Kapitel 6

Auf ihr Gefühle vertrauend näherte sich Gilraen sehr vorsichtig ihrem improvisierten Lager. Noch außer Sichtweite der kleinen Lichtung, auf der sie in dieser Nacht geschlafen hatten, blieb Gilraen stehen. Sie kniete sich nieder und sah ihren Sohn an, der immer noch tropfend vor ihr stand.

"Jetzt müssen wir noch mal ganz leise sein. Es kann sein, dass wir unerwünschten Besuch bekommen haben, und dann wollen wir ja nicht, dass sie uns hören, oder?"

Aragorn grinste, presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Gilraen erhob sich wieder und nahm ihren Sohn an die Hand. Es hätte keinen Sinn gehabt, dem Kind Angst zu machen, indem sie ihm erzählte, dass womöglich Orks in der Nähe waren.

Vorsichtig und sehr leise ging Gilraen weiter. Die Lichtung lag nun direkt vor ihr. Alles war so, wie sie es auf der Suche nach Aragorn zuvor verlassen hatte.

Kurz bevor sie ihr Lager erreichte, hielt Gilraen noch mal an. Misstrauisch beobachtete sie die kleine Lichtung. Nichts geschah, die Lichtung lag friedlich da.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, aber immer noch beunruhigt betrat Gilraen ihr provisorisches Lager.

Doch in diesem Moment brach auf der kleinen Lichtung ein unbeschreibliches Chaos aus. Mit lautem Gebrüll stürmten plötzlich Orks von überall her auf Gilraen und ihren Sohn los.

So schnell wie noch nie zuvor legten Elladan und Elrohir den Weg zu den Trollhöhen zurück. Sie ließen sich gerade genug Zeit um sich zu vergewissern, dass sie sich noch auf dem richtigen Weg befanden.

Es war etwa gegen Mittag, als Elrohir plötzlich sein Pferd zum halten brachte. Auch sein Bruder kam kurz hinter ihm zum stehen.

"Bitte sag mir jetzt, dass du nicht das gleiche wie ich hörst!", wandte Elrohir sich an seinen Zwilling.

"Wenn du den Lärm meinst, der so klingt als wäre da vorne ein Kampf im Gange, dann muss ich dich enttäuschen. Wir haben wohl die Orks eingeholt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie sich gerade nur gegenseitig an die Gurgel gehen und nicht auf Gilraen und Aragorn getroffen sind", meinte Elladan.

Ohne weitere Worte setzten die beiden Elben ihre Pferde wieder in Bewegung und ritten auf die kleine Lichtung zu, von der der Lärm kam.

Nachdem das erste Entsetzen abgeflaut war hatte Gilraen nur noch instinktiv gehandelt. Bevor eine der Bestien ihren Sohn erreichen konnte, hatte sie sich schützend vor ihn gestellt, den kleinen Dolch ihres Mannes in der Hand, den sie seit ein paar Tagen stets mit sich führte.

Die Orks jedoch amüsierte dieser Anblick.

"Glaubst du wirklich, du könntest mit diesem Ding was gegen uns ausrichten?" Mit diesen Worten und einem höhnischen Grinsen griff der erste Ork, der wohl der Anführer dieses Haufens zu sein schien, an. Es sah ganz so aus, als wollte er sich den Verdienst Isildurs letzten lebenden Erben und seine Mutter zu töten ganz alleine sichern. Doch er hatte nicht mit Gilraens Mutterinstinkt gerechnet.

Ohne nachzudenken hielt sie ihre Waffe vor sich und bevor sie begreifen konnte was geschah, fühlte sie, wie die scharfe Spitze des Dolchs die Haut des angreifenden Orks durchbohrte. Der eigene Schwung der Bestie trieb die Waffe noch tiefer in die Brust des Orks und durchstach das Herz. Mit einer ruckartigen Bewegung riss Gilraen ihren Dolch aus der Brust des toten Orks, noch bevor dieser auf dem Boden aufkam.

Auch der zweite Ork der angriff, lag bald mit einer tödlichen Stichwunde auf dem weichen Waldboden.

Der Angriff kam für kurze Zeit ins Stocken. Die Orks hatten nie damit gerechnet, dass Gilraen sich wehren könnte, noch viel weniger hatten sie erwartet, diese scheinbar so leichte Aufgabe mit dem Leben bezahlen zu müssen.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Orks sich wieder im Griff hatten. Sie beschränkten sich nicht mehr darauf, einem von ihnen den Angriff zu überlassen sondern griffen nun alle gleichzeitig und von allen Richtungen aus an.

In diesem Augenblick wusste Gilraen, dass sie und Aragorn verloren waren, wenn nicht ein Wunder geschehen würde. Ihr gelang es zwar, mit dem Dolch ihres Mannes noch zwei weitere Orks zu töten, doch es war nur eine Frage der Zeit bis Gilraen von den Bestien überwältigt und selbst getötet werden würde. Sie wusste, dass dann auch ihrem kleinen Sohn das gleiche grausame Schicksal bevorstehen würde, da ja vor allem ihm dieser Angriff galt.

Die angreifende Horde umzingelte sie und trieb sie langsam aber sicher von ihrem Sohn fort.

Nur aus den Augenwinkeln nahm Gilraen wahr, dass es einem der Orks gelungen war, sich an Aragorn heranzuschleichen. Der Kleine versuchte zwar, sich nach besten Kräften zu wehren, indem er Steine vom Boden aufsammelte, mit denen er die Orks bewarf, doch die Bestie ließ sich nicht davon beeindrucken und näherte sich unerbittlich mit erhobenem Schwert.

In dem Moment, als Gilraen einen weiteren Feind tot zu Boden schickte, bemerkte sie mit tiefem Entsetzen, wie der Ork, der Aragorn inzwischen erreicht hatte, seine Waffe hob und zum tödlichen Schlag gegen das Kind ausholte, um den letzten lebenden Erben Isildurs umzubringen.

Schon war die Klinge im Begriff unerbittlich auf den Jungen niederzugehen, als der Ork plötzlich mitten in seiner Bewegung erstarrte, das Schwert nur knapp vor Aragorns Kehle. Ein über alle Maßen erstaunter Ausdruck lag auf dem Gesicht des Orks bevor er schließlich tot zusammenbrach und sein Schwert unter sich begrub, ohne dem Kind auch nur ein Haar gekrümmt zu haben. Aus dem Rücken des Orks ragte ein Pfeil, unverkennbar elbischer Herkunft!

Gilraen fühlte eine unendlich große Erleichterung.

Bevor die Orks sich von dieser unliebsamen Überraschung erholen konnten tauchten Elladan und Elrohir zwischen den Bäumen auf. Während Elladan in seinen Köcher griff um den nächsten Pfeil herauszuholen fiel der nächste Ork tot zu Boden, diesmal mit Elrohirs Pfeil im Rücken.

Im Nu vergaßen die Orks ihren eigentlichen Auftrag und stürzten sich auf die beiden Elben. Doch in ihrem blinden Angriff fiel ein Ork nach dem anderen durch die tödlichen Pfeile der beiden Elben.

Gilraen nutzte diese Gelegenheit. Sie rammte dem letzten Ork, der noch immer vor ihr stand und nur langsam begriff, was da vor sich ging, den Dolch in die Brust, zog die Waffe wieder heraus und lief zurück zu Aragorn.

Sie nahm das Kind auf den Arm und suchte Deckung in dem dichten Gebüsch, das die Lichtung umgab.

Erst hier wagte sie, ihre Erleichterung mit einem tiefen Seufzer zum Ausdruck zu bringen.

Besorgt musterte sie ihr Kind. Doch Aragorn schien wie durch ein Wunder unverletzt zu sein. Fasziniert beobachtet er, wie Elronds Söhne einen Ork nach dem anderen töteten.

Elladan und Elrohir hatten inzwischen Pfeil und Bogen beiseite gelegt und kämpften nun ebenfalls mit Schwertern. Doch auch jetzt hatten die Orks keine Gelegenheit, die beiden Elben zu überwältigen. Immer mehr tote Orks bedeckten den Boden der kleinen Lichtung.

Aragorn hatte schließlich genug vom zusehen. Von Gilraen unbemerkt hatte er eine Hand voll Steine mitgenommen. Nun stand er auf, nahm einen der Steine in die rechte Hand und zielte damit auf einen der wenigen noch lebenden Orks. Doch bevor er sein Geschoss über die Lichtung schicken konnte hielt Gilraen seinen Arm fest. Fragend sah Aragorn seine Mutter an.

"Nein, du musst noch ein bisschen warten, bis du gegen die Orks kämpfen kannst. Lass das heute mal lieber Elladan und Elrohir machen. Wenn du die Orks jetzt bewirfst werden sie nur wieder auf uns aufmerksam."

Enttäuscht ließ Aragorn seine Steine fallen und ließ sich wieder neben seiner Mutter nieder. Es dauerte nur ein paar Augenblicke bis Aragorn seinen Kopf in den Schoß seiner Mutter legte und ungeachtet des Kampfes, der sich nun langsam seinem Ende zuneigte, fest einschlief.

Auch in Bruchtal machte sich eine gewisse Unruhe breit, die sich mit der Trauer um Arathorn mischte, die heute noch größer als an den vorherigen Tagen war. Heute Morgen hatte man den 15. Stammesführer der Dúnedain zu Grabe getragen.

Gleichzeitig mit der Nachricht vom Tod Arathorns hatte Glorfindel auch die schlechte Botschaft überbracht, dass der Angriff auf die Elben und Dúnedain offenbar von langer Hand geplant gewesen war und dem Zweck gedient hatte, Isildurs Erben in Mittelerde zu vernichten.

Sofort war vor Elrond Aragorns Gesicht aufgetaucht. Und als hätte Glorfindel geahnt, woran Elrond in diesem Moment gedacht hatte, hatte er hinzugefügt, dass Elladan und Elrohir bereits auf dem Weg waren um Gilraen und ihren Sohn sicher nach Bruchtal zu bringen.

Im ersten Moment war Elrond erleichtert gewesen, doch einige Augenblicke später hatten sich dem Elbenherrn erschreckende Bilder gezeigt.

Gilraen, wie sie auf einer Lichtung von unzähligen Orks angegriffen wurde, Aragorn hinter seiner Mutter auf dem Boden sitzend.

Dann, wie um die Dramatik dieser Bilder noch zu verstärken verblassten sie plötzlich und die Gestalt eines dunklen Reiters, der in mörderischem Tempo den schmalen Weg entlang preschte, erschien.

Sofort war Elrond klar, um welches schreckliche Geschöpf es sich handeln musste.

Anfangs hatte er einfach versucht, diese Bilder zu vergessen, doch die Erfahrung von mehreren tausend Jahren sagte ihm, dass diese Bilder ernst zu nehmen waren.

Tbc

Pemaroth: Tja, ich hab zwar versucht mich zu beeilen, aber in der Uni ist in der letzten Zeit der totale Stress ausgebrochen (ich LIEBE Klausuren). Also entschuldige ich mich für die Verspätung und dafür, dass dieses Kapitel kurz geraten ist.

Zum Thema "Nazgul oder kein Nazgul" halt ich mich noch ein bisschen zurück ;-)

Danke für den Tip, damit könnte man diesen dummen Fehler mit den Orks wirklich ausbügeln :-)

Liderphin: Ja, ich hab eine Schwester, die 5 Jahre jünger ist als ich, aber vielleicht waren auch meine Vorlesungen in der Uni nicht ganz umsonst :-)

Ich hoffe, ich konnte in diesem Kapitel zumindest ein paar Fragen beantworten.

So war das nicht gemeint, ich bin doch dankbar für jeden Tip :-)

Naja, ich tu mir nur immer so schwer mit der Beschreibung von solchen Kampfszenen, auch in meinen anderen Fanfiction. Dauert halt immer lange bis ich mit so einer Stelle einigermaßen zufrieden bin.