08. Kapitel – Wiedersehen in Blagoweschensk
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Vieles geht in der
Welt verloren, weil man es so schnell verloren gibt.
Johann Wolfgang von
Goethe
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Sirius lag auf seinem Bett in seinem Zimmer und konzentrierte sich darauf, ruhig zu atmen. Dieses kleine Biest war undankbar. Aber was soll man von einer Rosier schon anderes erwarten? Er hatte gedacht, sie wäre anders. Doch letztendlich waren alle dieser Sippschaft gleich. Er hätte es wissen müssen.
Nur drei Stunden, nachdem er sie bei Peter zurückgelassen hatte, hatte sie an seiner Wohnungstür geklopft. Zuerst war er erbost gewesen, durch ihr Auftauchen konnte sie ihn in unsagbare Schwierigkeiten bringen. Dann war er besorgt, war irgendwas passiert? Mit Peter? Doch nichts war. Sie drängte sich an ihm vorbei und ging direkt in die Küche. Kurz war er über ihr forderndes Verhalten irritiert gewesen, aber dann hatte er es akzeptiert. Alle Rosiers waren wunderlich. Sie hatte ihm für seine Hilfe gedankt und dann gesagt, sie habe es sich anders überlegt. Es sei für ihn viel zu gefährlich, sie zu verstecken. Sie habe eine Tante in Deutschland. Diese wolle sie besuchen. Sie habe sich einen neuen Zauberstab besorgt und konnte somit apparieren.
Sirius war sprachlos gewesen. Peter und er riskierten Hals und Kopf und dieses kleine Biest wagte es, spontan aus einer Laune heraus alle Pläne über Bord zu werfen. Dass er noch kein Konzept zu ihrer Flucht aufweisen konnte, ignorierte er dezent. Natürlich hatte er ihr auf den Kopf zugesagt, was er von ihrem überstürzten, eigenmächtigen Handeln hielt, doch sie hatte diese Einwände nicht akzeptiert. Im Gegenteil, wahrscheinlich kam sie sich sogar geradezu heldenhaft vor, weil sie glaubte, ihn nicht länger zu gefährden.
Sirius hatte nicht versucht sie zurückzuhalten. Wenn sie der Meinung war, alleine klar kommen zu wollen, dann musste sie zusehen, wie sie selbstständig zurecht kam. Sie sollte es bloß nicht wagen, noch einmal bei ihm aufzutauchen. Er würde nicht wieder seinen Kopf für eine Todessertochter riskieren. Das nahm er sich fest vor.
Kurz nachdem sie gegangen war, war Peter aufgetaucht und hatte ihm völlig besorgt gebeichtet, dass Helen abgehauen sei. Sie habe nur einen Zettel mit dem Wort „Danke" hinterlassen, mehr nicht. Gemeinsam hatten sie dann bei einer Flasche Feuerwhiskey zusammen gesessen und über die Unzuverlässigkeit von Frauen gesprochen.
ooOoo
Als Helen wieder zu sich kam, dröhnte ihr der Schädel. So, als hätte sie einen Schlag mitten auf den Hinterkopf bekommen. Vorsichtig hob sie die Arme und begann mit ihren Händen über das Haar zu streichen. Sie konnte keine Beule ertasten, aber das sollte nichts heißen, vielleicht kam sie erst noch.
Stöhnend drehte sie sich auf den Rücken und öffnete langsam die Augen. Es war dunkel. Es war komplett dunkel. Selbst durch die Fenster kam kein Licht, es musste also mitten in der Nacht sein. Als nächstes nahm sie einen beißenden Geruch war, der ihr einen Brechreiz bescherte. Sie krabbelte auf die Knie und versuchte zu würgen, doch ihr Magen war leer. Dann ließ sie sich zurück auf den Boden sinken und lehnte den Kopf an die Wand. Langsam rief sie sich die Geschehnisse zurück ins Bewusstsein. Sie hatte sich in ihrem ‚Zimmer', eigentlich hätte das Wort Loch besser gepasst, das ihr von Peter zugewiesen worden war, zurückgezogen und in einen Sessel gesetzt. Lange Zeit hatte nicht vergehen können, denn plötzlich war die Tür aufgegangen und ein ihr unbekannter Mann war im Zimmer aufgetaucht.
Rückblick, ein paar Stunden vorher
Seine große Statur wirkte einschüchternd. Die blonden Haare waren ordentlich zurückgekämmt und blasse Haut, ließ sein Gesicht fahl und kränklich erscheinen. Seine blauen, stechenden Augen bohrten sich direkt in ihre und ein grausames, kaltes Lächeln machte sich auf ihren Lippen breit.
„Soso, die kleine Helen ist … erwachsen geworden." Er lachte anzüglich. „Dein Vater kann wirklich von Glück reden."
Irritiert runzelte Helen die Stirn. „Mein Vater?"
„Natürlich, oder glaubst du, ich meine das dumme Blackbalg?" Er lachte und stieß die Tür mit dem Fuß zu. Dabei glitten seine Blicke demonstrativ über ihren Körper. „Schade, dass du unberührt sein sollst… Aber ich könnt ja auch anders meinen Spaß haben."
Helen war unbewusst noch tiefer in den Sessel gerutscht und hatte die Beine angezogen, bereit, sich jederzeit zu wehren. „PETER!", kreischte sie, doch der Mann lachte nur. „Peter wird dir nicht helfen. Der steht auf unserer Seite."
Panisch schüttelte sie den Kopf. „Das kann nicht sein, er ist der Freund von Sirius und der ist kein Todesser."
„Ja, das ist gemein, nicht wahr?" Er streckte seine Hand nach ihr aus und griff ihr in die Haare. Doch Helen war darauf vorbereitet gewesen. Sie stieß ihm ihre Füße direkt in den Magen und schleuderte ihn so zu Boden. Bevor er was dagegen tun konnte, war sie schon aufgesprungen und zur Tür gerannt. Sie riss sie auf und erstarrte. Ein dunkelhaariger Mann stand mit den Armen vor der Brust verschränkt lässig an der Wand und sah neugierig auf sie herab. „Hallo."
Rückblickende
Ein Geräusch riss die verzweifelte Hexe aus ihren Gedanken. Es wiederholte sich nicht. Helen bemerkte, dass sie nicht gefesselt war. Sie wollte wenigstens eine Tür suchen. Die Hoffnung, dass diese auf war, war äußerst gering. Aber ohne Hoffnung drohte sie durchzudrehen.
Sie stand auf und tastete sich langsam an einer Wand entlang. Als sie auf etwas Großes, Weiches trat, schrie sie erschrocken auf. Für einen Menschen war es zu klein. Weiter wollte sie nicht nachdenken. Langsam tastete sie sich weiter.
Irgendwann merkte sie, dass sie sich im Kreis bewegte. Scheinbar hatte der Raum keine Tür. Im Geheimen fluchte sie. Es war dunkel, ihr war kalt und sie wusste nicht, was sich sonst noch mit ihr in einem Raum befand. „Das hier ist definitiv nicht zum Wohlfühlen geeignet", kommentierte sie trocken. Mit der Zeit hatte sie sich einen ganz eigenen Humor angeeignet, andererseits wäre sie längst an der Situation zu Hause und der Isolation in Hogwarts gescheitert. Doch es lag nicht in ihrer Natur aufzugeben. Sie war eine Gryffindor. Gryffindors warfen nicht das Handtuch.
Langsam tastete sie mit einem Fuß ihre unmittelbare Umgebung ab. Der Boden schien aus festgetretener Erde zu bestehen. Die Wände waren aus Stein. Der Raum hatte keine Tür und ob er Fenster besaß war unklar. Anscheinend befand sie sich in einer Art Erdloch. Dafür sprach zumindest die Beschaffenheit des Bodens.
Helen zog die Knie an, senkte den Kopf und begann sich die Schläfen zu massieren. Kopfschmerz war etwas, das sie gerade nicht gebrauchen konnte. Sie benötigte einen klaren Verstand.
Irgendwann fuhr sie sich mit den Händen über die Wangen, den Hals und verharrten an einer Kette. Helen stutzte. Die Kette war definitiv nicht von ihr. Sie schien unscheinbar zu sein. Nachdenklich tastete sie an der feinen Schnur, etwas anderes war es nicht, entlang und versuchte sie zu identifizieren. Es gab keinen Anfang und erinnerte daher eher an einen Ring. Scheinbar war sie ebenso reißfest wie zäh. Helen vermutete, dass es schwer werden würde, von dieser Kette loszukommen. Doch das war im Moment nicht ihre Hauptsorge. Diese galt noch immer der auswegslosen Situation, in der sie sich nun befand.
ooOoo
Es mussten Stunden vergangen sein. Helen hatte aufgehört zu zählen, geschweige denn einen Überblick zu behalten. Sie kämpfte mit der angehenden Panik und dachte an die Zeit in Hogwarts. Sie rief sich alles noch einmal erneut vor Augen und versuchte sich sogar daran zu erinnern, was in ihrer Kindheit passiert war. Damals, als noch kein Sprechender Hut sie nach Gryffindor gesteckt hatte und als ihr Vater sie wenigstens noch beachtet hatte.
Als Kind hatte sie nie verstehen können, warum er ihr mit einer eisigen Kälte begegnet war. Oft hatte sie versucht, mit ihm zu reden oder gar zu spielen, so wie es viele Kinder mit ihren Vätern taten. Doch es war vergebens. Nie war Evan Rosier mit seiner Tochter nach draußen gegangen, um mit ihr zu spielen oder sonstige Dinge zu tun, die Väter mit ihren Kindern taten.
Es ging sogar soweit, dass er, wenn sie in den Ferien aus Hogwarts wiedergekommen war, in seinem Arbeitszimmer gesessen und irgendwelche Papiere gelesen hatte. Wenn sie die Unverfrorenheit, oder doch eher den Mut, besessen hatte, ihn zu stören, setzte es Schläge…
Rasch kniff sie die Augen zu und versuchte sich etwas anderes vorzustellen, eine schönere Erinnerung. Doch dazu kam sie nicht mehr. Eine Luke wurde über ihr geöffnet und ein Kopf erschien, der aber in gleißendes Sonnenlicht getaucht war, so dass Helen nichts erkennen konnte.
Sekunden später war sie mit einem Schwebezauber aus der Gruppe gehoben worden. Es war tatsächlich ein Erdloch gewesen. Ihr Magen hatte aufgehört zu knurren und ihr Hals fühlte sich verdörrt an. Dennoch warf sie einen Blick zurück in die Kuhle. Jetzt konnte sie erkennen, worauf sie getreten war. Mehrere leblose Rattenkörper lagen aufeinander geschichtet und verwesten vor sich hin.
„Jego njet", drang es an Helens Ohr. Sie drehte sich um und sah sich einem großen, bärtigen Mann gegenüber. Er hatte sich halb von ihr abgewendet und schien mit einem Engländer zu diskutieren. Ihr Blick wanderte zu dem Ausländer und erschrak, als sie den Mann erkannte, der zu ihr ins Zimmer gekommen war. Er versuchte sich mit gebrochenem russisch zu verständigen, doch scheinbar war dies alles andere als einfach. Der Einheimische fuchtelte ausladend mit der Hand, doch auch das trug nicht zu einem gegenseitigen Verstehen bei.
Helen bemerkte, dass sie nicht beachtet wurde. Vorsichtig ging sie einen Schritt zurück, dann noch einen. Sie wollte versuchen, sich irgendwo zu verstecken. Vielleicht fand sie jemanden, der ihr helfen würde?
Ihre Blicke huschten über Umgebung. Es waren vereinzelnd Häuser zu sehen. Ansonsten gab es nur plattes Land.
„Denk nicht mal dran." Der strenge Ton des Todessers ließ Helen innehalten. „Du hast keinen Zauberstab. Es versteht dich hier niemand und so verdreckt wie du aussiehst, wird sich auch niemand die Mühe machen, zu erfahren was du willst. Hier gibt es keine Verstecke, also denk nicht mal an Flucht."
Helen versuchte es trotzdem. Sie drehte sich um und begann zu rennen. Doch schon der zweite Lähmfluch hatte sie erwischt. Man konnte den Todessern stellenweise mangelnde Intelligenz nachsagen, aber Flüche loslassen… Das konnten sie.
In aller Seelenruhe begann der Mann seine Konversationsversuche mit dem Russen aufzunehmen. Das Helen hungrig, durstig und völlig verdreckt im Schmutz lag, schien ihn nicht im Mindesten zu interessieren. Schließlich schien er sich an etwas zu erinnern. Er griff in seine Umhangtasche und zog ein Stück Pergament heraus.
Der Russe nahm die Rolle, die ihm der Fremde entgegenhielt und entrollte sie. Seine Augen huschten über das Geschriebene. „Horoscho", meinte er und nickte dem Todesser zu. Dann ging er schnellen Schrittes auf Helen zu, erlöste sie von dem Fluch und schwang sie wie einen nassen Sack über die Schulter. Sie war zu verängstigt und ihre Glieder zu steif, um sich großartig zu wehren. Der Russe murmelte einen Fluch, dann apparierte er mit seiner weiblichen Last.
Als sie sich manifestiert hatten, nahm er seine schnellen Schritte wieder auf und ging durch ein Waldgebiet bis zu einem kleinen Steinhäuschen. Fünfmal klopfte er an die Tür, bis sich diese schließlich öffnete. Er trat ein und murmelte etwas. Dann nahm er Helen von der Schulter und stellte sie aufrecht hin.
Die junge Frau war sich bewusst, dass er sie noch immer an der Schulter festhielt. Doch fürs erste hatte sie sämtliche Fluchtpläne aufgegeben. Ohne Zauberstab würde sie nie entkommen können. Lieber hielt sie Augen und Ohren auf. Vielleicht konnte sie das Wissen später verwenden?
Sie sah sich in der kleinen Hütte um und entdeckte ziemlich schnell einen langhaarigen Mann, der in einer Ecke stand und sie aufmerksam beobachtete. „Helen Rosier", sagte er und deutete eine Verbeugung an. „Igor Karkaroff."
Begriffe:
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Blagoweschensk Russische Kleinstadt im Ural
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Jego njet Er ist nicht da.
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Horoscho Gut
Danke an:
sepsis: lieben Dank für dein Review lächel. Ja, Waldi denkt nicht daran, Helen wieder 'magiefähig' zu machen. Er hat sie ihr ja nicht genommen ...
