Titel: ...und der Ring
Autor: Noir13 / Se.Ka.Ya.
Disclaimer: Alle bekannten Personen, Namen, Orte und Begriffe sind Eigentum von J. K. Rowling.
Beta: Serpens
Hauptcharakter: Godric Gryffindor
Rating: PG12
Warnung: vielleicht AU
Kapitel: 2/2


...und der Ring

Wer vor seiner Vergangenheit flieht, verliert immer das Rennen.

Wiedereinmal sah Godric aus dem Fenster. Seine Räume hatten einen wunderschönen Ausblick auf das Schlossgelände. Von hier aus konnte er den Wald sehen, aus dem sich ab und zu ein Einhorn hervorwagte. Er konnte auch den See sehen, an welchem die Schüler sich lachend vergnügten. Insgesamt war es ein idyllischer Anblick. Es gab nichts, was diese Idylle störte. Es gab nur fröhliche, lachende Gesichter zu sehen, die Natur blühte auf. Und doch war Godric betrübt. Der Anblick der Schüler, die scherzten und spielten, stimmte ihn traurig, war es doch etwas, was nicht so sein sollte.

Natürlich hatten die Schüler bereits Kenntnis davon, dass Salazar gegangen war. Vor allem jene, die in Salazars Haus, Slytherin, waren, wussten davon. Selbstverständlich, denn immerhin war er derjenige gewesen, den sie bei Problemen angesprochen hatten. Er war etwas wie der liebende Onkel für die Schüler gewesen, der sich um die Kinder kümmerte, der nette Großvater, der mit Rat und Tat zur Seite stand, ja, vielleicht sogar etwas wie ein Ersatzvater, der jene unter seine Fittiche nahm, die niemanden sonst hatten. Salazar war wirklich immer für seine Schüler da gewesen. Zwar war das größtenteils auf sein eigenes Haus bezogen, doch sein Verantwortungsgefühl war wirklich bemerkenswert gewesen. Er hatte eigentlich immer gewusst, wie es um seine Schüler stand. Teilweise hatte er auch die Schüler aus den anderen Häusern angehört, wenn diese einfach nicht mit ihrem Hausvorstand sprechen wollten. Vielleicht war er manchmal nicht besonders umgänglich gewesen, doch er hatte immer versucht, den Schülern zu helfen. Ja, Salazar hatte das Unterrichten geliebt und war mit Leib und Seele bei seiner Arbeit gewesen, sowohl als Lehrer als auch als Vertrauensperson. Dass er fort war, war ein schwerer Schlag für die Schüler. Doch sie überspielten es mit Fröhlichkeit. Und es gelang ihnen doch recht gut.

Godric seufzte schwer und wandte seinen Blick ab. Es stimmte ihn nach wie vor wehmütig, zu sehen, wie Hogwarts scheinbar auch ohne Salazar aufblühte. Dabei war er ein Teil von Hogwarts, ein Teil der Schule, eine der vier Säulen, die ihr Werk trugen – ohne ihn war ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Wie könnte Hogwarts bestehen, wenn es nur noch drei Gründer gab? Salazar war ein Teil des Ganzen, ohne ihn würde es nie mehr dasselbe sein. Es war unmöglich, je wieder von Hogwarts in seiner ursprünglichen Form zu reden. Für Godric würde es nunmehr nur noch der Zusammenschluss von den drei verbliebenen sein. Hogwarts war mit Salazar fortgegangen. Es war fort und würde nie mehr zurückkommen – nicht ohne Salazar Slytherin, dem vierten der Gründer Hogwarts'. Es war mit den vier Häusern Hogwarts' so wie mit den vier Elementen, nur gemeinsam konnten sie ein Ganzes bilden.

Was war falsch gelaufen, dass eine so starke Freundschaft wie die ihre so leicht gestört werden konnte? Waren sie zu stolz gewesen? Oder war es einfach die logische Konsequenz aus ihren vollkommen unterschiedlichen Charakteren gewesen? Konnten sie nicht dauerhaft beieinander bleiben? Es war nicht das erste Mal, dass sie gestritten hatten. Es wäre auch nicht das letzte Mal gewesen, wenn Salazar geblieben wäre. Bei ihren so gegensätzlichen Charakteren war Streit vorprogrammiert. Aber bisher hatten sie sich immer wieder vertragen, hatten sich nie so heftig gestritten, als dass eine Kluft zwischen ihnen entstanden wäre. Es waren eher freundschaftliche Zänkereien gewesen. Doch das letzte Mal war es anders gewesen, er hatte es gespürt. Es war bitterer Ernst gewesen, so ernst, dass sie sich im Streit getrennt hatten. Eine Chance auf Versöhnung gab es nicht.

Sein Blick wanderte zu einer Holzschatulle. Es war ein recht einfaches Kästchen, ohne Verzierungen, ohne Schnitzereien. Ja, es hatte noch nicht einmal ein Schloss. Es war einfach ein simples Kästchen aus dunklem Holz. Dunkel, ja. Salazar hatte immer die Rolle des Dunklen eingenommen, hatte sich in den Kerkern einquartiert. Doch auch wenn Salazar dunkel gewesen sein mochte, 'böse' war er keinesfalls. Vielleicht war Salazar ein wenig mürrisch, vielleicht war er auch biestig zuweilen, vielleicht war er ein ziemlicher Pessimist. Er mochte vieles sein, vieles, was auch negativ gewertet werden konnte, doch er war auf keinen Fall als 'böse' zu betiteln. Godric wäre niemals auf die Idee gekommen, ihn so zu nennen. Selbst wenn sie sich gestritten hatten, wenn ihre Freundschaft verloren war – so etwas würde er niemals von Salazar Slytherin denken. Dazu kannte er ihn einfach zu gut.

Sanft strichen seine Finger über die Schatulle. Beinahe liebevoll, könnte man sagen. Seine Finger wanderten zur Klappe, strichen darüber und zögerten. Godric wusste was darin lag, er selbst hatte es in das Kästchen gelegt an dem Tag, an dem Salazar fortgegangen war. Er war damals sehr wütend gewesen, er erinnerte sich noch genau daran. Voller Wut hatte er ihn in das Kästchen geworfen und sich geschworen die Schatulle niemals wieder zu öffnen, nicht, bevor Salazar nicht zurückgekehrt war und sich entschuldigt hatte für das, was er gesagt und getan hatte. Godric erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen. Und er wusste, auch wenn er seinen Schwur inzwischen bereute, er würde ihn nicht brechen. Er hielt sein Wort. Er hielt es genauso eisern, wie es Salazar hielt. Wenn es etwas gab, was sie gemeinsam hatten, dann war es ihr Stolz und ihr Bestreben die eigene Ehre hochzuhalten. Und das war ihr größter Fehler gewesen. Zu stolz, um sich zu beugen, zu sehr von sich überzeugt, um über ihren Schatten zu springen.

Was hatte Rowena ihm einst gesagt? Der Stolz hatte viele Leben gekostet, und doch nicht eines gerettet. Nun hatte sie eine Freundschaft gekostet, kein Leben. Doch was war ein Leben ohne Freundschaft? Es war eine bloße Existenz geworden. Godric hatte das Gefühl, nur noch zu existieren – doch er konnte nicht losziehen und Salazar suchen. Er hatte Salazar nachgeschrieen, als dieser gegangen war. Er hatte ihm zornentbrannt hinterhergebrüllt. Er solle ja nicht erwarten, dass er sich Sorgen mache. Er solle ja nicht mehr herkommen, ohne sich dessen gewiss zu sein, dass er derjenige war, der die Schuld trug. Ja, das hatte Godric gesagt. Und er bereute diese Worte. Seine letzten Worte an seinen besten Freund. Er hätte ihn bitten sollen, zurückzukommen, hätte ihm alles Glück dieser Erde wünschen sollen. Er hätte ihm "Lebe wohl!" sagen sollen. Doch er hatte es nicht getan. Und er würde diese Worte auch niemals geraderücken können. Salazar sollte nicht glauben, dass er sich Sorgen machte. Nein, Salazar würde es wissen. Godric machte sich Sorgen. Sorgen und Vorwürfe. Und dennoch weigerte er sich, Salazars Geschenk noch einmal in die Hand zu nehmen.

Der Ring, den Salazar ihm geschenkt hatte, wie lange hatte er ihn an der Hand getragen? Er hatte ihn nie abgelegt, außer zum Waschen. In den ersten Tagen war es komisch gewesen, ohne ihn durch den Tag zu gehen, doch er war einfach zu stolz, um ihn aus der Schatulle zu nehmen. Es gab Augenblicke, da war er kurz davor, seinen Schwur an sich selbst zu brechen, doch dann siegte wieder der Stolz. Und irgendwie wollte er es auch fast schon gar nicht mehr. Es war so, als könnte er mit dem Ring die Erinnerungen an Salazar wegsperren, zumindest für einige Stunden, damit er nicht immerzu an ihn denken musste. Er wollte nicht an ihn denken, doch er schlich sich einfach so in seine Gedanken, ohne dass er es verhindern konnte.

Er könnte vermutlich eine detaillierte Beschreibung von Salazars Ring geben, einfach aus dem Gedächtnis heraus. Es gab Dinge, die vergaß man einfach, wenn man es tagtäglich vor Augen sah, doch Godric hatte zu viel Zeit damit verbracht, den Ring zu betrachten, ihn eingehend zu mustern. Er war nicht das, was viele als 'schön' bezeichnen würden, nein, das war er nicht – zumindest nicht nach fremden Maßstäben. Godric selbst befand ihn als so perfekt, wie er sein sollte. Kreisförmig und in Schlangenform, ein Gemisch aus Gold und Silber, ein Kunstwerk, wenn man wusste, wie man es zu deuten hatte. Er wusste es. Die Schlange, die sich in den Schwanz biss, war mehr als nur ein zweckmäßiges Bild, um einen Ring zu schaffen, es war ein Symbol. Und dass die Schlange aus Gold und Silber hergestellt war, war ganz sicher auch mehr symbolischer Natur als zweckmäßig. Godric wusste, dass Salazar mit diesem Ring ihm gegenüber hatte ausdrücken wollen, wie sehr sie doch zusammengehörten, wie tief ihre Freundschaft ging. Und das war auch einer der Gründe, warum Godric den Ring nicht mehr in die Hand nehmen wollte. Ein Symbol ihrer Freundschaft war in diesen Tagen fehl am Platz. Erst, wenn sie wieder gemeinsam, Seite an Seite, standen, dann würde er den Ring aus der Schatulle nehmen und ihn wieder tragen, als sichtbares Symbol dafür, dass sie Freunde waren.