15.

Sie saßen in einem Raum, der früher wohl als Besprechungszimmer gedient hatte.

Ein langer Tisch, bequeme Sessel, ein Sideboard, ein Garderobenständer und eine Art Hochsitz für TicToc.

Die edlen Teppiche auf dem Boden zeugten von früherer Pracht, auch wenn sie jetzt doch sehr verschmutzt und abgetreten waren.

Große Fenster öffneten den Blick in eine Art Garten mit Bäumen, Büschen, Hecken und Beeten. Hühner pickten herum, ein paar Ziegen rupften an den Sträuchern, irgendwo muhten Kühe.

„Elfen pflanzen dort Gemüse und haben Tiere. Gehört alles der Republik," erklärte Dobby.

Er hatte dafür gesorgt, dass frisches Brot, Butter, Käse, Obst, Nüsse und große Karaffen mit Wasser vor ihnen standen.

„Leider kann ich den Herren keinen Tee anbieten," sagte TicToc. „Die Damen und Herren Elfen sind sehr freundlich zu mir, ich kann hier wohnen und meiner Arbeit nachgehen, und sie versorgen mich mit allem Notwendigen. Aber bedauerlicherweise herrscht an einigen Dingen doch ein gewisser Mangel, zumal meine Kontakte in die Mugglewelt abgebrochen sind."

„Ob der sich immer so geschwollen ausdrückt?" flüsterte Jimbo John zu, um dann laut zu fragen: „Aber Wasser können sie heißmachen, oder?"

„Kein Problem," antwortete Remus und zog seinen Zauberstab. Jimbo förderte Teebeutel aus seinem Rucksack zutage, TicTocs Augen glitzerten.

Das Portrait Dumbledores stand auf dem Tisch, angelehnt an einige dicke Journale, die TicToc aus seinem Büro geholt hatte.

Nachdem alle mit Tee und Essen versorgt waren, fragte Dumbledore: „Nun, was ist geschehen?"

John, der sich im Geiste bei der Hellseherin Loony Love entschuldigte (weil er bis zu diesem Moment nicht geglaubt hatte, dass man tatsächlich mit Verstorbenen reden konnte), begann, seine Geschichte zu erzählen.

Alle – inklusive Dobby und TicToc – berichteten von den letzten Jahren.

Dumbledore, der nicht wusste, wie lange er in dem „Schließfach" gewesen war – „wenn man alt wird, verliert man sein Zeitgefühl," hatte er erklärt – hatte aufmerksam und mit nachdenklichem Gesicht zugehört.

Schließlich sahen alle am Tisch sein Portrait erwartungsvoll an.

„Ich sollte mit meiner plötzlichen Erkrankung beginnen," hob Dumbledore an.

„Dem hölzernen Fluch," flüsterte John.

„Sie erinnern sich daran?" fragte Dumbledore.

„Ich habe in der letzten Nacht davon geträumt," antwortete John und erzählte, was es mit dem Fluch auf sich hatte.

„Sie hatten in einem Punkt unrecht," fuhr Dumbledore fort, „der Fluch ist heilbar. Jedenfalls waren die Wiccas davon überzeugt, mir helfen zu können."

„Wiccas?" fragte Jimbo.

„Heilerinnen," erklärte Dumbledore, „die sich uralter Magie bedienen, die angeblich noch aus dem untergegangenen Atlantis stammt. Es gibt nicht mehr viele, einige leben noch auf Avalon."

„Avalon? Die Insel, auf der König Artus begraben liegt?" fragte John.

Dumbledore nickte.

„Jedenfalls haben sie, Severus, den Fluch soweit verlangsamen können, dass ich Harry auf das, was vor ihm lag, vorbereiten und die Wiccas aufsuchen konnte. Sie wollten versuchen, mir zu helfen."

John verstand immer weniger.

„Aber warum sollte ich sie dann töten?"

„Das sollten sie ja gar nicht, Severus. Es sollte nur so aussehen."

„Aber ..."

„Voldemort hat ihnen nicht vertraut. Viele ihrer Todesser-„Freunde", „Kameraden" - wie soll ich sie nennen? - haben sie für einen Verräter gehalten und auch Voldemort war argwöhnisch, weil sie nicht sofort zu ihm zurückgekehrt sind, als er sie rief. Und aus anderen Gründen."

„Dann war das also so eine Art Test?"

„Ja. Voldemort beauftragte Draco Malfoy mit meiner Ermordung, einen damals noch nicht einmal volljährigen jungen Mann, wohlwissend, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen sein würde. Er schickte dessen Mutter Narcissa und ihre Schwester Bellatrix zu ihnen und ließ sie den unzerbrechlichen Eid schwören."

„Die beiden haben ‚Guter Cop – böser Cop' gespielt," sagte John, „ich habe das in einem meiner Träume noch einmal durchlebt.

„Wir wussten beide, was das bedeutete. Draco hatte zwar den Todessern einen Weg nach Hogwarts geöffnet, aber er war kein Mörder. Sie, Severus, würden mich töten müssen oder selbst sterben. Letzteres konnte ich keinesfalls zulassen. Sie waren der einzige Kontakt zum inneren Kreis Voldemorts, den wir hatten."

„Wir?" fragte John.

„Der Orden des Phönix," erklärte Remus ruhig.

„Wir hatten alles gut durchdacht. Ihr „Avada Kedavra" war kein Todesfluch, sondern sollte mich nur in eine todesähnliche Starre versetzen. Sie hatten das ganze zusätzlich mit einem Amnesiafluch kombiniert, der sie daran hindern sollte, sich an diesen Plan erinnern zu können. Ich sollte beerdigt werden und dann, wenn Schüler und Lehrer Hogwarts verlassen hatten, aus dem Grab befreit und nach Avalon gebracht werden."

„Wer sollte das tun?" fragte John. „War Harry Potter eingeweiht?"

„Harry?" Dumbledore lachte. "Nein, Harry war der Augenzeuge, der hinterher allen erzählen sollte, dass sie mich getötet und mit Draco geflohen waren. Versteht mich bitte nicht falsch, Harry ist ein wundervoller und sehr mutiger junger Mann, aber er hat alles mit seinen Freunden Hermione und Ron geteilt – mit meiner Billigung übrigens, ich hätte es ohnehin nicht verhindern können. Unser schöner Plan wäre also nicht sehr lange geheim geblieben, fürchte ich."

„Wo war Harry?" wollte John wissen. „Ich habe ihn in keiner meiner Visionen gesehen, aber Remus hatte schon gesagt, dass er da war."

„Verborgen unter einem Tarnumhang und durch einen Erstarrungsfluch verzaubert."

„Und wer hat dann ...?"

„Alastair Moody."

Alle drehten sich zu Big Al um.

„Er kann nix sagen," flüsterte Jimbo.

„Ich habe jemanden gebraucht, der auch schwierigste Magie anwenden und dem ich vertrauen konnte. Das war Alastair, er war immerhin lange Auror gewesen. Der Schweigefluch war seine Idee. Er wollte sichergehen, dass er auch dann nicht reden würde, wenn man ihm Wahrheitsserum einflößt oder ihn foltert. Er war ohnehin nie sehr gesprächig, und in den letzten Jahren hatte er sich bemüht, den Anschein zu erwecken, er sei ein wenig ... nun sagen wir mal: verrückt geworden. Die meisten haben ihm ohnehin nicht geglaubt, wenn er etwas gesagt hat."

„Und Alastair kam nach Hogwarts?" fragte Remus.

„Ja. Er holte mich aus dem Grab und stellte fest, dass ich wirklich tot war. Er legte mich zurück."

„Und dann?" wollte Jimbo wissen.

„Nichts. Er ging wieder nach London zurück, jedenfalls vermute ich das."

„Aber wie ... warum?" John war völlig verwirrt.

„Ich erinnere mich an das „Avada Kedavra", an grüne Blitze, ich erstarrte und fiel eine lange Strecke. Mehr weiß ich nicht mehr."

„Wo ist das ganze eigentlich passiert?" fragte John weiter.

„Im Astronomieturm."

John wurde eiskalt.

Er erinnerte sich an Bilder aus dem Fernsehen: Flugzeuge, die in Hochhäuser krachten, Menschen, die voller Panik aus den Fenstern in den sicheren Tod sprangen ...

„Wie hoch ist der Astronomieturm?"

„War," sagte Remus, „er ist zerstört worden. Er war der höchste Turm der Burg, so einhundertfünfzig Fuß ungefähr."

„Und ich habe sie erstarren und aus dem Fenster fallen lassen?" fragte John Dumbledore.

„So wird es wohl gewesen sein."

„Niemand überlebt einen Sturz aus einhundertfünfzig Fuß Höhe," flüsterte John, „niemand, auch ein Zauberer nicht."

Alle schwiegen und sahen John an. Dieser fühlte sich so schlecht wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es war seine Schuld gewesen ... seine Schuld ... seine Schuld. Der Tod des einzigen Zauberers, der Voldemort hätte aufhalten können, die Zerstörung der magischen Welt, die vielen Toten.

„Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen," sagte Dumbledore.

„Wären sie am Leben geblieben, wäre Voldemort sicher besiegt und vernichtet worden ..."

„Ich wäre zunächst einmal auf Avalon gewesen. Die Wiccas meinten, dass sie mich VIELLEICHT heilen könnten, sicher war das nicht. Und es hätte lange gedauert. Den Kampf gegen Voldemort musste Harry aufnehmen, dafür haben wir ihn ausgebildet – sie in Okklumentik, ich in anderen wichtigen Dingen."

„Und Harry war erfolgreich?"

„Ich weiß es nicht. Ich war so lange eingeschlossen ... Severus ist nicht der einzige hier, der einen schweren Fehler gemacht hat. Zumindest sie, Remus, wissen, dass nach und nach die Mitglieder des Ordens – zumindest die, die verdeckt gearbeitet haben, so wie sie, Hagrid und Severus – enttarnt wurden?"

Remus nickte.

„Es muss einen Verräter unter uns gegeben haben," sagte er.

Dumbledore sah äußerst bekümmert aus.

„Den gab es, in der Tat," gestand er schließlich. „Der Verräter, das war ich."

Minutenlang starrten alle Dumbledores Portrait sprachlos und mit offenen Mündern an.

„Aber sie waren doch schon seit Jahren tot, als ..." sagte Remus schließlich.

„Mein Körper ist tot, aber es gibt ja immer noch dieses Portrait," erwiderte Dumbledore.

„Ich hing zunächst in Hogwarts in meinem alten Büro. Minerva führte die Schule weiter, als sie jedoch verschwand, wurde Hogwarts geschlossen. Auf meine Bitte hin nahm Minister Scrimgeour mich mit, er sollte mich keinesfalls Voldemort und seinen Todessern überlassen. So hing ich also im Arbeitszimmer des Ministers.

„Und als Scrimgeour getötet wurde?" fragte Remus.

„Blieb ich hängen. Voldemort schaffte es nicht, das Ministerium einzunehmen, und so folgte Weasley als Minister. Percy war kein schlechter Mensch, nur ein Dummkopf. Er hörte weder mir noch sonst irgend jemandem zu, er war nur damit beschäftigt, sich selbst darzustellen. Wir hätten dringend Führung gebraucht, keinen mittelmäßigen Schauspieler in einem schlechten Stück. Und dann verschwand Weasley."

„Es kann sein, dass er noch lebt," sagte John. „Ich habe das Notizbuch von einem Percy Weatherby gelesen."

„Falls das Percy Weasley ist, haltet ihn davon ab, in die Politik zu gehen," bemerkte Dumbledore trocken.

„Jedenfalls folgte Delores Umbridge."

„Sie war eine Todesserin," sagte Remus.

„Ja. Aber das habe ich erst erfahren als es zu spät war." Dumbledores Stimme klang belegt und traurig.

„Sie, Severus, haben mir mehr wie einmal gesagt, dass ich zu gutgläubig wäre und zu viel als selbstverständlich ansehen würde. Sie hatten Recht – sie ahnen gar nicht, wie sehr. Delores und ich waren zu meinen Lebzeiten alles andere als Freunde gewesen, aber wir hatten zusammen im großen Wizengamot gearbeitet, und ich hatte ihr das Leben gerettet als sie in Hogwarts Lehrerin und hohe Inquisitorin war – ich dachte, ich würde sie kennen."

„Jeder hatte sie für naiv und einfältig gehalten," sagte Remus. „Was für eine glänzende Schauspielerin."

„Ich habe sie eingeweiht. Ich habe ihr vom Widerstand gegen Voldemort erzählt und sie um Hilfe gebeten. Ich erinnerte sie daran, dass ich sie aus den Fängen der Zentauren gerettet habe – und sie hat alles brühwarm ihrem Herrn erzählt. Schließlich öffnete sie das Ministerium den Todessern, Hogwarts wurde ebenfalls eingenommen und ich landete im Schließfach."

„Wir ham ´nen Schlüssel gebraucht, um da rein zu kommen," sagte Jimbo, „wie hat sie es geschafft?"

„Es gab immer zwei Schlüssel," sagte Dumbledore. „Einen hatten sie, Hagrid, und einen hatte der Schulleiter. Er lag in der obersten, rechten Schreibtischschublade. Sie brauchte ihn sich nur zu nehmen."

„Und warum sind wir nicht tot, sondern ohne Gedächtnis in der Welt der Muggles gelandet?" fragte John.

„Fluchtapparation," erklärte Dumbledore. „Das war einer der Notfallpläne des Ordens. Sie sollte euch in die Lage versetzen, in die Mugglewelt zu apparieren, ohne dass euch die Muggles sehen. Und – was viel wichtiger war – ihr solltet sogar Barrieren überwinden können, die eigentlich das Apparieren unmöglich machen sollten. Ihr solltet euch dort drüben sammeln, Kräfte tanken, medizinische Hilfe bekommen und vielleicht sogar Verbündete finden."

„Hat aber nich' geklappt," stellte Jimbo lakonisch fest.

„Wir haben das auch nie ausprobieren können. Die Apparation mit einem Amnesiafluch zu kombinieren war sozusagen der ultimative Fluchtplan gewesen – für den Fall, dass diese Welt hier verloren ist. Wenn wir uns nicht mehr an die magische Welt erinnern könnten, wäre es vielleicht einfacher für uns gewesen, uns bei den Muggles ein neues Leben aufzubauen."

„Die einzige, bei der das geklappt hat, ist Dr. Granger," sagte John.

„Hermione?" fragte Dumbledore. „Hermione ist schon kurze Zeit nach meinem Tod in die Mugglewelt zurückgegangen – freiwillig. Auch der Amnesiafluch war freiwillig."

„Warum?" fragte Remus.

„Weil sie ihre magischen Fähigkeiten verloren hatte. Sie war eine enge Freundin von Harry gewesen und hat ihm geholfen – dabei hatte es einen kleinen Unfall gegeben. Wir mussten sie zurückschicken, zu ihrem eigenen Schutz."

„War diese Welt denn verloren?" wollte John wissen.

„Ich verstehe ihre Frage nicht, Severus ..."

„Sie haben gesagt, dass die Flucht kombiniert mit einer Amnesie sozusagen die finale Evakuierung war. Ich weiß von sechs oder sieben Leuten, die dort drüben in der Mugglewelt gelandet sind – ohne Gedächtnis, zum Teil mit schweren Verletzungen, und sicher waren nicht alle im Widerstand gegen Voldemort. Bestimmt gibt es noch mehr Zauberer und Hexen, von denen wir nichts wissen. Was ist hier geschehen?"

John wurde wütend. Er hatte immer mehr das Gefühl, an der Nase herumgeführt zu werden. Jede Antwort, die er erhielt, warf neue Fragen auf, und nichts passte zusammen.

„Ist Voldemort tot oder ist er es nicht? Was ist mit den Todessern geschehen? Warum überfluten die Dememtüren ..."

„Dementoren," korrigierte ihn Remus.

„... auch gut, Dementoren die andere Realität? Wo kommen auf einmal die Drachen her, die die Menschen in Osteuropa in Angst und Schrecken versetzen? Warum wird ein toter Werwolf in Brighton an den Strand gespült? Und ...?"

„Das sind eine Menge Fragen?" erwiderte Dumbledore ruhig. „Leider kann ich ihnen kaum eine davon beantworten. Ich weiß zwar nicht, wie lange ich unten in dem Verlies war, aber es waren schon ein paar gute Monate, vielleicht sogar Jahre."

John sah TicToc an.

„Meine Herren, bitte verstehen sie mich nicht falsch, aber ich habe mich aus der Politik immer herausgehalten. Ich bin Direktor der einzigen Bank hier und bin von daher gezwungen, immer diplomatisch vorzugehen ..."

„Ach, hören sie doch auf! Hier putscht sich ein Diktator an die Macht, und sie denken nur an ihre Geschäfte?"

Remus legte John die Hand auf die Schulter.

„Warum bist du so wütend?" fragte er.

„Weil ich denke, dass uns hier etwas verschwiegen wird – und das haben wir nicht verdient, keiner von uns. Wir waren verletzt, erinnern uns noch nicht mal mehr an unsere Namen ... haben ein alles andere als tolles und leichtes Leben in der anderen Realität gehabt ... irgendwo in einem Londoner Krankenhaus liegt eine junge Frau aus dieser Welt seit einem Jahr im Koma und ein Mann, der nicht weiß, wer sie ist, hält ihre Hand ... du, Remus, warst verzaubert, verflucht, was weiß ich und wärst fast gestorben ... mein Lehrmeister ist tot ... die einzige Frau, die ich jemals geliebt habe – zumindest wenn ich meinen Träumen glauben darf – hat ein Grab vor den Toren von Hogwarts ... Nikita trauert so sehr um Igor, dass sie kaum noch die Kraft zum Weiterleben hat, und niemand sagt uns, warum das so ist!"

John brach ab. Er hatte Tränen in den Augen.

Dann sah er TicToc an.

„Sie wissen, was geschehen ist. Sie waren die ganze Zeit hier und haben ihr Gedächtnis noch. Also?"

„Mr. ... ähm?"

„Doe," sagte John. "Mein Name ist John Doe."

„Mr. Doe. Ich kann ihnen wirklich nicht viel erzählen, außer dass der Kampf zwischen Voldemort und seinen Anhängern und dem Widerstand sich über viele Jahre hinzog, viele Schlachten geschlagen ..."

„Sie und ihre Bank standen auf der Seite Voldemorts?" unterbrach ihn John.

„Nun, viele unserer besten Kunden waren Anhänger des dunklen Lords. Hätten wir uns gegen ihn gestellt ..."

John sah ihn angewidert an.

„Sie haben ihn unterstützt?" schrie er. „Was finden wir, wenn wir nach unten gehen? Nur noch leere Fächer? Haben sie zugelassen, dass ihre Bank ausgeraubt wird, um Voldemort zu finanzieren?"

„Sie werden dort unten viel Geld, Schmuck und andere Wertsachen finden, mehr als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen können," erwiderte TicToc. „Nur dass das alles keine Bedeutung mehr hat. Eine Kartoffel ist heute mehr wert als eine goldene Gallone, diese Walnuss ..." er hielt ein besonders großes Exemplar in die Höhe, „mehr als ein Diamant."

„Ist Voldemort tot?"

TicToc nickte.

„Es waren Harry Potter und seine Freunde. Sie haben Gegenstände zerstört, die von immensem Wert für Lord Voldemort gewesen waren, und als sie das vollbracht hatten, kam es zum Zweikampf zwischen dem dunklen Lord und Potter."

„Wo?"

TicToc zuckte mit den Schultern.

„Niemand wusste genau, wo sich der dunkle Lord aufhielt. Wahrscheinlich hat er seine Domizile häufig gewechselt – ich hätte es jedenfalls getan."

„Und woher wissen sie, dass er tot ist?"

„Von dem jungen Mr. Malfoy. Er war dabei, er wollte seinen Herren verteidigen, aber Lord Voldemort hat es nicht erlaubt, und als der Kampf dann entschieden und der dunkle Lord tot war, wollte er ihn rächen, aber Harry Potter ist ihm entwischt, ebenso wie seine Freunde."

„Und warum habe ich wieder dieses dunkle Ding, seitdem ich hier bin?"

John zeigte auf sein Tattoo.

„Weil etwas von Lord Voldemort immer noch lebt."

„In einem Portrait, wie Mr. Dumbledore? Oder als ein Geist?"

TicToc zuckte wieder mit den Schultern.

„Ich kann es ihnen wirklich nicht sagen, Sir."

„Severus," kam Dumbledores ruhige Stimme aus dem Portrait. „Sie kommen hierher und erwarten, dass ihnen jemand alles haarklein berichtet, ihnen jede auf jede Frage eine Antwort gibt und sie von ihren Selbstzweifeln und Schuldgefühlen erlöst? Haben sie es sich wirklich so einfach vorgestellt?"

„Aber warum bin ich dann hier?" fragte John aggressiv.

„Das müssen sie mir sagen. Sie sind aus freien Stücken hierher gekommen, niemand hat sie gerufen."

„Also, mir kam der Name „Hogsmeade-on-Gaye" so bekannt vor," sagte Jimbo, „und da ich sowieso ´mal meinen Urlaub nehmen musste, sonst wäre er nämlich verfallen, wissen sie ... nun, ich war einfach nur neugierig. Un' Big Al is' hier, weil er immer mit mir zusammen is' seitdem wir uns kennen."

„Ich habe diese furchtbaren Träume, diese Visionen ... und keine Vergangenheit. Ich will endlich wissen, wer ich bin, woher ich komme ..." erklärte John. „Ich fühle mich wie jemand, dem ein Körperglied amputiert wurde."

„Ich verstehe sie, Severus. Aber so einfach wie sie sich das vorstellen, ist es nun einmal nicht. Es gibt nicht die ultimative Antwort auf alle ihre Fragen. Sie werden wie ein Historiker vorgehen müssen."

„Und was schlagen sie vor?"

„Sammeln sie Informationen und setzen sie alles Stück für Stück zusammen. Und seien sie nicht zu enttäuscht, wenn neue Fragen auftauchen und sie nicht für alles eine Erklärung bekommen."

„Un' was tun wir jetzt?" fragte Jimbo.

Alle Anwesenden sahen ihn erstaunt an.

„Ich mein' ... was passiert is', is' passiert. Wir können es nich' ungeschehen machen. Aber was tun wir jetzt? Setzen wir uns ins Auto, fahren heim und leben weiter wie bisher? Oder bleiben wir hier? Suchen wir das, was von diesem komischen Lord noch übrig is', und erledigen wir es? Bauen wir diese Welt wieder auf?"

Dumbledore sah Jimbo an.

„Auch das ist ihre Entscheidung," sagte er schließlich. „Sie sollten eines jedoch bedenken: die „alte" Welt hatte ihre Probleme und Fehler – so schwerwiegende, dass Voldemort eine Machtübernahme äußerst leicht gemacht wurde. Sie haben eine historisch einmalige Chance: sie können aus ihren Fehlern lernen."

„Sofern wir uns irgendwann einmal an sie erinnern können," erwiderte John, er klang extrem sarkastisch.

„Nein John, Albus hat recht," sagte Remus, „wir können hier eine neue Gesellschaft aufbauen; eine gerechte; eine, in der alle Wesen – egal ob Zauberer, Werwolf oder Vampir, ob Elfe, Gnom oder Zentaur - gleichberechtigt sind. Es gibt immer noch genug magische Kreaturen, viele Zauberer und Hexen stammen aus Mugglefamilien, und wir könnten die anderen suchen, die sich in die nicht-magische Welt geflüchtet haben.

Ich denke, wir brauchen ja nicht gleich London wieder aufzubauen, aber wir könnten Hogwarts wiedereröffnen. Wir haben alle genug zu lernen und zu lehren – vor allem du, John."

„Mr. Lupin hat recht," erwiderte TicToc, „es waren ja gerade die falschen Versprechungen des dunklen Lords, die uns dazu gebracht haben, uns an seinen Verbrechen zu beteiligen. Wir Gnome waren gut genug, diese Bank zu führen und die Schätze der reichen Familien zu verwalten, aber in ihren Häusern waren wir nicht willkommen und unseren Kindern waren Hogwarts und die anderen Schulen verwehrt. Ich würde mich gerne an einem solchen Projekt beteiligen."

John war noch immer nicht überzeugt.

„Und was wird aus Draco, der gerade gefesselt in einem Verlies in Hogwarts liegt und Wasser von den Wänden leckt? Wie passt er in eure schöne neue Welt? Und die anderen Todesser, die immer noch in Treue fest zu Voldemort stehen?"

„Warum bist du so zynisch?" fragte Remus.

„Vielleicht weil Nikita mir von der Geschichte ihres Heimatlandes erzählt hat. Vom „neuen Menschen" des Sozialismus, von der Korruption im postkommunistischen Russland, von der neuen Diktatur im Gewand einer Demokratie. Vielleicht, weil ich versucht habe, wenigstens die Mugglewelt zu verstehen."

„John hat recht," warf Dumbledore ein. „Genau das war doch die Krux unserer damaligen Gesellschaft. Wenn wir etwas aufbauen, müssen wir uns auch Gedanken darüber machen, wie wir mit unseren Gegnern umgehen."

„Sie sagen ‚Wir'?" fragte Remus. „Sind sie dabei?"

„Sofern meine Unterstützung erwünscht ist, gerne. Ich würde mich sehr freuen, wenn es an der Wand des Büros des künftigen Schulleiters – oder Schulleiterin – ein freies Fleckchen für mich gäbe."

Mittlerweile war es dunkel geworden. TicToc hatte den vier Männern den Konferenzraum zum Übernachten angeboten. Dobby hatte einen Hammer und einen stabilen Nagel organisiert, so dass das Portrait Dumbledores einen Platz an einer der Wände erhielt.

Nachdem sie ihr Gepäck aus dem Wagen geholt hatten, führte Dobby sie durch die „Freie-Elfen-Republik".

Das, was die kleinen Wesen in den letzten Monaten geleistet und aufgebaut hatten, nötigte ihnen gewaltigen Respekt ab. Es gab nicht nur eine funktionierende Landwirtschaft mit einer Molkerei und einer Käserei, sondern auch Handwerker, die das Gebäude wieder instand setzten, Bäcker, die Brot und Kuchen herstellten und sogar eine Schule.

„Viele Kinder hier," erklärte Dobby, um ihnen schließlich Winky, seine Frau, vorzustellen. Alle Elfen hatten dicke Bäuche, aber ihrer war extrem groß. John vermutete, dass sie schwanger war.

In einer Ecke probte eine Band, die Zusammensetzung war jedoch recht gewöhnungsbedürftig. Eine Trommel, mehrere Blockflöten, ein Saxophon, ein Gitarre mit nur noch vier Seiten und ein Cello, das ein großes Loch auf der Rückseite hatte versuchten sich an Beethoven. Den Elfen schien es zu gefallen.

„Wir sollten für das neue Hogwarts unbedingt ein paar Elfen als Lehrkräfte anheuern," sagte Remus leise. „Wir werden ohnehin jemanden brauchen, der uns Landwirtschaft beibringt. Alles, was wir benötigen, werden wir selbst herstellen müssen."

Jimbo erwiderte etwas, und John entschuldigte sich. Er hatte das Gefühl, gleich zu platzen, er brauchte frische Luft.

Und so saß er auf den Stufen der breiten Treppe vor dem Bankhaus Gringotts, starrte in den Nieselregen, fror und dachte nach.

„Wer sich seiner Geschichte nicht bewusst ist, ist dazu verdammt, sie wieder und wieder zu durchleben." Das war eines der Zitate gewesen, das Nikita so gerne gebrauchte, wenn das Gespräch auf Russland kam.

„Und wir sind uns unserer Geschichte nicht bewusst, wir können uns ja noch nicht einmal an sie erinnern," dachte John. „Wir machen den zweiten Schritt vor dem ersten. Und alle sind so begierig darauf, endlich irgend etwas tun zu können, dass sie es billigend in Kauf nehmen, hinzufallen und sich die Knochen zu brechen."

Jemand setzte sich neben ihn – es war Big Al.

John sah ihn an, seufzte und sagte: „Es ist wirklich zu dumm, dass du nicht sprechen kannst. Kann dieser Fluch eigentlich irgendwie aufgehoben werden?"

Keine Reaktion.

„Versuchen wir etwas," schlug John vor und nahm Big Als linke Hand in seine rechte.

„Drücke einmal, wenn du „ja" meinst und zweimal für „Nein."

Big Al entzog ihm seine Hand.

John flüsterte „Lumos", sein Zauberstab gab ein warmes, weiches Licht und er sah tief in Big Als Augen. Er konzentrierte sich, versuchte, in Big Als Gedankenwelt einzudringen, so wie er es bei Draco getan hatte – nichts. Er spürte nur Dunkelheit und tiefe Trauer.

„Du kannst nicht über die Vergangenheit sprechen, aber du musst doch zur Gegenwart eine Meinung haben – und zu unserer Zukunft?" John klang verzweifelt und resigniert.

Big Al starrte in die Dunkelheit.

„Hast du nicht auch das Gefühl, dass alles hier einfach nicht zusammenpasst?" fragte John. „Dieser unzerbrechliche Eid – ich habe ihn angeblich dadurch erfüllt, dass ich Albus getötet habe. Dafür spricht, dass ich Draco Schaden zufügen konnte, ohne dass mir etwas passierte. Dagegen spricht diese merkwürdige Nachricht von N.M."

John zog das Papier aus seinem Portemonnaie.

„Warum erinnert mich N.M. an einen Eid, der doch schon längst erfüllt ist?

Und dieser Plan, Albus nur zum Schein zu töten. Kann man Menschen, die über magische Fähigkeiten verfügen, dadurch täuschen? Gab es wirklich so etwas wie Fluchtapparation mit Amnesiafluch oder war das vielleicht nur eine Methode, den Widerstand gegen Voldemort zu zerstören ohne Leichen zu hinterlassen? Und was ist eigentlich mit diesem „dunklen Lord"? Lebt er? Ist er tot? Beides zugleich kann ja kaum sein.

War wirklich alles so, wie es uns Albus erzählt? Und wenn nicht, welchen Grund hätte er, uns anzulügen?"

John vergrub sein Gesicht in den Händen. Er spürte Big Als Finger auf seiner Schulter und hörte schließlich seine Schritte als dieser ins Gebäude zurückging.

Der Regen fiel wie ein Vorhang, die Dunkelheit schien undurchdringlich.

Trotzdem hatte John das Gefühl, etwas zu sehen.

Einen Lichtschein vielleicht?

Oder auch nur eine Bewegung?

Ein Tier?

Ein halbverhungerter Hund auf der Suche nach etwas Essbarem?

Eine rollige Katze?

John stand auf, kniff die Augen zusammen und versuchte angestrengt, irgend etwas zu sehen.

Da war es wieder.

Ein schwaches Licht.

Ein Lumoszauber.

John rannte dem Funken hinterher.

Er folgte der Gestalt durch ein Gewirr von Gassen, stolperte über Steine, sah die übriggebliebenen Ruinen im Nebel aufragen.

Schließlich bog die Gestalt in eine kleine Straße ein, die noch relativ intakt schien. Die Häuser standen geduckt zu beiden Seiten und formten fast so etwas wie einen Baldachin über ihnen. Der Regen fiel nicht mehr so dicht, dafür hing der Nebel in dem Durchgang wie ein Leichentuch.

John sah den Lichtschein kurz aufblitzen, hörte das Zuschlagen einer Tür – und stand alleine in der Dunkelheit. Jetzt erst erleuchtete er selbst seinen Zauberstab und suchte das Haus, in das die Gestalt verschwunden war. Er rüttelte an Türen, drehte Knäufe, drückte Klinken – doch alles war fest verschlossen.

Er wollte schon fast aufgeben, als eine Tür vor ihm geöffnet wurde. Eine Frau stand vor ihm, ein blasses Gesicht unter einer Kapuze, einige klatschnasse blonde Strähnen hingen über ihrer Stirn.

Sie griff nach Johns Arm und zog in ins Innere.

Früher musste das ein Antiquitätenladen gewesen sein.

Er sah alte Möbelstücke, merkwürdige Gegenstände, alles in wilder Unordnung, teils zerbrochen, bedeckt mit dicken Staubschichten und Spinnweben.

Sein Zauberstab beleuchtete ihr Gesicht.

Er kannte diese Frau.

Ja, Narcissa, ich werde den unzerbrechlichen Eid schwören. Und sicher wird deine Schwester unsere Zeugin sein."

Ich knie nieder, den hölzernen Stab fest in der Hand. Mir gegenüber kauert eine blasse Frau mit langen blonden Haaren, während Bellatrix mit schnippischem Gesichtsausdruck auf uns herabsieht.

Wirst Du, Severus, meinen Sohn unterstützen, wenn er versucht, die Wünsche des Dunklen Lords zu erfüllen?"

Ich will."

Eine leuchtend-rote Flammenzunge kommt aus dem hölzernen Stab und legt sich um unsere Hände.

Und wirst du alles in deiner Macht Stehende tun, um ihn vor Schaden zu bewahren?"

Ich will."

Eine zweite leuchtend-rote Flammenzunge verbindet sich mit der ersten und windet sich um unsere Hände.

Und wenn es notwendig sein sollte ... falls Draco scheitern sollte ... wirst du vollenden, was er auf Geheiß des dunklen Lords begonnen hat?"

Ich zögere ...

Ich will."

„Narcissa?" flüsterte er.

Sie nickte.

„Severus?" fragte sie leise zurück.

John nickte ebenfalls.

Er kramte in seiner Tasche, beförderte schließlich den Zettel zutage und hielt ihn ihr entgegen.

„Du hast mir eine Nachricht geschickt?"

Narcissa nahm das Papier, las es mit erstauntem Gesicht und gab es John zurück.

„Ich habe dir nie einen solchen Brief geschrieben," sagte sie leise. „Der unzerbrechliche Eid wurde erfüllt, du bist frei. Und der dunkle Lord wurde ermordet, was solltest du jetzt noch für uns tun können? Außerdem – ich dachte, du wärst tot. So wie die anderen."

„Draco ..." begann John, aber Narcissa unterbrach ihn mit einem Aufschrei.

„Draco ist tot! Ebenso wie Bella und Lucius – alle sind tot! Nur ich lebe noch, nur ich!"

Sie hob ihren Zauberstab und sagte die Worte, die John nur allzu vertraut waren.

„Avada Kedavra!"

John warf sich mit einem Sprung auf den Boden – gerade noch rechtzeitig. Die grünen Blitze schlugen hinter ihm ein, es roch verbrannt.

Er hob vorsichtig den Kopf und sah Narcissa in den hinteren Bereich des Geschäftes laufen. Er folgte ihr in ein kleines Zimmer, früher musste es einmal als Lagerraum, Büro und Schlafstätte gedient haben. John sah Kisten, ein schmales Bett und einen kleinen Schreibtisch.

Aber Narcissa war verschwunden.

Er trat wieder auf die Straße und merkte, dass er völlig die Orientierung verloren hatte. Er war einfach nur dieser Gestalt hinterher gelaufen ohne auf seine Umgebung zu achten.

Der Nebel hing immer noch zäh über dem Pflaster, der Regen fiel wieder wie ein Vorhang. Er hatte den Antiquitätenladen zu seiner Rechten gehabt, also musste er nach links gehen.

Vorsichtig tastete er sich vorwärts, das Licht seines Zauberstabes reflektierte im Nebel. Mit einem „Finite" ließ er es verlöschen.

Plötzlich griff etwas seinen Arm und zog ihn unter ein Vordach und in ein weiteres Geschäft.

Die Gestalt flüsterte ein „Lumos" und zog sich dann die Kapuze vom Kopf.

„Narcissa? Wohin bist du so schnell verschwunden? Und warum ...?"

„Wer sind sie?"

John starrte sie an.

„Aber wir haben doch gerade ..."

Er sah sie genauer an. Das war Narcissa – und doch nicht. Diese Frau war mindestens vierzig Pfund schlanker, um nicht zu sagen: dünner. Ihre wenigen Haare waren raspelkurz geschoren, ihr Gesicht war verhärmt, über ihre Stirn zog sich eine lange Narbe.

„Du hast mir eine Nachricht geschickt?" sagte John und suchte wieder einmal nach dem Papier.

„Wer sind sie?" wiederholte sie.

„Severus Snape."

„Sie lügen! Severus ist tot! Dumbledore hat ihn ermordet, er starb in meinen Armen. Und meine arme Schwester ... sie ist jetzt in St. Mungos, sie hat das nicht überstanden. An ihrem Hochzeitstag ..."

„Ich verstehe kein Wort. Dumbledore ist tot, ich habe ihn ermordet. Und ich bin mit Draco ..."

„Draco?"

„Dein Sohn?"

„Ich habe keinen Sohn. Ich hatte eine Fehlgeburt, danach konnte ich keine Kinder mehr bekommen. Wären sie wirklich Severus, wüssten sie das. Also ..."

Sie hob ihren Zauberstab.

„ ... wer sind sie?"

John starrte sie sprachlos an.

Was redete sie da bloß?

Was war hier los?

Er stand immer noch mit offenem Mund da als sie schon lange verschwunden war. Wie sie das gemacht hatte, konnte er nicht sagen. In einem Moment war sie noch da gewesen, im anderen war sie weg. Als hätte der Erdboden sie verschluckt.

John ließ seinen Zauberstab aufleuchten und sah sich um.

Der Holzboden war staub- und sandbedeckt, aber die Theke stand noch.

Ebenso die Regale mit den dicken, bauchigen Flaschen.

Mr. Pahlmanns Laden.

Er ging um die Theke herum, öffnete eine Tür und ging die Treppe hinauf bis ins Dachgeschoss.

Seine alte Kammer.

Das Glas der Dachluke war eingeschlagen, der Regen klatschte in sein altes Zimmer.

Er dachte an seine Träume und Visionen, fast schien es ihm als sei die Zeit in diesem Haus die glücklichste seines Lebens gewesen.

Er sah sich kurz um – keine Bücher, keine Kleidung mehr im Schrank, keinerlei persönliche Gegenstände.

Fremd bin ich eingezogen ...

Er musste alles mitgenommen haben als er dieses Haus verlassen hatte.

Fremd zog ich wieder aus ...(i)

Er verließ den Raum und ging nach unten.

Er hatte schon fast die Eingangstür erreicht als er hinter sich ein merkwürdiges Geräusch hörte, so etwas wie ein Klicken.

Er drehte sich langsam um und sah eine schwarz verhüllte Gestalt mit einem schwach erleuchteten Zauberstab vor der Theke stehen.

Die Gestalt kam näher und zog sich langsam die Kapuze vom Kopf.

Narcissa.

Sie hielt den Zauberstab in Augenhöhe und betrachtete sein Gesicht.

„Verräter!"

Der Schrei war so laut und kam so plötzlich, dass John zusammenzuckte.

„Verräter! Du solltest tot sein, tot!"

„Aber, Narcissa, beruhige dich bitte. Was ist geschehen?"

„Verräter! Du solltest Draco helfen, du solltest ihn beschützen, aber was hast du getan? Du hast dich vor Dumbledore gestellt, du Narr, und jetzt ist Draco tot. Du Mörder, du Verräter!"

Sie trat einige Schritte zurück und zeigte mit ihrem Zauberstab auf ihn.

„Avada ..."

Weiter kam sie nicht. John hatte sich zu Boden geworfen und sie dabei mitgerissen. Die grünen Blitze schlugen in die Decke ein, Mörtel und Staub prasselten auf sie herab.

„Narcissa, höre mir zu. Ich habe Dumbledore getötet, ich bin mit Draco zusammen geflohen, Du redest ..."

„Dumbledore lebt! Harry Potter lebt! Der dunkle Lord starb durch Potters Hand, Dumbledore selbst tötete Draco und Lucius. Und du ... du hättest den Bruch des unzerbrechlichen Eides nicht überleben sollen, doch irgendwie hast du es geschafft. Du bist einfach abgehauen, Verräter! Feigling!"

John hörte knackende Geräusche und blickte nach oben.

Risse zeigten sich in der Decke und in den Wänden.

Er stand auf und versuchte, Narcissa auf ihre Füße zu ziehen.

„Steh auf, wir müssen hier weg! Das Gebäude bricht zusammen!"

Narcissa trat John schmerzhaft gegen die Beine, ihre rechte Hand suchte den Zauberstab, der in eine Ecke geschleudert worden war.

„Verräter! Feigling! Mörder!" schrie sie, „du musst sterben!"

„Auch gut," murmelte John, „aber jetzt noch nicht."

Er versuchte, die zappelnde Narcissa hochzuheben, aber es gelang ihm nicht.

Die knackenden Geräusche wurden lauter. Im letzten Moment drehte er sich um, lief zu Tür, riss sie auf und rannte auf die Straße.

Hinter ihm brach das Haus in sich zusammen.

John lief durch den Regen und den Nebel.

Er rieb sich seinen linken Unterarm, das dunkle Mal brannte wie Feuer.

Er wusste nicht, wo er sich befand und ob die Richtung stimmte, aber es war ihm egal.

Nur weg von hier.

Seine Flucht endete abrupt.

Sie waren da ...

Er hörte das Schmatzen, das Saugen ...

Er fühlte die Angst, das Grauen ...

Sie standen vor ihm wie eine Mauer, doch einige von ihnen hatten eine Gestalt auf den Boden gezwungen, hielten sie fest, saugten und schmatzten.

John fühlte sich schwach, hilflos.

Er hatte Angst.

Sein Kopf dröhnte und schmerzte.

Ein glücklicher Gedanke!

Ein einziger, glücklicher Gedanke!

Er hob den Zauberstab ...

Nikitas Wohnzimmer ...

Ein Feuer im Kamin ...

Er hörte die Musik aus der Stereoanlage ...

Dies irae ...

Er fühlte die Wärme ...

Dies illa ...

Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter ...

Solvet saeclum ...

Der heiße Tee, den sie für ihn gekocht hatte, wärmte sein Blut ...

In Favilla ...

„Expecto patronum"

Der weiße Nebel, der aus seinem Zauberstab kam, hatte die Form einer überdimensionalen Fledermaus.

Teste David cum Sibylla ...

Die Seelenräuber stoben auseinander.

Quantus tremor est futurus ...

Sie hatten es plötzlich sehr eilig, fortzukommen.

Quando judex est venturus ...

Innerhalb weniger Sekunden war die Straße verlassen, abgesehen von John, der ein leises „Finite Patronum" murmelte und der Gestalt, die auf dem Pflaster lag.

Cuncta stricte discussurus!

John zitterte am ganzen Körper.

Er zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen.

Der Regen strömte über sein Gesicht, seine Kleidung, seine Schuhe. Mittlerweile war er bis auf die Knochen durchnässt.

Aber er konnte sich nicht rühren.

Auch nicht als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Auch nicht als die Hand wieder weggenommen wurde und jemand an ihm vorbei zu der Gestalt auf der Straße ging und sich zu ihr herunter beugte.

Doch plötzlich löste sich seine Erstarrung. Er war sich des Regens und der beiden Gestalten bewusst.

Er ging zu ihnen.

Big Al hatte sich über eine Frau gebeugt, ein blonde Frau mit verhärmten Zügen und merkwürdig leeren Augen.

Narcissa!

John dachte, sie sei tot, doch dann sah er, dass sich ihre Lippen bewegten. Er beugte sich zu ihr herab und versuchte, sie zu verstehen.

„Denke an den unzerbrechlichen Eid! Hilf ihm, er braucht dich!"

„Wer?" flüsterte John.

„Draco. Er hat versagt, er musste fliehen. Du hast geschworen, ihn zu beschützen ..."

„Aber der Eid wurde erfüllt, Dumbledore ist tot."

„Du verstehst nicht ... Dumbledore war nie das Ziel ... hilf ihm, bitte ..."

Ihre Stimme versagte, ihre hektischen Atemzüge verklangen, ihre Augen starrten ihn nun an – tot und leer.

John nahm sie auf ihre Arme und ging hinter Big Al zurück zur FER.

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(i) Schubert: „Die Winterreise"