10. Ein verhängnisvoller Kuss
Mit gemächlichen Schritten trabte er durch die fast leeren Gänge Hogwarts und gähnte ausgiebig. Müde strich er sich die Haare hinter die Ohren und grummelte vor sich hin. Seine Zotteln wurden einfach zu lang.
Die Hand vor den offenen Mund haltend, ging er um die nächste Ecke und knallte mit voller Wucht gegen einen Körper. Unsanft landete der Gryffindor auf seinen Hosenboden und rieb sich mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht die Pobacke.
"Autsch, pass doch auf.", knurrte er und schaute nach oben, nur um genau in zwei schokoladenbraune Augen zu blicken, die ihn verwundert und glitzernd anstrahlten.
"Kai... ähm, ich meine Professor. Entschuldigen sie.", murmelte der Schwarzhaarige erschrocken und sprang wieder auf die Beine.
"Hey, kein Problem, aber du hättest auch aufpassen können.", sprach der Dunkelbraunhaarige lächelnd.
"Tja, dies war jetzt schon das zweite Mal, dass du mich umrennst, Harry."
Harry errötete.
"Pah. Na und?", schmollte er und sah hoch zur Decke. Adells Grinsen wurde breiter und er beugte sich leicht zum Jungen.
"Habe ich dir irgendwo weh getan?", fragte er besorgt und musterte den Gryffindor mit intensiven Blick. Harry wollte gerade zum Sprechen ansetzten, als ein geflügeltes Etwas aus seinem Umhang kroch und wütend den Professor anstierte.
"Ihm nicht, aber mir! Du eingebildeter Tölpel hast mich beinahe zerdrückt!", keifte die Fledermaus zornig und kraxelte auf Harrys Schulter, wobei sie ihre Krallen tief in seine Haut stach. Harry verzog sein Gesicht und gab dem nun sitzenden Fly eine Kopfnuss.
"Jetzt tut mir etwas weh.", schimpfte er und blickte dann zu Kai, der alles mit erstaunten, aber zweifelnden Gesichtsausdruck beobachtete hatte.
"Oh, wie süß. Eine sprechende Fledermaus. Die sieht man echt selten.", sagte er und starrte Fly regelrecht an. Dieser blickte nur kühl zurück.
"Ich mag diesen Tölpel nicht. Außerdem geht es ihn nichts an, ob es uns selten gibt oder nicht. Aber eigentlich sollte er es besser wissen."
Kai Adell zog eine Augenbraue hoch und ein verächtliches Lächeln zierte seinen Mund.
"Ich mag dich auch nicht. Überhaupt nicht." Dann seufzte er und schmunzelte Harry wieder an. "Wir sehen uns morgen in den ersten beiden Stunden Verteidigung. Süße Träume.", hauchte er noch in das Ohr des Gryffindors und verließ ihn Richtung Kerker.
Stirnrunzelnd blickte er dem Professor hinterher, bis er nicht mehr zu sehen war. Danach richtete sich seine Aufmerksamkeit auf Fly, der ruhig und schweigsam auf seiner Schulter saß.
"Hast du nichts zu sagen?" Die Fledermaus schwieg.
"Seit wann das? Und warum hast du Professor Adell so angeschnauzt?"
"Weil, ich ihn nun mal nicht mag.", presste der Angesprochene heraus und drehte sich auf seinem Platz, um den Schwarzhaarigen so zu signalisieren, dass er nicht reden möchte.
"Tja, Pech gehabt. Ich mag ihn aber.", meinte Harry und ging weiter.
Entsetzt ruckte Flys Kopf wieder zum Gryffindor herum. "Nein! Du solltest dich von ihm fern halten!", zischte die Fledermaus und nickte beschwichtigend mit dem Köpflein.
"Wozu? Ich bin gern in seiner Nähe.", verteidigte sich Harry und machte vor der fetten Dame halt.
"Ich meine es nur gut, Harry. Er ist nichts für dich! Halte dich lieber an den blonden Tölpel." "Hey, ich habe nicht vor mit dem Professor einen Beischlaf zu veranstalten.", knurrte der Gryffindor und stampfte mit dem Fuß auf.
"Doch, Harry. Du wirst. Du wirst dies auf jeden fall tun.", sprach Fly noch resignierend und erhob dann sich in die Lüfte.
"Warte! Das hört sich so an, als ob du ihn kennst."
Ein bitteres Lachen der Fledermaus drang an Harrys Ohr. "Nur zu gut."
Harry sah nur mit ausdrucksloser Miene dem geflügelten Tier hinterher und wurde dann von der Fetten Dame um das Passwort gebeten, doch leider wusste er das Neue ja noch gar nicht.
Er seufzte auf und wollte sich gerade an der Wand niederlassen, als ein schnaufender Neville die Treppe hoc hgerannt kam.
"Honor.", keuchte er und blieb vor Harry stehen. Er stemmte seine Hände in die Hüften und atmete tief ein und tief aus. "Mir ist gerade erst eingefallen, dass du das Passwort noch gar nicht weißt. Blöder Dumbledore. Das du so schnell zu ihm musstest.", schnaufte er und
trat hinter Harry in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum. Sofort hafteten sich alle Augen auf Harry, der nur frech grinsend mit verschränkten Armen den Weg in die Schlafräume einschlug.
"He, Potter.", durchdrang plötzlich den Raum und ein zorniger Rotschopf kämpfte sich durch die Menge. Harry hielt in seiner Bewegung inne und drehte sich mit emotionslosem Gesicht zu Ron um, der ihn mit zitternden Fäusten gegenüberstand.
"Was gibt's, Weasley? Ich bin müde, also gönn mir meinen Schlaf."
"Was sollte das im Zug?"
"Was denn?", fragte Harry scheinheilig und tat so, als müsste er nachdenken.
"Verarsch mich nicht, Potter."
"Wer hat mich denn verarscht, Weasley? Wohl du und diese... dieses Schlammblut.", sagte er mit scharfer Stimmte und ruckte mit seinem Kopf zu Hermine, die erschrocken auf ihren Sessel zusammenfuhr. "Und jetzt lass mich in Ruhe. Sonst vergesse ich mich.", nuschelte
Harry weiter und stieg dann die Treppen zu den Schlafräumen hoch, dicht gefolgt von Neville, der die ganze Szene beunruhigend verfolgt hatte.
Kaum hatten die beiden den Schlafsaal erreichtet, glitt die Tür wieder auf und ein genervter Seamus schmiss sich auf sein Bett. "Ron ist echt ein Arschloch. Was sollte das vor den ganzen Gryffindors?", schimpfte der Ire und drückte sein Gesicht in die Kissen.
Neville kicherte. "Ich glaube, er merkt langsam, dass man den neuen Harry Potter nicht mehr so leicht manipulieren und beeinflussen kann.", antwortete Neville, der auf der Fensterbank saß.
Harry ließ von seinen Koffern ab, die er begonnen hatte auszuräumen und blickte zu dem Tollpatsch von Gryffindor. "Wie?"
"Aber, Harry, man müsste ziemlich hirnlos oder dämlich sein, um nicht zu merken, dass eine Veränderung in dir stattgefunden hat.", erklärte Neville mit erhobenen Finger und schwenkte ihn lehrerhaft. "Du kommst mir erwachsener vor."
Harry lachte los und viel Neville überraschend in die Arme. "Erwachsen? Das hat bisher noch keiner gesagt.", schnurrte der Schwarzhaarige und schloss die Augen, während sich bei Neville ein Rotschimmer auf die Wangen legte.
"Harry, du... du solltest jetzt schlafen gehen.", sagte der Schulkamerad unsicher und drückte ihn behutsam von sich.
"Du hast recht.", gähnte Harry und stiefelte mit hängenden Schultern ins Bad und tauchte bereits nach fünf Minuten in T-Shirt und Boxershorts wieder auf. Seufzend mummelte er sich in die Kissen und schlief auch fast sofort ein, während Neville und Seamus ihr Zeug in die Schränke verfrachteten. Dann traten sie an Harrys Bett und musterten den schlafenden
Jungen.
"Neville?"
Dieser nickte. "Ich werde ihn beschützen. Auch wenn ich nicht weiß wie."
"Ich stimme dir zu. Auch mir geht es so. Irgendwie ist er der einzige wahre Freund hier in Gryffindor.", pflichtete ihm Seamus bei und strich eine Strähne aus Harrys Gesicht.
Keiner bemerkte, wie sie vom Fenster aus mit schwarzen Augen beobachten wurden. Die Gestalt nickte lächelnd und verschwand in der Dunkelheit der Nacht.
Mit schlaftrunkenen Augen schlurfte Harry in die große Halle. Immer noch nicht ganz wach, setzte er sich neben Seamus an den Gryffindortisch und starrte die Brötchen und Hörnchen angeekelt an.
"Guten Morgen, Schlafmütze.", begrüßte Seamus den Schwarzhaarigen und strahlte ihn fit und munter an. Dieser murrte nur irgendetwas vor sich hin, dass man mit gut Dünken als "Morgen" verstehen konnte.
"Bist wohl noch nicht ganz wach, oder?", stellte sein Freund fest und legte auf Harrys Teller ein mit Erdbeermarmelade bestrichenes Brötchen. Der Gryffindor stierte auf das Essen und
knurrte.
"Habe keinen Hunger."
"Aber, Harry. Schau dich an. Für deine Größe bist du viel zu schlaksig.", meinte Seamus mit nicht nachgebenden Glitzern und nahm das Brötchen wieder in die Hand, nur um es Harry vor dem Mund zu halten. "Mach schön aaaa!" Der Schwarzhaarige schüttelte geradewegs entsetzt mit dem Kopf und presste seine Lippen zusammen, als Neville an den Tisch trat.
"Was ist denn hier los?", fragte er und kicherte bei dem Anblick von Harry und Seamus. "
Er will nicht essen."
"Na wenn das so ist.", sagte Neville und schnappte sich Harry von hinten, der erschrocken den Mund aufriss. Seamus überlegte nicht lange und stopfte ihm das Frühstück zwischen die Lippen. Nun ließ ihn Neville auch wieder los und setzte sich.
Resignierend biss Harry in das Brötchen und verschluckte sich prompt, als er Draco vor sich stehen sah, der ihn arrogant angrinste. "Kann also die königliche Hoheit schon nicht mehr alleine essen. Das ist aber traurig. Gleich zwei Deppen müssen ihm helfen.", säuselte er und stampfte dann davon.
Wütend schmiss Harry das angebissene Brötchen Draco hinterher und traf glatt den Hinterkopf des Slytherin. "Was denn, Malfoy, ein neuer Hut? Steht dir ausgezeichnet.", sprach der Gryffindor gespielt erstaunt und nickte anerkennend.
"So einen möchte ich auch mal haben."
"Oh, kein Problem, Potter.", zischte Draco, der das Marmeladenbrötchen aus seinem Haar fischte, dabei aber die rote Süßigkeit verteilte. Zornig nahm sich der Blonde vom Ravenclawtisch eins mit Blaubeermarmelade und pfefferte es Harry entgegen, der überrascht durch diese Tat nicht mehr ausweichen konnte. Es traf ihm genau im Gesicht.
Neville und Seamus rangen mit einem Lachanfall, als sie dies sahen und hatten ihre Mühe auf der Bank zu sitzen.
Schnaubend erhob sich Harry und stiefelte mit festen Schritt auf Draco zu, der fassungslos durch seine klebrigen Haarsträhnen fuhr.
"Du bist ein Arschloch, Malfoy.", flüsterte Harry aufgebracht und blickte mit kochenden Augen in Dracos Gesicht. "Und du bist wunderschön, wenn du ausrastest.", hauchte der Blonde und ging einen Schritt auf den Schwarzhaarigen zu. Harry wurde nun unsicher und wankte ein Stück zurück, allerdings nicht seine Smaragde von den grauen Sturmböen nehmend.
Plötzlich stellte sich Professor McGonagall zwischen die beiden und schaute jeden vorwurfsvoll an. "Schämt ihr euch nicht, schon am Morgen solch ein Spektakel zu veranstalten? Jeweils 10 Punkte Abzug für Slytherin und Gryffindor.", motzte sie und musterte noch mal jeden. "Und jetzt gehen sie sich waschen.", war ihr letztes Wort, bevor sie Richtung Lehrertisch verschwand.
Draco schnaubte noch und verließ erhobenen Hauptes die Große Halle, während Harry sich wieder zu seinen Freunden setzte und nach einer Serviette griff.
"Man, zwischen euch hat sich ja nichts geändert.", kam es von Neville, der Harry mitleidig betrachtete.
"Oh doch und wie.", brummte der Schwarzhaarige und wischte sich die Marmelade aus den Augenwinkeln.
Aufgeregt saßen die Gryffindors und zu deren Leidwesen Slytherins im Klassenraum und warteten auf die ersten Unterrichtsstunden am heutigen Tage. Viel Gemurmel und Gequatsche hallte durch das Zimmer, wobei fast immer das gleiche zu hören war.
"Was meinst du, Harry. Wie wird der neue Professor sein? Er sah ganz nett aus.", fragte Seamus, der sich zu ihm hinüberbeugte. Harry seufzte ausgedehnt und stützte seinen Kopf in seiner rechten Hand.
"Finde es doch selbst heraus, Seam." ,antwortete der Schwarzhaarige gelangweilt und beobachtete Draco aus den Augenwinkeln, der gerade, wieder gesäubert und gestriegelt, den Klassenraum betrat. Wieder seufzte der Gryffindor und starrte dann nach vorne, wo jetzt ein
Kai Adell mit grinsendem Gesicht auf dem Schreibtisch saß.
"Können wir anfangen?", verlangte er amüsiert zu wissen und erschrak so einige Schüler, die
seine Anwesenheit noch gar nicht registriert hatten. Die Klasse verstummte sofort und alle musterten den Lehrer interessiert, wobei einige Jungen und Mädchen ihm schmachtende Blicke zuwarfen, zu denen auch Hermine gehörte.
"Na, geht doch. Nun, wie sie mitgekriegt haben, bin ich ab sofort ihr Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste und ich hoffe wir werden gut miteinander auskommen.", lächelte Kai smart und langte hinter sich um gleich darauf ein Buch hervorzuholen.
Draco schnaubte und erntete einige fragende Blicke der Schüler. Er winkte gleichgültig hab und sah zu Harry, der kritisch den Kopf schüttelte. Der Slytherin grummelte und schlug gelangweilt sein Buch auf.
"Wenn ihr Seite 18 aufschlägt, seht ihr unser Thema für die nächsten drei Wochen.", erklärte der Professor und nickte in die Runde. Harry las die Überschrift und musste erst mal schlucken.
"Vampire?", fragte er nochmals nach und wollte seinen Augen nicht trauen.
"Genau, Harry. Es ist wichtig, weil sich vielleicht einige von euch mit ihnen auseinandersetzen müssen."
Seine schokoladenbraunen Augen huschten zu Draco, der ihn säuerlich anstierte. "Gut, sagt mir doch, was ihr alles über diese Geschöpfe wisst."
Sofort schossen mehrere Hände in die Höhe, unter anderem die von Hermine, Patil, Zabini und Parkinson. Doch auch Neville streckte schüchtern seinen Arm.
"Longbottom, nicht wahr? Fangen sie an."
"Nun, Sir. Soweit ich weiß können Vampire nur nachts unterwegs sein. Sie
verbrennen im Sonnenlicht. Auch brauchen sie Blut um zu überleben, deshalb jagen sie Nacht für Nacht Menschen, die sie aussaugen können. Menschen dienen aber nicht nur als Beute, sondern können auch zu Vampiren verwandelt werden, um als Wegbegleiter für diese Untoten zu tangieren. Ich glaube, zum Vampir wird man, wenn dieser dein Blut trinkt und dann du seines in dir aufnimmst. Mehr weiß ich auch nicht.", beendete Neville seinen Monolog mit
hochroten Kopf.
"Bravo, Longbotton. 20 Punkte für Gryffindor." Das ließ Neville glücklich lächeln, während sämtliche Gryffindors juchzten.
"Aber es gibt nicht nur diese Art von Vampiren. Sie hatten sich noch gemeldet, Parkinson?" Die blonde Slytherin lächelte Adell zuckersüß an und klimperte mit ihren Augen. "Es gibt aber nicht nur diese gebissenen, sondern auch geborene Vampire." Parkinson stoppte und musste überlegen.
"Und weiter? Ws ist deren Unterschied zu den Gebissenen?"
"Ich weiß es nicht so genau. Auf jeden Fall werden sie als Vampire geboren."
"Ok, 10 Punkte für Slytherin. Zabini, vielleicht wissen sie mehr."
Dieser nickte und begann zu sprechen.
"Man kann sie nicht von normalen Zauberern unterscheiden. Sie haben keine besonderen Merkmale. Sonnelicht hat auf sie keine Auswirkungen, genauso brauchen sie auch nicht unbedingt Blut.
Allerdings haben sie besondere Kräfte, die sich normalerweise erst an ihren 18ten Geburtstag zeigen. Theoretisch könnte solch ein Vampir neben uns sitzen und wir würden es noch nicht einmal merken." Er war einen kurzen Blick zu Draco, der nur seinen Mund zu einem verächtlichen Lächeln verzog.
"Gut, 15 Punkte für Slytherin."
"Ähm, Professor?", unterbrach Hermine den Lehrer und rutsche unruhig auf ihrem Platz herum.
"Was, Granger?", fragte er mit kühlerer Stimme das Mädchen und verschränkte die Arme.
"Ist es möglich, dass es eine Kreuzung zwischen diesen beiden Spezies gibt?"
Adell dachte kurz nach, ob es einen Sinn machte ihr zu antworten. "Möglich ist alles, Ms. Granger. Es gibt eine Geschichte, die von solch einem Mischlingsvampir handelt."
"Die Kain-Prophezeiung.", flüsterte Harry leise und brachte so die gesamte Aufmerksamkeit der Klasse auf sich. Kai betrachtete ihn intensiv und lächelte ihn dann wissend an.
"Allerdings. 10 Punkte."
"Kain-Prophezeiung? Was sagt sie?", verlangte wieder Hermine zu wissen und starrte den Professor neugierig an.
"Das ist nicht so wichtig. Es wird einfach behauptet, dass es einen geborenen Vampir gibt, der vor seinen 18ten Geburtstag gebissen wurde."
Ein Murmeln lief durch die Klasse und zweifelnde Blicke wurden ausgetauscht. Doch Draco brachte sie mit seiner Frage wieder zum verstummen.
"Und was für Kräfte soll er haben?"
Adell kicherte leicht. "Nun, Mr. Malfoy. Das weiß keiner, höchstens dieser Vampir selbst. Doch man behauptet, dass er die Macht der Göttin anwenden kann."
"Göttin?"
"Völliger Blödsinn sage ich, Harry. Aber was weiß ich schon, als normaler Zauberer.", meinte der Professor noch und klatschte dann in die Hände. "Kommen wir zu unseren genauen Stoff zurück."
Es klingelte zum Unterrichtende und die Schüler sprangen erleichtert von ihrem Plätzen auf und rannten aus dem Klassenraum. Harry allerdings ließ sich Zeit mit dem Packen seiner Schultasche und schickte Neville und Seamus schon mal voraus. Als er fertig war, trat er an den Pult, wo Kai Adell immer noch saß und vertieft im Buch las.
"Professor?", fragte der Gryffindor und wartete auf eine Reaktion von dem Dunkelbraunen, doch dieser schien nichts registriert zu haben. "Kai?", wiederholte Harry und fasste den Lehrer zögerlich auf die Schulter, was ihn nun aus seinen Gedanken holte.
"Ach, Harry. Was gibt's?"
"Ich wollte sie etwas wegen dieser Kain-Prophezeiung fragen."
"Nur zu.", unterstützte ihn Kai, der vom Tisch sprang und nun vor dem Schwarzhaarigen stand. "Diesen Kain, glauben sie wirklich, dass es ihn nicht gibt?"
Adell seufzte und durchsuchte den Klassenraum nach trödelnden Schülern, doch er war leer. "Ehrlich gesagt, Harry, weiß ich, dass es so einem Vampir gibt."
"Wie?" Harry starrte entsetzt Kai an, der beruhigend seine Hände auf seine Schultern legte. "Hey, keine Bange. Er wird dir schon nichts tun."
"Wieso mir?" Nun, war der Schwarzhaarige sichtlich verwirrt.
"Harry, ich weiß es."
"Was?" Erschrocken versuchte sich der Gryffindor von seinem Lehrer zu lösen, doch dieser hielt ihn eisern fest. "Ich habe es vom ersten Augenblick an bemerkt. Du bist ein Mischlingsvampir."
"Nein, ich... Wie kommen sie darauf? Sie spinnen doch.", schrie Harry aufgebracht und schlug auf die Arme von Kai ein, der ihn aber nur näher an sich zog. Die Hände fanden ihren Weg in den Nacken des Schwarzhaarigen, dessen Haut von einer Gänsehaut befallen wurde. "Ganz ruhig, Harry. Vor mir brauchst du keine Angst haben. Ganz im Gegenteil. Niemand sonst könnte dir ähnlicher sein als ich.", hauchte nun der Professor in Harrys Ohr, der
begann zu zittern. Sein Blick suchte den des Jungen, der ihn mit seinen Smaragdaugen anstarrte.
"Wie mei-" Harry kam nicht mehr dazu, den Satz zu Ende zu sprechen, da sich ohne Vorwarnung zwei zärtliche Lippen auf seinen Mund drückten und ihn sanft massierten. Das Herz des Gryffindors setzte einen Schlag lang aus, nur um darauf schneller zu pumpen. Seine Augen schlossen sich wider seinem Zutun und er drängte seinen Körper an Kais, der sein Gesicht in seine Hände nahm und ihn stärker liebkoste. Adells Zunge erreichte zielsicher die Mundhöhle des Schwarzhaarigen, der über die Geschicklichkeit des Professors erstaunt war.
Harrys Arme legten sich um Kais Hüfte und nach kurzen Zögern erwiderte er mit voller Inbrunst die erfahrenen Küsse des Lehrers. Er vergaß alles um sich herum.
Nur dieser Mann, an dessen Körper er lehnte, zählte noch.
Dadurch merkte er nicht den blonden Jungen, der im Türrahmen stand und mit schmerzverzerrtem Gesicht diesen Anblick ertragen musste.
