7. Begegnungen

Keine einzige Bewegung war von dem Schatten zu vernehmen, der stillschweigend, in aufrechter Haltung, dastand und den Kopf Richtung Mond gereckt hatte. Das Licht beleuchtete den jungen Mann nur spärlich. Kein Wind fegte über den Dächern, während dicke Regenwolken über den Himmel schwebten und ein Unwetter ankündigten. In der Ferne hörte man schon den Donner und kleine Blitze erhellten die Umgebung mit ihrem unheimlichen Licht.

Dann endlich eine kleine Regung der Person. Ihr Kopf drehte sich gen Boden, grüne Augen musterten den kleinen Hinterhof unter sich, der, der bisher ruhig und friedlich dalag. Seine Ohren lauschten angestrengt, sein sechster Sinn tastete die Umgebung nach Ungewöhnlichem ab und er fand es sogar. Einen Bluttrinker. Ihm haftete der Geruch des Todes an, der Gestank nach Grab und Friedhof und die Gestalt musste angeekelt die Nase rümpfen.

Und als ob die Luft darauf gewartet hätte, dass der Schatten aus seiner Erstarrung erwachte, fegte der Wind nun pfeifend durch die verlassenen Straßen der schlafenden Stadt. Die schwarzen Haare der Gestalt wirbelten durcheinander und gaben den Blick frei auf eine blitzförmige Narbe, die den jungen Mann keineswegs verunstaltete, sondern ihm eher etwas Geheimnisvolles verlieh.

Harry Potter schnaubte verächtlich und suchte die Straße und den Hinterhof mit seinen Augen ab, um den Vampir zu finden, den seine Intuition schon längst ausfindig gemacht hatte. Er beugte leicht seine Knie und sprang auf das Dach gegenüber, das ein Stückchen tiefer lag, als das, wo er noch bis eben gerade gestanden hatte. Wieder suchte er den Asphalt ab, fand sein Opfer jedoch nicht. Plötzlich spürte er eine huschende Bewegung hinter sich und bückte sich schnell, wobei das Ding über ihn hinweg flog, über den Abgrund und sich dann an der anderen Mauer abstieß und nun vor ihm landete.

„Gar nicht so schlecht.", grummelte Harry Potter angepisst und griff in seinen Mantel, um seine Waffe zu ziehen. Doch der Bluttrinker war gar nicht so dumm, wie er aussah, denn er sprintete schon wieder auf den Schwarzhaarigen zu, der sich zur Seite werfen musste, aber an der Wange einen fetten Kratzer abbekam. Er knurrte wütend und rollte sich über die Schulter ab. Er kniete nun und starrte das Monstrum vor sich an, dessen marmorne Haut wie Alabaster im Mondlicht schimmerte.

„Ein Älterer.", fluchte der Vampirjäger zornig und stand ganz langsam auf. Jetzt hätte er die Hilfe von Crow gebraucht. Solche Bluttrinker vernichteten sie normalerweise gemeinsam, doch gerade heute wollte er alleine jagen und gerade da musste er mit den stärkeren Gestalten der Rasse zusammenstoßen.

Was für ein beschissener Tag!

„Oh, ein Vampirjäger.", gackerte der Mann, der um die Mitte dreißig aussah. Seine polangen, blonden Haare wehten im Wind und die grünen Augen blitzen Harry gefährlich entgegen.

„Und dazu ganz allein. Du traust dich etwas.", lachte der Vampir kalt und formte seine Finger krallenartig.

„Ich komme alleine mit dir klar.", zischte der Ex-Gryffindor ungeduldig und ging in Angriffsposition. Er wollte schon wieder nach seiner Waffe greifen, als der Bluttrinker vor ihm verschwand und plötzlich hinter ihm auftauchte. Dieser packte nach seiner Hand und drehte sie auf Harrys Rücken.

Schmerz durchfuhr den Schwarzhaarigen und er wollte nun die zweite Hand zur Hilfe nehmen, als er plötzlich herumgewirbelt wurde. Seine Arme wurden hinter ihm festgehalten. Er sah in zwei glitzernde, grüne Augen, in denen es gierig und fanatisch blitzte. Ein Kloß entstand in seinem Hals, den er herunterschlucken wollte, leider vergebens. Er versuchte sich aus dem Griff des Vampirs zu befreien, doch der Blonde war einfach zu stark.

„Ich rieche Angst.", fauchte der Bluttrinker erregend und leckte sich über die blassen Lippen, doch er ließ Harry plötzlich los und lachte gellend.

„Ich will mit dir spielen.", freute sich der Vampir und begann den Schwarzhaarigen zu umrunden, der sich den Arm rieb und dann mit einer übermenschlichen Schnelligkeit seine Waffen zog. In jeder Hand eine, drehte er sich um die eigene Achse und schoss auf den Bluttrinker. Doch dieser wich mit Leichtigkeit aus und stand nun neben dem Vampirjäger, der erschrocken die Augen aufriss und vor Wut kochte.

„Also, so wird das nichts, mein Lieber. Streng dich an!", grinste der Bluttrinker höhnisch und ging auf den Rand des Daches zu.

„Das du mir ja nicht da runter fällst. Ich brauche dein Blut noch.", witzelte der blonde Mann amüsiert und winkte Harry zu.

„Worauf wartest du? Töte mich!"

Der Ex-Gryffindor fühlte sich verarscht. Er knurrte kehlig und stürmte einfach auf den Vampir los. Er schrie laut und hob wieder seine Knarren und feuerte. Aber wieder traf keine einzige Kugel den Bluttrinker. Sie glitten an seinem schnell bewegenden Körper vorbei und schlugen scheppernd in den Ziegeln ein, die unter diesem Ansturm zersprangen.

„Verdammt.", knurrte Harry nervös und leckte sich einmal über die spröden Lippen, bevor er wieder auf den Vampir zielte. Allerdings ohne Ergebnis, denn seine Magazine waren leer. Der Schwarzhaarige fluchte lauthals und schmiss seine Waffen den Abgrund hinunter. Er ballte seine Fäuste und sprang auf den blonden Mann zu. Seine Hand holte zum Schlag aus, doch der Bluttrinker fing diese mit seiner eigenen auf. Immer fester drückte er zu und zwang so den Ex-Gryffindor auf die Knie, der seinen Mund schmerzerfüllt verzog und die Augen zusammenkniff. Tränen stiegen ihm in seine Smaragde, während der Druck auf seine Knochen immer größer wurde. Er hörte sie bereits Knacken und schrie auf, als der erste Finger brach.

Der Vampir schmunzelte siegesgewiss und beugte sich zu Harry herunter. Er knabberte leicht am Hals, bevor er brutal die Haut durchstieß. Sofort pulsierte ihm das Blut entgegen und er schluckte es genüsslich.

Dem Schwarzhaarigen verließen die Kräfte. Er sackte nach vorne in die Arme des älteren Bluttrinkers. Seine Anspannung löste sich und er kuschelte sich fast an den blonden Mann, der nun seine geschundene Hand losließ und ihn sanft umarmte. Kurz hörte er mit dem Trinken auf und küsste dem Vampirjäger auf die bebenden Lippen.

„Du wirst friedvoll und in Geborgenheit sterben.", hauchte der Vampir und schlürfte dann einfach weiter. Harry seufzte nur und krallte seine Hand in die langen Strähnen des Mannes. Er sah schon das weiße Licht auf sich zuschweben, als er plötzlich losgelassen wurde und zu Boden fiel.

Er spürte eine starke Präsenz, eine Macht unglaublicher Größe, die auf ihn zukam. Er schmeckte regelrecht die Angst des blonden Vampirs auf seiner Zunge und roch den Schweiß des Bluttrinkers.

„Er gehört mir!", fauchte der grünäugige Mann panisch und wich vor dem jungen Mann zurück, der immer näher kam. Seine nackten Füße klatschten dumpf auf dem Dach und doch schien man diese Töne nur wie aus der Ferne zu hören.

Harry stöhnte gequält auf und öffnete seine Smaragde zitternd, um diesen Neuankömmling zu betrachten. Er sah schwarze, etwas längere Haare im Winde wehen, er erkannte wunderschöne silbrige Augen, die ihn regelrecht anstarrten, seine Seele erkundeten und letztendlich zu einem Ergebnis kamen.

„Verschwinde, niederes Kind der Nacht. Dies ist mein Territorium, meine Stadt! Ich verlange, dass du sie sofort verlässt, sonst muss ich dich töten." Die Stimme dieses jungen Mannes klang wie Musik in den Ohren des Vampirjägers. Man erkannte viele Schattierungen in ihr, viele Gefühle, aber auch die eisige Kälte, die schneidend durch die Dunkelheit der Nacht fegte. Allerdings konnte Harry einen Akzent heraushören, der für ihn sehr fremd und doch exotisch klang. Er wollte mehr von dieser wunderschönen Stimme vernehmen, wollte in ihr eintauchen und sie nie wieder missen.

Er muss ziemlich in Gedanken gewesen sein, denn er spürte den blonden Vampir nicht mehr. Nur noch dieses engelsgleiche Geschöpf, das genau vor ihm stand. Sein Blick fiel auf die nackten Füße vor sich, die in einem fast reinen Weiß schimmerten. Kein Dreck verunstaltete sie, er schien gar nicht daran haften zu bleiben.

„Hat er dir viel Blut genommen, mein Kleiner?", ertönte wieder diese übermenschliche Stimme, die den Ex-Gryffindor aufkeuchen ließ. Er schloss wieder die Augen und schluckte den Speichel hinunter, der sich in seinem Mund sammelte.
Dann versuchte er aufzustehen, doch ohne jeglichen Erfolg. Seine Wange schmerzte, seine Finger fühlten sich taub an, wovon mindestens zwei gebrochen waren. Er hatte einfach keine Kraft mehr.

„Mein armer, schwarzer Engel.", flüsterte der Fremde verführerisch und nahm den Schwarzhaarigen auf die Arme. Sofort klammerte sich Harry an den jungen Mann, der nun über die Dächer hüpfte, elegant, katzengleich, kaum den Boden berührend. Der Ex-Gryffindor spürte den seidigen Stoff unter den Fingern und er öffnete die grünen Smaragde einen Spalt breit und erkannte, dass dieser rot war. Er lächelte leicht und schmiegte sich an den Fremden, der ihn noch weiter an sich drückte.

Das Nächste, voran sich Harry noch erinnern konnte, war, dass etwas seine Lippen berührte und seine Kehle hinunter rann. Etwas Dickflüssiges, das metallisch schmeckte und das ihn zum Erschaudern brachte. Doch er trank einfach, da die Stimme, die er vernahm, ihn einlullte.

„Komm, mein kleiner, schwarzer Engel. Trink, damit du stark wirst.", sprach der Fremde wie in einem Singsang und streichelte dem Ex-Gryffindor zärtlich über den Kopf. Harry gehorchte und fühlte seidige Haut an seinen Lippen, die ihm die Mundwinkel abwischte und dann seine Wange streifte, die verwundet war.

„Schlaf, mein Kleiner. Schlaf.", hörte der Schwarzhaarige noch, bevor er wegdämmerte.

Es mussten Stunden vergangen sein, als er aus dem Schlaf erwachte und die Smaragde öffnete. Gedämpftes Licht stach in seine Augen und brachte ihn zum Stöhnen. Er hielt die Hand vor die Augen, um sich langsam an die Helligkeit zu gewöhnen, als ihm plötzlich auffiel, dass seine Finger sich bewegen ließen. Er starrte fassungslos seine unversehrte Hand an und schüttelte den Kopf. Dann grabschte er nach seiner Wange, die ebenfalls verheilt war.

Verwirrt blickte er um sich und musterte seine Umgebung. Er lag auf dem Boden auf vielerlei samtigen Kissen, die in verschiedenen Rot- und Brauntönen hier verstreut herum lagen. Seine Finger wanderten über eines der Kissen und es fühlte sich kuschelweich und einladend an. Er seufzte und suchte weiter den Raum ab.

Auf einem Tisch, in der Nähe, stand eine Karaffe mit Wasser und einen Becher daneben. Zwei kleine Stühle rundeten das Bild ab. Seine Augen nahmen dann die riesigen Panoramafenster wahr, die zwei Wände einnahmen. Nun hüpfte der Ex-Gryffindor auf seine Beine und schwankte etwas, bevor er wankend auf die Fenster zuging. Er drückte sich an die Scheibe und erkannte, staunend, unter sich die Stadt. Er sah die Lichter als klitzekleine Ameisen und die Autos als noch kleinere Stecknadelköpfe. Fassungslos betrachtete er sich das Bild, was sich ihm eröffnete und bemerkte dabei nicht, wie von hinten jemand auf ihm zu trat. Erst als dieser seine Arme um ihn legte und den Kopf an seine Schulter schmiegte, schrak er aus seiner Betrachtung.

Er sah die Person in der Fensterscheibe spiegeln, die ihn daraus anlächelte und mit einer seiner Haarsträhnen spielte. Die schwarzen Haare des Fremden kitzelten ihn an der Wange, die silbrig-grauen Augen musterten in aus dem Glas eingehend und angenehm, so dass Harry leicht zittern musste.

„Wer bist du?", flüsterte der Ex-Gryffindor leise, kaum hörbar und doch verstand ihn dieser junge Mann, der nicht älter sein konnte, als einundzwanzig. Der schwarzhaarige Fremde kicherte freudig und hauchte dem Vampirjäger einen Kuss in den Nacken.

„Es ist nicht wichtig, wer ich bin. Es reicht allein, dass du weißt, was ich bin.", lächelte diese wunderschön klingende Stimme an seinem Ohr.

„Ein Vampir.", stöhnte er nach Fassung ringend und zitterte noch stärker. „Genau, Harry Potter. Wie kann es sein, dass der Goldjunge von Gryffindor und Dumbledores Liebling, sich so verändern konnte? Ich bin neugierig, obwohl ich es teilweise schon weiß.", sprach der grauäugige Vampir und löste sich dann von dem Ex-Gryffindor, der ihn stirnrunzelnd anschaute.

„Woher weißt du, wer ich bin?"

„Ich weiß fast alles über dich, mein schwarzer Engel. Ich kenne deine Träume, ich weiß von deinen Taten. Ich weiß, was du vorletzte Nacht getan hast… Dieser blonde, wunderschöne Vampir namens Draco…"

Harry zischte.

„Ich weiß, warum du so geworden bist, wie du jetzt bist. Ich kenne dein Innerstes, deine Vergangenheit, deine Gegenwart und deine Zukunft.", redete der Vampir weiter und schlich auf die Kissen zu. Er stand nun mit dem Rücken zu Harry, der seine weißen Füße musterte, seine schlanken, nackten Beine und den zierlichen Körper, der von einem roten Kimono umhüllt wurde. Ein hübscher Junge, dachte sich der Ex-Gryffindor und neigte den Kopf.

„Danke.", schmunzelte der schwarzhaarige Bluttrinker und drehte leicht den Kopf zur Seite. Sein linker Arm strich über den Rechten, während seine Augen sich leicht zu Schlitzen verkleinerten.

„Was? Wieso danke?", fragte Harry verwirrt, der nervös seine Finger verknotete. Dieser Vampir war unheimlich, so anders, als alles was er bisher kennen gelernt hatte. Er wusste, dieser Vampir war ihm in allen Fähigkeiten überlegen und der Vampirjäger fühlte sich auf unbestimmte Weise hilflos.

„Mein lieber Harry. Ich kann Gedanken lesen. Jeden einzelnen von dir."

Harry knurrte unwirsch und stampfte dann dem schwarzhaarigen Vampir hinterher, der nun wieder auf ihn zuging. Sie standen nun nur wenige Millimeter entfernt gegenüber und der Ex-Gryffindor bemerkte, dass er um mehrere Zentimeter größer war, als der Vampir. Er war auch kräftiger gebaut, als die Gestalt vor ihm und wenn er recht bedachte, hatte sogar Draco mehr auf den Rippen.

Draco.

Er stöhnte gequält auf und versuchte den Anblick des Malfoys aus seinem Kopf zu vertreiben, doch das war nicht so einfach. Kleine Tränen lösten sich aus seinen Augen, die plötzlich von kalten, weißen Fingern weggewischt wurden. Seine Smaragde bohrten sich in die silbrigen Seen des Vampirs, der immer noch seine Hand an seiner Wange hatte.

„Mein schwarzer Engel. Du wirst zu deinem wahren Charakter finden. Ich werde dir helfen. Ich werde dich leiten.", hauchte der schwarzhaarige Vampir verführerisch und fasste den Ex-Gryffindor an der Hüfte.

„Verdammt, ich sollte dich töten, du bist ein elendiger Bluttrinker.", stotterte Harry, dessen Gedanken in seinem Kopf umherwirbelten. Er war verwirrt, wusste nicht mehr, was richtig und was falsch war.

„Und wieso tust es nicht?" Der Vampir schwieg eine Weile, wobei seine Augen sich weiter in die Smaragde brannten. Harry konnte nicht antworten. Er ballte nur die Händen zu und wollte den Kopf wegdrehen, doch der hübsche junge Mann hielt ihn am Kinn fest und stellte sich auf die Zehnspitzen.

„Harry, du wirst mich nicht töten können, deine Seele erwacht und diese wird nicht gegen mich rebellieren. Du wirst es noch nicht verstehen, aber sehr bald werden sich alle Geheimnisse von selbst lösen.", murmelte der schwarzhaarige Vampir liebevoll und leckte dann mit der Zunge über die Lippen des Ex-Gryffindors. Dieser konnte nur die Augen aufreißen und keuchen. Das fremde Objekt schlängelte sich in seine Höhle und die Lippen des Vampirs drückten sich auf seinen Mund. Harry senkte die Lider und konnte dem Drang nicht widerstehen, den Kuss zu erwidern. Er schlang seine Arme um die Hüften des zierlichen Vampirs und presste diesen an sich. Ein wilder Kuss wurde ausgetragen, den der Bluttrinker haushoch gewann.

Etwas zu fest biss er Harry auf die Zunge, die sofort begann zu bluten und nahm diese Tropfen genussvoll an. Aber auch er selbst fügte sich eine Wunde zu, so dass sich ihr Lebenssaft vermischte. Der Vampirjäger stöhnte verlangend auf und fiel mit dem schwarzhaarigen Vampir in seinen Armen, auf die Knie. Dann krallte er seine Hände in diese seidenweichen Haare und drängte den Vampir noch näher an sich, der seine Finger auf Wanderschaft gehen ließ.

„Wer bist du?", fragte Harry wieder, als sich ihre Münder trennten. Ein kleiner Rinnsal Blut lief seinem Mundwinkel hinab, den der Vampir begierig ableckte. Er lächelte nachsichtig und schüttelte den Kopf.

„Du wirst es zu begebender Zeit erfahren, mein schwarzer Engel. Komm, komm zu mir, hier an meinen Hals.", befahl der jung aussehende Mann zärtlich und kratzte mit seinem Fingernagel über eine Stellte des Halses. Er drückte Harry an den Schultern an seine Halsbeuge und presste seine Lippen auf die Wunde.
Der Ex-Gryffindor war wie betäubt. Er roch nur dieses unwiderstehliche Blut und fauchte auf. Seine Lippen legten sich unkontrolliert, so, als ob sie einen eigenen Willen hätten, auf das hinausfließende Blut. Er schmeckte es auf seiner Zunge, auf seinem Gaumen. Sofort reagierte sein Körper darauf. Etwas in ihm regte sich, etwas Unbekanntes, dass brüllend um Freiheit schrie, aber noch nicht die Kraft hatte, sich zu befreien. Harry lutschte an dieser kleinen offenen Stelle, zog so viel Blut daraus, wie er kriegen konnte. Doch dann wurde er in die Kissen gedrückt und musste die Wunde verlassen. Er fauchte wieder und sah den Vampir flehend an, aber dieser lächelte nur verstehend und legte seinen Finger auf die Unterlippe des schwarzhaarigen Menschen.

„Nein, du darfst noch nicht mehr. Ich will dich nicht zu einem von uns machen.", erklärte der Vampir erfreut und küsste noch mal die Lippen.

„Mein Kleiner, du musst bald gehen."

Harry wimmerte.

„Nein, ich will hier bei dir bleiben!", rief der Vampirjäger aus und kuschelte sich an die schmächtige Brust des Grauäugigen, der ihm über den Rücken streichelte.

„Das kannst du noch nicht. Du würdest langsam zu meinen Sklaven werden und das will ich nicht.", flüsterte der Vampir und liebkoste Harrys Haaransatz.

„Schlaf, mein kleiner, schwarzer Engel. Wenn du aufwachst, siehst du die Welt mit anderen Augen."

Und Harry gehorchte und entschwand ins Land der Träume.

Wieder wachte Harry nach Stunden auf und wieder war es tiefste Nacht. Sein Gefühl sagte, dass es um Mitternacht sein musste und wie zur Bestätigung, gongte die Turmuhr in weiter Ferne. Stöhnend setzte er sich auf und rieb sich den brummenden Schädel. Ganz langsam, da ihm so schon schwindlig war, stand er auf und drehte erstmal mit seinen Fingern kleine Kreise an seinen Schläfen. Dann wischte er sich über die Augen und stolperte ein paar Schritte. Doch sein Gleichgewichtssinn war auch schon mal besser gewesen und so fiel er sofort wieder auf die Knie. Er keuchte, als ob er mehrere Kilometer gerannt wäre.

Er konzentrierte sich, was bei all den wirren Gedanken nicht einfach war, da er Bilder sah, die er einfach nicht zuordnen konnte, um sich dann wieder in die Höhe zu drücken. Er schlich langsam aus dem Hinterhof, in dem er gelegen hatte. Sich an der Wand abstützend, suchte er seinen Weg nach Hause. Zwar wäre es über die Dächer schneller gegangen, doch dazu hatte er nicht mehr die Kraft. Er würde sich schon darüber wundern, wenn er heil zu seiner Wohnung kommen würde.

Aber wieso fühlte er sich so erschöpft und ausgelaugt? Er verstand es einfach nicht. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er gleich explodieren würde, seine Knie zitterten und ihm war einfach nur eisig kalt. So mussten sich die Süchtigen fühlen, wenn sie auf Drogenentzug waren, doch er nahm solche Rauschmittel doch nicht, also warum erging es ihm so übel?

Er versuchte sich daran zu erinnern, warum er in diesem schäbigen Hinterhof gelegen hatte, denn er konnte sich keinen Reim daraus machen. Vereinzelt huschten kleine Szenen in seinem Gehirn umher, ein blonder Mann mit grünen Augen, ein leichte Schmerz am Hals, einen schwarzhaarigen Engel, ein leidenschaftlicher Kuss…

Er stöhnte wieder gequält auf und schüttelte den Kopf, was seinem Schmerzen Ansporn gab, ihn noch mehr zu piesacken. Dann stolperte er weiter, immer einen schweren Schritt vor den anderen. Die Minuten und Stunden vergingen, als er um vier Uhr morgens an seiner Wohnung ankam. Er wankte die Holzstufen hoch und wischte nebenbei den Schweiß von der Stirn. Ihm war speiübel und ihm rollten in kurzen Intervallen die Hitze und die Kälte über den Rücken. Er fiel polternd auf die Knie und stützte seinen Kopf auf der Treppenstufe. Er atmete nur noch stockenderweise und unregelmäßig.

„Envin.", krächzte er und hustete trocken. Er brauchte dringend etwas zu trinken. Sein Hals war rau, seine Zunge pelzig und seine Lippen aufgeplatzt.

„Envin.", flüsterte er noch einmal heiser und brach dann auf den Treppenstufen zusammen.

Er hörte nur noch gerannte Schritte durch die Tür, die kurze Zeit später aufgerissen wurde. Jemand, nein, zwei Personen rannten die restlichen Stufen zu ihm herunter. Sie knieten sich neben ihn und rüttelten an seiner Schulter. Harry schrie vor Schmerzen auf und versuchte die Hände von seinem Körper zu entfernen. Doch sie wurden freiwillig weggenommen. Er öffnete kurz seine Smaragde und versank sofort in zwei grauen Sturmböen, die ihn ängstlich und besorgt anstarrten.

„Harry.", hauchte der Besitzer dieser Augen mit Tränen in den Seen.

„Mir geht es gut.", flüsterte der Ex-Gryffindor leicht lächelnd, bevor eine wohltuende Schwärze ihn einhüllte. Er seufzte noch einmal erleichtert, bevor er in diesen erlösenden Nichts versank.