13. Harrys verborgenes Geheimnis

Schon lange war der Schwarzhaarige wach und starrte an die weiße Decke, die er trotz Dunkelheit scharf erkennen konnte. Er sah die feinen Risse in der Farbe, sah die unterschiedlichen Schattierungen der weißen Abdeckung. Fasziniert huschten seine Augen zu dem blonden jungen Mann, der neben ihm lag und gleichmäßig atmete. Er sah genau die klitzekleinen Bewegungen der Strähnchen, die durch die ausgestoßene Luft verursacht wurden. Jede einzelne Pore erkannte er auf der ebenmäßigen Haut des Ex-Slytherin und er konnte nicht anders, als hauchzart darüber zu streicheln. Sie fühlte sich noch besser an, als es vor seiner Umwandlung war. Sanft strich er mit den Fingerkuppen über die seidigen Lippen, die sich leicht kräuselten. Der Kopf des Blonden drehte sich leicht und zwei graue, schelmisch glitzernde Sturmböen strahlten ihn liebevoll an.

Harry lächelte friedlich und rieb seine Wange an Dracos Haarschopf, der besitzergreifend seinen Arm um die Hüfte des Schwarzhaarigen legte und sich näher an ihn kuschelte.
„Wie geht es dir, Harry?", fragte der Blonde nuschelnd und versuchte in die Smaragde des Ex-Gryffindors zu sehen, doch leider lag er ein wenig unpassend dafür.
„Gut… aber anders… Ich sehe Dinge, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe. Ich spüre meine Vampirzähne und doch… Ich habe keinen Durst auf Blut… aber Hunger auf ein leckeres Schnitzel… und trotzdem ist meine Haut blasser geworden, meine Sinne schärfer. Ich fühle mich irgendwie nicht mehr wie ich selbst, und dennoch bin ich ich."

„Du bist nun halb Mensch, halb Vampir."
„Aber wieso, Draco?"
„Das sollte dir jemand anders erzählen… denn ich muss dir etwas beichten.", druckste der Malfoyspross herum und löste sich aus Harrys Armen, der ihn verwirrt musterte. Doch der Vampir ließ sich nicht beirren und stand vom Bett auf, um im Zimmer umherzuwandeln.

„Harry, lass mich bis zum Ende reden. Unterbrich mich nicht. Du kannst am Ende machen, was du willst. Schlagen, töten, egal, ich würde es verstehen, denn ich habe dich betrogen. Nein, ich weiß, wir sind nicht zusammen, aber ich habe die Gefühle für dich hintergangen und somit auch dich. Ich tat etwas, wofür ich mich jetzt schäme. Ich schlief mit Kirion."
Harry zischte und wollte zum Sprechen ansetzen, doch der Ex-Slytherin winkte sofort ab.
„Lass mich reden! Um es kurz zu formulieren: Mein Vampir verlangte die Vereinigung mit einem Gleichgesinnten, also einem Bluttrinker… und Kirion war der einzige… Du hast mich verlassen, bist einfach, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, abgehauen. Kirion tröstete mich, gab mir Balsam für meine geschundene Seele, für die du übrigens die Schuld trägst. Nein, das ist keine Beschuldigung, sondern eine Tatsache. Du warst gemein zu mir. Einfach gemein und er war für mich da… Er verführte mich und ich ließ es bereitwillig mit mir machen… Ich genoss es, mein Vampir machte Freudensprünge, meine Seele fühlte sich vollkommen… aber nur für kurze Zeit. Denn als ich erkannte, dass ich eigentlich mein Herz betrogen hatte, hätte ich mich am liebsten in den Tiefen der Erde vergraben. Ich habe mich selber gedemütigt, habe so einer Bindung mit Kirion zugestimmt. Ja, Harry, mein Vampir ist mit Kirions Vampir gebunden. Natürlich kann ich mich ihm lange Zeit verwehren, doch irgendwann lechzt mein innerer Bluttrinker nach seiner Vampirseele."

Draco stand am Fenster und fasste nach dem schwarzen Stoff, den er nun wegzog, so dass das wärmende und freundliche Licht des Mondes hinein schien. Er legte die Handflächen auf das kühle Glas und lehnte die Stirn daran. Er spürte die beißende Kälte, die in seinem Kopf explosionsartig schmerzhaftes Stechen auslöste. Ein Stöhnen entfleuchte seinen Lippen, die er nun zu einem Strich zusammenpresste. Durch die Scheibe sah er, wie Harry sich ihm näherte und schloss die Augen, darauf wartend, dass der Ex-Gryffindor ihn schlagen würde. Doch genau das Gegenteil passierte. Starke Arme umschlangen seinen zierlichen Körper, die ihn an eine ausgeprägte Brust drückten. Er spürte den heißen Atem des Schwarzhaarigen in seinem Nacken und kurz danach einen weichen Mund, der Küsse auf der Haut verteilte.
„Ich hätte diese Wandlung eher durchziehen sollen.", hauchte Harry und drehte langsam den Blonden zu sich herum.

Dracos Herz setzte einen Schlag aus und kleine Tränen lösten sich aus seinen Augen, die einfach weggeküsst wurden. Er öffnete zögerlich die Sturmböen und verfing sich in den Smaragden, die so ganz anders funkelten, als vor der Umwandlung.
„Malfoy, ich möchte, dass du so wirst wie früher. Werde wieder stark, so wie es sich für einen wahren Malfoy gebührt.", sprach der Ex-Gryffindor kalt und ohne jegliches Gefühl, bis er schmunzelte und Dracos Kopf mit den Händen umfasste.
„Ich will dich ohne Schwäche sehen. Natürlich sollst du dein Wesen behalten, aber ich will dich vor anderen nicht zusammenzucken sehen."
Draco kicherte und nickte leicht.
„Du hast Recht. Ich vermisse dieses Ich… Es war so.."
„Sarkastisch.", half Harry nach und grinste über beide Ohren.
„Und das ist der Gryffindor, der mich damals zur Weißglut gebracht hat.", konterte der Ex-Slytherin, worauf der Schwarzhaarige laut lachen musste.
„Ja, man sollte seine Kindheit in Ehren halten."

Stille. Sie sahen sich nur in die Augen, blickten sich ohne jegliche Gefühlsregung an und verschränkten dann ihre Finger ineinander.
„Ich kann es nicht glauben."
„Was, Draco?"
„Dass du plötzlich so lieb zu mir bist. Ich sehe immer noch teilweise diesen gefühlskalten jungen Mann, dem es Spaß machte, mich zu erniedrigen.", erwiderte der Malfoyspross flüsternd und senkte die Augen, doch Harry fasste den Blonden am Kinn und drückte seinen Kopf sanft nach oben.

„Draco, dieser Wesenzug ist auch noch in mir. Er ist schließlich ein Teil meiner Seele, doch dich werde ich nicht mehr so behandeln. Keine Ahnung wieso, aber du bedeutest mir etwas. Aber ich kann nicht von Liebe sprechen."
„Das ist mehr, als ich mir je erhofft habe.", seufzte Draco und lächelte glücklich.
„Ich gehöre dir, und solange du mich beachtest, wird das auch so bleiben."
Nach diesen Worten konnte der Vampirjäger nicht anders und senkte seine Lippen auf die des Blonden. Sie küssten sich leidenschaftlich, wobei der Ex-Gryffindor neckend mit der Zunge über die Unterlippe strich und so um Einlass bat. Dieser wurde natürlich von Draco gewährt und sie versanken in einen heißen Zungenkuss, den keiner von beiden so schnell lösen wollte.

„Harry, ich… Das geht zu schnell… Ich… Gestern warst du noch so anders und heute… Ich muss… Ich muss das erstmal verdauen."
Der Ex-Gryffindor nickte verstehend und löste sich von dem Blonden.
„Ich weiß, was du meinst. Ich tue mich auch noch schwer damit, nicht in mein altes Verhalten hinein zu schlüpfen. Doch es ist nun mal da und ein Teil meiner Selbst. Und du musst dir klar werden, dass dieser Harry jederzeit auftauchen könnte. Ich brauche ihn zum Überleben."
Draco wandte sich ab und starrte aus dem Fenster in die Nacht hinaus. Er neigte den Kopf zur Seite und schielte dann zu dem Schwarzhaarigen, der seine Augen gesenkt hatte.
„Wie kam es dazu, dass du so wurdest? Ich möchte dich verstehen, ich möchte verstehen, wieso du die Vampire so sehr hasst. Deine Wut, dein Zorn übersteigt alles, was ich je erlebt habe."
Der Ex-Gryffindor stöhnte gequält auf und schlenderte auf das Fenster zu, wo er sich mit der Seite dagegen lehnte und die Arme verschränkte. Seine Smaragde ruhten auf den Häusern, die in der Dunkelheit der Nacht lagen. Er schien zu lauschen, denn er machte ein konzentriertes Gesicht.

„Meine Freunde.", spuckte er fast heraus, so als ob dieses Wort seinen inneren Frieden verletzte. Betrübt hefteten sich seine Augen auf Draco, der langsam auf Harry zuging und ihm eine Hand auf die Schulter legte.
„Das Wiesel und das Schlammblut?"
Der Schwarzhaarige musste bei diesen Bezeichnungen kurz lachen, wurde aber schnell wieder ernst und bedachte den Blonden mit einem kritisierenden Blick, bevor er nur nickte.
„Ja, Ron und Hermine. Sie waren meine besten Freunde. Ich liebte sie wie Geschwister..."
Draco schnaubte darauf nur arrogant und rang Harry so wieder ein Schmunzeln ab.
„Es geschah zwei Monate nach unserem Abschluss…"
Der Vampirjäger stockte und ließ seinen Kopf an dem Glas nieder. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte leicht den Kopf.
„Mein Gott. Ich kann es dir nicht erzählen.", zischte Harry und stieß sich vom Fester ab, ging auf die Zimmertür zu, doch Draco reagierte schnell und griff nach dem Handgelenk des Schwarzhaarigen. Er wirbelte ihn zu sich herum und schubste den Ex-Gryffindor so heftig, dass beide auf den Boden knallten.

„Lauf nicht weg.", nuschelte der Blonde leise gegen die Brust des Vampirjägers und stemmte
sich dann etwas hoch, wobei er seine Hände neben Harrys Schultern hatte.
„Flüchte nicht vor den Erinnerungen, besonders nicht vor mir. Friss es nicht einfach in dich hinein, du wirst von innen nach außen zerfressen."
„Glaubst du, das weiß ich nicht selbst? Für was hältst du dich überhaupt?", fauchte Harry wütend und kurz blitzte die Gefühlskälte und die Grausamkeit in den Smaragden auf, so dass Draco zusammenzuckte und gewillt war, aufzuspringen. Doch dieses Mal hielt der Schwarzhaarige ihn fest und schlang die Arme um den schmächtigen Körper.
„Du vertraust mir noch nicht, nicht wahr?"
Der Ex-Slytherin stockte und begann zu zittern.
„Harry, so schnell geht das nicht."
„Ich weiß… Vielleicht sollte ich wirklich den ersten Schritt machen.", seufzte der Vampirjäger und schob Draco von sich herunter an seine Seite, wo er einen Arm um ihn legte.

„Wie ich sagte, es passierte zwei Monate nach unserem Abschluss. Ich wohnte schon in dieser Wohnung zusammen mit Envin. Sie kamen mich hier besuchen, um mich über die Neuigkeiten zu unterrichten. Nun, diese Neuigkeiten waren für mich nicht ganz neu. Herm und Ron wollten heiraten. Das freute mich natürlich. Doch worüber ich geplättet war, war dass Hermine schwanger war… und ich sollte Patenonkel werden, egal ob Mädchen oder Junge. Meine Güte, ich habe mich noch nie so über etwas gefreut… Außer vielleicht, als ich meinen Millennium 1 geschenkt bekommen hatte."

Hier musste Draco lächeln, als er an den Anfang der siebten Klasse dachte, wo mehrere Eulen den Besen an den Gryffindortisch brachten. Er wusste bis heute noch nicht, von wem der Besen kam. Auf jeden fall war er eifersüchtig gewesen.
„Wir unterhielten uns noch eine Weile, diskutierten über verschiedene Namen, stritten uns darüber, was es werden würde…das Übliche eben."
Harry unterbrach seine Geschichte und schluckte. Er fuhr sich durch die schwarzen Haare und rieb sich dann die Schläfen, bevor er weiter erzählte.
„Nach ein, zwei Stunden verließen sie meine Wohnung. Sie wollten noch eine Weile in den
Straßen spazieren gehen. Ein Fehler."

Draco zischte. Er konnte sich fast denken, was damals passiert war.
„Es war Nacht, Draco. Nacht. Ich hätte es wissen müssen… Ich spürte sie erst zehn Minuten später. Drei an der Zahl. Ich begann zu zittern und schaute in die Dunkelheit hinaus. Mein Körper gehorchte mir nicht, bewegte sich nicht vom Fleck, erst als Envin das Haus betrat und mich ansprach, schrak ich auf. Ich schnappte mir meinen Mantel und rannte die Treppen hinunter auf die Straße. Es hatte zu regnen begonnen, doch es störte mich herzlich wenig…. Ich fühlte sie ganz in meiner Nähe, ich roch Blut und beschleunigte vorahnend die Schritte. Doch ich kam zu spät. Einer der Vampire ließ gerade Hermine fallen, leer, leblos. Ich schrie wütend auf und veranstaltete ein Massaker unter diesen drei Bluttrinkern. Mein Herz verhärtete sich, mein Hass auf Vampire nährte sich, wuchs in diesen Minuten und Sekunden an. Ich war wie von Sinnen, tötete diese Monster langsam, quälend und ich hatte daran meinen Spaß. Oh, wie ich es genoss. Die ganze Zeit hatte ich ein kaltes Lächeln auf den Lippen. Doch irgendwann waren auch diese Bluttrinker vernichtet und ich fiel neben die Leichen von Ron und Hermine. Ich tastete nach ihrem Puls, suchte irgendein kleines Lebenszeichen, aber ich wurde enttäuscht. Sie war tot… Und mit ihr das kleine Lebewesen in ihrem Unterleib, das noch gar nichts vom Leben wusste. Es durfte nie die Sonne sehen, durfte nie an den Blumen riechen, die im Frühling begannen zu blühen - durfte nie ein leckeres Zitroneneis schmecken und sich damit voll sauen. Es würde nie die Liebe kennen lernen, den Hass, den Schmerz und die Freude.

Ja, seitdem hasse ich euch Bluttrinker, ich verachte euch. Mein Hass wächst von Tag zu Tag." Harrys Stimme klang gegen Ende hin nur noch monoton. Er hatte sich aufgesetzt und die Finger in seine Hose gekrallt, während Draco daneben saß und leise weinte. Er versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken, doch keine Chance. Harry hörte den Ton sofort und sah erschrocken auf.
„Wieso weinst du?"
„Ach, verdammt, Potter! Diese Geschichte. Nie hätte ich den beiden solch einen Tod gewünscht. Ja, ich mochte sie nie, doch gehasst habe ich sie auch nicht. Bei Slytherin, ein Baby… Die Vampire mussten das gewusst haben. Ein Bluttrinker spürt so etwas. Das ist ekelerregend. Reicht es nicht, dass wir schon Blut trinken müssen?" Der Ex-Slytherin schluchzte lauter und haute mit der Faust auf den Teppich.
Harry lächelte sanft und nahm die Hand des Blonden in seine und drückte sanft zu.
„Du bist anders. Es fällt mir jetzt erst auf, aber du hast deine menschliche Seele behalten. Ich hätte es schon merken müssen, als ich dir zuschaute, wie du deine Opfer aussaugtest. Der Schmerz in deinen Augen war klar erkennbar und ich sah es nicht."

„Das ist doch jetzt egal, Harry.", murrte der Malfoyspross und drängte sich an den Ex-Gryffindor, der sein Gesicht in die Hände nahm und die Lippen mit Küssen übersäte.
Aus einem inneren Drang heraus biss sich Draco auf seine Zunge, so dass sein Blut in den Mund floss. Seine Zunge tippte gegen den Mund des Schwarzhaarigen, der ihn öffnete und sofort aufkeuchte, als er das dickflüssige Blut schmeckte. Er intensivierte die Liebkosung und umspielte mit seiner Zunge den Gegenpart, der immer noch den Lebenssaft absonderte. Gierig nahm Harry das Blut auf, ließ es sich im Munde zergehen und schluckte es dann genießerisch. Doch nach wenigen Minuten zog er sich zurück und wischte sich über die Lippen. Er schielte zu Draco, dessen Wangen gerötet waren und der sich über die Unterlippe leckte.
„Wow.", hauchte der Ex-Gryffindor ergriffen und stand unsicher auf, wobei er den Blonden einfach mit sich zog.
„Draco, kann es sein, dass noch dieser braunhaarige Mann mit den grünen Augen hier ist?"

Nervös spielte der Ex-Slytherin mit den Fingern und nickte. „Ja."
„Was ist los?"
„Finde es am Besten selber heraus.", murmelte Draco schief grinsend und schubste Harry Richtung Tür, der diese perplex öffnete und ins Wohnzimmer trat. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den kleinen Haufen, der sich hier versammelt hatte. Er seufzte beim Anblick von Crow, der ihm erleichtert zu winkte und schloss kurz die Augen, als Envin in seinem Blickwinkel auftauchte, der mit gesenkten Blick und verschränkten Armen da saß. Bei der dritten Person stockte seine Atmung und er musterte den Braunhaarigen ganz genau. Er blickte direkt in die smaragdgrünen Augen, suchte dort nach Hinweisen und Anhaltspunkten. Und er bekam etwas. Wie vor den Kopf gestoßen stolperte Harry nach hinten und griff sich an die Stirn. Er sah wieder das Bild seines Vaters vor seinem Auge, das Kind in seinen Armen und den Vampir - dieser Mann auf dem Sofa! -, der James küsste.

Seine Knie wurden weich und beinahe wäre er zusammengebrochen, wenn der braunhaarige Mann nicht schnell genug gewesen wäre, und ihn aufgefangen hätte. Unsicher lag Harry in den Armen von Konstantin und wurde gefangen gehalten von den Smaragden, die mit seinen identisch waren.
„Wie ist das möglich?", flüsterte der Schwarzhaarige erschöpft und stöhnte.
„Ganz einfach. Aber vielleicht solltest du dich setzen, Junge.", kicherte Konstantin fröhlich und drückte Harry auf seinen Platz, der den Kopf auf die Lehne sinken ließ und zu dem Braunhaarigen hoch schaute.
„Wer sind Sie? Und was hatten Sie mit meinem Vater zu schaffen?"
„Nun, er war mein Geliebter."
Harrys Mund klappte nach unten. Er konnte nur den Kopf schütteln und ein „Nicht möglich.", ausstoßen.
„Und doch ist es so. Ich liebte ihn, abgöttisch… Bevor Voldemort ihn tötete und mit ihm Lily Evans, die damals unsere beste Freundin war."
„Oha.", stieß der Ex-Gryffindor hervor und rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her.
„Harry, du wunderst dich bestimmt über unsere Augen, oder?"
Der Schwarzhaarige nickte.
„Nun, dass kommt daher, dass wir miteinander verwandt sind… Ich bin dein zweiter Vater, Harry."

Mit einem lauten Knall landete der Vampirjäger mit dem Kopf auf der Glasplatte des Tisches. Er schimpfte leise vor sich hin und rieb sich die Stirn, wobei er einen bösen Blick zu Draco schickte, der in der Ecke stand und leise kicherte.
„Mein Vater? Das glaube ich nicht.", sprach Harry überzeugt und betrachtete sich nur unwillig Konstantin, der sich vor ihm in die Knie sinken ließ und seine eine Hand nahm.
„Ich verstehe, dass du das nicht glauben kannst, aber ein Bluttest würde dir den Beweis liefern… Und unsere Augen, die Ähnlichkeiten sind zu groß, als dass es Zufall sein könnte."
„Ich… ich… Vielleicht haben Sie recht… oder auch nicht… Was weiß ich. Sie sind ein Vampir."
„Ist das ein Problem für dich?"
„Nun… Nein, nicht direkt... Aber dann hätte ich diesen Teil von Ihnen."
„Korrekt, Harry. Schließlich bin ich ja dein Vater... Aber bitte, siez' mich nicht. Das ist ja grauenvoll.", knurrte Konstantin und wuschelte durch die schwarzen Haare des Ex-Gryffindors. Dieser murrte und zog einen Schmollmund.
„Wir gehen es langsam an, okay, Harry?"

Der Vampirjäger nickte einverstanden und blickte ein wenig beklommen zu Envin, der ihn plötzlich anlächelte und die Schulter drückte.
„Du brauchst dich nicht unwohl fühlen. Ich komme schon klar damit.", sagte der Weißhaarige freundlich und ließ Harry sofort wieder los.
„Aber wir haben ganz andere Probleme."
„Was meinst du, Envin?", fragte Harry und schaute zu Draco, der nur mit den Schultern zuckte und auf das Sofa zu marschierte, wo er sich auf der Lehne niederließ.
„Kirion. Er ist abgehauen."
„Oh verdammt, wie konnte ich diese Szene vorhin vergessen?!", zischte der Ex-Slytherin und schlug sich gegen die Stirn.
„Wieso, was ist geschehen?"
„Nun, Kirion wollte, dass Draco mit ihm geht. Er würde gerufen werden, aber Draco sollte mitgehen, da ja ihre Vampire gebunden sind. Unser Blondchen hier hat sich geweigert. Er muss dich wirklich sehr lieben"
Bei Konstantins letzten Worten lief Draco rot an und senkte verlegen den Kopf, bis er plötzlich Harrys Hand in seinem Nacken spürte. Er begann leise zu schnurren, was nur der braunhaarige Vampir und der Ex-Gryffindor hören konnten.

„Wo war ich? Ach ja. Er wollte wie gesagt Draco mit sich nehmen. Aber keine Chance. Er wollte dann unserem Blondchen eine runterhauen, aber zum Glück bin ja ich reingestolpert… Ich habe diesen Rotzbengel gepackt und ihn ins Wohnzimmer geschleudert, wo ich ihn töten wollte." Konstantin warf Envin einen bösen Blick zu, der nur schief grinste und mit der Hand abwinkte.
„Aber das kleine Erfinderlein hielt mich ab…. Und als dieser Tölpel von Vampirjäger-"
„He.", unterbrach John den Vampir und drohte mit der Faust.
„Ich verarbeite dich gleich zu Sushi."
„Ach wirklich? Ich freue mich schon drauf.", erwiderte Konstantin sarkastisch und zwinkerte dem blonden Mann mit den braunen Augen an, der nur leise murrte und eingeschnappt wegsah.
„Wie ich sagte, durch den Tölpel- Ja, ich habe verstanden! Dieser... Mr. Crow stürmte also in die Wohnung, und ich, abgelenkt durch dieses... Prachtexemplar von Mann, löste meinen Griff um das kleine Biest, das sich nun befreien konnte. Ich wollte hinterher, aber das Erfinderlein hatte was dagegen.", schmollte der braunhaarige Vampir und stieß noch ein quengelndes „Pah" hervor.

Harry verdrehte die Augen und seufzte genervt.
„Du benimmst dich wie ein Kind… Aber was sollen wir jetzt tun?"
„Erstmal gar nichts… Wichtig ist jetzt unsere Kräfte zu schonen und zu sammeln. Schließlich ist er immer noch hinter Harry her."
„Wer ist hinter mir her?"
„Etamin."
„Etamin?"
„Ja, ich nehme an, du bist ihm schon einmal begegnet. Schwarze Haare, graue Augen und roter Kimono.", zählte Konstantin die Eigenschaften des Vampirs auf und schauderte ein wenig.
Währenddessen dachte der Ex-Gryffindor nach. Etamin, so hieß also dieser wunderschöne Vampir. Seine Gedanken schweiften zu diesen seidig, samten Lippen ab, zu diesem zierlichen Körper, der sich so gut angefühlt hatte. Er musste ihn wieder sehen, koste es was es wolle.

„Harry? He, Potter!", drang die Stimme des blonden Vampirs in seinen Kopf und er schreckte auf.
„Was?"
„Harry, gehst du mit mir raus?"
„Was? Wieso?"
„Ich habe Hunger.", druckste Draco herum. Es war ihm peinlich, doch was sollte er machen? Sein Körper verlangte nach Blut, nach dem er ja soviel an Harry abgetreten hatte.
„Oh, okay. Komm, Draco."
Beide erhoben sich und verabschiedeten sich von den Dreien.
„Kommt so schnell es geht wieder, verstanden? Wir wissen nicht, was dort draußen vor sich geht."
Beide Jungen nickten Konstantin zu und verschwanden in der Nacht.

Entsetzt ließ das Mädchen das Tablett mit dem Geschirr fallen. Laut klirrend landete es auf dem Linoleumboden, wo die Teller und Gläser in lauter kleine Einzelteile zersprangen. Doch sie schien das gar nicht zu bemerken, denn ihre Augen waren in die Ferne gerichtet, ihr Mund stand weit offen und ihre Finger krallten sich in ihre weiße Schürze. Sie schüttelte sachte den Kopf, so als ob sie nicht glauben könnte, was gerade geschah.
„Karen.", schrie plötzlich ein dickleibiger Mann mit fettigen, schwarzen Haaren und gab dem Mädchen einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Sieh, was du gemacht hast. Ich werde es von deinem Lohn abziehen. Unzuverlässiges Weib.", schimpfte der Dicke vor sich hin und schubste sie auf die Knie, damit sie die Scherben aufsammeln konnte.
„Räum auf!"
Doch sie reagierte nicht, denn ihr Geist hatte sich von ihrem Körper getrennt und schweifte hektisch durch eine andere Dimension.

Ein „NEIN" entfleuchte ihren rosigen Lippen und sie riss panisch die Augen auf. Dann schüttelte sie sich, wankte kurz auf den Knien, bevor sie in die Höhe sprang und die Schürze von ihrem Körper löste und diese auf dem Boden schmiss.
„Ich kündige.", sprach sie trocken und trat durch die Scherben auf den Ausgang des Cafés zu.
„Das kannst du nicht machen, Karen. Du wirst für die paar Tage in diesem Monat keinen Lohn kriegen."
„Stecken Sie sich das Geld in den Arsch.", schrie sie noch, bevor sie mit eiligen Schritten das Café verließ und sich Richtung Stadtrand begab. Sie lief schnell durch die Straßen, wusste instinktiv, wo sie lang rannte, doch wieso gab sie sich Mühe? Sie würde sowieso zu spät kommen, nur Sekunden zu spät. Und trotzdem sprintete sie durch die leeren Straßen, als ob der Teufel hinter ihr her wäre. Eine Glocke schlug in der Ferne elf Uhr abends.
Nein, sie durfte nicht zu spät kommen… Doch so würde es passieren.

Kleine Tränen standen ihr in den hellen, blauen Augen, die sie einfach wegwischte.
„Bitte, du darfst ihn nicht gehen lassen.", hauchte sie und strich sich eine ihrer dunkelbraunen Haarsträhnen hinter das Ohr.
„Du musst ihn aufhalten. Wenn er zu ihm geht, dann ist alles verloren."
Doch ihr Verstand wusste, dass alles vergebens war. Alles würde so eintreten, wie sie es gerade eben vorausgesehen hatte. Der kleine Stein wurde losgetreten, der alles ins Rollen bringen konnte, und es tun würde.
Sie würde zu spät kommen, so wie sie immer zu spät kam.