12.

John hatte das Gefühl, schon ewig auf der Leiter in dem schmalen Lagerraum zu stehen.

Dass sie nach einer Flüssigkeit suchten, erleichterte die Sache zwar ein wenig (so konnte er die Gefäße mit den Pflanzenteilen, Krötenfüßen oder anderen, nicht identifizierbaren Inhalten außen vor lassen), aber es blieben immer noch genügend Flaschen übrig, die er einzeln von den Regalen nahm und Big Al reichte, der sie öffnete, an ihnen schnupperte und sie ihm mit bedauerndem Kopfschütteln wieder zurück gab.

Warum hatte er bloß nichts beschriftet?

Er beobachtete Big Al.

Hatte dieser ein Schweigegelübte abgelegt?

Einen unzerbrechlichen Eid?

War er verhext worden?

John war überzeugt davon, dass Big Al sich erinnerte und alles noch wusste.

Remus hatte gesagt, dass Big Al in der Mugglewelt gelebt hatte. Dies bestärkte John noch in seiner Meinung.

War Big Al ohnehin in der anderen Realität gewesen und nicht – wie die anderen – verletzt und seines Gedächtnisses beraubt worden?

Warum half er ihnen dann nicht?

John hatte das Gefühl, Teil eines Plans zu sein, den er nicht verstand. Er fühlte sich wie eine Teppichfaser, die zwar die eigene Farbe, aber nicht das komplette Muster wahrnahm.

Johns Gedanken wanderten zu dem jungen Mann, der viele Fuß unter ihnen im Verlies lag.

„Draco Malfoy", so hatte Remus ihn genannt.

Er dachte über die Vision nach, in der er einer Frau namens Narcissa versprochen hatte, ihren Sohn Draco zu beschützen und einen unzerbrechlichen Eid darauf geschworen hatte.

Draco Malfoy

Narcissa Malfoy

N.M.

Narcissa hatte ihm also in der stürmischen Nacht die Botschaft mit der grau-braunen Eule geschickt.

Aber warum?

Woran wollte sie ihn erinnern?

Wessen Befehle sollte er befolgen?

Die eines Lord Voldemort, der vermutlich tot war?

Oder die eines Draco Malfoy, der vielleicht sein Nachfolger war?

Big Al holte John aus seinen Gedanken.

Er zupfte ihn am Hosenbein und hielt eine kleine Flasche fast andächtig und nickend in die Höhe.

Der Vielsafttrank.

John sah auf seine Armbanduhr, sie hatten noch nicht einmal eine Stunde gebraucht, um ihn zu finden.

John und Big Al gingen zu Remus, der immer noch auf der Couch lag.

Remus sah blass aus, er schien immer mehr zusammenzufallen. Er konnte sich nur mühsam etwas aufrichten.

Jimbo versuchte, Remus Tee einzuflößen und wischte ihm mit einem feuchten Tuch den Schweiß aus dem Gesicht.

„Was ist mir dir?" fragte John.

Remus sah ihn an.

„Es geht mir nicht gut – gar nicht gut. Ich war wohl doch zu lange ein Werwolf."

John holte tief Luft.

„Gibt es gar nichts, was wir tun können?"

Remus zuckte mit den Schultern und ließ sich wieder in die Kissen fallen.

„Habt ihr den Vielsafttrank?" fragte er.

John nickte und öffnete die kleine Flasche. Der Gestank, der aus ihr herausquoll, war atemberaubend.

„Jimbo?" flüsterte Remus.

„Ja, ich habe es," erwiderte der Riese. Er nahm die Flasche, fügte etwas hinzu, verrührte die Flüssigkeit mit einem Löffel und reichte sie dann wieder John.

„Zum Wohl!" sagte er.

„Ich soll das ...?" fragte John entgeistert.

Remus nickte.

„Ich bin einfach zu schwach, Hagrid ... ich meine, Jimbo, ist ein Halbriese, ich weiß nicht, ob es bei ihm wirkt und Big Al ist nicht mehr vollständig ..."

Er deutete auf Big Als Prothese.

„Du bist der gesündeste hier."

„Wird es auch wirklich funktionieren?" fragte John.

„Vertraue mir, es wird klappen," flüsterte Remus.

John hob die Flasche an seinen Mund. Der Gestank drang in seine Nase, er merkte, wie sich sein Magen hob.

„Halt' dir die Nase zu und dann nix wie runter mit dem Zeug," sagte Jimbo mit aufmunternder Stimme.

John tat wie ihm gesagt wurde – und war froh, nur wenig gefrühstückt zu haben.

Das war das Widerwärtigste, Ekelhafteste, Schleimigste, was er in seinem ganzen Leben jemals gegessen oder getrunken hatte.

Tapfer schluckte er gegen die Übelkeit an und setzte die Flasche erst ab, als er den letzten Tropfen getrunken hatte.

„Wasser!" röchelte er, „Wasser!"

Er fiel auf den Boden, sein Magen revoltierte, alles schmerzte, er wälzte sich hin und her.

Eine große Hand hielt ihn fest, ein Glas wurde an seine Lippen gedrückt, er schluckte ... Wasser, welch eine Wohltat. Kaltes, klares Wasser ...

Jimbo half ihm, aufzustehen ...

War sein Freund schon immer so groß gewesen?

Warum rutschte ihm die Jeans über die Hüften?

Warum waren die Ärmel seines Pullovers so lang?

Warum waren seine Schuhe so groß?

Jimbo brachte ihm andere Kleidung. Einen schwarzen Anzug, eine Robe, Stiefel – und einen Handspiegel, den er John triumphierend gab.

John blickte hinein – und schloss entsetzt die Augen.

Er zählte langsam bis Zehn, öffnete sie wieder und ...

Aus dem Spiegel starrte ihm das Gesicht des blonden Bastards entgegen.

John zog sich um, niemand wusste genau, wie viel Zeit er hatte, um Bing freizulassen.

Ganz zum Schluss drückte Jimbo ihm ein paar Socken (ungewaschen) in die Hand.

„Die gibst du Bing," sagte er, „eigentlich ganz einfach, oder?"

John nickte ergeben, zählte noch einmal bis Zehn und ging ins Schlafzimmer.

„Meister ... Meister ... Bing ist froh, Meister zu sehen ..."

Wäre da nicht das gebrochene Bein gewesen, Bing wäre John sicher jubelnd um den Hals gefallen.

„Bing, du hast ..."

Was war das?

Das war nicht er.

John hatte eine tiefe, volltönende Stimme, jetzt aber entrang sich seiner Kehle ein heller Tenor.

Natürlich – er war ja vorübergehend Draco Malfoy.

„Bing, du hast mich enttäuscht – schwer enttäuscht. Ich sehe keine andere Möglichkeit, als dich aus meinen Diensten zu entlassen."

John gab der völlig verstörten Hauselfe die Socken.

„Aber Meister ... mein Meister ... Bing will bleiben ... Bing ..."

Der Rest ging in einem Gemisch aus Weinen und Schreien unter.

Jimbo kam ins Zimmer und flößte der Elfe Likör ein. Das Gejammer verstummte.

John, Jimbo und Big Al hatten sich um Remus versammelt.

„Was hast du in Trank getan?" fragte John Jimbo.

„Glaub mir, das willst du nich' wissen," erwiderte dieser. „Nur soviel: es war etwas, was dich zu Draco machte."

John entschied für sich, mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Vielleicht war es wirklich besser so.

„Wir haben Dracos Schlafzimmer gefunden – dieser Raum hier ist echt ´ne Wucht!" sprach Jimbo weiter.

„Was machen wir jetzt mit Bing?" fragte John.

„Jetzt ist sie frei, ihr könnt sie jetzt in die FER bringen," antwortete Remus.

„Was ist die FER?"

„Die freie Elfenrepublik. Viele Hauselfen haben in den letzten Jahren ihre Meister und Meisterinnen verloren, sind also sozusagen zwangsbefreit worden. Sie leben zusammen in der FER."

„Und wo is' die FER?" fragte Jimbo.

„In London, in der Diagon Ally. Das größte Gebäude dort war früher einmal Gringotts, heute ist es die FER."

„Gringotts!" sagte John aufgeregt, „hast du gerade Gringotts gesagt?"

Remus nickte.

„Die letzten Worte Herrn Pahlmanns waren: Gringotts, Fach 713."

„Das war das Fach von Hogwarts," flüsterte Remus, „ihr könnt nachsehen, wenn ihr dort seid. Aber ..."

Remus Stimme erstarb.

Sie schafften es nicht, Remus wieder aufzuwecken.

„Was sollen wir jetzt bloß tun?" fragte Jimbo verzweifelt. „Ohne ihn ..."

John seufzte. Sie brauchten Remus, ohne ihn fanden sie nie Gringotts. Er war der einzige, der die Zaubersprüche kannte und sie ihnen zeigen konnte. Sie hatten noch so viele Fragen ...

Zwischenzeitlich hatte sich die Wirkung des Vielsafttrankes verflüchtigt. John trug wieder seine eigene Kleidung, blickte sich selbst im Spiegel entgegen und – was das wichtigste für ihn war – hatte wieder seine vertraute Bassstimme.

Nun stand er auf und ging ins Schlafzimmer. Er weckte Bing reichlich unsanft.

„Was weißt Du über den Tränkebrauer?" fragte er die schlaftrunkene Elfe.

„Verräter!" schrie sie mit ihrem piepsigen Stimmchen. „Tränkebrauer ist Verräter. Meister hat Bing befohlen, Tränkebrauer zu dienen, aber Tränkebrauer ist Verräter. Bing hat es Meister gesagt ..."

„Und der Meister hat Mr. Pahlmann getötet," dachte John.

„Was ist mit dem Wolf?" fragte er weiter.

Es kostete ihn alle Kraft, sich zu beherrschen und seine Stimme unbeteiligt klingen zu lassen.

„Bing hat Angst vor Wolf," sagte Bing, in ihren Augen spiegelte sich Furcht.

„Der Tränkebrauer hat ihn zu einem Wolf gemacht," erwiderte John. „Er ist eigentlich ein Mensch so wie wir, nur einmal im Monat wird er zum Wolf. Aber der Tränkebrauer hat ihm etwas gegeben, was ihn für lange Zeit in die Wolfsgestalt ..."

Plötzlich hatte John eine Eingebung.

„Wo bewahrt der Tränkebrauer seine persönlichen Dinge auf?"

„In Schlafzimmer. Bing muss dort putzen, darf aber nichts anfassen."

„Wo ist das Schlafzimmer?"

Bing fing an, den Weg zu beschreiben, aber John hob die Elfe hoch und sagte nur: „Zeige es mir."

Mr. Pahlmanns Schlafgemach war nicht sehr weit weg vom Turmzimmer. John markierte es, allerdings nicht mit dem knallroten Lippenstift, sondern mit einem Zauberspruch, den Remus ihnen gezeigt hatte.

Die gesuchten Zaubertränke standen auf einem Regal hinter einem Vorhang. Mr. Pahlmann hatte offenbar Wert darauf gelegt, dass niemand davon erfuhr.

Die Flaschen waren ebenfalls nicht beschriftet. Einige enthielten rote Flüssigkeiten, einige blaue und einige grüne.

Die blauen Flaschen kannte John, Mr. Pahlmann hatte ihm eine davon gegeben bevor er starb.

„Weißt du, wozu dieses Zeug gut ist?" fragte John die wieder halb schlafende Bing.

„Rot macht Wolf, blau macht Mensch, grün macht gesund," antwortete Bing.

„Woher weißt Du das?"

„Bing musste helfen. Leiter hoch, Leiter runter, Sachen holen."

Die Elfe zeigte John die Innenseite ihres linken Ärmchens. Kleine Punktionen waren deutlich zu sehen.

„Bing hat Blut gegeben."

John stöhnte und legte Bing in Jimbos Arme. Der Riese hatte es sich nicht nehmen lassen, mitzukommen.

Dann nahm er die blauen und grünen Flaschen, gemeinsam kehrten sie in das Turmzimmer zurück.

Jimbo übernahm es, Remus etwas von der grünen Flüssigkeit einzuflößen. Fast augenblicklich kehrte Farbe in das Gesicht des ohnmächtigen Mannes zurück, und er schlug die Augen auf.

„Willkommen zurück," sagte Jimbo, John und Big Al lächelten.

Remus erholte sich erstaunlich schnell. Er hatte Hunger und großen Durst, und Jimbo hatte Wunder in der Küche vollbracht.

Sie saßen am Küchentisch und aßen einen Eintopf, den dieser aus mehreren Konserven gezaubert hatte. Bing schlief wieder in ihrer Wiege, nachdem John ihr etwas Likör gegeben hatte.

„Bing ist an Mr. Pahlmanns Tod schuld," sagte John traurig. „Sie dachte, er sei ein Verräter und hat das ihrem Meister erzählt, der ihn daraufhin ..."

„Hauselfen sind wie kleine Kinder, sie tun nur das, was man ihnen sagt – vielmehr das, was ihr Meister ihnen sagt. Mr. Pahlmann wäre gut beraten gewesen, sein Tun vor Bing geheim zu halten – wenn er überhaupt Verrat begangen hat," erwiderte Remus.

„Sollten wir sie überhaupt noch in die FER bringen?" fragte John.

Remus nickte. „Sie ist jetzt frei, dort kann man ihr helfen. Hier kann sie keinesfalls alleine bleiben – nicht, solange ihr Meister im Keller liegt."

„Was machen wir mit Draco?" wollte John nun wissen.

„Wir lassen ihn da, wo er ist," antwortete Remus, seine Stimme klang hart. „Er hat ein luftiges Apartment mit fließend kaltem Wasser – er kann die Wände ablecken, ich musste das ja auch tun. Und ein Mensch kann wochenlang ohne feste Nahrung überleben. Er tut mir nicht leid, ich hätte nicht unübel Lust, ihn zu ..."

„Nein!" unterbrach ihn John. „Es hat schon zu viele Tote gegeben. Und vielleicht brauchen wir ihn ja noch."

„Fühlst du dich noch an den unzerbrechlichen Eid gebunden?" fragte Remus.

„Du weißt davon?" John war völlig entgeistert.

Remus nickte.

„Ja, ich weiß davon. Harry hatte es uns erzählt, er hatte ein Gespräch zwischen Draco und dir belauscht. Aber der Eid ist erfüllt worden. Sonst wären entweder Draco nicht im Verlies oder du tot. Aber woher weißt du es, John?"

John zog den Zettel aus seinem Portemonnaie.

„Das hat mir eine Eule gebracht," sagte er.

Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, denke an Spinners End. Befolge SEINE Befehle. N. M."

John hatte die Worte laut vorgelesen.

„Und ich hatte einen Tagtraum.

Wir sind in Loomingdale gewesen, Jimbo, Big Al und ich und haben uns die Überreste einer Explosion in der Straße „Spinners End" angesehen und ... ich war wieder in diesem Haus, meinem Elternhaus, mit Narcissa und Bellatrix und habe den Eid geschworen."

„Weißt Du noch, worin Dracos Aufgabe bestand?"

John schüttelte den Kopf.

Remus goss sich Tee ein, sah die anderen fragend an, stellte schließlich die Kanne wieder hin und sagte: „Wo waren wir eigentlich heute morgen stehen geblieben?"

„Voldemorts erste Schreckensherrschaft, der Mord an den Potters, Voldemorts zweite Schreckensherrschaft, der Orden des Phönix ..." zählte John auf.

„Voldemorts zweite Schreckensherrschaft begann vor etwa zehn Jahren," begann Remus. „Er und seine Todesser nutzten das trimagische Turnier in Hogwarts, um Harry Potter in seine Gewalt zu bringen. Um Voldemort wieder zu alter Stärke zu verhelfen brauchten sie drei Dinge: die Knochen des Vaters, das Fleisch eines Dieners und das Blut eines Feindes."

Remus trank einen Schluck Tee und fuhr fort: „Ersteres war kein Problem, Voldemorts Vater, Tom Riddle, war ein Muggle gewesen und lag in der Familiengruft. Er war zwar schon viele Jahre tot, aber vom Skelett war noch genug übrig. Peter Pettigrew, der einzige Todesser, der die Hoffnung auf Voldemorts Überleben nie aufgegeben und hingebungsvoll nach ihm gesucht hatte, hieb sich selbst den rechten Arm ab – Fleisch eines Dieners. Und der blutspendende Feind – Harry Potter. Harry konnte entkommen, aber einer seiner Mitschüler starb."

Remus griff wieder zu seiner Teetasse. John schob ihm eine der grünen Flaschen zu und sagte: „Falls du dich wieder schwach fühlst."

„Danke," antwortete Remus lächelnd, „aber es geht mir gut. Ich habe nur Durst."

„Ich glaube, Peter Pettigrew ist tot," sagte John, während er Remus und sich selbst Tee nachschenkte. Dann erzählte er von dem, was er über Loomingdale und die Explosion in Spinners End gelesen hatte.

Remus sah John prüfend an.

„Ich denke, diese Explosion sollte dich töten ... aber dazu später," sagte er.

„Lord Voldemort war zurück – aber ebenso der Orden des Phönix. Und wir hatten noch einen echten Trumpf: Albus Dumbledore, den einzigen, den Voldemort jemals fürchtete."

„Warum das?" fragten John und Jimbo im Chor.

„Lord Voldemort wurde als Tom Marvolo Riddle im Muggle-London geboren. Sein Vater war ein Muggle aus gutem Hause, ein Tom Riddle, seine Mutter Merope war eine Hexe. Tom verließ Merope noch während der Schwangerschaft, sie selbst starb bei der Geburt von Tom, er wuchs in einem Waisenhaus auf. Professor Dumbledore fand ihn dort und brachte ihn nach Hogwarts. Obwohl noch ein Kind, war Tom sich seiner magischen Fähigkeiten bewusst und konnte sie bereits gezielt einsetzen. Er muss eine sehr einnehmende Persönlichkeit mit ungeheurer manipulativer Kraft gewesen sein. Er öffnete die ‚Kammer des Schreckens', wobei eine Schülerin zu Tode kam und schob das ganze dann Hagrid ... äh, Jimbo in die Schuhe. Du wurdest der Schule verwiesen und durftest keine Magie mehr anwenden."

Jimbo war blass geworden.

„Aber ich hab' nicht wirklich ...?" fragte er leise.

„Nein, du warst unschuldig. Der einzige, der Riddle durchschaut hatte und die Wahrheit wusste, war Albus. Er war aber damals noch nicht Schulleiter, sondern nur Transfigurationslehrer, so konnte er lediglich durchsetzen, dass du als Wildhüter in Hogwarts bleiben konntest. Die Wahrheit über die ‚Kammer des Schreckens' und den Tod der Schülerin kam erst Jahrzehnte später ans Licht – durch Harry Potter übrigens."

„Was für'n Ar..."

„Aufwärmübungen," sagte Remus ironisch, „nichts verglichen mit dem, was noch kommen sollte."

Jimbo griff nach der – mittlerweile leeren - Teekanne und sagte: „Ich werd' mal frischen kochen."

„Mehr weiß ich auch nicht über die Kindheit und Jugend von Voldemort.

Die zweite Schreckenszeit begann. Von Voldemorts Persönlichkeit habe ich euch ja schon etwas erzählt ..." Dankbar griff Remus zu dem Glas Wasser, das Jimbo ihm reichte, „... aber jetzt muss ich über seine Ideologie sprechen. Voldemort war besessen von der „Reinheit der Zaubererrasse", von den Reinblütern."

„Im Gegensatz zu den Schlammblütern ..." warf John ein.

Remus nickte.

„Reinblüter sind Angehörige von Familien, in denen es nur Zauberer und Hexen gibt, Schlammblüter haben auch oder ausschließlich Mugglevorfahren."

„Aber Voldemort war doch selbst ein Schlammblüter ..." sagte John.

„Ja, aber das hat er nicht an die große Glocke gehängt. Die einzigen, die außer ihm davon wussten, waren Albus und der damalige Schulleiter. Auch unter den Todessern waren einige mit Mugglevorfahren ..."

Remus blickte John an, der rot anlief, „... aber hätte er auf Reinblütigkeit bestanden, hätte er wohl nicht allzu viele Anhänger um sich scharen können. Seine Ideologie hat Voldemort nicht davon abgehalten, sich seine Anhänger auch bei den Minderheiten zu suchen. Die Welt der Zauberer war – damals zumindest – so etwas wie ein Schichten- oder Kastensystem. Riesen ..." ein Blick zu Jimbo, „Werwölfe, Vampire, Hauselfen, Zentauren ... sie wurden nicht als gleichgestellte Wesen angesehen. Im Ministerium gab es eine eigene Abteilung für sie: das Amt für magische Kreaturen, und es gab strenge Gesetze zum Schutz der magischen Welt vor ihnen. Das machte es einfach für Voldemort. Er musste ihnen nur versprechen, dass es ihnen unter seiner Herrschaft besser gehen und dass sie volle Rechte erhalten würden. Und die, bei denen es so nicht funktionierte: Erpressung und der Imperius-Fluch."

Remus stand auf, holte die Karaffe mit dem Wasser und goss sein Glas voll. Er trank einige Schlucke und fuhr fort: „Hatten seine Verbündeten ihre Aufgabe erfüllt, ließ Voldemort sie töten. In seiner Welt war kein Platz für andere als reinblütige Zauberer."

John fiel das merkwürdige Wesen wieder ein, dass in Brighton angespült worden war. Er gab eine kurze Zusammenfassung.

„Einer von meiner Sorte, denke ich," sagte Remus als John seinen Bericht beendet hatte.

„Nach Voldemorts erneutem Aufstieg organisierte sich der Orden neu. Diesmal allerdings wusste niemand, was die anderen genau machten – eine der Sicherheitsmaßnahmen gegen Verrat. Ich selbst habe unter Werwölfen gelebt, Seve ... John, meine ich, ist zu den Todessern zurückgekehrt und hat Voldemort gedient, Jimbo war eine ganze Zeit lang bei den Riesen. Aber was ihr dort genau getan habt und wo ihr genau gewesen seid – das wusste nur Albus. Er war der einzige, der Berichte von jedem erhielt, er hielt die Fäden in der Hand. Außerdem kümmerte er sich um die Ausbildung seines Nachfolgers – Harry Potter."

„Woher wusste er, dass er einen Nachfolger brauchen würde?" fragte John.

„Albus ist – bei was auch immer – schwer verletzt worden. Ihm war klar, dass seine Tage gezählt waren. Er brauchte jemanden, der das fortsetzen konnte, was er begonnen hatte. Und er hatte nur zu Recht damit: er wurde ermordet."

Severus ... bitte ... bitte „Avada kedavra"

„Ich war das? Ich habe Dumbledore ermordet?" schrie John.

Remus nickte.

„Harry war dabei, verborgen unter seinem Tarnumhang. Er hatte alles mit angesehen. Eigentlich hatte Lord Voldemort Draco mit der Ermordung Dumbledores beauftragt, doch der junge Mann – er war damals sechzehn Jahre alt – konnte es nicht. Du hast es statt seiner getan, und so den unzerbrechlichen Eid erfüllt."

Die Männer schwiegen bedrückt.

„Aber das ergibt doch alles überhaupt keinen Sinn," sagte John in die Stille.

„Die Potters hat Voldemort selbst getötet und wahrscheinlich auch viele andere, aber den einzigen Zauberer, den er fürchtete, wie du sagtest, den überlässt er einem Jungen, einem Kind? Warum hat Voldemort das nicht auch selbst in die Hand genommen?"

„Das," erwiderte Remus und blickte John fest in die Augen, „ist eine wirklich gute Frage."

„Was is' dann passiert?" fragte Jimbo.

„Seve ... John und Draco sind geflohen, zu Voldemort und seinen Todessern.

Albus wurde in Hogwarts beerdigt, sein Grab liegt unten am See.

Und es begann ein langes, zermürbendes Tauziehen zwischen Voldemort und seinen Anhängern auf der einen und dem Widerstand auf der anderen Seite. Hogwarts wurde zwar unter der neuen Schulleiterin, Minerva McGonagall, wiedereröffnet, schloss jedoch, nachdem sie spurlos verschwand. Sie war eine von uns."

Remus wischte sich eine Träne aus dem rechten Auge.

„Harry versuchte, das zu beenden, was er mit Albus begonnen hatte. Wir anderen – wo auch immer wir waren - taten unser Bestes, um Informationen zu bekommen und Siege der Todesser zu verhindern. Es war ein ständiges Hin und Her – bis vor etwa einem Jahr.

Da geschahen zwei einschneidende Dinge.

Erstens: Delores Umbridge wurde neue Ministerin nach dem spurlosen Verschwinden von Percy Weasley.

Zweitens: nach und nach flogen unsere Leute auf. Ich war der erste, denke ich, aber ich weiß es nicht.

Die Todesser kamen bei Neumond, banden mich und brachten mich zu Voldemort. Ich wurde gefoltert, mir wurde Wahrheitsserum eingeflößt, aber was hätte ich erzählen können? Als die Todesser Hogwarts eingenommen hatten – ein großer Sieg wahrlich, schließlich war die Schule bereits geschlossen und die Burg verlassen – brachen sie mich hierher und übergaben mich der Obhut des gefürchteten Tränkebrauers. Den Rest meiner Geschichte kennt ihr!"

„Was war mit uns? Sind wir auch aufgeflogen?" fragte John.

„Ich denke schon," antwortete Remus, „aber so wie es aussieht, habt ihr euch gerade noch rechtzeitig retten können."

Remus war aufgestanden und betrachtete durch das Fenster einen geradezu spektakulären Sonnenuntergang.

„Albus hatte damals seinen „Plan B" entwickelt. Im Falle von Gefahr sollten wir uns in die Mugglewelt flüchten – die Idee ist ihm wohl gekommen als er Harry nach dem Mord an seinen Eltern zu seinen Muggleverwandten brachte. Jedenfalls sollten wir uns dort neu formieren, vielleicht sogar Verbündete rekrutieren und mit neuen Kräften zurückkehren."

„Was'n für Verbündete?" fragte Jimbo sarkastisch. „Sollen wir den alten Tony bitten, die Armee in Marsch zu setzen?"

Remus lächelte nachsichtig und schüttelte den Kopf.

„Es gab einen Verräter," warf John ein.

„Häh?" Jimbo war aus dem Konzept gebracht worden.

„Nach und nach sind alle Ordensleute aufgeflogen, hat Remus gesagt.

Da aber einer vom anderen nicht mehr unbedingt viel wusste, die anderen Mitglieder vielleicht gar nicht kannte, muss es einen Verräter gegeben haben.

Wer war es?

Und was war mit der neuen Ministerin?"

„Delores Umbridge war eine Todesserin der ersten Stunde – nur dass das keiner vorher wusste," erklärte Remus. „Sie arbeitete im Ministerium seitdem sie Hogwarts abgeschlossen hatte und hatte im Laufe der Jahre eine veritable Position erreicht. Allgemein galt sie als fleißig und ehrgeizig, aber auch als opportunistisch und angepasst. Sie war übrigens auch einmal ein Jahr lang Lehrerin hier – und oberste Inquisitorin. Damals war Fudge noch Minister."

„Sie hat wohl Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet?" fragte John.

Remus nickte. „Genau wie ich damals – und du übrigens auch, in dem Jahr in dem du ... in dem Albus starb."

„In diesem Fach ging es ja zu wie am Bahnhof von Kings Cross."

„Es hieß, Verteidigung gegen die dunklen Künste sei ein verfluchter Posten, weil Albus –in seiner Eigenschaft als Schulleiter – sich geweigert hatte, diese Aufgabe Lord Voldemort zu übertragen. Aber ich denke, es war eher eine Verkettung unglücklicher Umstände, die zu dem häufigen Wechsel der Lehrkräfte führte. Aber zurück zu Umbridge: kaum war sie Ministerin, bekannte sie sich offen zu Voldemort und seiner Ideologie und ließ das Ministerium säubern. Ich hoffe, dass unsere Leute rechtzeitig entkommen konnten ..."

Remus begann, zu weinen. John reichte ihm eine Packung Papiertaschentücher und legte seine Hand auf dessen Schulter.

„Du denkst an deine Frau?"

Remus nickte.

John erklärte den anderen, was Remus ihm am Morgen erzählt hatte.

„Und der Verräter?" fragte Jimbo.

Remus zuckte mit den Schultern.

„Wenn wir uns in die Mugglewelt flüchten sollten – warum sind wir dort ohne Gedächtnis und mehr oder weniger schwer verletzt angekommen? Was ist geschehen? War das vielleicht ein Teil des Verrats?"

„Noch eine gute Frage, John. Ich wünschte, ich hätte eine Antwort für dich."