„Severus, hilf mir ...
Bei Merlins Bart, hilf mir ..."
Ich stehe auf der Leiter in meinem Lagerraum und prüfe meine Vorräte
In der Luft schweben ein Blatt Pergament und eine Feder
Ich diktiere, was fehlt
Die Feder schreibt es auf
Albus steht in der Tür
Sein Gesicht ist schmerzverzerrt
„Severus, hilf mir ..."
Rasch steige ich die Leiter hinunter
Stütze ihn
Bringe ihn in mein Büro
Setze ihn auf das Sofa
Er zeigt mir seinen rechten Arm
Seine Hand ist schon ganz schwarz
Wie verbrannt
Es frisst sich weiter
„Der hölzerne Fluch!"
Ich schreie
„Der hölzerne Fluch!
Wer hat ihnen das angetan?"
„Severus ... hilf mir, bitte ... Severus ..."John erwachte schweißgebadet.
Albus war krank gewesen.
Remus hatte so etwas erwähnt, aber er hatte nicht weiter darauf geachtet.
Doch es musste ernster gewesen sein als es zunächst ausgesehen hatte.
John stand leise auf, griff sich seinen Zauberstab und ging – nein, rannte förmlich – in die Bibliothek.
Er hatte den Weg markiert und fragte sich nun einmal mehr, wie die Leute es damals fertiggebracht hatten, sich nicht ständig zu verlaufen. Diese Burg war wie ein Labyrinth.
Zielsicher ging er nach hinten in den verbotenen Bereich.
Auch dort standen Karteikästen, er suchte unter dem Stichwort „hölzerner Fluch" und stieß nur auf eine einzige Quelle: ein Buch über unverzeihliche Flüche aus Deutschland in deutscher Sprache.
Er fand es rasch, eigentlich war das System sehr logisch. Man musste es nur einmal verstanden haben.
„Der hölzerne Fluch," las er, „wurde erstmals im Jahre 1044 angewandt. Er geht zurück auf ..."
Es folgten mehrere Abschnitte historischer Entwicklung im allgemeinen und im besonderen, die er übersprang.
„Der hölzerne Fluch trifft meist Finger oder Zehen. Von dort breitet er sich aus. Er verursacht ein allmähliches Absterben des Körpers; wenn er lebenswichtige Organe wie zum Beispiel Lungen oder Nieren befällt, stirbt der Befallene qualvoll. Eine Heilung ist nicht möglich, jedoch kann man die Ausbreitung verlangsamen."
Es folgten Rezepte für Zaubertränke, die die Wirkung des Fluches beeinflussten.
„Der hölzerne Fluch?"Albus flüsterte die drei Worte unter Schmerzen
„Wie lange noch?"
Ich zögere und sehe mir einmal mehr seinen Arm an
Der Fluch frisst sich mit atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Schulter
„Ein paar Tage, vielleicht noch zwei Wochen"
Albus weint vor Verzweifelung
„Warum jetzt? Harry ist noch nicht so weit, ich muss ihn noch ausbilden ..."
„Man kann den Fluch verlangsamen, ich kann versuchen ..."
„Tun sie das, Severus! Tun sie alles, was nötig ist!
Ich brauche ein Jahr
Nur ein Jahr!"
Johns Kopf lag auf dem Tisch.
Schlaftrunken stand er auf, klappte das Buch zu und nahm es mit.
Als er in das Schlafzimmer zurückkam, hörte er Remus leise stöhnen.
Mit einem geflüsterten „Lumos" sorgte er für Licht und ging zum Bett seines Freundes.
Remus war schweißgebadet, er glühte förmlich vor Fieber.
John holte eine der grünen Flaschen, weckte ihn und flößte ihm den Trank ein.
Remus' Zustand besserte sich fast augenblicklich, und er schlief wieder ein.
John dagegen lag lange wach.
Albus war also schwer krank gewesen.
Er hätte sterben müssen, so oder so.
Der Fluch, der ihn getroffen hatte, war tödlich.
Warum also hatte er ihn dann noch ermordet?
John griff wieder nach dem Buch und las die Passage über den hölzernen Fluch im Schein seines Zauberstabes unter der Bettdecke. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der etwas Verbotenes tat.
„... wenn er lebenswichtige Organe wie zum Beispiel Lungen oder Nieren befällt, stirbt der Befallene qualvoll ..."
John schloss die Augen und erinnerte sich an seinen Traum.
Der Fluch hatte in den Fingern der rechten Hand begonnen, war dann über das Handgelenk bis zum Ellbogen hinaufgewandert.
Und dann?
Schulter, Hals, Luftröhre, Mund, Nase, Augen, Gehirn?
Er wollte sich einen solchen Tod nicht vorstellen – bei lebendigem Leib zu ersticken, zu verdursten ...
Hatte er Albus getötet, um ihm dieses Schicksal zu ersparen?
Aber warum dann diese Theatralik?
Ein einfacher Zaubertrank hätte es sicher auch getan?
Irgendetwas, das wie ein natürlicher Tod ausgesehen hätte.
Wahrscheinlich hätte er sich selbst eine Menge Ärger erspart, sicher hatte man ihn gesucht und gejagt.
Und Albus war schließlich schon ein alter Mann gewesen.
John hatte das Gefühl, dass jede Antwort, die er erhielt, nur zu neuen Fragen führten.
Der nächste Tag begann früh.
Sie packten alles zusammen, keiner wusste, ob sie je nach Hogwarts zurückkehren würden.
John selbst verstaute die Flaschen mit der Lösung für Remus, er wickelte sie vorsichtig in ein Handtuch und steckte das Bündel zuoberst in seinen Rucksack.
Auch das Buch mit den unverzeihlichen Flüchen nahm er mit, er wollte sich unbedingt noch etwas damit beschäftigen – man konnte ja nie wissen.
Remus und John sahen nach Draco.
Er lag noch immer verschnürt in dem Verlies, in dem Remus so viele qualvolle Wochen verbracht hatte. Allerdings war das Paketband durch leuchtend rote Schnüre ersetzt worden, die wie Feuerzungen glänzten. Mund und Augen waren ebenfalls offen, er schien zu sprechen, aber kein Wort kam aus seiner Kehle.
„Ein Silencio-Spruch," sagte Remus. „Einfach, aber wirkungsvoll."
„Aber seine Augen ...?"
„Solange du keinen Blickkontakt mit ihm aufnimmst, kann nichts passieren."
„Kann ihn jemand befreien? Jemand, der vielleicht zufällig ...?"
„Ich werde die Magie, die früher einmal Hogwarts beschützt hat, reaktivieren. Das dürfte zumindest Neugierige abhalten. Und das noch viele von uns übrig sind, glaube ich ohnehin nicht."
Jimbo und Big Al hatten das Gepäck im Auto verstaut, ebenso wie die schlafende Bing, die sie in ihrer Wiege zwischen die Notsitze auf der hinteren Plattform gelegt hatten.
Remus machte Bewegungen mit seinem Zauberstab und murmelte Worte, die keiner verstand.
„Was macht er'n da?" fragte Jimbo.
„Er versucht, die Burg vor Eindringlingen zu schützen," erwiderte John.
„Gute Idee!"
Die Zeremonie dauerte einige Minuten, dann kletterte auch Remus auf einen der Notsitze und erläuterte die Magie, die den Wagen zum Fliegen bringen sollten.
„Es ist eigentlich nur ein ganz normaler Schwebezauber," sagte er, „ein Wingardium Leviosa."
„Und was soll ich tun?" fragte Jimbo, der ungeduldig am Lenkrad drehte und mit dem Zündschlüssel spielte.
„Das gleiche, was du tun würdest, wenn du auf der Straße fahren wolltest."
Jimbo ließ den Motor an, legte den ersten Gang ein und gab Gas. Der alte Jeep ruckelte und fuhr schließlich über den Hof und durch das Tor.
Zweiter Gang, dritter Gang.
Sie fuhren Richtung Hogsmeade als ...
Sie stiegen.
Die Räder streiften die Baumkronen, sie stiegen jedoch weiter.
Als Jimbo den Fuß vom Gaspedal nahm, sanken sie wieder der Erde entgegen.
Er musste ein paar Mal probieren, aber dann hatte er den Bogen raus, und sie flogen in Richtung Süden.
Zur Ausstattung des Jeeps gehörte ein Kompass, außerdem hatte Jimbo eine Straßenkarte zu Tage gefördert und sie John, der neben ihm saß, in die Hand gedrückt.
Sie flogen durch eine Art Nebel – den gleichen, den sie durchschritten hatten als sie nach Hogwarts gekommen waren.
Lichter waren zu sehen, unten auf den Straßen fuhren Autos – sie waren wieder in der nicht-magischen Realität.
„Warum können wir nicht in der magischen Welt bleiben?" fragte John. „Was, wenn die Leute dort unten uns sehen?"
„Das müssen wir riskieren," antwortete Remus. „Das, was du als ‚andere Realität' bezeichnest, ist keine in sich geschlossene Welt, sondern nur so etwas wie eine Ansammlung von Inseln an verschiedenen Orten. Wir überschneiden uns mit der Welt der Muggles, manche unserer Institutionen liegen – oder vielmehr: lagen – sogar in ihr. Das Ministerium zum Beispiel, St. Mungos, Grimmault Place."
„Das wird Nikita aber gar nicht gefallen," dachte John.
Es wurde heller. Der Himmel war wolkig, was es Jimbo leicht machte, sein fliegendes Fahrzeug vor den Muggles zu verbergen. Aber es war auch sehr kalt, die Heizung des Fahrzeugs konnte nur wenig ausrichten.
John hatte das Gefühl, dass sie mit einer ungeheuren Geschwindigkeit flogen. Er beugte sich zu Jimbo, um auf die Anzeigen im Armaturenbrett zu schauen.
„Der Tacho zeigt nix," sagte Jimbo, „weil die Räder sich nicht drehen. Der Drehzahlmesser zeigt ´was an, der Motor läuft ja auch. Aber wir sin' ganz schön schnell. Guck' mal da drüben ..." er zeigte aus Johns Seitenfenster, „die Isle of Man. Wenn wir Liverpool erreichen, sollten wir Richtung Südosten fliegen."
Drei Stunden später erreichten sie London. Unter ihnen wand sich die Themse, in der Ferne konnte John die Tower Bridge und Big Ben sehen. Remus dirigierte sie leicht nach Norden auf eine Nebelwand zu.
Sie flogen direkt hinein.
Der Nebel verschluckte sie.
Sie waren wieder in der magischen Welt.
Jimbo flog ein paar Runden über dem, was in dieser Realität einmal London gewesen war.
Sie blickten auf Ruinen und Trümmer.
Nur ein einziges, sehr großes Gebäude stand noch, aber auch dieses hatte einiges abbekommen.
„Gringotts," sagte Remus. „Kannst Du davor landen?"
Jimbo nickte.
„Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän. Bitte nehmen sie ihre Plätze wieder ein, schnallen sie sich an und stellen sie das Rauchen ein. Wir werden in Kürze landen."
John sah Jimbo erstaunt an.
„Bin ´mal geflogen," erklärte dieser mit Stolz in der Stimme. „Nach Windhoek, das ist in Namibia. Haben einen Elefanten dahin gebracht, zum Auswildern. War ein tolles Erlebnis."
John dachte an Nikita, die nicht gerne flog. „Viel zu viele Menschen auf viel zu engem Raum," hatte sie gesagt.
Aber besser Menschen als ein Elefant.
Sie landeten sanft, Jimbos Qualitäten als Flieger übertrafen die als Fahrer bei weitem.
„War klasse," sagte Jimbo. „Wenn ich ´mal keinen Bock mehr auf Elefanten habe, bewerb' ich mich bei British Airways."
Sie stiegen aus, Jimbo holte Bing aus dem hinteren Teil des Fahrzeuges – sie hatte den Flug süß und selig verschlafen – und Remus sprach einen Bann, der Räuber und Plünderer abhalten sollte.
Dann gingen sie auf das Gebäude zu und pochten an das hohe, hölzerne Tor.
Keine Reaktion.
Jimbo drückte gegen das Holz, das Tor war nicht verschlossen.
Vorsichtig traten sie ein.
Elfen ...
Nie hätten sie gedacht, dass es so viele von ihnen geben könnte.
Sie wuselten in der großen Halle, in der sie nun standen, herum wie in einem Bienenstock.
Einige trugen Körbe, andere Werkzeuge, es wurde gehämmert, gemalt, geschraubt und gefegt.
Es roch nach Essen, frisch gebackenem Brot und Farbe.
Nach einigen Minuten kam eine Elfe auf sie zu und sagte: „Zauberer draußen bleiben! Kein Zutritt!"
„Wir haben hier eine verletzte Elfe, die Hilfe braucht," sagte Jimbo und stellte die Wiege auf den Boden. „Sie heißt Bing."
„Bing frei?"
Jimbo nickte. „Ihr Meister hat ihr erst das Bein gebrochen und ihr dann Kleidung geschenkt und sie fortgejagt."
„Zauberer warten!"
Die Elfe eilte fort.
Es dauerte nur kurze Zeit bis die Elfe wiederkam, eine weitere folgte ihr.
„Zauberer mit Bing," sagte die Elfe, die sie empfangen hatte, und entfernte sich.
Die andere Elfe musterte die vier Männer neugierig.
Sie sah merkwürdig aus, schon fast grotesk: Knallbunte und nicht zusammenpassende Strümpfe an den spindeldürren Beinchen, einen braunen Pullover mit einem gelben „H" und auf dem Kopf einen Teewärmer. Und sie schien älter zu sein als Bing oder die andere Elfe, mit der sie hier zuerst gesprochen hatten.
„Eine Elfe in den besten Jahren," dachte John und musste sich auf die Zunge beißen, um nicht loszuprusten.
„Professor Moody, Professor Snape, Professor Lupin, Professor Hagrid – Dobby freut sich," sagte die Elfe, die nun über ihr ganzes Gesicht strahlte.
Betretenes Schweigen folgte ihren Worten. Dobby kannte sie – aber sie konnten sich nicht an ihn erinnern.
„Das hier is' Bing," sagte Jimbo. „Sie is' verletzt und braucht Hilfe."
„Dobby weiß, Minki hat gesagt."
Dobby winkte ein paar anderen Elfen zu, die alles stehen und fallen ließen und zu ihm kamen. Er redete kurz mit ihnen, sie nahmen die Wiege und brachten Bing weg.
„Bing jetzt zu Heiler," erklärte Dobby.
„Kann Bing hierbleiben?" fragte Remus.
„Bing frei. Bing kann bleiben, wo Bing möchte."
Eine Sorge weniger.
„Du bist wohl der Chef hier?" fragte Jimbo.
„Dobby erste freie Elfe. Dobby arbeitet in Hogwarts für Professor Dumbledore. Dobby bekommt Lohn." Die Stimme der Elfe kippte förmlich um vor Stolz.
„Das hier war doch mal Gringotts?" fragte John.
„Immer noch Gringotts," antwortete Dobby.
„Wir müssten an das Fach 713."
„Warten. Dobby holt Direktor."
Diesmal dauerte es fast eine Viertelstunde bis Dobby wiederkam.
Er war in Begleitung eines weiteren Wesens, das mindestens einen Fuß kleiner war als die Elfe. Es war sehr alt, seine Haut war runzlig, es hatte große spitze Ohren und trug einen braunen Anzug mit Weste, ein weißes Hemd und blitzblank polierte braune Schuhe.
Dobby stellte dem Wesen die Männer vor, das daraufhin eine formvollendete Verbeugung machte und mit leiser, aber akzentuierter Stimme sagte: „Guten Tag, meine Herren. Ich begrüße sie bei Gringotts, der Bank der Gnome. Mein Name ist FlimmFlamm, TicToc FlimmFlamm, ich bin der Bankdirektor."
Mit offenen Mündern hatten die vier Männer der Ansprache des Gnoms zugehört, jetzt waren sie sprachlos.
John gewann als erster die Fassung wieder.
„Wir möchten gerne zu Fach 713," sagte er.
„Sehr gerne, meine Herren, es wird mir ein Vergnügen sein, sie persönlich dorthin zu geleiten."
Jimbo prustete los und schlug sich gerade noch rechtzeitig die Hand auf den Mund.
Dann folgten sie dem Gnom durch die Halle, eine große Tür aus irgendeinem Metall und einen langen Korridor.
Sie standen vor einer weiteren Tür, FlimmFlamm gab so etwas wie einen Pincode irgendwo ein, die Tür öffnete sich und sie sahen in eine Art Bergwerk.
Kleine Schienenwagen, wie Loren, standen abfahrbereit, und nachdem sie sich hineingesetzt hatten, ging eine wilde Fahrt los.
Zum Glück dauerte sie nicht lange, das Gerüttel und Geschüttel hatte den Männern sehr zugesetzt, John sah nur in blassgrüne Gesichter.
„Wenn die Herren mir jetzt freundlicherweise den Schlüssel reichen würden ..."
Den Schlüssel?
Welchen Schlüssel?
Remus zuckte mit den Schultern, Big Al sah ratlos aus, Jimbo schüttelte den Kopf ... doch dann öffnete er seine Jacke und zog unter Pullover und Hemd eine lange Kette mit einem goldenen Schlüssel hervor.
„Hatte das Ding schon als ich gefunden wurde. Wusste nie, zu ´was er gehört."
Der Gnom nahm den Schlüssel, steckte ihn in das Schloss, Riegel verschoben, Schlösser drehten sich und schließlich sprang das Tor auf.
„Ich warte hier draußen, fühlen sie sich also unbeobachtet. Wenn sie etwas brauchen, rufen sie bitte."
Sie betraten ein Gewölbe.
Die Wände wie auch der Boden bestanden aus grob behauenen Steinen.
Der Raum war leer.
Im Licht ihrer Zauberstäbe suchten sie die Wände ab, den Boden ... nichts.
Remus fand es schließlich. Es stand in einer Nische, verdeckt von einem schwarzen Tuch. Es hob sich fast nicht vom Gestein ab.
Sie zogen es heraus und entfernten das Tuch.
Ein Gemälde.
Das Portrait eines alten Mannes, der in einem Ohrensessel saß und schlief.
John hielt seinen Zauberstab näher an das Bild.
Der Mann blinzelte, gähnte, streckte schließlich seine Arme ...
Das war doch nicht möglich?
Wie konnte das sein?
„Severus," sagte der Mann in dem Portrait. „Ich freue mich, dass du zurückgekommen bist. Auch wenn ich bis zum heutigen Tag nicht verstehe, warum du mich getötet hast."
