9.

Ich hatte in Hogwarts einen glänzenden Abschluss gemacht, N.E.W.T.´s in allen Fächern, die ich belegt hatte.

Mir war eine große Karriere prophezeit worden, ich könne alles tun, was ich wollte, wurde mir beim Abschied gesagt.

Aber nun stehe ich in London in der Diagon Ally vor dem Laden von Mr. Olivander (feinste Zauberstäbe) und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll.

In der Schule hatte mein Leben eine Struktur gehabt, jetzt bin ich auf mich gestellt, zum ersten Mal bin ich ganz alleine.

Ich weiß, dass ich mir eine Ausbildung nicht leisten kann.

Meine Mutter hatte mir nichts hinterlassen können. Das Geld, das ich bei mir habe, reicht bestenfalls eine Woche lang und das auch nur, wenn ich meine Ansprüche auf ein Minimum herunterschraube.

Ich muss Arbeit finden, irgend etwas, das mir zunächst einmal das Überleben sichert.

So stromere ich durch die Straßen und finde mich plötzlich in der Knockturn Ally wieder. Die meisten Bewohner Londons meiden diese dunkle Gasse, mir ist sie vertraut. Meine Mutter und ich haben hier gelebt, nachdem mein Vater uns verlassen hatte. Er war eines Tages vom Frühstück aufgestanden, weggegangen und nie wieder zurückgekommen.

Einige Wochen später verließen meine Mutter und ich die Mugglewelt von Loomingdale und zogen in das magische London.

Sie fand Arbeit als Bedienung in einer schmierigen, finsteren Kneipe in der Knockturn Ally, und wir bezogen ein kleines Zimmer im gleichen Haus.

Das erste Mal wieder fröhlich erlebte ich sie, als der Brief von Hogwarts kam. Ich hatte ein Stipendium bekommen und durfte dort zur Schule gehen.

Aber nur ein Jahr später rief mich Professor Dumbledore, der Schulleiter, in sein Büro und teilte mir mit, dass meine Mutter gestorben sei.

Ich war wochenlang wie benommen, noch heute ist der Tod meiner Mutter, der einzigen Familie, die ich je hatte, eine offene Wunde, die einfach nicht verheilen will.

Ich stehe in der Knockturn Ally und sehe mich um.

Diese schmierige Kneipe („Snake and Dragon"), es gibt sie noch immer.

Es gibt auch immer noch jene grellgeschminkten, kaum bekleideten Hexen, die die flanierenden Zauberer anlächeln und ihnen Wonnen und Lust versprechen.

Mich ignorieren sie, wohl weil man mir ansieht, dass ich kein Geld habe.

Und einmal mehr frage ich mich, ob meine Mutter eine von ihnen gewesen war.

Mein Blick fällt auf ein Geschäft, das es damals noch nicht gegeben hatte.

Manfred Pahlmann – Zaubertränke" steht auf einem schlecht gemalten und schief aufgehängten Schild über einer verwitterten Holztür.

Was mich aber eigentlich hatte aufmerksam werden lassen, war ein Pergament im Schaufenster: „Aushilfe gesucht".

Ich betrete den Laden.

Sie wünschen?"

Der Mann hinter dem Tresen ist groß, größer als ich. Er hat breite Schultern, einen breiten Brustkorb, alles an ihm ist breit.

Er hat eine Glatze, lediglich ein Kranz grauer Haare ist ihm geblieben. Seine leuchtend blauen Augen scheinen förmlich durch mich hindurchzusehen.

Sie wünschen?", fragt er noch einmal. Er spricht mit einem harten Akzent.

Sie suchen eine Aushilfe?", frage ich zurück, „ist der Job noch frei?"

Er sieht mich lange an, bevor er mir antwortet: „Ja. Haben Sie schon einmal in einem Geschäft gearbeitet?"

Nein, Sir", sage ich, „ich habe gerade meinen Abschluss gemacht, mit Höchstnoten in ‚Zaubertränken'."

Ich brauche keinen feinen Pinkel mit Höchstnoten, der glaubt, alle Welt warte nur auf ihn. Ich brauche jemanden, der arbeitet und der sich nicht vor verdreckten Händen und abgebrochenen Fingernägeln fürchtet", erwidert er.

Oh bitte, Sir, ich brauche den Job. Ich werde arbeiten, hart arbeiten, Tag und Nacht, aber bitte ..."

Wieder sieht er mich lange und durchdringend an.

Kein Geld, wie? ... Na gut, wir versuchen es miteinander. Wie heißen sie eigentlich, junger Mann mit Höchstnoten?"

Severus Snape, Sir", sage ich. Meiner Stimme ist die unendliche Erleichterung anzuhören.

Drei Gallonen pro Woche", erwidert er. „Wenn sie möchten, können sie oben in der Dachkammer wohnen, eine Bleibe haben sie wohl auch noch nicht, oder?"

Nein Sir. Danke Sir."

Meine wenigen Habseligkeiten hatte ich vorübergehend in Toms Kneipe abgestellt, wo ich sie nun wieder abhole und die Dachkammer bei Mr. Pahlmann in Beschlag nehme.

Sie ist nicht luxuriös, aber ausreichend.

Es gibt ein sehr altes Bett mit einer harten durchgelegenen Matratze, einen schiefen Schrank, dessen Türen nicht mehr richtig schließen, einen Tisch, einen Stuhl und eine Petroleumlampe.

Wie das Geschäft und überhaupt das ganze Haus ist auch die Kammer sehr schmutzig, den Rest des Tages verbringe ich damit, sie von Staub und Spinnweben zu reinigen.

Wenn ich mich auf den Stuhl stelle, kann ich durch die Luke über die Dächer Londons sehen.

Mit Mr. Pahlmann habe ich abgemacht, dass ich am nächsten Morgen in seinem Laden mit der Arbeit anfangen würde.

Ich hatte nicht erwartet, meinen Arbeitgeber davor noch einmal zu sehen, aber dann klopft es, und er fragt mich, ob ich mit ihm zu Abend essen würde.

Da erst merkte ich wie hungrig ich bin, ich habe völlig vergessen, etwas zu essen oder zu trinken.

Während der Mahlzeit erzählt Mr. Pahlmann von sich.

Er kommt aus Deutschland, aus einer Stadt namens Frankfurt, die an einem Fluss namens Main liegt. Er ist Witwer, warum er nach London gekommen ist, sagt er nicht, und ich wage es nicht, ihn danach zu fragen.

Er will wissen, ob ich Deutsch spräche, was ich verneine und ob ich schon einmal im Ausland gewesen sei, was ich ebenfalls negativ beantworte.

Wo sind sie zur Schule gegangen?" fragt er mich.

Hogwarts, Sir. Ich war in Slytherin-House."

Sein Gesichtsausdruck wird abweisend.

Warum nicht Durmstrang? Oder das Brocken-Institut?"

Ich hatte ein Stipendium."

Verstehe ... Arme Familie ... kein Geld."

Ich nicke.

Interesse an schwarzer Magie?"

Mit offenem Mund sehe ich meinen Arbeitgeber an, meine Augen leuchten, innerlich jubiliere ich.

Und wie, Sir."

Gut. Dann spitzen sie mal ab morgen schön die Ohren, sie können bei mir viel lernen."

Und ich lerne.

Die deutsche Sprache, damit ein zufälliger oder absichtlicher Lauscher uns nicht verstehen kann.

Schwarze Magie, Sprüche, Flüche, Tränke.

Das meiste davon kommt aus Deutschland. Die Phantasie der deutschen Magier was Folter und Tod angeht, nötigt mir einen gewaltigen Respekt ab.

Den Aufstieg des dunklen Lords verfolgt Mr. Pahlmann nicht nur mit Interesse, sondern geradezu mit Verzückung und Besessenheit. Er kann es kaum fassen, dass er in den Kreis der Todesser aufgenommen wird.

Einer der Nebeneffekte ist, dass das Geschäft einen ungeahnten Aufschwung nimmt.

Ein weiterer der, dass ich Marcus Gaius Malfoy und dessen Sohn Lucius kennen lerne. Lucius ist zwar einige Jahre älter als ich, aber wir werden schnell Freunde.

Und ich treffe Bella wieder, meine erste Verabredung, mein erster heimlicher Kuss. Nun verheiratet mit Edward LeStrange, Angehöriger einer der ältesten reinblütigen Zaubererfamilien.

Und es ist dann auch Mr. Pahlmann, der mir den Weg in den engsten Kreis des dunklen Lords ebnet...

John blickte in die einstmals leuchtenden, blauen Augen des schwer verwundeten Mannes.

„Herr Pahlmann?" sprach er ihn auf Deutsch an.

„Severus?" murmelte der Mann, „Severus, bist du das?"

„Ja," flüsterte John.

„Ich dachte, du wärst tot. Was suchst Du hier?"

„Antworten," erwiderte John.

„Wie lauten die Fragen?"

Der Mann sprach so leise, dass John sich über ihn beugen musste, um ihn noch verstehen zu können.

„Wer ich bin? Woher ich komme?" sagte John.

„Geh zu Gringotts, Fach 713," sagte der Mann mit ersterbender Stimme. „Gringotts ... nimm das, du wirst es noch brauchen ..."

Der Mann gab John eine kleine blaue Flasche, die er in der Hand gehalten hatte und fiel wieder zurück, seine gebrochenen Augen starrten an die Decke.

„Herr Pahlmann! Herr Pahlmann!"

John schüttelte ihn, aber Jimbo zog ihn zurück.

„Ein Freund?" fragte er.

John nickte. Er spürte Tränen in seinen Augen.

„Lass uns gehen!"

Jimbo zog John aus dem Raum und schloss die Tür.

„Lager" schrieb John mit dem roten Lippenstift an die Tür und malte ein Kreuz darunter.

Einmal mehr standen die drei Männer im Korridor.

„War das der Tränkebrauer?" fragte Jimbo.

John nickte, er war einfach nicht in der Lage, zu sprechen.

„Was hat er mit ‚Gringotts' gemeint?"

John zuckte mit den Schultern, als ein lautes Heulen durch den Keller zog. Es schwoll an und brach sich an den dicken steinernen Wänden. Dann hörte es so plötzlich auf wie es begonnen hatte.

„Was war das denn?" John war völlig entgeistert.

„Ein Wolf," sagte Jimbo.

„Wie kommst du denn darauf?"

„Haben welche im Zoo. Wenn die heulen, klingt das genau so."

John dachte an den Wolfsmenschen, der an der Küste angespült worden war.

„Wir sollten ihn suchen," schlug er vor.

Jimbo sah ihn irritiert an.

„Warum?"

„Vielleicht ist es kein richtiger Wolf."

„Sondern ...?"

„Ein Werwolf."

„Ein Was?"

John erklärte, was es mit Werwölfen auf sich hatte.

Als er geendet hatte, sagte Jimbo bestimmt: „Aber wir haben keinen Vollmond. Sollte doch jetzt ein Mensch sein, oder?"

„Das sollten wir herausfinden."

„Nun gut, aber wir sollten vorher noch ´mal nach Bing sehen. Nicht, dass er uns wegrennt und seinen Meister befreit," erwiderte Jimbo.

„Ich glaube kaum, dass er mit einem gebrochenen Bein rennen kann," sagte John, „aber nachsehen sollten wir trotzdem."

Dank der Aufschrift auf der Tür fanden sie das Büro sofort. Bing lag noch immer auf der Couch und schlief tief und fest.

„Kann man die Tür abschließen," fragte Jimbo.

„Hm, ein Schloss ist da, aber kein Schlüssel," sagte John.

Jimbo stellte die Flasche mit dem abgefüllten alkoholischen Was-auch-immer neben das Geschöpf.

„Vielleicht trinkt er ´was davon, wenn er aufwacht," sagte er, „dann schläft er sicher wieder ein und kommt nich' auf dumme Ideen."

„Es wäre gut, wenn der Wolf noch mal heulen würde," warf John ein, „dann wüssten wir, in welcher Richtung wir suchen müssen."

Als hätte der Wolf ihn gehört, setzte das Geheul wieder ein und die Männer liefen los. John malte mit dem Lippenstift einen Pfeil an die Wand, um die Richtung anzudeuten, in die sie gingen und wiederholte das an jeder Kreuzung, Abzweigung und Treppe.

Schließlich standen sie in einem sehr alten Kellerteil.

Die Luft roch feucht und modrig, an den Wänden wuchsen Schimmel und Moose, auf dem Boden waren Wasserlachen.

Die Gewölbe waren vergittert, so waren Zellen entstanden.

Im Halbdunkel sah John zwei glühende Punkte.

Und als sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erblickte er den Wolf.

„Is' das aber ´n Riesenviech!" sagte Jimbo fast andächtig.

John schluckte.

Irgendwie hatte er immer gedacht, Wölfe seien so etwas wie große Hunde, aber das hier ... es war einfach nur gigantisch.

Der Wolf heulte wieder und stellte sich dabei auf seine Hinterbeine. Mit den Vorderpfoten rüttelte er am Gitter.

Die drei Männer wichen unwillkürlich ein paar Schritte zurück.

John fröstelte, er steckte seine klammen Hände in die Taschen seiner Jacke und fühlte die kleine Flasche, die sein sterbender Lehrmeister ihm gegeben hatte.

„Herr Pahlmann meinte, dass wir das hier gut gebrauchen könnten," sagte er als er die Flasche herauszog. Er entstöpselte sie, roch daran und zuckte mit den Schultern.

„Du meinst, es is' für den Wolf?" fragte Jimbo.

„Nun ja," antwortete John, „er hat nichts mehr sagen können. Aber ich denke schon."

„Und wenn nich'? Wir könnten ihn töten?"

„Es ist dem Wolf wahrscheinlich egal, was mit ihm passiert. Alles ist besser als eingesperrt zu sein."

„Was sollen wir mit dem Zeug tun?"

John zuckte wieder mit den Schultern.

„Was auch immer es is', im Moment kommen wir an das Vieh nich' ran. Wir müssen ihn erst ´mal ruhigstellen."

Jimbo griff in eine seiner vielen Jackentaschen und förderte ein kleines Rohr und mehrere Pfeile zutage, deren Spitzen mit kleinen Hütchen abgedeckt waren.

Erstaunt sahen John und Big Al zu, wie der Riese die Kappe von einem der Pfeile abnahm, ihn in das Rohr steckte, dieses zum Mund führte und kräftig hineinblies.

Der Pfeil flog durch die Luft und landete im Bauchfell des Wolfes, der umso lauter heulte.

Ein weiterer Pfeil, dann noch einer.

Das Geheul hörte so abrupt auf, dass die drei Männer zusammenzuckten.

Die Augen des Wolfes wurden glasig, schließlich brach er zusammen und sackte auf den Steinboden.

„Was ist das denn?" fragte John völlig entgeistert.

„Betäubungspfeile," antwortete Jimbo während er die Utensilien wieder in seiner Jacke verstaute.

„Für die Elefanten. Wenn so'n Vieh mal richtig wütend wird ... das brauch' keiner."

Die drei Männer näherten sich dem fest schlafenden Wolf.

„Trinken, spritzen oder einreiben?" murmelte Jimbo.

„Entschuldigung?" fragte John verwirrt.

„Na ja, was sollen wir mit der Lösung machen? Zum Einreiben is' es ein bisschen wenig ..." Prüfend hielt Jimbo das Fläschchen in der Hand, „und Spritzen habe ich hier noch keine gesehen. Überhaupt scheinen die Leute ganz schön hinterm Mond zu leben. Also trinken."

Der Käfig des Wolfes war fest verriegelt, nirgendwo war ein Schlüssel zu sehen. Zum Glück war der Wolf so gefallen, dass sein Kopf am Gitter lag.

„Ich halte dem Vieh die Nase zu und du musst ihm die Schnauze aufziehen und den Inhalt reinkippen," wies Jimbo John an.

John schluckte.

Als er noch mehr oder weniger auf der Straße gelebt hatte, hatten Leute oft ihre Hunde auf ihn gehetzt, seitdem hatte er zu dieser Tierart ein gestörtes Verhältnis.

Jimbo sah John prüfend an.

„Angst, wie?" fragte er mit Sympathie. „Dann halte du ihm die Nase zu, und ich mach' das mit dem Einflößen."

Es ging besser als erwartet, der Wolf war trotz seiner Betäubung durchaus bereit, das Getränk zu schlucken.

Zunächst geschah nichts.

Aber dann bildete sich das Fell zurück, aus den Pfoten wurden Hände und Füße, aus den Läufen Arme und Beine. Nach einigen Minuten lag ein schlafender und splitterfasernackter Mann in der Zelle.

John bückte sich und sah in dessen Gesicht.

„Dieser Mann heißt Remus," sagte er, „ich habe ihn in einer meiner Visionen gesehen. Er ist definitiv ein Werwolf. Ich habe ihm irgendeinen Trank zubereitet ..."

Jimbo griff durch die Gitterstäbe und schüttelte den Mann. Dieser öffnete schlaftrunken die Augen, blickte die drei Männer an – und war hellwach.

„Severus, Hagrid, Alastair – wo bei Merlins Bart seid ihr gewesen? Warum kommt ihr jetzt erst?"

Die Angesprochenen sahen Remus verwirrt an.

„Es ist alles verloren! Warum seid ihr nicht früher gekommen? Und wo sind die anderen? Wir haben ..."

Remus brach ab als er in drei verständnislose Gesichter sah.

„Ihr habt keine Ahnung, wovon ich rede?"

Die Antwort bestand in drei geschüttelten Köpfen.

„Irgend etwas ist ganz schön schief gelaufen ..."