11.
John hatte das Gefühl, kaum eingeschlafen zu sein als er schon wieder davon erwachte, dass seine Zimmergenossen aufstanden, nacheinander das Badezimmer benutzten und nach Bing sahen. Sie ließen ihn noch etwas vor sich hindösen, wofür er sehr dankbar war.
Schließlich rüttelte Jimbo doch an seinem Arm und weckte ihn.
John taumelte unter die Dusche und zog sich wieder an.
„Kleidung," dachte er, „ich brauche frische Kleidung."
Seitdem er bei Nikita lebte hatte er förmlich einen Hygienefimmel entwickelt. Er hasste es, Kleidung mehr wie einmal anzuziehen, legte Wert auf tägliches Duschen und wusch sich so häufig die Hände, dass Nikita ihm schließlich eine extra-fette Creme verordnete, um die Risse in seiner Haut zu heilen.
„Eine Nachwirkung des Lebens unter unhygienischen Bedingungen," hatte sie ihm erklärt und ihn schließlich ermahnt, es nicht zu übertreiben.
Die drei Männer hatten sich im Büro versammelt und hielten Kriegsrat. Sie beschlossen, zunächst Herrn Pahlmann zu beerdigen. Danach wollten Jimbo und Big Al ins Dorf hinunter gehen und die Vorräte holen.
„Warum gehen wir nicht alle?" fragte John.
„Weil Remus noch viel zu schwach is'," antwortete Jimbo. „Wir sollten ihn aber besser nich' allein' lassen. Bleib' du mit ihm hier, Big Al kann ja aufpassen wegen der Kapuzenbrüder und ich schaff' das schon mit dem Gepäck, bin ja stark."
John verteilte die Zauberstäbe. Remus, der ihm bestätigen konnte, das Eileen Prince seine Mutter gewesen war meinte, dass John auch am besten ihren Zauberstab nähme, Big Al bekam den von Igor, Jimbo behielt den von Draco, so blieb für Remus schließlich der von Mr. Pahlmann.
Sie gingen in den Lagerraum. Remus zeigte ihnen, wie man Mr. Pahlmann mit Hilfe von Zaubersprüchen in einen Teppich einwickeln, diesen verschnüren und schließlich ins Freie bringen konnte.
Es wurde langsam hell, eine glutrote Sonne ging auf, der Himmel erstrahlte in allen Farben, von dunklem Rot bis noch zu dem Schwarz der vergangenen Nacht. Die letzten Sterne funkelten blass.
Es war gefroren, Raureif hing auf dem Gras und den Ästen der Bäume, auf dem See zeigte sich eine dünne Eisschicht.
Sie gingen zum Friedhof. Remus nannte ihnen den Zauberspruch zum Ausheben einer Grube, es gelang ihnen dann auch mit vereinten Kräften. Sie ließen den Körper von Mr. Pahlmann hineinschweben.
„Möchtest Du etwas sagen?" fragte Remus John, „du hast ihn schließlich gut gekannt."
John starrte in das Grab. Er wusste nicht, welche Worte jetzt angebracht waren.
In der Zeit, an die er sich erinnern konnte, war er nur auf einer einzigen Beerdigung gewesen, auf der von Walther.
Dieser war ebenfalls Bewohner des Obdachlosenasyls gewesen – der einzige, zu dem John einen Kontakt aufgebaut hatte.
Walther war zwar auch meistens betrunken, aber wenn er mal leidlich nüchtern war, hatte er John von seinem früheren Leben erzählt, seinem Haus, seiner über alles geliebten Frau, den beiden wundervollen Kindern, den Sommerurlauben an exotischen Orten und dem Job, in dem er so viel Geld verdient hatte.
Aber dann war Walthers tolles Leben aus den Fugen geraten.
Seine Frau war abgehauen, und er hatte angefangen, zu trinken (oder war es umgekehrt gewesen?), er hatte seinen Job verloren, und irgendwann war er auf der Straße gelandet.
John war es damals schwer gefallen, den Mann mit den verfilzten grauen Haaren, dem wirren Bart und den fehlenden Zähnen mit einem der eleganten Anzugträger, die immer einen großen Bogen um ihn machten, in Verbindung zu bringen.
Walthers einziger Besitz – abgesehen von den paar Kleidungsstücken, die er Tag und Nacht trug – war ein kleines Schachbrett nebst Figuren aus Plastik gewesen. Er hatte John das königliche Spiel beigebracht, oft hatten die beiden Männer nächtelang zusammen gesessen und um ihre Damen gekämpft.
Eines Morgens war Walther nicht mehr aufgewacht.
John hatte ihn gefunden und erst gar nicht gewusst, was er tun sollte.
Dann kam der Coroner, warf einen flüchtigen Blick auf den Toten, murmelte etwas von „Leberzirrhose", kritzelte den Totenschein und ging wieder.
Die Beerdigung war zwei Tage später.
Es regnete an diesem Tag, der Himmel war grau in grau, es war überhaupt nicht richtig hell geworden.
An Walthers Verabschiedung nahmen genau drei Lebende teil: ein furchtbar junger und nervöser Pfarrer, einer der Arbeiter der Friedhofsverwaltung und John. Sie verloren sich in der großen, ungeheizten Halle. Der Pfarrer sprach rasch und undeutlich ein Gebet und drückte dann auf einen Schalter.
Orgelmusik erklang.
Der Pfarrer sang etwas.
Dann nahm der Friedhofsarbeiter die Urne und ging hinter dem Pfarrer zum anonymen Gräberfeld. John folgte ihnen.
Er hatte das alte Schachspiel dabei, aber das Loch, in dem die Urne versenkt wurde war zu klein, um es mit hineinzulegen. So behielt er es schließlich.
Der Pfarrer sprach noch ein kurzes Gebet, nahm schließlich aus einem bereitstehenden Gefäß eine Schaufel mit Sand, warf ihn auf die Urne und murmelte: „Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub."
Der Arbeiter schüttete schließlich das Loch mit Erde zu und legte eine Grassode darauf.
Die Zeremonie war vorüber.
Sie hatte fünfzehn Minuten gedauert.
John war noch lange am Rand des Gräberfelds stehen geblieben. Der Regen hatte seine Jacke und seine Schuhe durchweicht.
Er hatte es nicht einmal bemerkt.
Nun stand er wieder an einem Grab.
Er wusste nicht, was er fühlte.
Im Lichte dessen, was er aus seinen Träumen und Halluzinationen sowie der Zeitungslektüre der letzten Nacht erfahren hatte, konnte er seinem früheren Lehrherrn nicht dankbar sein.
Er hatte ihn Lord Voldemort vorgestellt.
Er hatte aus ihm einen der Gefolgsleute des dunklen Lords gemacht.
Er hatte ihn zum Mörder werden lassen.
„So, so, Slytherin also ...
Du hast Mut
Du bist klug
Du hast ein Gefühl für richtig und falsch
Du könntest Großes vollbringen in einem anderen Haus ...
Bis du dir sicher?"
„Ja," antworte ich, „ich will nach Slytherin."
„So soll es sein – SLYTHERIN!"
Plötzlich verstand er den Sinn dieser Vision – nichts von dem was geschehen war, war die Schuld eines anderen Menschen gewesen. Er hatte es so entschieden.
Hätte er nur einmal „Nein" gesagt statt immer nur „Ja", welchen Weg wäre er dann gegangen?
„Du solltest nicht hier sein," sagt eine weibliche Stimme hinter mir
„Du genauso wenig, Bellatrix"
„Warum hast Du mich nie gefragt ...?"
Bella schien aus ihrem Grab heraus zu ihm zu sprechen.
Welche Frage hatte sie von ihm erwartet?
Warum hatte er sie ihr nie gestellt?
„Alles o.k., Kumpel?"
Jimbo hatte seine Hand auf Johns Schulter gelegt.
John nickte.
Dann nahm er eine Hand voll Erde, ließ sie in das Grab rieseln und sagte: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, und Staub zu Staub."
Während Jimbo und Big Al ins Dorf hinunter gingen, ließ John mit seinen neu erworbenen Kenntnissen die Hand, die immer noch aus dem Massengrab ragte, unter einem kleinen Hügel Erde verschwinden.
Viel stärker als am Grab von Mr. Pahlmann hatte John hier das Bedürfnis, etwas zu sagen. Schließlich fielen ihm einige Zeilen eines Gedichtes ein, das er einmal irgendwo gelesen und das ihn tief beeindruckt hatte.
„An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt?
An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen
Und aus Niemals wird: Heute noch!"(i)
Schweigend kehrten John und Remus zur Burg zurück, durchquerten den Hof und setzten sich schließlich auf die Stufen der Eingangstreppe.
Der Wind, der auf dem improvisierten Friedhof eisig gepfiffen hatte, war hier nicht zu spüren, die Wintersonne wärmte ihre Gesichter und Hände.
„Was wohl aus Tonks geworden ist? Ob sie noch lebt?" sagte Remus leise, fast wie zu sich selbst.
„Wer ist Tonks?" fragte John.
„Nymphadora Tonks-Lupin, meine Frau," erklärte Remus. „Sie hat für das Ministerium gearbeitet, sie war Auror."
„Vielleicht ist sie auch in der anderen Realität. Es gibt einige aus der magischen Welt dort, sicher auch viele, von denen Dr. Granger, Nikita oder ich nichts wissen."
John hoffte, tröstlich zu klingen.
Wieder schwiegen die beiden Männer.
„Für welches Ministerium hat deine Frau gearbeitet?" fragte John. „Und was ist ein Auror?"
„Ein Auror ist ... ich denke „Polizist" würde dem nahe kommen. Und es gibt nur ein Ministerium, das für Magie," antwortete Remus.
„Gibt es eigentlich jemanden drüben, ich meine, in der anderen Realität, der von all dem weiß?"
„Wenn du von einer anderen Realität sprichst, meinst du wahrscheinlich die Welt der Muggles – so nennen wir nicht-magische Menschen? Und – ja, der Muggel-Minister weiß Bescheid. Immer wenn die Muggles oder wir ein neues Oberhaupt bestimmt haben, hat der unsere den der Muggles aufgesucht. Und natürlich auch dann, wenn Dinge geschehen sind, die beide Welten betreffen."
John hatte Bilder von magischen Ministern in den Zeitungen gesehen und versuchte, sich Tony Blairs Gesichtsausdruck vorzustellen, wenn einer dieser Herren in sein Büro platzte. Es gelang ihm nicht.
Ein Gutes hatte die Sache allerdings: von einem solchen Staatsbesuch wurde kaum erwartet, im typischen Londoner Nieselregen garniert mit landesüblich niedrigen Temperaturen eine Militärparade abzunehmen oder mit der Queen ein Tässchen Tee zu trinken und über Hundezucht zu plaudern.
„Natürlich muss der Muggle-Minister darüber schweigen," erklärte Remus.
„Hätte er es nicht getan, wäre er wohl nicht allzu lange im Amt geblieben," antwortete John und musste plötzlich kichern.
Remus sah ihn überrascht an.
„Ich kenne dich schon ziemlich lange," sagte er, „wir waren als Schüler zusammen in Hogwarts, dann waren wir ein Jahr lang Kollegen, und wir waren im Orden, aber – ich habe dich noch nie lächeln oder lachen gesehen – oder kichern. Hagrid ... Alastair ... die beiden erkenne ich wieder ... aber dich..."
Die Stille wurde von einem Dröhnen unterbrochen. Irgendetwas mühte sich den Berg hoch.
„Jimbo wird doch nicht etwa ...?" dachte John.
Das Dröhnen schwoll an und schließlich bog Jimbos Armeegefährt in den Burghof ein.
Der Motor wurde abgestellt. Jimbo und Big Al stiegen aus und nahmen das Gepäck, während Remus das Gefährt mit offenem Mund musterte.
„Das is' mein Auto," erklärte Jimbo mit stolzgeschwellter Brust. „Dachten, es wär' einfacher, gleich damit hierher zu kommen, statt das ganze Zeug den Berg hoch zu schleppen."
Remus brachte immerhin ein schwaches Nicken zustande.
Eine Stunde später saßen die vier Männer um einen runden Tisch in einer gemütlichen Küche, um die das ehemalige Büro des Schulleiters mittlerweile ergänzt worden war. Jimbo hatte sich selbst zum Chefkoch erklärt, Tee zubereitet und Toast geröstet.
„Wir haben uns immer gefragt, wo der jeweilige Schulleiter gewohnt hat, wo er schlief, wo er seine Freizeit verbrachte," sagte Remus, „aber keiner hätte je gedacht, dass es so einfach war. Das Büro ist ein Raum der Wünsche."
„Ein Was?" fragte Jimbo.
„Ein Raum der Wünsche. Ein magisches Zimmer, dass genau das liefert, was der Benutzer benötigt. Wir haben einen Platz zum Schlafen gebraucht? Wir hatten einen. Wir haben ein Bad gebraucht? Stand schon bereit. Eine Küche? Kein Problem."
„Tolle Sache!" rief Jimbo. „Und ich hab' mich die ganze Zeit gefragt, wie die Leute hier wohl klarkommen – so ohne Strom und Gas und all das Zeug."
Remus lachte.
„Hier in der magischen Welt ist es ein absolutes Rätsel für uns, wie die Muggles ihr Leben ohne Magie bewältigen."
Jimbo und Big Al aßen mit großem Appetit während John und Remus lustlos an ihren Toastscheiben knabberten.
„Heh, du musst ´was essen," forderte Jimbo Remus auf und hielt ihm den Teller mit dem Toast hin.
„Normalerweise bin ich nur zwei bis drei Tage im Monat ein Werwolf – und das ist schon anstrengend genug. Seve ... ich meine, John hat mir mit seinen Zaubertränken immer sehr geholfen, trotzdem ... Aber jetzt war ich über Monate in dieser Gestalt. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchgehalten hätte. Apropos: weiß jemand von Euch, wann wieder Vollmond ist?"
„Das dauert," antwortete Jimbo. „Der letzte war vor ´ner Woche oder so. Die Elefanten waren ganz nervös, is' immer so."
„Elefanten?" fragte Remus.
„Große graue Tiere. Leben in Afrika und Asien, sind aber fast ausgestorben. Werden gejagt wegen ihrer Stoßzähne," erklärte Jimbo. „Arbeite im Zoo, bin Tierpfleger, kümmere mich um sie."
„Ihr habt einmal hier gelebt, erinnert ihr euch eigentlich noch daran?" fragte Remus.
John, Jimbo und Big Al schüttelten ihre Köpfe.
„Ich habe Visionen, Alpträume in der Nacht, Halluzinationen am Tag," antwortete John, „ich habe daraus schon viel erfahren. Und ich habe die Notizbücher der anderen gelesen, die sich auch an Nikita gewandt haben."
„Wer ist diese Nikita eigentlich, von der du immer erzählst?" wollte Remus wissen.
„Nikita Karkaroff, Igor Karkaroffs Frau – vielmehr seine Witwe," antwortete John. „Sie ist eine ... wie nennt ihr das doch gleich? ... Muggle."
„Es gibt Muggles, die mit Zauberern beziehungsweise Hexen zusammen sind," sagte Remus. Sie leben in aller Regel in der Mugglewelt. Menschen, die keine magischen Fähigkeiten haben, haben es hier sehr schwer. Und es gibt Zauberer, die – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig in der Mugglewelt leben und nur zum Arbeiten hierher kommen. Alas ... Big Al war so jemand."
„Ich habe letzte Nacht Zeitungen gelesen und versucht zu verstehen, was hier geschehen ist. Aber ..." John brach ab.
„Es ist auch nicht so einfach," erwiderte Remus. „Lord Voldemorts erste Schreckensherrschaft endete mit dem Mord an Lily und James Potter. Seine Lordschaft hatte es sich nicht nehmen lassen, seine ärgsten Feinde selbst zu erledigen. Er wollte dann auch ihren kleinen Sohn, Harry, töten und feuerte einen „Avada Kedavra"-Fluch gegen ihn, der aber an dem Jungen abprallte und Voldemort selbst traf. Der Junge behielt eine Narbe zurück und wurde zur Legende – ein einjähriger Säugling, der den größten und mächtigsten aller schwarzen Magier niederstreckte."
„Aber Voldemort war nicht tot, oder?" fragte John.
„Nein, tot war er nicht, aber stark geschwächt. Seine Herrschaft endete, seine Anhänger – man nennt sie „Todesser" flohen oder taten so, als hätten sie unter einem Imperius-Fluch gestanden. Die Reichen unter ihnen kauften sich einfach frei."
„Der Krieg war vorbei/da war Stille im Land/da waren die Lautesten leis'/sie nahmen das Hitlerbild von der Wand/ihre Westen, die wuschen sie weiß(ii) – das hatte Nikita einmal zitiert," sagte John traurig, „auch die Muggles hatten ihren Lord Voldemort – mehr wie einen."
„Du warst ein Todesser, John."
„Ich weiß."
John schob den Ärmel seines Pullovers hoch und zeigte seinen Freunden das Tattoo.
„Schädel und Schlange. Das Zeichen für Voldemorts Organisation. Seitdem ich hier bin, ist es gut zu sehen, und es brennt wie Feuer."
„Es könnte bedeuten, dass Voldemort noch lebt," sagte Remus ruhig. „Aber ich persönlich glaube das nicht."
„Warum?" fragte Jimbo.
„Ich erzähle am besten weiter," antwortete Remus, „das beantwortet vielleicht die ein oder andere Frage."
Er trank den Rest seines Tees, wartete bis Jimbo ihm und den anderen nachgeschenkt und sich wieder gesetzt hatte und fuhr fort: „allerdings gab es einige Anhänger, die nicht an den Tod ihres Idols glaubten. Sie fanden Voldemort – er war schwach und hilflos wie ein Säugling – und versuchten, ihm seine alte Stärke zurück zu geben. Es war Harry Potter, der diese Versuche zweimal vereitelte. Obwohl selbst noch ein Junge, zerstörte er den Stein der Weisen und das Tagebuch von Lord Voldemort. Aber die Rückkehr zu alter Stärke und Macht wurde dadurch nicht verhindert, nur verzögert. Schließlich erhoben sich Voldemort und seine Anhänger erneut – nun ging es nur noch darum, ihn endgültig zu töten und seinem Regime ein Ende zu setzen."
„Und?" fragte Jimbo.
„Ich muss noch einmal am Anfang ansetzen. Während der ersten Schreckensperiode gründete sich eine Widerstandsgruppe – der „Orden des Phönix". Natürlich war das keine formale Gründung. Es waren Leute, die sich kannten und sich vertrauen konnten und die sich einig waren, das man Voldemorts Treiben beenden musste. Albus Dumbledore war der älteste, deswegen erkannte jeder ihn als Vorsitzenden an, obwohl es nie eine Abstimmung gegeben hatte. Es war damals Albus' Politik, dass jeder alles wissen und in alle Geheimnisse eingeweiht werden sollte. Das stellte sich jedoch als schwerer Fehler heraus – wir hatten einen Verräter in unserer Gruppe. Unsere Leute wurden getötet, einer nach dem anderen. Und wäre die Sache mit Harry Potter nicht passiert, hätte keiner der Ordensleute überlebt."
„Wer war der Verräter?"
„Was war so besonderes an den Potters?"
„Was geschah mit Harry?"
Jimbo und John hatten ihre Fragen fast gleichzeitig gestellt, Remus konnte nicht sagen, wer was gefragt hatte.
„Wer der Verräter war, hat sich erst viele Jahre später herausgestellt. Wir hatten Sirius Black in Verdacht gehabt, aber es war Peter Pettigrew gewesen – der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hatte," fuhr Remus fort.
„Es gibt drüben einen jungen Mann, der ebenfalls sein Gedächtnis verloren hat. Er nennt sich „Sirius Evans", weil beide Namen ihm irgendetwas bedeuten," unterbrach ihn John.
Remus wurde noch blasser.
„Das könnte Harry sein," flüsterte er. „Hat er eine Narbe?"
„Kann sein." John war sich einfach nicht mehr sicher. „Irgendjemand hat eine Narbe, ich weiß aber nicht mehr, ob es Sirius oder einer der anderen ist."
„Eines nach dem anderen, wir gehen dieser Frage später nach," sagte Remus. „Nach dem Tod seiner Eltern brachte Albus Harry zu seinen Verwandten in die Mugglewelt. Lily kam aus einer Mugglefamilie."
„Ein Schlammblut," flüsterte John.
Remus sah ihn fragend an.
„Schlammblut – so habe ich ein Mädchen namens Lily Evans in einem meiner Träume genannt. War diese Lily Harrys Mutter?"
Remus nickte. „Und Schlammblut war das Schimpfwort, das die „Reinblüter" für Mugglegeborene benutzten. Die Mugglewelt war sicher nicht der beste Ort für Harry, und seine Verwandten – Lilys Schwester, ihr Mann und ihr Sohn Dudley – haben alles getan, um Harrys Kindheit zu einem einzigen Alptraum zu machen. Aber er lebte – und als er elf Jahre alt war, nahm er seinen Platz in Hogwarts ein."
Remus trank einen Schluck Tee und holte tief Luft.
„Was an den Potters so besonders war, dass Voldemort sie unbedingt selbst töten wollte – das wüsste ich selbst gerne. Aber diese Frage können wohl nur fünf Menschen beantworten. Vier von ihnen sind leider tot und einer hat sein Gedächtnis verloren."
Remus sah John in die Augen.
„Ich?" fragte John entgeistert.
„Ja, du. Du hast damals zum engsten Kreis um Voldemort gehört. In der Nacht, in der die Potters getötet wurden, kamst du zu Albus und hast ihn gewarnt. Den Mord an Harrys Eltern konnte er nicht mehr verhindern, dafür war es schon zu spät, aber er konnte Harry in Sicherheit bringen."
„Warum habe ich das getan?"
„Auch das wüsste ich gerne – aber es hat dich vor einem Leben im Gefängnis bewahrt. Nach dem Fall Voldemorts hat Dumbledore für dich gebürgt, er hat dir die Stelle als Zaubertränkelehrer gegeben."
Aus dem Schlafzimmer drangen Geräusche und ein klagendes Stimmchen.
„Meister ... Bing muss Meister suchen."
Die vier Männer sahen sich an.
„Gib ihr noch etwas Likör und stell sie ruhig," sagte Remus zu Jimbo. Dieser nahm die Karaffe und ging ins Schlafzimmer. Bing verstummte.
„Is' aber auf Dauer keine Lösung," meinte Jimbo als er zurückkam.
„Ich gebe dir recht," erwiderte Remus. „Leider sind unsere Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Hauselfen sind an ihre Herrschaften gebunden, sie dienen einem Haus ihr ganzes Leben lang. Wirklich tragisch ist, dass sie nichts anderes sein wollen als Diener. Irgendeine Art von Magie bindet sie an ihre Meister. Wäre Bing frei, könnten wir ihr helfen, aber die einzige Möglichkeit, diese Bindung zu lösen ist, dass ihr Herr ihr Kleidung schenkt."
„Nichts einfacher als das," sagte John mit tiefer Resignation in der Stimme. „Einer von uns geht runter ins Verlies zu Malfoy und bittet ihn darum. Er wird uns diesen Gefallen sicher nur allzu gerne tun."
„Das ganze muss ziemlich absurd für euch klingen," erwiderte Remus. „Es muss aber nicht Malfoy selbst sein, es reicht, wenn Bing ihr Gegenüber für Malfoy hält."
„Hast Du vielleicht einen Zauber, der sie vorübergehend erblinden lässt?" schlug John vor.
„Nein, an so etwas habe ich auch nicht gedacht," antwortete Remus gelassen. „Vielsafttrank."
„Was is'n das jetzt schon wieder?" stöhnte Jimbo.
„Ein Trank, der einem vorübergehend eine andere Gestalt gibt." Während er diese Worte sprach blickte Remus John in die Augen.
„Kann sein, dass ich so etwas mal herstellen konnte. Aber mein Gedächtnis ..." sagte John.
„Die Herstellung eines Vielsafttrankes dauert viele Wochen." Remus musste schmunzeln. „Aber vielleicht gibt es unter deinen Vorräten ja noch etwas davon. Du musst dir die Gefäße ansehen, vielleicht hast du ja dann irgendeine Vision ...eine Eingebung ..."
„Vielleicht habe ich ja auch „Vielsafttrank" auf die Flasche geschrieben ..."
Die Männer mussten plötzlich schallend lachen.
Sie räumten ihr Geschirr zusammen.
Jimbo bot an, den Abwasch zu übernehmen, da er ja ohnehin nicht in den Lagerraum passte.
Remus wollte sich etwas hinlegen, er fühlte sich immer noch schwach.
John und Big Al würden den Vielsafttrank suchen.
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