16.

Sie waren nicht direkt zu Gringotts gegangen.

John war Big Al zu einem großen Park gefolgt. Die Mauer, die ihn umgab, war zerfallen.

Er sah die Kreuze und Gedenkskulpturen.

Ein Friedhof.

In einem kleinen Gebäude hatte er seine schwere Last auf einem Marmortisch abgelegt. Er hätte einen Locomotor-Zauber anwenden können, aber irgendwie war ihm das nicht richtig vorgekommen.

Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, aber er hatte ihre Augen geschlossen.

Er hatte ihr die Robe ausgezogen und sie damit zugedeckt.

Zurück in der FER hatte ihn Big Al in eine Art Badezimmer geführt. John vermutete, dass der geflieste Raum früher den Bankangestellten für ihre sanitären Bedürfnisse gedient hatte. Nun hatten ihn die Elfen umgebaut, was vor allem bedeutete: alles war en-miniature.

Er verwarf den Gedanken an ein heißes Bad, die Wannen waren eher für Kinder dimensioniert.

Die nasse Kleidung zog er aus und hängte sie auf Bügel und Stangen vor einem großen Kachelofen, in dem ein Feuer brannte.

Dann wusch er sich so gut er konnte, hüllte sich in mehrere Handtücher und ging in den Konferenzraum.

Jimbo, Remus und Dumbledore schliefen, nur Big Al hatte auf ihn gewartet, sein Zauberstab verströmte ein mattes Licht.

Seine Sachen lagen in einer Ecke, der Schlafsack und die Isomatte waren ausgerollt worden.

Er zog sich das an, was er auf die Schnelle aus seinem Rucksack ziehen konnte und legte sich hin, Big Al löschte das Licht.

Doch John konnte nicht schlafen.

Er lauschte auf die Atemzüge seiner Gefährten und das leise Schnarchen aus Dumbledores Portrait und dachte nach.

Vier verschiedene Narcissas.

Vier ganz unterschiedliche Geschichten.

Draco lebte, war tot, war nie geboren worden.

Voldemort lebte, war tot, war vielleicht nie geboren worden und Dumbledore hatte die freie Stelle als Diktator eingenommen.

Er hatte Dumbledore getötet, nicht getötet ...

Die Seelenräuber ...

Er hatte sie vertrieben ...

Inmitten des Grauens hatte er Glück verspürt.

Nikita.

Er dachte an die vielen Gespräche ...

Parallele Universen ...

Andere Realitäten ...

Das war es!

Nikita hatte immer nur von einer magischen Realität gesprochen. Aber es musste doch unendlich viele davon geben.

Auch hier trafen Menschen Entscheidungen, die zu neuen Entscheidungen und zu neuen Entscheidungen führten.

Aber welche der vier Narcissas gehörte in diese Realität?

Gehörte er überhaupt hierher?

Und was war mit den anderen?

Kamen sie alle aus der gleichen Welt?

Und welche war die richtige?

Gab es überhaupt die „eine", „richtige" Realität?

Oder hatte nicht jede ihre Existenzberechtigung, wie Nikita es behauptete?

In Johns Kopf drehten sich die Gedanken.

Zurück ...

Es gibt eine magische und eine nicht-magische Welt, die sich überlappen. Das ist die Realität, in der Nikita lebte und er gestrandet war.

Es gibt Muggles, die das wissen. Und hier in der magischen Welt ist das eine allgemein akzeptierte Tatsache.

Aber parallele Realitäten fließen nicht ineinander ein, sie sind normalerweise voneinander getrennt.

„Es wäre sehr schlimm, wäre es nicht so," hatte Nikita versucht, zu erklären. „Stellen sie sich eine Realität vor, in der die Nationalsozialisten den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten und nun die arischen Weltherrscher über ein einziges großes Konzentrationslager wären. Nicht auszudenken, wenn einige dieser Verbrecher hierher kämen, um – sagen wir mal – spaltbares Material für Atombomben zu kaufen. Oder einen Krieg begännen. Oder Neonazis ausrüsten und ausbilden."

Er wusste noch, was er damals gedacht hatte: „Eine Geschichte ohne die Oktoberrevolution, ohne Fidel Castro oder Salvador Allende – der amerikanische Präsident wäre begeistert."

Irgend etwas war hier geschehen, dass die verschiedenen magischen Realitäten hatte durchlässig werden lassen?

Was?

Und was musste jetzt getan werden?

Was konnte er tun?

Irgendwann war er doch eingeschlafen.

Er erwachte von den Geräuschen, die die anderen machten als sie aufstanden, sich anzogen und leise miteinander redeten.

Dann saßen sie am Konferenztisch. TicToc hatte seinen Hochstuhl erklommen, er sah genauso geschniegelt aus, wie am Tag zuvor. Jede Bügelfalte saß als sei sie sorgfältig ausgemessen worden.

Dobby hatte für Frühstück gesorgt, wie schon am Vortag standen Brot, Butter, Käse, Äpfel und Nüsse auf dem Tisch. Außerdem gab es Rührei. „Eier von Hühnern von Elfen," wie ihr Gastgeber stolz erklärte.

Jimbo hatte Tee gekocht.

„Guten Morgen, meine Herren," begrüßte TicToc die Anwesenden. „Ich hoffe, sie haben gut geschlafen?"

Zustimmendes Gemurmel erklang. Bis auf John (und natürlich Dumbledore) hatten alle schon mit dem Frühstück begonnen.

John hatte keinen Appetit. Er nippte nur an seinem Tee und war immer noch tief in Gedanken versunken.

Schließlich stand er auf und stellte sich vor das Portrait seines früheren Vorgesetzten, der mit mildem Blick auf die Frühstücksgesellschaft herabsah.

John begann, zu sprechen. Er erzählte von den parallelen Universen und seinen Erlebnissen der letzten Nacht.

„Ich denke, Nikita hat in einem Punkt unrecht," sagte er schließlich, „und ich habe diesen Fehler unbesehen übernommen. Sie denkt, die magische Welt sei ein paralleles Universum, aber das muss nicht so sein. Vielleicht ist die Welt, in der wir leben, eine Welt für Muggles und magische Menschen. Die Magier haben sich mit Hilfe ihrer Zauberkräfte ihre Refugien geschaffen, die mitten in der nicht-magischen Welt liegen. Remus hat von „Inseln" gesprochen, die nicht durchgängig sind. Genau das aber kennzeichnet andere Realitäten: ihre Kontinuität. Aufgrund abweichender Entscheidungen hat dort die Geschichte einen anderen Verlauf genommen."

John ging an seinen Platz zurück, setzte sich und trank einen Schluck seines Tees.

„Eigentlich sollten die Wände dieser Universen undurchdringlich sein. Aber aus irgendeinem Grund sind sie hier offen.

Vier Narcissas: eine, die vor Kummer und Trauer den Verstand verloren hat; eine, die keinen Sohn hat und in deren Universum sie, Albus, der Diktator sind, der mich ermordet hat – so wie ich sie verstanden habe an dem Tag, an dem ich Bellatrix heiraten wollte; eine, die mich für einen Verräter hält und eine, die mich um Hilfe für Draco anfleht ..."

Die anderen hatten John aufmerksam und konzentriert zugehört, in ihren Gesichtern spiegelte sich jedoch Ungläubigkeit.

„Sie glauben das wirklich?" fragte Dumbledore.

John nickte.

„Es ist die einzig halbwegs plausible Erklärung."

„In welches Universum gehören wir?" fragte Remus nun.

„Vielleicht kommen wir alle aus verschiedenen Universen, wer weiß? Dass wir uns an kaum etwas erinnern, macht die Sache nicht gerade leichter."

John zog den – mittlerweile recht abgegriffenen – Zettel aus seinem Portemonnaie.

Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, denke an Spinners End. Befolge SEINE Befehle. N. M." las er laut vor.

„Ich denke, dass es etwas mit dem Eid zu tun hat und mit Narcissa. Warum sollte sie mir gerade in vierfacher Ausfertigung erscheinen? Und warum hat sie mir diesen Zettel geschickt?"

„Ein unzerbrechlicher Eid muss in jedem Fall erfüllt werden," sagte Dumbledore. „Erfüllt man ihn nicht, stirbt man."

„Es sei denn, man schafft es, rechtzeitig zu fliehen," erwiderte John. „Es gab diesen verrückten Plan, sie nur zum Schein umzubringen. Irgendwie fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass das wirklich funktioniert hätte. Sie sind zwar tot, aber strenggenommen war das ein Betriebsunfall und nicht beabsichtigt. Und ich lebe noch. Nicht nur das: ich konnte sogar Draco Malfoy Schmerzen und Schaden zufügen ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf mich gehabt hätte."

„Es muss doch aber auch ein Universum geben, in dem dieser Plan funktioniert hat?" warf Remus ein.

„Und in dem sie vermutlich tot sind," sagte Dumbledore. „Uns allen war bewusst, dass wir Voldemort und die anderen Todesser nur kurze Zeit würden täuschen können. Ihnen, Severus, war klar, dass dieser Plan ihr Todesurteil war."

„Und doch habe ich mitgemacht?"

„Sie waren mutig, entschlossen, und sie wollten das Richtige tun."

„Das will ich jetzt auch. Die Tore müssen geschlossen werden."

„Wie wollen sie vorgehen?" fragte TicToc.

John schloss die Augen.

„Ich denke, Narcissa Nummer vier hat mir die Nachricht geschickt. Aber sie ist tot, sie kann uns nicht mehr sagen, ob sie aus dieser oder einer anderen Realität kommt."

„Selbst wenn sie noch sprechen könnte," warf Remus ein, „der Schaden ist in der Vergangenheit entstanden. Wie willst du ihn heute korrigieren?"

„Das ist eine gute Frage, Remus," erwiderte Dumbledore. „Beim Todesserangriff auf das Ministerium der Magie wurden alle Zeitumkehrer zerstört, wir können also niemanden mehr in die Vergangenheit zurückschicken."

„Dazu brauche ich vielleicht keine Zeitmaschine," sagte John gedankenvoll. „Es gibt einen relativ neuen Theorieansatz, der besagt, dass Zeitreisen möglich sind, wenn man gleichzeitig das Universum wechselt. Nikita meinte, es hätte irgendetwas mit einem Paradoxon zu tun – dass man seinen Vater nicht töten kann oder so. Und ich muss so oder so in eine andere Realität. Ich frage mich vielmehr, wie ich das tun soll, und wie ich die Realität finden soll, in der der Schaden entstanden ist."

John nahm sich noch Tee und sah seine Gefährten an.

„Albus, kann man Big Als Schweigefluch aufheben?"

Dumbledore schüttelte den Kopf.

„Leider nein. Der Bann ist unumkehrbar."

„Aber Big Al hat doch ´was gesagt, als uns die Kapuzenbrüder angegriffen haben?" Jimbo klang verwirrt.

„Er kann laut zaubern, wenn er in Lebensgefahr ist. Es verstärkt den Spruch, wenn man ihn laut sagt," erklärte Dumbledore. „Aber mit uns sprechen – das kann er nicht, und er wird dazu auch nie mehr in der Lage sein.

Warum fragst du, Severus?"

„Weil ich denke, dass Big Al sehr viel weiß und mir helfen könnte."

John seufzte resigniert und sah Big Al an.

„Wir sollten Narcissa vier beerdigen," sagte er schließlich.

Big Al sah auf.

Er und John verließen den Frühstückstisch.

Sie standen wieder in dem kleinen Gebäude auf dem verfallenen Friedhof.

John hatte die Robe heruntergenommen und durchsuchte sie.

Nichts.

Er dachte an die einzige Frau, die er näher kannte, und ihre Gewohnheiten.

Eine Handtasche? Nikita hatte immer eine dabei.

Nichts, was auch nur entfernte Ähnlichkeit damit hatte.

Unter Big Als argwöhnischem Blick öffnete er ihre Bluse, es steckte im BH.

Ein Zettel.

Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, denke an Spinners End. Befolge SEINE Befehle. N. M."

Das bedeutete, dass Narcissa vier ihm die Nachricht nicht geschickt hatte.

Hatte sie es vorgehabt? Er würde es jetzt nicht mehr erfahren.

Irgendetwas gestern Abend hatte sie gesagt, das ihn gestört hatte.

„Dumbledore war nie das Ziel ..."

Sie musste aus einer Realität gekommen sein, in der sich der unzerbrechliche Eid nicht auf die Ermordung des Schulleiters bezogen hatte.

Narcissa vier fand ihre letzte Ruhe unter einem Baumstumpf. Den Platz hatte John bereits ausgesucht als sie an diesem Morgen über den Friedhof zu dem Gebäude gegangen waren.

Wieder stand er an einem Grab.

Wieder wusste er nicht, was er sagen sollte.

Wieder nahm er eine Hand voll Erde, ließ sie in die Grube rieseln und murmelte: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, und Staub zu Staub."

Wieder fühlte er sich hilflos.

Sie verließen den Friedhof. Als Big Al den Weg zur FER einschlagen wollte, hielt John ihn zurück.

„Die vier Narcissas sind mir in einer dunklen Straße begegnet. Findest du es dorthin zurück?"

Big Al nahm Johns Arm und zog ihn mit sich.

Wenige Minuten später bogen sie in die Gasse ein.

„Knockt ..." besagte ein demoliertes Straßenschild, das noch an einem Nagel hing.

Der Nebel hing noch immer über dem Pflaster. Undurchdringlich, gelblich, wabernd.

John dachte laut: „Wir sind immer durch Nebel hindurch gegangen, wenn wir von der magischen in die nicht-magische Welt beziehungsweise umgekehrt gewechselt sind. Führt uns dieser Nebel auch in andere Realitäten?"

Big Al war stehen geblieben und sah den Nebelschlieren gebannt zu.

Die beiden Männer zogen ihre Zauberstäbe.

Der Nebel verschluckte sie.

Es war gleißend hell, undurchdringlich weiß und unglaublich kalt.

Die Feuchtigkeit drang durch Johns Kleidung bis auf die Haut.

Zunächst war es noch ganz still, doch dann hörte er Geräusche.

Zwitschernde Vögel.

Bellende Hunde.

Menschliche Stimmen.

Sie kamen aus allen Richtungen.

Er drehte sich nach links und rechts, versuchte, sich zu orientieren.

„Hast du meine Nachricht bekommen?"

Ihre Stimme übertönte die Kakophonie der Geräusche wie ein Solist ein Orchester.

„Narcissa?" fragte er.

„Ja. Hast du sie bekommen?"

Er zog den Zettel aus seiner Tasche.

„Ja. Aber ich kenne den Weg nicht. Wohin muss ich gehen?"

Sie kam aus dem Nebel auf ihn zu.

Ihr blondes Haar, ihr weißes Kleid und ihre blasse Haut gaben ihr in den weißen Schlieren ein geisterhaftes Aussehen.

Doch ihre Augen strahlten Entschlossenheit, beinahe eine männlich wirkende Härte aus.

„Töte Dumbledore, erfülle den Eid und der dunkle Lord wird siegen. Draco wird über allen anderen geehrt werden, und Lucius wird den Platz an meiner Seite wieder einnehmen."

Aus einer solchen Realität kam er also.

Sein dunkles Mal brannte so hell, fast hätte er vor Schmerzen aufgeschrieen.

„Gib mir das Pergament!"

Beklommen reichte ihr John den Zettel. Sie berührte ihn nur kurz mit ihrem Zauberstab, murmelte etwas, dass wie „Portus" klang und ...