11. Verdammt
In seinen Gedanken versunken, kämpfte er sich durch die volle Innenstadt Londons. Es war zwei Uhr nachts und trotzdem tummelten sich die Jugendlichen in Kneipen, Discotheken und Tanzbars. Sie lachten, weinten und besoffen sich mit Bier, Whiskey oder Wodka. Anscheinend war er der Einzige, der um diese Uhrzeit nüchtern durch die Stadt schlich.
Zu gerne würde er mit ihnen gehen, mit ihnen glückliche Stunden erleben, mit ihnen Witze reißen und mit ihnen von einer zur nächsten Bar torkeln. Aber er konnte nicht, durfte nicht. So gerne er auch wollte, er konnte seine Aufgabe, sein Versprechen, nicht brechen. Er würde nie wieder ein unbeschwertes Leben führen können, dazu steckte er viel zu weit in diesem Sog der Dunkelheit mit drin. Er hatte zu viel gesehen, zu viel getan, so dass sein Leben nie wieder in normalen Bannen laufen würde. Nie könnte er einen anderen Beruf ausüben, als diesen hier, als Vampirjäger.
Er konnte nicht mehr entkommen, weder seinem Schicksal, noch seinen Tod, der in irgendeiner dieser Ecken lauerte. Er wusste, er würde irgendwann durch einen Vampir sterben. Das war so sicher, wie das Amen in der Kirche. Nur wie viel Zeit blieb ihm noch? Zehn Jahre? Zehn Monate? Zehn Stunden? Vielleicht sogar nur noch zehn Minuten? Wer wusste das schon? Also er bestimmt nicht und es interessierte ihn auch nicht.
Nun die Ellenbogen benutzend, kämpfte er sich durch die Masse an Menschen, die nach Schweiß, Alkohol und Parfüm rochen. Er knurrte zornig und schupste vor sich einen Jungen zu Boden, der grummelnd seinen Hinterkopf rieb und zu ihm hoch schaute.
„Verdammt, kannst du nicht aufpassen?", murrte dieser und fuhr sich durch seine blau gefärbten Haare, in denen sich knallpinke Strähnchen befanden. Blaue Seen blickten ihm entgegen, bohrten sich in seine smaragdgrünen, die kalt und berechnend auf den Jungen hinab sahen.
„Pass doch selber auf!", zischte Harry patzig, reichte dann aber doch dem Blaugefärbten die Hand, der sie annahm und sich auf die Beine ziehen ließ. Der Ex-Gryffindor nickte dem Jungen noch einmal zu und wollte gehen, als ihn der Junge am Ärmel des schwarzen Mantels festhielt. Genervt drehte sich der Schwarzhaarige noch mal um und starrte dann genau in die blauen Augen, die mit schwarzen Make-up umrundet waren. Irgendwie waren sie schön, so unendlich…
„Hey, hast du Lust mit mir ein Bier trinken zu gehen, oder so? Ich gebe auch eins aus.", lächelte der Blaugefärbte keck und zwinkerte Harry zu. Dieser verstand die Frage zuerst gar nicht und musste dann schallend lachen.
„Bist du dir sicher, dass du das willst? Ich kann sehr unausstehlich sein.", warnte der Schwarzhaarige den Jungen, der nur mit den Schultern zuckte.
„Lass es mich selbst herausfinden.", lächelte der Blauäugige fröhlich und packte den Ex-Gryffindor an der Hand. Gemeinsam drängelten sie sich durch die Menschen, bis sie vor einer Bar ankamen. In diese schupste der Junge ihn und drückte ihn sofort an der Theke ein Bier in die Hand.
„Trink, Süßer.", hauchte der Junge ihm verführerisch ins Ohr und küsste seine Wange.
„Mein Name ist übrigens Ray."
„Harry.", antwortete der Ex-Gryffindor vor den Kopf gestoßen und nahm schnell ein Schluck von dem Bier, das bitter seine Kehle hinunter rann. Sofort trank er die Hälfte der Flasche aus und schielte zu dem Blaugefärbten, der ihn anlächelte.
„Ich mag deinen Stil!", lobte Ray und nahm dem Schwarzhaarigen die Flasche aus der Hand. Er stellte sich vor diesen und legte die Arme in dessen Nacken. Zärtlich zog der Junge Harry zu sich hinunter und küsste ihn auf die Lippen.
Der Vampirjäger war regelrecht geschockt. Doch wehren konnte er sich auch nicht. Zu weich und wohlschmeckend waren diese fremden Lippen, die seine sanft massierten und verwöhnten. Der Schwarzhaarige stöhnte kehlig auf und schlang seine Arme in den Nacken des Blaugefärbten, der seine Hände zu Harrys Hintern gleiten ließ. Erst nach Minuten trennten sich ihre Münder und der Junge leckte sich einmal genüsslich über die Unterlippe.
„Du schmeckst herrlich.", schmeichelte Ray zuckersüß und strich noch einmal über die Brust des Ex-Gryffindors, der weiter perplex in die unendlichen blauen Augen starrte.
„Sorry, Süßer, ich muss mal für kleine Jungs.", lächelte der Blaugefärbte entschuldigend und rannte auf den hinteren Teil der Bar zu. Er winkte noch einmal strahlend Harry zu, der den Kopf neigte und die Augen verdrehte.
„Komischer Junge.", murmelte der Vampirjäger perplex und tastete nach seiner nur noch halbgefüllten Bier. Er trank den Rest in einem Zug aus und knallte die Flasche gelangweilt auf die Theke. Sofort stellte ihm der Kellner ein Neues auf den Tisch. Harry zuckte mit den Schultern und nahm ein paar Schlucke, bevor er sich umdrehte und sich mit dem Rücken am Tresen abstützte.
Seine grünen Smaragde huschten durch den dunklen Raum, der verraucht und stickig war. Nur vereinzelt konnte er durch den Qualm, der leicht in seinen Augen brannte, Umrisse von Menschen erkennen, die laut kreischten und quälend lachten, so dass der Ex-Gryffindor schmerzhaft aufstöhnte und die Ohren zu hielt. In diesem Moment hasste er seine Gaben, seine Sinne, die viermal mehr ausgeprägt waren, als bei normalen Menschen.
Eine Hand krallte sich in das dunkle Holz der Theke, während die andere Hand auf der Stirn lag. Seine Augen waren geschlossen, sein Mund zu einem Strich zusammengepresst. Ihm wurde Übel, als er die Gerüche um sich herum, besonders von dem Penner neben ihm, der für sein zusammengekratztes Geld einen billigen Whiskey soff, wahrnahm. Er würgte kurz und schnappte nach Luft. Er schwankte und wäre umgefallen, wenn nicht plötzlich jemand nach seinem Arm gegriffen und ihn aufrecht gehalten hätte.
„Hey, Junge. Alles in Ordnung?", drang eine besorgte Stimme in sein umnebeltes Bewusstsein und er öffnete die Augen, allerdings wurde alles um ihn schwarz und er klammerte sich regelrecht an den Fremden, der ihn an sich drückte und durch die schwarzen Haare streichelte.
„Tief durchatmen.", flüsterte sein Helfer nachsichtig und streichelte über den Bauch des Ex-Gryffindor, der sich langsam beruhigte und dann schnaubte.
„Verdammt."
„Du solltest lernen, deine Fähigkeiten zu kontrollieren… denn sie werden mit jeder Nacht stärker.", hauchte der Fremde in sein Ohr und Harry erschrak darauf. Fassungslos wirbelte der Vampirjäger herum und konnte noch kurz in zwei grüne Smaragde sehen, die seinen so ähnlich waren. Er erkannte Liebe und Zuneigung in ihnen, doch bevor der Schwarzhaarige näher darüber nachdenken konnte, verschwand sein Helfer von einer zur nächsten Sekunde.
Nun stand er wieder alleine da mit leichtem Schwindelgefühl. Er fingerte nach der Bierflasche und kostete von der bitteren Flüssigkeit, wobei er das Getränk angeekelt auf den Tresen stellte und argwöhnisch musterte. Auch sein Geschmackssinn hatte sich verstärkt und somit war dieses Bier für ihn nun ungenießbar. Harry schüttelte sich. Er fixierte noch mal die Schatten in dieser Bar und konzentrierte sich dann willkürlich auf zwei Männer in der hintersten Ecke, die leise tuschelten und in seine Richtung zeigten.
Der Vampir lachte nur emotionslos und schielte dann zu den Toilettentüren. Sein Geist driftete ab zu diesen Augen, die mit seinen so identisch waren. Er kannte sie, er hatte sie schon einmal gesehen… nur wo? Verwirrt verdrängte er diese Gedanken und marschierte nun auf die Toilette zu, um nach Ray zu suchen.
Nicht, dass er dieses Balg vermissen würde, doch ein bisschen Spaß wäre nicht verkehrt und der Junge dafür genau richtig. Er betrat das Herrenklo und sah sich genau um. Zwei, der drei Türen, waren offen, doch die Dritte war besetzt. Er hörte Geräusche durch die Tür, die für Harry eindeutig waren. Er grinste spitzbübisch und trat die Tür ein. Sofort starrten ihn zwei entsetzt dreinblickende Augen an. Sie waren fast nackt und verhaarten in einer sehr ungünstigen Position, doch den Vampirjäger scherte das herzlich wenig und er trippelte ungeduldig mit dem rechten Fuß.
„Ich lass euch gleich hier wieder weitermachen, nur ich möchte wissen, ob ihr einen Jungen mit blauen Haaren und pinken Strähnchen gesehen habt.", sprach Harry kalt und unnahbar und spießte jeden der beiden Jungen mit seinem Blick auf.
Erst nach Sekunden räusperte sich einer der Toilettenbeleger und krächzte:
„Ja, wir.. ich habe ihn vorhin mit einem blonden Mann mit grünen Augen hinausspazieren sehen. Äh ja… ziemlich groß der Kerl… und so blass."
Der Vampirjäger nickte auf diese Worte betäubt und stürmte aus dem Klo. Er suchte und fand sofort den Hinterausgang und lief hinaus.
Wieso bemerkte er die Präsenz erst jetzt? Sicher, seine Fähigkeiten spielten momentan ein bisschen verrückt, doch das war keine Entschuldigung dafür, dass er die Auren von Bluttrinkern übersah.
Fluchend rannte er weiter und hoffte innerlich, dass dem Jungen nichts passiert war. Irgendwie könnte er sich das nicht verzeihen. Und doch fühlte er, dass jede Rettung für den fröhlichen und aufgeweckten Ray, zu spät kam.
Er sollte Recht behalten.
Als er um eine Ecke bog, sah er sofort den blonden Vampir mit den grünen Augen, der gerade die ausgesaugte Hülle des blauhaarigen Jungen fallen ließ. Harry blieb wie angewurzelt stehen und zog seine Waffe, die er lud und auf den Vampir richtete.
„Arschloch.", knurrte der Schwarzhaarige wütend und ging mit langsamen Schritten auf den Bluttrinker zu, dessen Augen voller Boshaftigkeit glitzerten.
„Ja, wen haben wir denn da? Es freut mich, dich wieder zu sehen… und heute wirst du mir gehören."
„Träum weiter, mieses Schwein.", zischte Harry und sprintete auf den Vampir los, der zur Seite sprang, so dass der Ex-Gryffindor fast Bekanntschaft mit der Wand gemacht hätte, hätte er sich nicht in der Luft gedreht und am Gemäuer abgestoßen. Er sprang auf das Dach und feuerte dabei auf den Blonden, der mit einem hämischen und amüsierten Grinsen, folgte.
Lauer Wind fegte durch seine schwarzen Haare und versperrte ihm sein Blickfeld, doch wusste intuitiv, dass er die Augen für den Kampf nicht brauchte.
Instinktiv schloss er sie und ließ seine Waffe einfach fallen. Er wischte alle lästigen Gedanken aus seinem Kopf, was allerdings nicht so recht gelang, denn er bemerkte nicht, wie der blonde Vampir nun hinter ihm stand und ihn an seine Brust zog. Erschrocken riss er die Smaragde auf und wehrte sich gegen den starken und eisernen Griff, doch umsonst.
„Lass mich los.", schnauzte der Vampirjäger und versuchte sich zu befreien, was dem Bluttrinker spaßig zu sein schien.
„Niemals, mein Kleiner. Du gehörst mir! Vielleicht hole ich dich zu mir."
„Nein!", schrie Harry noch, bevor der Vampir seine Zähne in seine Halsschlagader vergrub. Der Schwarzhaarige zitterte und eine Gänsehaut wanderte über seinen Körper.
„Nicht schon wieder. Nicht dieses Mal.", fauchte der Ex-Gryffindor ungewohnt, wodurch der blonde Vampir ihn von sich stieß und angeekelt über den Mund wischte. Seine Augen schimmerten leicht ängstlich, was Harry überhaupt nicht verstand.
„Du hast dich verändert.", zischelte der Bluttrinker und spuckte ein Schwall von Harrys Blut aus.
„Dein Blut ist nicht mehr komplett menschlich. Ich schmecke Vampir."
Mit gerunzelter Stirn hörte der Schwarzhaarige dem Bluttrinker genau zu, während seine
Finger sich auf die Wunde am Hals drückten.
„Ich verstehe nicht, was du meinst!", sagte Harry leise und schüttelte schwach den Kopf.
„Du hast zuviel Vampirblut in deinem Körper. Du bist nur noch ein Sklave, der nicht mehr selbstständig leben kann. Dein Körper verzehrt sich nach unsterblichem Blut. Du gierst danach und letztendlich wird dich dein Durst willenlos machen… Du bist nichts mehr wert. Nur noch ein langweiliges Objekt."
„Arschloch. Du hast doch keine Ahnung. Du bist von uns der Sklave. Wer braucht denn menschliches Blut zum Überleben? Tötest unschuldige Leben. Verabscheuungswürdig!", spie Harry dem Vampir entgegen und spuckte vor diesem auf den Boden.
„Ah, du meinst diesen kleinen Jungen unter uns! Wertlos, einer von vielen.", winkte der Blonde ab und knurrte unwirsch.
„Leider muss ich dich töten, du bist mir zu uninteressant geworden."
Wieder schloss Harry seine Smaragde und dachte an überhaupt nichts. Es hätte eh keinen Sinn gehabt und Ray lag tot am Boden. Sein Leben wurde einfach abrupt abgebrochen, seine Zukunft wurde genommen und das Selbe würde ihm passieren.
Doch es störte ihn in diesem Moment nicht. Im Gegenteil, ein innerer Frieden hatte sich seiner ermächtigt. Alles schien jetzt so klar und selbst sein Hass gegenüber Draco war verflogen. In diesen Sekunden liebte er den Ex-Slytherin… wieso und weshalb, entzog sich seinem Einfluss. Er fühlte sich einfach befreit und er spürte, wie sich in seiner Seele eine Barriere auflöste. Explosionsartig breitete sich ein loderndes Feuer aus, das seinen gesamten Körper erfasste, sein Herz, seinen Geist und seine Seele.
Er lächelte matt und wurde daraufhin sofort wieder ernst. Ruckartig öffnete er seine Augen und nahm den Bluttrinker in sein Blickfeld. Mechanisch hob sich seine rechte Hand und zeigte mit der Fläche auf den Blonden, der einen weiteren Schritt zurückging und sich dann panisch umdrehte, um wegzurennen. Allerdings kam er nicht weit.
Er
begann zu schreien und sich zu winden. Seine Gekreischte steigerte
sich ins Unermessliche und verursachte bei dem Vampirjäger
Kopfschmerzen, doch dieser stierte stur auf den Bluttrinker vor sich,
der auf die Knie fiel und sich wie wild schüttelte.
Einige
Flammen schossen plötzlich aus seinen Augen, aus dem Mund und
den Ohren, aber Harry stand bewegungslos an Ort und Stelle und
konzentrierte sich weiter auf den Vampir, der mit einem
ohrenbetäubenden Knall auseinander gesprengt wurde. Die
matschigen Organe spritzen durch die Luft, landeten teilweise auf der
schwarzen Kleidung des Schwarzhaarigen, der nur leicht schmunzelte
und sich das Blut aus dem Gesicht wischte. Doch sofort ergriff ihn
grausames Entsetzten, als ihm gewahr wurde, dass er für diesen
Rest Klumpen verantwortlich war. Er hatte den Vampir zum Explodieren
gebracht, nur mit der Kraft seiner Gedanken.
Kleine Tränen kullerten seine Wangen hinab und er schluchzte unkontrolliert. Nein, er konnte nicht glauben, dass der Mensch in ihm langsam verschwand, er wollte es nicht wahrhaben, dass er ein Sklave des Vampirblutes war und er wollte nicht verstehen, was er hier getan hatte. Er fiel hilflos auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen. Er fühlte sich schwach und gleichzeitig unbesiegbar, einerseits vollkommen und andererseits verabscheuungswürdig. Er weinte lauter und sein Körper bebte. Er bewegte seinen Oberkörper vor und zurück.
Doch dann spürte er sanfte und liebevolle Hände, die seinen Kopf an eine Brust drückten.
„Scht, mein Junge. Weine dich aus. Es wird endlich Zeit." Harry reagierte darauf gar nicht, sondern legte seine Arme um den Nacken des Fremden und legte seinen Kopf in der Halsbeuge ab. Der Fremde umfasste seinen Kopf und kraulte durch die schwarzen, seidigen Haare, die ihn traurig und schmerzerfüllt zum Lächeln brachten.
„Ach, Harry, mein Junge….", hauchte der junge Mann liebevoll und streichelte weiter, bis nur noch kleine Schluchzer des Vampirjägers kamen.
Zärtlich wiegte er den Ex-Gryffindor vor und zurück, der sich nur noch an ihn kuschelte und ab und zu seufzte.
Plötzlich verspürte der Fremde eine Aura, die ihm lange nicht mehr begegnet war, ganz in der Nähe, nein, in unmittelbarer Umgebung. Sein Kopf ruckte hoch zu einem Hochhaus, das nicht allzu weit entfernt war. Die Schwingungen in der Luft schienen ihm feindlich entgegen zu peitschten. Ein Vampir… und sogar der Stärkste von allen.
„Etamin.", nuschelte der Fremde schief grinsend und musterte den Bluttrinker im roten Kimono offen. Er sollte seine Gedanken lesen, die dem Oberhaupt der Vampire eine Warnung schickten.
Und der schwarzhaarige Vampir auf dem Hochhaus verstand, denn er lachte verächtlich und zeigte dabei auf Harry. Der junge Mann schüttelte den Kopf und zog den Ex-Gryffindor in eine festere Umarmung.
„Niemals. Er wird niemals dir gehören.", hauchte der junge Mann mit warnenden Unterton.
Wieder lachte der andere Vampir und schüttelte amüsiert den Kopf.
„Wir werden sehen.", drang eine Stimme im Kopf des Fremden, der nur noch sah, wie der schwarzhaarige Bluttrinker von einer zur nächsten Sekunde, verschwand.
Er stöhnte ausgedehnt und schob dann Harry ein Stück von sich, der nun die Augen öffnete und fragend in ein paar identische Seen blickte. Seine Smaragde huschten über die blasse Haut zu den braunen Haaren und wieder kam ihm in den Sinn, dass er diesen jungen Mann, der vielleicht nur zwei, drei Jahre älter war als er, kannte.
„Wer sind sie?", fragte der Vampirjäger irritiert und streifte zögerlich mit seiner Hand die Wange seines Gegenübers, der daraufhin nur schmunzelte und nickte.
„Deine Frage ist berechtigt, doch sollten wir es nachher klären. Ich bringe dich nach Hause. Du hast dich mit diesem Angriff auf den Bluttrinker, verausgabt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich dich trage.", lachte der Braunhaarige und griff mit einer Hand unter Harrys Kniekehlen, um ihn richtig zu packen. Erschrocken quietschte der Ex-Gryffindor auf, als er hochgehoben wurde und intuitiv krallte er sich in den roten Rollkragenpullover.
Mit seinem Gepäck auf dem Arm, hüpfte der Fremde über die Dächer, während Harry zu dem jungen Mann hoch blickte. Er konnte nur noch in diese grünen Augen starren, die ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermittelten. Dieser Braunhaarige hatte einfach eine schützende und beruhigende Wirkung auf ihn, obwohl sein Unterbewusstsein wusste, dass er ein Vampir war. Doch in diesem Moment war das unwichtig. Er wollte nur noch nach Hause und schlafen. Und wie auf Kommando, dämmerte er in weg in einen Traum, worin sein Vater, James Potter, eine Rolle spielte.
Der junge Mann lachte erleichtert und drückte den schlaffen Körper noch weiter an sich, während die Dächer der Häuser einfach an ihm vorbeirauschten. In wenigen Minuten erreichten sie die Wohnung des Schwarzhaarigen und gesittet betrat er das Haus durch die Haustür. Er stiefelte die Treppe hinauf und klopfte gegen die alte Holztür. Sofort hörte er von innen eilende Schritte und die Tür wurde dann aufgerissen. Im Rahmen stand ein blonder Junge, dessen graue Augen zuerst auf Harry schauten, bevor sie sich in die grünen des Fremden bohrten.
„Was- was ist mit Harry passiert?", hauchte der Grauäugige besorgt und machte Platz, damit er eintreten konnte.
„Ich werde es dir gleich erzählen, aber der Junge muss ins Bett. Er ist mir während des Weges hierher eingeschlafen."
Der Blonde nickte nur und zeigte ihm den Weg ins Schlafzimmer. Dort legte der Braunhaarige den Jungen in das Bett und deckte ihn zu, bevor er sich zu dem Blonden umdrehte und diesen musterte.
„Du bist ein Vampir."
„Ja,
wie du."
Die beiden fixierten sich, schienen den anderen
auszutesten, doch schon nach Sekunden gaben sie es auf und der Fremde
legte eine Hand auf die Schulter des Blonden, der leicht
zusammenzuckte, als er die freundschaftlichen Schwingungen des
Vampirs spürte.
„Wie heißt du, mein Freund?"
„Malfoy. Draco Malfoy."
„Es freut mich, dich kennen zulernen, Draco Malfoy. Mein Name ist Konstantin."
„Konstantin?
Der ist aber lang… Darf ich dich Kon nennen?", grinste Draco
leicht und zwinkerte schelmisch.
Konstantin stutzte, bevor er
anfing, laut zu lachen.
„Aber
nur, wenn ich dich Drac' nennen darf."
Der Ex-Slytherin
verzog das Gesicht und seufzte resignierend.
„Wenn du magst."
Beide Vampire verstanden sich auf anhieb. Auch wenn man es äußerlich nicht sah, so ähnelte sich ihr Wesen.
Plötzlich trat eine weitere Person ins Zimmer, die mit zu Schlitzen verengten Augen, die Anwesenden betrachtete.
„Wer sind sie?", fragte Envin misstrauisch und trat auf das Bett zu, um Harrys Puls zu prüfen.
„Konstantin.", war die schlichte Antwort des Braunhaarigen, der den Weißhaarigen interessiert beobachtete. Der Mann mit den grauen Augen, hatte etwas Verführerisches an sich, das Konstantin irgendwie anzog. Doch er schüttelte dieses Gefühl ab und stierte auf den Schwarzhaarigen hinab, der gleichmäßig atmete und tief und fest schlief.
„Wir sollten reden."
„Über Harry?"
„Ja, er ist in Gefahr. Und auch ich kann ihn nicht beschützen. So gerne ich es täte, meine Kräfte kommen nicht gegen diese Macht an, die Harry besitzen will. Ich bin alt… sehr alt, doch der Gegner ist noch älter und mir überlegen.", erklärte Konstantin und huschte mit seinen Smaragden zu Envin, der mit verschränkten Armen auf Harry hinab sah.
„Wieso interessieren sie sich so für einen Vampirjäger? Es sollte ihnen egal sein, was mit ihm passiert, schließlich tötet er ihre Gleichgesinnten…", sagte der Weißhaarige gefühllos und ruckte mit dem Kopf zu Konstantin, der sich plötzlich leicht unwohl in seiner Haut fühlte.
„Kommen sie… ich bin ein guter Beobachter. Die Augen… man erkennt alles an den Augen und ihre sagen mir eine Verwandtschaft zu Harry. Smaragdgrün ist sehr selten… zu selten, als das es Zufall wäre."
Der braunhaarige Vampir nickte aufgebend und bedachte den Schlafenden mit liebevollen Blicken.
„Sie haben Recht. Ich bin mit ihm verwandt. Er ist mein Fleisch. Mein Blut. Ein Halbvampir, der langsam erwacht. Und du hast Schuld, Draco. Er wird einiges durchmachen müssen. Du hast seine Gene angeregt…"
„Warte Kon, soll das heißen… du- du bist Harrys V-vater?", stotterte Draco, der auf die Knie fiel und sich die Augen rieb.
„Ja. Harry Potter ist James Potters und mein Sohn. Ein verbotenes Kind, das von anderen Vampiren gejagt wird. Solche Kinder sind unrein… und doch liebte ich das Baby… Ich wollte es beschützen und behüten… was ich nicht immer schaffte… er ist das einzige Kind mit menschlichen und vampirischen Blut."
„Ich dachte es mir schon, als ich die Konsistenz seines Blutes untersuchte. Ich konnte mir keinen Reim daraus machen."
„Nun, jetzt wissen sie es.", seufzte Konstantin und ging aus dem Schlafzimmer, Richtung Küche. Dort drehte er den Wasserhahn auf und beugte sich nach vorne, womit das Wasser über seinen Kopf lief. Nach Minuten kam er wieder hervor und ließ sich von Draco ein Handtuch geben.
„Sorry, musste sein.", lächelte Konstantin missglückt und setzte sich im Wohnzimmer auf einen Sessel, wo er die Beine an seinen Körper zog und mit seinen Armen umschlang.
„Bevor sie anfangen zu erzählen, rufe ich noch John an. Ihn wird es auch interessieren.", wandte Envin ein und ging auf das Telefon zu, während Draco auf dem Sofa Platz nahm.
Gedankenverloren starrte er die Wand an, als sich Konstantin räusperte.
„Du bist noch jung. Sehr jung."
„Ja."
„Und du liebst meinen Sohn."
„Ja, sehr."
Der braunhaarige Vampir hatte gehofft falsch zu liegen.
„Du weißt, es wird keine Zukunft geben. Er ist anders… Er wird nur von dir abhängig sein. Draco, ich lese deine Seele und deine Gedanken wie in einem Buch. Ich weiß alles… Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich verstehe dich teilweise nicht… und ich verstehe meinen Sohn teilweise nicht."
„Da gibt es nichts zu verstehen, Kon. Harry, sowie ich, sind verdammt. Kinder der Finsternis, die einen falschen Weg gewählt haben und wir werden dafür unsere gerechte Strafe erhalten."
„Nein, Drac'. Ihr steckt schon mittendrin in eurer Strafe. Und sie wird noch endlos weitergehen, denn auch Harry ist unsterblich… somit seid ihr verdammt bis in die Ewigkeit."
„Nun, dann soll es so sein."
Dracos Augen waren hart, glitzerten kalt und unnahbar, doch
gleichzeitig strahlten sie eine Überzeugung aus, die der
braunhaarige Vampir selten gesehen hatte. Doch etwas anderes machte
ihm Angst.
Der Ex-Slytherin hatte sich selbst und das Leben
aufgegeben. Man sah es genau in diesem silbrigen Grau. Ja, Konstantin
wusste, dieser Junge hatte eigentlich keinen Lebenswillen mehr. Nur
Harry erhielt ihn am Leben und auch wenn es Harry nicht eingestehen
wollte, Draco erhielt ihn am Leben.
