13. Harrys verborgenes Geheimnis
Schon lange war der Schwarzhaarige wach und starrte an die weiße Decke, die er trotz Dunkelheit scharf erkennen konnte. Er sah die feinen Risse in der Farbe, sah die unterschiedlichen Schattierungen der weißen Abdeckung. Fasziniert huschten seine Augen zu dem blonden jungen Mann, der neben ihm lag und gleichmäßig atmete. Er sah genau die klitzekleinen Bewegungen der Strähnchen, die durch die ausgestoßene Luft verursacht wurden. Jede einzelne Pore erkannte er auf der ebenmäßigen Haut des Ex-Slytherin und er konnte nicht anders, als hauchzart darüber zu streicheln. Sie fühlte sich noch besser an, als es vor seiner Umwandlung war. Sanft strich er mit den Fingerkuppen über die seidigen Lippen, die sich leicht kräuselten. Der Kopf des Blonden drehte sich leicht und zwei graue, schelmisch glitzernde Sturmböen strahlten ihn liebevoll an.
Harry lächelte friedlich und rieb
seine Wange an Dracos Haarschopf, der besitzergreifend seinen Arm um
die Hüfte des Schwarzhaarigen legte und sich näher an ihn
kuschelte.
„Wie geht es dir, Harry?", fragte der Blonde
nuschelnd und versuchte in die Smaragde des Ex-Gryffindors zu sehen,
doch leider lag er ein wenig unpassend dafür.
„Gut… aber
anders… Ich sehe Dinge, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe.
Ich spüre meine Vampirzähne und doch… Ich habe keinen
Durst auf Blut… aber Hunger auf ein leckeres Schnitzel… und
trotzdem ist meine Haut blasser geworden, meine Sinne schärfer.
Ich fühle mich irgendwie nicht mehr wie ich selbst, und dennoch
bin ich ich."
„Du bist nun halb Mensch, halb
Vampir."
„Aber wieso, Draco?"
„Das sollte dir jemand
anders erzählen… denn ich muss dir etwas beichten.",
druckste der Malfoyspross herum und löste sich aus Harrys Armen,
der ihn verwirrt musterte. Doch der Vampir ließ sich nicht
beirren und stand vom Bett auf, um im Zimmer umherzuwandeln.
„Harry, lass mich bis zum Ende reden. Unterbrich mich
nicht. Du kannst am Ende machen, was du willst. Schlagen, töten,
egal, ich würde es verstehen, denn ich habe dich betrogen. Nein,
ich weiß, wir sind nicht zusammen, aber ich habe die Gefühle
für dich hintergangen und somit auch dich. Ich tat etwas, wofür
ich mich jetzt schäme. Ich schlief mit Kirion."
Harry
zischte und wollte zum Sprechen ansetzen, doch der Ex-Slytherin
winkte sofort ab.
„Lass mich reden! Um es kurz zu formulieren:
Mein Vampir verlangte die Vereinigung mit einem Gleichgesinnten, also
einem Bluttrinker… und Kirion war der einzige… Du hast mich
verlassen, bist einfach, nachdem wir miteinander geschlafen hatten,
abgehauen. Kirion tröstete mich, gab mir Balsam für meine
geschundene Seele, für die du übrigens die Schuld trägst.
Nein, das ist keine Beschuldigung, sondern eine Tatsache. Du warst
gemein zu mir. Einfach gemein und er war für mich da… Er
verführte mich und ich ließ es bereitwillig mit mir
machen… Ich genoss es, mein Vampir machte Freudensprünge,
meine Seele fühlte sich vollkommen… aber nur für kurze
Zeit. Denn als ich erkannte, dass ich eigentlich mein Herz betrogen
hatte, hätte ich mich am liebsten in den Tiefen der Erde
vergraben. Ich habe mich selber gedemütigt, habe so einer
Bindung mit Kirion zugestimmt. Ja, Harry, mein Vampir ist mit Kirions
Vampir gebunden. Natürlich kann ich mich ihm lange Zeit
verwehren, doch irgendwann lechzt mein innerer Bluttrinker nach
seiner Vampirseele."
Draco stand am Fenster und fasste nach
dem schwarzen Stoff, den er nun wegzog, so dass das wärmende und
freundliche Licht des Mondes hinein schien. Er legte die Handflächen
auf das kühle Glas und lehnte die Stirn daran. Er spürte
die beißende Kälte, die in seinem Kopf explosionsartig
schmerzhaftes Stechen auslöste. Ein Stöhnen entfleuchte
seinen Lippen, die er nun zu einem Strich zusammenpresste. Durch die
Scheibe sah er, wie Harry sich ihm näherte und schloss die
Augen, darauf wartend, dass der Ex-Gryffindor ihn schlagen würde.
Doch genau das Gegenteil passierte. Starke Arme umschlangen seinen
zierlichen Körper, die ihn an eine ausgeprägte Brust
drückten. Er spürte den heißen Atem des
Schwarzhaarigen in seinem Nacken und kurz danach einen weichen Mund,
der Küsse auf der Haut verteilte.
„Ich hätte diese
Wandlung eher durchziehen sollen.", hauchte Harry und drehte
langsam den Blonden zu sich herum.
Dracos Herz setzte einen
Schlag aus und kleine Tränen lösten sich aus seinen Augen,
die einfach weggeküsst wurden. Er öffnete zögerlich
die Sturmböen und verfing sich in den Smaragden, die so ganz
anders funkelten, als vor der Umwandlung.
„Malfoy, ich möchte,
dass du so wirst wie früher. Werde wieder stark, so wie es sich
für einen wahren Malfoy gebührt.", sprach der
Ex-Gryffindor kalt und ohne jegliches Gefühl, bis er schmunzelte
und Dracos Kopf mit den Händen umfasste.
„Ich will dich
ohne Schwäche sehen. Natürlich sollst du dein Wesen
behalten, aber ich will dich vor anderen nicht zusammenzucken
sehen."
Draco kicherte und nickte leicht.
„Du hast Recht.
Ich vermisse dieses Ich… Es war so.."
„Sarkastisch.", half
Harry nach und grinste über beide Ohren.
„Und das ist der
Gryffindor, der mich damals zur Weißglut gebracht hat.",
konterte der Ex-Slytherin, worauf der Schwarzhaarige laut lachen
musste.
„Ja, man sollte seine Kindheit in Ehren halten."
Stille. Sie sahen sich nur in die Augen, blickten sich ohne
jegliche Gefühlsregung an und verschränkten dann ihre
Finger ineinander.
„Ich kann es nicht glauben."
„Was,
Draco?"
„Dass du plötzlich so lieb zu mir bist. Ich sehe
immer noch teilweise diesen gefühlskalten jungen Mann, dem es
Spaß machte, mich zu erniedrigen.", erwiderte der
Malfoyspross flüsternd und senkte die Augen, doch Harry fasste
den Blonden am Kinn und drückte seinen Kopf sanft nach
oben.
„Draco, dieser Wesenzug ist auch noch in mir. Er ist
schließlich ein Teil meiner Seele, doch dich werde ich nicht
mehr so behandeln. Keine Ahnung wieso, aber du bedeutest mir etwas.
Aber ich kann nicht von Liebe sprechen."
„Das ist mehr, als
ich mir je erhofft habe.", seufzte Draco und lächelte
glücklich.
„Ich gehöre dir, und solange du mich
beachtest, wird das auch so bleiben."
Nach diesen Worten konnte
der Vampirjäger nicht anders und senkte seine Lippen auf die des
Blonden. Sie küssten sich leidenschaftlich, wobei der
Ex-Gryffindor neckend mit der Zunge über die Unterlippe strich
und so um Einlass bat. Dieser wurde natürlich von Draco gewährt
und sie versanken in einen heißen Zungenkuss, den keiner von
beiden so schnell lösen wollte.
„Harry, ich… Das geht
zu schnell… Ich… Gestern warst du noch so anders und heute… Ich
muss… Ich muss das erstmal verdauen."
Der Ex-Gryffindor nickte
verstehend und löste sich von dem Blonden.
„Ich weiß,
was du meinst. Ich tue mich auch noch schwer damit, nicht in mein
altes Verhalten hinein zu schlüpfen. Doch es ist nun mal da und
ein Teil meiner Selbst. Und du musst dir klar werden, dass dieser
Harry jederzeit auftauchen könnte. Ich brauche ihn zum
Überleben."
Draco wandte sich ab und starrte aus dem
Fenster in die Nacht hinaus. Er neigte den Kopf zur Seite und
schielte dann zu dem Schwarzhaarigen, der seine Augen gesenkt
hatte.
„Wie kam es dazu, dass du so wurdest? Ich möchte
dich verstehen, ich möchte verstehen, wieso du die Vampire so
sehr hasst. Deine Wut, dein Zorn übersteigt alles, was ich je
erlebt habe."
Der Ex-Gryffindor stöhnte gequält auf
und schlenderte auf das Fenster zu, wo er sich mit der Seite dagegen
lehnte und die Arme verschränkte. Seine Smaragde ruhten auf den
Häusern, die in der Dunkelheit der Nacht lagen. Er schien zu
lauschen, denn er machte ein konzentriertes Gesicht.
„Meine
Freunde.", spuckte er fast heraus, so als ob dieses Wort seinen
inneren Frieden verletzte. Betrübt hefteten sich seine Augen auf
Draco, der langsam auf Harry zuging und ihm eine Hand auf die
Schulter legte.
„Das Wiesel und das Schlammblut?"
Der
Schwarzhaarige musste bei diesen Bezeichnungen kurz lachen, wurde
aber schnell wieder ernst und bedachte den Blonden mit einem
kritisierenden Blick, bevor er nur nickte.
„Ja, Ron und Hermine.
Sie waren meine besten Freunde. Ich liebte sie wie
Geschwister..."
Draco schnaubte darauf nur arrogant und rang
Harry so wieder ein Schmunzeln ab.
„Es geschah zwei Monate nach
unserem Abschluss…"
Der Vampirjäger stockte und ließ
seinen Kopf an dem Glas nieder. Er kniff die Augen zusammen und
schüttelte leicht den Kopf.
„Mein Gott. Ich kann es dir
nicht erzählen.", zischte Harry und stieß sich vom
Fester ab, ging auf die Zimmertür zu, doch Draco reagierte
schnell und griff nach dem Handgelenk des Schwarzhaarigen. Er
wirbelte ihn zu sich herum und schubste den Ex-Gryffindor so heftig,
dass beide auf den Boden knallten.
„Lauf nicht weg.",
nuschelte der Blonde leise gegen die Brust des Vampirjägers und
stemmte
sich dann etwas hoch, wobei er seine Hände neben
Harrys Schultern hatte.
„Flüchte nicht vor den
Erinnerungen, besonders nicht vor mir. Friss es nicht einfach in dich
hinein, du wirst von innen nach außen zerfressen."
„Glaubst
du, das weiß ich nicht selbst? Für was hältst du dich
überhaupt?", fauchte Harry wütend und kurz blitzte die
Gefühlskälte und die Grausamkeit in den Smaragden auf, so
dass Draco zusammenzuckte und gewillt war, aufzuspringen. Doch dieses
Mal hielt der Schwarzhaarige ihn fest und schlang die Arme um den
schmächtigen Körper.
„Du vertraust mir noch nicht,
nicht wahr?"
Der Ex-Slytherin stockte und begann zu zittern.
„Harry, so schnell geht das nicht."
„Ich weiß…
Vielleicht sollte ich wirklich den ersten Schritt machen.", seufzte
der Vampirjäger und schob Draco von sich herunter an seine
Seite, wo er einen Arm um ihn legte.
„Wie ich sagte, es passierte zwei Monate nach unserem Abschluss. Ich wohnte schon in dieser Wohnung zusammen mit Envin. Sie kamen mich hier besuchen, um mich über die Neuigkeiten zu unterrichten. Nun, diese Neuigkeiten waren für mich nicht ganz neu. Herm und Ron wollten heiraten. Das freute mich natürlich. Doch worüber ich geplättet war, war dass Hermine schwanger war… und ich sollte Patenonkel werden, egal ob Mädchen oder Junge. Meine Güte, ich habe mich noch nie so über etwas gefreut… Außer vielleicht, als ich meinen Millennium 1 geschenkt bekommen hatte."
Hier musste Draco lächeln, als er an den Anfang
der siebten Klasse dachte, wo mehrere Eulen den Besen an den
Gryffindortisch brachten. Er wusste bis heute noch nicht, von wem der
Besen kam. Auf jeden fall war er eifersüchtig gewesen.
„Wir
unterhielten uns noch eine Weile, diskutierten über verschiedene
Namen, stritten uns darüber, was es werden würde…das
Übliche eben."
Harry unterbrach seine Geschichte und
schluckte. Er fuhr sich durch die schwarzen Haare und rieb sich dann
die Schläfen, bevor er weiter erzählte.
„Nach ein,
zwei Stunden verließen sie meine Wohnung. Sie wollten noch eine
Weile in den
Straßen spazieren gehen. Ein Fehler."
Draco
zischte. Er konnte sich fast denken, was damals passiert war.
„Es
war Nacht, Draco. Nacht. Ich hätte es wissen müssen… Ich
spürte sie erst zehn Minuten später. Drei an der Zahl. Ich
begann zu zittern und schaute in die Dunkelheit hinaus. Mein Körper
gehorchte mir nicht, bewegte sich nicht vom Fleck, erst als Envin das
Haus betrat und mich ansprach, schrak ich auf. Ich schnappte mir
meinen Mantel und rannte die Treppen hinunter auf die Straße.
Es hatte zu regnen begonnen, doch es störte mich herzlich
wenig…. Ich fühlte sie ganz in meiner Nähe, ich roch Blut
und beschleunigte vorahnend die Schritte. Doch ich kam zu spät.
Einer der Vampire ließ gerade Hermine fallen, leer, leblos. Ich
schrie wütend auf und veranstaltete ein Massaker unter diesen
drei Bluttrinkern. Mein Herz verhärtete sich, mein Hass auf
Vampire nährte sich, wuchs in diesen Minuten und Sekunden an.
Ich war wie von Sinnen, tötete diese Monster langsam, quälend
und ich hatte daran meinen Spaß. Oh, wie ich es genoss. Die
ganze Zeit hatte ich ein kaltes Lächeln auf den Lippen. Doch
irgendwann waren auch diese Bluttrinker vernichtet und ich fiel neben
die Leichen von Ron und Hermine. Ich tastete nach ihrem Puls, suchte
irgendein kleines Lebenszeichen, aber ich wurde enttäuscht. Sie
war tot… Und mit ihr das kleine Lebewesen in ihrem Unterleib, das
noch gar nichts vom Leben wusste. Es durfte nie die Sonne sehen,
durfte nie an den Blumen riechen, die im Frühling begannen zu
blühen - durfte nie ein leckeres Zitroneneis schmecken und sich
damit voll sauen. Es würde nie die Liebe kennen lernen, den
Hass, den Schmerz und die Freude.
Ja, seitdem hasse ich euch
Bluttrinker, ich verachte euch. Mein Hass wächst von Tag zu
Tag." Harrys Stimme klang gegen Ende hin nur noch monoton. Er hatte
sich aufgesetzt und die Finger in seine Hose gekrallt, während
Draco daneben saß und leise weinte. Er versuchte ein Schluchzen
zu unterdrücken, doch keine Chance. Harry hörte den Ton
sofort und sah erschrocken auf.
„Wieso weinst du?"
„Ach,
verdammt, Potter! Diese Geschichte. Nie hätte ich den beiden
solch einen Tod gewünscht. Ja, ich mochte sie nie, doch gehasst
habe ich sie auch nicht. Bei Slytherin, ein Baby… Die Vampire
mussten das gewusst haben. Ein Bluttrinker spürt so etwas. Das
ist ekelerregend. Reicht es nicht, dass wir schon Blut trinken
müssen?" Der Ex-Slytherin schluchzte lauter und haute mit der
Faust auf den Teppich.
Harry lächelte sanft und nahm die
Hand des Blonden in seine und drückte sanft zu.
„Du bist
anders. Es fällt mir jetzt erst auf, aber du hast deine
menschliche Seele behalten. Ich hätte es schon merken müssen,
als ich dir zuschaute, wie du deine Opfer aussaugtest. Der Schmerz in
deinen Augen war klar erkennbar und ich sah es nicht."
„Das
ist doch jetzt egal, Harry.", murrte der Malfoyspross und drängte
sich an den Ex-Gryffindor, der sein Gesicht in die Hände nahm
und die Lippen mit Küssen übersäte.
Aus einem
inneren Drang heraus biss sich Draco auf seine Zunge, so dass sein
Blut in den Mund floss. Seine Zunge tippte gegen den Mund des
Schwarzhaarigen, der ihn öffnete und sofort aufkeuchte, als er
das dickflüssige Blut schmeckte. Er intensivierte die Liebkosung
und umspielte mit seiner Zunge den Gegenpart, der immer noch den
Lebenssaft absonderte. Gierig nahm Harry das Blut auf, ließ es
sich im Munde zergehen und schluckte es dann genießerisch. Doch
nach wenigen Minuten zog er sich zurück und wischte sich über
die Lippen. Er schielte zu Draco, dessen Wangen gerötet waren
und der sich über die Unterlippe leckte.
„Wow.", hauchte
der Ex-Gryffindor ergriffen und stand unsicher auf, wobei er den
Blonden einfach mit sich zog.
„Draco, kann es sein, dass noch
dieser braunhaarige Mann mit den grünen Augen hier ist?"
Nervös
spielte der Ex-Slytherin mit den Fingern und nickte. „Ja."
„Was
ist los?"
„Finde es am Besten selber heraus.", murmelte
Draco schief grinsend und schubste Harry Richtung Tür, der diese
perplex öffnete und ins Wohnzimmer trat. Mit gerunzelter Stirn
betrachtete er den kleinen Haufen, der sich hier versammelt hatte. Er
seufzte beim Anblick von Crow, der ihm erleichtert zu winkte und
schloss kurz die Augen, als Envin in seinem Blickwinkel auftauchte,
der mit gesenkten Blick und verschränkten Armen da saß.
Bei der dritten Person stockte seine Atmung und er musterte den
Braunhaarigen ganz genau. Er blickte direkt in die smaragdgrünen
Augen, suchte dort nach Hinweisen und Anhaltspunkten. Und er bekam
etwas. Wie vor den Kopf gestoßen stolperte Harry nach hinten
und griff sich an die Stirn. Er sah wieder das Bild seines Vaters vor
seinem Auge, das Kind in seinen Armen und den Vampir - dieser Mann
auf dem Sofa! -, der James küsste.
Seine Knie wurden
weich und beinahe wäre er zusammengebrochen, wenn der
braunhaarige Mann nicht schnell genug gewesen wäre, und ihn
aufgefangen hätte. Unsicher lag Harry in den Armen von
Konstantin und wurde gefangen gehalten von den Smaragden, die mit
seinen identisch waren.
„Wie ist das möglich?", flüsterte
der Schwarzhaarige erschöpft und stöhnte.
„Ganz
einfach. Aber vielleicht solltest du dich setzen, Junge.", kicherte
Konstantin fröhlich und drückte Harry auf seinen Platz, der
den Kopf auf die Lehne sinken ließ und zu dem Braunhaarigen
hoch schaute.
„Wer sind Sie? Und was hatten Sie mit meinem Vater
zu schaffen?"
„Nun, er war mein Geliebter."
Harrys Mund
klappte nach unten. Er konnte nur den Kopf schütteln und ein
„Nicht möglich.", ausstoßen.
„Und doch ist es
so. Ich liebte ihn, abgöttisch… Bevor Voldemort ihn tötete
und mit ihm Lily Evans, die damals unsere beste Freundin
war."
„Oha.", stieß der Ex-Gryffindor hervor und
rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her.
„Harry, du wunderst
dich bestimmt über unsere Augen, oder?"
Der Schwarzhaarige
nickte.
„Nun, dass kommt daher, dass wir miteinander verwandt
sind… Ich bin dein zweiter Vater, Harry."
Mit einem
lauten Knall landete der Vampirjäger mit dem Kopf auf der
Glasplatte des Tisches. Er schimpfte leise vor sich hin und rieb sich
die Stirn, wobei er einen bösen Blick zu Draco schickte, der in
der Ecke stand und leise kicherte.
„Mein Vater? Das glaube ich
nicht.", sprach Harry überzeugt und betrachtete sich nur
unwillig Konstantin, der sich vor ihm in die Knie sinken ließ
und seine eine Hand nahm.
„Ich verstehe, dass du das nicht
glauben kannst, aber ein Bluttest würde dir den Beweis liefern…
Und unsere Augen, die Ähnlichkeiten sind zu groß, als dass
es Zufall sein könnte."
„Ich… ich… Vielleicht haben
Sie recht… oder auch nicht… Was weiß ich. Sie sind ein
Vampir."
„Ist das ein Problem für dich?"
„Nun…
Nein, nicht direkt... Aber dann hätte ich diesen Teil von
Ihnen."
„Korrekt, Harry. Schließlich bin ich ja dein
Vater... Aber bitte, siez' mich nicht. Das ist ja grauenvoll.",
knurrte Konstantin und wuschelte durch die schwarzen Haare des
Ex-Gryffindors. Dieser murrte und zog einen Schmollmund.
„Wir
gehen es langsam an, okay, Harry?"
Der Vampirjäger
nickte einverstanden und blickte ein wenig beklommen zu Envin, der
ihn plötzlich anlächelte und die Schulter drückte.
„Du
brauchst dich nicht unwohl fühlen. Ich komme schon klar damit.",
sagte der Weißhaarige freundlich und ließ Harry sofort
wieder los.
„Aber wir haben ganz andere Probleme."
„Was
meinst du, Envin?", fragte Harry und schaute zu Draco, der nur mit
den Schultern zuckte und auf das Sofa zu marschierte, wo er sich auf
der Lehne niederließ.
„Kirion. Er ist abgehauen."
„Oh
verdammt, wie konnte ich diese Szene vorhin vergessen?!", zischte
der Ex-Slytherin und schlug sich gegen die Stirn.
„Wieso, was
ist geschehen?"
„Nun, Kirion wollte, dass Draco mit ihm geht.
Er würde gerufen werden, aber Draco sollte mitgehen, da ja ihre
Vampire gebunden sind. Unser Blondchen hier hat sich geweigert. Er
muss dich wirklich sehr lieben"
Bei Konstantins letzten Worten
lief Draco rot an und senkte verlegen den Kopf, bis er plötzlich
Harrys Hand in seinem Nacken spürte. Er begann leise zu
schnurren, was nur der braunhaarige Vampir und der Ex-Gryffindor
hören konnten.
„Wo war ich? Ach ja. Er wollte wie
gesagt Draco mit sich nehmen. Aber keine Chance. Er wollte dann
unserem Blondchen eine runterhauen, aber zum Glück bin ja ich
reingestolpert… Ich habe diesen Rotzbengel gepackt und ihn ins
Wohnzimmer geschleudert, wo ich ihn töten wollte." Konstantin
warf Envin einen bösen Blick zu, der nur schief grinste und mit
der Hand abwinkte.
„Aber das kleine Erfinderlein hielt mich
ab…. Und als dieser Tölpel von Vampirjäger-"
„He.",
unterbrach John den Vampir und drohte mit der Faust.
„Ich
verarbeite dich gleich zu Sushi."
„Ach wirklich? Ich freue
mich schon drauf.", erwiderte Konstantin sarkastisch und zwinkerte
dem blonden Mann mit den braunen Augen an, der nur leise murrte und
eingeschnappt wegsah.
„Wie ich sagte, durch den Tölpel-
Ja, ich habe verstanden! Dieser... Mr. Crow stürmte also in die
Wohnung, und ich, abgelenkt durch dieses... Prachtexemplar von Mann,
löste meinen Griff um das kleine Biest, das sich nun befreien
konnte. Ich wollte hinterher, aber das Erfinderlein hatte was
dagegen.", schmollte der braunhaarige Vampir und stieß noch
ein quengelndes „Pah" hervor.
Harry verdrehte die Augen
und seufzte genervt.
„Du benimmst dich wie ein Kind… Aber was
sollen wir jetzt tun?"
„Erstmal gar nichts… Wichtig ist
jetzt unsere Kräfte zu schonen und zu sammeln. Schließlich
ist er immer noch hinter Harry her."
„Wer ist hinter mir
her?"
„Etamin."
„Etamin?"
„Ja, ich nehme an, du
bist ihm schon einmal begegnet. Schwarze Haare, graue Augen und roter
Kimono.", zählte Konstantin die Eigenschaften des Vampirs auf
und schauderte ein wenig.
Währenddessen dachte der
Ex-Gryffindor nach. Etamin, so hieß also dieser wunderschöne
Vampir. Seine Gedanken schweiften zu diesen seidig, samten Lippen ab,
zu diesem zierlichen Körper, der sich so gut angefühlt
hatte. Er musste ihn wieder sehen, koste es was es wolle.
„Harry?
He, Potter!", drang die Stimme des blonden Vampirs in seinen Kopf
und er schreckte auf.
„Was?"
„Harry, gehst du mit mir
raus?"
„Was? Wieso?"
„Ich habe Hunger.", druckste
Draco herum. Es war ihm peinlich, doch was sollte er machen? Sein
Körper verlangte nach Blut, nach dem er ja soviel an Harry
abgetreten hatte.
„Oh, okay. Komm, Draco."
Beide erhoben
sich und verabschiedeten sich von den Dreien.
„Kommt so schnell
es geht wieder, verstanden? Wir wissen nicht, was dort draußen
vor sich geht."
Beide Jungen nickten Konstantin zu und
verschwanden in der Nacht.
Entsetzt ließ das
Mädchen das Tablett mit dem Geschirr fallen. Laut klirrend
landete es auf dem Linoleumboden, wo die Teller und Gläser in
lauter kleine Einzelteile zersprangen. Doch sie schien das gar nicht
zu bemerken, denn ihre Augen waren in die Ferne gerichtet, ihr Mund
stand weit offen und ihre Finger krallten sich in ihre weiße
Schürze. Sie schüttelte sachte den Kopf, so als ob sie
nicht glauben könnte, was gerade geschah.
„Karen.",
schrie plötzlich ein dickleibiger Mann mit fettigen, schwarzen
Haaren und gab dem Mädchen einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Sieh, was du gemacht hast. Ich werde es von deinem Lohn
abziehen. Unzuverlässiges Weib.", schimpfte der Dicke vor sich
hin und schubste sie auf die Knie, damit sie die Scherben aufsammeln
konnte.
„Räum auf!"
Doch sie reagierte nicht, denn
ihr Geist hatte sich von ihrem Körper getrennt und schweifte
hektisch durch eine andere Dimension.
Ein „NEIN"
entfleuchte ihren rosigen Lippen und sie riss panisch die Augen auf.
Dann schüttelte sie sich, wankte kurz auf den Knien, bevor sie
in die Höhe sprang und die Schürze von ihrem Körper
löste und diese auf dem Boden schmiss.
„Ich kündige.",
sprach sie trocken und trat durch die Scherben auf den Ausgang des
Cafés zu.
„Das kannst du nicht machen, Karen. Du wirst
für die paar Tage in diesem Monat keinen Lohn kriegen."
„Stecken
Sie sich das Geld in den Arsch.", schrie sie noch, bevor sie mit
eiligen Schritten das Café verließ und sich Richtung
Stadtrand begab. Sie lief schnell durch die Straßen, wusste
instinktiv, wo sie lang rannte, doch wieso gab sie sich Mühe?
Sie würde sowieso zu spät kommen, nur Sekunden zu spät.
Und trotzdem sprintete sie durch die leeren Straßen, als ob der
Teufel hinter ihr her wäre. Eine Glocke schlug in der Ferne elf
Uhr abends.
Nein, sie durfte nicht zu spät kommen… Doch so
würde es passieren.
Kleine Tränen standen ihr in den
hellen, blauen Augen, die sie einfach wegwischte.
„Bitte, du
darfst ihn nicht gehen lassen.", hauchte sie und strich sich eine
ihrer dunkelbraunen Haarsträhnen hinter das Ohr.
„Du musst
ihn aufhalten. Wenn er zu ihm geht, dann ist alles verloren."
Doch
ihr Verstand wusste, dass alles vergebens war. Alles würde so
eintreten, wie sie es gerade eben vorausgesehen hatte. Der kleine
Stein wurde losgetreten, der alles ins Rollen bringen konnte, und es
tun würde.
Sie würde zu spät kommen, so wie sie
immer zu spät kam.
