09. Kapitel – Igor Karkaroff

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Und die See gibt ihnen neue Hoffnung,
wie die Nacht ihnen neue Träume bringt.

Christoph Kolumbus
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Versteinert starrte die junge Frau den Russen an. Ihre letzte und bislang einzige Begegnung war ihr noch gut in Erinnerung geblieben. Sie schluckte. Karkaroff hatte ihr in der Nokturngasse geholfen, aber jetzt standen sie sich als Feinde gegenüber.

Karkaroff lächelte. Und auch wenn das Lächeln seine Augen nicht erreichte, so beruhigte es Helen auf eine seltsame Art und Weise. Obwohl er ihr Gegner war, so hatte sie nicht vergessen, was er in London gesagt hatte: „Wir Russen werden oft als Barbaren angesehen, aber eine Frau in Not lassen wir nicht stehen." Jetzt steckte sie ebenfalls in einer Misere, aber sie befürchtete, dass er eine andere Definition von Notlage hatte als sie.

Der Mann streckte den Arm nach ihr aus und ging ein paar Schritte auf sie zu. Dann schwenkte er herum und deutete einladend auf einen gedeckten Tisch. „Setzen Sie sich."

Helen sah ihn lange an. Sie suchte etwas Verschlagenes in seinem Blick, etwas, das sie auf Gefahr hinwies, doch er sah sie offen und ehrlich an. Schließlich nickte sie und setzte sich vorsichtig auf einen der beiden Stühle. Innerlich war sie vollkommen angespannt und jederzeit bereit zu fliehen. Sie fühlte, als hätte sie die berüchtigte Henkersmahlzeit vor sich stehen.

Karkaroff schwang seinen Zauberstab und hielt inne als er Helens Gesichtsausdruck sah. „Entspannen Sie sich, hier wird Ihnen nichts geschehen."

Helen entspannte sich nicht wirklich, dennoch rutschte sie tiefer auf ihren Stuhl und atmete tief durch. Dies schien Karkaroff zu genügen, er beendete seinen Zauber und leise Musik erklang. Helen riss die Augen auf. Nie und nimmer hätte sie Karkaroff einen klassischen Musikgeschmack zugetraut. Sie lauschte einer einsamen Trompete, die in einer melodischen Abfolge ein schnelles Motiv wiedergab, das von dem Orchester aufgegriffen und dann von einem Synkopenmotiv abgelöst wurde. Kraft lag in dieser fast schon melancholischen Weise und Helen konnte sich nicht gegen die auf sie einprasselnden Empfindungen wehren. Sie schloss die Augen und ließ sich forttragen von dieser wunderschönen Musik.

Als die Celli scheinbar wirr ein neues Thema vorgaben, erschrak sie. Karkaroff lachte leise. „Was sehen Sie?"

„Ein… böse blickender Kobold. Er… hinkt."

„Es ist ein Zwerg", sagte er nickend und schwang wieder seinen Zauberstab. Fast umgehend klopfte es an die Tür und zwei Wesen kamen herein, die eher an erwachsene Kinder erinnerten.

„Unsere Art von… Hauselfen", half Karkaroff aus und lehnte sich zurück. Er beobachtete wie einer der Wesen einen Teller voll Essen vor ihn stellte, während der andere sein Glas mit Krimsekt füllte. Dann bekam Helen ihre Speise serviert. Offenbar handelte es sich um Filetspitzen in einer Sauce aus Champignons, Gurken, Rote Beete und Weißwein. Wahlweise lagen sowohl Reis als auch Kartoffeln daneben und warteten auf den Verzehr. Fragend sah sie ihn an.

Gowjadina Stroganoff", erklärte er. „Ein Klassiker der internationalen Küche, das seine Ursprünge in Russland hat. Ihr nennt es Bœuf Stroganow." Während er sprach, begann er sein Geschnetzeltes noch kleiner zu schneiden und die Kartoffeln mit der Soße zu vermengen. „Es ist nach den Stroganows benannt und hierzulande sehr beliebt."

Helen nahm ihr Besteck in die Hände, wobei es sie nicht gewundert hätte, wenn das Silber sie plötzlich gebissen hätte, und begann unruhig das Essen auf ihrem Teller hin und her zuschieben. „Stroganow?"

„Eine alte russische Kaufmannsfamilie aus Solvycegodsk, die von Iwan IV, besser bekannt als Iwan der Schreckliche, mit dem alleinigen, sibirischen Handelsrecht versehen wurde und entsprechend zu Einfluss und Macht kam. Zweihundert Jahre später wurden die Stroganows zwar entmachtet aber dennoch in den Grafenstand erhoben. Sie waren wichtige Geldgeber in der Kunst und förderten die Ikonenmalerei."

Helen nickte mehr beiläufig. Sie hatte von Muggelgeschichte soviel Ahnung wie ein Hauself von Freiheit.

„Das Essen beißt nicht", kommentierte Karkaroff belustigt ihre Spielerei mit dem Essen. „Sie müssen hungrig sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dolohow Sie gut behandelt hat." Sein Blick fiel auf ihre schmutzige Kleidung. „Wie nachlässig von mir." Sekunden später fühlte sich Helen gereinigt und, so paradox es klingen mochte, ihr Appetit kam wieder. Herzhaft langte sie zu. Sie bezweifelte, dass das Essen vergiftet war, dazu war sie zu unbedeutend.

Der Rest der Mahlzeit verlief schweigend. Die junge Frau stellte, da sie offenbar noch lebte, fest, dass sie keinerlei Vergiftungsanzeichen aufwies und füllte sich erneut etwas von den bereitstehenden Schalen auf ihren Teller. Karkaroff verkniff sich ein Grinsen. Auch wenn er in den Reihen der Todesser aufgenommen worden war, so war er noch immer ein Russe und hatte die Lust am Leben nicht verloren. Er lachte gern und viel, aß gern und viel und vergnügte sich mit Frauen, ebenfalls gern und viel.

„Warum sind Sie freundlich zu mir?", fragte Helen schließlich.

Er verdrehte die Augen. „Müsst ihr Engländer immer so misstrauisch sein?"

„Verzeihung. Ich wurde betäubt, entführt, in einem Erdloch mit toten Ratten gefangen gehalten und soll mich dann noch vorbehaltlos darüber freuen, ein äußerst schmackhaftes Mal zu erhalten?" Sie konnte sich eine gewisse zickige Haltung nicht verkneifen.

Er lachte tief und dröhnend. „Ich sagte Ihnen bereits, dass wir Russen die Frauen zu schätzen wissen. Und nur, weil Sie eine Gefangene sind, muss ich Sie doch nicht als solche behandeln? Wenn Sie das Erdloch natürlich vorziehen, ließe sich das einrichten."

Sie sah ihn giftig an, schwieg aber.

Ein Zauberspruch später und erneut begann Musik den Hintergrund zu erfüllen. Streicher spielten vier Takte einen Walzerrhythmus, bevor ein Saxofon ein Seufzermotiv anstimmte. Wieder bekam Helen eine Gänsehaut. „Das ist… wunderschön", hauchte sie.

Er grinste. „Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Ein noch verhältnismäßig junger Russischer Komponist des letzten Jahrhunderts. Er starb vor 26 Jahren. „Möchten Sie einen Tee?" Er schwang wieder seinen Zauberstab und erneut erschienen die hauselfenähnlichen Wesen. Sie trugen ein Tablett und stellten es mitten auf den Tisch. Zwei Gläser wurden den Menschen gereicht. Genauso lautlos verschwanden sie wieder.

Karkaroff beugte sich vor und schenkte ihnen beiden eine dampfende Flüssigkeit ein, die sich nur um Tee handeln konnte. Dann griff er zu weiteren Schalen. Erst rührte er Milch und Zitrone in die indische Mischung, dann folgte Honig. Er schob ihr ein Schälchen mit Knabbergebäck rüber. „Suschki. Sie schmecken leicht süßlich und nach Nussmehl." Er selbst griff zu einer anderen und nahm sich ein Stück Lebkuchen. „Suschki und Lebkuchen werden traditionell zum Tee getrunken. Das", er deutete auf einen Pott mit zwei Teelöffeln, „ist selbstgemachte Marmelade. Sie essen sie direkt vom Teelöffel. Ich kann sie ihnen empfehlen. Meine Köchin macht die besteWarenje weit und breit."

Unsicher streckte Helen die Hand zu dem kleinen Pott aus und nahm einen der beiden Teelöffel in die Hand. Nach einem letzten Blick auf Karkaroff, der sie neugierig betrachtete, kostete sie schließlich von diesem angepriesenen Dessert. Sie spürte, wie sich die Marmelade auf ihrer Zunge verteilte und zuckte angenehm überrascht zusammen. Der süßliche Geschmack, den sie noch nicht genau definieren konnte, verschaffte ihr einen leisen Hunger nach mehr. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Von den Russen hatte sie schon soviel barbarisches gehört, aber noch nie, dass sie eine vorzügliche Küche hatten.

Karkaroff hatte es natürlich bemerkt. Er freute sich immer, wenn er einen Engländer, oder in diesem Falle eine Engländerin, davon überzeugen konnte, dass sein Volk besser als sein Ruf war. Zufrieden lehnte er sich zurück. Diese Helen erwies sich als wesentlich angenehmer als ihr Vater. Er kam mit Evan Rosier aus, aber die beiden Männer verband bei weitem nicht die Art Freundschaft, die Rosier gerne pries.

„Was werden Sie mit mir machen?", hörte er Helen leise und regelrecht schüchtern fragen.

„Gar nichts…"

Sie riss die Augen auf. „Und was tu ich dann ihr?"

„Ich werde nichts mit Ihnen machen, Miss Rosier." Er hatte den Anstand sie gut zu behandeln, im Gegensatz zu den Todessern. Helen erschauerte bei der Erinnerung. Die Todesser waren wie Tiere. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Tiere ihrem Instinkt folgten, während die Todesser taten, was ein Mann von ihnen wollte. Ein Mann, dem auch sie gehorchen und folgen sollte…

„Was geschieht dann mit mir?"

Er zuckte mit den Schultern. „Sie werden erst einmal ein paar Tage hier bleiben… Bis sich einige Dinge geklärt haben."

„Was für Dinge?", fragte Helen.

„Dinge eben. Dinge, die Sie nichts angehen." Unwirsch machte er eine Handbewegung. „Dann werde ich Sie nach Leningrad bringen. Der Dunkle Lord ist im Begriff dort eine neue… Basis zu gründen. Entsprechend werden dort einige Engländer sein, die mit Sicherheit dankbar für Ihre… Unterstützung sind."

Helen hatte kein Wort verstanden. „Meine Unterstützung? Aber ich-"

Er schnitt ihr das Wort ab. „Ich habe nur den Befehl, Sie nach Leningrad zu bringen. Alles Weitere wird Ihnen dann dort jemand anderes mitteilen."

„Wer?"

„Sergej irgendwas. Aber das werden Sie alles erfahren, wenn es so weit ist." Ungeduld schwang in seiner Stimme mit und Helen wusste aus der Erfahrung mit ihrem Vater, dass es besser war, sich unauffällig zu verhalten. Daher nickte sie nur und schwieg.

Schließlich hatte Karkaroff seinen Tee ausgetrunken und stand auf. Er ging zu einer Tür und deutete ihr an, ihm zu folgen. Offensichtlich war es ein karges, aber nicht unsauberes Gästezimmer. Ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl waren die einzigen Möbelstücke. Es war sauber und Helen sehnte sich danach, wieder in einem richtigen Bett zu schlafen.

„Sie schlafen hier. Morgen früh werden Sie geweckt."

Karkaroff wollte das Zimmer verlassen, als Helen sich wieder zu ihm umdrehte und irritiert die Stirn runzelte. „Keine Fesseln? Keine Erstarrungszauber?"

Ausdruckslos sah er sie an. „Was wollen Sie machen? Das Einzige, was Sie tun können, ist wegzulaufen. Und wir hätten Sie schneller wieder, als Ihnen lieb wäre."

Die Kälte und Gleichgültigkeit, mit der er ihr auf einmal begegnete, ärgerte Helen. „Ich könnte Ihnen im Schlaf die Kehle durchschneiden."

Nachdenklich sah er sie an. „Sie sehen so aus, als würden Sie beim Anblick von Blut ohnmächtig werden. Sollte es Sie aber beruhigen, so werde ich Sie die Nacht einschließen." Sekunden später wurde der Schlüssel im Schloss umgedreht.

Helen seufzte. Ihr war klar, dass sie kaum Fluchtchancen hatte. Sie hatte keinen Zauberstab und schien in einem Todesserdorf gelandet zu sein. Helfen würde ihr hier mit Sicherheit keiner. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Flucht misslang, war wesentlich höher, als ein Erfolg. Und ihr war ebenfalls klar, dass Karkaroff ihr momentan freundlich begegnete, weil sie ihm noch keinen Anlass gegeben hatte, sie zu bestrafen. Er würde aber nicht zögern, das zu tun. Sie wusste nicht, woher sie ihr Wissen nahm, doch sie vermutete, dass die Russen ihr in sofern freundlich begegnen würden, solange sie sich an gewisse Regeln hielt. Eine Flucht musste daher genauestens geplant werden. Wahrscheinlich hatte sie nur einen einzigen Versuch. Sollte sie also auf Erfolg hoffen, durfte die Flucht nicht überstürzt angetreten werden.

Sie seufzte. Im Moment blieb ihr die einzige Möglichkeit die, sich ruhig und still ihrem Schicksal zu fügen. Doch das wollte sie nicht. Sie wollte wieder ihre Freiheit erlangen. Über die Möglichkeit, dass dieses eventuell niemals geschehen würde, dachte sie nicht nach. Dum spiro spero…


Begriffe:

- Leningrad: Leningrad wurde 1703 als Sankt-Pieterburch gegründet und dann Sankt Petersburg getauft. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hieß sie Petrograd, dann bis 1991 Leningrad und jetzt wieder Sankt Petersburg. Zum Zeitpunkt von DSS hieß sie also Leningrad. Sie ist die zweitgrößte Stadt Russlands und eine der Größten in Europa. Da es sehr weit im Norden liegt, ist es die nördlichste Millionenstadt der Welt.

Anmerkung:

In meiner Vorstellung war Karkaroff in seiner Jugend so, wie von mir beschrieben. Vielleicht veränderte ihn sein Leben bei bzw. mit den Todessern? Vielleicht erlebte er etwas? Niemand von uns weiß das…

Weiß jemand, um welches Lied es sich beim ersten Stück handelt?

Shostakowitsch: Das Lied, welches ich im Hinterkopf habe, ist der zweite Walzer aus seiner zweiten Jazzsuite. Das Leitmotiv wurde auch im Film „Eyes Wide Shut" verwendet und ist relativ bekannt. Guckt mal bei youtube unter „shostakovich jazz suite waltz 2" nach.