5. Zwiespalt
Sanft hoben sich ihre Brustkörbe und senkten sich wieder gleichmäßig. Der blonde, junge Mann hielt den kleineren und schmächtigeren Körper des braunhaarigen Jungen in seinen Armen. Dieser hatte seinen Kopf auf die Brust des Blonden gelegt und spielte im Schlaf mit dessen längeren Strähnchen.
Sie gaben ein friedliches Bild ab, wie sich im Schlaf zusammengekauert dalagen und kuschelten. Der blonde Vampir hatte besitzergreifend seinen Arm um den Braunhaarigen gelegt und ihre Beine waren ineinander geschlungen.
Er stand schon seit Minuten an der offenen Tür und hatte seinen Kopf gegen das Holz gelehnt. Seine Hände drückte er flach auf den Untergrund hinter sich und seinen rechten Bein hatte er angewinkelt gegen die Tür gestellt. Der Schwarzhaarige starrte gebannt auf dieses herrliche Bild, das sich direkt in seine Netzhaut brannte. Er seufzte und stieß sich vom Holz ab. Langsam ging er auf die beide schlummerten Vampire zu und beobachtete weiter ihre Atmung. Dann streckte er seine Hand aus und wollte dem Blonden durch die Haare fahren. Doch dieser packte sein Handgelenk und öffnete seine Augen. Sie blinzelten ihn schläfrig an, bevor sie aufgerissen wurden.
„Fass mich nicht an.", fauchte Draco zornig und sah dann auf Kirion hinab, der weiter schlief. „Und ihn auch nicht."
„Und wenn doch? Was, wenn ich das Gleiche mit dem Kleinen machen wie mit dir? Vielleicht sollte ich ihn mal küssen. Kann ja sein, dass es ihm genauso gefällt wie dir!", hauchte der Ex-Gryffindor sinnlich und streichelte nun doch dem blonden Vampir durch das Haar. Dieser zitterte und lief rot an. Er fühlte sich ertappt und senkte den Blick.
„Du bist ein Arschloch!", knurrte Draco und entzog sich dem Ex-Gryffindor, der nun wieder aufrecht stand und auf Kirion hinabblickte.
„Weck ihn auf. Es gibt gleich etwas zu beißen.", redete Harry nun laut und deutete zur Tür, wo gerade ein weißhaariger junger Mann hereinkam und einen dunkelblonden, leicht bekleideten Stricher mit sich führte. Dieser sah unsicher zwischen den ganzen Personen her und wandte sich dann an Envin, dessen Gesichtsausdruck man nicht deuten konnte.
„HE, das war nicht abgemacht, so viele auf einmal. Ich will mein Geld im Voraus.", ertönte die schleimige Stimme des Strichers, der sich nervös durch die kurzen Haare fuhr.
Keiner beachtete ihn und Draco schüttelte den braunhaarigen Jungen an der Schulter, der nun aufwachte und seine türkisen Augen auf den Stricher heftete. Er kicherte kindlich und löste sich von dem Ex-Slytherin. Katzengleich schlich auf der den dunkelblonden Jungen zu, der entsetzt einen Schritt zurücktrat, allerdings von Envin festgehalten wurde.
„Dir sieht man den Schmutz an.", grinste Kirion und sah mit gierigen Augen zu dem Stricher hoch. „Du riechst nach Sex. Nach Männern… so um die fünf Stück. Ich schmecke das Sperma, dass dir anhaftet."
„Du bist krank!", schrie der Stricher gellend auf und wollte wegrennen, doch der Weißhaarige drückte den Dunkelblonden mit kräftiger Hand auf die Knie, wodurch der braunhaarige Vampir sich an ihn lehnen konnte. Er hauchte ihm kleine Küsse auf den Hals und streichelte ihm über die Wange. „Ich werde dich jetzt kosten.", schnurrte Kirion und vergrub seine kleinen Vampirzähne in den Hals des Strichers. Dieser stöhnte kehlig auf und versuchte den Jungen von sich zu schieben, doch Kirion trieb ihm seine Fingernägel in die Schulter. Blut quoll hervor und der Stricher erstarrte.
Draco
beobachtete mit verhangenden Augen diese Szenerie und schwebte fast
auf das Opfer zu. Er nahm dessen Hand und leckte über die
Pulsader am Handgelenk, bevor er die Zähne bleckte und herzhaft
hinein biss. Gemeinsam leerten der blonde und der braunhaarige Vampir
den Stricher und ließen diesen einfach umfallen, als er tot
war.
Der Ex-Slytherin legte seinen Kopf in den Nacken und stieß
unmenschliche Geräusche aus. Er leckte sich über die
blutbenetzten Lippen und schmatzte, während Kirion über den
Toten krabbelte und an der Stelle des Herzens kleine Kreise zog mit
seinem Zeigefinger.
„Ich will sein Herz sehen.", sprach der braunhaarige Vampir neugierig und holte mit seiner Hand aus, die sich krallenartig auf die Brust senkte. Allerdings griff Draco schnell nach ihr und hielt sie eisern fest.
„Nicht hier. Wir sind nicht auf der Strasse, mein Kleiner."
„Aber, großer Bruder. Er macht doch keine Sauerei mehr. Sein Geist ist im Niemandsland und sein Körper leer getrunken."
„Nein, Kirion. Wir sind hier bei fremden Leuten. Komm, komm in meine Arme."
Der braunhaarige Junge nickte und floh in die ausgestreckten Hände des Ex-Slytherin, der ihn drückte und liebevoll knuddelte.
Harry schnaubte verachtend und drehte sich zu Envin um, der alles stumm beobachtet hatte.
„Bringst du die Leiche weg?"
„Sicher. Ich werde sie in irgendeine schmutzige Gasse werfen.", antwortete der Weißhaarige und warf den toten Stricher über seine Schulter.
„Genau, diesen Abschaum wird sowieso keiner vermissen.", lachte der Schwarzhaarige kalt und sah hinter seinen Geliebten her, der die Wohnung mit dem menschlichen Packet verließ.
„So, und wir beide sollten reden.", keifte Harry und zog Draco am Arm, der Kirion loslassen musste.
„Verdammt, Potter, lass mich erstmal um den Kleinen hier kümmern. Er braucht mich.", fauchte der Blonde zurück und versuchte sich von der brutalen Hand des Ex-Gryffindors zu befreien. Doch dieser zerrte ihn einfach aus dem Zimmer und schlug die Tür zu.
„Der kommt auch gut ohne dich aus.", knurrte Harry genervt und schupste den Vampir auf einen schwarzen Sessel. Dann zog er sich den langen Mantel aus und krempelte die Ärmel seines Pullovers hoch. Schmunzelnd beugte sich der Schwarzhaarige über Draco, der seine Knie anzog und sich so weit wie möglich in dem Sessel drückte, und stützte seine Hände auf den Lehnen ab.
„Ist der durchgeknallte Vampir so wichtig für dich?"
„Wieso fragst du so blöd?", zischte Draco wütend und krallte seine Finger in seine Knie.
„Nun, ich denke darüber nach, was du alles für den Kleinen tun würdest, um ihn zu beschützen.", lächelte Harry verschlagen und hob die eine Hand, die sich in die samtigen, blonden Haare vergrub. „Was würdest du opfern?", flüsterte der Ex-Gryffindor leise und senkte seine Lippen auf Draco seine. Dieser schloss stöhnend die Augen und konzentrierte sich auf diesen weichen Mund, der sich verächtlich verzogen hatte. Doch der Kuss wehrte nicht lange, da der Schwarzhaarige fest in seine Unterlippe biss. Der Ex-Slytherin schrie vor Schmerz auf und drehte den Kopf weg.
„Du bist so leicht zu durchschauen, Draco. Hast du dich etwa in bin verliebt?"
Der blonde Vampir errötete sofort und kniff die Augen zusammen.
„Bingo. Draco, Draco, du bist wirklich das Letzte.", meinte Harry und bemerkte mit Genugtuung, wie der Vampir zusammenzuckte.
„Wieso bist du so geworden?", hauchte Draco gedemütigt und ruckte mit dem Kopf zu Harry, der sich nun gerade hinstellte und ihn mit zusammengepressten Lippen musterte. „Und was ist mit diesem Weißhaarigen? Ist er dein Freund? Partner? Oder etwa Geliebter?"
„Und wenn es so wäre, es ginge dich nichts an! Du bist nur der letzte Dreck, der von der Natur gar nicht vorgesehen war. Du bist ein Nichts."
„Und wieso küsst du mich dann? Wieso habe ich manchmal das Gefühl, dass du etwas für mich empfindest?"
Nun lachte der Ex-Gryffindor schallend und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
„Merlin, du musst ja von deinem Sexappeal sehr überzeugt sein. Nur so toll sind sie nicht Mr. Malfoy. Ich fühle für dich gar nichts. Nichts! Du bist mir egal. Ich will nur den ‚Ältesten, sonst nichts. Nur ihn! Du bist für mich nur ein Spielzeug, das man quälen kann. Ich labe mich
an deinem Schmerz, ich genieße es dich mit Füßen zu treten, wie einen räudigen Köter, der mir an das Bein pissen will. Und wer Envin ist, geht dich schon gar nichts an. Er ist mein Geliebter, mein Bettgenosse. Ach, das muss dir doch wehtun, oder? Du würdest doch so gerne seinen Platz einnehmen. Tja, Pech, mein kleines Monstrum."
„Ich hasse dich.", spie Draco dem Schwarzhaarigen entgegen. „Ich hasse dich." Tränen liefen seine Wangen hinab und tränkten seine Hose. Harry lächelte milde und leckte dem Blonden über die nasse Wange.
„Dieser Anblick ist Gold für mich. Weine, mein kleiner Vampir, weine. Zeig mir deine Verzweiflung, deine Todessehnsucht."
Jemand räusperte sich und betrat mit festem Schritt den Raum.
„Störe ich?"
„Ganz im Gegenteil, Envin.", sagte Harry zu dem Weißblonden und zog sich wieder den Mantel über. „Ich werde Jagen gehen. Pass du so lange auf diesen netten Gast hier auf. Keine Bange, er wird nicht wegrennen. Schließlich habe ich das Leben seiner Eltern in der Hand."
Draco funkelte den Ex-Gryffindor wütend an, der nur schief grinste und aus der Wohnung verschwand.
Nun war Envin mit dem Vampir alleine. Sie betrachteten sich, grau traf grau. Sie schwiegen sich an und erkannten dabei vielerlei Ähnlichkeiten, die sie verband. Dann seufzte der Weißhaarige erschöpft auf und ging einfach in die Küche. Zurück kam er mit zwei Gläsern Wasser, wobei er eines dem Blonden in die Hand drückte.
„Ihr Vampire könnt doch Wasser trinken, oder?"
„Ja.", antwortete Draco schlicht und nahm einen Schluck von dem kalten Getränk. Wieder herrschte Stillschweigen zwischen ihnen, während sie dem Ticken der Wohnzimmeruhr über der Tür lauschten.
„Du liebst ihn, nicht wahr?"
Der Ex-Slytherin zuckte zusammen und nickte widerwillig. „Ist das so offensichtlich?"
„Ja, man kann es in deinen Augen ablesen. Du bist viel zu emotional, selbst für einen Vampir und ich habe schon einige kennen gelernt."
Fragend sah Draco Envin ein, der nickte und fortfuhr. „Ich experimentiere mit ihnen, seziere sie, um neue Erfindungen für Harry zu entwickeln."
„Oh!", stieß der Blonde nur aus und schüttelte sich. Er wollte gar nichts daran denken, auf seinem Operationstisch zu liegen.
„Keine Bange, da wirst du nicht liegen… obwohl ich deinen kleinen Begleiter sehr interessant finde. Ein ungewöhnlicher Vampir. Er könnte alleine gar nicht überleben.", stellte Envin fest und knabberte auf seiner Unterlippe herum.
„Deshalb kümmere ich mich um ihn. Er ist so etwas wie der kleine Bruder, den ich nie hatte. Ich liebe ihn, keinen Zweifel. Er braucht mich und ich kann ihn nicht fallen lassen."
„Nun, er scheint psychisch gestört zu sein. Kein Vampir lechzt danach einen Menschen auseinander zu nehmen. Sie ekeln sich vor menschlichen Organen. Doch er… er ist unheimlich."
„Ich weiß.", murmelte Draco, der den anderen einfach nur sympathisch fand. Er verstand nicht warum, doch hatte der Weißhaarige etwas an sich, das ihn beruhigte. Irgendwie hatte der Ex-Slytherin das Gefühl in dessen Nähe sicher zu sein. „Er wäre schon längst verdurstet oder von anderen Vampiren getötet worden. Er war einfach zu jung für die Umwandlung gewesen."
„Selbst du warst fast zu unreif dafür gewesen, oder?"
„Ja, aber mein Schöpfer wollte mich. Er liebte meine Schönheit. Er sagte es mir in jeder Nacht, die wir zusammen lagen. Seine Hand streichelte mich immer hinter dem Ohr und seine Stimme lullte mich ein, so dass ich unwillig war, mich gegen irgendetwas zu wehren.", erzählte Draco monoton und registrierte im ersten Moment gar nicht, was er hier verriet.
„Er hat dich vergewaltigt?", fragte Envin entsetzt und schüttelte angewidert den Kopf.
„Ja. Ich gehörte ihm… so wie ich jetzt Harry gehöre."
„Denkst du das wirklich?"
„Ja, er sagt es nicht direkt, aber das Gefühl ist das Gleiche."
Harry hatte genug gehört. Ohne einen Laut zu verursachen verließ er seine Wohnung und sprang sofort auf das nächstbeste Dach. Er huschte wie ein Gespenst durch die Nacht, während der abnehmende Mond melancholisch auf ihn herab schien. Immer schneller trugen seine Schritte ihn, bis er durch einen losen Dachziegel ins Stolpern geriet. Er fiel mit voller Wucht auf den Untergrund und stieß sich das Kinn blutig. Knurrend blieb er liegen und schloss seine Smaragde. Er musste nachdenken. Über so vieles, was ihn durcheinander brachte. Sein Zwiespalt war groß. Zu groß. Er wusste nicht mehr weiter. Graue Augen spukten in seinem Kopf herum und Harry war sich sicher, dass diese Sturmböen nicht Envin gehörten.
Mit aller Kraft schlug er die Faust auf die Ziegel, wodurch der Schorf der alten Wunden wieder aufbrach. Er spürte das warme Blut und hob die Hand vor seine Augen. Mit schief gelegtem Kopf beobachtete er, wie der Lebenssaft die Finger entlang rann und auf den Boden tropfte. Ja, das war das Problem: Blut… Vampire.
Er stöhnte kehlig auf und drückte sich in die Höhe, so dass er nun auf den Beinen hockte. Leicht zitternd pullte er in seinen offenen Knöcheln herum, wodurch das Blut noch stärker floss.
Und plötzlich musste er einfach lachen. Laut lachen. Sein schallendes Gelächter durchbrach die Stille der Dunkelheit. Der Wind nahm zu, die Blätter begannen zu rauschen und aus weiter ferne dröhnte der Donner heran und schickte seine Blitze auf die Erde. Doch Harry lachte, lachte solange, bis sein Bauch wehtat, lachte weiter, bis es anfing zu regnen. Da erst hörte der Ex-Gryffindor auf zu kichern und reckte seinen Kopf in die Höhe.
Sanft fielen die Tropfen in sein Gesicht, sammelten sich in seiner Kleidung, durchnässten ihn bis auf die Haut. Der Schwarzhaarige streckte die Arme aus und genoss das warme Wasser auf seinem Körper, der ebenfalls die blutigen Spuren wegwischte. Er grinste und stand dann langsam auf. Heute konnte er nicht mehr jagen gehen. Dazu war er viel zu euphorisch, aufgekratzt. Lieber diesen kleinen, blonden Vampir ärgern und vielleicht, ja vielleicht seine Lippen spüren.
Harry zischte. Da lag das Problem: der kleine, blonde Vampir, Draco Malfoy. Er hasste ihn und er-
Nein, er wollte nicht weiter denken. Niemals! Er war ein widerliches Monstrum, das den Tod verdient hatte. Nichts anderes.
Nun mit etwas schlechterer Laune sprang er zurück zu seiner und Envins Wohnung. Er nahm diesmal nicht den durch die Tür, sondern hüpfte auf den Balkon und klopfte leise gegen die Glastür. Sofort sah er durch das Fenster jemanden zu Tür kommen, die nun geöffnet wurde.
„Meine Güte, Harry. Du bist klatschnass!", begrüßte Envin seinen Freund und zog diesen einfach in die Wohnung.
Sogleich
huschte der Blick des Ex-Gryffindors zu dem Vampir, der immer noch so
saß, wie er ihn verlassen hatte. Die grauen Augen waren
ausdruckslos, blickten ihn leer an, so als ob der Blonde ihn nicht
erkennen würde.
Harry schauderte und wandte sich dann wieder
an den Weißhaarigen.
„Was ist mit ihm?", flüsterte der Schwarzhaarige und befreite sich aus seinem feuchten Mantel.
Envin zuckte die Schultern und schloss die Glastür.
„So genau weiß ich es auch nicht. Harry, ich muss zurück ins Labor. John braucht meine Hilfe."
„Ok, aber bleib nicht zu lange weg."
„Leider doch. Werde wohl erst nächsten Abend nach Hause kommen.", sagte der Weißhaarige und kramte sein Zeug zusammen, das alles in einer dunkelblauen Seitentasche verschwand. „Harry sei nicht zu gemein zu ihm."
„Wieso? Er ist ein Vampir! Normalerweise sollte ich ihn zu Staub verarbeiten."
„Aber ob du das kannst!", lächelte Envin matt und starrte Harry analysierend an. Dann nickte er und seufzte.
„Wie meinst du das?"
„Harry, wir reden morgen Abend. Es muss einiges geklärt werden.", würgte der Weißhaarige seinen Freund ab und schnappte sich seine Jacke und einen Regenschirm. Er drückte Harry einen schnellen Kuss auf und rannte aus dem Haus.
Der Ex-Gryffindor sah nur verwirrt hinterher und drehte sich dann zu Draco um, der immer noch in selber Position verhaarte. Doch seine Augen waren geschlossen und seine Mundwinkel schmerzverzerrt. Langsam ging Harry auf den Blonden zu und kniete sich vor den Sessel. Er musterte den Vampir etliche Minuten, der nur stumm dasaß, wie zur Salzsäule erstarrt. Der Schwarzhaarige musste schmunzeln bei dem Anblick des Ex-Slytherin. Nur schwer konnte er dem Drang niederringen, den Vampir zu packen und zu küssen. Stattdessen legte er Draco eine Hand auf das Knie, wodurch dieser erschrocken die Sturmböen aufriss und Harrys Hand weg schlug.
„Ich
habe dir gesagt, dass du mich nicht anfassen sollst.", fauchte der
Blonde aufgebracht und stockte aber, als er in die grünen Augen
des Schwarzhaarigen blickte. Darin lag kein Hass, keine Verachtung.
Nur so etwas wie, ja, wie Ruhe und Geborgenheit.
Draco bebte.
Dieser Blick verursachte auf seiner Haut eine Gänsehaut und er
musste sich über die Lippe lecken. Harry beobachtete diese
Geste, wie die Zunge den Mund befeuchtete und wieder in der Höhle
verschwand. Der Vampirjäger musste ein Knurren unterdrücken.
Draco raubte ihm noch den letzten Nerv. Am liebsten würde er
über den Vampir herfallen, doch sein Stolz als Jäger der
Nacht verbot ihn so etwas Widerwärtiges. Der Blonde war ein
Bluttrinker, ein Mörder an der Menschheit, wie Kain, der seinen
Bruder umbringt, so bringen Vampire ihre lebenden Brüder um. Sie
mussten sterben.
Die Augen des Schwarzhaarigen wurden kühler und strahlten nun Gefahr aus. Draco drängte seine Knie noch näher an den Körper und schluchzte leise. Er hatte die Veränderung bemerkt, die in dem Ex-Gryffindor vorging. Furcht machte sich in ihm breit und ein leichter Anflug von Panik überfiel ihn.
„Verschwinde!", hauchte der Blonde ängstlich und sah Harry bittend an. „Ich will nicht, dass du mir so nahe bist."
„Und wieso nicht? Du wirst nervös, mein Lieber. Jetzt sind wieder alleine, weißt du, was das bedeutet?", fragte Harry grinsend und griff nach Dracos Handgelenk. Er umklammerte es hart und riss den Vampir vom Sessel, der nun polternd auf den Boden fiel. Er wimmerte und kroch vor den Schwarzhaarigen davon, doch dieser kriegte ihn an seinen Haaren zu fassen und zog ihn daran auf die Knie.
„Du bist erbärmlich, Draco. So erbärmlich. Du willst es doch, du willst, dass ich dich anfasse, berühre.", sprach Harry ungeduldig und krallte sich fester in die blonden Strähnchen.
„Nein, nein. Das will ich nicht.", weinte der Ex-Slytherin gedemütigt und schlang seine Arme ums einen eigenen schmächtigen Körper.
„Was willst du dann, elendiges Monster. Sag mir was du willst. Vielleicht erfülle ich es dir.", grinste der Schwarzhaarige und griff sich Dracos Kinn, damit ihm dieser genau in die Augen gucken konnte.
„Ich will…"
„Sag es!"
„Berühre mich, zärtlich, freundlich. Egal, ob du für mich Liebe oder Hass empfindest. Bitte, behandele mich einmal wie einen Menschen, liebe mich wie einen Menschen. Vergiss, dass ich ein Vampir bin. Nur ein Mal! Harry, schlaf mit mir!", bettelte der Ex-Slytherin gebrochen und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Harry ließ die Haare des Blonden los und fiel auf die Knie. Sie waren nun auf fast gleicher Höhe und sahen sich einige Minuten in die Augen, grüne Smaragde gruben sich in graue Sturmböen. Kein Gefühl lag in ihnen, als der Schwarzhaarige langsam seine Hand hob und hauchzart Draco über die Wange strich, der sich an diese lehnte und Harry warm anblickte. Der Ex-Gryffindor beugte sich vor und leckte mit der Zunge über die Unterlippe des Blonden. Dieser schlang seine Arme um Harrys Nacken und zog ihn an sich. Dadurch trafen ihre Lippen aufeinander und ein Kuss entstand. Ihre Zungen spielten miteinander, reizten sich und führten einen Kampf um die Vorherrschaft. Keiner wollte gewinnen und so mussten sie sich unentschieden trennen.
Kurz betrachteten sie sich, bis Harry den Ex-Slytherin zu Boden drückte. Er krabbelte auf ihn und setzte sich auf die Hüfte des Vampirs. Dieser hob seine Hand und streichelte dem Schwarzhaarigen durch die Mähne, die immer noch nass vom Regen war. Kleine Tropfen lösten sich aus den Haaren und fielen Draco ins Gesicht, die Harry einfach wegleckte. Er küsste sich das Kinn hinab und hauchte kleine Liebkosungen auf die Kehle des Blonden, der erregt stöhnte und seinen Unterleib gegen Harrys drückte.
Dieser sah ihn wieder in die grauen Augen und lächelte leicht.
„Du bist wunderschön.", hauchte der Ex-Gryffindor plötzlich und leckte Draco hinter dem Ohr, der nun keuchte und schmerzerfüllt lächelte.
Er wusste, dieser Moment würde der letzte sein, an dem er den alten Harry Potter in seiner Nähe haben würde. Denn der Goldjunge existierte nicht mehr und das versetzte dem Blonden einen Stich im Herzen. Er musste also diese Situation ausnutzen. Er wollte den Schwarzhaarigen, jeder Faser seines Körpers verzerrte sich nach ihm. Harry war wie eine Droge und jetzt brauchte er die höchst mögliche Dosis.
„Schlaf mit mir, Harry. Dieses einzige Mal und dann kannst du mit mir anstellen, was du willst. Ich gehöre dir, bis zu meinem Tode!" Es war kein Versprechen seitens Draco. Nein, es war ein Schwur, ein Schwur, den er mit seinem Blut noch besiegeln würde. Ein Zeichen seiner bedingungslosen Liebe, einer Liebe, die keine Zukunft haben würde. Wie könnte ein Vampirjäger mit einem Bluttrinker zusammen sein? Ein Ding der Unmöglichkeit und der Blonde wusste es ganz genau.
Weitere Tränen brachen hervor, die Harry einfach hinfort küsste. Und dafür war Draco ihm dankbar. Er schaltete seine Gedanken ab und konzentrierte sich auf die rauen Hände und diesen weichen Mund, die ihn verwöhnten und ihm einen gewissen Frieden bescherten.
