17.
Big Al – der offensichtlich wusste, was der Spruch bedeutete – hatte im gleichen Moment den Zettel ergriffen und war mit in den Strudel gezogen worden.
John hatte den Eindruck, erst nach oben zu fliegen, dann nach unten zu fallen ... schließlich landeten sie übereinander in dem engen Lagerraum, in dem John seinen alten Lehrherrn gefunden hatte – oder noch finden sollte, oder vielleicht auch nicht, weil Herr Pahlmann in dieser Realität schon lange tot war oder nie gelebt hatte oder ...
John hatte Kopfschmerzen.
Dass Big Al auf ihm lag und mühsam versuchte, sich aufzurichten, trug nicht gerade zu seinem Wohlbefinden bei.
Schließlich hatten die beiden Männer es geschafft, ihre Gliedmaßen zu sortieren und aufzustehen. Big Al legte den Zeigefinger auf seinen Mund, öffnete vorsichtig die Tür und spähte auf den Korridor.
Stille umfing sie.
Leise verließen sie den Lagerraum und gingen zu Johns früherem Arbeitszimmer. Immer noch leise und vorsichtig öffnete Big Al die Tür. Sie traten ein.
Am Schreibtisch saß ein Mann über Papiere gebeugt.
Er blickte auf.
John stockte der Atem.
Das war er.
Nur dass seine Haare lang, pechschwarz und fettig waren. Sie umrahmten sein Gesicht und seine Hakennase wie ein ewig nicht gewaschener Vorhang.
„Was zum ..."
John war geschockt. Das war seine Stimme.
„Alastair? Was tun sie hier? Und was soll dieser Aufzug?"
John blickte zu Big Al, der kaum wahrnehmbar den Kopf schüttelte.
„Wir haben nicht viel Zeit," flüsterte John. „Du musst mir zuhören."
Sein Gegenüber hob den Zauberstab.
„Lass den Unsinn. Wir wissen von dem Plan. Aber du darfst ihn nicht ausführen. Dumbledore muss sterben."
„Nein, das muss er nicht!"
Die Stimme des anderen Ichs klang hart und schneidend.
„Ich kann, und ich werde ihn nicht töten. Er muss leben."
„Wenn du den unzerbrechlichen Eid nicht erfüllst und trotzdem am Leben bleibst, dann hat das katastrophale Folgen ..."
„Für wen?"
„Für dich. Für Bellatrix. Für alle Menschen, Magier wie Muggles."
„Ich verstehe kein Wort. Wer sind sie eigentlich?"
„Mein Name ist John Doe – aber davor war ich Severus Snape. Wie viele andere Magier auch bin ich in der Mugglewelt gestrandet. Schwerverletzt und ohne Gedächtnis. Was viel schlimmer ist: die Pforten zu den anderen Realitäten sind offen. Voldemort kann jederzeit wiederkommen ..."
Der andere war aufgestanden, um den Schreibtisch herumgegangen und stand nun vor John und Big Al.
John wurde schwindlig und übel, Fetzen von Erinnerungen wirbelten durch seinen schmerzenden Kopf.
Sirrende Gummiknüppel, verschwitzte Laken, Nikita, der Schneesturm ...
NEIN!
„Okklumentik hast du offensichtlich nicht verlernt. Was ist mit Legi ...?"
Bellatrix lag auf einem Bett und lächelte ihn verführerisch an ...
Herr Pahlmann erklärte ihm die Wirkung eines Trankes ...
„Ich brauche keine Hilfe von dreckigen kleinen Schlammblütern wie ihr..."„Wer bist du?"
„Severus Snape."
„Das ist unmöglich. Ich habe keinen Zwillingsbruder, schon gar keinen Muggle."
„Ich komme aus einer anderen Realität. Du darfst ..."
„Quatsch!"
Der andere Severus hob wieder den Zauberstab.
„Woher weißt du von dem Plan?"
„Von Narcissa."
„Das ist unmöglich. Dumbledore und ich wissen davon und noch jemand, keine Ahnung, wer es ist. Er oder sie soll Dumbledore zu den Wiccas bringen."
„Warum willst du Dumbledore nicht töten? Er ist alt, er ist schwerkrank – und er ist der einzige Zauberer, der gefährlich für den dunklen Lord werden könnte. Warum verrätst du deinen Herrn?"
„Wenn du wirklich ich bist, dann solltest du das eigentlich wissen."
„Ich kann mich an kaum noch etwas erinnern, was vor meinem Aufwachen in der Mugglewelt geschehen ist."
„Ich glaube dir kein Wort."
Der andere Severus hob wieder den Zauberstab.
„Was ich jetzt tun muss, tut mir leid. Ich bin des Tötens müde. Aber du kennst den Plan, ich kann dich ..."
Big Al hatte seine rechte Hand zu einer Faust geballt, die nun vorschoss und den anderen Severus mitten ins Gesicht traf. Er fiel rückwärts über seinen Schreibtisch und blieb blutverschmiert und bewusstlos liegen.
John beugte sich zu ihm herunter und wischte seinem Gegenstück das Blut mit einem Papiertaschentuch ab.
„Nicht schlimm," sagte er zu Big Al, „nur bewusstlos. Wo hast du das gelernt?"
Big Al zog dem Bewusstlosen die Robe aus, fesselte ihn mit roten Schnüren aus seinem Zauberstab, sprach einen lautlosen Bann und legte ihn schließlich hinter einen Schrank. Von der Tür aus war jetzt nicht mehr sichtbar.
Dann zog er John wieder in den Lagerraum.
John kam sich vor wie in einem seiner Alpträume, die sich immer wiederholten.
Er stand auf der Leiter, zog Flaschen vom Regal, entstöpselte sie, roch an ihnen und stellte sie wieder zurück.
Schließlich fand er das Gesuchte, der schleimige Geruch ließ ihn würgen.
Sie gingen zurück ins Büro, wo sich Big Al zu dem immer noch bewusstlosen anderen Severus beugte und ihm einige Haare abschnitt.
Dann nahm er John die Flasche aus der Hand, entkorkte sie, warf die Haare hinein und schüttelte sie.
John nahm seine Wasserflasche und trank einen großen Schluck.
So übel wie jetzt war ihm noch nie gewesen.
Big Al reichte ihm das magische Gebräu, John holte tief Luft, hielt sich die Nase zu und trank...
Er hatte sich die Robe angezogen, den Zauberstab seines anderen Ichs genommen und sich an den Schreibtisch gesetzt. Die fettigen Haare fielen ihm ins Gesicht. Er musste seinem anderen Ich unbedingt noch zu einem guten Shampoo raten, bevor er diese Realität wieder verließ.
Big Al hatte nur kurz seine Hand gedrückt und war dann verschwunden.
Wie lange hielt die Wirkung des Trankes an?
Reichte die Zeit, um den Plan misslingen zu lassen?
Und wie kam er wieder zurück?
Auf dem Korridor war plötzlich Lärm ...
Aufgeregte Stimmen, die durcheinander redeten, das Getrappel von Füßen ...
Die Tür wurde aufgerissen und ein sehr kleiner Mann kam hereingerannt. Er sah beinahe aus wie ein Gnom.
„Severus, sie müssen kommen, sofort! Das dunkle Mal! Es steht hoch oben am Himmel! Die Todesser sind in der Burg!"
John packte einen Briefbeschwerer von seinem Schreibtisch, erhob sich und schlug dem kleinen Mann mit voller Wucht auf den Kopf.
„Tut mir leid," murmelte er, „aber es muss sein. Sie werden es bald verstehen."
Er verließ sein Büro und hätte fast zwei junge Mädchen umgerannt, die mit gezückten Zauberstäben vor seiner Tür standen.
John kannte eine von ihnen.
Hermione Granger.
Sie sah noch ein wenig kindlich aus, auch wenn ihr Körper unter der Robe weibliche Rundungen ahnen ließ.
Noch hatte sie ihre magischen Fähigkeiten. Und ihr Gedächtnis.
Würde John die Gelegenheit haben, sie zu warnen?
„Wo ist Professor Flitwick?" fragte Hermione nun.
„In meinem Büro. Er ist ohnmächtig geworden. Kümmert Euch um ihn!"
John war unsicher, aber er schien autoritär genug geklungen zu haben. Die beiden Mädchen beeilten sich, seine Anordnung auszuführen.
John lief los.
„Im Astronomieturm!"
„Dumbledore ist im Astronomieturm!"
„Die Todesser sind hier!"
„Im Astronomieturm!"
Viele Stimmen rufen es mir zu.
Ich renne.
Noch nie war mir bewusst, wie hoch dieser Turm ist.
Die Wendeltreppe scheint kein Ende nehmen zu wollen.
Doch schließlich bin ich oben
„Alohomora!"
Die schwere, hölzerne Tür springt auf.
Die Menschen in dem Raum wirken wie erstarrt,
Wie Figuren in einem Stilleben.
Vier furchteinflößende Gestalten, die ich nicht kenne,
Draco Malfoy, den Zauberstab gezückt
Harry Potter unter seinem Tarnumhang
Durch den ich schon immer hindurch sehen konnte.
Albus Dumbledore, hinter seinem Schreibtisch stehend
Blass, schwach, dunkle Ringe unter seinen Augen
Die vier Unbekannten weichen zurück
„Wir haben hier ein Problem," sagt die Frau ohne ihre Augen von Albus zu nehmen
„Der Junge kann es nicht."
„Severus."
Albus' leise, schwache Stimme
„Severus ... bitte ..."
Ich hebe den rechten Arm
Der Plan darf nicht ausgeführt werden
Albus muss sterben
„Severus ... bitte ..."
Albus muss sterben!
„Avada kedavra!"Der Fluch traf Dumbledore, schleuderte ihn zurück, durch das offene Fenster und aus dem Turm. John hörte wie sein Körper auf dem Rasen aufschlug.
Er erwachte aus seiner Erstarrung, griff nach Draco und floh ...
John würde wohl nie seine wilde Flucht rekonstruieren können. Er erinnerte sich an grüne und rote Blitze, an einen widerstrebenden Draco, den er hinter sich her zerrte, an eine Hütte, die in Flammen aufging und an Harry Potter, der ihn unermüdlich verfolgte.
Schließlich waren sie durch das große Tor gerannt, direkt in die Arme von Narcissa und Bellatrix.
„Kümmere dich um Draco," schrie Narcissa ihrer Schwester zu, die daraufhin den Jungen packte und sich buchstäblich in Luft auflöste.
Narcissa zog John mit sich, gemeinsam liefen sie einem schwachen Leuchten entgegen in den Wald.
Als sie endlich bei Big Al standen, der mit seinem Zauberstab die Signale gegeben hatte, war John völlig außer Atem.
„Wo ist Severus? Ich meine: der richtige Severus?"
„In seinem Büro," antwortete John nach Luft ringend. „Wir mussten ihn leider bewusstlos schlagen. Er hat uns nicht geglaubt."
John atmete aus.
„Woher wusstest du eigentlich, dass ich nicht der aus dieser Realität bin?"
„Deine Schuhe."
John blickte an sich herunter. Er trug noch immer seine ziemlich verschlissenen Turnschuhe. In der ganzen Aufregung hatte er einfach nicht daran gedacht – und alle anderen glücklicherweise nicht darauf geachtet.
„Macht Euch keine Sorgen, ich kümmere mich um alles."
Aus Narcissas Stimme klang Entschlossenheit und Kraft – ganz anders wie in seiner Vision von dem unzerbrechlichen Eid.
„Für manche von uns existieren Raum und Zeit nicht in der gleichen Weise wie für die Normalsterblichen ..."
„Ich verstehe nicht ..."
Narcissa lächelte.
„Ich gehöre genauso wenig hierher wie ihr. Ein Fehler wurde gemacht – und er wurde korrigiert. Ich danke euch."
„Wir müssen zurück," sagte John, „wir sollten nicht länger bleiben."
„Gib mir die Nachricht."
Big Al zog den Zettel aus seiner Jackentasche.
„Haltet ihn fest – beide! Gut. Portus!"
Der Wirbel zog sie wieder nach oben.
