße, ein Kamin, in dem schon lange kein Feuer mehr gebrannt hatte. Keine Photos auf dem Kaminsims, auch sonst keine Dekorationen, keine Bilder an den Wänden.

John betrat den Raum ehrfurchtsvoll – er erinnerte sich. Er sah sich selbst am Schreibtisch sitzen und Aufsätze korrigieren. Er sah sich selbst den Unterricht vorbereiten, am Kamin sitzend Bücher und Zeitschriften lesen ...

„Mein Büro," flüsterte er.

„Sicher?" fragte Jimbo, ebenfalls mit leiser Stimme.

John nickte nur.

Er setzte sich an den Schreibtisch und sah sich um.

Wie bereits in dem runden Raum oben lagen hier nur Papier, Federn und ein Tintenfass, dessen Inhalt völlig eingetrocknet war.

John begann, die Schubladen aufzuziehen. Sie waren leer.

Er schüttelte den Kopf.

Jimbo legte Bing auf eine kleine zweisitzige Couch in einer Ecke.

Das Wesen war wieder eingeschlafen und Jimbo sagte: „Lassen wir ihn hier. Soll sich erst ´mal richtig ausschlafen."

Die drei Männer traten wieder auf den Korridor hinaus und öffneten weitere Türen.

Sie blickten in Säle mit verstaubten Betten, schon lange hatte hier niemand mehr geschlafen.

Sie fanden einen großen Raum, der wie ein gigantisches Wohnzimmer wirkte. Um einen Kamin herum gruppierten sich Sofas, Ohrensessel und große weiche Kissen. Spinnweben hingen von der Decke, die Feuerstelle war völlig verrußt.

Auf einem kleinen Tisch lag eine Zeitung.

John las die Schlagzeile „Minister Scrimgeour stirbt bei Inferi-Angriff auf Ministerium – neuer Minister Percy Weasley bildet Übergangsregierung."

John klemmte sich die Zeitung unter den Arm und sah sich um. Seine Blicke blieben an einer Kiste hängen, in der noch mehr Zeitungen lagen. Eine nach der anderen nahm er heraus und las die Schlagzeilen:

„Weasley-Haus in Ottery-St.-Catchpole Raub der Flammen. Minister Weasley verschwunden."

„Schulleiterin McGonagall spurlos verschwunden – Hogwarts bis auf weiteres geschlossen."

„Lord Voldemort lehnt Verhandlungen ab – verlangt bedingungslose Kapitulation."

„Angriff auf Grimmault Place – Widerstandsgruppe ‚Orden des Phönix' verschwunden."

„Kabinett beschließt Evakuierung von London."

„Antworten," dachte John, „hier finden wir unsere Antworten. Wenn wir doch nur mehr Zeit hätten ..."

Er legte die Zeitungen zurück und verließ das Zimmer.

Jimbo und Big Al hatten in andere Räume gesehen, auch sie standen jetzt im Korridor und schüttelten die Köpfe.

John lief zurück in das Klassenzimmer (er musste ein paar Türen öffnen, bevor er es wieder fand), ging schnellen Schrittes durch den Raum zur Tafel und suchte nach Kreide. Doch er fand keine – weder an der Tafel, noch auf oder im Schreibtisch. Er blickte von der Empore hinunter und ...

Ich eile durch den Saal

Bücher unter meinem linken Arm

Zauberstab in meiner rechten Hand

Meine Robe raschelt

Ich steige die zwei Treppen zur Empore hinauf

Und setze mich an den Schreibtisch

Ein neuer Jahrgang

Ich blicke über die Köpfe der Schüler hinweg

Vor mir liegt eine Liste mit Namen

Ich beginne, sie vorzulesen

Nach jedem Namen sagt jemand ja

Parkinson?"

Ja."

Patil?"

Ja."

Ich blicke auf den nächsten Namen in der Liste

Ich stutze

Ich sehe die Schüler an

Ach ja, Harry Potter. Unsere neue – Berühmtheit!"

Der blonde Junge in der ersten Reihe kichert

John fror.

Noch einmal sah er sich in dem verlassenen Raum um.

Keine Kreide.

Womit hatte er bloß an diese Tafel geschrieben?

„Wo warst Du bloß die ganze Zeit?" fragte Jimbo als John in den Flur zurückkam.

„Ich habe etwas gesucht, es aber nicht gefunden," antwortete John. „Hat jemand von Euch zufälligerweise Kreide dabei?"

„Kreide nich', aber vielleicht geht das auch?" erwiderte Jimbo und zog einen knallroten Lippenstift aus seiner Hosentasche.

John konnte sein Erstaunen nur schwer verbergen.

„Besser, ich frage nicht ..." sagte er.

„Kannst ruhig fragen, Kumpel. Markiere die Elefanten damit. Geht nicht gleich ab."

John nahm den Lippenstift (was bedeutete bloß „kussecht"?) und schrieb „Lehrsaal" an die Tür des Raumes, in dem er zuletzt gewesen war. Den Raum daneben beschriftete er mit „Büro" und so machte er weiter, bis alle Türen eine Bezeichnung trugen.

Fast alle Türen.

Eine hatten sie bislang übersehen. Sie war so dunkel, dass sie sich kaum vom sie umgebenden Mauerwerk abhob.

John öffnete sie und sah in einen schmalen Raum.

Offensichtlich war er als Lager genutzt worden, an den Wänden standen Regale, auf diesen Flaschen und Gefäße, über deren Inhalt er lieber nicht nachdenken wollte. Alles war verstaubt und voller Spinnweben. Einige Gefäße waren zerbrochen.

Auf dem Boden lag ein Mann. Er stöhnte und blutete aus vielen Wunden. Über zerbrochenem Glas waren dicke Lachen geronnenen Blutes.

Der Mann hob den Kopf und ...