20.

Sie waren wieder auf die Klippe geklettert, dort hatte Big Al John um die Hüfte gepackt und jene eigenartige Drehbewegung vollführt – und sie standen vor dem Eingang von Hogwarts.

Ungehindert betraten sie den Hof und schließlich die Eingangshalle der alten Burg. Überall wimmelte und wuselte es vor Elfen, die aber keine Notiz von den Neuankömmlingen nahmen.

Aus der großen Halle drangen menschliche Stimmen, neugierig betraten John und Big Al den Raum.

Das Portrait von Dumbledore stand auf einem langen Tisch, der am anderen Ende des großen Raums auf einer Empore stand. Lächelnd blickte er auf eine Gruppe von Menschen herab.

Und es gab Geister!

Transparente Erscheinungen flogen zwischen und über den Anwesenden hin und her.

John sah Jimbo, der alle übrigen wie ein Leuchtturm überragte.

„Jimbo!" rief er und rannte auf seinen Freund zu.

„Jimbo, warum seid ihr ohne ..."

„Kenne ich sie?" Jimbo klang distanziert, aber dennoch neugierig.

John war völlig perplex.

„Aber sie waren doch in Oxford, wir sind zusammen nach Hogwarts ..."

„Kann nich' sein! War nie in Oxford! Bin gerade erst gekommen. Konnte mich plötzlich an alles erinnern, ganz plötzlich, alles war wieder da, deshalb bin ich hier. Un' ich heiß' Hagrid."

„Ich konnte mich auch plötzlich wieder erinnern."

„Ich auch."

„Ich auch."

Viele Stimmen antworteten Jimbo, alle wollten gleichzeitig ihre Geschichten erzählen.

„Ruhe!" tönte es laut und gebieterisch aus Dumbledores Portrait. Er sah John prüfend an.

„Sie sind Severus Snape, oder? Sie haben sich ganz schön verändert, steht ihnen aber gut."

„Snape?"

Ein junger Mann mit wirren Haaren und einer blitzförmigen Narbe auf der Stirn hatte sich aus der Gruppe gelöst und war auf John zugegangen.

„Professor Snape," korrigierte ihn Dumbledore. „So viel Zeit muss sein."

„Professor Snape ... verdient haben sie es. Ohne sie wären wir kaum hier!"

John wurde kalt.

„Sie erinnern sich?"

„An alles! Ganz plötzlich waren die Erinnerungen wieder da. Und Ginny ..." Er zog eine junge Frau mit feuerroten Haaren an seine Seite, „... sie ist plötzlich wieder aufgewacht und war gesund. Die Muggle-Ärzte waren ganz schön verblüfft."

„Meine Erinnerung reicht nur etwa ein Jahr in die Vergangenheit plus dem, was ich aus meinen Träumen und Visionen weiß." John klang nicht einmal annähernd so frustriert wie er sich fühlte.

Ein rothaariger junger Mann und eine asiatisch aussehende Frau traten hinzu. John starrte sie an.

„Sie haben Notizbücher für Nikita Karkaroff geschrieben?"

„Ja," antwortete der Mann mit der Narbe. „Dann sind sie der John, der sie gelesen hat? Und sie erinnern sich wirklich nicht?"

Eine rundliche Frau hatte sich nach vorne gekämpft.

„Ich muss mir erst einmal den Hospitalflügel ansehen," sagte sie. „Aber dann würde ich sie gerne untersuchen – und Ginny auch. Zauber verschwinden unter bestimmten Umständen, deshalb interessiert mich ihr Fall, Severus – oder John?"

„John bitte. Mit dem Namen Severus Snape verbindet mich nichts. Und bitte, sie sollten auch ..." Er sah sich um und suchte Big Al, konnte ihn jedoch nirgends entdecken.

„Was sollte ich, John?"

„Später ..."

Dann blickte er Dumbledore an.

„Ich habe nur eine Frage: Habe ich sie getötet?"

„Ja, das haben sie, mein Freund."

„Gab es einen Plan, es nur so aussehen zu lassen, als seien sie tot?"

„Nein, einen solchen Plan gab es nicht. Es hätte nicht funktioniert und außerdem war ich schon so gut wie tot."

„Der hölzerne Fluch," flüsterte John.

Dumbledore nickte.

„Ohne sie in Voldemorts Nähe und mit dem vollen Vertrauen des dunklen Lords hätten wir wohl nie gesiegt," sagte er.

„Und ohne sie wären wir nie aus Askaban herausgekommen," ergänzte der Mann mit der Narbe. „Das mit der Fluchtapparation war wirklich grandios."

„Danke," sagte John. „Ist Voldemort tot?"

Ein „Ja" aus vielen Kehlen war die Antwort.

Der junge Mann drehte sich zu Dumbledore um.

„Was ich nur nicht verstehe – was keiner von uns je verstanden hat – ist, warum sie Snape ... äh, Professor Snape so sehr vertraut haben. Kein anderer hat das getan."

„Wollen sie es ihnen sagen, Severus?"

„Sobald ich mich daran erinnere, gerne."

„James Potter – dein Vater, Harry – und sie, Severus haben sich gehasst. Aber dennoch hatte James ihnen das Leben gerettet ... damals als sie beide hier noch Schüler waren. Sie konnten sich zwar deshalb nicht besser leiden, aber als Voldemort die Ermordung von Harrys Eltern plante, erwachte doch in ihnen so etwas wie ein Gewissen, und sie kamen zu mir. Wir konnten den Mord zwar nicht verhindern, dafür war es zu spät, aber immerhin konnten wir uns um Harry kümmern. Sie haben die Seiten gewechselt und haben seither als Doppelagent fungiert – Todesser und Mitglied des Ordens des Phönix. Meine Ermordung brachte sie endgültig in den innersten Kreis der Todesser, an die Seite Voldemorts."

„Sirius war der Meinung gewesen, dass Snape - Entschuldigung, Professor Snape - in meine Mutter verliebt gewesen sein soll."

„Ich habe Bellatrix geliebt," sagte John. „Sie ist mehr wie einmal Teil meiner Träume gewesen."

„Und sie waren richtiggehend wütend auf Voldemort als sie Rodolphus LeStrange heiraten musste. Die Ehe war arrangiert – die Verbindung zweier reinblütiger, reicher Familien."

„Und ich war ja nur ein armer Lehrer ..." warf John mit trauriger Stimme ein.

„ ... mit einem Muggle als Vater," ergänzte Dumbledore.

Eine ganze Prozession von Hauselfen betrat die Halle. Alle trugen Tabletts mit Speisen und Getränken, es roch verführerisch. An den Wänden waren Tische erschienen, auf denen die kleinen Wesen nun ihre Last abstellten.

„An der Magie von Hogwarts muss wohl noch gearbeitet werden," rief jemand, einige lachten.

„Riecht lecker – ich habe Hunger!" sagte ein anderer.

Alle drängten zu den Tischen.

John verließ den Saal unbemerkt.

Er ging durch die Eingangshalle, die Treppe hinab, über den Burghof und den Berg hinunter.

Die Reihen von Grabsteinen zogen ihn an, er las die Aufschriften.

„Lucius Malfoy – unvergessen"

„Bellatrix LeStrange – unvergessen"

„Antonin Dolohov – unvergessen"

„Draco Malfoy – unvergessen"

„Narcissa Malfoy – unvergessen"

Er dachte an die vielen Narcissas, die er getroffen hatte. Irgendwie fand er den Gedanken, dass sie in anderen Realitäten noch lebte, tröstlich.

Sein Blick fiel auf die Überreste der abgebrannten Hütte, dort wo die Massengräber gewesen waren.

Jetzt waren dort ebenfalls angelegte Grabstätten – allerdings mit Natursteinen statt Platten. Neugierig ging er dorthin und lief durch die Reihen.

Die Namen sagten ihm nicht viel, aber die Steine waren liebevoll beschriftet, meist noch mit irgendeiner Art persönlicher Widmung.

Doch plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, um sein Herz legte sich ein Ring, er konnte nicht mehr atmen, nicht mehr fühlen, nicht mehr denken – er konnte nur noch auf diese Inschrift starren.

Jemand trat neben ihn und legte ihm eine Hand auf den Arm.

John drehte sich um und sah in Big Als Augen.

Für manche von uns existieren Raum und Zeit nicht in der gleichen Weise wie für die Normalsterblichen ... du hast es verstanden, du hast uns geholfen, du hast uns einen Dienst erwiesen, der jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft liegt ... wir danken dir dafür ... lebe wohl, John Doe."

Big Al drückte John einen Zauberstab in die Hand.

John sah die kyrillischen Schriftzeichen, die auf ihm eingebrannt waren.

Igors Zauberstab, das einzige, das er seiner Witwe hinterlassen hatte.

Big Al vollführte diese eigenartige Drehbewegung und verschwand. John blickte noch einige Zeit völlig perplex auf die Stelle, an der er gestanden hatte.

Dann las er ein letztes Mal die Grabinschrift, die ihn so sehr erschreckt hatte.

„Alastair Moody – Auror, Freund und Kämpfer für die Gerechtigkeit"

Er war durch den Nebel zurück in die Welt der Muggles geschritten und war gelaufen – ziellos, planlos. Der Regen hatte ihn bis auf die Haut durchnässt, er hatte es nicht gespürt. Stunde um Stunde trieb es ihn vorwärts, weg von magischen Orten, von Menschen, die zaubern konnten, von anderen Realitäten, von all den Dingen, die er nicht verstand.

Er war die ganze Nacht gegangen.

Nun, da es dämmerte, stand er auf einer Brücke, blickte über das Geländer auf Gleisanlagen und fahrende Züge.

Er fühlte sich leer, ausgebrannt, traurig.

Hinter ihm hielt ein Auto.

Der Motor wurde abgestellt, die Fahrertür geöffnet und wieder zugeschlagen.

Jemand stand neben ihm und legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Endlich habe ich sie gefunden, ich habe sie schon überall gesucht."

Nikita.

Er ließ sich von ihr die nasse Kleidung ausziehen, sich in eine Decke hüllen und auf den Beifahrersitz setzen.

Dankbar umklammerte er die Tasse lauwarmen Kaffees, den sie ihm aus einer Thermoskanne eingeschenkt hatte.

„Ich muss ihnen etwas vorlesen, John," sagte sie und holte eine Zeitung aus ihrer Tasche.

„Hören sie sich das an:

London. Scotland Yard gibt einen der wichtigsten Fahndungserfolge dieses Jahres bekannt. Nach langen Ermittlungen konnte eine Diebesbande überführt werden, die seit Jahren brutale Raubüberfälle im gesamten Londoner Stadtgebiet verübt hat. Die Opfer waren meist Touristen. Sie wurden niedergeschlagen und beraubt.

Es wurden zahlreiche Beutestücke sichergestellt ...

Es folgt eine Aufzählung von Schmuckstücken, aber das hier ist der Grund, warum ich ihnen den Artikel vorlese:

Bei einem der Verdächtigen wurde außerdem ein Holzstab mit der Aufschrift ‚Severus Snape' sichergestellt. Da weder Scotland Yard noch eine andere Polizeidienststelle eine Anzeige einer Person dieses Namens vorliegen haben, bitten wir Mr. Snape, sich umgehend bei Scotland Yard zu melden ..."

John trank einen Schluck Kaffee.

„Deshalb kann ich mich an nichts erinnern. Die anderen sind verzaubert worden, oder vielleicht war es der Einfluss der verschiedenen Realitäten, aber ... ich bin das Opfer eines ganz gewöhnlichen Raubüberfalls mit schweren Kopfverletzungen gewesen. Auf mir lag nie ein Bann."

„Das klingt, als hätten sie mir einiges zu erzählen?"

John nickte und drehte sich zu Nikita um.

„Können wir nach Hause fahren?" fragte er.

Nikita nickte und startete den Motor.

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