03. Kapitel – Unerwartete Schwierigkeiten
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Je finsterer es in der Seele des Menschen ist, je dunkler das Leben um ihn sich gestaltet,
desto mehr lechzt er nach dem äußeren Licht. Die Augen aller Furcht weiten sich im Dunklen.
Paul Keller
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Eine Minute, bevor der Hogwartsexpress in King's Cross einfuhr, rannte Helen auf den Bahnsteig und zu einer Mauer, hinter der sie sich verstecken konnte. Hier würde sie niemand erkennen und sie konnte sich ganz unbesorgt unter die Schüler mischen. Merlin sei Dank, ihr Vater war noch nicht da gewesen. Meistens kam er immer zu spät; dann, wenn ihm einfiel, dass er ja eine Tochter hatte.
Schon von weitem war der Zug zu hören und Helen konnte eine gewisse Nervosität nicht mehr unterdrücken. Bislang war alles sehr gut gelaufen. Sie hatte Sirius gefunden, der ihr versprochen hatte, ihr zu helfen. Sie würde für ein paar Tage bei Peter Pettigrew unterkommen. Helen konnte sich noch an den kleinen, untersetzten Jungen erinnern. Er war ihr von Anfang an unsympathisch gewesen, doch darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. Wenn sie von ihrem Vater und damit dem zukünftigen Schicksal einer Todesserin entgehen wollte, dann musste sie Opfer bringen. Und wenn es zwei Nächte in Peter Pettigrews Wohnung war.
Der Zug hielt und die ersten Schüler strömten aus den Waggons. Die junge Hexe wartete, bis eine ganze Horde lärmender Schüler an ihr vorbeizog. Unauffällig schloss sie sich ihnen an. Noch immer war sie von ihrer Rennerei ganz außer Atem. Sie musste sich schleunigst beruhigen, es würde sonst unangenehme Fragen aufwerfen.
Im letzten Moment dachte sie daran, ihr Gepäck zu vergrößern. Gerade noch rechtzeitig, denn schon war sie durch die Absperrung gedrängt worden, die die magische von der Muggelwelt abtrennte. Aus Gewohntheit schlenderte Helen nach links auf eine Bank zu. Immer, wenn sie mit dem Hogwartsexpress angekommen war, hatte sie dort auf Evan gewartet, der sie abholte.
ooOoo
Mr. Rosier war zehn Minuten zu früh da gewesen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er seine Tochter nicht vergessen. Er wusste, dass sie heute aus Hogwarts wieder kam und er ahnte bereits, dass sie schnellstmöglichst verschwinden wollte. Ihr Bruder, Evan Rosier junior, konnte ihr nicht helfen, Mr. Rosier bezweifelte auch, dass er das tun würde. Sein Sohn befand sich mit einigen anderen jungen Männern hoch im Norden, wo er zu einer Art ‚Todesser-Freizeit' gefahren war. Tagsüber lernten sie, was wirklich wichtig war und wie sie sich möglichst effektiv im Sinne vom Dunklen Lord verhielten. Abends soffen sie zusammen und förderten die Gemeinschaft untereinander.Rosier schmunzelte. Die Todesser waren hierarchisch geordnet. Ganz unten befanden sich die Ausführenden. Sie erhielten ihre Befehle und handelten. Es waren in der Regel leichtgläubige Menschen, die es nicht verdienten, einen wichtigen Posten zu übernehmen. Sie waren in Gruppen eingeteilt. Zehn Gruppen wurden von dem Zehnervorsteher vertreten. Alle zehn Vorsteher unterstanden einem Berater, der wiederum einem von einem Repräsentanten angewiesen wurden. Dann kam schon der äußere Zirkel, in dem er sich befand. Das waren die Männer um den Dunklen Lord. Die, denen er am ehesten vertraute. Ja, Rosier bildete sich ein, das Vertrauen von seinem geliebten Herrn zu besitzen und sein Sohn würde einmal in seine Fußstapfen treten. Stolz machte sich in seiner Brust breit. Er hatte es geschafft in den äußeren Zirkel aufzusteigen. Die nächste Stufe der Karriereleiter war die des inneren Zirkels. Dort saßen die wirklich Wichtigen und er hatte vor, diesem bald integriert zu sein.
Wer dem direkten Kreis um Voldemort angehörte, war nicht bekannt. Das Prinzip bei dem Dunklen Lord hieß: Von oben nach unten. Wer oben war kontrollierte und wusste alles, die unten nichts. Er wollte nach ganz oben, direkt unter seinen Herrn. Vielleicht würde er bei den abendlichen Todessertreffen Näheres herausbekommen? Sie trafen sich mit Masken, so dass ihre Identität geheim gehalten wurde. Rosier war der Grund unbekannt, doch sein Herr dachte sich etwas dabei, also war es richtig.
Von einem Mann wusste er, dass er dem inneren Zirkel angehörte: Lucius Malfoy. Sein Widersacher. Eine Welle des Hasses durchfuhr Rosier. Die beiden Männer hatten sich auf den ersten Blick angefeindet. Leider hatte der ‚blonde Abschaum' im Moment die besseren Karten beim dunklen Lord. Aber das würde sich bald ändern. Er war nun bereits seit über einem halben Jahr aus England fort und schien nicht so schnell wiedererwartet zu werden. Dies war Rosiers Stunde. Wenn er Malfoy jetzt nicht aus dem Rennen schicken konnte, schaffte er es vermutlich niemals. Er musste sich etwas einfallen lassen.
Doch zuerst musste er sich um seine Tochter kümmern, die gerade durch den Haupteingang stürmte und ihn scheinbar nicht entdeckt hatte. Er sah ihr hinterher und beobachtete, wie sie hinter der Absperrung verschwand. ‚Interessant', war das Einzige, was er dachte. Langsam schlenderte er ihr hinterher und wartete auf die Ankunft des Zuges.
Schließlich tauchten die ersten Schüler mit ihren Familien auf. Es herrschte Fröhlichkeit auf den Wegen, als sich die Familien unter größter Wiedersehensfreude begrüßten und in die Arme fielen. Sentimentale Gefühlsduselei. Es war an der Zeit, dass die Gesellschaft geordnet und geführt wurde. Dieser Sittenverfall war nicht länger hinzunehmen. Viel zu lange hatten die magischen Menschen Narrenfreiheit genossen und sich letztendlich sogar mit Muggeln eingelassen. Ein ächtenswerter Frevel.
Seine Tochter trat durch die Absperrung, als die meisten Kinder und Jugendlichen bereits munter schnatternd den Bahnhof verließen. Rosier betrachtete sie. Sie hatte lediglich die Haarfülle ihrer Mutter geerbt, ansonsten war nichts bemerkenswert an ihr. Eher im Gegenteil, sie erinnerte mit den tristen Kleidern, die sie trug, an eine Spitzmaus. Ein Jammer. Mit einer schönen Tochter hätte er es weit bringen können. Der Lord mochte die Kombination zwischen Schönheit und Reinblütigkeit. Wäre Helen wirklich nach ihrer Mutter gekommen, er hätte sie dem Lord zur Verfügung stellen können und wäre dann wahrscheinlich schon längst im Inneren Zirkel.
Das letzte Beispiel lag noch gar nicht lange zurück. Ein Skandal, der nicht nur die Todesser interessiert hatte. Leider wusste Rosier nichts Genaues, doch die Gerüchte besagten etwas von einer Blitzheirat zwischen Severus Snape, dem ehemaligen Mitschüler seines Sohnes, und einer reinblütigen Schönheit. Rosier wusste nicht, ob Snape einem Zirkel angehörte, er vermutete es allerdings. Warum sonst sollte der Lord eine Ehe fördern, wenn er sich nichts davon versprach? Weiteren Gerüchten zufolge soll das der Grund gewesen sein, weshalb Malfoy untergetaucht war. Dem Klatsch zufolge hatte dieser ebenfalls um jene Artemis geworben, aber eine Absage erhalten. Als er davon gehört hatte, war Rosier regelrecht glücklich gewesen. Er gönnte Malfoy diese Absage von ganzem Herzen. Es war ein Grund zum Feiern gewesen.
Wieder wanderte seine Aufmerksamkeit zu seiner Tochter. Wäre sie mehr nach ihrer Mutter gekommen… Eine schöne Reinblüterin galt mehr als eine Intelligente. Leider war seine Tochter lediglich ansehnlich, dafür aber klug. Eine ungünstige Mischung.
Rosier senior hatte einen ungefähren Plan, doch dieser stand noch auf zu unsicheren Beinen. Zuerst mussten dem Kind sämtliche Flausen ausgetrieben werden. Er hatte weder die Zeit noch die Lust dazu. Aber er wusste einen Mann, der sich seines Ablegers annehmen konnte. Mit ein bisschen Glück bekam er in ein paar Monaten eine gefügige und ergebene Tochter wieder. Um die würden sich die unverheirateten Todesser im Inneren Zirkel zwar nicht reißen, aber Rosier war zuversichtlich, dass irgendjemand schon etwas mit ihr anzufangen wusste. Er jedenfalls konnte es kaum erwarten, die Verantwortung für sie endlich los zu sein. Dann war endlich fähig, sich vollständig um die wirklich wichtigen Dinge im Leben kümmern zu können…
ooOoo
Helen bemerkte ihren Vater erst, als er direkt neben ihr stand, sie war zu tief in Gedanken versunken gewesen. „Da ist ja meine missratene Tochter."Sie zuckte zusammen. Erst hatte sie als Kind zu hören bekommen, sie sei nicht gut genug, weil sie kein Sohn geworden war. Dann hatte sie der Hut nach Gryffindor gesteckt und ihr Vater hatte begonnen, ihre Anwesenheit zu ignorieren, außer, er brauchte ein Ventil, um seine schlechte Laune auszulassen. Die letzten Jahre waren mit Kommentaren zu ihrem Äußeren gefüllt gewesen. „Deine Nase ist zu groß." – „Dein Mund ist zu schief." – „Deine Haare sind nicht blond genug." – „Du bist zu fett." – „Warum kannst du nicht so schön wie deine Cousine sein?" Anfangs hatte Helen darunter gelitten, doch irgendwann hatte sie verstanden, dass ihr Vater immer etwas zu kritisieren fand.
Sie hatte sich in Hogwarts im Bad eingeschlossen und sich nackt vor den Spiegel gestellt. Stück für Stück hatte sie ihren Körper erkundet. Zuerst war sie der Form ihrer Nase entlang gefahren, dann über ihre Wangen hoch zur Stirn. Ihren Mund hatte sie lange betrachtet. Mit Sicherheit, er war ein wenig schief, aber es fiel nicht weiter auf, es sei denn, man achtete darauf. Auch dass ihre Nase zu groß war, konnte sie nicht nachvollziehen. Sie fand, dass ihre Nase ‚normal' aussah. Ihre Haare waren vielleicht nicht ganz so hellblond, wie die ihrer Cousine, aber sie waren lang, seidig und dick. Helen mochte ihre Haare. Sie waren glatt und oft hatte sie sich Locken gewünscht, aber dennoch mochte sie ihre Haare. Sie fielen ihr wie ein Vorhang vor die Augen, wenn sie den Kopf leicht neigte, so dass sie sich verstecken konnte. Sie fühlten sich gut an, wenn sie mit den Haaren hindurch fuhr. Unauffällig hatte sie die anderen Mädchen am Anfang beobachtet und festgestellt, dass ihr Busen überdurchschnittlich entwickelt war. Die Jungs hatten ihr gern „auf die Titten", wie sie es im Jugendjargon ausdrückten, gestarrt und die Mädchen hatten sie beneidet, doch Helen selbst fand es schrecklich. Mittlerweile war sie noch ein gutes Stück gewachsen und auch wenn sich nicht direkt zufrieden war, so konnte sie doch eigentlich froh darüber sein, nicht wie ein Hungerhaken durch die Gegend laufen zu müssen, so wie ihre beispielhafte Cousine. Doch das änderte nichts daran, dass Helen nicht gertenschlank war. Sie hatte die breiten Hüften ihrer Großmutter geerbt und wahrscheinlich meinte ihr Vater sie als ‚zu fett' zu titulieren.
Inzwischen war Helen innerlich gegen diese Kommentare abgestumpft. Sie schmerzten nicht mehr, sie wurden nicht mehr bewusst wahrgenommen. Die junge Frau hatte akzeptiert, dass sie ‚anders als erwartet' war. Zu diesem Schritt hatte es eine Menge Kraft und Mut bedeutet, da es ein direktes Eingeständnis ihrer eigenen ‚Abnormalität' war. Sie entsprach nicht den Vorstellungen ihrer Familie und sie würde es nie tun. War sie am Anfang regelrecht verzweifelt gewesen, weil sie sich krampfhaft nach der Akzeptanz ihres Vaters gesehnt hatte, so hatte ihr Sirius' Beispiel gezeigt, dass es vielleicht doch gar nicht sie war, die sich nicht verändern musste. Dieser Gedankengang war neu für sie und sie wollte ihm unbedingt nachgehen, doch dazu musste sie aus dem Umfeld ihrer Familie und deren Freunde.
„Hallo… Dad", nuschelte sie schließlich und sah hilflos zu Boden. Er betrachtete sie kurz nachdenklich, dann drehte er sich um und ging. Rosier senior überließ es seiner Tochter, sich um die Koffer zu kümmern. Sie hatte sie den ganzen Tag getragen, also konnte sie das auch den Rest des Weges tun.
Am versteckt gelegenen Apparierplatz angekommen, zog Helen ihren Zauberstab aus dem Umhang. Sie brauchte ihn, um sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, doch ihr Vater streckte er ihr seine Hand entgegen. „Deinen Zauberstab."
Irritiert sah Helen ihn an. „Was?"
„Deinen Zauberstab, junges Fräulein", wiederholte er ungeduldig und zuckte mit der Hand. „Wird's bald?"
Sie trat einen Schritt zurück. „Ich werde dir nicht meinen Zauberstab geben."
Er kniff wütend die Augen zusammen und zog dann seinen Eigenen. „Expelliarmus."
Helen fühlte, wie sich ihr Zauberstab aus ihrer Hand löste. Sie wollte nach ihm greifen, doch er rutschte ihr immer wieder aus der Hand. Schließlich flog er in hohem Bogen zu ihrem Vater, der ihn geschickt auffing. Rosier nahm dies wichtige Zauberutensil in beide Hände und zerbrach ihn in der Mitte. „Den wirst du vorerst nicht brauchen."
Für einen Moment war Helen fassungslos. Sie konnte nicht glauben, was geschehen war. Sie musste jeden Moment aufwachen und feststellen, dass dieser Alptraum ihrer Phantasie entsprang. Doch so oft sie auch blinzelte und sich sogar einmal selbst kniff, sie wachte nicht auf. Ihr Zauberstab war von ihrem eigenen Vater zerbrochen worden und somit konnte sie sämtliche Fluchtpläne aufs Eis legen. Ohne ihren Zauberstab kam sie nicht aus dem Haus ihrer Eltern. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Helen, einfach auf das Geld zu verzichten und wegzurennen, doch da hatte ihr Vater sie schon unsanft am Oberarm gepackt und war mit ihr disappariert.
Sie manifestierten sich in einer kleinen Seitenstrasse, direkt neben dem Haus der Familie Rosier und unmittelbar vor dem Seiteneingang. Rasch zog Rosier seine Tochter mit sich ins Haus. Sie sollte von möglichst wenigen Leuten gesehen werden.
Ohne Umschweife zerrte er sie durch einen Korridor und die Treppe in den zweiten Stock herauf. Vor ihrem Zimmer ließ er sie los. „Du wirst hier warten, bis ich dich hole." Er trat gegen die Tür, so dass diese aufsprang und schuppste Helen fast schon rüde in den kleinen Raum. „Du brauchst nur deine Schulkleidung auszupacken." Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um. Helen vermutete, dass er ihn in seine Hemdtasche steckte, so dass eine Flucht praktisch unmöglich war.
Lauten Schrittes stampfte er die Treppe herab und ließ eine verzweifelt weinende Helen zurück. Soeben hatte sich vermutlich die letzte Chance auf ein Entkommen zerschlagen. Frustriert trat sie zum Fenster und sah nach unten. Auf diesem Wege konnte sie auch nicht entkommen.
Helen versuchte der aufkeimenden Panik Herr zu werden und zwang sich ruhig zu bleiben. Sie durfte jetzt nicht die Fassung verlieren, nur ein kühler Kopf konnte ihr weiterhelfen. Dann suchte sie das Pergament, welches sie für Gringotts brauchte, faltete es in ein kleines Stück und schob es sich in ihren BH. Hoffentlich würde er dort nicht suchen.
Sie setzte sich auf ihr Kinderbett und begann sich die Schläfen zu massieren. Es musste einen Weg rausgeben. Dass ihr Zauberstab kaputt war, war tragisch, aber solange sie noch atmete, hoffte sie. Dum spiro spero.
Begriffe:
- Nachwuchsstaffel: (meist) jugendliche Anwärter auf eine Mitgliedschaft bei den Todessern.
Anmerkung:
Das eine oder andere könnte euch durch QED bekannt vorkommen (z.B. die Struktur der Todesser). Ich bemühe mich, diese doppelten Stellen so knapp wie möglich und so ausführlich wie nötig zu halten, damit jeder folgen kann. Auch die, die QED (hoffentlich noch) nicht kennen.