19.

Sie hatten den Laden verlassen und waren in das Leben zurückgekehrt.

Eine fahle Sonne kämpfte sich durch die Wolken.

„Endlich einmal eine Realität, in der es nicht regnet," sagte John erleichtert.

Sie liefen durch Straßen voller Lächeln. Noch immer standen überall Ruinen, lag Schutt und Dreck herum. Aber es gab Menschen – Leute, die mit Hilfe ihrer Zauberstäbe aufräumten, Handwerker, die an den noch halbwegs bewohnbaren Häusern arbeiteten, Händler, die ihre Verkaufsstände aufbauten. Und es gab spielende Kinder, Lachen, Fröhlichkeit.

Das Leben war richtig.

Alles war so, wie es sein sollte.

John fühlte es.

Sie erreichten Gringotts. Das Gebäude erhob sich wehrhaft wie eine Festung.

Jimbos Auto jedoch war verschwunden.

John betrat die Bank, die nun wirklich ein Kreditinstitut war. Big Al hatte sich draußen auf die Stufen gesetzt und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Dieses Verhalten erstaunte John zwar, aber Big Al danach zu fragen, hätte wenig Sinn gehabt. Er hätte auch diesmal keine Antwort bekommen.

Gnome saßen an hohen Tischen und kümmerten sich um die wenigen Kunden.

„Guten Tag, geehrter Herr!" rief einer von ihnen John zu. „Womit kann ich ihnen dienen?"

„Ich suche Jim ... äh, Hagrid. Und Remus Lupin," sagte John.

Der Gnom blätterte hektisch in einem Journal.

„Es tut mir sehr leid, aber hier arbeiten diese Personen nicht."

„Dann würde ich gerne mit Mr. FlimmFlamm sprechen."

Das Gesicht des Gnoms wurde plötzlich von tiefer Traurigkeit überzogen.

„Der Herr Direktor starb als die Todesser die Bank angriffen. Er war ein sehr tapferer Mann."

„Haben sie von der Freie-Elfen-Republik gehört?"

Der Gnom schüttelte seinen übergroßen Kopf.

„Ich habe jedoch erfahren, dass alle Elfen ohne Meister in Hogwarts sind," sagte er leise.

„Mein Name ist Severus Snape. Ich möchte zu meinem Gewölbe. Aber leider habe ich meinen Schlüssel verloren ..."

Der Gnom sah ihn argwöhnisch an und murmelte etwas, das wie eine Beschwörungsformel klang.

Nichts passierte, was den kleinen Bankangestellten zufrieden zu stellen schien.

„Wenn sie mir bitte folgen würden."

Diesmal musste er nicht mit den Loren fahren, sein Fach waren nur wenige Fuß von der schweren Tür entfernt. Und es war wirklich nicht viel mehr wie eine Vertiefung im Fels, kein Gewölbe oder Verlies.

In seinem Fach lagen drei Beutel mit goldenen, silbernen und bronzefarbenen Münzen sowie ein Notizbuch, das er durchblätterte.

Er schien Tagebuch geführt zu haben.

Er steckte alle seine Besitztümer ein, er würde sich später darum kümmern.

Nachdem er dem Gnom für dessen Hilfe gedankt hatte verließ er die Bank.

Als er und Big Al wieder auf der Straße standen, durchzuckte John ein heftiger Schmerz.

Sein dunkles Mal.

Hastig schob den linken Ärmel hoch.

Es stach von seiner weißen Haut ab, schien förmlich in Flammen zu stehen.

Er rieb es.

„Severus Snape, Todesser, Weggefährte, treuer Diener

Ich rufe dich

Komm nach Askaban!"

Die Stimme in seinem Kopf klang zwar hell, aber dennoch bedrohlich. Das Mal schien noch stärker zu brennen und zu pochen.

„Kannst du mich nach Askaban bringen?" fragte er Big Al.

Dieser legte seinen Arm um Johns Hüften, machte eine Drehbewegung und ...

Sie standen an einer Klippe.

Tief unter ihnen brandete der Ozean. Obwohl sie hoch über der Wasseroberfläche standen, spürte John die Gischt und den salzigen Geruch.

Vor ihnen lag eine Insel, auf der ein festungsartiges Gebäude stand, das einen sehr soliden Eindruck machte.

Askaban.

Das magische Gefängnis bewacht von Dementoren.

Igor hatte seine Freunde verraten, um von dort wegzukommen.

John glaubte, im Brüllen der Brandung Bellatrix' Schreie zu hören.

Sein dunkles Mal brannte wie Feuer.

„Komm zu mir mein treuer Freund! Ich kann nicht länger warten! Ich bin in Gefahr!"

John drehte sich zu Big Al um.

„Ich muss dorthin, ich muss nach Askaban," sagte er.

Big Al sah ihn an. John brauchte keine Legi ... was auch immer, um zu wissen, was sein Freund dachte: „Wer will denn bloß freiwillig an diesen Ort?"

Und doch lief er los, John folgte ihm neugierig.

Etwa zwei Stunden später erreichten sie eine Ansammlung kleiner Hütten, wahrscheinlich Ferienhäuser. Jetzt waren sie unbewohnt. John fragte sich, ob die nicht-magischen Menschen Askaban sehen konnten. Ob sie von seiner Existenz wussten.

Sie fanden ein Boot. Es machte einen stabilen Eindruck, aber es hatte weder Ruder noch Segel.

Big Al begann dennoch, es ins Wasser zu ziehen und John half ihm schließlich, obwohl er den Nutzen dieser Nussschale nicht erkennen konnte.

Nachdem sie sich in das Boot gesetzt hatten, hob Big Al seinen Zauberstab und der Kahn glitt über das Wasser auf die Insel zu.

„Magie ist doch etwas Feines," dachte John.

Es dauerte lange, bis sie die Insel erreicht hatten.

Als sie auf der Klippe gestanden hatte, war es John so vorgekommen als läge das Gebäude direkt vor ihnen, als müsste er nur die Hand ausstrecken und könnte die steinernen Mauern berühren.

Je näher sie Askaban kamen, desto klarer wurde es ihm, warum er sich so getäuscht hatte.

Das Gebäude war einfach riesig. Es erinnerte fast an einen Wolkenkratzer, nur ohne Glasfronten.

Sie fanden eine kleine Bucht, zogen das Boot an Land und begannen den Aufstieg.

John hatte irgendetwas Grauenvolles erwartet – Falltüren, wilde Kreaturen, Dementoren ... aber nichts hielt sie auf, nichts hinderte sie daran, das Gebäude zu betreten.

Sie liefen durch lange Gänge, die sie mit Pfeilen markierten.

Wasser tropfte von den Wänden, hin und wieder huschte eine Maus über den steinernen Boden, Fledermäuse flohen vor ihren erleuchteten Zauberstäben.

So erreichten sie eine große Halle.

Tische und Bänke lagen wild durcheinander, das Holz von der Feuchtigkeit verquollen.

Dieser Ort war schon lange verlassen.

Und doch waren sie noch da ...

Sie kamen in einem transparent-blauen Nebel ...

Dementoren.

Sie sahen aus wie Dementoren, nur dass sie nicht körperlich waren.

Und dass John keine Angst hatte, kein Grauen spürte.

Geister! Gespenster!

Big Al und John standen in dem blauen Licht und sahen sich irritiert an.

Aus dem Gewabere löste sich eine Gestalt.

Ein Mann mit kahlem Schädel; merkwürdigen Augen, deren Pupillen nicht rund, sondern eher oval waren; Nasenlöcher, die aussahen als wären sie direkt in das Gesicht hineingebohrt worden.

Ein Mann mit einem Schlangenkopf.

„Du bist gekommen? Du, der du mich verraten hast?"

Instinktiv wusste John, wen er da vor sich hatte: Lord Voldemort.

Tot und doch nicht tot.

„Warum bist du hier? Ich habe dich nicht gerufen!"

„Wer dann? Mein dunkles Mal ..." John zog den Ärmel hoch und hielt dem Geist seinen linken Arm hin. „ ... es brennt wie Feuer!"

Ich habe keine Macht mehr.

Ich kann niemanden mehr rufen.

Und doch bist du gekommen?

Wenn du mir jetzt hilfst, werde ich deinen Verrat vergessen.

Du warst der, der mir am nächsten stand ..."

„Wie kann ich dir helfen?"

„Gib mir meinen Körper zurück!

Seite an Seite werden wir zu neuer Macht gelangen.

Muggles, Schlammblüter, Widerständler, Rebellen – sie alle werden erzittern vor uns!"

John drehte sich zu Big Al um.

„Komm, wir gehen!"

Während sie die Halle durchquerten, schrie der Geist Voldemorts: „Imperio! Crucio! Avada Kedavra!"

Es geschah nichts.

„Wenn du mir schon keinen Körper mehr geben willst, dann töte mich wenigstens ganz! Lass mich nicht hier zurück!"

„Zieh doch auf eine nette alte Burg und erschrecke Touristen, wenn es dir hier zu langweilig und zu öde ist."

„Hier wurde ich getötet, hier fand die letzte Schlacht zwischen Harry Potter und mir statt. Deshalb muss ich hier bleiben, für immer!"

John drehte sich ein letztes Mal zu dem um, was die Welt der Zauberer so lange terrorisiert hatte.

„Nikita hatte mir einmal erzählt, dass sie gegen Hinrichtungen ist, weil ein Leben im Gefängnis die schlimmere Strafe wäre. Und wenn ich mich hier so umsehe, kann ich ihr nur recht geben. Ich werde der magischen Welt erzählen, was aus dir geworden ist und über welches Reich du jetzt herrscht – und wir werden alle herzhaft lachen. Lebe wohl, mein Lord!"

Als sie wieder zurückgekehrt waren und das Boot verstaut hatten, wurde John bewusst, dass der Schmerz nicht mehr da war. Er schob den Ärmel hoch und sah nur noch alte Narben – die Reste seines dunklen Mals.

Plötzlich wusste er, was passiert war.

Irgendein Voldemort aus irgendeiner anderen Realität hatte ihn gerufen – und war jetzt tot!

Würde das denn nie aufhören?

„Jetzt sind nur noch wir übrig, Severus!"

Voldemorts Stimme war hoch, dennoch klang sie kalt und hart.

Zu Johns Füßen lag die Leiche eines jungen Mannes mit braunen Haaren und einer blitzförmigen Narbe auf der Stirn. Seine grünen Augen waren aufgerissen, was ihm den Ausdruck völligen Erstaunens verlieh.

John hörte das Weinen einer Frau. Er drehte sich um und sah Narcissa, die über der Leiche eines großen Mannes mit langen weißblonden Haaren kauerte.

In der gegenüberliegenden Ecke sah er eine riesengroße grüne Schlange. Sie lag in einer Lache von ... Blut? Bluten Schlangen?

„Narcissa muss nicht lange trauern – AVADA KEDAVRA!"

Grüne Blitze schossen aus Voldemorts Zauberstab, Narcissa schrie und brach zusammen.

John fühlte kochende Wut in sich aufsteigen.

Hatte das nie ein Ende?

Er richtete seinen Zauberstab auf Voldemort.

„Ich wusste es – du warst nicht mehr mein. AVADA ..."

John wich den grünen Blitzen aus und begann, all das herauszuschreien, dass ihm einfiel.

„AVADA KEDAVRA! SECTUMSEMPRA! WINGARDIUM LEVIOSA! EXPELLIARMUS! IMPERIO! CRUCIO!"

Der Effekt war überwältigend.

Grüne Blitze hoben Voldemort in die Höhe, Blut schoss aus seinen schlangengleichen Augen und aus seinen Nasenlöchern, er schien irgendeinen wilden Tanz zu vollführen, um schließlich gegen eine Wand geschleudert zu werden und liegen zu bleiben.

Vorsichtig ging John zu ihm hin und blickte in kalte grüne Augen.

Jetzt war nur noch er übrig.

Dann lag John weinend, schreiend und würgend in Big Als Armen.