05. Kapitel –
Wunder geschehen, manchmal
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Teuer ist mir der
Freund, doch auch der Feind kann mir nützen.
Zeigt mir der Freund,
was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll.
Johann Christoph
Friedrich von Schiller
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Gelangweilt saß Lucius Malfoy in einem Sessel, die Beine lässig übereinander geschlagen, und überlegte, ob er die Geduld verlieren und seinen Zauberstab aus seinem Stiefel ziehen sollte, oder ob es besser sie unauffällig zu verschwinden. Er hatte keine Ahnung, warum Rosier ihn dermaßen hasste, aber es war ihm egal. Evan Rosier war kein wichtiger Mann und würde es wohl auch nie werden. Wozu also sollte er sich überflüssige Arbeit machen und dem älteren Mann eine Lektion erteilen, aus der dieser sowieso nichts lernen würde? Das Resultat wäre lediglich überflüssiger Papierkram fürs Ministerium und eine unangenehme Fragestunde beim Dunklen Lord. Etwas, worauf er zum jetzigen Zeitpunkt definitiv keinen Wert legte.
Die meisten Hexen und Zauberer unterschätzten ihn aufgrund seiner Jugend. Der Name Malfoy löste zwar Erkennung aus, aber ebenso das Vorurteil, er sei von Beruf aus Sohn und hätte ein beschauliches, ruhiges Leben zu führen. Wahrscheinlich wäre dem auch so, hätte er nicht die Zukunftslast des Malfoyimperiums auf seiner Schulter liegen. Noch war seine Großmutter das Familienoberhaupt, doch irgendwann musste auch sie einmal ihren Platz räumen und dann lag es an ihm, in ihre Fußstapfen zu treten. Auch wenn er tatsächlich ein luxuriöses Dasein fristete, so war diese Existenz alles andere als friedlich und idyllisch. Er kannte sich besser im Untergrund aus, als der Dunkle Lord selbst und war mittlerweile, dank einer Art Muggelcamp auf Malfoy Manor, nicht nur körperlich in Topform, sondern auch magisch schneller als die meisten anderen. Ein Punkt, worauf seine Großmutter immer geachtet hatte.
Seine Gedanken kehrten wieder in die Gegenwart und somit zu dem unsympathischen Mann direkt vor ihm. Abschätzend hob er eine Augenbraue, diese Geste hatte er sich von seinem ehemaligen Freund abgeguckt und sie als äußerst effektiv in Sache Einschüchterung kennen gelernt, und ließ seinen Blick langsam über die Gestalt von Rosier wandern. „Wissen Sie Evan…" Er war sich seiner Wirkung bewusst. Sich entspannter in den Sessel setzen, dabei den Oberkörper auf den rechten Arm stützen, sich ein wenig desinteressiert zurücklehnen, den Kopf zur Seite neigen und mit dem Blick unbeteiligt durch den Raum schweigen lassen… Eine Haltung, die jeden verunsicherte. Dazu noch die Stimmlage ein wenig tiefer klingen lassen, so dass sie fast schon heiser und gefährlich klang und er könnte ein Kochrezept rezitieren, dennoch fühlte sich sein Gegenüber bedroht. In der Abschlussklasse hatte er mit anhören müssen, wie eine Ravenclaw von einer Muggelfernsehserie gesprochen hatte, in der der Hauptdarsteller, ein gewisser Kojote oder ähnlich, einen… bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Scheinbar wie er auf Rosier.
„Männer wie Sie sind keine wirkliche Gefahr für mich. Sie sind in Ihrer Überzeugung zu… passt insolent?" Er lachte. Rosier anzusehen, war wirklich belustigend. „Rosier, Rosier… Glauben Sie ernsthaft, Sie könnten mich aus dem Zirkel drängen und spekulieren Sie wirklich auf eine Aufnahme? Dann sind Sie wirklich infantiler als ich bislang angenommen habe." Scheinbar hatte Rosier eben dieses angenommen. Seine Augen weiteten sich ein Stück, offenbar als Zeichen von Unsicherheit und vielleicht sogar Angst?
Lucius seufzte. In Momenten wie diesen fühlte er sich komplett missverstanden. Er sollte nicht die Drecksarbeit machen. Genau dazu gab es Leute wie Rosier. Sie waren dumm, fanatisch und entsprechend brauchbar. Aber selbst er, Lucius Malfoy, musste sich gewisse Privilegien verdienen. Und dennoch, nun geschah wie immer das Gleiche. Auch wenn er noch ‚nicht lange im Geschäft war', so war er mittlerweile an sämtliche Reaktionen gewöhnt. Bettelnde Mütter, weinende Mädchen, fluchende Jungs und natürlich drohende Väter. So wie er Rosier einschätzte, würde sich dieser eindeutig an seine Kategorie anpassen.
„Irgendwann, Malfoy, irgendwann wird Ihnen das Lachen vergehen. Das schwöre ich Ihnen. Und ich werde der erste sein, der ihrer Hinrichtung beisteht und jubelt." Natürlich, wie hatte es anders sein sollen. Innerlich verdrehte Malfoy die Augen. Bereits nach fünf Jahren war er es leid, ständig bedroht zu werden. Er erledigte schließlich auch nur seinen Job. Gerade Rosier sollte dies verstehen.
Innerlich musste Malfoy grinsen. Ihm, dem materiell alles in den Schoß gefallen war, der sich vor Frauenangebote nicht retten konnte, der eine glänzende Karriere an den Start legte, ihm war langweilig. Sollten die Anderen doch annehmen, er lecke sich in Russland seine Wunden. Es war ihm egal. Wer brauchte schon eine dunkelhaarige Schönheit im Leben? Sollte Severus mit ihr glücklich werden. In Wirklichkeit ging er nach Russland, um der quälenden Langeweile zu entfliehen. Dass er gestern nur knapp einem Avada Kedavra ausgewichen oder dass sein Getränk vorhin im Tropfenden Kessel vergiftet war, stufte er unter ‚Berufsrisiko' ein und empfand es nicht als wirklich spektakulär. Vielleicht sollte er sich doch eine Mätresse zulegen. Schlechter als Artemis konnte sie nicht sein.
„Sie sind zu blutrünstig", lachte er schließlich rau. Es war an der Zeit, aus dem Hause Rosier zu verschwinden. „Aber nun gehen Sie zu Ihren kleinen Clubtreffen und lassen die Arbeit von echten Männern verrichten."
Der Hausherr sprang auf. Offensichtlich schien auch er das Gespräch möglichst schnell beenden zu wollen. „Ich säge an Ihrem Thron Malfoy." Eine weitere leere Drohung. Gespräche dieser Art liefen in der Tat erschreckend phlegmatisch ab. „Nehmen Sie eine Astsäge. Mit der Laubsäge tun Sie sich selber weh… Und das wollen wir nicht." Ein Glück, dass er noch nie auf den Mund gefallen war.
Rosier ging die letzten Schritte zur Tür, riss diese auf und trat in den halbdunklen Flur, wobei er Malfoy nicht aus den Augen ließ. Der Blonde schmunzelte. Als ob gerade er nach der berühmten goldenen Löffelsammlung suchen würde, sobald Rosier sich umdrehte. Er hatte so viele Löffel, um sich mit dem Rest seines Lebens versorgt zu sehen.
„Sie gehen jetzt besser, Malfoy." Blanker Hass sprach aus den Augen des Hausherrn und Lucius nickte. Er stand auf und griff nach seinem Mantel, der ordentlich gefaltet über einem zweiten Sessel lag. Dann fuhr er sich durch seine langen hellblonden Haare und Sekunden später war es mit einem schwarzen Satinband minutiös im Nacken zusammengebunden. Ein Hut bildete den krönenden Abschluss seiner attraktiven Erscheinung. Mit langsamen, provokanten Bewegungen glitt er auf die Zimmertür zu und blieb nur Zentimeter von Rosier entfernt stehen. Lucius war größer als der ältere Mann und genoss diesen Umstand, indem er den Kopf arrogant erhoben hielt, aber mit den Augen abwertend den rangniedrigeren Todesser scannte.
Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit und schnell, innerlich zum Angriff bereit, hatte er die Lage erfasst. Eine Gestalt stand mit einem großen Koffer direkt vor der Eingangshalle und starrte ihn aus schreckensgeweiteten Augen an. Sie war dunkel gekleidet und hatte ebenso eine Kopfbedeckung auf, so dass er weder Haarfarbe noch Länge erkennen konnte. Hinzu kam, dass der Eingangsbereich im Dunkeln lag. Lediglich die großen Augen, in denen sich das Licht der Kerzen, die neben der Treppe standen, spiegelte, konnte er erkennen, für den Rest war keine Zeit.
Offenbar war diese Gestalt eine junge Frau, die gerade dabei erwischt wurde, wie sie zu flüchten versuchte. Wahrscheinlich eine Dienstbotin. In Todesserkreisen war es beliebt, sich Squibs oder magisch minderbegabte Menschen zu halten, wenn man keine Hauselfen hatte. Die Dienstboten wagten nicht häufig die Flucht, da sie sie in den meisten Fällen tödlich endeten, daher war der Mut dieser jungen Frau anzurechnen. Mut imponiert Lucius Malfoy.
Er registrierte, wie die junge Frau ihre Hand hob und den Finger ihrer behandschuhten Hand an die Lippen legte. Der Ausdruck ihrer Augen war fast schon bettelnd. Eigentlich hatte er weder die Zeit noch die Lust sich in die Angelegenheiten von Evan Rosiers Haushalt einzumischen, aber ein paar Sekunden mehr oder weniger würden ihm nicht schaden. Zumal es Rosier mit Sicherheit zur Weißglut treiben würde. Allein das war ein Grund, der jungen Frau zu helfen.
„Was meinen Sie, Rosier, würden mir rote Haare stehen?" Gelangweilt sah er Evan in die Augen.
„Was?", war das Einzige, was dieser äußern konnte.
Malfoy seufzte. „Ab einem gewissen Alter muss Mann auf sein Aussehen achten, schließlich wollen auch wir gepflegte Frauen. Sie nicht?" Mit der Hand machte er eine unauffällige und von Rosier unbemerkte Handbewegung Richtung Tür.
Helen verstand. Sie war erstarrt gestehen geblieben, als sie den Rücken ihres Vaters erblickt hatte. Im Geiste sah sie sich schon wieder in ihrem Zimmer eingesperrt, doch dieses Mal schien zu Glück gehabt zu haben. Sie hörte ihn „Sie gehen jetzt besser, Malfoy" sagen und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Eine hochgewachsene Gestalt tauchte lässig im Türrahmen auf. Sie war von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt. Helen konnte kaum etwas erkennen, was zum einen daran lag, dass er im Licht stand, zum anderen, weil sie viel zu aufgeregt war. Sie hatte das Gefühl, ihr Vater müsste sie allein aufgrund ihres Herzschlages hören und sie so schließlich entdecken.
Ängstlich starrte sie den Widersacher ihres Erzeugers an und schaffte es gerade noch, den Zeigefinger an ihre Lippen zu legen. ‚Bitte hilf mir, bitte, bitte sag nichts', flehte sie in Gedanken und scheinbar schien er ihre Bitte zu hören. Er wandte sich an ihren Vater und deutete ihr mit einer Geste an, endlich zu verschwinden. Sie nickte dankbar, schob die Tür ein Stückchen auf und schlüpfte hindurch. Wider Erwarten schaffte sie es sogar lautlos, so dass Rosier nichts von ihrer Flucht mitbekam. Still dankte sie Lucius Malfoy erneut und huschte so gut es ging mit dem schweren Koffer durch die Nacht.
Malfoy indes bemerkte zufrieden, dass dem Hausmädchen die Flucht gelungen war. Normalerweise kümmerte er sich nicht um solche Angelegenheiten. Aber wie er selbst vorhin schon festgestellt hatte: Es machte Spaß den eigene Feind zu ärgern.
Wieder sah er Rosier in die Augen und lächelte. Dieser zog irritiert die Stirn kraus, konnte den Moment der Unsicherheit aber schnell überbrücken. „Was grinsen Sie so dämlich, Malfoy?", fragte er dennoch leicht schwankend. Das Lächeln wurde breiter. Jeder andere hätte es als sympathisch und freundlich empfinden, nicht so Rosier. Er fühlte sich, als wenn sich ein Seil langsam um seinen Hals legte und sich dann ganz langsam zuzog.
Lucius trat einen Schritt auf ihn zu und legte den Kopf leicht schräg. Immer noch schmunzeln näherte er sich Evan bis er nur Millimeter von ihm entfernt stand. „Du hast keine Chance", raunte er. Mit diesen Worten trat der ungebetene Gast an Rosier vorbei und schlenderte zur Eingangstür. Dort drehte er sich um. „Dein Hausmädchen hat mittlerweile fünf Minuten Vorsprung."
Begriffe:
- insolent: dreist, frech
- infantil: zurückgeblieben (geistig)
Anmerkung:
Unser
lieber Lucius ist gerade im Stadium der Verdrängung angelangt.
Frei nach dem Motto „Wer bist du eigentlich? Hab ich dich schon mal
gesehen?"
