Kapitel2

Endlich hatte sich die Dunkelheit der Nacht über Eriador gelegt. Langsam, um jedes Geräusch zu vermeiden öffnete Gilraen die Tür. Vorsichtig spähte sie hinaus um sich zu überzeugen, dass niemand ihre Flucht bemerken würde. Erleichtert stellte sie fest, dass sich niemand mehr draußen aufhielt und auch in den übrigen Hütten der Dúnedain alle Lichter erloschen waren. Die ganze Siedlung lag trotz dem tragischen Verlust vor zwei Tagen in friedlicher Ruhe.

Rasch trat Gilraen aus der Hütte, ihren Sohn im Arm. Die verstrichenen Stunden seitdem sie vom Tod ihres Mannes erfahren hatte, hatte sie damit verbracht, noch rasch einige Vorbereitungen für ihre eilige Flucht zu treffen während das Kind geschlafen hatte. Nun schien es allerdings hellwach zu sein.

"Oh, spazieren gehen, schön", krähte Aragorn unvermutet vergnügt los.

Gilraen versuchte, das Kind zur Ruhe zu ermahnen: "Pst, mein Kleiner. Ich zeige dir jetzt ein neues Spiel: Wir spielen, dass niemand bemerken darf, dass wir heute einen kleinen Ausflug machen. Hast du Lust?"

"Au ja, mit Mutter spielen, toll."

"Gut, aber du musst jetzt ganz leise sein, sonst haben wir das Spiel verloren, und das willst du doch nicht, oder?"

Aragorn starrte sie mit großen Augen an, presste dann die Lippen fest aufeinander und schüttelte energisch den Kopf ohne dass ein Laut über seine Lippen gekommen wäre.

Sie hatten den Rand der kleinen Siedlung erreicht als Gilraen stehen blieb. Sie drehte sich um und warf einen langen Blick zurück zu der Hütte, in der sie die vergangenen vier Jahre mit Arathorn gelebt hatte und in der zwei Jahre nach ihrer Vermählung ihr Sohn geboren worden war.

Ihre Gedanken schweiften zurück zu dem Augenblick, als sie diese Hütte gemeinsam mit Arathorn zum ersten Mal betreten hatte. Das war nur wenige Tage nach ihrer Heirat gewesen.

Die Heirat, die schließlich doch noch stattgefunden hatte obwohl ihr Vater Dírhael nicht gerade begeistert davon war, seine Tochter, die erst 22 Jahre zählte, so früh heiraten zu lassen. Für gewöhnlich heirateten die Töchter der Dúnedain erst in höherem Alter. Erst seine Frau Ivorwen, Gilraens Mutter, hatte ihn überzeugen können.

Gilraen sah Arathorn vor sich, wie er vor ihr stand, sie bei den Händen nahm und in die Hütte führte.

Dann standen ihr plötzlich ein anderes Bild vor Augen. Es war genau zwei Jahre später: Arathorn, wie er stolz seinen neugeborenen Sohn in den Armen hielt.

Sie musste daran denken, wie er im letzten Winter zusammen mit Aragorn auf dem Boden der Hütte gesessen hatte um stundenlang mit ihm zu spielen.

Zu guter Letzt sah sie ihren Mann vor sich, als er sich vor fünf Tagen von ihr verabschiedet hatte. Er hatte seinen Sohn auf das pechschwarze Haar geküsst und schließlich seine Frau in den Arm genommen. In diesem Moment hatte Gilraen eine böse Vorahnung gepackt. Als hätte Arathorn bemerkt, was in ihr vorging hatte er leise gesagt: "Hab keine Angst um mich. Ich verspreche euch, dass ich wieder zu euch zurück komme."

Gilraen spürte, wie ihr erneut die Tränen in die Augen stiegen.

Aragorn wurde indessen unruhig. Durch seine Bewegungen aufgeschreckt kehrte Gilraen in die Wirklichkeit zurück. Rasch drehte sie sich wieder um und ließ die kleine Siedlung hinter sich. Nur wenige Schritte und der Wald würde ihr Deckung geben. Sie hatte bereits viel zu lange gezögert, die kleine Ansiedlung von Hütten und damit ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich zu lassen.

Gilraen wusste, dass von hier aus bis Bruchtal etwa 200 Meilen zu überwinden waren, eine Entfernung, die man in etwa vier Tagen hinter sich bringen konnte. Sie wusste aber auch, dass sie die Straße besser meiden sollte, sobald am Morgen die verlassene Hütte entdeckt wurde. Außerdem konnte sie sich selbst und ihrem Kind unmöglich einen solchen Gewaltmarsch zumuten.

Nachdem sie alles notwendige zusammengepackt hatte, hatte sie die alte Karte von Mittelerde aus der Truhe gezogen und sich überlegt, auf welchem Weg sie nach Bruchtal gelangen konnte. Der einfachste Weg wäre natürlich gewesen, nach Süden zur Großen Oststraße zu reisen und dann immer nur der Straße bis nach Bruchtal zu folgen. Doch diese Möglichkeit schied aus. Sie hatte sich entschieden, den direkten Weg nach Südosten zu wählen.

Den Wald, der die kleine Dúnedainansiedlung umgab, kannte sie von zahlreichen Ausflügen mit ihrem Mann auch in der Dunkelheit gut genug, um sich sicher zu sein, welche Richtung sie nehmen musste.

Eine Weile ging sie schweigend weiter. Dann meldete sich ihr Sohn: "Haben wir Spiel gewonnen? Will nich mehr, wird langweilig!"

"Ja, wir haben gewonnen. Das hast du gut gemacht. Jetzt musst du nicht mehr ruhig sein."

Aragorn strahlte sie an. Dann stellte er die Frage, die ihm schon seit dem Aufbruch zu diesem spannenden Ausflug durch den Kopf ging: "Wo ist Vater? Will bestimmt mit. Wir müssen warten."

In diesem Moment fiel Gilraen ein, dass sie ihrem kleinen Sohn irgendwie klar machen musste, dass sein Vater nie wieder zurück kommen würde. Sie beschloss, es ihm in einem ruhigen Augenblick während der nächsten Rast beizubringen. "Vater kann heute nicht mitkommen. Wir beide müssen alleine gehen"

Gilraen lief die ganze Nacht durch. Als sich die Dämmerung mit einem bleichen Schimmer am östlichen Himmel ankündigte, beschloss Gilraen, die erste Rast einzulegen. Sie hatten sich inzwischen weit genug von der Siedlung entfernt um wenigstens ein paar Stunden auszuruhen. Aragorn war schon ein paar Stunden zuvor in ihren Armen eingeschlafen.

Gilraen nahm eine Wolldecke aus dem Beutel und breitete sie auf dem weichen Waldboden aus und legte ihren schlafenden Sohn auf die weiche Unterlage. Sofort drehte er sich auf die Seite und rollte sich wie ein kleiner Igel zusammen, wie er es immer tat wenn er schlief. Gilraen glitt ein Lächeln übers Gesicht. Sie nahm ihren Umhang ab, legte sich neben ihren Sohn und deckte beide mit dem dicken Umhang zu. Sofort fiel sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Sie erwachte durch ein leises Stimmchen dicht neben ihrem Ohr, das ein altes Kinderlied vor sich hin sang.

Aragorn saß auf der Decke, spielte mit dem Zipfel von Gilraens Umhang und seinem eigenen und sang dabei leise ein Lied, dass seine Mutter ihm oft beim einschlafen vorsang.

"Oh, ich hab Mutter geweckt. Suldigung."

Gilraen hatte das Gefühl, ihrem Sohn sein schlechtes Gewissen nehmen zu müssen: "Nein, du hast mich nicht geweckt. Wir müssen sowieso bald weiter."

"Kommt Vater denn heute su uns?"

Die Hoffnung, die in dieser einfachen Frage lag, trieb Gilraen wieder die Tränen in die Augen. Sie musste ihrem Sohn die Wahrheit sagen.

"Nein, Aragorn, Vater kommt auch heute nicht. Ich muss dir jetzt was Trauriges sagen. Vater hatte vor ein paar Tagen einen Kampf mit Orks. Er hat dir ja erklärt, dass die Orks böse Kreaturen sind und dass er deswegen so oft gegen sie kämpfen muss."

Aragorn nickte eifrig und fügte hinzu: "Wenn ich groß sein, mach ich auch gans viele Orks kabudd!"

"Da bin ich mir ganz sicher. Aber ein Ork hat Vater mit einem Pfeil getroffen und das hat deinem Vater sehr wehgetan. Keiner von den anderen konnte ihm helfen. Das haben die Valar gesehen und Mandos hat es auch gefallen, dass dein Vater so ein guter Kämpfer mit dem Schwert ist und darum hat er ihn zu sich nach Valinor geholt um ihn von seinen Schmerzen zu heilen. Darum kann Vater nicht mehr zu uns zurückkommen. Aber ich weiß ganz genau, dass er uns von Valinor her zusieht ."

In Aragorns graue Augen stiegen Tränen. "Kommt gar nich mehr wieder?", fragte er leise.

"Nein, aber er wird immer bei dir sein und auf dich aufpassen."

Die Sonne stand inzwischen schon hoch am Himmel. Gilraen entschied, dass es Zeit wurde, weiter zu gehen.

Nachdem sie Aragorn etwas zu essen gegeben hatte und schnell selbst eine Kleinigkeit zu sich genommen hatte, packte sie die wenigen Sachen zusammen um sich wieder auf den Weg zu machen.

Als sie einen kleinen Rest Brot verstauen wollte stieß ihre Hand gegen einen kühlen, metallischen Gegenstand. Im ersten Moment hatte sie keine Ahnung, was sich da in ihrer Hand befand bis ihr wieder einfiel, dass sie kurz vor ihrem Aufbruch einen kleinen aber scharfen Dolch ihres Mannes bei seinen Sachen hatte liegen sehen. Ihrem Instinkt folgend hatte sie die Waffe eingesteckt. So war sie wenigstens in der Lage, sich und ihr Kind verteidigen zu können, sollte es drauf ankommen. Ein Dolch hätte zwar kaum Chancen gegen die Schwerter der Orks oder noch schlimmerer Kreaturen, aber es war ein beruhigendes Gefühl, die Waffe in ihrer Nähe zu wissen.

Arathorn hatte ihr schon zu Anfang ihrer Ehe beigebracht, wie man mit einer solchen Waffe umzugehen hatte. Sie nahm den Dolch in seiner Scheide heraus und steckte ihn an ihren Gürtel um ihn im Fall der Fälle griffbereit zu haben.

Gilraen sah hinauf zur Sonne, um sich über die Richtung, die sie einschlagen mussten sicher zu sein.

Sie nahm Aragorn an die Hand und schlug die südöstliche Richtung ein.

Tbc

Pemaroth: Danke für die Review.

Ich fand es auch immer schade, dass Tolkien so wenig über Gilraen und Aragorns Geschichte schreibt. Das hat mich auf die Idee zu dieser Geschichte

gebracht. Alllerdings glaube ich allmählich, du bist mein einziger Leser.