Kapitel8

Elladan erwachte als erster aus der Erstarrung, die alle nach der schrecklichen Erkenntnis, dass ein noch viel grausamerer Verfolger hinter ihnen war befallen hatte.

"Los, wir sollten so schnell wie möglich diesen Ort hinter uns lassen. Ich glaube nicht, dass dieser Nazgûl schon so nahe ist, dass er uns wittern kann, aber die übrigen acht sind vielleicht auch auf der Suche nach uns."

Die kleine Gruppe setzte sich wieder in Bewegung, diesmal jedoch in wesentlich höherem Tempo.

Selbst Aragorn schien die allgemeine Beunruhigung zu teilen. Seit der gespenstische Schrei erklungen war hatte der Junge keinen Laut mehr von sich gegeben und war immer wieder unruhig im Sattel hin und her gerutscht.

Alle Gespräche waren verstummt. Nach einer Weile jedoch brach Elrohir das unheimliche Schweigen.

"Wir haben bald die Bruinenfurt erreicht. Sobald wir an dieser Stelle den Fluss überquert haben, sind wir in Sicherheit. Dort schützt uns die Macht Bruchtals. Die Nazgûl werden es nicht wagen, uns über die Lautwasser zu folgen."

Die Worte des Elben beruhigten Gilraen ein wenig. Doch die Erinnerung an den schrecklichen Schrei, der plötzlich ertönt war, war noch zu frisch.

"Und was ist, wenn uns eine dieser Kreaturen vor der Furt findet?", stellte sie schließlich die Frage, die sie beschäftigte.

"Seid unbesorgt. Wir werden die Furt bald erreichen und noch ist keiner der Ringgeister in unmittelbarer Nähe", versicherte Elladan.

Gilraen atmete erleichtert auf. Sie ahnte jedoch nicht, was Elladan vorerst unausgesprochen ließ, obwohl es sowohl ihn als auch seinen Zwilling sehr beunruhigte. Selbst wenn sie das scharfe Tempo beibehalten könnten würden sie die Furt nicht vor Anbruch der Dunkelheit erreichen. Elronds Söhne waren sich jedoch darin einig, dass sie Gilraen und ihrem kleinen Sohn keinen Gewaltmarsch bei Nacht durch den Wald zumuten wollten. Gilraen war die Erschöpfung bereits deutlich anzumerken. Auch Aragorn war die Müdigkeit anzusehen.

Das bedeutete jedoch, dass sie die Nacht im Wald verbringen mussten. Und die Zwillinge wussten nur zu gut, dass sowohl die Dunkelheit als auch die Einsamkeit des Waldes die Macht der Nazgûl verstärkte.

Im Westen senkte sich langsam die Sonne. Doch noch war es hell, und auch wenn sie die Lautwasser unmöglich noch bei Tageslicht erreichen konnten, so wollten Elladan und Elrohir doch zumindest den Fluss in ihrer Nähe wissen.

Die Gruppe verfiel wieder in Schweigen. Doch diesmal haftete der Stille nichts unheimliches mehr an. Erst jetzt bemerkte Gilraen, dass die Furcht, die wie eine kalte Hand nach ihr gegriffen hatte endlich etwas nachließ. Das Wissen jedoch, welches Geschöpf der Dunkle Herrscher ausgesandt hatte um Isildurs Erben zu beseitigen, lastete auf Gilraens Herz wie ein dunkler Schatten.

Eine leichte Berührung an ihrem Arm riss sie aus ihren düsteren Gedanken. Sie sah auf und bemerkte, dass Elladan zu erraten schien, was sie beschäftigte.

"Die Nazgûl werden Eurem Sohn nicht zu nahe kommen. Nicht solange es in unserer Macht steht, das zu verhindern", versicherte Elladan ihr.

Irgendetwas in Elladans Stimme sagte Gilraen, dass Elronds Söhne notfalls sogar den Kampf gegen diese gefährlichen Gegner aufnehmen würden um wenigstens den Sohn ihres gefallenen Freundes retten zu können.

Auch in Bruchtal neigte sich der Tag, als Elrond seine unruhige Wanderung auf einem der unzähligen Balkone von Imladris erneut aufnahm.

Glorfindel sah stirnrunzelnd von der Karte des Nebelgebirges auf, über der er gebeugt saß. Ursprünglich hatten er und der Herr von Bruchtal herausfinden wollen auf welchem Weg die Orks vom Nebelgebirge so weit nach Eriador hatten vordringen können. Es war den Elben auch ein Rätsel, wie die Orks den Weg geschafft hatten ohne von einem der zahlreichen Späher der Elben und Dúnedain entdeckt zu werden bis sie schließlich Arathorn und zahlreiche Elben und Menschen in den tödlichen Hinterhalt hatten locken können und ob es möglich war, dass noch mehr Orks in Eriador herumstreiften. Doch schon bald war Glorfindel aufgefallen, dass Elrond nicht so recht bei der Sache zu sein schien. Dieser Verdacht hatte sich bestätigt als der Halbelb kurz darauf begonnen hatte nervös auf und ab zu gehen, was er bereits mehrmals an diesem Tag getan hatte.

"Ich glaube, wir sollten für heute hier aufhören. Ihr scheint mit etwas anderem beschäftigt zu sein als mit dem Problem, wie die Orks es geschafft haben von unseren Patrouillen nicht entdeckt zu werden", stellte Glorfindel schließlich fest.

Der Halbelb hob den Kopf und sah den Elb aus Gondolin überrascht an.

"Es ist nichts", behauptete er.

Ein leichtes Lächeln bildete sich auf Glorfindels Lippen. Es gelang ihm nicht oft, den Herrn von Bruchtal zu durchschauen.

"Leugnet es nicht, man sieht es Euch an. Ihr macht Euch Sorgen um Arathorns Frau und seinen Sohn. Nun, ich denke, ich kann Euch etwas beruhigen. Elladan und Elrohir haben sich doch bereits vor einigen Tagen auf den Weg zu ihnen gemacht. Inzwischen dürften sie sie wohl gefunden haben.Und ich muss Euch sicher nicht an die Kampfkünste Eurer Söhne erinnern. Ihr wisst so gut wie ich, dass Elladan und Elrohir mit den Orks fertig werden."

Doch kaum dass er den Satz ausgesprochen hatte kam ihm ein furchtbarer Gedanke.

"Oder habt Ihr etwas gesehen?", fragte er beklommen.

Elrond war versucht, dies abzustreiten doch dann entschied er sich, Glorfindel von seiner letzten Vision zu erzählen, die sich seit Arathorns Begräbnis schon mehrmals gezeigt hatte. Vor allem die Bilder von einem schwarzen Reiter waren immer wieder vor seinen Augen aufgetaucht.

"Ja, ich habe etwas gesehen, und zwar einen Gegner, dem selbst meine Söhne in einem Nahkampf kaum gewachsen sein werden. Ich befürchte, mindestens ein Nazgûl ist auf der Suche nach Isildurs Erben und seiner Mutter" erklärte Elrond.

Glorfindel spürte tiefes Entsetzen über diese Neuigkeit in sich. Aus Erfahrung wusste er genauso gut wie Elrond, dass diese Visionen in den meisten Fällen ernst zu nehmen waren. Es kam nur sehr selten vor, dass der Herr von Bruchtal sich irrte.

"Es wäre doch nicht das erste Mal, dass Elladan und Elrohir einem Ringgeist gegenüber stehen. Sie wissen, welche Waffen sie gegen diese Kreaturen einsetzen müssen", versuchte Glorfindel Elrond und sich selbst zu beruhigen.

"Dann lasst uns hoffen, dass der Dunkle Herrscher glaubt, es sei keine allzu schwierige Aufgabe ein kleines Kind und seine Mutter umzubringen und dass er bloß einen Nazgûl ausgesandt hat. Denn es ist mir unmöglich, diese Geschöpfe zu unterscheiden und ich kann nicht sagen, ob ich einen einzigen oder mehrere Ringgeister in meinen Visionen sehe", meinte Elrond.

Eine Weile herrschte Schweigen auf dem Balkon, nur einige Vögel, die den Frieden Bruchtals trotz der schlechten Nachrichten der letzten Tage genossen, waren zu hören. Die beiden Elben hingen ihren Gedanken nach.

Schließlich ergriff Glorfindel das Wort: "Nun gut, ich werde veranlassen, dass alle, die offen gegen die Neun reiten können, ausgesandt werden um Euren Söhnen und Isildurs Erben entgegenzureiten. Ich selbst werde mich noch heute auf den Weg machen."

Inzwischen war die Sonne über Eriador untergegangen und die Dämmerung wich der Dunkelheit. Seitdem Gilraen die alleinige Verantwortung für die Flucht abgenommen war spürte sie, wie erschöpft sie wirklich war. Sie konnte ihre Erleichterung nur schwer verbergen als die kleine Gruppe schließlich einen geeigneten Platz für das Nachtlager fand und beschloss, dort zu bleiben.

Sie sah zu, wie Elrohir Aragorn von seinem Pferd hob und der Junge schließlich auf wackeligen Beinen auf dem Boden stand.

"Aragorn, komm her zu mir. Oder möchtest du nichts essen?"

Auch Aragorn machte einen müden Eindruck, doch bei der bloßen Erwähnung von Essen blickte er auf und lief strahlend zu seiner Mutter.

"Hab Hunger", betonte er.

Ungeduldig sah er zu, wie seine Mutter die letzten Vorräte, die sie von zuhause mitgenommen hatte auspackte und vor sich auf ihren ausgebreiteten Umhang legte. Schließlich entschied er, dass ihm das zu lange dauerte.

"Hab Hunger, hab Hunger, hab Hunger!", wiederholte er so lange bis Gilraen ihm ein kleines Stück Brot in den Mund stopfte. Sofort war er still und kaute andächtig auf dem Brot herum. "Smeckt gut!" erklärte er und griff nach dem nächsten Stück.

Gleich nach dem Essen war er jedoch nicht mehr dazu fähig, seine Augen offen zu halten. Er gähnte herzhaft, rollte sich auf dem Umhang seiner Mutter zusammen und war sofort eingeschlafen.

Elladan beobachtete ihn lächelnd bevor er sich an Gilraen wandte: "Ich glaube, Ihr solltet es Eurem Sohn gleichtun. Ihr seht ebenfalls sehr müde aus. Elrohir und ich werden heute Nacht Wache halten."

Nur zu gerne nahm Gilraen dieses Angebot an. "Danke", murmelte sie leise bevor sie sich neben ihren Sohn legte und ebenfalls sofort einschlief.

Es kam Gilraen so vor, als hätte sie nur wenige Stunden geschlafen, als sie plötzlich aus ihrem tiefen, traumlosen Schlaf gerissen wurde. Im ersten Moment fragte sie sich, wo sie eigentlich war und warum sie statt in ihrem Bett auf dem Boden lag, doch nach wenigen Augenblicken kehrte die Erinnerung an die vergangenen Tage wieder zurück.

Alarmiert sah sie sich um und erblickte Elrohir vor sich.

"Es tut mir leid, Euch wecken zu müssen, aber wir müssen weiter! Nazgûl sind in der Nähe!"

Erst jetzt bemerkte Gilraen, dass es im Wald merkwürdig still war. Eindeutig zu still, denn alle Geräusche, die sonst im Wald zu hören waren waren verstummt. Es war, als hätten sich sämtliche Tiere vor irgend etwas in ihren Unterschlupf zurückgezogen. Selbst die beiden Pferde machten einen nervösen Eindruck und tänzelten unruhig.

Gilraen spürte, wie das Entsetzen, das schon einmal vor ein paar Stunden wie ein dunkler Schatten nach ihr gegriffen hatte zurückkehrte. Etwas ungeheuer Böses war in der Nähe!

Elrohir hatte bereits dabei die wenigen Sachen, die noch verstreut herumlagen, eingepackt. Er sah kurz zu ihr auf.

"Nehmt das Kind und kommt", forderte er Gilraen auf und macht sich auf den Weg zu seinem Zwilling, der die Pferde bereit hielt.

Sie nahm Aragorn, der immer noch tief und fest schlief, auf den Arm und folgte Elrohir.

"Die Nazgûl sind näher als wir dachten. Es sind mindestens zwei, die hier herumstreifen. Wir haben sie vorhin mehrmals hören können, und sie kommen näher! Wir müssen so schnell wie möglich die Bruinenfurt erreichen", erklärte Elladan. "Steigt hinter meinem Bruder aufs Pferd, ich werde Aragorn nehmen. Zu Fuß können wir ihnen nicht mehr entkommen!"

Gilraen schluckte, dann nickte sie, gab Elladan ihren Sohn, der inzwischen aufgewacht war, in den Arm und stieg hinter Elrohir auf den Schimmel.

Elladan tröstete den verschlafenen Jungen kurz, da er angefangen hatte zu quengeln, setzte ihn auf das Pferd und stieg hinter ihm auf. Sofort setzen sich die beiden Pferde in Bewegung und bahnten sich scheinbar mühelos einen Weg durch das Unterholz.

Trotz des Tempos, mit dem sie sich zur Lautwasser hin bewegten fühlte Gilraen, dass die Furcht immer größer wurde. Auch die Elben schienen dies zu bemerken, und selbst die Pferde wurden immer nervöser. Schließlich blieben beide Schimmel stehen.

"Die Valar mögen uns beistehen, sie sind ganz nah!"

Wie um Elrohirs Worte zu unterstreichen teilten sich kurz hinter ihnen die Äste um eine furchterregende schwarze Gestalt hindurchzulassen, die mit heiserer Stimme zu ihnen sprach.

Tbc

Liderphin: Okay, diesmal hat's leider etwas lämger gedauert :-(. Ich hoffe, du hast in der Zeit keine viereckigen Augen bekommen, weil du so lange auf den Bildschirm starren musstest ;-).

Nach diesem Kapitel werden wohl noch zwei folgen. Ich kann Gilraen und Aragorn ja schließlich nicht ewig durch Eriador wandern lassen, irgendwann müssen die beiden ja mal in Bruchtal ankommen :-). Ich hab aber schon drei andere Stories in Planung, falls das jemanden interesiert.

Pemaroth: So, diesmal ein bisschen mehr Handlung (hoffe ich). Danke nochmal für's Beta-lesen.