12. Erwachen

Stille und Dunkelheit herrschte im Wohnzimmer. Nur zwei Kerzen in einem Ständer, spendeten geheimnisvolles Licht und warfen Schatten auf die drei Gestalten, die ruhig und unbeweglich auf ihren Plätzen saßen.

Nur der Braunhaarige wiegte seinen Kopf immer wieder hin und her, während ein kleines Lächeln seinen Mund umspielte. Seine Hände waren um die angezogenen Knie gelegt, wobei sein Fuß, zu den Bewegungen des Kopfes, auf das Leder tippte.

Fasziniert beobachten zwei graue Augenpaare den Vampir genau, dessen Smaragde geschlossen waren. Draco und Envin trauten sich gar nicht, irgendetwas zu sagen, zu sehr mussten sie erstmal verdauen, dass der Vater von Harry vor ihnen saß. Für den Blonden eine Unmöglichkeit und doch war es so.

Verwirrt schüttelte er letztendlich den Kopf und stiefelte in die Küche, wo er den Wasserhahn aufdrehte und die Flüssigkeit mit seinen Händen schöpfte, um es sich ins Gesicht zu klatschen. Kühl und beruhigend fühlte sich das Wasser auf seiner Haut an und brachte eine gewisse Ordnung in seinen Gedanken. Immer wieder wiederholte er den Vorgang, bis er genug hatte. Er ließ die Flüssigkeit einfach weiterlaufen und rutschte die Schränke herunter. Er lehnte nun gegen das dunkle Holz und betrachtete sich die Wassertropfen, die sein Gesicht hinunterliefen, oder sich aus seinen nassen, blonden Strähnen lösten. Doch bald vermischten sich die Tropfen mit seinen Tränen, die unaufhaltsam seine Wangen hinunterliefen und ebenfalls seine Hose befeuchteten. Schnell wischte er sich über seine Sturmböen.

Nein, er wollte nicht schon wieder heulen. Er weinte schon viel zu oft, seit er hier bei Harry war. Es wunderte ihn sowieso, warum er immer noch Tränen vergießen konnte, schließlich müsste sein Vorrat schon längst erschöpft sein. Aber so war es nicht. Jederzeit könnte er weinen, so wie jetzt. Er verabscheute sich selber dafür, fühlte sich schwach, kränklich, verabscheuungswürdig. Und im Inneren seines Herzens wusste er, dass es stimmte. Mit ihm konnte man einfach kein Mitleid haben, da er sich selbst in diese Situation gebracht hatte. Er musste sich in den Ex-Gryffindor verlieben, er musste ihm hörig werden und er musste ihm sein Blut geben. Ja, er hatte sich und Harry das Unglück gebracht. Er hätte sich vor Tagen, als der Vampirjäger ihn aus Malfoy Manor holte, einfach töten lassen sollen. Um wie viel leichter wäre jetzt das Leben von dem Schwarzhaarigen und genauso das seiner Eltern. Sie könnten jederzeit sterben, denn er nahm Harrys Warnung sehr ernst. Ungern gab er es zu, aber er hatte vor seinem ehemaligen Mitschüler Angst, ja fast sogar Panik. Doch er liebte ihn. Er verfluchte sich selbst für diese Gefühle.

Ruckartig wurde er aus seinen brütenden Gedanken geholt, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, während die andere nach seinen Kinn griff. Draco sah nach oben und starrte sofort in ein paar türkise Augen, die ihn liebevoll und doch heimtückisch anstierten.

„Großer Bruder, vergiss ihn. Bitte, du denkst zu viel über ihn nach. Du hast noch nicht mal gemerkt, dass ich nicht mehr im Schlafzimmer lag. Nur wegen ihm. Du quälst mich, du quälst dich. Und du labst dich daran, du kannst ohne diesen dumpfen Schmerz in deinem Herzen nicht mehr leben. Habe ich Recht?", hauchte Kirion hämisch und küsste den Ex-Slytherin auf die Lippen.

„Ki-kirion, w-was erzählst du da?", stotterte der Blonde fassungslos und kam sich jetzt, durch die Worte des jungen Vampirs, niedrig und gedemütigt vor. Der Drang machte sich in ihm breit zu duschen und mit einer Bürste den nichtvorhandenen Dreck abzukratzen.

„Du.. wie bist du an den anderen vorbeigekommen?"

„Unwichtig, Liebster. Es geht im Moment um dich. Ach, Draco. Du bist so menschlich, so kleinlich. Das ist so ekelerregend, dass ich es schon wieder süß finde.", lächelte Kirion nachsichtig und liebkoste dann Dracos Hals, der sich auf die Unterlippe beißen musste, um nicht laut zu stöhnen. Er spürte seinen Vampir in sich brüllen, der gegen sein Gefängnis kämpfte, aber momentan nicht raus konnte. Und so sollte es, nach Dracos Meinung, auch bleiben.

„Kirion, du bist plötzlich so anders. Wo ist der kleine, niedliche Vampir, der so gerne mit dem Kissen kuschelte, der mich wie einen Bruder liebte?", fragte der Ex-Slytherin zitternd und schloss gequält die Augen.

„Denn gibt es seit dieser Nacht nicht mehr. Seit du mit mir geschlafen hast, wandelt sich mein Körper, mein Geist, mein innerer Vampir. Du hast meine Kräfte geweckt und dafür danke ich dir, mein Geliebter.", flüsterte der braunhaarige Junge verführerisch und ließ sich vor Draco auf die Knie nieder.

„Komm mit mir, Draco. Lass uns von hier verschwinden. Jemand ruft mich, es ist ein Befehl und ich werde gehen. Komm mit mir, Liebster. Du gehörst zu mir. An meine Seite, wir sind schließlich gebunden."

„Das war ein Fehler. Ein großer Fehler. Ich hätte mich nie dir hingeben sollen. Ich liebe dich wie einen Bruder, aber da war nie mehr. Du.. wie hast du mich unter deine Kontrolle gekriegt? Ich weiß, mein Vampir spielt da eine Rolle, aber-"

„Hör auf zu flennen.", unterbrach Kirion den Ex-Slytherin zärtlich aber bestimmend und wischte mit den Daumen die Tränen weg.

„Draco, folge mir! Der Meister ruft. Und auch dich wird er gebrauchen können."

„Nein, ich kann nicht!", wimmerte Draco und schlug die Hände vor die Augen.

„Ich liebe ihn. Ich werde bei ihm bleiben. Tut mir leid, Kirion, aber ich gehöre mit Leib und Seele ihm, auch wenn mein Vampir mit dir gebunden ist."

Kirion fauchte und holte mit der Hand aus, die plötzlich von einer anderen Hand ergriffen und niedergedrückt wurde. Schnell drehte sich Kirion um und schaute in zwei sprühende Smaragde, die ihn hasserfüllt und angewidert anguckten. Der junge Mann knurrte wütend und zerrte den braunhaarigen Jungen auf die Beine, der sich dabei wehrte.

„Kleines, bösartiges Geschöpf. Du hast schon genug angerichtet. Ich hätte es wissen müssen, ich hätte dich vorhin spüren müssen, aber kein Wunder, dass ich es nicht konnte. Du bist ein Kind von ihm. Verlorene Seele.", zischte Konstantin zornig und schleuderte Kirion aus der Küche ins Wohnzimmer, wo Envin aus seiner Erstarrung schreckte und verwundert auf den jungen Vampir blickte, der die Zähne bleckte und sich wie ein gefangenes Tier im Raum umsah.

Doch Konstantin würdigte Kirion zunächst keines Blickes mehr, sondern nahm Draco sanft in den Arm, der sich einfach an den Braunhaarigen drückte und lauthals schluchzte. Sein Körper bebte wie Espenlaub, seine Haut war kalt, fast gefroren.

„Bei Merlin.", nuschelte Konstantin besorgt und hob den leichten Ex-Slytherin hoch und trug ihn Richtung Schlafzimmer, wo er Draco neben den schlafenden Harry legte. Der Blonde klammerte sich richtig an den Braunhaarigen, der beruhigend lächelte und ihm über die Stirn strich, um die blonden Strähnen zur Seite zu schieben. Er hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und sagte einlullend:

„Schlaf, Draco. Du brauchst Schlaf. Wenigstens ein, zwei Stunden." Danach löste er sich von dem Ex-Slytherin und ging mit festen Schritten ins Wohnzimmer, wo immer noch Kirion auf dem Boden saß, der ihn nun eisig mit Blicken aufspießte.

„Wie kannst du es wagen? Draco gehört mir.", fauchte Kirion leise und dennoch furchterregend, doch Konstantin rang das nur ein müdes Lächeln ab. Er winkte mit der Hand ab und schlenderte auf den braunhaarigen Jungen zu, der rückwärts krabbelte, bis er gegen die Wand knallte.

„Kleiner, du weißt gar nicht, wovon du redest. Arme, verirrte Seele. Er hätte dich nie zum Vampir machen sollen. Aber er hatte schon immer den Drang zu Monstrositäten. Ich allerdings hätte dich schon als Mensch getötet. Du warst schon immer ein krankes Wesen.", erzählte Konstantin im Plauderton und packte den Jungen am Kragen.

„Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.", zischelte der junge Mann gefährlich und packte mit der freien Hand zum Haarschopf.

„Ich sollte dir einfach den Kopf abreißen."

Das absolute Grauen ergriff Envin, der entsetzt zu den beiden Kontrahenten rannte und dem braunhaarigen Mann am Handgelenk griff. Dieser drehte sich fragend um und sah in zwei, vor Schreck geweitete, graue Augen, die sich in seine Smaragde bohrten.

„Sie können ihn doch nicht einfach vernichten."

„Und ob ich das kann. Ich werde es tun. Sehen sie ihn an, genau! Er ist nicht das kleine fünfzehnjährige Kind, das hier vor uns sitzt. Er ist schon viel älter… er hat mindestens zehn Jahre mehr auf dem Buckel."

Auf einmal wurden Schritte laut, die die Treppe hinaufstürmten und ehe man sich versah, wurde die Haustür aufgerissen und ein außer Atem röchelnder John Crow, stand im Türrahmen.

„Was ist passiert?", hechelte dieser und wankte ins Zimmer, um sich sofort in den Sessel fallen zu lassen.

Die Chance dieser Ablenkung nutzend, befreite sich Kirion aus den Fängen von Konstantin und sprang in die Höhe. Er sprintete zur Tür und blieb noch einmal kurz stehen, um zu schreien:

„Er wird euch töten. Und Draco gehört mir. Sein Vampir wird ihn irgendwann zu mir führen." Nach diesen Worten war er verschwunden und ließ einen kochenden braunhaarigen Vampir zurück, der Anstalten machte, hinterher zu rennen. Doch Envin hielt ihn am Ärmel fest und schüttelte den Kopf.

„Lass ihn. Wir finden ihn. Wie er sagte, Draco wird ihn suchen."

Konstantin nickte resignierend und schloss die Tür, bevor er sich zu den beiden Anwesenden begab, die ihn teils interessiert, teils misstrauisch musterten.

„Was bistn du für einer?", verlangte der blonde Mann mit den braunen Augen, zu wissen und neigte leicht den Kopf, dabei die eine Hand im Mantel stecken habend.

„Lass dein Samuraischwert bei dir und nerv mich nicht.", murrte Konstantin gelangweilt, grinste dann aber höhnisch, als er Johns Gesicht sah, das beinahe die Fassung verlor.

„Wird das hier ein Vampirnest, oder was?", knurrte Crow unwillig und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust. Envin rollte daraufhin mit den Augen und seufzte.

„John, darf ich dir vorstellen, Konstantin… Harrys Vater."

Mit Glubschaugen sah er zwischen dem Weißhaarigen, der völlig ernst auf dem Sofa saß, und dem Braunhaarigen, der breit grinste, hin und her. Dann lachte er schallend und klopfte sich amüsiert auf den Schenkel.

„Na klar und ich bin der Obervampir."

„Ja, echt? Ich hatte dich aber anders in Erinnerung.", antwortete Konstantin trocken und setzte sich neben Envin, der ihn aus den Augenwinkeln anschielte.

„D-das ist n-nicht euer Ernst, oder?", krächzte der blonde Vampirjäger und schluckte einmal.

„Doch. Ich hatte eine Liaison mit James Potter. Ja, es ist schon fast neunzehn Jahre her, seit wir zusammenkamen und er schwanger wurde… von mir. Unverzeihlich, und du als Vampirjäger, Crow, müsstest es wissen."

Der Angesprochene nickte.

„Solche Kinder waren gefürchtet. Angeblich haben sie Fähigkeiten, die selbst die Ältesten nicht besitzen. Mischlingskinder, die menschliches und nichtmenschliches Blut verbinden."

„Genau, auf die Verbindung kommt es an. Sie sind C-children."

„C-Children?", hakte Envin nach und fingerte nach einem Blatt Papier und einem Bleistift.

„Ja, Connection-Children. Verbindungskinder übersetzt, obwohl es ziemlich scheiße klingt. Und Harry ist solch ein Kind. Seine Kräfte sind groß, unberechenbar und er kann sie noch nicht kontrollieren. Ich selbst durfte es vorhin miterleben, denn er hat einen Vampir explodieren lassen."

„Cool."

„Nein, Crow, das ist total uncool. Er könnte jeden, sogar einen Menschen, in die Luft sprengen. Sie möchten doch kein Massaker, oder? Würde mich auch sehr wundern… genauso seine fünf Sinne… sehr ausgeprägt, nur kann er sie teilweise nicht abstellen. Dies geschieht meist zufällig."

„Sie scheinen ihn beobachtet zu haben. Wenn sie so viel über Harry wissen, da müssen sie ihn ja sein ganzes Leben lang im Verborgenen studiert haben."

„Ja, sie haben absolut Recht. Ich sah, wie er aufwuchs, ich konnte vom Weiten seine Schulzeit miterleben und ich bekam mit, wie Harry zum Beruf des Vampirjägers kam."

„Sie haben nie eingegriffen. Er hätte sterben können", schrie Envin hüpfte vom Sofa auf.

„Ja, aber ich musste es riskieren. Niemand durfte von meiner Existenz erfahren. Es hätte Harrys Tod bedeuten können, denn sobald ein Vampir von ihm, beziehungsweise von der Verbindung seines Blutes erfuhr, hätte er meinen Sohn vernichtet. Das hätte ich nicht ertragen."

„Aber wieso habe ich nie diese Verbindung im Blut gesehen? Ich habe regelmäßig sein Blut kontrolliert."

„Draco."

„Draco?"

„Ja. Ihr müsst verstehen, nur wenige Schlucke eines Vampirs haben keine Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Erst größere Mengen machen ein Lebewesen abhängig… wie es nun mit Harry ist. Draco konnte eigentlich nichts dafür. Woher sollte er das wissen? Aber im Fall Harry hatte dieses vampirische Blut noch andere Auswirkungen…."

Konstantin stöhnte und rieb sich die Schläfen. In diesem Moment sah er müde und alt aus, obwohl er nicht älter sein konnte als einundzwanzig, zweiundzwanzig.

„Das unsterbliche Blut.. es erwacht.", flüsterte der Weißhaarige matt und ließ sich zittrig wieder auf dem Sofa nieder.

„Ja. Und jetzt ist es dabei, mit dem menschlichen Teil, einen Kampf auszufechten."

„Wer wird gewinnen?"

„Keine Ahnung… der Vampir… der Mensch… beide… keiner von beiden… ich weiß es nicht. Das entscheidet letztendlich Harrys Unterbewusstsein… oder sein äußerer Einfluss."

„Einfluss? Moment.. Draco… sie haben ihn zu ihm gelegt."

„Ja, kleines Erfinderlein."

Bei diesem Wort musste Konstantin kichern, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. „Ich kenne meinen Sohn… freiwillig wird er sich nicht der Vampirseite fügen… doch komplett Mensch will er auch nicht sein. Er braucht seine Fähigkeiten, die bisher zwar schwach ausgeprägt waren, aber ihm geholfen hatten… das würde hinauslaufen, dass keines der beiden Blutsorten gewinnen wird… und das würde den Tod bedeuten."

„Aber Draco. Ist das richtig?"

„Hier geht es nicht mehr um Richtig oder Falsch, vertretbar oder nichtvertretbar. Es geht um das Leben meines Kindes. Ich will es nicht aufgeben und wenn ich ihm sein Menschsein nehmen muss, so bleibt er dennoch Harry… seine Seele ist die Gleiche. Ich liebe ihn. Ich würde für ihn sterben, für ihn in die Hölle gehen und dem Teufel ins Gesicht spuken… eine interessante Vorstellung."

„Sie haben recht… obwohl ich ihren Weg nicht billige, so verstehe ich ihre Motive. Sie können auf mich zählen."

„Öhm… ja… ich, verstehe zwar nicht so ganz, worum es hier wirklich geht, aber Harry ist mein bester Freund. Ich lasse ihn niemals im Stich… Und jeder der ihm wehtun will, bekommt es mit meinem Katana zu tun.", sprach John Crow überzeugt und ballte die Hände zu Fäusten. Konstantin und Envin mussten bei diesem Anblick einfach schmunzeln.

„Ich werde eure Hilfe brauchen. Denn wir haben es mit einem Gegner zu tun, der in einer Zeit lebte, bevor die Zeit überhaupt für den Menschen ergreifbar war. Die schöpferische Kraft der Vampire. Der, der uns erschuf."

„Der Älteste.", hauchte Envin und legte eine Hand auf Konstantins Schulter, der sie mit seiner Hand umschloss.

„Ja, kleines Erfinderlein. Der Älteste. Die Quelle aller Vampire… und meine Quelle, mein Vampirvater, mein damaliger Geliebter, mein Mentor… und mein größter Feind."

Leicht rekelte sich eine der zwei Gestalten im Bett. Sie gähnte ausgiebig und öffnete die verklebten Augen, das sich als schwere Aufgabe herausstellte. Er grummelte leise vor sich hin und setzte sich erschöpft auf und rieb sich die immer noch verschleierten Smaragde. Erst nach einer Weile war er soweit wach, dass er seine Umgebung mustern konnte. Sofort stellte er fest, dass er in seinem Schlafzimmer lag. Aber wie war er hierher gekommen? Er erinnerte sich noch an diesen braunhaarigen Mann, der ihn in den Arm genommen hatte. Der musste ihn auch nach Hause gebracht haben.

Er seufzte leise und hörte plötzlich ein leises Stöhnen, das direkt von neben ihm kam. Er ruckte mit dem Kopf zur linken Seite und konnte, soweit diese Dunkelheit es zuließ, blondes Haar und weiße Haut erkennen. Er stockte mitten im Luftholen, atmete dann aber unkontrolliert weiter.

„Draco.", hauchte der Schwarzhaarige so leise, dass es ein Mensch kaum hören konnte, doch der Vampir bewegte sich daraufhin und drehte sich mit dem Gesicht in Harrys Richtung, schlief aber friedlich weiter.

Viele Minuten betrachtete er sich den Ex-Slytherin, der wie ein marmorner Engel dalag. Nur schwer konnte sich der Vampirjäger von dem Anblick losreißen und schlug dann doch die Decke zur Seite. Er stand auf und wankte zum Fenster, wo er die schweren und dicken, schwarzen Vorhänge ein wenig beiseite schob. Sofort strahlte ihm grelles Sonnenlicht entgegen und stach ihn ungewohnt in den Augen. Er stöhnte schmerzerfüllt auf, doch er versuchte weiter hinauszuschauen. Seine tränenden Smaragde huschten über die Außenwelt und erkannten am Stand der Sonne, dass es bereits früher Nachmittag war. Nach wenigen Sekunden hielt er es nicht mehr aus und ließ den Vorhang fallen. Er sah sich zu Draco um, der immer noch tief schlummerte.

„Es könnte so einfach sein.", murmelte Harry vor sich hin und starrte regelrecht durch Draco hindurch. Dann nahm er wieder den Vorhang in Augenschein und krallte seine Finger regelrecht in den dunklen Stoff.

Er müsste nur den Vorhang zur Seite schieben und der Vampir würde in Flammen aufgehen und verbrennen. Somit hätte er sein Problem aus dem Weg geschaffen, schließlich hasste er Draco, er hatte ihn immer gehasst…

Plötzlich schlug der Vampir die Augen auf und fixierte sofort Harry, so als ob er die Gedanken gehört hätte.

„Harry.", schmatzte Draco schlaftrunken und setzte sich kraftlos auf. Seine Augen zeigten noch den Schlaf, den er immer noch nicht ganz abgelegt hatte.

„Wie geht es dir?"

„Hör auf.", knurrte der Schwarzhaarige unwirsch und ließ letztendlich den Stoff los.

Nein, er konnte sich nichts mehr vormachen. Sein Innerstes wandelte sich, besonders im Bezug zu dem Blonden, der ihn gekränkt und traurig anschaute.

„Hör auf. Wo ist der Malfoy, den ich in der Schule kennen gelernt habe? Das arrogante Arschloch, das keine Möglichkeit ausließ, mich zu ärgern?"

„Der ist gestorben."

„Nein, das will und kann ich nicht glauben.", schnaubte der Schwarzhaarige und ging auf Draco zu. Er kletterte aufs Bett und krabbelte auf den Blonden zu, der sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlte.

„Dieser Slytherin steckt noch irgendwo in dir. Ihn muss nur jemand finden."

„Du willst diese Person sein, oder was?", fauchte der Vampir angriffsbereit, zuckte aber zusammen als Harry seine Hand auf seine Wange legte.

„Was?"

„Eigentlich müsste ich dich hassen… ich habe es mir so oft eingeredet, ich habe dir wehgetan, dich gedemütigt und hatte Gefallen daran. Doch… doch ich kann mich nicht mehr belügen. Ich empfinde etwas für dich. Allerdings weiß ich nicht ob es Liebe ist... ich habe noch nicht mal Ahnung darüber, ob ich überhaupt lieben kann. Ich will dir nichts vormachen, genauso wenig wie mir… aber lass mir Zeit."

„Moment, soll das heißen, dass du mit mir zusammen sein willst?", fragte Draco irritiert und packte nach Harrys Hand, die sich in diesem Moment so warm und zärtlich anfühlte.

„Ja… ich brauche dich… körperlich… aber auch seelisch… ich verstehe es nicht... aber vielleicht kannst du mir helfen dies zu ergründen."

Der Ex-Slytherin strahlte über das ganze Gesicht bis es sich verdunkelte. Er biss sich auf die Unterlippe und versuchte die Schluchzer zurückzuhalten, die in seinem Hals steckten.

„Da gibt es etwas, was ich dir sagen muss.", krächzte Draco brüchig und warf sich dem Schwarzhaarigen in die Arme, der erstaunt den Rücken des Vampirs streichelte.

„Ich… ich habe etwas Schreckliches getan. Kirion-"

Der Blonde wurde unterbrochen, als Harry plötzlich laut aufkreischte. Der Schrei nahm immer größere Dimensionen an. Die Fenster klirrten, zerbrachen aber noch nicht. Doch der Ton schmerzte selbst Draco in den Ohren, so dass er sie zuhalten musste. Er verzog das Gesicht und kniff die Sturmböen stark zusammen, als ob das helfen könnte, den Schrei auszuschließen.

Im durch Vorhänge abgedunkelten Wohnzimmer, saßen drei Personen, von denen zwei entsetzt aufgesprungen waren und drängend zum Schlafraum sahen. Der Dritte lachte nur verunglückt und deutete den beiden sich zu setzen.

Er schloss die grünen Smaragde und keuchte mitleidig auf.

„Die Endphase… sie hat begonnen."

Langsam wurde der Schrei immer leiser, nahm an Nuancen ab, bis nur noch ein leises Schluchzen zu hören war. Draco seufzte erleichtert auf und zog sofort den Ex-Gryffindor in seine Arme, der weinte und wimmerte und sich sofort in seinem Oberteil, das er vor Harrys und Konstantins Ankunft übergezogen hatte, verkrallte.

„Es tut so weh, Draco. Hilf mir. Hilf mir. Der Schmerz… der Schmerz… er überrennt mich, übernimmt die Kontrolle in meinem Körper.", quietschte Harry fast.
Der Blonde fühlte sich hilflos. Er hatte keine Idee, wie er seinem Freund helfen konnte. Er konnte den Vampirjäger nur hin und her wiegen, ihm durch die Haare streifen und ihm liebliche Worte ins Ohr flüstern. Doch all das bewirkte keine Reaktion, im Gegenteil:

Der Körper des Schwarzhaarigen versteifte sich immer mehr und das Zittern ließ nach, bevor er ganz verschwand.
Erschrocken schob Draco den Ex-Gryffindor ein Stück von sich und versuchte den Blick von Harry einzufangen, doch die Augen stierten durchdringend an die Decke. Heftig schüttelte der Blonde den Vampirjäger, so dass sein Kopf wild hin und her rollte, doch kein Ton kam dem Schwarzhaarigen über die blassen Lippen.

„Verdammt, Potter. Ich prügele dich gleich windelweich, wenn du nicht sofort einen Laut von dir gibst. Ich schwöre dir, du kommst da nur noch krankenhausreif geschlagen raus. Hörst du, Potter?", rief Draco hoffnungslos und wütend, und schüttelte weiter an den Schultern.
Doch dann begann Harry schallend zu lachen. Er kicherte und grinste vor sich hin und küsste den Ex-Slytherin auf den rosigen Mund.

„War da nicht wieder der Eisprinz von Slytherin? Ach, ich liebe es, wie du immer ‚Potter' sagst.", schmunzelte der Ex-Gryffindor amüsiert, als ihm plötzlich ein Krampf packte und er wieder auf schrie.

„Scheiße.", murmelte der Schwarzhaarige noch, bevor er mit dem gesamten Körper aufs Bett fiel. Er warf sich auf der Matratze hin und her und atmete schwer.

Wieder kreischte er gellend und riss dabei soweit den Mund auf, dass Draco Harrys Zähne sehen konnte. Fasziniert und vom Grauen gepackt, erkannte er zwei noch nicht ganz ausgeprägte Vampirzähne. Geschockt sah er einmal in die grünen Smaragde und dann wieder auf die Eckzähne, die langsam zu wachsen schienen.

„Was passiert hier?", hauchte Draco panisch und schüttelte nur den Kopf. Sicher, er wusste was passierte, doch sein Verstand wollte es einfach nicht begreifen… und doch geschah es. Harrys zweites Ich erwachte, sein Vampir befreite sich aus seinem jahrelangen Gefängnis, doch er war zu schwach. Woher Draco das so genau wusste, war ihm schleierhaft. Es war so, als ob eine Stimme in seinem Kopf sagte, was er zu tun hatte.

„Ein C-Child… Verdammt, woher weiß ich das schon wieder?", schimpfte der Ex-Slytherin angepisst und setzte sich nun auf Harrys Hüfte, um ihn in der Bewegung einzuschränken. Dann befreite er sein Handgelenk von seinem Pullover und presste es gegen Harrys Mund.

„Beiß schon zu. Tu es. Dein innerer Vampir schreit nach Blut. Ohne das wird er sich nicht befreien können… und du wirst sterben." Aha, gut zu wissen, dachte sich Draco insgeheim und verfluchte dieses neue Wissen, das in seinem Gehirn immer mehr wurde.

Der Ex-Gryffindor fauchte und vergrub seine noch nicht ganz entwickelten Eckzähne in der blassen Haut.

Draco stöhnte vor Schmerz, zog aber nicht den Arm zurück, so dass Harry immer mehr in sich aufnahm, bis schließlich sein innerer Vampir sich mit einem triumphierenden Grollen befreite.
Der Blonde fiel erschöpft neben dem Schwarzhaarigen ins Bett und kuschelte sich an diesen. Harry legte nur noch mechanisch die Arme um den schmächtigen und ausgemergelten Körper und beide schliefen traumlos ein.

Einige Kilometer entfernt, stand eine Gestalt mitten im Raum und fuhr sich grinsend durch die schwarzen Haare. Er hatte diesen Schrei gehört, der Ruf eines Vampirs, der aus seinem Gefängnis ausgebrochen war. Ein mächtiger Vampir, obwohl noch zur Hälfte ein Mensch… eine Missgeburt, die eigentlich getötet werden sollte. Doch er hatte mit diesem Child etwas anderes vor.
Er lachte schallend und tapste mit seinen nackten Füßen zu dem Jungen, der einige Meter von ihm entfernt kniete und den Kopf gesenkt hatte.

„Mein Kind, mein liebes Kind. Du bist also zu mir gekommen."

„Aber Vater, wie könnte ich nicht? Ich liebe dich.", freute sich der braunhaarige Junge, der nun langsam den Kopf hob und den schwarzhaarigen jungen Mann eifrig und respektvoll anguckte.

„Ich liebe dich auch.", lächelte der Vampir im roten Kimono kalt und drehte sich zu den verdeckten Panoramafenstern um.

„Du bist also erwacht, Harry Potter. Ich freue mich schon, wenn du mein sein wirst."