10.

Remus hatte sich mit Hilfe von Johns Zauberstab und einem irgendwie spanisch klingenden Wort selbst aus der Zelle befreit.

Jimbo hatte ihm seine Jacke umgehängt, die ihm bis zu den Knien reichte und die er sich mehrmals um den mageren Körper wickeln konnte. Dann waren sie wieder nach oben gegangen, immer den Pfeilen nach, bis sie wieder in Johns früherem Büro standen.

Bing lag noch immer auf der Couch, sein (ihr?) Schnarchen war eher noch lauter geworden, die Karaffe neben ihm (ihr?) war leer.

„Was ist das?" fragte John Remus.

„Eine Hauselfe," erklärte dieser.

„Männlein oder Weiblein?" fragte Jimbo.

Remus trat zu dem schlafenden Wesen, hob das Geschirrtuch an, blickte darunter und sagte: „Weiblich, eindeutig."

„Der blonde Bastard hat sie die Treppe hinunter gestoßen und ihr das Bein gebrochen," sagte John. „Was machen wir jetzt mit ihr?"

„Der blonde Bastard," erwiderte Remus nachdenklich, „das wird wohl Draco Malfoy sein. Wo ist er?"

„Oben, in einem runden Zimmer," erklärte John. „Big Al hat ihn k.o. geschlagen, und wir haben ihn gefesselt und geknebelt."

„Einen Zauberer stellt so etwas nicht vor Probleme," sagte Remus mit leichtem Spott.

„Denke aber schon," warf Jimbo ein, „Big Al hat seinen Zauberstab. Un' wir haben Paketband verwendet – das einzige, was besser geeignet is', sin' Kabelbinder."

„Aber Bing ... dieses Wesen hier ... der blonde Bastard ist sein Meister, und sie will ihn unbedingt befreien. Trotz allem, was dieser Kerl ihr angetan hat!" sagte John.

„Hauselfen sind schwer zu verstehen," erwiderte Remus, der sich am Schreibtisch festgehalten hatte und sich nun auf einen der Sessel fallen ließ.

„Und was wichtiger ist: sie haben ihre ganz eigene Magie... man braucht schon mehr wie Schlösser, um sie aufzuhalten."

„Geht es dir gut?" fragte Jimbo.

„Nicht besonders," antwortete Remus. „Es ist anstrengend, ein Werwolf zu sein – und ich war ziemlich lange in dieser Gestalt."

„Was zum Anziehen, was zum Essen, Tee," murmelte Jimbo. „Wir sollten all das suchen, irgendwo hier wird es ja wohl auch eine Küche oder so was geben. Und ein Badezimmer."

Remus nickte und erhob sich schwerfällig. Von Jimbo gestützt machte er sich mit den drei anderen Männern auf den Weg.

John führte sie zunächst zu dem Raum, in dem Herr Pahlmann lag.

„Der Tränkebrauer," sagte Remus. „Ist er ...?"

John nickte.

„Ein Sectumsempra-Fluch. Wer auch immer ihn angewandt hat, wusste genau, was er tat."

John holte tief Luft, wieder standen Tränen in seinen Augen. Trotzdem beugte er sich herab und durchsuchte die Taschen seines früheren Lehrherrn bis er dessen Zauberstab fand. Er spürte Remus Hand auf seiner Schulter.

„Ich weiß, ihr wart enge Freunde, aber ... ich müsste lügen, würde ich behaupten, ich sei traurig. Er hat mir das angetan."

„Und er hat mir das Gegenmittel für dich gegeben," flüsterte John und schloss die Tür.

Aus dem Gemeinschaftsraum nahm John noch alle Zeitungen mit, die er und Big Al tragen konnten, danach dirigierte Remus die drei in Johns früheres Schlafzimmer.

„Dein Abgang aus Hogwarts war ziemlich plötzlich," erklärte er. „Du hattest keine Zeit mehr zum Kofferpacken. Wir werden also dort sicher noch einiges finden."

Das Zimmer lag in einem der Gänge, die die Türme miteinander verbanden.

Es war klein und enthielt ein schmales Bett, einen Hocker, einen Schrank und eine Kommode. Während Remus im Schrank und in der Kommode nach Kleidung suchte, sah John sich um.

Seine Lieblingsfarbe war anscheinend schwarz gewesen. Die Wände waren schwarz, ebenso der Holzboden. Ein pflaumenfarbener Läufer vor dem Bett minderte die deprimierende Wirkung des Raums nur mäßig.

John besah sich die Bilder an den Wänden. Frauen, die auf Streckbänken lagen, ein Mann in einer „eisernen Jungfrau", die sich langsam schloss, ein Henker legte einer alten Frau Daumenschrauben an, ein junges Mädchen wurde von grünen Blitzen getroffen ... und so weiter, und so weiter.

„Du warst nicht viel hier. Meistens bist du nachts durch die Gänge gelaufen, auf der Suche nach ... was auch immer ..." sagte Remus hinter ihm.

„Hier könnte ich nun auch wirklich kein Auge zutun!"

Schaudernd wandte sich John ab und fragte sich, ob Alpträume und Visionen auch schon zu seinem früheren Leben gehört hatten. Erstaunen würde es ihn nicht.

Remus trug nun schwarze Hosen, die er mehrmals umgeschlagen hatte (er war erheblich kleiner als John), einen schwarzen Pullover und eine schwarze, doppelreihig geknöpfte Weste. Bei der Auswahl seiner Kleidung schien John nicht gerade einfallsreich gewesen zu sein.

Jimbo hatte sich währenddessen auf das Bett fallen und damit Staubwolken aufsteigen lassen, die alle zum Husten reizten.

„Viel Damenbesuch haste wohl nich gehabt, oder?" fragte er.

John spürte, wie er rot anlief, Remus lachte.

„Du hast mich doch gekannt?" fragte John ihn. „Wie war ich – so als Mensch, meine ich? War ich verheiratet oder verlobt? War ich ...?"

Remus antwortete zunächst nicht, sondern suchte im Schrank nach Schuhen. Er fand Schnürstiefel (schwarz natürlich) und setzte sich auf den Hocker.

Schließlich, während er die Schürsenkel durch die Löcher zog, sagte er: „Du hättest wohl nie einen Wettbewerb zur Wahl des beliebtesten Lehrers gewonnen. Die meisten – Schüler wie Lehrer – haben dich gehasst. Aber Professor Dumbledore hat an dich geglaubt, er hat dich unterstützt, wenn sonst keiner es tat, er war dein Freund. Und ich weiß, dass du kein schlechter Mensch bist, auch wenn du es nie gezeigt hast. Ohne dich hätte ich dieses eine Jahr in Hogwarts nie überstanden und was du für den Orden getan hast ... Soweit ich weiß hattest du keine Frau oder eine Familie, aber so gut habe ich dich nicht gekannt."

„Und wen habe ich getötet?"

„Du hast viele Menschen getötet ..."

„Einen alten Mann mit langen, weißen Haaren und einem gütigen Gesichtsausdruck."

„Später," sagte Remus. „Das ist eine sehr lange Geschichte."

Sie hatten das Badezimmer für Lehrer aufgesucht, dass eine gewisse Ähnlichkeit mit einer dieser beliebten Wellness-Spaßbad-Kombinationen hatte, danach hatte Remus sie in die Küche geführt. Der Raum war so groß wie ein Ballsaal, Töpfe, Pfannen und zerschlagenes Geschirr lagen überall herum, bedeckt von Staub und Spinnweben.

Keine Lebensmittel.

„So'n Mist!" fluchte Jimbo, „unsere ganzen Vorräte sind im Auto. Was machen wir denn jetzt?"

Sie gingen zum Turmzimmer („dem Büro des Schulleiters," wie Remus erläuterte), öffneten das Tor mit der Losung „Tod den Schlammblütern!" und starrten auf den gefesselten und geknebelten jungen Mann, der sich heftig bewegte.

„Sperren wir ihn in das Verlies, in dem ich so lange war," schlug Remus vor.

„In der Zeit könnten Big Al und ich nach Hogsmeade gehen und unsere Vorräte holen," sagte John.

„Kommt nich in Frage – es ist schon dunkel," erwiderte Jimbo. „Viel zu gefährlich. Denkt mal an diese Kapuzenbrüder. Wir gehen ohne Abendessen schlafen!"

Er und Remus brachten den jungen Mann in den Keller und holten auf dem Rückweg Bing ab. Währenddessen sortierte John die Zeitungen, die er mitgebracht hatte und versuchte, seinen knurrenden Magen zu ignorieren.

Es dauerte lange bis die beiden Männer wiederkamen. Remus sah so blass und mitgenommen aus, dass Jimbo ihn auf das kleine Sofa legte.

Johns Blick fiel auf eine Tür. Er hatte sie vorher nicht bemerkt, jetzt zog er sie vorsichtig auf. Dahinter befand sich ein Schlafzimmer mit vier Betten, eines davon länger als die anderen und eine Kinderwiege. Er winkte Jimbo und Big Al, überrascht sahen sie in den Raum.

„Der war aber vorhin noch nich' da!" sagte Jimbo mit entgeistertem Gesichtsausdruck. „Der is' ja wie für uns gemacht."

Big Al hatte den Raum durchquert, eine weitere Tür geöffnet, hinter der sich ein schon fast überdimensionales Badezimmer befand.

„Also, ich hätt' da noch ein paar Wünsche," flüsterte Jimbo andächtig, „eine ordentliche Mahlzeit wär' schön, frischer Tee, vielleicht ein Bier ..."

„Wir sollten nehmen, was wir haben," erwiderte John während er Jimbo Bing abnahm und in die Wiege legte. Jimbo brachte danach Remus in eines der Betten und belegte dann das mit Überlänge.

Big Al kam aus dem Badezimmer und deutete fragend auf die beiden übrig gebliebenen Betten, John zuckte gleichgültig mit den Achseln. Obwohl er erschöpft war, hatte er das Gefühl, ohnehin nicht schlafen zu können.

Er setzte sich wieder an den Schreibtisch und nahm die oberste Zeitung von dem Stapel.

Lord Voldemort ist tot.

Jedenfalls glauben das alle in der Zaubererwelt und feiern nächtelang ausgelassene Feste.

Und ich sitze dem weißhaarigen Mann gegenüber, den ich töten werde.

Ich – nein, wir alle danken ihnen, Severus. Wir sind zwar zu spät gekommen, um Lilly und James noch retten zu können, aber Harry ist in Sicherheit. Ich brauche sie hier – jetzt dringender als jemals zuvor. Mögen auch alle der festen Überzeugung sein, dass Voldemort nicht mehr unter uns weilt – sie und ich wissen es besser."

Ich nicke, die Angst des dunklen Lords vor dem Tod war viel zu groß gewesen um zuzulassen, dass dieses Schicksal ihn traf.

Unsere Welt ist in größerer Gefahr als jemals zuvor," fährt Dumbledore fort, „jetzt da keiner mehr wachsam und vorsichtig ist. Und Harry wird in Gefahr sein – spätestens wenn er seinen Platz in Hogwarts einnimmt. Ich brauche sie hier, Severus, an meiner Seite. Ich biete ihnen die Stelle des Zaubertränkelehrers an, wie wäre es?"

Ich machte aus meiner Enttäuschung keinen Hehl.

Ich dachte eigentlich, ich könnte Verteidigung gegen die dunklen Künste ..."

Nein," unterbricht mich Dumbledore, „das halte ich für keine gute Idee. Die Fluktuation in diesem Fach ist einfach zu hoch. Seitdem Lord Voldemort sich beworben hatte und abgewiesen wurde, ist kein Lehrer mehr länger als ein Jahr geblieben. Es geht sogar das Gerücht, diese Position sei verhext oder verflucht. Sie sollten Hogwarts etwas länger erhalten bleiben, also bekommen sie ein Fach, das unverdächtig ist. ‚Zaubertränke' oder ‚Muggelkunde'?"

Zaubertränke." Ich ergebe mich in mein Schicksal.

Niemand von uns kann in die Zukunft sehen," sagt Dumbledore, „noch nicht einmal Sybil – und sie unterrichtet schließlich Wahrsagerei. Aber eines Tages werde ich sie zum Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste machen ... das wird dann ihr letztes Jahr in Hogwarts sein ... danach werden andere Herausforderungen auf sie warten ... andere Gefahren ... vielleicht sogar der Tod."

John schreckte hoch. Noch einmal nahm er das ledergebundene Buch zur Hand und verfolgte seinen Namen durch die sechzehn Jahre seiner Lehrtätigkeit. Fünfzehn Jahre lang „Zaubertränke", ein Jahr lang „Verteidigung gegen die dunklen Künste".

Gedankenverloren kratzte er seinen linken Unterarm, die Tätowierung juckte und brannte noch immer. Jetzt, wo im Kamin ein Feuer wohlige Wärme verbreitete, war es noch schlimmer.

„Ich habe den Schülern beigebracht, sich gegen etwas zu wehren, das ich selbst praktiziert habe," dachte er. „So etwas nennt mal wohl Ironie der Geschichte."

Er holte sich einen Kugelschreiber und einen Notizblock aus seiner Tasche.

Das erste, was er aufschrieb, waren die Worte seines sterbenden Lehrherrn: „Gringotts, Fach 713."

Morgen musste er Remus unbedingt fragen, was das zu bedeuten hatte.

Dann öffnete er wieder die Zeitung.

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war als sich die Tür des Schlafzimmers öffnete und Jimbo seinen Kopf herausstreckte.

„Der kleine Kerl ist aufgewacht, brauche ´was von dem Likör," brummelte er während er verschlafen durch das Zimmer ging und das Gewünschte von der Kommode nahm.

„Der kleine Kerl ist ein kleines Mädchen," brummelte John.

„Auch recht," gab Jimbo zurück. „Du solltest dich auch mal n paar Stunden auf's Ohr legen."

John schüttelte den Kopf.

„Ich kann ohnehin nicht schlafen," erwiderte er. „Immer wenn ich zur Ruhe komme, habe ich Alpträume."

„Nun denn, du musst es ja wissen," sagte Jimbo mit besorgtem Gesichtsausdruck. „Ich stelle jedenfalls das kleine Kerl... Entschuldigung, das kleine Mädchen ruhig und hau' mich wieder hin."

Obwohl John nur die Überschriften überflogen und lediglich den ein oder anderen Artikel intensiver studiert hatte, war der Zeitungsstapel nur unwesentlich kleiner geworden. Er hatte sich Notizen gemacht und versucht, so etwas wie einen zeitlichen Ablauf der Ereignisse zu erkennen. Außerdem hatte er auf einem Blatt dieses merkwürdigen Papiers die Dinge festgehalten, die seiner Meinung nach vorrangig zu erledigen waren.

Das wichtigste war, Mr. Pahlmann zu beerdigen. Ihn einfach in dem alten Lagerraum liegen zu lassen, erschien ihm nicht richtig.

Außerdem brauchten alle Zauberstäbe. Irgendwo hier in dieser Burg musste es welche geben, die Schüler hatten sie doch auch benötigt.

„Bing?" lautete eine weitere Notiz auf seinem Zettel. Was sollte aus der Elfe mit dem gebrochenen Bein werden.

Und er musste Remus nach Gringotts fragen.

Und ...

Ich sitze auf einem Stuhl vor dem erhöhten Tisch der Lehrer

Vor mir an langen Tischen die Schüler.

Ich bin in Hogwarts.

Ich setze mir vorsichtig den Hut auf den Kopf

Aah," höre ich eine Stimme,

alt und knarrend

Schwer, wirklich schwer ...

Was willst du, Severus?"

Slytherin," sage ich, „Slytherin, wie meine Mutter und davor ihre Mutter."

So, so, Slytherin also ...

Du hast Mut

Du bist klug

Du hast ein Gefühl für richtig und falsch

Du könntest Großes vollbringen in einem anderen Haus ...

Bis du dir sicher?"

Ja," antworte ich, „ich will nach Slytherin."

So soll es sein – SLYTHERIN!"

Meine künftigen Mitschüler heißen mich mit lautem Applaus willkommen.

John schreckte hoch.

Ein alter Hut, der ihm gesagt hatte, zu welcher der vier Gruppen er künftig gehören würde.

Nein, nicht der Hut – er selbst hatte die Entscheidung getroffen.

John stand auf und streckte sich. Er nahm Igors Zauberstab, fühlte die kyrillischen Buchstaben, die in ihn eingeritzt waren.

Remus hatte ihnen einen einfachen Beleuchtungszauber beigebracht.

„Lumos," flüsterte er. Die Spitze des Stabes verströmte ein gedämpftes, warmes Licht.

Er verließ den Turm und wanderte durch die dunklen Korridore zu seinem früheren Schlafzimmer. Dabei folgte er den Lippenstiftpfeilen, die er nur wenige Stunden zuvor an die Wände gemalt hatte und dachte über den Traum mit dem Hut nach.

Was wollte dieser Traum ihm sagen?

Wenn er eine Botschaft enthielt – so wie die anderen Träume und Visionen – dann verstand er sie nicht.

In seinem Schlafzimmer untersuchte er alles gründlich. Er begann mit dem Schrank, in dem sich eine ganze Kollektion schwarzer Umhänge befand. Die meisten waren beschädigt, Löcher waren hineingeätzt, Farbspritzer darauf verteilt.

Was hatte er doch gleich noch einmal unterrichtet?

„Zaubertränke"?

Er vermutete, dass das so etwas wie „Chemie" gewesen war.

Eine Robe war jedoch völlig anders.

Sie war zwar ebenfalls schwarz, aber aus gutem Material, sauber, gebügelt.

Ich hatte mit Bella zum Yuleball gehen wollen

Aber ich habe mich einfach nicht getraut, sie zu fragen

Sie kommt aus einer alten, reichen und mächtigen Familie

Und ich?

Ich treffe Bella auf dem Gang

Sie trägt eine schwere Tasche auf ihrer Schulter

Und einen Stapel Bücher

Das oberste fällt herunter

Ich hebe es auf

Gebe es ihr

Frage sie

Hättest Du Lust, mich zum Ball zu ...?"

Weiter komme ich nicht

Sie sieht mich traurig an

Ich habe schon einen Partner ..."

Nun ... wir sehen uns bei Slughorn."

Sie nickt.

Ich werde alleine zum Ball gehen müssen.

Wieder einmal.

John saß auf dem Bett.

Er wurde das Gefühl nicht los, dass weder seine Kindheit noch die Schulzeit hier auf Hogwarts ein Zuckerschlecken gewesen waren.

Hatte er überhaupt einen einzigen Freund gehabt?

Und Bella – was war geschehen?

Seufzend erhob er sich und zog die Schubladen der Kommode auf.

Er fand es unter der Unterwäsche.

Ein Medaillon.

Es enthielt zwei leblose Fotos. Eines zeigte einen Mann mit schwarzen Augen und einer Hakennase, das zweite ein kleines Kind, einen Jungen, der diesem Mann beängstigend ähnlich sah.

Das Schmuckstück musste seiner Mutter gehört haben, der Mann war wahrscheinlich sein Vater, der kleine Junge er selbst.

Keine Gravur.

Er steckte das Medaillon in seine Hosentasche und suchte weiter.

Noch ein Photo in einem Holzrahmen.

Eine Frau mit dunklen Augen und fast schwarzen, sehr langen Haaren, in die sich jedoch schon die ersten grauen Strähnen eingeschlichen hatten. Obwohl sie ihn anlächelte und ihm zuzwinkerte, sah sie traurig und abgehärmt aus.

Seine Mutter?

Und noch etwas fand er, versteckt unter der Wäsche – einen Zauberstab. „Eileen Prince" war feinsäuberlich eingeritzt worden.

Der Zauberstab seiner Mutter?

Er hatte sonst nichts mehr gefunden.

Keine persönlichen Aufzeichnungen, keinen Kalender, kein Tagebuch.

Als er durch die dunklen Korridore zurückging, in dem seine Schritte wie Donner hallten, fiel ihm eine seiner früheren Visionen wieder ein.

Es ist Nacht.

Ich laufe durch einen Korridor,

der Zauberstab in meiner Hand wirft Licht.

Die Personen in den Bilderrahmen schlafen.

Ihr Schnarchen zerreißt die Stille.

Eine weiße, transparente Gestalt schwebt auf mich zu

Gleich werden wir zusammenstoßen

Doch die Gestalt schwebt durch mich hindurch

Eines der Gespenster

Wo waren die Geister?

Es hatte welche gegeben (auf jeder anständigen britischen Burg spukte es), aber wohin sind sie verschwunden?

Können Geister sterben?

Als er wieder im Turmzimmer war, schrieb er noch „Gespenster" auf den Zettel mit den dringend zu erledigenden Dingen, strich die „Zauberstäbe" durch - mit dem Zauberstab aus seinem früheren Zimmer waren jetzt alle versorgt - trank ein Glas des süßen Likörs und ging zu Bett.