18.
Sie landeten unsanft auf dem Pflaster der Straße, in der John die vielen Narcissas getroffen hatte.
Oder war es immer dieselbe gewesen?
Aber warum hatte sie dann so grundverschiedene Verhaltensmuster gezeigt?
John stand auf und hielt sich den schmerzenden Kopf.
Dann sah er sich um.
Der Nebel war verschwunden.
Er ging auf Big Al zu, der einige Fuß entfernt gelandet war, zusammen gingen sie in Richtung der FER.
John wusste nicht, was er erwartet hatte, aber sicher nicht, dass alles noch genauso trist aussah wie er es verlassen hatte. Die Ruinen, die anklagend in den grauen Himmel ragten, die tiefen Pfützen im schadhaften Kopfsteinpflaster, der prasselnde Schneeregen.
Es war niemand zu sehen.
Kein Mensch, kein Gnom, keine Elfe.
Nicht einmal ein räudiger Hund oder eine streunende Katze.
Kein Vogelgezwitscher.
Es schien fast als seien sie die letzten Bewohner eines toten Planeten.
John unterdrückte die Regung, auf Zehenspitzen zu gehen.
Schweigend erreichten sie Gringotts.
Oder was noch davon übrig war.
Die Vorderfront stand noch, dahinter war alles Geröll und Schutt.
Aus einem der Steinhaufen ragte ein winziger Arm mit einer Miniaturhand daran – vollständig skelettiert.
Wie eine Filmkulisse.
John hatte einmal mit Nikita eine Dokumentation gesehen, die genau beschrieb, wie ein Film entstand. Die falschen Häuserfronten, die im Film so echt aussahen, hatten ihn irgendwie beeindruckt.
Der Jeep war verschwunden – zusammen mit Jimbo, Remus, TicToc FlimmFlamm und den Elfen.
„Wir sind wieder in einer anderen Realität," sagte er stöhnend zu Big Al. „Oder in der richtigen, wer weiß."
Big Al starrte ihn an.
„Wäre nicht schlecht, in einer Realität zu landen, in der du sprechen kannst."
Von irgendwoher zerriss ein Geräusch die atemlose Stille wie Donner.
John und Big Al drehten sich erschrocken um. Sie sahen eine Gestalt rasch hinter einer der Ruinen verschwinden.
„Hinterher," rief John seinem Freund zu. Und sie rannten los.
Es erstaunte John nicht, dass die Verfolgungsjagd wieder in der Knockt... irgendwas-Straße endete.
Genauso wenig verwunderte es ihn, dass ihm die Gestalt, die nach Atem ringend stehen geblieben war, so vertraut vorkam.
„Narcissa?" sprach er sie an.
Sie drehte sich um, und die beiden Männer blickten in ein verhärmtes und unendlich trauriges Gesicht. Sie war blass, ihre Wangen eingefallen, ihr einstmals glänzendes blondes Haar hing in Strähnen herunter.
„Severus?" antwortete sie leise.
John nickte.
„Was tust du hier? Bist du verrückt, einfach so herumzulaufen. Wenn der Orden dich findet ... du bist der meistgesuchteste Mann!"
John und Big Al sahen sich verwirrt an.
„Ich verstehe nicht," sagte John. „Ich ... aber vielleicht sollten wir uns erst einmal einen trockeneren Platz suchen."
Narcissa, die wieder zu Atem gekommen war, führte die beiden in das einzige Haus, das nicht ganz so zerstört war, wie die anderen. Aber auch dort regnete es herein, Pfützen standen auf dem Holzboden, es roch modrig und faulig.
John erkannte den Raum sofort wieder – das Geschäft von Mr. Pahlmann. Obwohl es alles andere als gemütlich war, überkam John ein Gefühl von Geborgenheit.
An den Wänden entlang, um nicht durch die fauligen Holzbohlen zu brechen, gingen sie in das ehemalige Büro. Sie legten Narcissa auf ein feuchtes Sofa und setzten sich auf die alten Stühle, die bedenklich knarrten.
„Ihr habt nicht zufällig etwas zu essen dabei?" fragte Narcissa schwach. „Es ist so lange her, dass ich ..." Ihre Stimme erstarb.
John kramte in seiner Tasche. Er förderte eine Packung Kekse zutage und eine noch nicht angebrochene Flasche Wasser.
Narcissa starrte hungrig auf die Kekse, die John ihr nun hinschob.
„Behalte sie," sagte er, „ich mag das Zeug ohnehin nicht."
„Den Luxus, wählerisch zu sein, kann ich mir nicht erlauben – nicht mehr," antwortete sie mit vollem Mund.
„Also ..." begann John, „was ist hier los?"
„Das müsstest du doch am besten wissen!" Narcissa klang aggressiv, die einfachen Plätzchen schienen ihr wieder Kraft und Energie gegeben zu haben.
„Ich weiß es nicht – ich bin nicht von hier ... aus dieser Welt ... ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Gerade noch hat mir eine andere Narcissa gesagt, dass für sie Zeit und Raum nicht in der gleichen Weise gelten wie ..."
„Ich verstehe."
John sah sie verwirrt an.
„Du hast uns einen unzerbrechlichen Eid geschworen, du solltest Dumbledore töten oder selbst sterben. Aber irgendetwas ist schiefgelaufen – Dumbledore ermordete Draco und meinen Mann, übernahm das Ministerium und herrscht seitdem mit eiserner Hand. Seine Anhänger töten jeden, der sich ihnen entgegen stellt. Und nach der Eroberung Avalons durch den Orden haben wir keine Fluchtmöglichkeit, kein Refugium mehr ..."
„Was ist mit den Muggles?"
Narcissa sah ihn verblüfft an.
„Du kommst wirklich aus einer anderen Welt. Die Muggles existieren nicht mehr. Der Orden hat dafür gesorgt, dass sie sich gegenseitig vernichten."
„Als ob die Muggles dazu fremde Hilfe benötigen würden," dachte John, aber er sprach es nicht aus.
„Und was erwartest du jetzt von mir?" fragte er stattdessen.
„Dass du den unzerbrechlichen Eid erfüllst und Dumbledore tötest," sagte sie schlicht.
„Und wie?"
Narcissa zog einen Zettel aus einer der Taschen ihres Umhangs und hielt ihm John hin.
„Darf ich ihn lesen, bevor du ihn verhext?"
Sie nickte.
Er nahm das Papier, entfaltete es und las.
„Vergiss nicht den unzerbrechlichen Eid, du bist unsere einzige Hoffnung. N. M."Narcissa hob ihren Zauberstab.
„Moody sollte besser hier bleiben, er ist nämlich schon ziemlich lange tot – hier jedenfalls."
„Nein, auf gar keinen Fall! Ich brauche ihn! Er kann zaubern!"
„Du auch."
John stöhnte.
„Leider nein. Gedächtnisverlust infolge von massiver Gewalteinwirkung auf den Schädel – so haben die es mir damals im Krankenhaus erklärt. Alles, was ich kann und weiß, habe ich entweder aus meinen Visionen oder vom Abgucken bei Big Al oder Remus."
„Es geht nicht, du musst alleine klar kommen. Und noch etwas: traue keinem!"
„Raum und Zeit gelten für dich auch nicht, oder?"
„Nicht so wie du es verstehst."
„Wie oft muss ich Dumbledore noch töten?"
„So oft wie es nötig ist."
Und sie berührte den Zettel in Johns Hand mit ihrem Zauberstab.
Er landete unsanft in dem Lagerraum, der ihm nun schon quälend bekannt vorkam.
Stöhnend stand er auf und sah sich um.
Flaschen, Gefäße, Töpfe, Tiegel.
Aber irgendetwas war anders.
Da war zunächst einmal der Stahlschrank an einer der Wände.
Er öffnete ihn vorsichtig.
Waffen.
Kleine, große ... Hätte er nicht gelegentlich mit Nikita ferngesehen, wüsste er überhaupt nichts über Feuerwaffen. So begriff er zumindest, womit er es hier zu tun hatte.
Dafür fand er den Vielsafttrank ohne großes Suchen. Sein Gegenstück in dieser Welt war ordentlich und systematisch – alle Gefäße waren feinsäuberlich beschriftet.
Das Licht flackerte und John sah unwillkürlich zur Decke.
Eine einzelne Glühbirne hing herab.
Strom – hier gab es Strom!
Waffen und Elektrizität – John war sich sicher, dass noch mehr Überraschungen auf ihn warteten.
Vorsichtig öffnete er die Tür und blickte in den Korridor.
Er war verlassen.
Rasch huschte er zu seinem Büro.
Es war ebenfalls leer.
Auf dem Stuhl hinter dem papierübersäten Schreibtisch hing eine Robe, die er sich hastig überzog.
Ein lebendes Foto stand auf dem Tisch. Sein Gegenstück. Ein Mann mit militärischem Kurzhaarschnitt und einem brutalen Gesichtsausdruck, er sah aus wie ein billiger Kneipenschläger.
Er musste also keinen Vielsafttrank zu sich nehmen.
An der Wand rechts von ihm hing ein Portrait von Dumbledore.
Doch kein gütiger älterer Herr blickte auf ihn herab.
Dieser Dumbledore hatte einen harten, fast schon brutalen Gesichtsausdruck, Falten hatten sich tief in seine Haut eingegraben. Die silbernen Augen blickten hart und kalt.
Über der Tür hing ein ovales Schild, auf ihm das Abbild eines Phönix.
Der Vogel hatte scharfe Krallen und Reißzähne.
Auf dem Korridor war plötzlich Lärm ...
Aufgeregte Stimmen, die durcheinander redeten, das Getrappel von Füßen ...
Die Tür wurde aufgerissen und ein sehr kleiner Mann kam hereingerannt. Er sah beinahe aus wie ein Gnom. Vor John blieb er stehen und fiel auf die Knie.
„Herr, sie müssen kommen, sofort. Die Kämpfer des Drachen ... sie sind in der Burg! Verrat!"
John packte einen Briefbeschwerer von seinem Schreibtisch, erhob sich und schlug dem kleinen Mann mit voller Wucht auf den Kopf.
„Tut mir leid," murmelte er, „aber es muss sein. Sie werden es bald verstehen."
John rannte auf den Korridor und lief in den Astronomieturm.
Er öffnete die Tür mit einem „Alohomora".
Dumbledore stand hinter seinem Schreibtisch, den Zauberstab gezückt.
Draco stand vor ihm. Das Maschinengewehr, das er in der Hand hielt, war geschmolzen.
Harry kauerte unter seinem Tarnumhang. Die anderen vier Anwesenden kannte John nicht. Auch nicht aus der vorherigen Realität.
„ ... Kind, du solltest nicht mit Waffen spielen, wenn du die Zauber nicht kennst."
Beim Klang von Dumbledores Stimme lief es John eiskalt über den Rücken. Noch nie hatte er soviel Gnadenlosigkeit, soviel Brutalität gespürt.
Er erblickte John.
„Severus, gut! Ich gebe mich mit diesem Ungeziefer nicht ab!
„Ja, Sir!" sagte John, hob seinen Zauberstab und schleuderte Dumbledore ein „Avada Kedavra" entgegen.
Die grünen Blitze fällten den alten Mann wie einen morschen Baum. Er konnte John gerade noch völlig überrascht ansehen. Dass ausgerechnet einer seiner Getreuen ein so spontanes Attentat auf ihn verüben würde – damit hatte Dumbledore offensichtlich nicht gerechnet.
Wieder griff John sich Draco, wieder liefen sie die Treppe hinab, wieder verfolgte sie Harry.
Aber diesmal hatte John Hilfe.
Die anderen Schüler applaudieren, einer stellte Harry ein Bein und einer schließlich landete eine perfekte rechte Gerade im Gesicht des Jungen.
Narcissa wartete am Fuß der Treppe, drückte ihm einen Zettel in die Hand, berührte ihn mit dem Zauberstab und ...
John stand wieder in Mr. Pahlmanns Büro und wurde von einem sichtlich erleichterten Big Al begrüßt.
Er entfaltete den Zettel, nur ein einziges Wort war darauf zu lesen.
„Danke!"Der Laden von Mr. Pahlmann machte nun einen nicht mehr ganz so desolaten Eindruck. Das Dach schien dicht zu sein, Böden und Wände waren trocken, wenn auch staubbedeckt.
Durch den anhaltenden Regen, der gegen die Scheiben prasselte, waren noch andere Geräusche zu hören: menschliche Stimmen, Hundegebell, das Zwitschern von Vögeln.
Plötzlich ertönte eine Glocke – jemand hatte den Laden betreten.
Schnelle Schritte umrundeten die Ladentheke und betraten das Büro, gerade als John nachsehen wollte.
Narcissa.
Eine fröhliche, lachende, bildschöne Narcissa. Ihr langes, blondes Haar umgab ihr strahlendes Gesicht wie eine Schönwetterwolke. Sie trug ein extrem kurzes cremefarbenes Kleid mit einem sehr gewagten Ausschnitt und hochhackige Schuhe.
Noch bevor John etwas sagen konnte, hatte sie ihn schon umarmt und ihren Mund auf den seinen gedrückt. Als er spürte, wie sich ihre Zunge zwischen seine Lippen schob, stieß er sie mit einem Aufschrei von sich.
„Sev, mein Süßer! Seit wann denn so abweisend?" Sie schien ehrlich verblüfft, wenn nicht sogar ein wenig beleidigt zu sein.
„Ich bin nicht dein „Süßer", Narcissa – das bin ich nie gewesen! Nenne mich Severus, oder – was mir entschieden lieber wäre – John."
Narcissa nickte verstehend, ihr einfältig fröhlicher Gesichtsausdruck machte einer gewissen Nachdenklichkeit Platz.
„Der unzerbrechliche Eid – deshalb bist du hier?"
John nickte.
„Du sollst vollenden, was du – nein, was Sev damals nicht geschafft hat?"
„Ich denke schon. So ganz verstehe ich das allerdings nicht."
„Aber ich kapier's, das reicht. Bevor ich dir nun den Portschlüssel gebe – wie wär's noch mit ein bisschen Spaß?" Sie deutete mit einer Geste, die wohl einladend sein sollte, aber auf John einen beinahe obszönen Eindruck machte, auf das Sofa.
„Dein einäugiger Freund kann mitmachen, wenn er will. Wie heißt er eigentlich?"
„Das ist Big Al ... Alastair Moody."
„Big Al – möchte zu gerne wissen, wie er zu diesem Namen gekommen ist."
John spürte, wie Wut in ihm hochstieg.
„Warum ist es für euch so wichtig, dass der unzerbrechliche Eid erfüllt wird? Ihr scheint ja auch unter Voldemorts Schreckensherrschaft ganz gut zurecht zu kommen."
Narcissa begann, in ihrem Dekolleté herumzunesteln. John drehte sich um und sah angelegentlich aus dem Fenster. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er, dass Big Al das gleiche tat.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Narcissa Suche Erfolg hatte und sie einen Zettel in der Hand hielt, den sie nun John reichte.
„Es geht nicht um mich, um dich, um Dumbledore, um diesen verzogenen Potter-Bengel oder um Voldemort – es geht darum, dass die Dinge wieder richtig sind, verstehst du?"
John schluckte und schüttelte den Kopf.
„Macht nichts ... viel Glück, Sweetheart."
Sie hob ihren Zauberstab, aber John hob abwehrend seine Hand.
„Big Al ... ich möchte Big Al mitnehmen."
„Und mich ganz alleine hier zurücklassen? Schutzlos? Mir kann sonst etwas passieren! Willst du wirklich schuld daran sein, wenn deiner kleinen Cissy ein Leid geschieht?"
„Na gut ... Big Al, würde es dir etwas ausmachen ...?"
Big Al trat einen Schritt zurück. John beneidete ihn nicht – aber immerhin war Big Al mit einer ganzen Dementoren-Armee fertiggeworden, da sollte eine einzige Nymphomanin ihm nichts anhaben können.
John spürte Narcissas Lippen auf seinem Mund, hörte ein gemurmeltes „Portus" und ...
... landete in dem altbekannten Lagerraum.
Wieder stand er unbeholfen und mit schmerzenden Knochen auf. Noch eine einzige Realität und er würde einen schönen langen Urlaub in einem Kurbad brauchen.
Er suchte und fand Vielsafttrank. Sein Gegenstück in dieser Realität hatte die Ingredienzien alphabetisch geordnet – eine merkwürdige Methode für einen Naturwissenschaftler. Außerdem stand der Trank unter „F" – Rechtschreibung schien auch nicht gerade die Stärke des hiesigen Severus Snape zu sein.
Wieder huschte er über einen verlassenen Korridor zu seinem Büro, wieder öffnete er die hölzerne Tür, aber ...
... nichts hätte ihn auf diesen Anblick vorbereitet. In einem Raum, der mit all den pink- und rosafarbenen Dekorationen fast albern wirkte, saß sein Gegenstück mit nacktem Oberkörper hinter seinem Schreibtisch, auf seinem Schoß räkelte sich ein sehr junges und kaum bekleidetes Mädchen mit langen dunklen Haaren, während eine Blondine – kaum älter als die Brünette - ihm die Schultern massierte. Sein Kopf ruhte zwischen den vollen Brüsten der Blonden.
Das also war der „süße Sev"!
Ein Mann mit einem einfältigen Grinsen, einem gegelten Bürstenhaarschnitt, der wohl mit einem Lineal ausgemessen worden war und manikürten Fingernägeln.
John starrte ihn völlig fassungslos und schockiert an.
Keines seiner Gegenstücke hatte bisher Gefühle der Sympathie oder gar des Wiederkennens bei ihm geweckt, aber dieser Severus Snape ekelte ihn einfach nur an.
„Wenn du schon hier hereinplatzt ohne anzuklopfen, dann schließe wenigstens die Tür hinter dir."
John erwachte aus seiner Erstarrung und tat wie ihm geheißen.
„Wer bist du denn? Und was willst du?" Die Stimme des „süßen Sev" klang gelangweilt.
„Ich bin Severus Snape – und ich werde das tun, was du nicht tun kannst. Ich werde den unzerbrechlichen Eid erfüllen."
„Ach das – ich habe das nicht ernst gemeint. Cissy hatte mich darum gebeten und so habe ich es getan. Die beiden Black-Schwestern hatten danach ausreichend Gelegenheit, mir ihre Dankbarkeit zu zeigen ..." Johns Gegenstück fuhr sich anerkennend mit der Zunge über die Lippen.
John fühlte heiße Wut in sich aufsteigen. Sie schien sich auf seinen Zauberstab zu übertragen, denn dieser sprühte plötzlich rote Funken.
Die beiden Mädchen schrieen auf und waren binnen Sekunden vollständig bekleidet aus dem Zimmer gestürmt.
„Du vergreifst dich an minderjährigen Schülerinnen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?" schrie John sein anderes Ich an.
„Von vergreifen kann ja wohl kaum die Rede sein. Die Hühner sind doch hinter mir her, ich brauche nur mit den Fingern zu schnippen. Ich muss sie zu nichts zwingen ..."
„Avada kedavra," dachte John, unterdrückte aber den Impuls. Wieder schossen rote Blitze aus seinem Zauberstab.
„Also, du willst Dumbledore töten und den unzerbrechlichen Eid erfüllen? Bitte, ich hindere dich nicht ... ich werde dir aber auch nicht helfen ... ich bin ja nicht lebensmüde."
John konzentrierte sich.
„Silencio!"Das Geplapper des „süßen Sev'" verstummte, nur sein Mund bewegte sich noch.
„Incancerus!"Rote Schnüre kamen aus Johns Zauberstab und verschnürten den „süßen Sev" binnen Bruchteilen von Sekunden zu einem handlichen Paket.
John verstaute sein Gegenstück hinter einem scheußlich rosagestreiften Vorhang, der eine Nische verdeckte.
Dann zog er sich die Robe an, die auch hier über dem Stuhl hing. Sie war blau und mit goldenen Sternen übersät, am Kragen hatte sie einen Besatz aus Spitze, der John am Hals kratzte.
Er konnte sich nicht dazu durchringen, sich mit Hilfe des Vielsafttrankes in sein anderes Ich zu verwandeln – nicht in dieses! Es musste auch so gehen.
Er setzte sich hinter den Schreibtisch und sah sich um. An den Wänden hingen Bilder, die nur ein Motiv zeigten: Severus Snape. Mit ernsten, dann wieder mit entschlossenem, mit fröhlichem und mit verführerischem Gesichtsausdruck.
John wurde übel und er wandte sich dem Schreibtisch zu.
Ein ganzer Stapel Bücher lag auf der rechten Seite, John nahm sie nacheinander in die Hand und las die Titel: „Severus Snape – Ich, der Vampirtöter", „Severus Snape – Ich, der Werwolfbändiger", „Severus Snape – Ich, der Schrecken aller Poltergeister", „Severus Snape – Ich, der Held des Phönixordens" ...
„Wie wäre es denn mal mit „Ich, der Feigling" oder „Ich, der Perverse"?" murmelte John.
Auf der anderen Seite des Tisches lagen stapelweise Briefe. Gleich der erste trieb John Schamesröte ins Gesicht – die Dame, die ihn geschrieben hatte, hatte offensichtlich sehr genaue Vorstellungen von einem Zusammensein mit „Sevi-Baby".
John schenkte sich die übrigen Briefe.
Auf dem Korridor war plötzlich Lärm ...
Aufgeregte Stimmen, die durcheinander redeten, das Getrappel von Füßen ...
Die Tür wurde aufgerissen und ein sehr kleiner Mann kam hereingerannt. Er sah beinahe aus wie ein Gnom.
„Sev, sie müssen kommen, sofort! Das dunkle Mal! Es steht hoch oben am Himmel! Die Todesser sind in der Burg!"
John packte einen Briefbeschwerer von seinem Schreibtisch, erhob sich und schlug dem kleinen Mann mit voller Wucht auf den Kopf.
„Tut mir leid," murmelte er, „aber es muss sein. Sie werden es bald verstehen."
Er verließ sein Büro und hätte fast zwei junge Mädchen umgerannt, die mit gezückten Zauberstäben vor seiner Tür standen.
Hermione lächelte ihn an – es sollte wohl verführerisch wirken.
Die andere, blonde junge Frau ließ lasziv ihre Robe über die Schultern gleiten. Sie trug darunter nur einen spitzenbesetzten BH.
„Was haben sie denn mit ihrem Haar gemacht, Professor?" hauchte sie.
„Neue Mode," murmelte John.
„Wo ist Professor Flitwick?" fragte Hermione.
„In meinem Büro. Er ist ohnmächtig geworden. Kümmert Euch um ihn!"
„Für sie tun wir alles – Süßer," hauchte die Blonde.
In keiner der anderen Realitäten war John so schnell im Astronomieturm gewesen wie in dieser.
Es wurde Routine – fast schon langweilig.
John öffnete die Tür mit einem „Alohomora", fand den schwachen und blassen Dumbledore, der von Draco bedroht wurde, die vier anderen Unbekannten und Harry unter seinem Tarnumhang.
„Der schöne Sev! Wie nett, dass sie vorbeischauen!" Dracos Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.
„Wir haben hier ein Problem," sagt die Frau ohne ihre Augen von Albus zu nehmen
„Der Junge kann es nicht."
„Severus."
Albus' leise, schwache Stimme
„Severus ... bitte ..."
Ich hebe den rechten Arm
Albus muss sterben
„Severus ... bitte ..."
Albus muss sterben!
„Avada kedavra!"Wieder eine wilde Flucht, Zaubersprüche, Funken, die brennende Hütte.
Narcissa und Bellatrix, die vor der Burg auf ihn warteten.
Bellatrix, die mit Draco ins Nichts verschwand.
Narcissa, die nach dem „schönen Sev" fragte.
Die ihm einen Zettel gab.
Der ihn zurückbrachte.
Big Al begrüßte John mit ausgesprochener Erleichterung und Tränen in den Augen. Sein Hemd war schief zugeknöpft, sein lichtes Haar zersaust. Wenn er die Auswahl zwischen Dementoren und Narcissa hätte, würde er sich wohl ohne zu zögern für die Dementoren entscheiden.
John entfaltete Narcissas Zettel.
„Männliche Magier haben immer zwei Zauberstäbe!"Er konnte nicht anders – er lachte bis ihm die Tränen kamen.
