12. Die Göttin
Harry senkte den Kopf und krampfte sich in den
Pullover seines Gegenübers, der ihn immer noch fest an der Hüfte
hielt. "Irgendwie habe ich es gewusst. Ich fühlte mich
immer wohl in deiner Nähe."
Kai hob das Kinn des
Gryffindors an und küsste ihn zärtlich auf den Mund. "Auch
ich fand deine Anwesenheit mehr als angenehm.", sprach er und
strich Harry durch die schwarzen Haare. "Wie sehr hatte ich
gehofft, jemanden, der so ist wie ich, zu treffen. Und mit dir hat
sich mein Wunsch erfüllt."
Harry lächelte und löste sich von Kai, um von seinem Schoß zu hüpfen. Er richtete seine Klamotten und blickte dann neckisch zu dem Lehrer. "Nun musst du mir meinen Wunsch erfüllen.", verlangte der Gryffindor und hielt den Kopf schief.
Kai lächelte. "Natürlich.", antwortete er und erhob sich vom Stuhl. Er fasste Harry an der Hand und lief mit ihm zurück ins Schlafzimmer. Der Junge blieb angewurzelt stehen.
"Äh, Kai, sie soll hier im Schlafzimmer sein?"
"Du hast sie doch hier gehört, oder?"
"Ja, schon, aber..." Der Professor legte Harry einen Finger auf den Mund.
"Sei nicht so neugierig und warte es ab.", grinste Kai und betrachtete dann die Wand neben dem Bett. Er schnipste mit dem Finger und eine Tür aus sehr alten Holz erschien.
Harrys
Mund klappte nach unten und er rieb sich einmal über die Augen,
doch die Tür blieb. Er seufzte resignierend und ging dann hinter
Kai her, der sich schon der Öffnung näherte. Kurz davor kam
er zum Stillstand. Er drehte sich zu dem Gryffindor um und sah ihn
ernst an. "Sobald wir durch diese Tür gehen, ist unser Pakt
besiegelt." Harry nickte mechanisch und starrte nur weiter die
Tür an. Er hatte das Gefühl, dass jemand sehnsüchtig
auf ihn wartete und er wollte nichts anderes mehr, als endlich durch
diese Öffnung zu gehen.
"So sei es.", meinte noch
Kai und öffnete mit Schwung die Tür. Langsam trat Harry
hinter dem Mann ein und wurde zunächst von einer schwarzen
Finsternis umhüllt. Nichts war zu erkennen und er krallte sich
in den Umhang von Kai, der genau zu wissen schien, wo es lang ging.
Minuten
lang durchliefen sie die Schwärze und Harry dachte schon von ihr
verschlungen zu werden, als in der Ferne ein rötliches, sanftes
Licht erschien. Der Gryffindor hielt automatisch die Luft an und
musste sich beherrschen, nicht sofort auf die Helligkeit zu zu
rennen. Kai bemerkte das Verhalten des Jungen und drückte seine
Hand noch fester. "Ganz ruhig, mein Kleiner." Der
Schwarzhaarige reagierte gar nicht, sondern musterte das Licht mit
seinen blauen Seen.
Immer näher kamen sie diesem roten
Schein und langsam erkannte Harry, was das vor ihm war. Auf einem
dunklen Podest lag ein pulsierender Stein, der das rote Licht
aussandte.
Harry keuchte kurz auf und streckte seinen Arm aus, um
danach zu fassen, doch Kai hielt diese mit seiner freien Hand fest.
"Noch nicht, Harry. Ganz langsam."
Verwirrt riss sich der Gryffindor vom Anblick des Schmuckstücks los und sah in die braunen Augen von Kai. "Ich verstehe das nicht. Hast du nicht gesagt, dass du mich zu dieser Frau bringen wolltest?"
"Aber das habe ich, Harry. In diesem Stein findest du, was du suchst."
Die Augen des Jungen weiteten sich und er schaute wieder verstört zu dem Stein, dessen Schein stärker geworden zu sein schien.
"Aha, der Stein reagiert also auf dich.", sagte Kai, der auf den Stein zu ging und sanft darüber strich. Kleine Fäden Licht strömten aus diesem in die Hand des Lehrers, der die Augen geschlossen hatte. "Wenn du diesen Stein anfasst, werden deine inneren Kräfte geweckt und verstärkt. Doch eins will ich dir sagen, niemals wirst du diese Magie gegen mich verwenden können, denn dieser Stein gehorcht mir und die Kräfte sind sozusagen geliehen. Hintergehe mich nicht, mein Kleiner." Harry nickte und stellte sich neben Kai.
"Ich will nur diese Frau treffen. Der Rest ist egal."
"Ist das so? Und was ist mit dem lieben kleinen Malfoy?", fragte der Lehrer und hielt Harry mit einem eisernen Blick fest. Ein Schatten huschte kurz über Harrys Gesicht, doch er verschwand schnell.
"Was
soll sein? Gar nichts. Ich will nur diese Frau treffen."
Kai
lächelte ihn zufrieden an und gab Harry den Weg frei. Dieser
überwand die letzte Distanz und langte nach dem Stein, der durch
seine Nähe ein blutrotes, helles Licht ausstrahlte. Doch bevor
Harry ihn zu fassen kriegte, stürzte sich etwas Schwarzes auf
seine Hand und zerkratzte sie. Der Gryffindor zog sie mit
schmerzverzerrtem Gesicht zurück und suchte nach dem Übel.
Auch Kai war erschrocken zurückgewichen und starrte nun auf ein
fliegendes Etwas, das in der Luft ihre Kreise drehte. Dann stöhnte
er genervt. "Du schon wieder.", stellte er ernüchternd
fest und verschränkte abwartend die Arme.
"Ja,
ich.", krächzte das Etwas und schoss im Steilflug auf den
Lehrer zu, doch dieser hob lässig die Hand und drückte so
mit unsichtbarer Kraft das Wesen auf den Boden.
Jetzt erkannte
auch Harry, wer sich hier einmischte.
"Fly?", fragte der Gryffindor trocken und machte ein paar Schritte auf die Fledermaus zu, die immer noch bedröppelt durch den Aufschlag ihren Kopf schüttelte. "Wie kommst du hierher?"
"Das ist ja wohl scheißegal.", quengelte Fly, nachdem sie sich ein wenig erholt hatte und sah Harry mit vorwurfsvollen Augen an. Der Schwarzhaarige konnte ihrem Blick nicht standhalten und sah zum Stein.
"Geh, Fly."
"Nein,
verdammt! Ihr Tölpel mit euren vier Gehirnzellen seit echt
dämlich.", schimpfte die Fledermaus, die nun auf den Boden
saß. "Harry, du darfst das nicht tun. Er wird dich nur
ausnutzen und am Ende, wenn er dich nicht mehr braucht, vernichten.
Siehst du das nicht?"
Harry lächelte verbittert.
"Glaubst du wirklich, dass ich daran noch nicht gedacht habe?
Aber ich will diese Frau treffen und außerdem... er ist wie
ich!", verteidigte sich der Gryffindor und streckte seine Hand
wieder nach dem Stein aus.
"Du
wirst nur noch ein Werkzeug für diesen Vampir sein."
Kai
stand die ganze Zeit an seinem Platz und lächelte amüsiert.
Immer wieder sah er zwischen Harry und der Fledermaus hin und her.
Dann kicherte er. "Sind wir nicht alle Werkzeuge einer höheren
Macht?", meldete sich mal der Lehrer zu Wort und seine Augen
begannen zu glitzern, als Harrys Finger fast den Stein berührten.
"Dann
ist das wohl deine letzte Entscheidung?", fragte Fly traurig und
erhob sich in die Lüfte. "Du begehst einen Fehler.",
waren seine letzten Worte und er verschwand in der Dunkelheit.
Harry
hatte diese Worte gehört, wodurch sich eine kleine Träne
aus seinem Auge löste. Er schniefte kurz und überwand den
restlichen Weg. Seine Finger umschlangen jetzt den Stein, der nun
grell leuchtete. Der Gryffindor schloss die Augen und spürte,
wie sein Geist in den Stein gesogen wurde. Er fiel und landete hart.
Er stöhnte und öffnete wieder seine blauen Seen.
Weiße Finger strichen im plötzlich über die Wangen und er hob den Blick, um in ein blasses Gesicht zu sehen, das mit feuerroten Haaren umrandet wurde. "Ich habe dich gefunden.", flüsterte Harry heiser und warf sich der schönen Frau in die Arme, die seine Umarmung erwiderte.
"Ja,
du hast mich gefunden. Auch wenn es eigentlich ein Fehler war. Aber
ich habe es mir so gewünscht.", hauchte die Schönheit
zurück und drückte den Jungen fester an sich.
"Wieso
ist es ein Fehler?", nuschelte der Gryffindor und seufzte wohlig
auf.
"Weil du nun ihm gehörst.", antwortete die alterlose Frau und schob den Jungen ein wenig von sich. "Das wollte ich nicht."
Harry lächelte. "Es ist nun mal geschehen. Man kann nichts mehr tun.", meinte der Schwarzhaarige und fasste nach einer der feuerroten Haarsträhnen, die sich warm und dennoch weich anfühlten.
"Harry, du wärst der einzige gewesen, der ihn hätte aufhalten können."
"Wieso aufhalten?"
"Er ist in Wirklichkeit ein böser Vampir."
"Warum? Hat er vor die Welt unter seiner Herrschaft zu bringen?", scherzte Harry, zuckte dann aber zusammen, als sich eine kräftige Hand auf seine Schulter legte. Erschrocken drehte sich der Gryffindor um. Schokoladenbraune Augen bohrten sich in seine blauen Seen und ließen ihn ein wenig zittern.
"Die Weltherrschaft interessiert mich nicht.", sprach Kai Adell ruhig. "Es geht mir ganz allein um die Vampire. Sie sind fehlerhaft, ob nun geboren oder gebissen.", erklärte der Lehrer weiter und musterte dann die Frau, die ihren Kopf senkte. "Und du redest zu viel. Du vergisst, wer dein Herr und Meister ist.", knurrte er und fasste grob nach dem Handgelenk der Schönheit. Diese riss entsetzt ihre Augen auf und sah bittend zu Harry, der sich allerdings nicht von der Stelle rühren konnte. "Er hilft dir auch nicht. Er gehört mir, genauso wie du."
Die Frau
wimmerte und nickte unterwürfig mit dem Kopf. "Und nun
erteile Harry deinen Segen und wehe du verrätst mich.",
drohte er ihr und ließ sie los, wobei sie hart auf den Boden
knallte.
Harry erschrak über diese Grobheit und sah
verunsichert zu Kai, der ihn nun mit analysierendem Blick musterte.
"Kein Angst, Harry. Mit dir würde ich so nie umgehen.",
lächelte er dann plötzlich und strich sich eine braune
Haarsträhne hinters Ohr. Der Gryffindor nickte nur und krabbelte
zu der Frau und hob ihren Kopf an.
"Alles wird gut.", murmelte er ihr ins Ohr und nahm sie in den Arm.
"Danke mein Junge." Dankbar gab sie Harry einen kleinen Kuss auf den Mund und fasste dann nach seiner Hand. "Ich gebe dir einen Teil meiner Magie ab, ein Teil der Kraft einer Göttin.", erzählte sie nun mit fester, melodischer Stimme.
"E-einer Gö-Göttin?", stotterte Harry, der mittlerweile fast nichts mehr verstand.
"Ja, ich bin Aradia, die Göttin der Erde.", stellte sie sich vor und umfasste die Hand des Jungen fester.
"Aber-"
"Du
kannst nicht verstehen, warum eine Göttin eine Gefangene von
einem Vampir ist. Es war nun mal mein Schicksal und irgendwann wirst
du die Wahrheit erfahren.", lächelte sie nachsichtig und
schloss dann die Augen. "Entspann dich."
Harry tat wie
ihm geheißen und ließ seine Nervosität und
Anspannung abfallen.
Plötzlich strömte eine angenehme
Wärme durch seine Hand, die sich in seinem ganzen Körper
ausbreitete und seine Haut zum Kribbeln brachte. Immer mehr Energie
floss durch seinen Körper und er fühlte, dass sich
irgendetwas in ihm löste und ihn dadurch befreite.
Der Junge
öffnete überrascht die Augen und sah noch einmal die Göttin
sanft lächeln, als er wieder durch einen Sog gezerrt wurde.
Stöhnend blickte er um sich und fand sich in den Armen von Kai wieder, der ihn an seine Brust drückte.
"Alles Ok?" Harry nickte gähnend und sah zum Stein, dessen Licht nun trüber und dunkler wirkte.
"Was ist mit ihr los?", fragte er erschrocken und wollte aufstehen, doch Kai unterband dies.
"Sie ist erschöpft. Schließlich hat sie ein Teil ihrer Kraft auf dich übertragen.
"Aha.",
nuschelte der Gryffindor und kuschelte sich an den Lehrer. "Ich
bin müde."
"Ja, das sehe ich.", lachte der
Professor und trug den Jungen ins Bett. Sofort schlief dieser ein.
Kai setzte sich an seine Seite und küsste ihn auf die Stirn und
Mund. "Du bist wirklich ein kleiner Goldschatz. Wenn ich nicht
aufpasse, könntest du mir wirklich mein Herz stehlen.",
redete der Mischlingsvampir mehr mit sich selbst und erhob sich, um
die Hausaufgaben der Schüler weiter zu korrigieren.
Draco saß in einer Decke gekuschelt auf einem Sessel vor dem Kamin. Er war allein im Gemeinschaftsraum der Slytherins und dafür sehr dankbar. Starr blickte er in das knisternde und lodernde Feuer, während sein Herz das genaue Gegenteil davon darstellte. Er seufzte resignierend und erhob sich, um in seinen Schlafsaal zu gehen, doch plötzlich klopfte es an einem der kleinen Kerkerfenster. Mit einem Stirnrunzeln trat er mit schnellen Schritten darauf zu und öffnete es. Sofort huschte etwas an Draco vorbei und flog an die Decke, um sich dort niederzulassen.
"Fly.", stöhnte der blonde Junge genervt und setzte sich wieder in seinen Sessel und sah zur Decke hinauf. "Schön dich mal in den Kerkern zu sehen. Kann ich dir Tee und Kekse anbieten?", fragte Draco übertrieben höflich.
"Sehr nett, mein lieber kleiner Blondie. Doch deshalb bin ich nicht hier.", sprach die Fledermaus und musterte den Slytherin mit schwarzen Knopfaugen.
"Soso und weshalb bist du sonst hier?"
"Harry."
"Raus!", befahl Draco Fly, der kein bisschen beeindruckt seine Reaktionen beobachtete.
"Es ist wichtig."
"Raus!" Der Blonde zeigte mit seinem Finger zum Fenster und schnaubte wütend.
"Nein, vergiss es."
Draco gab auf. "Schön, worum geht es?"
"Du musst Harry helfen."
"Wozu? Ihm geht es sicher prächtig in den Armen des Professors."
"Im Moment ja, bis er erkennt, dass du die bessere Wahl bist... Leider.", kreischte Fly und schaukelte vor und zurück.
"Natürlich bin ich die bessere Alternative. Doch warum soll ich ihm helfen?"
"Harry wird bald sterben."
Erschrocken sprang Draco aus seiner Sitzgelegenheit. "Bist du dir sicher?"
"Nein.", antwortete die Fledermaus pfeifend.
"Und warum nervst du mich dann?" Der Slytherin verdrehte die Augen.
"Du willst ihn doch wieder haben, oder?"
"Nun, kommt darauf an, wofür." Ein kleines Grinsen huschte über das Gesicht des Jungen.
Auch Fly grinste, wurde aber sofort wieder ernst. "Tölpel!"
"Ja,
natürlich will ich ihn wieder haben. Antwort gut genug für
dich?"
"Dann hol ihn dir."
"Und wie?"
"Du bist doch ein Vampir, oder?"
"Darauf antworte ich nicht, weil es ja wohl offensichtlich ist."
"...Hast recht.", kicherte die Fledermaus und flog auf Dracos Schulter.
"Warte mal. Ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus willst.", flüsterte Draco und dachte angestrengt nach. "Aber dazu müsste ich mich mit Dad und dem Meister unterhalten."
"Das kann auch ich machen.", meinte Fly und sprang von der Schulter auf Dracos Schoss. "Und nebenbei bringst du meinen Vater in die Verzweiflung. Vergiss es.", belehrte der Blonde das geflügelte Wesen und sah ihn schelmisch an. "Bist du so scharf auf meinen Vater?"
"Nicht nur auf ihn.", kicherte die Fledermaus, unterbrach es aber, als sie den winterlichen Blick der grauen Augen auffing. "Schon gut. War doch nur ein Scherz.", schmollte Fly, der Draco trotzig anschaute.
"Ich
werde sofort einen Brief schicken.", sagte der Slytherin und
erhob sich, wobei er die Fledermaus auf den Boden verfrachtete. Er
stoppte in seiner Bewegung, als ihm etwas einfiel.
"Fly,
wieso sollte der Professor ihn umbringen wollen? Er ist doch nur ein
Lehrer."
"Nein
ist er nicht.", kam es zornig vom Boden. "Denn er ist kein
anderer als Kain."
Draco knabberte unruhig auf seiner
Unterlippe rum. "Vielleicht solltest lieber du mit dem Lord und
meinem Vater reden.", entschied sich Draco und öffnete
wieder das Fenster, durch das sich die eingeschnappte Fledermaus
verzog.
"Jetzt auf einmal.", kreischte sie noch und verschwand in der Ferne. Draco sah ihr noch hinterher.
"Ach, Potter. Das du immer wieder das Talent hast, dich in Schwierigkeiten zu bringen."
